Breath of the Wild Erweiterungspass



Ein neuer Anfang
Teil 1 - Die größte aller Zeitreisen
Teil 2 - Die Erben der Macht

Autor: Kim


1. Kapitel

Was danach geschah weiß niemand mehr zu berichten. Und auch nicht was damals geschah, damals als die Welt noch jung war und die drei Göttinnen die ersten Menschen erschufen. Die Geschichte der neuen Zeit begann erst mit der Geschichte eines kleinen Jungen, der zum Helden wurde…

Der Frühling war früh gekommen und jetzt, kurz vorm Sommer, erstrahlte das Land in den herrlichsten Farben. Wie lange nicht mehr. Es war warm, doch der Wind, der durch die Landschaft strich, kühlte seine Wangen, ein angenehmes Gefühl.
Die Wiese war voller Blumen. In allen Farben!
Er wusste gar nicht welche er seiner Mutter mitbringen sollte! Die weißen Margareten? Den lila Klee? Die winzigen Gänseblümchen? Oder die kräftigen Tulpen? Was nur? Von allem konnte er nicht nehmen. Sonst konnte er die Zügel nicht richtig halten.
Es war Links elfter Frühling. Und der Beste!


Denn er durfte zum ersten Mal mit seinem Vater und einem kleinen Trupp in die hyrulianische Steppe hinausreiten. Sein Vater war nämlich der oberste Kommandant des Königs von Hyrule! Und mit seinen elf Jahren hatte Link, als sein Sohn, die beste Ausbildung genossen. Er war ein exzellenter Bogenschütze, geschickt im Umgang mit dem Schwert und obendrein ein sehr guter Reiter. Es war ihm bestimmt in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Und sogar noch mehr!
Ja, er – Link – sollte einmal der mächtigste Mann des Landes werden! Das war seine Bestimmung!
Heute hatte ein Kontrolltrupp durch den westlichen Teil angestanden und er hatte seine Eltern wie ein Bettler angewinselt, mitreiten zu dürfen. Zuerst war seine Mutter dagegen gewesen, sie machte sich ständig Sorgen um ihn. Und seinem Vater gefiel es nie durch den westlichen Teil zu reisen. Denn dort lauerten die Gerudo! Schon oft hatten sie reiche Kaufleute aus dem eigenen und aus anderen Ländern überfallen und sie ausgeraubt. Die Gerudos waren ein Volk von Abtrünnigen und Dieben. Niemand konnte sie leiden. Man mied den Westen wo es ging.
Noch vor sechs Mondrundungen war ein Postgang überfallen worden und nun wurde sein Vater geschickt um nach dem Rechten zu sehen, routinemäßig.
Doch schließlich hatte er seinen Vater auf seine Seite gezogen und zusammen hatten sie auch die Mutter überredet.
Die Gerudos waren erstaunlich ruhig, jedenfalls zu dieser Zeit. Es war seit dem Überfall auf die Post nichts mehr passiert. Das machte nicht nur den König stutzig. Die Bevölkerung war nervös und aufgescheucht, weil man den Anfang eines Krieges befürchtete.
Und das konnte Link gut verstehen. Nach allem was er über den neuen König der Gerudos gehört hatte!
Es hieß der neue König hatte schimmernde Augen, wie Honig. Und sein Körper glich dem eines riesigen Monsters. Die Leute erzählten sich, dass dort, wo seine Hände sein sollten, gigantische Krallen wuchsen, an nur vier Fingern! Und das Haar war so rot und ebenso heiß wie Feuer. Die Haut schwarz wie Kohle und überall behaart – sogar auf den Handinnenflächen!
Link durchfuhr jedes Mal ein Schauder, wenn er den Geschichten der Leute lauschte.
Doch jetzt dachte er nicht an die Gerudos. Dafür waren die Blumen einfach zu schön. Link entschied sich für die dunkelblauen Blumen. Nur wenige wuchsen hier und sie hoben sich aus der Menge heraus. Sie waren zwar nicht die Prächtigsten, eher klein und zerknirscht, aber sie hatten etwas.
Darum pflückte er sechs davon. Ehe er sich umwandte und zu seiner Gruppe zurücklief. Sein Vater erwartete ihn bereits. Sie hatten nur eine kleine Pause eingelegt und wollten gerade weiter reiten. Alle Soldaten schienen erleichtert, denn der Kontrollritt war vorbei. Jetzt ging es nach Hause – ganz ohne Komplikationen.
Link ritt in der Mitte. Er wollte zwar an der Spitze reiten, neben seinem Vater, aber er wusste, dass er ihn niemals dazu überreden konnte. In der Mitte war man vor Bogenschützen am besten geschützt.
„Na, mein Sohn? Hat es dir gefallen?“, fragte ihn sein Vater, der kurz zu ihm in die Mitte gekommen war.
„Und ob!“, lachte Link. „Schau was ich für Mutter habe!“ Er zeigte seinem Vater die Blumen.


Sein Vater verzog das Gesicht. „Das sind aber…nicht besonders hübsche Blumen… Hast du keine anderen gefunden?“
Link setzte ein Schmollgesicht auf. „Doch, aber ich finde sie schön!“ Und er steckte die Blüten wieder in den kleinen Lederbeutel, den er unter seiner Kleidung immer mit sich trug.
„Allerdings!“, mischte sich ein junger Mann ein und tätschelte seine Schulter. „Eine sehr gute Wahl, Link! Das sind Mondsamen! Sie sind zwar nicht die schönsten, aber sie duften herrlich – und dem Tee aus ihnen sagt man heilende Wirkung gegen das Fieber nach!“
Triumphal grinste er seinen Vater an. Der lachte.
„Schade ist nur“, erwiderte Link. „Dass es so langweilig war. Es ist überhaupt nichts passiert!“
Der Vater legte ihm kopfschüttelnd, aber mit einem Lächeln, den Finger auf die Lippen. „Zu langweilig? Willst du lieber dein Leben lassen, nur um einen aufregenden Kampf zu haben? Du bist noch jung und naiv, Link. Wenn du älter bist, wirst auch du ein langweiliges Leben dem Krieg vorziehen.“
Die Männer lachten laut auf, dass es von den Felsen, durch die sie hindurchritten, widerhallte, noch lauter.
„Ich hab ja nicht vom Krieg gesprochen!“, verteidigte er sich brummend.
Sein Vater fuhr ihm liebevoll mit der Hand durch die hellen Haare. „Natürlich nicht. Aber du…“
Plötzlich hielt er inne –
Von einem Felsen rieselte feiner Staub hernieder. Winzige Kiesel klapperten auf dem Stein. Der Trupp verstummte sofort.


Mit gerunzelter Stirn suchte Link eine Lücke um freien Blick zu haben und fuhr mit den Augen den Felsen nach oben. Wie es auch sein Vater und die Soldaten taten.
Dort oben, weit oben. Im Licht der frühen Sonne, die noch weit im Osten stand. Dort hob sich der gewaltige Schatten empor.
Dort oben stand der Reiter. Die Zügel seines Rappen fest in den ruhigen Händen. Die Rüstung pechschwarz. Auf der Stirn leuchtete ein goldenes Diadem. Mit honiggleichen Augen starrte der Reiter auf sie herunter.
Schlagartig wurde Link die Torheit seiner eigenen Worte bewusst. Er hatte keinen Kampf gewollt, warum also hatte er es verschrieen? Sein Herz schlug schneller und schneller. Kalter Schweiß rann an seinen Schläfen hinab. Kälte und Hitze durchfuhren gleichzeitig seinen Körper.
In diesem Moment blitzte Metall in der Sonne. Die Spitze des Schwertes richtete sich auf sie herab.
„Angriff!“, schrie eine Stimme. So tief wie ein Brunnen.
Der schwarze Reiter setzte sich in Bewegung und hinter ihm traten andere aus seinem Schatten. Viele! Es waren unzählbar viele!
Doch Link nahm sie gar nicht wahr. Sein Blick richtete sich auf den Anführer. Er wusste wer es war – der junge König der Gerudos!
Die Angst schoss durch seine Glieder.
„Bildet einen Kreis! Schnell!“, befahl sein Vater. „Nehmt Link in die Mitte! Und bereitet euch auf den Kampf vor!“
Sowohl sein Vater als auch die Soldaten wussten wie aussichtslos ihre Chancen standen. Sogar Link wusste es!


Trotzdem zogen sie ihre Schwerter und nahmen ihre Stellungen ein…
Sofort waren sie umzingelt. Ihre Feinde waren Männer, ebenso wie Frauen. Sie alle hatten feuerrote Haare. Und die Leidenschaft für den Kampf war ebenso feurig.
Der König der Gerudos bahnte sich seinen Weg durch seine Krieger, schritt gelassen und mit dem arrogantesten Grinsen auf sie zu, das Link je gesehen hatte.
Dennoch war Link erstaunt. Denn der Gerudokönig war ganz und gar nicht, wie sich die Leute erzählten.
Vor ihnen stand kein Monster, sondern ein kräftiger junger Mann. Die Krallen sahen eher wie große Hände an starken Armen aus, der durchtrainierte Körper eingehüllt in eine schwarze schimmernde Rüstung, die jedes Gegenüber einschüchterte. Die Haut war von der Sonne braungebrannt. Nur auf der Nase blinzelten winzige helle Sommersprossen. Die Nase höhnisch nach oben gerichtet und die honiggleichen Augen durchdringend. Das Diadem glänzte auf der Stirn wie ein drittes Auge.
Um den Hals baumelte an einer Kette ein Edelsteinstein – ein blutroter Stein.
„Seht euch das an, meine Krieger!“, spottete der junge Mann. „Was uns da Feines ins Netz gegangen ist!“
Die Meute lachte und streckte ihre Schwerter und Speere den Soldaten entgegen. Link sah, wie das Gesicht seines Vaters bleich wurde.
„Aber, aber! Was ist das denn für ein Benehmen!“ Der Mann hielt drohend den Finger hoch. „Wir sind doch keine Barbaren! Bieten wir unseren Gästen einen angemessenen Empfang!“ Theatralisch übertrieben beugte sich der Mann im Sattel vor. „Darf ich mich vorstellen – ich bin Ganon, der König der Gerudo! Des Wüstenvolkes, des mächtigsten Volkes dieser Erde!“
„Pah, dass ich nicht lache!“, rief der Kommandant ihm entgegen. Link blickte seinen Vater erschrocken an. Wie konnte sein Vater nur den Feind provozieren? Das konnte sie alle den Kopf kosten! Aber das tat es sowieso…


„Gemeine Diebe seit ihr! Das primitivste Volk der Erde solltet ihr euch nennen! Und das Schwächste! Ihr lasst eure Frauen für euch kämpfen – wie tief wollt Ihr selbst noch sinken, törichter König?“
Ganon stieg die Röte ins Gesicht. Sein Kopf lief an, als fließe die Lava des Zorns aus ihm heraus. „Wer hat das gesagt?“, brüllte er. „Zeig dich, Feigling! Damit ich dir den Kopf von den Schultern schlagen kann!“
Link beobachtete wie sein Vater seine Leute aufforderte Platz zu machen. Sie zögerten, da sie ihren Befehlshaber nicht der Gefahr aussetzen wollten, doch es war sowieso sinnlos. Langsam gaben sie den Blick frei.
„Bleib immer verborgen in der Mitte, mein Sohn.“, nuschelte ihm sein Vater ins Ohr. Ehe er hervortrat und sich Ganon entgegenstellte.
Ganon kniff die Augen zusammen und musterte den Mann. Der Helm zeichnete den hohen Stand zum General des hyrulianischen Königshauses.
„Ah! Der Kommandant des Heeres von Hyrule höchstpersönlich! Was für eine Ehre! Ich sollte mich geschmeichelt fühlen Euch töten zu dürfen.“
Erneut lachten die Gerudo. Die Frauen schrill, die Männer mit einem Brummen.
„Tötet mich, aber lasst meine Männer gehen!“, sagte sein Vater mit ruhiger Stimme.


Ganon lachte auf. „Wie? In Eurer Lage wagt Ihr es noch mir Forderungen zu stellen?“
„Ich bin für die Sicherheit meiner Leute verantwortlich! Ich bitte Euch – zeigt die Gnade eines Königs!“
Ganon kratzte sich überlegt am Kinn. „Hm…was bekomme ich dafür? Ich tue niemals etwas kostenlos! Das solltet Ihr wissen!“
Der Kommandant verzog das Gesicht und blieb stumm.
„Na? Habt Ihr nichts? Tja, dann lasst mir wenigstens die Freude mich an euren Leichnamen zu laben.“, höhnte Ganon.
Das Lachen war so laut und wurde von den Felsen zurückgeworfen, dass man glauben könnte es wären Tausende von Kriegern, die sich amüsierten.
Ganon hob das Schwert und wollte zum Schlag ausholen –
„NEIN! Wartet! Kämpft gegen mich!“, schrie die helle Stimme eines Knaben.
Link riss sein Pferd herum und stellte sich neben seinen Vater. Wenn noch Farbe im Gesicht des Generals gewesen war, dann war sie jetzt endgültig gewichen.
Link zog das Schwert aus der Scheide, die auf seinen Rücken gebunden war. Es war um etliches kürzer und hatte eine kleinere Schneidefläche. Ein Erwachsenenschwert wäre zu schwer für ihn. „Wenn Ihr unbedingt jemanden zur Strecke bringen müsst, dann fangt mit dem Kleinsten an!“, schrie Link dem schwarzen Reiter entgegen.
Überrascht zog Ganon eine Augenbraue nach oben. „Was macht das Kind hier?“
„Na los doch! Ihr seid doch so versessen darauf!“ Link war in Rage.
Die Soldaten rückten näher zusammen. Sie befürchteten, dass Ganon der Aufforderung nachkommen würde. Sie waren in Panik. Ebenso wie sein Vater, der sich in Gedanken vorwarf, Link mitgenommen zu haben…


„Wartet, mein König!“, ergriff einer der Gerudokrieger das Wort.
Ganon wandte sich ihm zu und bedeutete ihm mit einem Wink neben ihn zu treten. Der Krieger gehorchte und grinste Link an. Durch Link fuhr ein eisiger Schauder. Der plötzliche Mut war ebenso plötzlich wieder verschwunden.
„Mein König!“, wiederholte der Krieger. „Wenn Ihr mir erlaubt zu sprechen…“
„Sprich!“
„Ihr wisst wie gerne ich Gerüchte aufschnappe um sie für Euch bereit zu halten!“
„Natürlich Murrey! Du bist mein bester Spitzel.“, lachte Ganon.
Der Mann verbeugte sich und grinste Link flüchtig zu. „Lasst mich Euch sagen, wer der Knabe ist…“
„Das tut nichts zur Sache!“, mischte sich der Mann ein, der Link auf die Blumen hingewiesen hatte.
Ganon gab, verärgert über die Störung, ein Zeichen. Gleich darauf stürzten sich zwei Frauen auf ihn und stachen ihn mit ihren Speeren vom Pferd, nieder auf den Boden. Seine Kameraden wollten ihm helfen, doch die Gerudo waren einfach zu viele. Sie konnten nichts für ihn tun.
Wenigstens röchelte er noch. Aus seinen Wunden floss Blut, aber noch war er nicht tot.
„Also, fahre fort, Murrey!“, forderte Ganon.
Wieder verbeugte sich der Mann. „Dieser Junge ist der Sohn des Mannes, der vor Euch steht und es gewagt hat Euch zu beleidigen. Der Sohn des obersten Feldherren von Hyrule!“
„Ach, tatsächlich!“, stieß Ganon erstaunt hervor und musterte den Jungen. „Nun, da du es sagst – die Ähnlichkeit ist kaum zu übersehen.“
„Aber das ist noch nicht alles!“, sagte Murrey, mit Stolz in der Stimme. „Ich habe gehört, dass der Knabe mit der jungen Prinzessin verheiratet werden soll! Die Mutter des Jungen ist eine Kusine des Königs von Holodrum. Um die Verbindung zwischen beiden Ländern zu stärken sind die beiden einander versprochen!“
Ganon konnte sein Entzücken nicht zurückhalten. Er klatschte begeistert in die Hände. „Wirklich? Das muss heute ja mein Glückstag sein! Ein so wertvolles Goldstück habe ich heute gefangen!“
Verwirrt und ängstlich sah Link zu seinem Vater auf. Doch sein Vater erwiderte seinen Blick nicht. Er schien angestrengt nachzudenken.
„Nun hört gut zu!“, wandte sich Ganon wieder an den Kommandanten. „Ich schenke Euch und Euren Männern das Leben, im Gegenzug überlasst Ihr mir Euren Sohn!“
Link riss entsetzt die Augen auf. Was? Das war doch… Was?


„Das könnt Ihr nicht von mir verlangen!“, sagte der General. „Von keinem Vater könnt Ihr das verlangen!“
„Kann ich nicht?“, schmunzelte Ganon belustigt. Einer Geste seinerseits folgend traten drei seiner Krieger aus der Gruppe hervor, auf Link zu. Link wurde kreidebleich.
Doch sein Vater hob das Schwert, ebenso wie seine Soldaten.
Ganon fand die Szenerie äußerst amüsant. „Ihr wollt nicht? Überlegt es Euch gut! Entweder Ihr gebt mir Euren Jungen und alle bleiben am Leben. Oder Ihr fangt einen Kampf an. Dann sterben sowohl Eure Männer als auch Euer Sohn!“
Die Stirn seines Vaters bildete immer mehr Falten. Panik machte sich in ihm und auch in der Gruppe breit.
Es dauerte viele Atemzüge, bis schließlich sein Vater das Schwert sinken ließ. „Wehe Ihr tut ihm ein Leid an!“, zischte der Kommandant.
„Keine Sorge. Der Junge wird es gut bei mir haben!“, lachte Ganon. „Zumindest solange Ihr jetzt schnell nach Hause geht und brav auf meine Forderungen wartet!“
Angsterfüllt schaute Link von seinem Vater zu dem schwarzen Reiter und wieder zu seinem Vater. Die drei Männer traten an sein Pferd. Seine Gruppe stand nur da und ließ es geschehen. Doch in ihren Gesichtern spiegelte sich Sorge und ohnmächtige Wut, darüber, dass sie nichts dagegen tun konnten.
„Vater!“, quiekte er voller Furcht und streckte die Hand nach ihm aus.
Sein Vater legte ihm die Hand auf den Kopf. „Du musst jetzt ganz stark sein, Link. Ich schwöre dir, ich komme und befreie dich! Bis dahin tu alles was von dir verlangt wird, hörst du?“
Seine Angst wuchs zu einem unerträglichen Geschwür, dass er es nicht aushielt. „Nein, Vater! Bitte! Nimm mich mit nach Hause! Bitte!“
Sein Vater strich ihm über die Wange. „Link, du…“
Doch in diesem Augenblick packte ihn jemand und riss ihn vom Pferd herunter. Noch während Link fiel schrie er, dass er glaubte seine Stimmbänder würden reißen. Sein entsetzter Vater holte mit dem Schwert aus, doch Ganon reagierte schneller. Mit einem Wurfstein traf er die Hand des Generals und das Schwert fiel zu Boden. Das Gesicht des Kommandanten verzog sich vor Schmerz, seine Hand war verstaucht.
Link schrie und schrie weiter und schlug um sich. Die Hände der drei Männer entrissen ihm sein Kurzschwert und die Scheide vom Rücken. Sie durchsuchten ihn weiter und fanden seinen Dolch an der Hüfte und sein Messer im linken Schuh.
Dann zog einer der Männer ein Seil hervor und band ihm die Hände vor dem Körper aneinander. Gemeinsam zerrten sie ihn auf die Beine und schuppsten ihn zu ihrem Herrscher hinüber, der schon mit herablassendem Blick und ausgestrecktem Arm wartete.
Einer der Männer überreichte Ganon das andere Strickende und er band es an seinem Sattel fest. Da begriff Link, was sie mit ihm vorhatten.
„Was tut Ihr da?“, gellte sein Vater vor Zorn und Entrüstung.


Ganon winkte hämisch ab. „Nach all dem Reiten wird der kleine Spaziergang Eurem Sohn nur gut tun.“
„Ihr entwürdigt meinen Sohn und meine ganze Familie!“
Ganons Augen glitzerten vor Vergnügen. „Ihr seid schon entwürdigt. Also, was macht das schon? Ihr solltet Euch lieber um Den dort Gedanken machen statt um Euren verwöhnten Bengel!“ Dabei nickte Ganon zu dem verwundeten Soldaten hinüber, der sich am Boden krümmte und vor Qualen winselte. „Nun, wenn Ihr erlaubt. Ich ziehe mich jetzt in mein Reich zurück. Guten Tag!“
Ganon gab seinem Rappen die Sporen und gleich darauf setzte sich das Pferd in Bewegung. Link spürte den heftigen Ruck. Das Tau schnitt in seine Haut. Er konnte nicht anders, er lief hinter dem Pferd her.
Ganon ritt mit spöttischer Genugtuung an dem Kommandanten vorbei. Genau durch die Gruppe von Soldaten hindurch. Link sah zu seinem Vater auf. Tränen standen seinem Vater in den Augen. Im Vorübergehen klammerte er sich an das Bein seines Vaters. „Vater…“, wimmerte er. „Lass mich nicht allein!“
Der nächste Ruck riss Link von den Füßen.


Ganon zog so kräftig an dem Seil, dass der Junge über den Boden schlitterte. „Komm schon, kleiner Wurm! Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!“
Während Link sich aufrappelte ließ er seinen Vater nicht aus den Augen. Doch sein Vater sah verloren nach vorne, brachte es nicht über sich ihn anzusehen…
Langsam wurde seine Gruppe zu winzigen Punkten in der Landschaft.
Der Weg war beschwerlich und anstrengend. Immer wieder stolperte er über Steinbrocken und herausragende Wurzeln von vertrockneten Sträuchern. Dieser Ort hatte rein gar nichts mehr von der Frische und Herrlichkeit der Steppe. Hier fing der Vorort der Geisterwüste an. Das Reich der Gerudo.
Die Tränen flossen nur so an seinen Wangen herunter und trockneten gleich wieder. Seine Beine taten ihm weh. Er war so viel gelaufen! Müdigkeit von der Anstrengung machte sich in ihm breit. Er wollte nach Hause! Seiner Mutter in den Schoß springen und sich liebkosen lassen – vielleicht sah er sie nie wieder! Vielleicht starb er bald!
Er verdrängte diese Gedanken! Mehr Furcht war das Letzte was er brauchte.
„Ho!“, machten die Gerudokrieger und zügelten ihre Pferde.
Da erst merkte Link, dass sie vor einer Brücke aus Holzbrettern standen, die über einen gewaltigen Abgrund führte.
Ein breiter, monströser, tödlicher Abgrund, der alles und jeden verschlang.
Der Rappe, an den er gebunden war, trabte langsam auf die Brücke zu. Link wollte nicht, aber er wurde mitgerissen. Seine Augen klebten am Abgrund fest. Es war schrecklich! Unten – ganz tief unten – lief ein reißender Fluss entlang. Der Lärm des Wassers drang zu ihnen herauf. Link schluckte.
Vorsichtig setzte das Pferd die Hufen auf die Brücke und trabte bedacht weiter.


Oh, bei den drei Göttinnen! Bitte lasst mich das überstehen!, flehte Link zu sich. Mit zittrigen Schritten folgte er dem Rappen.
Es war so tief! Er konnte kaum den Fluss erkennen, er hörte ihn mehr.
Ganz langsam arbeitete er sich dem Pferd hinterher. Ihm war schwindelig und übel. Er hatte das Bedürfnis sich zu übergeben.
Fast hatten sie es geschafft! Die Hälfte hatten sie hinter sich –
Doch plötzlich vibrierte das Holz unter seinen Füßen. In Panik schrie er auf und warf sich auf den Boden. Seine Hände waren gefesselt! Er konnte sich nicht festhalten!
Die Gerudo brachen in schallendes Gelächter aus.
Zwei der Männer hatten vom anderen Ende aus die Brücke absichtlich zum Wanken gebracht um ihm Angst zu machen. Weder Ganon noch sein Pferd hatten sich erschrocken, sie waren das Schwanken gewohnt. Schließlich mussten alle Gerudo die Brücke überqueren, um von ihrer Festung ins Landinnere und zurück zu gelangen.
Ebenfalls belustigt drehte er sich im Sattel um und blickte zu dem Jungen hinunter, der die Arme vor den Kopf geschlagen hatte. „Steh auf, Feigling!“
„Nein!“, weinte Link. „Ich will nicht mehr! Ich stehe nicht auf!“


Ganon grinste seinen Männern zu. „Wackelt weiter, bis er runterfällt. Mal sehen wie schön er baumeln kann.“
„NEIN, NEIN!“, schrie Link auf und sprang auf die Beine. Er packte den Schweif des Rappen, hängte sich förmlich daran. Das Pferd störte es nicht, es setzte sich erneut in Bewegung.
„Na also“, lachte Ganon. „Geht doch!“
Link fing an zu schluchzen. Seine Augen waren rot vom Weinen. Seine Beine waren so schwach wie nie.
Endlich kamen sie in der Festung an. Die Festung war ein gigantisches Gebilde aus trockenem Stein. In einen Wüstenkoloß gehauen. Kleine und große Vierecke bildeten Eingänge und Fenster. Ein hölzerner Anbau ergänzte die Pracht der Festung.
Kinder, Jungen und Mädchen, tollten vor der Festung über den sandigen Boden. Stritten, kämpften, fingen sich. Dazwischen hielten Frauen mit langen, breiten Speeren Wache. Sie alle trugen leichte und luftige Stoffkleidung. Meistens Weiße. Manche Frauen hatten einen Schleier vor dem Mund.
Eine große Menge Menschen, alle braungebrannt von der Sonne und mit feuerroten Haaren. Jetzt kam sich Link noch kleiner und schwächer vor als sowieso schon. Er war in der Höhle des Löwen – als Maus.


Als sie die Horde Krieger kommen sahen, kreischten die Kinder auf und liefen ihnen entgegen. Mit leuchtenden Augen liefen sie ihren Müttern, Vätern und Geschwistern entgegen.
Was Link auf den ersten Blick sah war, dass es deutlich mehr Frauen als Männer gab. Es war merkwürdig, viele Mädchen und Frauen unter den Männern, mit Waffen ausgestattet und durchtrainierten Körpern. Die Frauen waren genauso Krieger, ganz anders als bei ihm in Hyrule.
Einer der Jungen stieß ihn an und beglotzte ihn mit so blödem Ausdruck, dass er ihm ins Gesicht geschlagen hätte, wenn er nicht verhindert wäre.
„Wer ist der denn?“, fragte der Junge.
„Nicht wer, sondern was ist das?“, verbesserte ihn ein Mädchen und sah Link überaus misstrauisch an.
Einer der Krieger daneben beugte sich zu ihnen hinunter und flüsterte übertrieben geheimnisvoll: „Schaut ihn euch gut an! Er ist ein einzigartiges Exemplar der Gattung Hyrulianer.“
Die Kinder schielten fragend zu dem Mann herauf. Die Krieger und Kriegerinnen, die zugehört hatten, fingen an zu lachen.
Das Gesicht lief ihm rot an, so wütend und beschämt war Link. In seinem Kopf spukten die schlimmsten Flüche und Verwünschungen.
Während Ganon vom Sattel stieg gesellte sich eine Frau, die am Tor zur Wüste Wache gestanden hatte, zu ihnen und zischte die Kinder an. „Ihr versperrt den Weg! Verschwindet!“ Sofort teilte sich die Menge an Kindern und rannte aufgescheucht davon.
„Bei den Göttinnen, ich wundere mich immer noch warum ich regiere und nicht du, Dana.“, lachte Ganon. „Du bist ja furchteinflössender als ich!“ Wieder brach eine Lachsalve aus.
Sie beachtete ihn gar nicht, ihr Blick blieb auf Link hängen. „Was macht der Grünschnabel hier?“
„Wie geht es meiner Frau?“, überging Ganon ihre Frage. „Ist es schon so weit?“
„Ich weiß es nicht. Sará schickt jemanden.“


Ganon beugte sich runter und zog einen schmalen Dolch aus dem Stiefel. „Ich habe das Warten satt! Neun Mondwanderungen sind mehr als genug!“ Mit der anderen Hand packte er Link hart am Oberarm und zog ihn zu sich heran. „Ich hasse es, wenn…“ Link schlug auf den Arm ein um ihn von sich zu lösen. Sofort war die Klinge vor seiner Nase und Ganon knurrte ärgerlich: „Vorsicht! Wir wollen doch nicht, dass mir die Hand ausrutscht.“
Wenn einem seine Mutter ermahnte etwas zu tun, dann tat man es.
Wenn einem sein Vater befahl etwas zu tun, dann tat man es.
Aber wenn einem ein Messer vors Gesicht gehalten wurde, konnte man nicht anders als wie gelähmt dazustehen.
„Ich gehöre nicht gerade zu den geduldigsten Menschen!“, sagte Ganon zu der Frau und schnitt die Fesseln um die Handgelenke Links durch.
Dana stemmte die Arme in die Hüften. „Der Natur ist dein Jähzorn absolut gleichgültig. Und darüber können wir alle froh sein.“
„Warum? Weil es dann in der Wüste ständig gewittern würde oder was?“, schmunzelte er zurück.
Ein Mädchen rannte aus dem Haupteingang auf sie zu. Es hatte eine Holzplatte an sich gepresst. „Oh, mein König!“, sagte sie und verbeugte sich. „Das Mahl ist bereits aufgetafelt.“ Noch einmal verbeugte sie sich und raste den Weg zurück.


„Etwas zu Essen könnten wir gut vertragen!“, sagte Ganon und winkte seinen Männern zu. „Die Kinder sollen die Pferde zu den Ställen bringen und verpflegen.“
„Herr, was wird aus dem Jungen? Soll ich ihn ins Gefängnis im Holzbau werfen?“, fragte Murrey scheinheilig.
Link mochte den Mann nicht. Mehr noch! Er hasste seine schleimige Art!
Der schwarze Krieger tat, als bemerke er Link zum ersten Mal. Dann aber sagte er mit hinterhältigem Unterton: „Nein. Wenn er schon hier ist, soll er sich gleich nützlich machen. Nehmt ihn mit in den Speisesaal!“
Die Krieger sattelten ab.
Ein Mann griff ihm an den Kragen und schleifte ihn hinter sich her. Die Meisten blieben zurück, nur wenige folgten Ganon und Dana ins Innere der Festung.
Die Wände waren ebenso sandfarben wie draußen, doch der kalte Stein verlieh den Wohnräumen angenehme Frische, ein Kontrast zur Hitze der prallenden Sonne.
Der Schwindel wurde stärker und wälzte sich in seinen Magen vor. Link hatte das Gefühl gleich umzukippen.
Totenköpfe von Pferden und anderen Tieren hingen an den Wänden, geschmückt mit bunten Federn. Ketten mit Eisenringen bohrten sich ins Gestein. Kisten stapelten sich in den Ecken. Viele Gänge und Zimmer waren fensterlos und nur eine Fackel spendete düsteres Licht. Es war ein schrecklicher und unheimlicher Ort!


„Ich hoffe es gefällt dir, Würmchen.“, feixte Ganon. „Leider können wir dir hier nicht den Luxus bieten, den du gewohnt bist.“
Link drehte hochnäsig den Kopf. Über solchen Provokationen stand er drüber. Nach etlichen Schritten durchschien Sonnenlicht das Ende des Korridors. Sie waren im Speisesaal angekommen. Durch ein riesiges Fenster stießen die Sonnenstrahlen herein und durchfluteten den dunkelsten Fleck.
In der Mitte erstreckte sich ein langer Holztisch, auf dem sich Speisen zu Massen darboten. Schalen mit Obst stritten mit Tellern voller gefüllter Eier und Brotscheiben um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Tonkrüge, in denen Wein schwappte, umgeben mit Schalen voll Nüssen und Gewürzen.
Der Mann, der ihn festhielt, schleuderte ihn gegen die Wand, wo er, an sie gelehnt, benommen stehen blieb.
Die Männer und Frauen nahmen Platz.
Natürlich setzte sich der schwarze Reiter als Oberhaupt ans Tischende, die Frau, die Dana genannt wurde, zu seiner Rechten. Der Linke Platz blieb leer.
Und dann durfte Link zusehen wie sie redeten, grölten und sich den Bauch voll schlugen. Und wie der Wein in ihre Hälse floss. Nicht einen Schluck bekam er ab, obwohl er es gewesen war, der den gesamten Weg zu Fuß hinter sich gebracht hatte.
Seine Kehle war völlig trocken, das Wasser lief ihm im Mund zusammen beim Anblick der Speisen, die in den Mägen dieser arroganten Leute verschwanden.
Link beobachtete wie der schwarze Reiter den Stuhl etwas vom Tisch weg schob um seine Füße darauf abzustellen, ohne das Gespräch mit der Frau zu unterbrechen.
Doch er schien Links Blick auf sich gespürt zu haben, denn er hielt abrupt inne und wandte sich zu ihm um. Link sah schnell weg, um den schwarzen Reiter nicht noch auf die Idee zu bringen, auf ihn aufmerksam zu werden.


Doch es war bereits zu spät.
„Du da!“, sprach Ganon. „Wie heißt du?“
Link blieb stumm.
„Antworte lieber, sonst muss ich dich zum Reden zwingen!“
Link sah dem schwarzen Reiter in die Augen. Vergnügt erwiderte Ganon den Blick.
Link baute sich in voller Größe, soviel er eben hatte, auf. „Mein Name ist Link von Hyrule!“, prahlte er stolz. Auch wenn er nun ein Gefangener war – seine Würde konnte ihm auch ein König nicht nehmen! Immerhin war er in wenigen Jahren selbst König! Ein noch viel mächtigerer König als der schwarze Reiter!
„Link?“, brach Ganon in Gelächter aus. „Link – etwa von links und rechts? *Irgendjemand muss sich ja mal über den Namen lustig machen ^^* Was für ein bescheuerter Name. Kleiner, du bist mit deiner Familie wirklich nicht gesegnet, mein Beileid!“
Das machte Link unglaublich wütend. Er schrie förmlich: „Na und? Euer Name ist noch viel bescheuerter! Weil er genauso bösartig und hässlich ist wie Ihr!“
Die Gerudo starrten ihn entgeistert an. Dann schielten sie zu ihrem König hinüber, neugierig auf dessen Reaktion.
Doch Ganon wurde nicht wütend, im Gegenteil. Mit einem breiten Grinsen hob er den Finger und bedeutete Link mit einer Geste zu ihm zu kommen.
Link zögerte. Wie würde sich sein Vater jetzt verhalten? Ob er sich weigern sollte? Aber das wäre dumm und töricht. Er durfte sein Leben nicht auf so eine Weise aufs Spiel setzen. Er musste sich fügen und warten bis sein Vater mit seinem Heer kam und die Festung angriff. Dann konnte er immer noch sein Schwert zücken und…
Da fiel ihm ein, dass er zu allem Überfluss auch noch unbewaffnet war.


Vorsichtig wie eine Maus, die Gefahr witterte, trat er zu dem Stuhl am Ende des Tisches heran.
Ganon musterte ihn von oben bis unten. Und Link konnte schwören, dass das Grinsen noch breiter wurde.
„Schenk mir Wein ein!“, befahl Ganon ihm und nickte in Richtung des Tisches.
Links Kinnlade klappte nach unten. Er hatte sich wohl verhört! Ganz sicher! Er musste sich verhört haben. Er war der Sohn des Kommandanten von Hyrule und einer Prinzessin von Holodrum! So etwas Niedriges tat er niemals! Er spielte doch nicht den Diener nur damit sich jedermann über ihn lustig machen konnte!
„Mach schon! Mein Mund trocknet aus, bis du dich bewegst!“
Andererseits hatte sein Vater ihn ermahnt nicht den Helden zu spielen…
Darum griff er nach der Tonkanne. Sein Herz schlug gegen seine Rippen und in seinem Kopf brodelte es. Er bebte vor innerem Zorn und versuchte ihn dennoch zu unterdrücken. Mit verzerrtem Ausdruck schüttete er die rote Flüssigkeit in den Becher und stellte die Kanne wieder ab. Nach vollendeter Tat blieb er reglos stehen.
Ganon sah von ihm zum Becher und wieder zu ihm. Die Nasenflügel bebten ihm vor Vergnügen über den Zorn des Jungen, den er fast riechen konnte. Er stützte den Ellbogen auf die Armlehne und hielt die Hand flach dem Knaben hingestreckt. „Du musst mir den Becher schon in die Hand geben! So komme ich nicht ran.“
Link knirschte mit den Zähnen und griff schnaufend nach dem Becher. Vorsichtig übergab er ihn dem schwarzen Reiter.
Ganon schloss seine Finger um den Ton und sah in den Becher. Seine Stirn kräuselte sich skeptisch. „Nein, das ist nicht gut! Der Becher ist zu voll, da kann leicht etwas verschüttet werden!“ Und noch während er sprach hob er den Becher über den Kopf des Jungen und schüttete den Wein drüber.
„Siehst du!“, lachte er. „Schon ist es passiert!“


Rote Weinadern flossen durch Links Haare und an seinem Gesicht hinunter. In Tropfen perlten sie an seinen Haarspitzen und am Kinn herab.
Die Gerudos lachten. Nur Dana schüttelte den Kopf und sah ihn mitleidig an.
Das war der Tropf, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte! Vergessen war die Mahnung des Vaters. Link war rasend vor Wut! Sie brach aus ihm heraus und ließ den Schacht seiner Gedanken und Mahnungen einstürzen und zuschütten.
Mit bloßen Händen stürzte er sich auf den schwarzen Reiter. Zornestränen traten ihm in die Augen.
So viel Mut hatte Ganon dem Kleinen nicht zugetraut, darum kam der Angriff völlig überraschend. Dennoch war er schneller!
Mit einer blitzartigen Bewegung packte Ganon die Arme, die auf ihn zustürzten und riss sie herum. Link fiel schreiend auf den Boden, ebenso wie der Becher, der am Boden neben ihm zerschellte. Er wollte sofort wieder auf die Beine springen, doch zwei schwere Stiefel stellten sich auf seinen Körper. Einer auf den Rücken, der andere drückte sein Gesicht auf den Stein.
„Was fällt dir ein, Wurm!“, zischte Ganon ihn an. „Ich habe deinem Vater nicht versprochen, dich nicht für deine Unverschämtheiten zu strafen!“
Link versuchte seine Arme zu Hilfe zu nehmen um mehr Kraft zum Aufstützen zu haben, doch der Fuß drückte ihn gnadenlos nach unten.
„Nun es sieht so aus, als wäre der kleine Adelige als Mundschank nicht sonderlich begabt!“, lachte nun auch Murrey.
„Unsinn! Zu irgendwas müssen verhätschelte Bengel doch zu gebrauchen sein!“, setzte ein anderer nach.
Ganon lehnte sich im Stuhl zurück. „Nun ich muss zugeben, dass er sich als Fußhocker gar nicht mal so ungeschickt anstellt…“ Erneut erklang schallendes Gelächter.
Sie wollten sich noch mehr über ihren unfreiwilligen Besucher amüsieren –
Doch in diesem Moment stürzte ein Mädchen in den Raum.


„Herr! Herr!“, kreischte sie aufgeregt und ihr Blick irrte wild umher. Ihr Gesicht war rot und sie hechelte nach Atem. Schweiß klebte ihre Haare am Kopf fest. „Herr! Herr!“
„Was ist denn Ashanti? Beruhige dich!“, sagte Ganon.
Das Mädchen nahm die Kapuze ihres weißen Gewandes ab und rannte zu ihm. „Herr! Herr!“, quiekte sie. „He…“
„Ashanti! Sag mir einfach, was du zu sagen hast!“
Sie hielt inne und atmete ein paar Mal tief durch.
„Gut!“, beschwichtigte Ganon. „Also?“
„Naboru... Die Wehen haben eingesetzt! Das Kind kommt!“, kreischte sie.
Ganon wollte sofort auf die Beine springen. Doch als Link das gesamte Gewicht des Mannes spürte lechzte er vor Schmerz.
Gleich entzog Ganon seinen Beinen das Gewicht wieder und stellte die Füße auf den Steinboden ab.
„Was sagst du da?“, fragte Ganon. „Mein Kind ist auf dem Weg in diese Welt?“
Ashanti nickte heftig und kreischte hysterisch auf. „Sará hat mich sofort zu Euch geschickt!“
„Sattelt die Pferde!“, wies Ganon an. „Wir brechen unverzüglich auf!“


„Was ist mit dem Hyrulianerjungen?“, fragte Dana, ohne überhaupt aufgestanden zu sein. „Lässt du ihn in einen der Kerker sperren?“
Da erst bemerkte ihn das Mädchen und kreischte noch lauter, diesmal vor Schreck.
Link rappelte sich mühsam unter dem Tisch hervor. Sein Rücken quälte ihn mit Versteifung und Schmerzen.
„Wir nehmen ihn mit!“, entschied Ganon. „Ich traue seinem Vater nicht. Meinen Verstand wette ich darauf, dass der bereits mit dem König ein Heer zusammenstellt um uns anzugreifen. In der Wüste wird er den kleinen Wurm niemals finden! Kein Ort eignet sich besser als Kerker als der Geistertempel!“
Link schluckte… Wüste? Geistertempel?

 

Das Wasser wurde herumgereicht. Bald waren sie am Tempel. Dennoch genossen alle die Pause. Sie waren in der grellsten Mittagssonne aufgebrochen.
Normalerweise würde Ganon seine Männer nicht dieser Hitze aussetzen, auch wenn die Gerudos Sand und Sonne gewohnt waren. Eigentlich ritten sie nur abends, nachts und in den frühen Morgenstunden durch die Wüste, doch bei so einem wichtigen Ereignis verzichtete er gern auf Gewohnheiten.
Also hatten sie in Windeseile ihre Rüstungen abgelegt und sie gegen ihre weißen Stoffgewänder eingetauscht. Die weißen Kapuzen und Turbane aufgesetzt und die Flechthüte. Sie hatten sich die Wasser- und Salzbeutel umgebunden und Nahrung eingepackt.


Hoffentlich kam er nicht so spät, um zu erfahren, dass sein Kind schon geboren war. Er wollte vor der Gebärung im Tempel sein um seiner Frau beizustehen.
Seine Männer neckten ihn auch mit spröden Scherzen über ihn und den zukünftigen Thronerben.
„Stellt Euch vor es wird ein Junge!“, sagte einer und stieß ihn an. „Dann könntet Ihr eine Hochzeit mit der kleinen Prinzessin erzwingen und schlaft im selben Bett wie der hyrulianische König. Das wäre ein Anblick!“
„Nur wenn die kleine Prinzessin es vorher in ihren Träumen sieht.“, erwiderte Ganon.
Sie lachten.
Von der Prinzessin Zelda hieß es, sie habe magische Fähigkeiten. So konnte sie durch ihre Träume in die Zukunft sehen. Was für ein Unfug!
Zum Glück erzählten es sich die Leute ohne es wirklich zu glauben. Magie gab es nicht! Das waren Hirngespinste, die sich Eltern ausdachten um ihren Kindern Angst einzujagen.
Ganon nahm einen großen Schluck aus seinem Wasserbeutel und leckte sich über die Lippen. „Mir wäre ein Mädchen lieber! Dann muss ich nicht mit meinem Kind um die Aufmerksamkeit meiner Frau konkurrieren.“


Erneut brachen sie in Gelächter aus.
„Ach, Herr. Macht Euch darum keine Sorgen.“, flötete Murrey. „Auch wenn Ihr am Tage Eure Gemahlin nicht für Euch habt, nachts wird ihre ungeteilte Aufmerksamkeit nur Euch gehören.“
„Und reich belohnen wird sie Euch auch.“, stimmten einige wie aus einem Munde zu. Sie lachten so laut, dass es durch die ganze Wüste zu dringen schien. Nicht einmal die Schwüle vermag ihre Heiterkeit zu dämpfen.
Plötzlich durchfuhr eine scharfe Stimme das Gelächter: „Jetzt reicht es!“ Dana ohrfeigte einen der jüngeren Männer, der ihr zufällig am nächsten war und baute sich vor den Männern auf. „Wie könnt ihr nur so grausam sein! Ihr sitzt hier und vergnügt euch, während der Junge am Verrecken ist!“ Sie deutete mit dem ausgestreckten Finger auf das weiße Bündel, das sich nicht rührte.
Die Gerudo folgten ihrem Blick.
Bevor sie in die Wüste aufgebrochen waren hatte ihn eine der Frauen mitgenommen und ihm weiße Stoffgewänder in seiner Größe gegeben. Mit seiner ledernen Hose und seinem Brustpanzer wäre er in seinem Schweiß ertrunken.


Link lag reglos im Sand. Der Staub fegte über ihn hinweg und legte sich auf sein Gesicht, rieselte in die Nase und die Ohren. Aber ihm war es egal.
Als die Gerudos für eine Pause angehalten hatten und abgestiegen, wobei er diesen Weg nicht zu Fuß gehen musste, ein Gerudo hatte ihn vor sich aufs Pferd genommen, war er wie ein Sack Kartoffeln in den Sand geplumpst und liegen geblieben. Die Sonne brachte ihn noch um!
Wenigstens hatten sie eines ihrer Pferde vor die Sonne gestellt, damit der Schatten des Tieres auf ihn fiel und etwas Kühle verschaffte. Auch wenn der Sand immer noch so heiß war, dass er auf seiner Haut brannte. Seine Kehle war so trocken. Das Bild vor seinen Augen war verschwommen.
„Also was ist jetzt?“ Dana tippte mit dem Fuß den Sand in die Luft.
Die Männer murrten und zuckten die Achseln.
„Kümmere du dich doch um ihn!“, sagte einer dreist. „Du bist schließlich die Frau hier!“
Dana holte mit dem Arm aus und der Mann duckte sich eilig weg –
„Ich gehe schon!“, unterbrach Ganon und erhob sich.


Schockiert wandten sich alle Blicke auf ihn. Die Münder klappten auf.
„Aber, mein König!“ Murrey sprang auf die Füße. „Das… Lasst mich oder einen anderen diese unwürdige Aufgabe übernehmen.“
„Warum unwürdig, Murrey?“, erwiderte Ganon. „Ich bin der Gastgeber und als dieser muss ich mich doch um das Wohlbefinden unseres Gasts bemühen.“ Er blickte scheinheilig zu Dana. „So siehst du es doch auch, nicht wahr?“
Dana rümpfte die Nase.
Link versuchte den Kopf zu heben, als er die Gestalt vor sich sah, doch er schaffte es nicht. Die Haare klebten ihm am Kopf, von Schweiß und Wein. Sein Gesicht war rot.
Ganon beugte sich zu ihm hinunter und half ihm sich aufzusetzen. Link lehnte sich schwerfällig gegen das Bein, das ihn in den Rücken gestellt wurde.
„Tja, jetzt siehst du in was für Verhältnissen wir leben müssen!“, sagte Ganon und schwenkte seinen Wasserbeutel vor dem Gesicht des Jungen. „Wirst du mir gegenüber noch einmal frech werden?“
Link schüttelte heftig den Kopf. Seine Augen hafteten gierig auf dem Beutel.
Dann überreichte Ganon ihm den Beutel, Link griff sofort danach und sog und trank heftig. Er verschluckte sich und hustete, dass er keine Luft mehr bekam. Ganon klopfte ihm auf den Rücken.
„Gewöhn dich lieber an die Hitze, du wirst eine lange Zeit hier bleiben!“, sagte Ganon wie beiläufig, während er den Lederbeutel um seine Hüften abband.
„Es ist schrecklich!“, krächzte Link erschöpf.


Der schwarze (nun weiße) Reiter zog ein Säckchen und ein winziges Gefäß daraus hervor. Gleich darauf ergriff er Links Hand, feuchtete sie mit Wasser an und schüttete die kleinen weißen Perlen aus dem Säckchen darauf. Sie blieben kleben.
„Leck es von der Hand. Das Salz sorgt dafür, dass du das Wasser nicht so schnell wieder ausschwitzt.“
Sein Gesicht verzog sich, als Link das Salz auf seiner Zunge spürte. Natürlich, auch in Hyrule wurde mit Salz gekocht und gewürzt, aber blankes Salz? Das hatte er noch nie gegessen und gut schmeckte Salz allein auch nicht.
„Wie weit ist es noch bis zum Tempel?“, flüsterte Link, ihm drohte die Stimme zu versagen.
„Nur noch zwei Stunden.“ Ganon öffnete das Gefäß und tauchte seinen Mittel- und Zeigefinger in den Inhalt. Die creamige Substanz verteilte er auf das gerötete Gesicht des Jungen.
Die Salbe brannte zuerst auf Links Gesicht, doch dann fing sie an seine Haut zu kühlen. Er konnte den Mann noch immer nicht leiden, doch er musste zugeben, dass die Gerudos nicht so grausam und abstoßend waren wie sie von allen anderen Bewohnern Hyrules dargestellt wurden. Sie hatten einfach nur ein schwereres Leben, das mehr Härte und Ausdauer erforderte. Und ihr König tat sein Bestes für das Volk.
Wenn er je wieder in Hyrule sein sollte, dann sorgte er persönlich dafür, dass man nie wieder schlecht oder abfällig über die Gerudos sprach! Das nahm Link sich vor.
Ganon drückte ihm das Tongefäß in die Hand. „Reib dich öfter mit dem Balsam ein, du hast Sonnenbrand.“
Dann erhob sich Ganon und der Junge knallte zurück in den Sand.


„Wir brechen auf!“, schrie er seinen Leuten zu. Ein Raunen ging durch die Runde.
Einer der Krieger beugte sich zu Link hinunter und zerrte ihn auf die Beine. „Komm Faulpelz, du hast genug geschlafen! Steig wieder aufs Pferd!“ Es war der Mann, mit dem er geritten war. Der packte ihn gewaltsam am Kragen und wollte ihn mit sich zerren.
Ganon hielt den Mann mit einer Geste auf. „Ich nehme ihn mit.“
Dem Mann blieb die Puste weg. „Aber Herr! Das könnt Ihr doch nicht…“
„Ich habe Angst, dass du ihn mir noch in zwei reißt!“, knurrte Ganon. „Dann haben wir gegen die Hyrulianer nichts mehr in der Hand.“
Der Krieger ließ Link los und wich verwirrt zurück.
„Bravo, mein König.“, lachte Dana. „Wenn du ihm jetzt noch ein Küsschen gibst, kannst du schon mal testen wie es ist Vater zu sein.“
Link wollte sich übergeben, leider wäre das ganze schöne Wasser dann weg.


Ganons Miene wurde finster. „Wenn du nicht die Klappe hältst, werde ich dir die Zunge herausschneiden! Verdammtes Miststück!“
Dana wandte sich ihrem Pferd zu und stieg auf, doch das Lachen verging ihr nicht. Auch Ganon stieg auf seinen Rappen. Das Tier wieherte aufgeregt. Ganon streichelte ihm den Hals und flüsterte beruhigend auf ihn ein.
Dann griff er so schnell nach Link, dass dieser gar nicht wusste wie ihm geschah. Im Nacken wurde er hochgehoben und quer über die Schultern des Rappen geworfen. Gleich darauf suchte er sein Gleichgewicht und zog sein rechtes Bein auf die andere Seite um sich aufzusetzen.
„Auf geht’s, Männer!“, brüllte Ganon. „Ho!“
Dann brausten die Pferde los. Link griff nach der Mähne des schwarzen Pferdes und klammerte sich darin fest. Der trockene Wüstenwind schlug ihm entgegen. Link packte die weiße Kapuze und zog sie sich tief in sein Gesicht. Die Hitze war unerträglich! Lange hielt er es hier nicht mehr aus…
Plötzlich! Ganz plötzlich ragten hohe Felsen, beinahe Berge, aus dem Sandboden heraus und erstreckten sich vor ihnen zu einer Mulde.
Sie ritten hinein.


Der riesige Koloß erhob sich vor ihnen, den winzigen Menschen, und sah auf sie herab. Es war eine Frau in Wüstenkleidung. Ihre Beine waren zu einem Schneidersitz gewunden und die Hände fordernd nach vorne gestreckt, mit den Handflächen nach oben deutend. Um ihren Hals wand sich eine Kobra, die das Maul so weit öffnete, dass es sich um den Kopf der Frau schloss.
Link kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Zu ihren Füßen wartete das gigantische Tor auf die, die den Tempel zu betreten gedachten.
Ganon zog an den Zügeln, sein Rappe blieb auf der Stelle stehen. „Endlich sind wir da!“, murmelte er und wandte sich sofort zu seinem Untertan um. „Murrey! Eile voraus und kündige uns an!“
Murrey sattelte ab, verbeugte sich und rannte zum Tor, verschwand im Inneren.
Auch Ganon und seine Männer stiegen ab. Einer nahm alle Zügel an sich und führte die Pferde zur Oase um sie zu tränken.
„Und was machst du mit unserem Gast?“
Link war gerade ungeschickt abgestiegen und genauso unsanft auf seinen zwei Buchstaben gelandet. Im Aufstehen stierte er zu der Frau auf.
Ganon zuckte mit den Schultern. „Ist doch egal. Er kann nicht flüchten, also brauchen wir ihn auch nicht irgendwo einzusperren oder anzuketten.“ Noch während er sprach setzte er sich in Bewegung, in Richtung des Tempeleingangs. „Ich habe jetzt viel wichtigere Dinge im Kopf!“
Dana winkte den Kriegern zu und gemeinsam folgten sie ihrem König.


Da hier alles fremd für ihn war, entschloss sich Link ihnen zu folgen. Schnell steckte er die Dose mit dem Balsam, die er den ganzen Ritt über fest in der Faust gehalten hatte, in seinen Beutel und stolperte den Gerudos nach.
Doch er hatte sie schon verloren, er war zu langsam gegangen.
Eine leichte Panik machte sich in ihm breit. Sein Blick irrte von den Wänden über die Steinplatten entlang. Er rannte durch Türen und Gänge in der Hoffnung sie wieder zu finden. Zu Schreien wagte Link nicht.
Als seine Beine streikten und die Müdigkeit ihn eingeholt hatte betrat er das Zentrum des Tempels. Mit großen Augen starrte er die riesige Statue von unten nach oben an. Es war die gleiche Frauenabbildung wie auf dem Gebäude, nur etwas kleiner.
Wer nur waren die Leute, die so etwas Kunstvolles erschaffen konnten? Meister ihres Handwerks!
Link gähnte. Er musste unbedingt etwas schlafen! Leider war der Steinboden nicht nur unbequem, sondern auch staubig und kalt. Auch in den anderen Räumen hatte er keinen geeigneten Schlafplatz ausmachen können.


Schließlich entschied er sich trotzdem für Stein. Link kletterte auf den Fuß der Statue und balancierte sich den Unterschenkel bis zum Knie. In der kleinen Nische ließ er sich erschöpft nieder. Hier konnte er sich in aller Ruhe etwas ausruhen ohne weder gestört noch gefunden zu werden.
Noch einmal über die Bauten des Geistertempels staunend, schlief er endgültig ein…
Er wurde von einer zuknallenden Tür aus den Träumen gerissen. Er zuckte zusammen und hob den Kopf.
Zwei Frauen rannten in die Mitte des Raumes.
„Komm, wir müssen uns beeilen! Es bleibt keine Zeit!“, rief die Schnellere der anderen zu und klatschte laut in die Hände.
Der Schall wurde von den Steinwänden zurückgeworfen. Dann war es still.
Neugierig hob Link den Kopf und blinzelte in den Saal.
Plötzlich gab es ein metallisches Geräusch. Link fuhr erneut zusammen.
Ein kleines Quadrat löste sich von der Decke und fuhr langsam gen Boden. Die Frauen sprangen darauf, noch ehe es den Boden ganz berührt hatte. Gleich darauf fuhr es wieder nach oben und hielt genau vor dem Gesicht der Statue an.


Link verschlug es die Sprache, als die Frauen einfach hindurch gingen. Sie gingen durch den Stein? Hexerei! Dieses Volk war ein Teufelsvolk!
Es dauerte nun ein paar Atemzüge, dann kamen die Frauen wieder heraus und fuhren zu Boden.
Doch jetzt waren sie nicht mehr abgehetzt – sie waren regelrecht aufgescheucht und hysterisch!
Die Eine packte sich an den Kopf und zog an ihren Haaren. „Was sollen wir nur tun?“, kreischte sie schrill. „Was sollen wir nur tun? Sará bringt uns um!“
„Aber ich dachte du bist gegangen um den Vorrat an Mondsamen neu zu füllen!“, sagte die Zweite aufgebracht.
„Nein! Ich habe Sulea doch gesagt, dass sie dir Bescheid sagen soll, dass du dran bist!“
„Oh Göttin! Was machen wir nur?“ Die Zweite hob die Arme zu der Statue empor. „Oh Shjra, Mutter unseres Volkes! Hilf uns doch!“
Sie rannten davon. Doch dieses Mal wollte sich Link nicht abschütteln lassen. Er sprang von der Wade der Staute hinunter, wankte um sein Gleichgewicht und rannte den Frauen nach.
Sie waren schnell, die beiden. Aber ihm gelang es ihnen auf den Fersen zu bleiben.
Etliche Gänge und Räume durchliefen sie. Bis sie endlich einen hell erleuchteten Gang erreichten.
Dieser Gang unterschied sich so völlig von den anderen in diesem Tempel, dass es ihm erneut die Sprache verschlug.
Jede drei Schritte war eine Fackel in die Wand gegeben, geschützt durch schimmernde Glaskästen. Die sonst so kahlen Steinwände waren mit bunten und aberbunten Tüchern verhängt. Von der Decke hing ein langes Seidentuch, das ganz dunkelblau war, mit winzigen Sternenstickereien. Es war atemberaubend schön!
Genau diesen Gang rannten die Frauen entlang. Er folgte ihnen, blieb aber immer versteckt hinter den behangenen Steinsäulen, auf denen die Glaskästen mit den Fackeln standen.
Schon ohne ihn zu sehen, hörte Link die Stimme Ganons.


„Was soll das? Warum dauert das so lange? Zur Hölle sollst du fahren, Sará!“
Link hörte eine sanfte aber tiefe Frauenstimme beruhigend auf ihn einreden. „Beruhige dich, mein König! Es ist bald so weit. Aber ich brauche erst den Mondsamen um daraus den nötigen Trank zu brauen. Ich sagte doch, deine Frau hat das Kindbettfieber! In diesem Zustand kann sie…oh sieh! Da kommen die Beiden endlich!“
Noch rechtzeitig sprang Link hinter eine Steinsäule, bevor die Frau ihn hatte sehen können.
Die zwei Frauen verbeugten sich tief vor der Hebamme und ihrem König. Sie wagten es nicht den Kopf zu heben.
An den Wänden lehnten die jungen Krieger, die mit Ganon geritten waren.
Auch als die Eine anfing stotternd die Tragödie zu berichten, sahen sie nicht auf.
„Sará verzeih uns! Verzeih unsere Dummheit – unser Versagen!“


Die Hebamme runzelte die Stirn. „Jetzt ist keine Zeit um über irgendeine eurer Dusseligkeiten zu plaudern! Ich brauche den Mondsamen, sofort!“
Die Zweite begann heftig zu schlucken. „Das ist es ja! Wir haben den Vorrat nicht aufgefüllt…“
„Was soll das heißen?“, brüllte nun Ganon. „Was bedeutet das?“
„Es ist nichts da? Nicht eine einzige Blüte?“ Auch die Stimme der alten Hebamme klang jetzt hysterisch. „Befahl ich euch nicht ihn nachzufüllen? Habe ich euch das nicht als Oberstes aufgetragen? Ihr wisst wie häufig und gefährlich das Kindbettfieber ist!“
„Es tut uns so leid!“, jammerten die Frauen im Chor.


Ganon war kreidebleich im Gesicht und das bei seiner Bräune. Entsetzt wandte er sich an Sará. „Was jetzt? Was tust du jetzt?“
Sará schüttelte den Kopf. Tränen traten ihr in die Augen.
„Heißt das…“, begann Murrey, verstummte aber sofort, als eine der Kriegerinnen ihm einen warnenden Blick zuwarf.
Sarás Stimme zitterte: „Ich…ich schicke sofort jemanden um ein paar Pflanzen zu pflücken, aber…es ist zu spät, es wird zu spät sein, bis ich Neue bekomme…“
„Was meinst du damit? Was ist zu spät?“, fragte Ganon.
„Das Kind wird auf die Welt kommen, aber… Ich werde Naboru nicht retten können…“
„WASSSSSSSS!!!“, schrie Ganon und der ganze Gang hallte von seinem Schrei. Die Wände schienen unter seiner mächtigen Stimme zu beben.
Link warf sich ängstlich zu Boden.
Und er war nicht der Einzige. Die Untergebenen schlugen ehrfürchtig die Arme vors Gesicht und machten sich ganz klein.
Die beiden Geburtenhelferinnen warfen sich weinend vor Ganon zu Boden.
„Es tut uns Leid! Vergebt uns, Herr!“, winselte eine der Frauen.


Ganon bebte vor Wut. Im Zorn packte er die Frau und riss sie auf die Beine. Er würgte sie und hob drohend die Faust. Er schrie sie an: „Vergeben? Ihr bettelt um Vergebung? Wie kann ich das? Ihr seid Schuld am Tod meiner Frau! Ich töte euch beide! Mit meinen Fäusten werde ich euch tot prügeln!“
„Wartet! Wartet!“
Link sprang aus seinem Versteck und lief auf die Gruppe zu. Er keuchte. In seinen Ohren klang noch immer Ganons Stimme nach.
Er konnte den Mann nicht ausstehen. Aber er konnte auch nicht zusehen, wie zwei Frauen totgeschlagen wurden, oder wie eine unschuldige Frau bei der Geburt ihres Kindes starb. Er konnte doch helfen! Zumindest hoffte er das!
Einer der Krieger packte ihn hart am Kragen und schnitt ihm fast die Luft ab. Es war Murrey.
„Was machst du hier? Du darfst gar nicht hier sein, du Gör!“
„Ich…ich hab…“, quetschte Link aus seinem Mund.


Murrey zog ihn hinter sich her und sagte: „Entschuldigt die Störung, erwürdige Hebamme. Ich schaffe den Dreck schnell aus Euren Augen.“
Die alte Frau mit dem seidenen Kopftuch starrte Link überrascht an.
„Aber…“, würgte er.
„Lass ihn los!“ Nun brüllte auch Sará. „Siehst du blinder Hund nicht, dass der Junge uns etwas sagen will?“
Erschrocken ließ Murrey los. Link griff sich an den Hals und schnappte schnell nach Luft.
„Komm her, Junge. Und sprich!“ Die Stimme der Hebamme war streng und befehlend.
Er stolperte der alten Frau entgegen und kramte nach seinem Beutel. „Ich kann helfen! Ich habe…“ Er holte die Blumen heraus, die er eigentlich für seine Mutter gepflückt hatte. „Das sind doch Mondsamen?“
Die Frau fixierte nachdenklich die zerknautschten dunkelblauen Blumen. Sie waren zerdrückt von dem Aufenthalt im Beutel.
Dann strahlte sie. „Die sind zwar etwas zerquetscht, aber dafür noch sehr frisch! Ich muss sofort an die Arbeit!“ Mit einer Bewegung riss die Hebamme ihm die Blüten aus der Hand und winkte die beiden Helferinnen zu sich. „Schnell jetzt! Wir müssen das Elixier herstellen!“
Die Frauen, die wie betäubt noch immer auf Link starrten, sprangen auf und folgten der Hebamme durch die große, silberfarbene Tür hindurch, die in den Vorraum des Kreissaales führte.
Als die Tür zufiel – war es totenstill.


Ganon starrte wie gebannt auf die Tür, die nicht mehr knarrte.
Und solange er sich nicht rührte, wagte es niemand sich zu rühren. Nicht einmal zu atmen.
Er stand da wie eine lebendige Statue. Sein Blick musste sich schon durch das Metall der Tür bohren. Und er selbst musste von den furchtsamen Blicken seiner Untergebenen durchbohrt werden.
Jäh drehte sich Ganon um und brüllte seine Leute an. Mit seiner gebieterischen und gewaltigen Stimme. „Was steht ihr da rum wie dumme Maultiere? Macht dass ihr verschwindet! Sofort! Bevor ich euch alle hinrichten lasse! Aus meinen Augen!“
Wie die Krähen, die vor dem Tempel ihre Nester hatten, sprangen sie aufgescheucht von der Wand und rannten auseinander.
Auch Link wollte sich dem Haufen anschließen, nur um von dem zornstrotzenden König der Gerudos wegzukommen. Aber für ihn war es zu spät.
Ganon packte ihn an den Haaren des Hinterkopfes – er schrie vor Schmerz auf – und riss ihn zu sich herum. „Du bleibst hier!“, herrschte er den Jungen an und warf ihn zu Boden. Link schlug auf dem kalten Stein auf. Sein Kopf pochte. Er kniff die Augen zusammen um den Schmerz zu lindern und öffnete sie keuchend.
Da konnte er sehen, wie die Schwertspitze auf ihn zuraste – und vor seiner Nase auf den Stein schlug.
Das Metall war so stark, dass der Stein des Bodens aufsplitterte.


Mit aufgerissenen Augen und rasendem Herzen schielte er sie an, die Waffe. Und dann wanderte sein Blick an der Klinge entlang nach oben, ins zornverzerrte Gesicht Ganons.
„Eins sage ich dir!“, zischte Ganon. „Ob ich es nun deinem Vater versprochen habe oder nicht – wenn meine Frau nicht überlebt, bringe ich dich um!“
Ganon hob das Schwert und steckte es zurück in die Scheide. Ehe er begann vor der Tür auf und ab zu gehen. Unaufhörlich, nervös und ungeduldig.
Link setzte sich auf, lehnte sich zitternd an die Wand und konnte nicht anders, als dem jungen Mann dabei zuzusehen.
Atemzug um Atemzug verging, Stunde um Stunde.
Draußen war es längst tiefe Nacht geworden.


Die Krähen krähten zur Jagd und begaben sich in die tiefen Lüfte. Jetzt, wo erbitterte Hitze gewichen und der eisigen Kälte Platz gemacht hatte, konnten sie endlich jagen.
Auf der Hand des gigantischen Koloß saß ein Uhu und heulte in die Finsternis.
Ein kräftiger Wind fegte über die Wüste und wirbelte den Sand auf.
Die Sterne glitzerte wie winzige Sonnen vom Firmament herab und spendeten das einzige Licht.
Keine Menschenseele war noch wach. Die Gerudos hatten sich in ihrer Festung alle zu Bett gelegt und träumten von heißen Tagen auf dem glühenden Sand. Und den gelegentlichen Ausflügen in die Steppe, die so viel fruchtiger und kühler war als ihr Zuhause.
Nur im Tempel waren die Anwesenden wach.
Noch immer lief Ganon unruhig auf und ab. Seine Schritte waren schneller geworden. Er hielt es nicht mehr lange aus. Als explodiere er gleich. Wie eine der Krabbelmienen, die der Teppichverkäufer in der Wüste illegal verkaufte.


Die Wüste bot für ihn nicht nur das optimale Versteck vor den Steuereintreibern. Die Gerudos waren auch die besten Kunden, die der kleine Mann sich vorstellen konnte. Schließlich brauchten sie die Bomben um ihre Gänge und Räume in den Fels zu sprengen.
Seine Finger krümmten und lockerten sich wieder.
Und je nervöser und ungeduldiger Ganon wurde, umso nervöser und ungeduldiger wurde auch Link. Für ihn ging es nicht nur um eine Frau und ihr Kind. Es ging auch um sein Leben. Keinen Augenblick zweifelte er daran, dass Ganon seine Drohung wahr machen würde.
Wenn die Frau starb, würde Ganon ihn ohne Gnade töten. Egal welche politischen Konsequenzen es hatte. Er glaubte nicht, dass Ganon noch in der Lage sein würde zu denken, wenn seine Frau starb.
Er kaute an seinen Fingernägeln, was er sonst nie machte, und beobachtete Ganons Marsch.
Plötzlich ging die Tür mit einem leisen Knarren auf.
Eine der beiden Helferinnen lugte mit ängstlichem Blick hinaus.
Ganon hatte sie als erstes bemerkt und sprang gleich zur Tür, packte die Frau an den Schultern und schüttelte sie.
„Was ist? Was ist mit meiner Frau? Sag! Sprich! Mach schon! Lass mich nicht warten! Ich bestrafe dich! Sprich schon!“
„H…herr…“, stotterte sie voller Angst. „Ihr müsst mich schon loslassen und mir zuhören.“
Da merkte Ganon, dass er die Frau schon fast würgte. Er ließ von ihr ab und atmete tief durch.
Die Frau zitterte leicht.


Link erhob sich und fröstelte ebenfalls.
Was war jetzt? Hatte die Frau des schwarzen Reiters überlebt? Durfte er auch weiterleben? Er hatte Angst. Seine Zähne bohrten sich schon in seine Fingerkoppeln.
Ganon wurde immer ungeduldiger.
„Was ist jetzt?“, zischte Ganon die Frau an.
Schützend hob sie die Arme vor den Körper. „Herr, bitte. Beruhigt Euch.“ Dann strahlte sie übers ganze Gesicht. Ihr Mund schien von einem Ohr zum anderen zu reichen. „Naboru geht es sehr gut. Sie hat die Geburt überstanden. Das Kind…“
Doch Ganon stieß sie schon zur Seite und lief an ihr vorbei.
Die Frau wedelte mit den Armen um ihr Gleichgewicht und klammerte sich an den Türgriff.
Auch Link brauste an ihr vorbei. Er war neugierig geworden.


Ganon hatte sich schon längst die Hände gewaschen, einen der bestickten Umhänge angelegt und betrat den Kreissaal.
Link lugte in das kleine Tonbecken, aus dem es dampfte. Es schien normales heißes Wasser zu sein. Vorsichtig tauchte er seine Hände hinein. Es war nicht heiß – es war kochendes Wasser!
Schnell schossen seine schmerzenden Hände wieder hinaus und er schüttelte sie, mit feuchten Augen.
Die Frau lachte und kam zu ihm herüber. „Das Wasser muss heiß sein, damit der Schmutz richtig abgeht. Du musst sauber sein, wenn du das Zimmer betrittst. Ein Neugeborenes ist sehr anfällig für Krankheiten.“
„Ach so.“, murmelte er.
Die Frau hob einen der Umhänge ab und stülpte ihm den Stoff über den Kopf. „Jetzt darfst du rein gehen, kleiner Hyrulianer.“
Sie öffnete die Tür und betrat mit ihm das Zimmer.
Viele Fackeln, in metallenen Fackelhaltern, standen an den Wänden und erleuchteten den Raum, als fiele vom Fenster Sonnenlicht herein. In der Mitte war ein riesiges Bett aufgestellt, mit goldenfarbigen Lacken.


Um das Bett stand die Hebamme mit ihren Helferinnen und schüttelte lächelnd den Kopf.
Ganon dagegen tanzte im Zimmer herum und rief: „Ich habe ein Kind! Ich bin Vater! Ich habe eine kleine Tochter!“
Dann drückte er das Bündel in seinen Armen dicht an sich. Es war ein Bündel ebenso bunter Tücher wie die Tücher, die den Gang schmückten. Daraus lugte ein winziges Köpfchen heraus.
Das Mädchen hatte helle Haut und rosige Wangen. Auf dem Kopf klebten die nassen feuerroten Haare. Und es schrie! Ohrenbetäubend laut schrie es. Der Mund war zu einem gigantischen Schlund aufgerissen und die rote Zunge vibrierte darin.
Link sah zum Bett. Eine Frau hatte sich darin aufgesetzt und gegen die goldenen Samtkissen gelehnt. Es war eine sehr schöne Frau.
Aber auch eine sehr sehr junge Frau, nicht älter als vierzehn. So erstaunlich jung, selbst noch ein halbes Kind.
Link erfuhr es erst später, denn in Hyrule wurde man erst mit sechzehn volljährig. Im Volk der Gerudos trat jeder Junge und jedes Mädchen bereits mit zwölf ins Erwachsenenalter ein, zwar kämpften sie noch nicht und hatten auch noch nicht die vollen Rechte Erwachsener, doch sie wurden bereits verheiratet. Denn die Lebenserwartung der Gerudos war um einiges geringer als in Hyrule und dessen Nachbarländern.


Darum wurde jeder Gerudoabkömmling mit dreizehn verheiratet und die wenigsten Mädchen bekamen nach zwei Jahren noch nicht ihr erstes Kind.
Sie schien erschöpft. Das goldene Gewand klebte ihr verschwitzt am Körper. Die langen, roten Haare waren zerzaust und das Gesicht müde.
*Mein Gott! Bei mir klebt immer irgendwas. Ich gewöhn mir das ab, versprochen ;)*
An ihrer Hand glänzte ein silberner Armreif mit winzigen roten Rubinen und eingeritzten Symbolen.
Ganon setzte sich zu ihr auf das Bett und reichte ihr das Neugeborene. Sie lächelte und lehnte sich gegen ihn.
Erst in diesem Augenblick bemerkte sie den Fremden. Erstaunt sah sie auf und runzelte die Stirn. „Wer bist du denn, kleiner Junge. Du scheinst ein Hyrulianer zu sein.“
Link spielte nervös mit den Fingern.
„Er ist eine Geisel, nichts weiter.“, sagte Ganon abwinkend.
Naboru lachte schwach. „In dem Alter? Das ist ja eine Leistung.“
Plötzlich schreckten sie auf, als Sará sich unüberhörbar räusperte. Dana folgte mit einem Zweiten.
„Werter König, du scheinst vergessen zu haben, dass deine Geisel das Leben deiner Frau gerettet hat. Und wahrscheinlich auch das deiner Tochter!“, sagte Dana und sah ihn belehrend an.
Ganon rollte mit den Augen.


„Stimmt das?“, fragte Naboru und funkelte ihn warnend an.
Ganon seufzte. „Ja, ich gebe zu, dass ich ihm das verdanke. Es war reiner Zufall, dass er genau Mondsamen bei sich hatte, aber das hat dich gerettet.“ Mit einem Blick, der alles und nichts bedeuten konnte, musterte er Link. „Ich stehe wohl in deiner Schuld!“
„Dann musst du ihm einen Wunsch erfüllen. Egal was er sich wünscht.“, erwiderte Naboru lächelnd und wiegte das Kind in ihren Armen.
Link wurde hellhörig. „Einen Wunsch?“
Die Frau im Bett nickte.


Sará klatschte in die Hände. „Jetzt gehen die Männer aber hinaus! Naboru braucht Ruhe!“
Dana fügte hämisch lachend hinzu: „Und ihr Gatte mit seinem Temperament ist der Letzte, der ihr das geben kann.“
„Dana! Für deine Anspielungen werde ich dich auspeitschen lassen!“
Knurrend packte Ganon Link am Kragen des Umhangs und zog ihn mit sich aus dem Raum.
Während sie die Umhänge ablegten und den Vorraum verließen schwiegen beide, doch als die Tür zum Gang sich hinter beiden schloss, wandte Ganon sich ihm zu. „Also, du hast meine Frau gehört. Ich gewähre dir einen Wunsch. Lass es mich wissen, wenn du ihn erbittest, dann sind wir quitt.“
Der König setzte sich in Bewegung, er wollte aufbrechen, zurück zur Festung. Sobald Naboru stark genug sein werde, kam er um sie abzuholen, doch das dauerte sicher noch eine Mondrundung…
„Ich will meinen Wunsch sofort erbitten.“, sagte eine Stimme hinter seinem Rücken. Überrascht drehte sich Ganon um.
„…wenn Ihr gestattet, Herrscher der Wüste.“, setzte Link schnell nach und spielte nervös mit seinen Fingern.
Ganon zog eine Augenbrauche hoch. „Bist du dir sicher, dass du ihn dir gut überlegt hast? Nur einen Einzigen hast du, nutze ihn nicht mit Torheit!“
„Ich bin mir sicher, dass ich richtig handle.“, entgegnete Link.
Ganon zuckte gleichgültig die Achseln und forderte ihn mit einer Geste auf zu sprechen. Link trug ihm seinen Wunsch vor.
Ganon hörte aufmerksam zu.
Nachdem Link geendet hatte war es still im Gang.


Nur das Knistern der Flammen durchbrach die Absolutheit…
Dann erscholl ein Lachen. Laut und tief.
Ganons Lachen.
„Was? Was verlangst du da?“
Link verbeugte sich tief. „Ich flehe Euch an mir meinen Wunsch zu gewähren!“
Ganon kriegte sich fast nicht mehr ein. Sein Bauch schmerzte bereits. „Das ist nicht zu fassen! Wie alt bist du? Elf? Zwölf?“
„Elf, König der Wüste.“
Ganon wurde ernst. „Das was du verlangst ist sehr weise gedacht. Ich hätte niemals erwartet solche Worte aus dem Mund eines Kindes zu hören, wo ich sie noch nicht einmal aus denen der Boten des Königs von Hyrule hörte.“
„Ich finde mein Verlangen geht allem vor. Auch meinem Leben!“
Das Gesicht verziehend rieb Ganon sein Kinn. „Gib deine Heimat auf und schließ dich mir an! Ich gebe dir meine Tochter zur Frau, einen wie dich kann ich als meinen Nachfolger gut gebrauchen.“
„Euer Angebot ehrt mich sehr, doch ich glaube nicht, dass ich hier auch nur ein Jahr überlebe.“, Link keuchte demonstrativ. „Für ein Leben in dieser Hitze bin ich nicht geschaffen.“
Ganon grinste ihn an. „Schade, aber falls du es dir anders überlegst. Du wärst ein mächtiger und allseits gefürchteter Mann. Und Etliche würden dich um die vielen Frauen deines Volkes beneiden.“
Sie grinsten beide.

 

Seit neun Tagen war Link nun schon gefangen.
In der Hauptstadt von Hyrule, dem Sitz des Königs, herrschte Aufruhr –
Blanke Panik!
Die Leute befürchteten den Beginn eines Krieges, wie es ihn schon einmal gegeben hatte. Vor 2000 Jahren.
In den alten Überlieferungen stand, dass damals das Volk der Gerudos gegen die Hyrulianer gekämpft hatte. Die Gerudos waren in der Überzahl gewesen. Mehr noch, sie waren Massen an Kriegern gewesen, mehr als das Doppelte der Hyrulianer.
Der König rettete sich und sein Volk nur damit, dass er sich mit den Zoras, die an der Quelle des großen Wasser lebenden Menschen, und den Goronen, den Bergmenschen, verbündet und ihnen ein Teil in seinem riesigen Land versprochen hatte. Mit vereinten Kräften hatten sie schließlich den Krieg für sich entschieden.
Und die Gerudos, geschlagen und geächtet, waren in die Weiten der Wüste verbannt worden. Von Jahrhundert zu Jahrhundert war das Blut der Gerudos immer dünner geworden, denn in der Wüste hatte es kaum Trinkwasser und Nahrung gegeben. Und die Völker von Hyrule verachteten sie und hatten sie ihrem Schicksal überlassen.
Das eins mächtigste Volk war zu einem winzigen Stamm geworden.


Doch ein Stamm, der aus kräftigen Kriegern bestand, die sich die Wüste zur Verbündeten gemacht hatten und mit einem Regenten an ihrer Spitze, der an Arroganz und Gerissenheit alles übertraf…
Nun versammelten sich die Völker von Hyrule erneut zum Krieg gegen die Gerudos. Und der Grund dafür war – ein kleiner Junge.
Auf dem gigantischen Marktplatz vor dem Schloss versammelten sich die besten Streiter des hyrulianischen Königs. In vielen Reihen stellten sie sich auf.
Die Schwerter baumelten ihnen in der Scheide auf dem Rücken, darauf war das Schild geklemmt. Es war Tradition bei den Hyrulianern, Schild und Schwert auf den Rücken zu binden.
Die Dorfbewohner lugten neugierig aus den Fenstern und Türen ihrer Häuser. Manch ein Schaulustiger hatte es sogar gewagt sich an den Rand des Platzes zu stellen.
Eine der Frauen, die am Rande standen, weinte bitterlich. Ihr blondes Haar war unordentlich in ein Haarnetz gezwängt und unter ihren Augen glänzten tiefblaue Ringe. Sie wischte sich heftig mit einem weißen Stofftuch die Tränen von den Wangen.
Eine Nachbarin legte ihr tröstlich eine Hand auf die Schulter. „Weine nicht mehr, Amalea! Sie werden die Gerudos in die Knie zwingen und deinen Sohn sicher zu dir zurückbringen. Hab Vertrauen!“
Amalea sah auf zu ihrer Freundin. „Ich wünschte ich könnte es…“
Sie wurden unterbrochen.


Von ihrem Mann, dem Heerführer von Hyrule.
„Meine Soldaten und meine Freunde!“, brüllte er über den Platz. Die Gespräche und Geflüster verstummten. Der General stand auf dem Brunnenrand, nervös und unruhig. Seine Stimme zitterte leicht, hatte aber an Kraft noch nichts einbebüßt. „Nun…ihr wisst warum wir uns hier versammelt haben. Warum wir hier stehen und uns auf einen Kampf vorbereiten, wie es ihn vor vielen Jahren schon einmal gab.“ Er legte eine Pause ein. „Die Gerudo haben meinen Sohn in ihrer Gewalt, den zukünftigen König von Hyrule! Wir müssen ihn befreien! Das sage ich als Feldherr, als Infanterist und…als Vater. Ich bitte euch mir zu helfen, ich bitte euch alles für die Befreiung meines Sohnes zu tun. Wir müssen die Gerudo besiegen und ihnen für immer zeigen wie mächtig wir sind! Wir müssen stark sein und – “
Plötzlich schrie eine Stimme: „DIE GERUDO KOMMEN! DIE GERUDO KOMMEN!“


Mit einem Schlag fuhr die Menge erschrocken auf. Aufschreie und Hysterie brachen aus. Nun schrieen mehrere: „DIE GERUDO! DIE GERUDO! KRIEG!“
Die Menschen scharrten auseinander. Frauen und Kinder flüchteten in ihre Häuser. Männer und jugendliche Knaben grölten und ballten die Fäuste.
„KRIEG! WIR HABEN KRIEG!“
Die Soldaten reihten sich wieder ein und stolzierten zur Zugbrücke. Einige lösten sich aus ihren Reihen und rannten zu den schweren Eisenrädern. Mit Mühe und hastigen Bewegungen wurde die Zugbrücke über dem Wassergraben hochgezogen.
„STELLT EUCH AUF! BOGENSCHÜTZEN AUF DAS WACHPODEST UND BOGEN SPANNEN!“, schrie der Kommandant.
Die Soldaten mit Bogen und Schusswaffen kletterten auf die Stadtmauer und stellten sich auf. Sie legten an und richteten ihre Pfeile auf die weitentfernten Punkte, die am Horizont den Staub aufwirbelten. In der Hitze der Mittagssonne.
Die Punkte wurden zu schwarzen Gestallten. Und je näher sie kamen, desto lauter wurde es. Und desto nervöser wurden die Hyrulianer.
Es waren ungefähr zwanzig an der Zahl.


Der Kommandant kletterte die Leiter hinauf und gesellte sich zu den Bogenschützen, direkt in die Mitte. Er schluckte schwer und wartete ab.
Die Gerudos kamen immer näher. Und an ihrer Spitze ritt ihr König. In seiner schwarzen Rüstung und dem majestätischen Helm auf dem Kopf. Er trug sein Haupt gerade und würdevoll.
Und ebenso furchtlos ritt er an die gewaltigen Stadtmauern Hyrules heran. Und blieb erst einige Fußbreit vor dem Graben stehen. Thunder wieherte und schüttelte seinen Kopf. Auch seine Untertanen zügelten ihre Pferde.
Ganon sah an der grauen Fassade empor. Wo die Wachposten standen und die Pfeilspitzen auf ihn gerichtet hatten.
Seine Leute begannen zu grölen. Sie schrieen und fluchten durch die Luft, vermischt mit ihren wütenden Schreien.


Ganon sah hoch zu dem Kommandanten, mit stolzem, ja schon verhöhnendem, Grinsen. Ohne den Blick abzuwenden, hob er den Arm und brachte seine Untergebenen sofort zum Schweigen.
Mit einem noch breiterem Grinsen brüllte er nach oben: „Ah, mein guter Freund, der General von Hyrule! Was für eine nette Art mich zu begrüßen!“, er schmückte seinen Tonfall mit einer guten Portion Sarkasmus.
„Was wollt Ihr hier, Barbarenkönig?“, entgegnete der Kommandant. „Wollt Ihr Eure Macht demonstrieren, die Ihr durch Euer Druckmittel erhalten habt?“
Ganons Blick ließ von dem Mann ab und wanderte von Bogenschütze zu Bogenschütze. „Bevor Ihr mich erschießen lasst, werter Feldheerführer, solltet Ihr doch noch etwas warten!“, lachte Ganon und legte eine Hand auf das weiße Stoffbündel, das vor ihm auf dem Pferd hockte. Keiner der Hyrulianer hatte es bis jetzt bemerkt. Sie hatten es für einen Munitionssack oder dergleichen gehalten.
„Ich habe Euch etwas mitgebracht!“, fuhr er fort und zog die Kapuze von einem blonden Haarschopf herunter.
Ein erschrockenes – gar schockiertes – Raunen fuhr durch die Menge der hyrulianischen Soldaten. Es verschlug ihnen die Sprache und sie waren außerstande sich zu rühren. Selbst der Kommandant war zur Salzsäule erstarrt. Und blickte wie gebannt auf das Stoffbündel, das zu ihm heraufwinkte.


„Hallo, Vater! Vater, mach dir keine Sorgen mir geht es gut!“, schrie Link die Burgmauer hinauf.
„Das ist doch…“ Der General schüttelte fassungslos den Kopf. „Das ist nicht möglich!“
Link stieg leichtfüßig vom Pferd herunter und streckte seine Arme und Beine. Sie schmerzen vom langen Ritt.
Ganon ließ seinen Blick noch ein letztes Mal über die Fassade wandern, ehe er seine Hand an den Kopf führte und seinen schwarzen Helm abnahm. Er überreichte ihn Link.
„Und du bist dir sicher, dass sie uns nicht aufspießen werden, sobald wir die Stadt betreten?“, fragte er skeptisch, so leise, dass nur Link es hörte.
„Ja, König der Wüste. Vertraut mir. Außerdem könnten sie es sowieso nicht, es wären zu viele Frauen- und Kinderaugen, die das Blutbad mit ansehen müssten.“
Ganon nickte. „Na schön, dann geh und berichte mein Anliegen.“
Link verbeugte sich und eilte, mit seiner Habe in der Hand, vor die hochgezogene Zugbrücke. Er konnte gar nicht sehen wie bleich sein Vater und die Soldaten geworden waren.
Vor dem Graben blieb er stehen, atmete noch einmal tief durch und hob schließlich den schwarzen Helm hoch über seinen Kopf. Und brüllte so laut er konnte: „Der König des Wüstenvolkes ist bereit mit Hyrule zu verhandeln um einen endgültigen Waffenfrieden zu schließen. Darum erbittet er vom König über Hyrule empfangen zu werden, damit er seine Forderungen stellen und die von Hyrule anhören kann. Macht das Tor auf!“


Die Soldaten rührten sich nicht.
„Macht das Tor auf!“, schrie Link erneut. „Sie kommen unbewaffnet!“
Da erwachte der General aus seinem Bann. „Warum sollten wir? Wer sagt mir, dass das nicht ein Trick ist? Herrscher der Wüste, warum sollte ich Euch glauben? Vielleicht ist das einer Eurer Gören, die dort vor dem Tor steht. Vielleicht habt Ihr ihn verzaubert, dass er genauso aussieht wie mein eigener Sohn? Wer weiß zu was Ihr im Stande seid. Es heißt Ihr seit mit dem Teufel im Bunde!“
Erneut erfüllten Hass und wütende Rufe und Spott die Luft vor der Stadt. Ebenso erneut hob Ganon die Hand um sein Gefolge zum Schweigen zu bringen.
Er selbst war völlig gelassen. Auch als er, laut und deutlich, sprach: „Ich bin das dreizehnte Kind meines Vaters. Er hatte sieben Frauen, von denen nur die Letzte ihm ein Kind gebären konnte, das die Sonne mehr als fünfhundertmal hat aufgehen sehen. Alle meine älteren Schwestern und Brüder starben noch im Kleinkindalter. Und so ist es mit meinem ganzen Volk. Das Blut des Stammes der Wüste ist dünn wie Wasser, weil die Wüste eine ebenso grausame wie liebevolle Mutter sein kann. Sie hält uns schützend in ihrem Arm, doch wenn es ihr beliebt drückt sie uns die Luft ab. Und diese Laune hat sie mehr als es mir bekommt. Ich kann nicht länger zusehen wie wir weiter zu Grunde gerichtet werden. Natürlich säße ich am liebsten jetzt, in diesem Augenblick, auf dem golden verzierten Thron, auf dem euer König seinen Allerwertesten bettet, doch nicht einmal ein Krieg auf diesem Boden ist mir vergönnt. Nein, dafür hat unsere Mutter, die Wüste, uns zu ausgezerrt. Ich kann also nur fordern was uns zusteht und akzeptieren mich einem König zu unterwerfen, der keine Vorstellung von den grausamen Launen der Natur hat und keine Hungersnot kennt.

 


Vor zehn Tagen gebar meine Frau ein Kind. Die Thronerbin der Wüste. Und ich kann nicht einmal sicher sein, ob mich mein Fleisch und Blut überlebt. Warum also sollte ich mich in einen Kampf stürzen, den ich schon von vornherein nicht gewinnen kann, wenn mein Volk in den Mauern der Wüste leidet? Sagt es mir General von Hyrule! Traut Ihr einem König, der nicht anders lebt als sein Volk, so etwas zu? So viel Egoismus und Torheit traut Ihr mir zu?“
Als die Worte Ganons bereits verklungen waren starrte der General noch immer nach unten. Und Ganon hielt seinem Blick ohne Mühe stand. Mit seinem arroganten und verhöhnenden Blick.
Dann endlich regte sich der General und gab ein Handzeichen. „Öffnet das Tor!“
„A…aber, mein General! Das sind die Geru…“, flüsterte ein Soldat neben ihm entsetzt.


„Öffne das Tor!“, zischte der Kommandant gereizt zurück. Der Mann eilte ohne Widerspruch zu den Eisenzügen und half seinen Kameraden die Zugbrücke langsam herabzulassen.
Link schnaufte erleichtert. Er hatte doch tatsächlich geglaubt, dass sein Vater ihn einfach ausgesperrt ließ, weil er ihn nicht erkannte.
Die Zugbrücke knallte in die Vertiefung vor ihm. Nun war das Tor nach Hyrule offen.
Hinter ihm trotteten die Gerudos heran.
Link drehte sich um und verbeugte sich tief. „Ihr habt Einlass erhalten, König der Wüste.“
„Oh.“, lachte Ganon amüsiert. „Noch funktionieren meine Augen so gut wie seit Jahren.“
Link lief rot an. „Sicher…“ Er lief dem Trupp voran über die Brücke und in die Stadt hinein.
Schon als sie am Wächterhaus vorbeiritten konnten sie den Aufruhr in der Stadt hören, ja sogar die Anspannung auf ihrer Haut fühlen. Link hatte Gänsehaut. Während er, nur durch drei Schritte getrennt, vor Ganon lief um ihm den Weg zu geleiten, da überkamen ihn die ersten Zweifel.


Ob alles gut ausginge? Er hoffte es! Krieg und Frieden hingen davon ab!
Auf dem Marktplatz selbst war die pure Panik ausgebrochen. Die Leute stürzten laut aufschreiend in ihre Häuser und verriegelten die Türen, ja stellten sogar Tische und Schränke davor. Nur um nach wenigen Augenblicken an die Fenster zu stürmen und mit unbändiger Neugier die Ankunft des Gerudostammes zu beobachten.
Die Soldaten hatten eine Gasse gebildet, mit der Mauer aus ihren Leibern schirmten sie die Häuser von der Gruppe Gerudos ab. Die Bogenschützen, keinen Schritt von ihrer Position gewichen, hatten den Bogen gespannt und zielten allesamt auf einen Gerudo – auf den König. Auf den Kopf, schließlich hatte er sich ergeben.
Ein Kriegsherr ergab sich dem Feind indem er den Helm abnahm und so dem Feind, im wahrsten Sinne des Wortes, den Kopf auslieferte. Nun, Ganon hatte keines Wegs vor sich zu ergeben, jedoch zeigte seine Geste seine friedliche Absicht, mit der er hierher kam.


Ihm gefiel es nicht sich auf feindlichem Gebiet zu begeben. Er hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, doch sein Verstand belehrte ihn eines besseren. Schließlich schritt der Thronfolger Hyrules neben seinem Pferd her. Er hatte einen Packt mit dem Jungen geschlossen, Ganon wollte ihm seinen Wunsch erfüllen, sofern er in der Lage dazu war.
„Link!“, rief eine hysterische Stimme.
Link fuhr auf und blickte sich suchend um, freudig. Denn es war seine Mutter, die nach ihm gerufen hatte. Augenblicklich war seine Aufgabe vergessen, jetzt hatte er nur noch seine Mutter im Kopf. Sogleich verließ er auch seinen Posten – was übrigens äußerst unhöflich war.
Mit dem Helm in der Hand rannte er zu der Mauer aus Soldaten, dorthin von wo er seine Mutter hatte rufen hören.
„Mutter!“, rief er aufgeregt zurück. „Mir geht es gut! Mutter!“
Die doofen Soldaten dachten gar nicht daran ihm aus dem Weg zu gehen, also schupste und drängelte er mit seiner kindlichen Kraft und aus lauter Staunen machten die Soldaten tatsächlich Platz.
Seine Mutter, noch immer Tränen in den Augen, legte sich die Hand vor den Mund. Sie konnte ihren Augen nicht trauen.
„Link! Mein kleiner Link!“, strahlte sie. Ebenso strahlend stürzte er ihr in die Arme. Vollgefüllt von dem Gefühl der Erleichterung erwiderte die Mutter seine Umarmung. Der Helm baumelte in Links Fingern.


Währenddessen hatte Ganon den Torbogen, der den Weg hinauf zum Schloss beginnen ließ, erreicht, doch keinen Schritt kam er weiter. Denn die Soldaten hatten sich ihm in den Weg gestellt und zu Massen streckten sie ihm ihre Speerspitzen entgegen.
Natürlich kam er nicht weiter, denn sein einziger Verbündeter heulte in den Armen seiner Mutter. Diese Tatsache hatte ihn jedoch nicht aus seinem Konzept gebracht, keines Weges. Schließlich war er der stolze König der Wüste.
Nun zügelte er also seinen Rappen und begnügte sich damit abzuwarten. Mit kaltem und arrogantem Lächeln blickte er die wohlgefüllten Reihen der Soldaten ab. Er saß in der Höhle des Löwen, das wurde ihm erst jetzt richtig bewusst.
„Was wollt Ihr hier, in der Hauptstadt des Reiches Hyrule?“, fragte eine vertraute Stimme in seinem Rücken. Er drehte sich nicht um.
Doch gleich kam der General und stellte sich zwischen Ganon und die Speerspitzen. Mit ebenso kalter Mine blickte der Mann Ganon ins Gesicht.
Ganon schnaufte abfällig. „Nun, meine Freizeit plane ich hier gewiss nicht zu verbringen.“
„Lasst Eure Scherze! Ich fragte nach Eurem Motiv!“, zischte der General zurück.


„Ich wage kaum zu glauben, dass Ihr Heerführer seid!“, lachte Ganon. „So geschäftlich wie ihr schon bei unserer ersten Begegnung geklungen habt, hättet Ihr einen viel besseren Viehhändler abgegeben!“, züngelte Ganon mit verruchter Stimme. Des Generals Mine veränderte sich kaum, allerdings lief es feuerrot an. Ganon war zufrieden, es war ihm ein Vergnügen zu provozieren.
„Was soll das? Was habt Ihr vor? Erst nehmt Ihr eine Geisel und dann händigt Ihr sie persönlich noch zu Hause aus?“, verlangte der General zu wissen. Dabei sagte er es ganz ernst und ohne jegliche emotionale Erregung, wo es doch um seinen Sohn ging. Zumindest versuchte er das. „Ist das ein Hinterhalt?“
„Ein Hinterhalt?“, Ganon lachte noch lauter. „Seid nicht albern! Wie sollte ich Euch hintergehen, wenn ich mir noch nicht einmal leisten kann mit der Wimper zu zucken ohne von Pfeilen durchbohrt zu werden.“


„Was – verdammt noch mal – wollt Ihr dann hier? Ihr seid hier nicht erwünscht, also sprecht oder verschwindet!“, knurrte der Hauptmann ihn an. Knurrte der Hauptmann einen König an!
Als Link seinen Vater brüllen hörte, war er mit einem Schlag wieder bei klarem Verstand. Und er war sich auch wieder bewusst wie gefährlich diese Lage war.
Für den Frieden Hyrules, und vor allem für den König der Gerudos, den er zum Freund gewonnen hatte. Ja, Ganon und er waren Freunde geworden, in der Zeit, die er im Wüstenreich verbracht hatte.
Ganon war ihm ein guter Gastgeber gewesen, nun musste er einer sein!
„Oh, nein!“, keuchte er und wand sich aus den Armen seiner Mutter.
Erstaunt ließ die Mutter los. „Link…?“
„Ich muss das jetzt regeln, Mutter.“, erklärte er ihr und rannte davon.
„Aber, Link… Nein…“ Amalea blieb verwirrt zurück.


Ganon war sehr in Versuchung einfach sein Schwert zu ziehen und dem General den Kopf abzuschlagen. Jetzt spuckte dieser alte Mann Töne, natürlich, jetzt konnte er es sich ja auch erlauben.
„Nein, Vater! Warte! Lass mich erklären!“, kreischte Link, weil er von Ganons Versuchung ahnte und auch befürchtete, dass sein Vater etwas Unüberlegtes tat.
„Ach, dass du die Güte hast endlich zu kommen!“, zischte Ganon ihn übellaunig an.
Link verbeugte sich tief. „Entschuldigt, König der Wüste. Ich war kurz abgelenkt.“
Ganon stemmte sein Kinn mit der Hand ab. „Ich werde es dir schon nicht übel nehmen, wenn ich meine Zeit nicht weiter unnötig verschwendet sehe.“
Link nickte und versuchte sich zu sammeln. Während sein Vater perplex zwischen ihm und Ganon unentwegt hin- und herblickte. Langsam zweifelte der General an seinem Verstand.
„Was? Wie…“, noch nicht einmal ein Satz war ihm vergönnt.
Plötzlich ergriff Link seine Hand und presste sie kurz aber ehrerbietig gegen seine Stirn. „Ich bin es Vater, ich bin unversehrt! Doch jetzt ist nicht die Zeit sich zu wundern.“ Link übergab den Helm seinem Vater und räusperte sich. „Erster General von Hyrule, ich bitte Euch hört mich an! Die gnädige Majestät des Wüstenreiches *Ui, habe ich da zu dick aufgetragen? ^^* ist gewillt mit dem König über Hyrule einen Waffenstillstand zu verhandeln und endgültig Frieden zwischen den beiden Völkern zu schließen. Darum erbitt…“, als er Ganons sich verziehendes Gesicht sah, schwankte Links Stimme kurz. „…verlangt er eine Audienz mit unserem ehrwürdigen König. Deshalb, Vater – bitte! Ich bin der beste Beweis! Meine Freilassung ist ein Willkommensgeschenk für unseren König!“
„Aber…“, noch immer hatte sich der General nicht gefasst. „Woher der plötzliche Wandel?“


Da Link sich weder erlauben konnte – und auch wollte – den König der Wüste vor allen Leuten bloß zu stellen und somit vielleicht sogar den künftigen Frieden zu gefährden, suchte er nach einer Möglichkeit einer Antwort zu entgehen. „Das ist jetzt unwichtig, viel wichtiger ist dass…“
Doch es war Ganon selbst, der die Wahrheit preisgab, die ihn in ein weniger stolzes Licht stellte. „Er hat etwas getan, das mich tief in seiner Schuld stehen lässt. So gewährte ich ihm, um diese zu tilgen, einen Wunsch. Euer Sohn, der klüger ist als alle Männer Hyrules zusammen, wünschte sich ein Friedensabkommen zwischen meinem Reich und dem Euren. Das ist der Grund meines Erscheinens!“
Dem General wurden die Augen geöffnet. Und nicht nur ihm, allen Hyrulianern, die diese Worte hörten. Ein Aufatmen, ob nun aus Erstaunen, Erleichterung oder doch nur aus Misstrauen, ging durch die Menge. Selbst so mancher Soldat ließ für einen Atemzug seinen Speer oder Bogen sinken um seinem Staunen Ausdruck zu verleihen, nur um gleich wieder in Bereitschaft zu stehen.
Viele Atemzüge verstrichen untätig. Ohne dass sich auch nur ein Grashalm bog.
Es war eine Stille, die nichts Gutes verhieß, die auf den Leuten lastete wie eine schwere Wolldecke. Und die einem doch die Kälte in die Knochen trieb.
Keiner konnte behaupten, dass er Silenzia, die Göttin der Stille, in diesen Augenblicken, da nichts geschah, nicht verflucht hätte. Obwohl auch keiner wagte, sich ihrem Bann zu widersetzen.
Jedoch, tat es einer schließlich –


„Gebt mir Euer Schwert und ich leite unverzüglich die Vorbereitungen ein!“, forderte der General. Es traf Ganon wie ein Faustschlag ins Gesicht.
Und auch Link überkam ein Schauder eisigen Schreckens. Doch er war sich sicher, dass sein Vater genau wusste, was er da tat, was er da verlangte!
Gewiss, die Gerudos waren alle vollkommen unbewaffnet, auch der König. Nur sein Schwert trug er am Hüftgürtel. Denn es war ein Wahrzeichen der Könige stets das eigene Schwert zu tragen. Es diente in, friedlicher Hinsicht, nicht als Waffe, sondern als Symbol der Macht und des Wohlstandes des Königs. Je schöner und kostbarer es war als umso mächtiger und reicher galt der König.
Und Ganons Schwert war kostbar! Der Griff mit seltenen roten Rubinen besetzt und in der Klinge Runen der alten Sprache eingearbeitet.
Der mit der dunklen Macht Gesegnete


Dunkle Macht deshalb, weil er in vielen Gegenden als grausamer König mit schwarzmagischen Fähigkeiten galt. Es hieß er habe sich mit dem Teufel verbündet. Darum hatte er sich diese Gravur erlaubt.
Doch nun verlangte der General Hyrules von ihm sein Schwert abzugeben – und somit sich bis aufs Tiefste erniedrigen zu lassen. Vor dem gemeinen Volk sollte er sich unter die Macht des Gegners stellen. Denn nichts anderes bedeutete diese Geste, dem Feind nicht als Gleichgestellter entgegen zu schreiten, sondern als einfacher Fremdling, mehr noch, als Gefangener ohne eigenen Willen, vor den hiesigen Herrscher zu treten. Das war die größte Erniedrigung, die es für einen König gab.
„Nein!“, sagte Ganon schlicht.
„Nein?“, wiederholte der General. „In Eurer Lage glaube ich kaum, dass Ihr Euch weigern solltet.“


Mit immer wieder sich öffnendem und schließendem Mund, stierte Link von einem zum anderen. Doch er war außerstande etwas zu erwidern. Er wagte es nicht, denn es lag nicht in seiner Gewalt sich hier einzumischen.
Ganon blieb gelassen. „Herr Feldführer, sicher habt Ihr allen Grund mich derart gedemütigt sehen zu wollen, das streite ich nicht ab. Ebenso bin ich mir meiner Lage wohl bewusst. Und dennoch ist meine Antwort die gleiche – Nein!“
Nun verzog sich das Gesicht des Hauptmanns zu einer finsteren Wut und Ungeduld und Rachsucht, für die Demütigung seines Sohnes. „Dann seid Ihr und Eure Männer des Todes!“
Ganon setzte sich in seinem Sattel zur vollen Größe auf. „Dann soll es so sein. Schickt uns allesamt ins Jenseits, doch dann rate ich Euch keine wandernden Gaukler mehr in Euer Land zu lassen, denn sie werden alle den feigen König von Hyrule besingen, der seine Gegner besiegt, indem er sie, unbewaffnet wie sie sind, in seine Stadt lässt um sie vor den Augen der Frauen und Kinder niederzumetzeln! Es ist besser die Nachricht verbreitet sich nicht ganz so schnell, damit Euer König sich noch einige Nächte friedlich in seinem Daunenbett wälzen kann.“
Ganon hob die Arme hoch und schrie: „Na los doch! Ihr Bogenschützen, durchlöchert mein Hirn wie es euch beigebracht wurde! Kurz und schmerzlos!“
Die Arme der Bogenschützen zitterten. Die Seiten der Bögen spannten sich bis zum Anschlag. Doch Keiner rührte sich. Es war noch nicht einmal gewiss, ob sie dann schießen würden, wenn ihr Kommandant das Signal gab. So sehr wühlten die Worte Ganons sie auf. Während Ganon dem General in die Augen blickte, ohne jede Furcht.
„Vater, bitte…“, versuchte Link die Situation zu entspannen. Doch sein Vater wehrte ihn mit einer Handgeste ab. Stattdessen winkte der Kommandant einen Soldaten heran. „Geh und berichte dem König!“, befahl er ohne sich umzudrehen. Sofort schickte sich der Soldat.


Dann gab der General ein Zeichen. Doch es war nicht das zum Angriff. Seine Männer ließen die Waffen sinken. Bögen entspannten sich, Speere wurden zurückgezogen. Der Weg zum Schloss frei.
Der General drückte seinem Sohn den Helm in die Hand. Und wandte sich nun um. Ein paar Schritte wartete Ganon ab, dann setzte er sein Pferd in Bewegung. Seinen Männern jedoch, gebot er von den Pferden zu steigen und zu laufen. Nicht ganz ohne Murren übergaben sie die Zügel den bereitstehenden Soldaten und folgten ihrem König.
Link aber blieb zurück und sah dem Marsch aus hyrulianischen Soldaten und Wüstenkriegern nach. Ganon thronte auf seinem Pferd noch immer im ganzen Stolz. Er war ein König, nicht nur auf weltlicher Basis, auch seine Seele kam der eines großen Königs gleich.


Er stand da, mit dem Helm in der Hand und voller Zweifel. Diese Wut, die sein Vater auf Ganon hatte, die war unübersehbar gewesen. Und wenn schon sein Vater kein Verständnis und keine Freundlichkeit aufbrachte, wie sollte der König von Hyrule das schaffen? Dem über Generationen hinweg nur Hass gegen das Gerudovolk gelehrt worden war.
Unentwegt überlegte Link sich wie er es schaffen könne an den Verhandlungen teilzunehmen. Er wollte so sehr, dass wenigstens er Partei für Ganon ergreifen konnte, weil kein Hyrulianer sonst es tat. Er konnte doch berichten, von dem Leid und dem Elend des Wüstenvolkes. Von der Armut und der Dürre, die wie ein Fluch auf dem Gerudotal lagen.
Aber auch wenn er Geisel war und als Zeuge hätte aussagen können, sein Alter verbot es ihm. Leider half ihm da nicht einmal sein hoher Stand. Er war einfach zu jung! Er hatte noch kein Anrecht auf freie Rede!
Verdammt!


Nicht nur er sah dem Marsch nach, auch die Soldaten und die Bürger konnten den Blick so lange nicht abwenden, bis kein einziger Soldat mehr zu sehen war. Und dann wusste Link noch immer keine Antwort. Es blieb ihm nichts anderes übrig als abzuwarten und zu hoffen. Wie auch die anderen Bewohner der Stadt, wenn sie auch auf etwas gänzlich anderes hofften…
Die Verhandlungen dauerten fünf Tage an, doch das wusste weder Link noch sonst jemand. Noch nicht einmal die verhandelnden Könige. Und auch nicht die Gerudokrieger, die noch am selben Abend des Eintreffens in die Stadt hinunter kamen um Unterkunft im besten Gasthaus der Stadt zu erhalten. Ihr König selbst, was verständlich und natürlich die Pflicht jeden gastgebenden Königs war, hauste während seines Aufenthalts in einem speziell für ihn eingerichteten Teil des Schlosses. Und in diesen privaten Gemächern auch seine engsten Ratgeber.
Dana und Murrey waren darunter und zwei der ältesten Männer des Gerudostammes. Jeden Tag kam Murrey für eine Stunde herunter um den wartenden Kameraden zu berichten, die fast krank vor Sorge und Wut darüber waren, ihren geliebten König in der Hand des Feindes zu wissen, ohne an seiner Seite zu sein. Er berichtete kurz und äußerst knapp was heute gesagt worden war. Dann klopfte er auch an eine Haustür in dem besten Viertel der Stadt. Es war das Haus des obersten Heerführers, Links Vater. Ja, er hatte den Befehl auch Link über die Verhandlungen zu informieren, wenn auch ihm gegenüber vieles nur sehr knapp oder gar verheimlicht wurde.


Dann am Abend des fünften Tages spielte Link draußen am Brunnen. Mit den anderen Kindern. Er saß auf dem Brunnenrand und trug Ganons Helm. Natürlich war er ihm viel zu groß und rutschte ihm ständig vor die Augen sodass Link ihn immer wieder zurückschieben musste. Die Stadtkinder saßen neben ihm auf dem Rand oder sogar vor ihm auf dem Boden und lauschten seinen Worten. Sie hingen allesamt an seinen Lippen wie die Fliege am Honig.


Zu seiner Rechten jedoch saß keine geringere als Zelda, die einzige Tochter des Königs von Hyrule und legitime Thronerbin und seine ihm Versprochene. Allerdings waren sie beide ja noch zu jung um überhaupt irgendetwas von der Beziehung zwischen Mann und Frau zu verstehen und so waren sie bis jetzt einfach nur die besten Freunde, die sich schon seit der Wiege kannten und mochten.
Allerdings hatte Zelda keines ihrer kostbaren Seiden- oder Brokatkleider an und trug auch nicht ihren teuren Schmuck und ihr Diadem, das sie als Prinzessin kennzeichnete. Nein, gerade trug sie die ebenso billigen wie schlichten Kleider eines einfachen Händlermädchens aus der Stadt. Natürlich konnte sie damit keines der Stadtkinder täuschen, alle Kinder wussten wer sie war und erkannten sie sofort, wenn sie einmal wieder den unbändigen Drang hatte aus dem Schloss auszubüchsen und an ihren Spielen und Albernheiten teilzuhaben.


Impa, ihr Kindermädchen und gleichzeitig auch ihre Leibwächterin, trug ebenfalls einfache Kleidung, die Kleidung, die sie auf Zeldas Flehen hin einmal von einer ihr ergebenen und vertrauenswürdigen Zofe hatte am Markt kaufen lassen, für sie und Zelda. Gerade ging sie die Stände entlang und tat als suche sie noch Eier fürs Abendessen, obwohl sie Zelda nicht einen Atemzug lang aus den Augen ließ. Unter ihrer Bäuerinnentarnung trug sie ihren Dolch, stets bereit bei Gefahr zuzuschlagen und Zelda zu schützen.


„Komm schon! Erzähl noch mal!“, forderte Zelda von Link und ihr blondes und zu einer Bauernfrisur geflochtenes Haar, das jedoch so geschickt und kunstvoll geflochten, dass man bei näherem Hinsehen erkennen konnte, das ein echter Adelsfrisör hier sein Werk getan hatte, wehte leicht.
Seitdem er allen die ganze Geschichte, angefangen von seinem erbettelten Ausflug mit seinem Vater bis zu der Ankunft in Hyrule auf dem Pferd des Gerudokönigs, erzählt hatte, bekamen sie sie gar nicht oft genug zu hören. Immer und immer wieder hatte er sie erzählen müssen und mit jedem Male wurde sie imposanter, dramatischer, gefährlicher.
Es wunderte sie alle warum nicht schon längst Kinder fressende Hexen oder Feuer spuckende Drachen darin vorkamen.
„Also“, fuhr er fort. „die letzten Tage in der Gerudofestung waren die besten meines Lebens! Ich muss euch unbedingt die Spiele der Kinder dort beibringen, vergesst nicht mich daran zu erinnern! Und ich habe an ihrem Training teilgenommen, ihr ahnt ja gar nicht wie hart das ist! Unseres dagegen ist nichts, gar nichts! Aber ich habe durchgehalten, bis zum Schluss!“, strotzte er stolz und trommelte gegen seine Brust. „Und am Tisch saß ich auf dem Platz der Königin neben dem Gerudokönig und habe mit ihm gespeist, wisst ihr das? Aber das Essen dort ist karg! Es gab kaum Fleisch, mehr Fisch, weil unter ihnen der Quellfluss des Hyrulesee vorbeifließt. Sie haben einen gewundenen Tunnel durch den Fels gesprengt um die vielen Schritte des Abgrundes nach unten zu kommen und zum Fluss zu gelangen. Und komische Früchte gibt es dort, das schwöre ich bei der Jungfräulichkeit unserer Prinzessin!“
„Hey!“, beschwerte sich Zelda und schupste ihn. Sie brachen in schallendes Gelächter aus, sodass sogar die werbenden Händler und die feilschenden Kunden übertönt wurden und sich ärgerlich zu ihnen umdrehten.


Als aus einem der oberen Fenster eines großen Hauses eine fette alte Frau zu ihnen herunter schrie, verstummten sie augenblicklich.
„Jedenfalls“, fuhr Link, deutlich leiser, fort. „gab es Nüsse, die waren noch härter als Wallnüsse aber zehnmal so groß, und haarig! Die Gerudos bohren Löcher hinein und lassen erst einmal den Saft heraus fließen, ehe sie sie mit einem Stein zertrümmern. Das Fleisch der Nuss ist weiß und schmeckt gar nicht mal so schlecht. Und der Saft auch nicht!“
„Was? Nüsse, die Säfte haben wie Früchte? Das ist doch gelogen!“, argwöhnte Zelda.
„Nein, ich lüge nicht! Kokosnüsse heißen sie!“, rechtfertigte sich Link.


Nun spaltete sich die Gruppe der Stadtkinder. Einige stellten sich auf Zeldas Seite und stellten seine Worte in Frage, weil sie es auch von sich kannten, dass sie übertrieben und erfanden, wenn es um eigen erlebte Geschichten ging. Die Anderen, ein deutlich größerer Teil, stand aber voll und ganz hinter Link.
Nun beschäftigten sie sich damit ob nun Link die Wahrheit sprach und es wirklich Nüsse gab, die wie Früchte bluten konnten oder eben nicht. Sicher, es war albern und kindisch, doch sie waren ja auch Kinder und konnten sich den ganzen restlichen Tag mit derlei Belanglosigkeiten beschäftigen.
Wenn sie nicht jäh unterbrochen worden wären. Denn vom Weg vom Schloss zum Marktplatz kam eine Eskorte hyrulianischer Kronritter herunter. Vor ihnen schritt einer der königlichen Ausrufe, mit einem Banner in der Hand, dass das Wappen Hyrules trug.


Drei aufeinander gestapelte Dreiecke, die wiederum ein großes Dreieck bildeten. Golden mit weißem Hinterrund. Diese Dreiteiligkeit des Wappens sollte schon seit Jahrhunderten die drei Gaben der hyrulianischen Könige symbolisieren. Kraft, Weisheit und Mut. Das was einen König auszeichnete.
Der Ausruf stellte sich auf das kleine Podest, das extra für Bekanntgaben und Nachrichten angefertigt und gut sichtbar auf dem Marktplatz aufgestellt worden war. Den Banner übergab er einem Ritter und holte die Schriftrolle heraus, die er bei sich trug.
Mit gekonnter schauspielerischer Geste entrollte er sie und hielt sie feierlich vor sich. Mit laut posaunender Stimme schrie er in die verstummte Menge hinein, in der nur lediglich ein Huhn hier gaggerte und ein Säugling da zu schreien begann.


„Bürger dieser Stadt Hyrule, der größten und prachtvollsten Stadt überhaupt…“ Die Menschen johlten selbstgefällig über diese kraftvolle Anrede. Was Link allerdings missfiel, weil er so ungeduldig war und endlich die Botschaft hören wollte, für die der Ausruf gekommen war. Im Augenwinkel sah er, dass auch die hier verweilenden Gerudokrieger ihn bemerkt hatten und nun zusammengepfercht ebenfalls der Nachricht lauschten, denn sie handelte gewiss von ihrem Gebieter.
Als die Menge sich beruhigt hatte fuhr der Ausruf fort: „Ich bringe Kunde von unserem heiligen König! Mit Freuden lässt er seinem Volk ausrichten, das nun, nach Tagen schwerster politischer Debatten endlich – seit hunderten von Jahren – ein Friedensabkommen zwischen den Hyrulianern und den Gerudo ausgehandelt worden ist! Der Vertrag wurde in meinem eigenen Beisein von beiden Königen unterzeichnet und ist umgehend rechtskräftig! Das Volk von Hyrule kann endlich wieder aufatmen, der Krieg und die Zeit der Unruhen sind nun endgültig vorbei!“
Als er endete brach die Menschenmenge erneut in Jubelgeschrei aus. Männer und Frauen schrieen sich gegenseitig die Ohren wund und stießen ihre Arme in die Höhe. Wie groß waren die Freude und die Erleichterung über den eingekehrten Frieden im ganzen Reich. Nun gab es nichts mehr zu befürchten und nun war ihr König der mächtigste Mann auf diesem Grund und Boden und hatte mit jedem Stammesherrscher Frieden geschlossen.


Aus lauter Euphorie begannen die musikalisch Begabten nach ihren Instrumenten zu greifen und wie wild darauf zu spielen. Die Leute der Stadt tanzten ausgelassen und Bier wurde ausgeschenkt wie aus der Quelle eines genährten Sees. Es war die ausgelasenste Stimmung seit eh und je in Hyrule.
Auch die Kinder stimmten freudig mit ein. Sie umarmten ihre Mütter und Väter und lachten mit ihnen und fielen ebenfalls in den Gesang ein. Es war die Hymne der Väter von Hyrule.
Zelda packte ihn an den Armen und riss ihn herum. Sie begannen zu tanzen. Und zwar so wild, dass Link sich gar nicht halten konnte.
„Nicht so schnell, Zelda!“, lachte er. Da war es schon geschehen, der Helm fiel ihm vom Kopf und auf den Boden. Kreidebleich geworden riss er sich frei und nahm den Helm. Einer gründlichen Inspektion unterzog er die prunkvolle Kopfbedeckung und stellte erleichtert fest, dass keine Schramme ins Metall gerissen worden war. Dann sah er lächelnd zu den Gerudokriegern hinüber, die noch immer zusammengewürfelt auf dem Fleck standen. Doch als er ihre Gesichter sah verging ihm die Heiterkeit.


Die gebräunten Männer und Frauen waren alles andere als ausgelassen und in Feierlaune. Im Gegenteil, sie wirkten beunruhigt und besorgt.
„Komm, Link! Lass uns tanzen!“, forderte Zelda ihn auf, doch er hielt sie mit seinem ausgestreckten Arm zurück. Überrascht blieb sie stehen.
„Ich bin gleich wieder da, Zelda, in Ordnung?“ Doch er wartete ihre Antwort gar nicht erst ab. Stattdessen rannte er zu den Gerudos hinüber. Sie bemerkten ihn erst nicht, weil sie sich zusammengezogen hatten um leise miteinander zu sprechen.
„Was ist los?“, wandte er sich an einen jungen Mann, gerade erst das Erwachsenenalter von sechzehn Jahren erreicht. Link kannte ihn gut. Pervo hieß er.
Die Gerudos verstummten und Pervo drehte sich zu ihm um. „Gar nichts.“
„Stimmt nicht.“, setzte er nach und schüttelte den Helm in seiner Hand. „Wenn gar nichts ist, warum schaut ihr dann so besorgt drein?“


Pervo sah zu der älteren Frau, die, solange ihr König abwesend war, das Kommando führte. Sie nickte ihm zu.
„Ich weiß nicht so recht. Wir trauen dem ganzen nicht.“, erwiderte Pervo.
Link war sichtlich erschrocken über seine Worte. „Was meint ihr damit? Glaubt ihr nicht an den Frieden?“
„Hey, hey.“, setzte Pervo rasch hinzu. „Es ist nicht so, dass wir unseren ehrwürdigen König eines geplanten Hinterhalts beschuldigen. Zu so etwas Abscheulichem und Entwürdigendem ließe sich unser König niemals herab. Aber…“ Pervo senkte den Blick und sprach nicht weiter.
Link sah forschend in die Gesichter der anderen, doch auch sie wichen ihm aus, selbst die ältere Frau.
„Ihr traut es unserem König zu.“, schlussfolgerte Link.


Nun sprach die Frau, die das Kommando hatte, selbst. „Nein, Link. Auch dein König macht so etwas nicht, es sei denn, er will, dass er und seine Nachkommen auf ewig das Gesicht verlieren. Allerdings sind wir ein recht misstrauisches Volk und ahnen nichts Gutes was unseren König betrifft.“
Link verstand immer noch nicht. „Was soll ihm den schon geschehen? Der Frieden ist ausgehandelt, nun wird euch geholfen. Ihr werdet sehen, der Handel wird Einzug in euer Land nehmen und dann bekommt ihr so viel Wasser und Essen und andere Waren, dass…“
„Link!“, unterbrach Pervo ihn. „Es geht weder um den Handel noch um Verrat!“
„Aber was ist es dann, was euch so bedrückt!“, flehte Link endlich zu erfahren.


Erneut wartete Pervo unsicher auf die Zustimmung der Kommandantin. Diese gab sie ihm durch ein Nicken. „Es geht“, erwiderte er. „um den Preis, den unser König als Faustpfand an euren zu zahlen hat.“
Schlagartig dämmerte es Link. Natürlich! Frieden bedeutete, dass Ganon sich dem König von Hyrule unterworfen und ihm ewige Treue geschworen hatte. Als Beweis und gleichzeitig als Garantie dafür musste der König unweigerlich ein Geschenk von Ganon einfordern und Ganon hatte es ihm zu geben. Es musste etwas sehr Wertvolles für Ganon sein, damit der hyrulianische König einen möglichen Verrat schon im Keim ersticken konnte, damit er Ganon unter die Nase reiben konnte in welche Schande er fallen würde, wenn er auch nur von Verrat träumte.
Doch was war dieses Geschenk?
„Und was glaubt ihr ist das?“, fragte Link. „Habt ihr irgendeine Vermutung?“
Die Gerudos sahen sich an.


„Wir haben eine, doch wir flehen unsere Göttin Shjra an, dass wir falsch liegen! Das darf nicht sein!“ Die alte Frau fuhr sich mit den Fingern durch die Haare.
„Was ist es?“, drängte Link.
Die Frau drehte sich um und verschwand im Inneren des Gasthofes. Ihr folgten alle Gerudos. Bis auf Pervo, der blieb zurück.
„Ist schon in Ordnung, Link.“, sagte er und klopfte ihm aufheiternd auf die Schulter. Allerdings misslang sein Lächeln. „Es ist nicht deine Sorge und unsere sollte es auch noch nicht sein. Vielleicht liegen wir ja falsch. Ja, bestimmt sogar! So grausam ist euer König nicht, oder?“ Dann lachte Pervo gekünstelt und verschwand ebenfalls im Gasthof.
Am Morgen des sechsten Tages zog ein Marsch von hyrulianischen Soldaten, in ihren prachtvollsten Rüstungen gehüllt, die mehr der Feierlichkeiten dienten als dem Schutz im Kampf, vom Schloss in den Marktplatz ein. Schon am frühen Morgen hatten sich alle aus den Betten gequält, jedoch nicht wegen der täglichen Arbeit, nein, heute weil sie schon auf diesen Marsch gewartet hatten und möglichst gute Plätze erhaschen wollten.


Auch Link zählte unter denen, die in der vordersten Reihe verweilten. Nicht aber weil er besonders früh aufgestanden war, sondern weil er eine Platz weit vorne haben musste. Als die Ankündigung des Zuges kam war seine Mutter sofort auf den Beinen gewesen ihn seine feinste Festkleidung anzulegen. Schließlich musste er noch den Helm an den Gerudokönig zurückgeben. Sie hatte ihn am Abend zuvor von einer Magd zum Juwelier bringen lassen um ihn gründlich reinigen zu lassen und hatte ihn noch vor dem Sonnenaufgang von derselben Dienerin abholen lassen.
Nun hatten sie alle abgewartet und der Zug war eingetroffen.
Etliche Reihen von Elitesoldaten gingen die Hauptstraße entlang und durchquerten feierlich den Marktplatz. Die Menge grölte und jubelte ihnen zu. Doch sie gingen eisern ihres Weges, jedoch mit einer Leichtfüßigkeit, die nur Frieden bedeuten konnte. Bannerträger waren unter ihnen, die allesamt das Wappen Hyrules trugen.
Dann endlich erblickte man das, worauf alle so ungeduldig gewartet hatten. Sein Vater, der Hauptmann der königlichen Streitmacht, schritt auf den Marktplatz ein. Er ging zu Fuß, doch hatte er in beiden Händen jeweils die Zügel eines Rappen und eines Schimmels.
Die beiden Könige saßen auf ihrem Pferd, ließen sie nebeneinander traben und blickten in die Menge. Nun nahm das Geschrei der Leute ein unermessliches Ausmaß an. Viele Pfiffe durchschnitten die, von jubelnden Mündern und klatschenden Händen erfüllte, Luft. Einige der Schaulustigen schrieen unentwegt „Hyrule, Hyrule, Hyrule, Hyrule!“
Auch aus allen Fenstern, Türen, Balkonen, sogar Dächern platzten die schreienden Leute. Ihr Herrscher, der König von Hyrule, winkte feierlich der Menge zu und viele kleine Kinder winkten begeistert zurück, weil sie es nicht anders wussten.


Ganon jedoch blickte voller Stolz und Arroganz in die Menge, als sei nun allein er der König über alles. Doch trotz allem wurde auch ihm zugejubelt.
Link musste lachen, denn ihm fiel der krasse Gegensatz zwischen den beiden Königen auf.
Der König von Hyrule, der auf dem weißen Pferd saß, war gar in die prächtigsten Gewänder gehüllt, die jemals ein einfaches Bürgerauge erblickt hatte.
Hemd und Hose waren aus Seide von bester Qualität und mit einem Muster aus echten Goldfäden gestickt. Um die Schultern und vor der Brust mit einer goldenen Schnalle auf der sein Wappen prangte, gehalten, baumelte ein schwerer Mantel in königsblau, wie die dunkle Farbe genannt wurde. Armgelenke und Finger zeugten schwer von dem ganzen Goldschmuck, den Armreifen und Goldringen, mit Aquamarinen, Topazen und anderen leuchtenden Edelsteinen besetzt. Auf dem Kopf fein eine polierte Krone mit dicken Rubinen bespickt.
Und dennoch war der Mann selbst ein alter und träger Greis. So plump und hässlich saß er im Sattel seines Schimmels wie ein Bauer. Der mächtige Bauch sprang aus ihm heraus als hätte er sich gleich zwei Kissen unter sein Hemd gesteckt. Der Kopf lag so dicht an den Schultern, dass der Hals kaum vorhanden war. Die Falten und das graue Haar erzählten von den vielen Jahren, die er bereits auf dem Buckel hatte.


Und neben ihm ritt in ärmlicher Tracht der Gerudokönig. Ganon trug einfache schwarze Kleidung aus Leinen und Leder und nur der gereinigte Brustharnisch ließ sich zumindest mit einem höheren Soldaten vergleichen. Ebenso fiel der Goldschmuck aus, nur die goldene Kette mit dem Blutrubin baumelte an seinem Hals und das Diadem leuchtete auf seiner Stirn.
Und dennoch, trotz seiner Armut, saß Ganon stolz und galant auf seinem schwarzen Rappen und schien über aller Köpfe zu thronen. Er war ein gut aussehender Bursche, so stolz und mit harten und seiner Gestalt schmeichelnden Gesichtszügen. Der Körper trainiert und straff und stark. Und von einer erfrischenden Jugend, dass man ihm ansah, er war erst am Anfang seiner Regierungszeit. Darum ruhten wohl auch die Augen der jungen Leute in der Menschenmenge auf ihm. Die der Mädchen bewundernd, die der Jungen beneidend.
Ganon war ein attraktiver Mann und die ältesten Hyrulianer, die ihren König noch in seiner Jugendzeit kannten, mussten sich eingestehen, dass ihr König in seinem Alter niemals so schön und stolz gewesen war.
*Ach Gott, fange ich schon wieder an zu übertreiben? Tu ich es schon wieder? ^^*


Seine Mutter stand hinter ihm und nun stupste sie ihn an. Link sah zu ihr auf. Auch sie hatte sich fein gemacht für diesen triumphalen Augenblick. Sie war wirklich eine schöne Frau und er war stolz darauf eine solche Mutter zu haben. Und er musste ganz unwillkürlich an Naboru, Ganons Frau, denken. Sie war noch hübscher als seine Mutter, weil sie viel jünger war, aber ihr fehlte etwas, was schöne Frauen erst im Alter erlangten. Eine selbstbewusste und Geborgenheit verheißende Aura.
„Na? Jetzt geh endlich!“, flüsterte sie ihm aufmunternd zu. Nervös drehte er den Helm in seinen Händen und atmete langsam und tief aus.
Dann schritt er über die Linie, hinter der die Schaulustigen zu stehen hatten, hinweg und stellte sich vor seinen Vater. Der hyrulianische General blieb stehen und nickte ihm auffordernd aber stumm zu. Erneut atmete er aus und schritt neben den schwarzen Rappen um Ganon seinen Helm entgegen zu halten.


„König des Wüstenvolkes“ Link verbeugte sich leicht. „Ihr übergabt mir Euren Helm und nun bringe ich ihn Euch.“
Ganon tat überrascht, als hätte er ihn vollkommen vergessen. „Ach, danke. Sonst hätte ich ihn noch vergessen.“ Er nahm ihn entgegen, setzte ihn jedoch nicht auf, sondern machte ihn am Sattel fest. Als er fertig war nickte er dem General zu und gab ihm somit zu verstehen, dass sie weitermarschieren konnten. Die Pferde setzten sich von neuem in Bewegung.
Eigentlich hätte Link sich jetzt wieder zu seiner Mutter begeben müssen, denn sein Auftrag war erfüllt. Jedoch… Verstohlen sah sich Link um, als wäre er im Inbegriff etwas an sich zu reißen was nicht ihm gehörte. Und er stellte sich einfach neben seinen Vater und schritt an seiner Seite mit.


Hinter den Königen marschierten noch zehn Reihen der prächtigen Soldaten, doch im Gegensatz zu ihren Vorgängern waren diese bis auf die Zähne bewaffnet. Nicht nur ihre Schwerter und Schilde hatten sie auf dem Rücken, sondern allerhand versteckte Dolche und Messer überall versteckt. Ein Messer hatten sie sogar im Schritt festgebunden.
Nachdem diese zehn Reihen davon geschritten waren hielt der Bannerträger hinter ihnen an und gab den Gerudos, die vor der Gaststätte gewartet hatten, ein Zeichen. Die Krieger, die schon längst aufgesattelt waren, weil sie wussten, dass die Abreise kurz bevorstand, gliederten sich zwischen den zehn bewaffneten Reihen und dem Bannerträger, der das Schlusslicht bildete, ein. Zwischen den Ratgebern ihres Königs, die bereits den Weg vom Schloss in dieser Position geritten waren. Sie zogen von Dannen.
Der König von Hyrule blickte verwundert zu ihm herab. „Link, du bist ja noch hier?“ Sie hatten erst jetzt seine andauernde Anwesenheit bemerkt, als sie die Reihen der Schaulustigen verlassen hatten.
Ein kleiner Schauder lief über Links Rücken. „Oh, äh… Ich wollte auch mitlaufen.“ Er lachte dümmlich, wie ein kleiner Junge.
Übellaunig zischte sein Vater ihn an: „Sieh zu, dass du nach Hause gehst, du hast hier nichts…“


„Ach, lasst ihn doch.“, fiel Ganon ihm ins Wort. „Wenn er unbedingt will, im Laufen ist er ja bereits geübt.“ Link grinste ihm zu, allerdings wurde er schon ein wenig säuerlich über die versteckte Frechheit. Ganon stattdessen wandte sich an den fetten, alten König neben sich. Er hatte den König von Hyrule nie zuvor gesehen, aber das Original kam seiner jahrelangen Vorstellung von ihm sehr nahe. „Selbstverständlich, wenn es Euch nichts ausmacht, Euer Gnaden!“ Das war der Titel mit dem er nun den König von Hyrule anzureden hatte, nachdem er sich ihm am letzten Tag der Verhandlungen untergeordnet hatte. Als Gleichberechtigter hätte er einfach nur den Vornamen gebraucht, doch nun hatte er ihn mit einem höher stehenden Titel anzureden. Und in Ganon kochte das Blut, doch äußerlich ließ er sich nichts anmerken.
„Nein, soll er uns ruhig begleiten. Schließlich hat er allein das Wunder vollbracht, dass das Königreich jetzt endlich vereint ist.“, antwortete der König von Hyrule. „Dafür wirst du natürlich noch reichlich von mir belohnt werden, Link!“
„Danke, Eure Majestät! Aber der Frieden ist meine größte Belohnung…“


„Das ist ihm sicher eine Ehre, hochwohlgeborene Majestät.“, schnitt sein Vater ihm das Wort ab. Und als ihm das letzte Wort über die Lippen kam, sah er bewusst nur zu seinem eigenen König auf. „Aber ich halte es für angebracht, dass Link jetzt nach Hause zurückkehrt, nach der Gefangenschaft, die er durchzustehen hatte.“
Es verschlug sowohl Ganon als auch Link die Sprache über diese offensichtliche Unverschämtheit, die der General ihnen an den Kopf warf.
Doch der König von Hyrule erklomm den Gipfel der Beleidigungen, indem er sagte: „Nun, wenn Ihr das meint. Ihr seid der Vater und in die Erziehung anderer Kinder mischt man sich nicht ein, wenn es nicht unbedingt sein muss.“ Damit sah der dicke König zu Ganon. „Ist es nicht so, mein teurer Vasall?“


Ganon beherrschte sich und verzog keine Miene. „So ist es, mein Herr. Aber ich möchte meinen, dass die Götter – ob es nun Eure sind oder meine –die Welt so geschaffen haben, dass die Mutter die Tochter, der Vater den Sohn erzieht. Nun scheint es mir bei diesen beiden so, dass der Sohn seinem Vater noch einiges beizubringen hat!“
Der General warf ihm einen bitteren Seitenblick zu. „Ach? Und was bewegt Euch zu dieser Annahme?“


„Ich möchte meinen… Mein Gebieter, seht Euch bitte das Gesicht des Jungen an. Ist es nicht rot vor Scham, den eigenen Vater zu sehen, wie er sich vergisst?“
Augenblicklich blieb der Hauptmann stehen, außer sich. Mitten auf der Steinbrücke, die über den inneren Wassergraben führte. „Ihr wagt es mich als Vater in Frage zu stellen, wo Ihr kein Vater seid?“
„Das stimmt nicht, Vater.“, mischte sich Link ein. „Er hat vor wenigen Tagen…“ Sein Vater gab ihm einen Schlag auf den Mund. Es tat nicht sonderlich weh, doch der Schock über die Tatsache, dass er ihn geschlagen hatte, der saß.
Noch immer blieb Ganons Gesicht ausdruckslos. Er lehnte sich etwas vor und stützte sich auf den Sattel. „Um Euren Sohn braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen. Ich habe ihn durchaus zu schätzen gelernt, und zwar nicht weil die Pflicht mir dies auferlegt, sondern weil er sich meinen Respekt aus eigener Kraft verdient hat. Er kann von sich behaupten, dass er mittlerweile zu meinen engsten Freunden zählt und das als elfjähriger Hyrulianer! Und solltet Ihr ihn nicht brauchen, mein Gebieter“, damit wandte sich Ganon wieder an den Herrscher neben ihm. „so verkauft ihn mir, ich werde einen guten Preis für ihn bezahlen. Solche Menschen wie er sind sehr selten und äußerst talentiert, in allen Dingen, welche sie angehen.“
„Oh, dem bin ich mir schon seit Jahren bewusst.“, erwiderte der König neben ihm. „Darum werde ich Euer Angebot wohl ablehnen müssen, so Leid es mir tut. Unser Link ist bereits meiner Tochter versprochen und auserkoren mein Nachfolger zu werden. Aber es ist überaus vorteilhaft, dass Euch ein Band der Freundschaft mit dem künftigen König verbindet!“
„Ja, Freunde sind die besten Knechte!“, posaunte sein Vater abfällig.


Jetzt reichte es Link. Er empfand es als bodenlose Intrige, dass sich ihr König mit seinem Vater zusammentat um gemeinsam Ganons Würde zunichte zu machen. Nun, da sie es konsequenzfrei konnten. Und am Schlimmsten war es solche widerlichen Worte aus dem Munde seines eigenen Vaters hören zu müssen.
„Vater, auch nach so vielen Tagen, die ich in seinem Reich hauste, mögt Ihr dem gnädigen König der Wüste noch immer misstrauen, doch wie er bereits sagte, ist es mir eine Ehre zu seinen Freunden zu zählen und wenn Ihr ihm gegenüber nicht die Manieren aufbringt, die ihm zustehen, so lasst mich es für uns beide tun um Euer Gesicht zu wahren!“, stieß er mit wütender Stimme aus. Ganon war von der unverhofften Hilfe sichtlich überrascht, doch gewiss nicht negativ.


„Link, sei darauf bedacht dein eigenes Gesicht zu wahren, du bist zu jung um es jetzt schon zu verlieren. Und seinem Vater schlechtes Benehmen vorzuwerfen ist gewiss nicht förderlich für die eigene Ehre – auch wenn es der Wahrheit entsprechen mag.“ Und bevor jemand etwas erwidern konnte fuhr er fort. „Ich habe hier genug getrödelt, nun da der Frieden beschlossen ist, gilt es auch in meinem Reich die freudige Botschaft zu verkünden. Wenn Ihr mich dann entlasst, Euer Gnaden, so möchte ich unverzüglich aufbrechen.“
„Sicher, was gibt es heute Wichtigeres als den Frieden zu preisen? Ihr seid entlassen, ich erwarte Euch zum nächsten Vollmond um die Pläne für unseren Handelsaufbau in die Tat umzusetzen.“
„Sehr wohl. Ich ersehne diesen Tag schon jetzt.“ Damit nahm Ganon seine Zügel an sich und ritt langsam davon. Die Soldaten, der Vormarsch, hatten sich an den Rändern der Brücken und auch vor dem Außengraben postiert um ihm einen gebührenden Abschied zu bieten. Auch die zehn Reihen bewaffneter Soldaten spaltete sich um die reitenden Gerudos vorbei zu lassen, lediglich fünfzehn nahmen Aufstellung um ihren König um ihn zu schützen, denn es war seine eigene Leibgarde, die sich als Feiermarschtrupp ausgegeben hatte. Die Gerudos ritten an ihnen drei vorbei und selbst an ihrem König. Sie ritten voraus, er blieb zurück, weil er den langsamen Trab beibehielt.


Und als Link ihm nachsah, wie er sich entfernte, fiel ihm ein, dass er ihn unbedingt noch etwas fragen musste.
„Ach nein!“, sagte er gespielt erschrocken. „Ich habe vergessen ihm zu danken, dass er mir meinen Wunsch gewehrte.“ Er rannte seinem Vater davon. Noch ehe jemand ihn aufhalten konnte.
Ganon hatte mittlerweile auch die Zugbrücke aus massivem Holz passiert, die bei Sonnenuntergang hochgezogen und bei Sonnenaufgang wieder heruntergelassen wurde.
Link holte ihn ein. „König der Wüste, darf ich Euch ein Stück begleiten? Nun, wo ich doch ein so gesonnener Läufer bin?“ Ganon lachte und gestattete es ihm.
„Ich muss Euch vielmals danken, dass Ihr diese Reise auf Euch genommen und Euch in solche Gefahr begeben habt, nur um meinem Wunsch nachzukommen. Und ich entschuldige mich für die boshaften Worte meines Vaters. Für die des Königs allerdings kann ich nicht haften, er steht zu weit über mir.“
„Ist schon gut. Entschuldige dich nicht für die Mängel anderer, das liegt unter deiner Würde. Was deinen Dank betrifft, so hebe ihn dir nur auf, schließlich bringt dieses Friedensabkommen mehr Vorteile für mich als für dich.“, entgegnete Ganon.


Nun waren sie endlich außer Hörweite. Des hyrulianischen Abschiedskomitees und auch der Gerudokrieger, die froh waren diese schrecklichen Mauern verlassen zu haben.
Link sah sich unnötigerweise noch einmal um, um sich zu vergewissern, dass wirklich niemand sie belauschen konnte. „Herr der Gerudos, verzeiht meine zügellose Neugier, aber ist es nicht so, dass ein Vasall als Zeichen seiner vollwertigen Treue seinem Gebieter gegenüber ein Geschenk von unschätzbarem Wert darbringen muss?“
Ganon erstarrte im Sattel. Doch seine Stimme war gelassen wie zuvor. „Das ist richtig.“
„Nun da Ihr der Vasall unserer Majestät geworden seid, so erlaubt mir die Frage nach dem Geschenk, das von Euch verlangt wird.“, sprach Link, so leise wie möglich. Um ehrlich zu sein, Link hatte bereits ebenfalls eine Vermutung was dieses Geschenk sein könnte. Und als er Ganons Erstarren gerade mitbekommen hatte, da war er sich fast sicher, dass das Geschenk, das der König von Hyrule verlangte, Ganons eigenes Schwert war. Und sicher hatte sein Vater es ihm vorgeschlagen, da er sich an Ganon rächen wollte und gesehen hatte wie viel es ihm bedeutete, dass er dafür sogar einen Angriff hatte provozieren wollen.
Über Ganons Gesicht legte sich ein Schatten, ein tiefschwarzer Schatten.


„Meine Tochter.“, sagte er ohne jeglichen Ausdruck.
Durch Link zuckte ein plötzliches Erschrecken. „Wie?“ Er dachte er habe sich verhört.
„Er verlangt“, begann Ganon zu erklären. „dass ich sie, sobald sie ein volles Jahr zählt, zu ihm bringe und seiner Obhut überlasse. Des Weiteren soll ich meine Vormundschaft für sie an ihn abtreten, sodass er volle Verfügungsgewalt über ihre Zukunft hat. Er zieht in Erwägung sie so früh wie möglich mit dem Sohn des Fürsten in Termina zu verheiraten um dadurch einen Einfluss auf das reichste Land der Erde zu erheben. Was, wie er es ausdrückte, doch eine Bereicherung für das ganze frisch vereinigte Hyrule darstelle und somit auch in meinem Interesse liegen müsste.“
Link fiel die Kinnlade herab, er war außerstande es zu fassen. Ungläubig blickte er Ganon in die Augen. So etwas gab es doch nicht mehr! Geiselnahme!
Früher war es durchaus üblich, dass ein König dem besiegten Feind die Frau oder die Kinder nahm um sie bei seinem Hofe zu behalten und somit absolute Kontrolle über den Feind auszuüben. Diese Methode galt längst als unmenschlich und wurde von jedem Regenten verpönt. „Aber er war durchaus großzügig, dein geliebter König.“, sagte Ganon sarkastisch. „Er erlaubte, dass meine Frau mit ihr reist und an seinem Hofe als Hofdame für seine Frau diente um als Bezugsperson in der Nähe unserer Tochter bleiben zu können. Und mir ist ein Briefkontakt mit ihr gestattet und einmal im Jahr werde ich sie für sieben Tage im Schloss Hyrule besuchen dürfen.“


Natürlich. Das Geschenk sollte immer etwas sein, das dem Vasall kostbar war. Und was gab es Kostbareres als die eigene Familie? Zumal wenn das Kind auch noch der Thronerbe des Reiches des Vasallen war? Der König von Hyrule verlangte tatsächlich das Wertvollste was Ganon besaß. Und kränkte ihn auch noch durch das Gebot nur sieben Tage im Jahr einen Besuch genehmigt zu bekommen.
„Aber warum habt Ihr angenommen? Warum habt Ihr nicht darum gebeten etwas anderes als Geschenk zu bieten?“ Link verstand es nicht.
„Das habe ich doch! Ich bot ihm meinen Rücktritt als König des Wüstenreiches an und sagte ihm ich sei mit dem Titel eines Lehnsherren zufrieden, hätte ihm somit mein Land gegeben und es von ihm geliehen bekommen um es zu bewirtschaften, wenn er nur nicht so etwas Unmögliches von mir verlangte. Aber er hat sich nicht umstimmen lassen!“
Das war es also gewesen, worüber sich die Krieger so gesorgt hatten. Und darum hatte sein Vater Ganon auch als kein Vater bezeichnet.
So grausam ist Euer König doch nicht, oder? Hatte Pervo gelacht.
Doch! So grausam und fett und alt und hässlich war ihr gnädiger König!


„Ich verstehe nicht, wie unser König überhaupt auf so einen garstigen Gedanken kommt.“ Link schüttelte verständnislos den Kopf.
„Es war nicht der König, der diesen Vorschlag machte, sondern dein Vater!“ Nun war es Link, der erstarrte. Ganon stattdessen strich dem ungeduldigen Thunder die Mähne glatt und klopfte auf seinen Hals. „Ich verstehe schon, dass er mich meine eigenen Medizin kosten lassen will.“
„Das ist nicht fair!“, stieß Link aus, als könnte es irgendetwas ändern, wenn er Ganon anbrüllte. „Sie wollen Euch Eure Tochter wegnehmen, Euch Eures Standes als Vater entheben! So eine Schande! Sie planen bereits jetzt das restliche Leben eines Mädchens, das noch von der Mutterbrust gesäugt wird. Noch dazu liegt Termina auf der anderen Seite der Welt! Sie wird für Euch unerreichbar sein, ihr ganzes Leben lang! Das lasse ich nicht zu – ich verzichte auf meinen Wunsch, der Preis dafür ist mir zu hoch!“
Während er vor sich hinwütete musterte Ganon ihn verwundert. Ein Schwall an derben Flüchen folgte und als er aufhörte zu fluchen begann Ganon lauthals zu lachen.
Aufgemuntert tätschelte Ganon seinen Kopf. „Ich hätte nie gedacht, dass mein bester Freund ein hyrulianisches Kind sein wird.“
„Wieso, um alles dieser Welt, habt Ihr den Vertrag unterzeichnet?“, stieß Link keuchend hervor.


Ganon war trotz aller Verzweiflung ein Augenblick der Belustigung vergönnt. „Ich musste! Ob mit oder ohne deinen Wunsch, früher oder später hätte ich mich so oder so gebeugt, Link. Und wenn nicht ich, dann irgendeiner meiner Nachfolger. Ich habe Angst um meine Tochter und Angst um mein Volk, dessen Blut von Generation zu Generation ausdünnt. Wir brauchen dieses Friedensabkommen um endlich mit den Zoras eine Handelswirtschaft aufbauen zu können und somit an genügend Wasser zu gelangen. Das geht nun einmal nur über den König von Hyrule. Er hat mein Volk in der Hand und ich bin König um meinem Volk zu dienen. Was also blieb mir anderes übrig als mich zu fügen?“
Link verbeugte sich ehrvoll und mit Tränen in den Augen. „Herr, ich verspreche Euch, dass Ihr allerhöchstens fünf Jahre Trennung von Eurer Familie zu erleiden haben werdet! Noch am Tag meines Eintritts in die Volljährigkeit, und somit meiner Regierungsfähigkeit, werde ich dafür sorgen, dass dieser Vertrag annulliert und ein neuer ausgehandelt wird! Eure Tochter wird Eure Tochter bleiben, so wahr ich Link heiße!“


Ganon lächelte. „Danke, Link. Gerne werde ich dir vertrauen und an dein Versprechen festhalten.“ Dann gab er seinem Pferd die Sporen. „Hah!“
Thunder beugte sich auf und galoppierte davon, mit seinem Herren im Sattel. Link sah ihm nach.
Da es so früher Morgen war lag noch ein Hauch von unberührter Finsternis im Westen, wo das Gerudoreich lag, die Sonne hatte es noch nicht mit ihren Strahlen erreicht.
Und der junge König der Gerudos ritt eben dieser Düsternis entgegen.
Der schwarze Reiter, der sich mit der Finsternis vereinigte.
Es war ein atemberaubendes Bild, das sich ihm bot…


So wurde der Junge namens Link zum Helden. Denn er hatte dem Land Hyrule den endgültigen Frieden gebracht, wenn es auch ohne Blutvergießen geschehen war und nur mit seinem Verstand als Waffe. Und als er seine Zeit als König von Hyrule antrat so brach mit seiner Herrschaft auch ein Zeitalter von Frieden, Wohlstand und Glück für das gesamte Hyrule an. Er jedoch hielt sein Versprechen und verfasste einen neuen Friedensvertrag, den er und sein guter Freund, der König des Wüstenreiches, in einer feierlichen Zeremonie unterschrieben. Dies war auch der Tag, an dem eben der König der Gerudos seine Tochter mit dem Wissen in die Arme schloss, sie nun nach Hause zurückbringen zu können und somit dem Schloss Hyrule nicht mehr versklavt zu sein.
Doch der König der Gerudos blieb dem König von Hyrule, der immerhin um einige Jahre jünger war als er selbst, ein treuer Vasall und unbezahlbarer Gefährte, in guten wie in schlechten Jahren.
Und weil eben nun dieses revolutionäre Zeitalter mit ihm anbrach, da ganz Hyrule vereint war wie niemals zuvor und zwei verfeindete Völker, die seit Anbeginn der Zeit nur den Krieg und das Leid miteinander geteilt hatten, jetzt zu Handelspartnern, Gleichgestellten und Freunden wurden – weil eben all dies von ihm geschaffen wurde, begann man alsbald Link, den weisen König von Hyrule, und Protagonisten so vieler Legenden und Sagen, weniger unter dem Titel eines Königs zu kennen, sondern vielmehr als – Link, der Held der Zeit.

 

Nun mag sich so manch einer fragen was aus Kim – oder vielmehr Ganondorf – dem legitimen Sohn des Königs der Gerudos geworden war. Natürlich hatte er sich nicht ganz plötzlich in ein Mädchen verwandelt.
Nein, durchaus nicht!
Das Schicksal hatte tatsächlich ein Einsehen mit ihnen…


Link keuchte vor Anstrengung. Die Hitze des Flammenringes, der sie beide umgab, stieg ihm ins Gesicht und zehrte an seinen Kräften. Ja, sie beide waren eingeschlossen, er und ein Ungeheuer! Ganon, das undefinierbare Monster, halb Stier, halb Schwein, halb Riese, hob seine gewaltigen Zwillingsäxte um zum erneuten Schlag auszuholen.
Link wich zur Seite aus, er durfte sich keinen weiteren Fehler mehr erlauben. Denn er hatte alle seine Feen aufgebraucht, die er in seinen Flaschen aufbewahrt hatte. Von seiner Lebenskraft waren nur noch fünf Herzen übrig und ein Treffer Ganons zog ihm immer zwei seiner vollen Herzen ab. Zum Glück nur zwei! Denn hätte ihm die Fee des Mutes nicht diesen Schutzring um seine Lebenskraft gegeben, hätte er nicht die geringste Chance gehabt.
Unter dem gewaltigen Aufschlags von Ganon spürte er die Erde beben. Navi, seine kleine Gefährtin, zeigte ihm Ganons Schwachpunkt. Es war der seltsame Schwanz. Schon etliche Male hatte er diese kräftige, riesige, aber strohdumme Bestie ausgetrickst und zuerst, weil ihm das Masterschwert aus der Hand geschlagen worden war, hatte er mit dem Hammer zugeschlagen, der schweren Waffe, die er als Lohn im Feuertempel erhalten hatte. Dann hatte Ganons Magie geschwankt und er hatte sein Schwert zurückerhalten.


Nun – in diesem glorreichen Augenblick – schlug er ein letztes Mal mit dem Schwert zu, er stach es mitten in die bunte Stachelspitze des Schwanzes.
Ganon schrie und tobte vor Schmerz. Es war zu spüren, wie seine Kraft schwand.
Er fiel zu Boden. Keuchend und Grunzend lag er da, vor Erschöpfung, und rang nach Atem.
Plötzlich traf ihn ein gleißender Strahl reiner Magie. Die Magie schlug gegen ihn und raubte ihm alle Macht. Es war Zelda.
„Link! Ich versuche ihn zu bannen! Hilf mir! Versetze ihm den Todesstoß!“, schrie sie. „Jetzt!“
Dann schwanden ihr die Kräfte und der Strahl klang ab.


Link aber hatte verstanden. Das Schwert in seiner Hand vibrierte, die Klinge leuchtete in vollkommenem Blau. Seine Augen weiteten sich ob dieses Anblickes.
„Link!“, holte Navi ihn aus seiner Trance. „Tu es!“
Ganon stützte sich mit letzter Verzweiflung auf und wollte seinen Gegner zu fassen bekommen. Link reagierte sofort. Er riss das Schwert von der linken zur rechten Seite, ein Schnitt, Ganon wich zurück, von der rechten zur linken Seite, Ganon gab einen Schmerzensschrei von sich, der die Luft zerriss. Wütend über diesen Schmerz, der in ihm brannte, stieß er wieder vor. Direkt in Links Schwertklinge. Es drang in ihn ein wie in Butter.
Ein letztes Mal bäumte er sich auf, zur vollen Größe, schlug mit den Äxten verzweifelt um sich, schlug sie in die Luft und in den Boden. Doch der Kampf war beendet und er war nicht der Sieger.
Zelda hob die Hände gen Himmel und schrie: „Oh ihr Weisen! Trefft ein letztes Mal zusammen und lasst uns unsere Kräfte vereinigen um dieses Ungetüm für immer zu bannen!“ Eine Lichtkugel wuchs in ihren Händen heran, ließ die Düsternis erstrahlen.
Dann war es still.
In der Halle der Weisen trafen sie zusammen.


Rauru sprach: „Ihr habt es gehört, meine Freunde! Lasst uns das Tor zur Unterwelt öffnen und die Welt vor den Fängen des Großmeisters des Bösen erretten!“ Die Weisen nickten und vereinigten ihre Kräfte. Ebenso wie in Zeldas Händen, so wuchs auch in ihren Lichtkugeln vollkommener Magie. Diese Magie vereinigte sich zu einem Ganzen –
Und das Tor zur Unterwelt öffnete sich um zu verschlingen…
Die Guten hatten gesiegt…
„Ja!“, schrie er vor Freude. „Ich habe dich besiegt! Du Scheißer! Was sagst du jetzt?“, lachte er und sprang auf. Den Hintern dem Fernseher zugewandt. „Hahaha, wer lacht jetzt?“
Benny tanzte vor Freude in seinem Zimmer auf und ab. „Ich habe es geschafft! Ich hab das ganze Spiel durchgespielt!“, kreischte er, begeistert von sich selbst.
Neben der Konsole lag die Packung mit dem Spiel.
The Legend of Zelda – Ocarina of Time
Er hatte Ganon endlich besiegt. Gestern noch hatte er drei Mal bis zum Game over gespielt. Wie verzweifelt war er gewesen. Aber jetzt führte er einen Freudentanz auf und sang dabei We are the champions. Allerdings konnte Freddy Mercury das um einiges besser. *Ihr erinnert euch an sein Talent englische Lieder zu trällern? ^^*
Die Tür ging auf und er fuhr zusammen.


„Was ist denn heute schon wieder mit dir los, Benny?“, lachte Lin. „Hat Mama dir nicht gesagt, dass du aufhören sollst Gras zu rauchen?“
Bennys Euphorie erhielt einen kräftigen Dämpfer. „Haha, sehr witzig.“ Lin lachte noch immer. „Was willst du?“, fragte er und griff wieder zum Controller um weiterzudrücken.
Auf dem Bildschirm war ein Ganon im weißen Nichts. Mit wutverzerrter Visage.
„Irgendwann werde ich dieses Siegel brechen und dann werde ich euch und eure Nachfahren vernichten!“, stand da geschrieben.
Jaja, das glaubst aber auch nur du, dachte Benny und klickte weiter. Ganon verschwand im weißen Dunst.
„Leih mir fünf Euro. Ich will mit Jenni Eis essen gehen.“, forderte Lin ungeniert.
„Nein!“, erwiderte Benny patzig ohne sich umzudrehen.
„Hey, Mann! Ich habe aber keins mehr und Mama will mir keins…“
„Ist mir doch egal! Was kann ich dafür, wenn du dein Taschengeld zum Fenster rausschmeißt!“


Lin trat hinter ihn und hob die Arme, mit angespannten Fingern, als wolle sie ihm die Hände um den Hals legen um ihn zu erwürgen. Doch sie legte ihm stattdessen die Arme um den Hals und bettelte mit schleimiger Stimme: „Sei doch nicht so! Ich bin doch deine liebe große Schwester! Willst du mir, die sich tagtäglich für dich aufopfert, nicht eine kleine Freude gönnen?“
„Und wann krieg ich das Geld zurück, das du mir schon schuldest?“
„Nächsten Monat, wenn ich neues bekomme.“, versicherte Lin ihm.
Benny schnalzte mit der Zunge. „Das reicht aber nicht, du schuldest mir mehr!“
Empört schupste sie Benny. „Jetzt geht’s aber zu weit. Übertreiben brauchst du nicht!“
Er streckte ihr die Zunge raus. „Tu ich gar nicht! Schau mal an die Pinwand. Da hängen deine Schuldscheine, ich habe mir alles aufgeschrieben!“
Weil sie ihm nicht glaubte erhob sie sich und stellte sich vor die Pinwand. „Du übertreibst mal wieder, du…kleiner…“ Sie sprach nicht weiter. Die gesamte Pinwand war mit Zetteln vollgepappt auf jedem Zettel stand das Datum, der Betrag und ihre Unterschrift. Benny verlangte sie immer, er nahm das ganz genau, damit Lin sich nicht rausreden konnte. „Ach du meine…“, stieß sie hervor. Es war um die hundert Euro und sie bekam nur zwanzig im Monat.
„Da siehst du es!“, großkotzte Benny.


„Du hast ja Recht.“, heulte Lin, die es nicht fassen konnte. Sie war erst fünfzehn und konnte schon Privatinsolvenz anmelden. Und ihr Gläubiger war auch noch ihr achtjähriger Bruder! Um Himmels willen!
Sie machte wieder ihre riesigen Augen. „Und ich habe mich schon so auf das Eis gefreut. Es ist doch so ein schöner sonniger Tag! Ich habe schon zugesagt…“
„Oh, Mann!“, stöhnte Benny. „Na gut! Aber das sind die letzten Euro, die du je von mir bekommst, klar? Und du zahlst deine Schulden bei mir ab!“
Ihr Gesicht strahlte auf, wie die aufgehende Sonne. „Ich verspreche es, hoch und heilig!“
Benny trat an seinen Schreibtisch und holte sein Sparschwein heraus. Im Gegensatz zu Lin hatte er von seinen zehn! Euro pro Monat immer etwas übrig, das er anlegen konnte. Immer! Er war nicht so verschwenderisch wie sie.
Aber Lin nahm sich in diesem Moment vor nicht mehr so kaufsüchtig zu sein! Ab heute hieß die Devise sparen, sparen und – Benny seine hundert Euro zurückgeben!
„Wo soll ich unterschreiben?“, fragte Lin.


Benny schüttelte den Kopf. „Die schenk ich dir, als Symbol dafür, dass du anfängst deine Schulden zu begleichen!“
Lin strahlte auf und umarmte ihn stürmisch. „Danke, kleiner Bruder!“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Bäh!“, sagte er und wischte sich mit dem Handrücken über die Stelle. Sie lachte.
Es klingelte an der Haustür.
„Benny!“, rief ihre Mutter zu ihnen herauf. „Vivi ist da!“
Nun war es Benny, der über beide Ohren strahlte. Alles vergessend, stürzte er die Treppe hinunter.
„Hi, Benny.“, grinste Vivi und drehte den Basketball auf ihrem Zeigefinger. Sie war erst neun, *ich musste Benny sein Glück einfach auch gönnen ^^* aber sie spielte Basketball als hätte sie seit Jahrhunderten nichts anderes gemacht. „Gehen wir eine Runde spielen?“
„Hast du es dabei?“, übersprang er ihre Frage und auch eine Begrüßung.


Vivi rollte die Augen. Unter ihren Arm hatte sie es geklemmt. Feierlich überreichte sie es Benny. Und Benny nahm es erwartungsvoll entgegen und als er es in Händen hatte, strich er ehrfürchtig darüber, als sei es die heilige Bibel, das älteste Buch, selbst.
Es war das Lösungsbuch von Ocarina of Time.

Zur selben Zeit bog ein Auto in die Straße ein. Im Schritttempo fuhr der silberne Mercedes an den hübschen Vorhäusern vorbei, auf der Suche nach seinem eigenen.
Ein kupferroter Haarschopf lugte aus einem der hinteren Fenster heraus. Das helle, mit Sommersprossen besprenkelte, Gesicht ließ sich die Wohltat der Zugluft gut tun. Im Auto war es stickig, von den vielen Stunden, die hinter ihm lagen.
„Welche Hausnummer?“, fragte der Fahrer. Es war ein hagerer Mann mittleren Alters, mit teils gebräunter teils sonnenbrandgeröteter Haut und kupferroten Haaren. Eine Brille, mit dickem schwarzem Rand, saß auf der Nase. Die Hände zitterten nervös und klammerten sich ums Lenkrad.


Ein Knistern von Papier. „Weiße-Lilien-Weg Nummer…9! Da vorne muss es sein!“, sagte die Frau auf dem Beifahrersitz. Sie war eine schlanke und starke Frau. Von der Sonne ihr ganzes Leben lang gebräunt, war ihre Haut sehr dunkel. Das dichte, kräftig rot gefärbte Haar zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Sie hatte außergewöhnliche Augen, honigfar-ben. Die sie an ihren Sohn weitergegeben hatte.
Der Junge hinten im Auto öffnete seine honigfarbenen Augen und setzte sich auf. Seine Beine taten ihm weh, von seinem Allerwertesten ganz zu schweigen. „Ummi!“, sagte er auf Arabisch. Ein ganzer giftiger Wortschwall folgte.
Die Frau sah von ihrem Stadtplan nicht auf. „Sprich die Sprache, die hier gesprochen wird, Kimball!“, sagte sie streng.


Der Junge schnaufte wütend, folgte aber. „Das ist schon unser einundzwanzigster Umzug! Und wie lange bleiben wir hier? Zwei Jahre? Ein Jahr? Oder neun Monate wie in Japan? Ich habe langsam die Nase voll! Wakarimasu ka?“, setzte er auf japanisch nach. „Ich habe mehr Zeit in einem Auto verbracht als sonst wo!“
„Hör auf, deine Mutter anzufauchen, Kim!“, mischte sich sein Vater ein. Doch diese Stimme war deutlich leiser, unsicherer und ganz und gar nicht dominant, wie die seiner Mutter.
Im Grunde waren Dave und Ashanti AlMurrat wie Feuer und Wasser. Sie unterschieden sich in allen Punkten voneinander. Dave war ein schmächtiger, kleiner und scheuer Mann mit Brille und hatte vor etlichen Jahren studiert. Ashanti war die exotische Schönheit, kontaktfreudig und sprühend vor Selbstbewusstsein, allen Männern den Kopf verdrehend, jedoch immer die Oberhand behaltend. Darum wohl hatten sie ihren Familiennamen behalten, obgleich das gar nicht üblich war, erst recht nicht in Ägypten!
Aber sie hatte ja auch möglichst bald von dort wegkommen wollen. Tatsächlich waren sie in der Welt herumgereist, sein Vater war Beauftragter der internationalen Firma Liebgraf GmbH und ständig in allen möglichen Teilen der Welt unterwegs, aber jedoch immer wieder nach Hause zurückgekehrt um einen neuen Umzug zu planen. Sie hatten ihr festes Haus in Kairo gehabt, über dem Lebensmittelladen von Ashantis Eltern. Allerdings wusste Kim schon lange nicht mehr wo ihr Zuhause sein sollte, der Begriff war ihm in all den Jahren von Umzug, Reisen und Hektik abhanden gekommen.
Doch nun, so hatten sie es Kim zum x-ten Mal versprochen, hatten sie vor für immer hier zu bleiben. Dave hatte seine Stelle in der Firma gekündigt und eine in der Botschaft angenommen.
Jedenfalls, dass sich diese beiden gefunden hatten, das blieb sogar für Kim ein Rätsel.
Übellaunig lehnte sich Kim wieder aus dem Fenster. „Welches ist es?“


„Das Gelbe.“, antwortete seine Mutter.
Kim tat als erbräche er.
„Hör auf mit den Faxen, Kim!“, drohte seine Mutter.
„Hai, Okasan!“, lachte er. Mittlerweile beherrschte er schon dreizehn Sprachen. Alle perfekt, dass er in jedem dieser Länder hätte leben können ohne jede Schwierigkeit. Japanisch war noch die Frischeste, denn sie waren vor kurzem aus Japan eingeflogen und das erste was sie getan hatten war sich ein Auto zu kaufen und einen Umzugswagen zu bestellen. Einer reichte, denn sie reisten kaum mit Möbeln oder dergleichen. Das konnten sie schließlich auch in dem Land kaufen, in das sie gerade einbürgerten. Sie erhielten tatsächlich in jedem Land, so kam es Kim jedenfalls vor, sofort die Nationalität. Vielleicht war das der machtvolle Einfluss von Herrn Liebgraf, dem Urenkel des Gründers der Firma Liebgraf GmbH und der alleinige Eigentümer und einem, der in der Liste der fünfzig reichsten Leute der Welt ganze weit oben stand.
Kim mochte es nicht besonders, wenn sie zum Besuch geladen wurden. Herr Liebgraf war ein ganz umgänglicher Mann, mit dem sich Kim gut unterhalten konnte, aber dafür war seine Tochter der reinste Teufel.


Sie fuhren in den Parkplatz vor der Garage des gelben Hauses ein.
Der Umzugs-LKW, der ihnen dicht gefolgt war, hielt am Straßenrand. Augenblicklich sprang er aus dem Wagen und streckte seine Beine. Endlich wieder auf ihnen stehen!
Während seine Eltern ausstiegen und mit dem Fahrer des LKWs sprachen, lief er hin und her und blickte sich um.
Sie waren in einem Vorstadtkaff gelandet! Na toll! Großartig! Prima! Was er sich schon immer gewünscht hatte!
Aber immerhin, die Straße war sauber und ordentlich. Alle Häuser, Einfamilienhäuser, hatten einen kleinen Garten und Blumenbette säumten den Weg zur Haustür. Zaun stand an Zaun. Wie aus einem Bilderbuch.
Kim seufzte. Er fühlte sich einsam und verloren. Die Tatsache, dass er Einzelkind war, machte es umso schwerer erneut umgezogen zu sein. Wo er sich in Japan doch erst eingelebt hatte. In Kioto, einer der größten und modernsten Städte Japans. Er vermisste die Cosplay-Sonntage, an denen die Straßen überfüllt waren mit jungen Leuten, die sich in alle möglichen Styles warfen, angefangen beim Lolitalook bis hin zum Paradiesvogel.
Das Einzige, was hier ausgefallen war, war der Briefkasten der Nachbarn. Der sah aus wie eine Miniaturausgabe der roten Briefkästen in England. Wo sie auch eine zeitlang verweilt hatten.
Noch immer redeten seine Eltern mit den Leuten von der Umzugsfirma. Einer hatte bereits das Tor zum Laderaum geöffnet und wartete nur noch auf die Order zum abtransportieren. Während er in Erinnerungen schwelgte.
Plötzlich ging im Nachbarhaus, das mit dem Briefkasten, die Tür auf und zwei Kinder kamen heraus. Kim fuhr auf, seine Neugier war geweckt, er beobachtete die beiden. Es waren ein blonder Junge und ein Mädchen mit wuschligem Lockenkopf. Beide Grundschüler.


Das Mädchen trug einen Basketball unterm Arm und schien dem Jungen zu lauschen, der ein Heft zusammengerollt hatte und nun damit herumfuchtelte, als hielte er ein Schwert in der Hand. Kim runzelte die Stirn. Der erste Kontakt mit Leuten aus seinem neuen Heimatort stand kurz bevor…
„…und hab ihm den Todesstoß gegeben!“, protzte Benny. Sie waren auf dem Weg zum Hartplatz. „Pah und pah und stich!“, gab er von sich um seine Heldentat zu untersteichen.
Vivi lachte. „Ja, du Angeber. So ist’s Recht! Und was war danach?“
„Danach haben die Weisen ihn natürlich in die Unterwelt verbannt und er hat gesagt: Irgendwann werde ich dieses Siegel brechen und dann werde ich euch und eure Nachfahren vernichten! Pah! Da lache ich!“
„Und dann?“
„Dann hat Lin wieder um Geld gebettelt.“
Vivi lachte. „Sag mal Benny, willst du nicht mal Zinsen verlangen? Damit du während der Warterei wenigstens Gewinn machst?“
Benny kratze sich am Kopf. „Eine gute Idee.“ Dann schlug er das Lösungsbuch auf und blätterte eifrig darin herum.
„Ich dachte du hast das Spiel durchgespielt. Wozu brauchst du es?“ Vivis Bruder Dan hatte das Spiel ebenfalls und auch das Lösungsbuch, das sie Benny gebracht hatte.
„Mir fehlen noch dreiundzwanzig goldene Skulltula und fünf Herzteile. Erst wenn ich die gefunden habe, dann ist das Spiel für mich zu Ende!“ *ich habe nur ein einziges Herzteil nicht gefunden >o<* Gerade hatte er eine Seite aufgeschlagen, auf der es um die Endbösse Ganondorf und Ganon ging. Eine Comiczeichnung von Ganondorf war in der rechten oberen Ecke abgebildet. Benny grinste.
Dich habe ich besiegt! Das Spiel ist aus! Game over für den König der Gerudo!


Im Laufen blickte Vivi ebenfalls ins Heft. „Ich glaub das steht auf Seite…“
„Hey, ihr zwei da!“, sagte eine fremde Stimme.
Überrascht blickten sie beide gleichzeitig auf. Und erstarrten sofort. Die Gesichter starr vor Schreck.
Auch Kim erstarrte. Weil sie so entsetzt erstarrt waren.
Benny und Vivi blickten ins Heft, auf die Abbildung von Ganondorf. Dann blickten sie mit offenen Mündern hoch zu dem fremden Jungen vor ihnen. Er war in Lins Alter.
Dann blickten sie wieder auf die Zeichnung und wieder hoch und wieder auf die Zeichnung und wieder zu ihm hoch. Und hätten ewig so weitermachen können.
Kim bereute es jetzt sie angesprochen zu haben. Das war das erste Mal, dass er ein solch schlimmes Feedback erhalten hatte. Gut, es gab Leute, die hatten ihn vom ersten Moment an nicht leiden können und noch mehr hatte er vom ersten Moment nicht leiden können. Aber, Gott! Die beiden sahen aus, als stünde vor ihnen Luzifer höchstpersönlich!
„Ähm…also…“, sagte er peinlich berührt von dem misslungenen Annäherungsversuch. „Ihr wohnt auch hier oder? Ich bin grade neu neben euch eingezogen…“
Keine Reaktion von den Kindern.


„Äh…hier wohnt ihr? In dem Haus?“ Und als er das sagte, hob er den Arm um mit dem Finger auf das Haus zu zeigen, das sie soeben verlassen hatten. Doch, natürlich, kam der Arm in ihre Richtung, schließlich lag es seitlich hinter ihnen.
Die Beiden sahen den Arm, wie er sich auf sie zu bewegte. Da kam plötzlich wieder Bewegung in sie. Sie fuhren auf, schrieen so laut sie nur konnten, Benny ließ sogar das Heft fallen, und rannten in die entgegengesetzte Richtung. Schreiend und panisch ergriffen sie die Flucht.
Noch immer total erschrocken über dieses Geschehnis sah Kim ihnen nach. Bis sie um die Ecke gebogen und verschwunden waren. Dann sah er vor sich auf den Boden, wo das Heft vor ihm lag.
The Legend of Zelda – Ocarina of Time Lösungsbuch.


Mit hochgezogenen Augenbrauen beugte er sich hinunter und hob es auf. Er drehte es um, auf die Seite, die sich die beiden gerade so intensiv angesehen hatten. Kim sah die Zeichnung in der Ecke.
„Was war denn das?“, fragte seine Mutter ihn im flüssigen Arabisch. Das war die Amtssprache in Ägypten.
„Weiß ich nicht.“, antwortete er ohne den Blick aus dem Heft zu nehmen. Sie lugte ihm über die Schulter. Auch ihr Blick verfing sich sofort in der Abbildung.
„Oh, sieh mal!“, kicherte sie. „Da haben sie dich gezeichnet wie du in zwanzig Jahren aussiehst!“
„Wenn ich so mal aussehen werde, kann ich mir ja gleich die Kugel geben!“, entgegnete er. Sie gab ihm lachend einen Kuss auf die Wange und lief zu ihrem Mann zurück, der vor lauter Nervosität die Schlüssel zum Haus fallen gelassen hatte.
Sie beugte sich für ihn hinunter um die Schlüssel aufzuheben. Sie tat es in einer geschmeidigen Bewegung mit dem Schwung aus den Hüften. Die Männer vom Umzugswagen starrten und gafften mit offenen Mündern, selbst sein Vater ließ sich noch immer von ihr in den Bann ziehen. Sie hatte nichts verlernt. Entertainerin war sie gewesen, in dem Hotel in Kairo, in dem sein Vater, seinen Aufenthalt über, gewohnt hatte. Jetzt war sie noch immer eine Unterhalterin, aber nun gab es keine Richtlinien und kein vorgeschriebenes Programm mehr.
Kim rollte die Augen. Gott sei Dank war er ihr Sohn. Sonst würde er sich womöglich auch nur blamieren.
Wieder studierte er die Zeichnung.
Aber irgendwie hatte sie schon Recht, das musste Kim zugeben. Die Zeichnung sah ihm sehr ähnlich. Sicher, die Haare waren zu intensiv rot und nicht so voll und buschig, die Haut das krasse Gegenteil von seiner schneeweißen und es war nur eine Zeichnung! Aber die Gesichtszüge waren erstaunlich ähnlich wie seine. Er erkannte seine spitze Nase wieder. Und die gleichen hellen gelblichen Augen.
„So ein Quatsch!“, brummte Kim und klatschte das Heft zu.


Im selben Moment knallte die Nachbarshaustür erneut zu. Ein Mädchen war erschienen.
Kim war so von dem Anblick getroffen, dass er wie ein kleiner Junge schnell hinter den Zaun sprang um sich zu verstecken. Durch die Spalte zwischen zwei senkrechten Brettern lugte er hindurch, wie ein Spanner, aber das störte ihn im Moment nicht.
Sie stand auf der Türschwelle, der weiße Stoffrock, in einzelne Lacken geschnitten, flatterte ihr um die Knie und die schwarze Katze auf dem schulterlosen Shirt schien ihm entgegen zu grinsen, ihm. Das blonde Haar trug sie offen, es war lang, bis zum Po.
Er gab einen leisen Pfiff von sich um seiner Faszination Ausdruck zu verleihen. „Wow!“
Sie drehte sich herum und blickte kurz zu dem Umzugswagen herüber. Dann sprang sie lachend die drei Stufen hinunter und verließ die Straße in der Richtung, in die auch die beiden Kinder geflüchtet waren.
Er erhob sich um sie besser sehen zu können. Keine einzige Sekunde ließ er mehr dahin streichen. Seine Eltern hatten das Gespräch beendet. Die Möbelpacker, die eigentlich fast ausschließlich Kisten und Kartons zu schleppen hatten, begannen mit ihrer Arbeit.
„Abuya!“, sagte er hektisch. Sein Vater fuhr zusammen. Er meldete sich lieber bei seinem Vater. Der war nicht schnell und mutig genug ihn aufzuhalten und ihn auszuquetschen wie eine Zitrone. Kim klatschte ihm das Heft an die Brust. „Leg es bitte ins Auto, ich bin bald wieder da.“


„Wie…?“
Kim rannte davon, einerseits, weil er das Mädchen nicht aus den Augen verlieren wollte, andererseits, weil er den rasendschnellen Krallen seiner Mutter entkommen musste, bevor diese zuschnappen konnten.
Er rannte die Straße entlang und war im Nu um die Ecke verschwunden…
Lin steckte hastig den Schlüssel in ihre Handtasche und sah auf die Uhr. Sie war ein bisschen spät dran. Es war ein herrlicher Sonntagnachmittag. Die Sonne schien vom klaren Himmel herab. Der Rock flatterte ihr leger um die Oberschenkel.
Was für ein herrlicher Tag! Mit einem großen Fruchteisbecher in Aussicht.
An der Ampel blieb sie stehen. Die Straßen waren leer am Sonntag. So stand sie alleine da und wartete darauf, dass es grün wurde. Ein vereinzeltes Auto kam im Schritttempo herangefahren.
Die Ampel schaltete auf rot, die Fußgängerampel auf grün. Sie sah dem Auto entgegen. Es wurde immer langsamer. Also nahm sie an, der Wagen würde vorschriftsgemäß stehen bleiben und setzte den ersten Schritt auf den Zebrastreifen. Sie dachte sich gar nichts dabei, sie vertraute darauf, dass der ältere Mann hinterm Steuer warten würde, bis die Ampel für ihn wieder auf grün schaltete oder zumindest bis sie nicht mehr vor seinem Auto war.


Tatsächlich hatte der Fahrer dies auch vorgehabt, doch es kam ganz anders. Der Frührentner kratzte sich am Schnurrbart und musterte das Mädchen. Sehr hübsch war sie.
Jaja, die Jungend. Wie lang war es bei ihm her…
Plötzlich knirschten die Reifen, der Motor wurde laut. Es gab einen Ruck und der Wagen fuhr los. Der Rentner konnte nichts tun. Denn er verstand nicht warum sein Wagen fuhr, während sein Fuß auf der Bremse ruhte.
Erschrocken erstarrte Lin. Sie blickte dem Wagen entgegen, der auf sie zuraste, mit einem einzigen Ruck. Es waren nur Sekunden. Sie sah das entsetzte Gesicht des Mannes am Steuer und ihr Gesicht war selbst entsetzt. Sie hörte das Motorrumoren in ihren Ohren.
Sie konnte nicht ausweichen, der Schock lähmte sowohl ihren Körper als auch ihren Verstand.
Dann war es still.
Wie in Zeitlupe sah sie einen Schatten im Augenwinkel. Ein schwerer Körper prallte gegen sie und riss sie mit sich. Weiter in die Straßenmitte.
Sie konnte sein Herz hören.
Sie verloren das Gleichgewicht und knallten zu Boden, wurden durch den Schwung noch etwas weiter geschliffen.
Ein paar Meter war das Auto gefahren, dann hatte es eine Vollbremsung hingelegt. Die Hinterreifen wurden sogar ein paar Zentimeter in die Höhe gerissen. Der Rentner war kreidebleich.
Ein Polizist, der auf der anderen Straßenseite vom Bratwurststand gerade seine Bestellung in die Hand bekommen hatte, ließ sie schockiert fallen. Die Bratwurst landete auf dem dreckigen Boden. Auch der Verkäufer ließ die Münzen fallen.


Kurz war Lin vollkommen orientierungslos. Vor ihren Augen war alles schwarz und gefühllos. Aber der Schmerz kam gleich darauf. Sie wollte sich aufsetzten. Eine Hand in ihrem Rücken half ihr.
„Alles in Ordnung?“, fragte eine Stimme nahe an ihrem Ohr.
Sie blickte auf. Ein ramponiertes Gesicht lächelte ihr entgegen. Die Lippe blutete und auch auf der linken Schläfe thronte eine Platzwunde. Aber der Mund lächelte und die seltsamen Honigaugen waren warm. Lin war irritiert.
Dann kam ihr wieder in den Sinn was soeben passiert war. Der Schock ließ abrupt nach. „Du bist verletzt!“, keuchte sie.
„Du auch.“, sagte der Junge ruhig und zeigte auf ihr Knie. Eine oberflächige Schürfwunde blutete vor sich hin. Mehr hatte sie nicht abbekommen, denn sie war auf ihm gelandet. Sie wollte sie betasten, stieß aber gegen den Arm des Jungen, mit dem er sich abstützte. Der zischte zwischen den Zähnen hindurch. Lin hatte Blut an der Hand. Sofort beugte sie sich über den Arm. Die Haut war vom Gelenk bis einschließlich zum Ellbogen aufgeplatzt.
Lin griff nach einem herunterbaumelnden Stoffstück ihres Rockes und riss es ab. Sie hatte sich wieder gefangen.
„Was tust du da?“, fragte der Junge erschrocken.


„Sag mal spinnst du?“, fauchte sie ihm ins Gesicht. „Du verblutest und deine einzige Sorge ist mein Rock?“
Lin band den Stofffetzen fest um den Oberarm. Um das Gerinnen des Blutes zu mildern.
Er grinste und ließ sich verarzten. Und genoss es grenzenlos. Nur um das noch einmal zu erleben hätte er sich ganz freiwillig vors nächste Auto geworfen.
„Oh Gott! Kinder! Seid ihr verletzt! Ruft einen Krankenwagen!“ Der Rentner war aus dem Auto gesprungen. „Es tut mir so Leid!“
Auch der Polizist hatte sich zu ihnen gesellt. „Sagen Sie mal – sind Sie des Wahnsinns? Wollten Sie das Mädchen überfahren? Wenn der Junge nicht gewesen wäre, dann wäre das Mädchen vielleicht tot!“, brüllte der dem älteren Herrn ins Gesicht.
„Ich schwöre bei Gott! Ich weiß nicht was passiert ist. Ich habe doch ganz normal gebremst!“
„Das Bremspedal ist in der Mitte und nicht rechts!“, brüllte der Polizist weiter.
Dem Rentner kamen die Tränen. „Ich wollte das nicht! Oh mein Gott! Ich wollte das nicht!“


„Ist schon in Ordnung.“, beschwichtigte der Junge um die Situation zu entschärfen. „Wir sind nur leicht verletzt, oder?“
Lin nickte. Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, aber sie kam nicht dazu. Der Bratwurstverkäufer hatte den Notarzt und die Polizei gerufen. Die polizistische Verstärkung stürzte sich gleich auf den verzweifelten Rentner und drängte ihm zu erzählen was geschehen war.
Der Sanitäter mit seinem Koffer stürzte sich auf sie. Sofort wickelte er den Arm des Jungen professionell ab und wischte die Wunden rein.
„Da hast du dir aber ganz schön was zugezogen.“, sagte der junge Sanitäter, er hatte seine Ausbildung erst vor zwei Jahren beendet, als er ein steriles Polster auf die Platzwunde am Kopf klebte. „Was hast du denn gemacht?“
„Er hat mich gerettet.“, antwortete Lin für ihn.
„Aha.“ Der Sanitäter zog die Augenbrauen hoch.


Die Panik in Lin legte sich. Sie fand langsam wieder zu ihrer inneren Ruhe. „Ähm…“, begann sie. Der Junge blickte zu ihr auf. „Ich…ich…“
Ein Piepsen unterbrach sie. Sofort fuhr der Junge zusammen und griff in die Tasche. Ein kleiner schwarzer Pager kam zum Vorschein. UMMI – stand in großen Buchstaben auf der Digitalanzeige.
„Ach, Mist!“, fluchte der Junge und unvorhergesehen erhob er sich. „Ich muss gehen!“
„Du kannst doch jetzt nicht gehen!“, stockte der Sanitäter. „Du musst dich noch erholen. Außerdem musst du noch eine Aussage machen!“
„Da gibt es nicht viel zu sagen. Ich wollte gerade ebenfalls die Straße überqueren, als ich das Auto losfahren sah. Da habe ich mich dann, ohne mich meines Verstandes gebrauchend, nach vorne gestürzt. Mehr nicht.“, erwiderte der Junge. „Ich muss wirklich, ich will keinen Stress mit meiner Mutter! Die ist schlimmer als ein paar Prellungen!“
Er rannte einfach davon.
„Hey! Warte Junge! Ich habe dich noch gar nicht vernommen!“, rief der Polizist ihm erschrocken hinterher. Doch der Junge blickte nur ein einziges Mal zurück – nicht zu dem perplexen Polizisten – er blickte zu ihr.
Lin war, als schlüge der Blitz in ihr ein. Ein Gefühl wie Kälte und Hitze zugleich.
Dann war er verschwunden.


„Was soll denn das? Warum ist er weggerannt?“, fluchte der Polizist, als er zu ihnen herüberkam.
„Er musste weg, seine Mutter hat ihn angepiept.“ Der Sanitäter zuckte die Achseln. „So n’ komischen Vogel hab ich noch nie gesehen.“
Auch der Polizist zuckte die Achseln. „Na gut, dann befassen wir uns erst einmal mit dir. Gib mir erst einmal deine Personalien, bitte.“ Lin tat es und der Polizist schrieb aufmerksam mit. Dann erzählte sie, so ausführlich wie es ihr möglich war, was geschehen war. Auch jetzt machte sich der Polizist Notizen.
Als sie geendet hatte, nickte der Polizist. „Gut. Möchtest du Anzeige erstatten, Lin?“
Erstaunt über diese Frage blickte sie zu dem Rentner hinüber. Der da stand, mit tränenden Augen, völlig überfordert und konfus. Die Polizisten redeten noch immer so einschüchternd, dass er sich nicht beruhigen konnte. Sie hatte Mitleid.
„Ich…ich glaube nicht, nein.“, entgegnete sie.
„In Ordnung.“, der Polizist ließ den Kugelschreiber zuschnappen. „Dann wäre das für den Moment geklärt.“ Auch der Sanitäter ließ die Schnalle seines Koffers einrasten. Seine Arbeit hier war erledigt. Er hatte Lins Knie verbunden.
Lin erhob sich und stierte auf ihren Rock herunter. Er war schmutzig und zerrissen.
Mit einem Male sauste die Kugelschreibermine wieder heraus. „Eines noch“, meinte der Polizist.

 

„Falls wir den Jungen als Augenzeuge brauchen, sag mir doch bitte den Namen deines Freundes.“
Lin lief puderrot an. „Oh…äh…er ist nicht mein Freund.“
Der Polizist hob eine Augenbraue. „Na gut, dann sag uns bitte den Namen dieses Jungen.“
Schlagartig sah sie auf. Ihre tiefblauen Augen blickten irritiert.
„Ich weiß nicht wie er heißt…“

 

„Mein Bruder bringt mich um!“, keuchte Vivi. „Er reißt mir den Kopf ab!“
„Ach, komm! Das kann er gar nicht.“, beschwichtigte Benny und klopfte ihr auf die Schulter. Seite an Seite saßen sie am Tisch bei Benny zu Hause und aßen ein Stück Zitronenkuchen. Selbstgemacht, von seiner Mama.
Die Geräusche aus dem Fernseher drangen zu ihnen herüber. Opa saß im Wohnzimmer, vor dem Fernseher eingenickt.
Zorn versprühend funkelte sie ihn an. Alarmiert zog Benny den Kopf ein. „Du brauchst gerade etwas sagen! Schließlich hast du das Heft fallen gelassen!“
„Aber…“, murmelte er zu seiner Verteidigung. „Was hätte ich denn tun sollen. Da stand der Großmeister des Bösen vor mir! Wie er es gesagt hat! Er wird das Siegel brechen und dann die Nachkommen von Link auslöschen!“
„Du bist doch gar kein Nachkomme von Link!“, fauchte Vivi.


„Aber ich bin blond! Vielleicht verwechselt er mich mit dem Nachkommen von Link und will mich jetzt umbringen!“
Vivi zuckte zusammen. „Du hast Recht!“ Sie senkte den Kopf. „Und er denkt ich bin die neue Prinzessin Zelda!“
Einen Moment sahen sie sich stumm an. Dann brachen sie in schallendes Gelächter aus.
„Warum lacht ihr?“
Nun schrieen sie wie am Spieß. Aus lauter Schreck.
Aber es war nur Lin.
„Wie kannst du uns nur so erschrecken!“, zischte Benny verärgert. Verärgert über seine Feigheit. Er und Vivi hatten im ersten Moment gedacht der böse Junge würde hinter ihnen stehen. Lin seufzte verträumt und torkelte zum Kühlschrank. Sie holte sich Eistee.


„Was ist mit deinem Knie passiert? Und warum ist dein Rock zerrissen?“, fragte Vivi überrascht, als sie den Verband entdeckt hatten.
„Nicht so wichtig.“, schlug Lin ab. „Wo ist Mama?“
„Unten, im Atelier.“, antwortete Benny. „Sag mal, was ist denn mit dir los? Hallo! Erde an Lin!“
„Was?“ Lin sah ihn aufgeschrocken an. „Entschuldige, ich habe nicht zugehört. Wo ist Mama?“
„Im Atelier, du taube Nuss! Was ist denn mit dir passiert? Warum bist du so komisch?“ Benny funkelte sie misstrauisch an.
„Ach, nichts.“ Lin erhob sich. Leise vor sich hin summend, sie sang ein Wiegenlied, das ihre Mutter ihr immer vorgesungen hatte, als sie noch kleiner war. Und was wiederum ihre Großmutter ihrer Mutter vorgesungen hatte als diese noch ein kleines Mädchen gewesen war.
Schleichend und in sich versunken stieg sie die Treppen zum Keller hinunter.
Es ging ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf! Dieser eine Blick von ihm hatte sie so durcheinander gebracht! Niemand – und schon gar kein Junge – hatte es je fertig gebracht sie so…so… Lin fand kein Wort, das diesem Gefühl gleichkam, das sie jetzt spürte.


Sie öffnete die Tür. Es war ein wenig düster, still und einsam im Keller.
Genau der richtige Ort für das Hobby ihrer Mutter, das mittlerweile bereits zum Nebenjob geworden war.
Frau Thelen war Malerin. Nein, keine Frau, die an Häuserfassaden hinaufstieg und mit einem dicken Haarpinsel die Farbe auf die Außenwand strich. Sondern eine richtige Künstlerin.
Eine richtig Talentierte!
Sie malte so wunderschöne Bilder, dass man sich von jedem Einzelnen in den Bann ziehen ließ und einfach nicht mehr davon loskam! Sie verkaufte sie auch. Sicher, von einer Berühmtheit wie Pablo Picasso war sie noch weit entfernt, aber sie verdiente sich ein gutes Taschengeld, das immer für größere Anschaffungen beiseite gelegt wurde. Erst in den letzen Sommerferien hatten sie sich einen zweiwöchentlichen Türkeiurlaub im vier-Sterne-Hotel leisten können.
Und außerdem, war Picasso nicht arm wie eine Kirchenmaus gewesen und erst nach seinem Tod der meisterhafte Erfolg gekommen?
Im Haus hingen nur von ihr gemalte Bilder. Auch Benny hatte eines im Zimmer hängen. Ein roter Drache, mit breiten Flügel und umgeben von einem Meer aus Flammen. Passend zu dem Orange seiner Tapete.


Nun war Lin dran. Sie hatte um ein ganz besonderes Bild gebeten. Dafür war sie ja auch eigenhändig Modell gestanden, nur für ihr Bild und nicht, wie sonst immer, für irgendwelche anderen Bilder ihrer Mutter. Ihre Mutter benutze sie oft als Modell für ihre Bilder. Und auch Benny. Und ihre Freundinnen und deren Kinder. Am liebsten Kinder, denn sie zeichnete oft Kinder. Kleine süße Mädchen.
Aber nein, dieses sollte Lin gehören.
„Ist es fertig?“, fragte Lin aufgeregt. Sie konnte es kaum erwarten.
Ihre Mutter, noch immer Pinsel und Farbgestell in der Hand, sah von der Leinwand auf. „Fast.“, versicherte sie. Lin klatschte voller Vorfreude in die Hände.
Dann aber sah ihre Mutter den Verband um ihr Knie. „Was ist dir passiert?“
Lin gesellte sich ohne zu antworten neben sie. Ihr stockte der Atem, so atemberaubend schön war das Werk.
Es zeigte eine anbrechende Nacht. Der Mond schimmerte leicht am Himmel und ein feiner Goldstaub bildete die funkelnden Sterne. Im Mittelpunkt stand ein Phönix, ein goldener und flammenroter Feuervogel, der erwartungsvoll und bereit zum fliegen, die Flügel ausbreitete und die goldenen Federn zeichneten sich in seinem Gefieder. Auf dem Vogel saß ein junger Mann. Die reiche Rüstung funkelte bronzefarben und an der Seite hing eine lange Schwertscheide herab, reich bestückt mit winzigen Tupfern als Edelsteine.


Er hatte den Arm von sich gestreckt seine Hand reichte er einem Mädchen. Dafür hatte Lin Modell gestanden. Das seidige Haar flatterte mit dem leichten Wind. Das lange weiße Kleid fiel ihr um die Beine und gab ihre nackten Füße preis. Es gab ihre Schultern frei und die reine weiße Haut. Die Ärmel waren breit und gingen nur am Handgelenk zu einem engen Band über, so dass sie geschmeidig aber nicht plump herab fielen. Die Lippen waren blutrot.
Auf dem Kopf trug das Mädchen ein goldenes Diadem mit einem leuchtendroten Stein, der einen Fixpunkt im ganzen Bild darstellte und die Aufmerksamkeit sogleich auf das wundersame Mädchen zog. Sie legte ihre Hand in die seine, bereit ihm zu folgen, wohin immer er auch fliegen wollte.
„Glaubst du an Märchen, Mama?“, fragte Lin. Sie konnte ihren Blick nicht von dem Gemälde nehmen. „Glaubst du sie können wahr werden?“
Ihre Mutter lächelte warm. Sie hätte ihre Tochter am liebsten in den Arm genommen, doch ihr farbenbesprenkelter Malermantel und ihre schmierigen Hände hielten sie davon ab. „Lin, ich muss mir noch einen Rat von dir holen. Schau, ich habe dem Jungen jetzt blonde Haare gegeben, aber das Mädchen ist schon blond. Ich finde er sollte eine andere Haarfarbe bekommen, nicht? Vielleicht mal etwas dunkles? Oder sogar schwarz?“
„Nein, Mama!“, sagte Lin bestimmt. „Nicht schwarz.“ Dann aber unterbrach sie sich und legte ihre Hände aufs Gesicht vor lauter Verlegenheit. „Mal sie kupferrot. Und…kannst du dem Jungen noch ein paar Sommersprossen geben? Um die Nase herum?“


Verwundert musterte ihre Mutter sie, einen Moment lang, dann aber grinste sie. „Natürlich Lin. Und jetzt erzähl mir mal dein Märchen. Ich bin ganz Ohr!“
Lin seufzte. „Ich weiß ja noch nicht einmal seinen Namen… Wahrscheinlich sehe ich ihn nie wieder…“

Während der nächsten drei Wochen war Lin besonders aufmerksam. Sie lief den gleichen Weg zur Schule und zurück und ins Zentrum. Nur um auf ein Wunder zu hoffen.
Tatsächlich kam ein Wunder! Gleich am Montagmorgen in der Schule.
Da erlebte sie ihr blaues Wunder!
Jenni und die anderen erwarteten sie schon vorm Klassenzimmer. Wütend und beleidigt. Den ganzen Tag musste sie sich anhören was für eine unzuverlässige und untreue Seele sie doch war, dass sie sie in der Eisdiele hatte warten lassen bis sie schwarz wurden ohne auch nur ein Lebenszeichen von sich zu geben. So oft hatte sich Lin entschuldigt und versucht zu erklären, doch es war vergebens gewesen. Den ganzen restlichen Tag war sie im Besitz der Arschkarte gewesen. Zum Schreien!


Ihr erhofftes Wunder auf eine zweite Begegnung mit ihrem Retter mit den seltsamen Honigaugen war nicht eingetroffen. Sie sah ihn nie wieder, sie hatte die Hoffnung aufgegeben.
So etwas passierte eben nur in Märchen. Oder in berechnenden Liebesfilmen.
Wenigsten konnte sie sich mit dem Bild trösten, das ihre Mutter für sie fertig gemalt hatte. Es hing nun in ihrem Zimmer über dem Bett und sie konnte es stundenlang betrachten. Der junge Reiter hatte kupferrote Haare und die Sommersprossen verliehen ihm eine kindliche Verspieltheit. Und jedes Mal fühlte sie sich aufs Neue niedergeschlagen.
Lin wusste ja nicht, dass zwar sie ihren Retter nicht sah, durchaus aber ihr Retter sie. Denn er folgte ihr auf Schritt und Tritt. Fand heraus wo sie zur Schule ging, wo sie sich mit ihren Freundinnen – die ihr Gott sei Dank recht rasch verziehen hatten – traf, wo und wann sie zum Tanzen ging und wie sie täglich die Strecke über den Straßenübergang lief, auf dem sogar ein kaum erkennbarer Blutfleck zurückgeblieben war.
Eines Morgens dann, sollte das Schicksal dann endlich in die Gänge kommen, natürlich auch ohne ihr Zutun…

 

„WAS willst du?“, fragte Ashanti.
Unbekümmert fuhr Kim fort spezielle Butter auf sein spezielles Brötchen zu schmieren. Er hatte das ganz beiläufig erwähnt, in der Hoffnung ausgerechnet seine Mutter würde dem nicht sonderlich viel Beachtung schenken, aber falsch gedacht.
„Auf eine öffentliche Schule gehen.“, wiederholte er. „Zwei Straßen weiter gibt es dieses Gymnasium…“
„Das ist mir ganz egal!“, fiel seine Mutter ihm ins Wort. „Nein!“
Empört klatschte Kim das Brötchen auf den Teller. „Warum nicht?“
Nun war es seine Mutter, die gemächlich in ihr normales Marmeladenbrot biss. „Deine Privatlehrer sind bereits engagiert, Herr Liebgraf war so nett sie uns zu empfehlen. Keine Sorge, nächste Woche beginnt auch für dich die Schule, dazu musst du dieses Haus nicht verlassen.“
Sein ganzes Leben lang, seit er vier Jahre alt war, hatte Kim Privatlehrer gehabt. Recht früh hatte man festgestellt, dass er überdurchschnittlich intelligent war und keine Minute mehr hatte seine Mutter verschwendet. Die bestmöglichsten Professoren hatte er gehabt. Meistens waren es berühmte alte, pensionierte Gelehrte gewesen, die (fast) alle Zeit der Welt hatten ihn zu unterrichten und sich ganz seinem Verstand zu widmen.


So hatte Kim im Alter von sechs Jahren sein Abitur abgelegt – mit 1,0 – ohne jemals eine Schule von innen gesehen zu haben. Ein Philosophiestudium hatte er begonnen, ganz aus freien Stücken, aber das war seiner Mutter ja nicht genug („Philosophie? Allein über Gott und die Welt nachzudenken, davon kann man nicht leben!“) sie hatte sich gleich nach mehreren Studiengängen erkundigt.
Mittlerweile hatte Kim vier Docktortitel und drei Professorentitel…
Es war nun einmal so, dass Kim ein Gehirn hatte, das zehn Elefanten und hundert Menschen glich. Er musste nur einmal etwas sehen, hören, lesen und es war in seinem Gedächtnis wie eingebrannt. Darum fiel es ihm auch so leicht Sprachen zu erlernen. Darum war hauptsächlich er es, der in ihren verschiedenen Aufenthaltsländern in der dortigen Sprache sprach. Sein Vater hatte sich meist mit Englisch begnügen müssen. Seine Mutter war der Sprache ausgelie-fert gewesen, sie konnte kaum Englisch. *Ja gut, warum sie dann diese Sprache spricht, die gerade gesprochen wird, weiß ich nicht, ich weiß ja nicht einmal welche das ist. Ist doch e-gal!*
Und dass er ein unglaublich gut ausgeprägtes logisches Denkvermögen besaß, dass er Zusammenhänge schnell erfassen konnte und rational und räumlich visualisieren konnte ohne jegliches Problem, eröffnete ihm die weite Welt der Mathematik und aller Naturwissenschaften.


Und um das Übel auf den Gipfel zu bringen war er auch noch musikalisch! Seine Mutter hatte ihm zu seinem vierten Geburtstag die erste Klavierstunde geschenkt (ihr Flügel zog übrigens immer mit ihnen um) und seit diesem Tag war Kim in diversen berühmten Theaterstücken und Musicals aufgetreten und hatte unzählige Preise in Musikwettbewerben abgeräumt.
„Aber ich will keine Privatlehrer mehr!“, sagte er bestimmt. „Ich brauche diese apathischen Greise nicht, ich kann auch selbst lernen.“
Seine Mutter griff nach ihrer Kaffeetasse. „Wenn du nicht einmal hochqualifizierte Lehrer braucht, warum willst du dann auf diese…einfache Schule gehen?“
„Es ist keine einfache Schule! Es ist immerhin ein Gymnasium. Da geht nicht jeder Depp hin!“, konterte Kim. Er war stocksauer. Seine Mutter wollte ihm nicht einmal zuhören.
Seine Mutter trank ohne ihn auch nur einen Augenblick aus den Augen zu lassen. Als sie die Tasse abstellte erwiderte sie: „Du bleibst hier und damit hat’s sich!“
Kim sprang auf die Beine. Der Stuhl wurde nach hinten gerissen und schlitterte über den Boden. „Ich will aber nicht!“
Ashanti beugte sich vor. Sie versuchte es auf die ruhige und sanfte Art. Obgleich sie wusste, dass diese bei ihrem Sohn nicht zog, er war der gleiche Sturkopf wie sie. „Kimball! Warum verstehst du denn nicht, dass ich nur das Beste für dich will? Du hast einen IQ von 227! Wie kannst du glauben ich lasse zu, dass du in irgendeiner Schule versauerst, während es haufenweise der klügsten Köpfe dieser Welt gibt, die sich darum reißen dich unterrichten zu dürfen? Sieh mich nur mal an! Glaubst du ich wäre Tänzerin geworden, hätte mich beglotzen und begaffen lassen, wenn ich so klug wäre wie du? Ich weiß was es heißt, wenn der Körper das einzige Kapital ist, das man zu bieten hat!“


„Wie kannst du nur glauben, dass du das Beste für mich willst, wenn du mich hier versauern lässt!“, zischte Kim energisch zurück. „Ich habe doch nicht vor mich auf der Straße auszuziehen!“
Sie hob verzweifelt die Arme und griff sich an den Kopf. „Dave! Jetzt sag doch du auch etwas! Mach deinem Sohn klar von welchem Schwachsinn er redet!“ Sie zerrte ihm die Zeitung aus der Hand.
Erschrocken sah sein Vater auf. Er hatte es gern, wenn er nicht in Streitereien zwischen seiner Frau und seinem Sohn hineingezogen wurde. Er hasste es zwischen den Fronten zu stehen. Ja, überhaupt nur in einen Konflikt zu geraten.
Meistens musste er es auch nicht. Seine Frau setzte sich so gut wie immer durch. Ob es nun um ihren Sohn ging, um ihn (was allerdings nicht schwer war) oder um eine nicht ihren Wünschen entsprechende Lieferung vom Modekatalog.
Aber heute…heute war es so schlimm, dass sie ihn mit hineinzerren musste.


„K…Kim, hör auf deine M…Mutter. Sie will nur das Beste…“, stotterte er.
„Dave!“, unterbrach Ashanti ihn. „Rede mit ihm! Von Vater zu Sohn! Du müsstest das doch besser können als ich! Schließlich hat er seine Intelligenz von dir geerbt!“
Genervt verschränkte Kim die Arme vor der Brust und setzte ein so langes Gesicht auf, das es bis zum Boden reichen könnte, wäre es nicht fest angewachsen.
„Kim, du…“, setzte sein Vater erneut an.
„Ich will das nicht hören! Du plapperst Ummi doch nur nach! Warum rede ich überhaupt mit euch, ihr hört mir doch sowieso nicht zu!“
„Kimball!“, fuhr seine Mutter ihn an. „Wehe du erhebst deine Stimme noch einmal!“
Sein Vater war um einen kühlen Kopf bemüht. Er sah es vor sich, dass es wieder endete wie sonst immer. Mit einem ohrenbetäubenden Türknall und zwei Wochen Zimmerarrest für Kim. „Na gut, Kim.“, versuchte Dave die beiden zu beschwichtigen. Sie hörten auf zu streiten und wandten sich ihm zu. „Warum willst du so plötzlich unbedingt auf eine öffentliche Schule?“
Seine Eltern musterten ihn erwartungsvoll.


Einen Moment zog Kim es in Betracht zu lügen. Er war ein vorzüglicher Lügner.
Aber dann dachte er, dass es sowieso irgendwann herauskam und außerdem – kein Grund war gut genug um seine Mutter freiwillig umzustimmen. „Es ist wegen einem Mädchen.“, sagte er leicht heraus.
„Wegen einem Mädchen?“, plötzlich lachte seine Mutter. „Etwa das von nebenan?“
Kim wurde rasend vor Wut. „Warum musst du immer gleich lachen, wenn ich etwas sage?“
„Das kann doch nicht dein Ernst sein!“, wetterte seine Mutter. Sein Vater war wieder vergessen, sie brauchte ihn nicht mehr. „Wegen einem Mädchen!“ Seine Mutter war fassungslos. „Du hast noch genug Zeit für Mädchen! Wenn du erst einmal mit deinen Studien fertig bist, dann wird dir die ganze Frauenwelt zu Füßen liegen.“
„Ich will aber keine Frauenwelt! Ich möchte sie kennen lernen!“
„Andere Mütter haben auch schöne Tochter. Und ich möchte meinen über Schönheit geht dieses Mädchen nicht hinaus!“
„Du kennst sie doch gar nicht!“, zischte Kim.
„Das brauche ich nicht!“, zischte seine Mutter zurück. „Und du auch nicht! Du gehst nicht auf diese Schule und das ist mein letztes Wort!“
Kim erstarrte angesichts dieses großen Maßes an Ignoranz, das seine Mutter ihm entgegenbrachte. Um zu zeigen, dass für sie die Sache abgeschlossen war, blätterte Ashanti demonstrativ die Zeitung auf und tat als lese sie interessiert.


So unbeschreiblich wütend war Kim, dass er meinte seine Organe schwellten auf die doppelte Größe an. Und er wollte, dass seine Mutter genauso wütend wurde. Er wollte sie provozieren! Sein Vater war es, der spürte, dass unter der Oberfläche noch immer die Spannung knisterte. „Kim.“, sprach er möglichst ruhig. „Deine Mutter will doch nur…“
Kim hörte ihm überhaupt nicht zu. Denn er hatte den Korb mit den normalen Weizenbrötchen erblickt und wusste nun wie er seine Mutter in Rage bringen konnte.
Mit einer flinken Bewegung ergriff er eines der Brötchen und biss hinein. Er gab laute Genussgeräusche von sich und kaute heftig.
Seine Mutter schaute schockiert auf.
„Hmmm…so viel Phenylalanin! Ich schmecke es richtig auf der Zunge!“ Es war das letzte Druckmittel, das Kim gegen seine Mutter in der Hand hatte. Und von dem er noch nie gewagt hatte Gebrauch zu machen.
Jetzt konnte er sie damit provozieren.


Seine Mutter schlug mit der Faust auf den Tisch. „Hör sofort auf damit!“
Kim biss ein besonders großes Stück ab. Sein Vater senkte den Blick und schüttelte seufzend den Kopf.
Seine Mutter aber sprang auf die Beine und schnappte nach ihm. Er wich nach hinten aus.
„Geh sofort auf dein Zimmer!“, kreischte sie.
Er warf das Brot auf den Tisch. Die Milchkanne für den Kaffee flog um, die weiße Flüssigkeit ergoss sich auf dem Holz. „Ich bin draußen!“, sagte er eiskalt, nahm das Heft von dem kleinen Jungen, in dem er vor dem Frühstück geblättert hatte und donnerte hinter sich die Haustür zu. Gut, heute war es nicht seine Zimmertür.
Stöhnend setzte sich Ashanti wieder auf den Stuhl. Die Milch floss vor sich hin, doch keinen kümmerte es.


Sie massierte ihre Schläfen. „Wie ist er nur so schwierig geworden, Dave?“, fragte sie verzweifelt.
Dave nahm eine Hand seiner Frau in die seinen. Und zwar die Hand an dessen Gelenk der silberne Armreif funkelte. Mit den kleinen Rubinen und alten Runen eingraviert. Schon seit Jahrhunderten, war er im Besitz von Ashantis Familie. Sie stammte einem alten Königsgeschlecht der Wüste ab. Damals hatte der Wüstenkönig, der Der mit der dunklen Macht Gesegnete genannt wurde, seiner Frau den Armreif als Hochzeitsgeschenk überreicht. So war der Reif immer an die erstgeborene Tochter weitergegeben worden, die den Armreif erst am Tag ihrer Hochzeit offen tragen durfte.
Tatsächlich war es so, niemand konnte es sich erklären, dass Ashantis Familie von Generation zu Generation nur Töchter geboren hatte. Kim war der erste Junge, der diese Linie durchbrach. Darum war er der wohlbehütetste Schatz der weitgefächerten Familie AlMurrat (Ashanti hatte neun Schwestern und sechzehn Nichten – aber keinen Bruder und keinen Nef-fen).
„Ashanti! Vielleicht bist du zu streng mit ihm.“, beschwichtigte Dave sie und streichelte ihre Hand.


„Zu streng?“, murmelte Ashanti. „Früher war er doch immer so brav und wäre niemals auf die Idee gekommen so etwas…“ Sie sprach nicht weiter.
„Er wird langsam erwachsen. Seine Interessen wandeln sich.“
Kopfschüttelnd erhob sich Ashanti und schritt zu einem der Kartons, die noch halbvoll in der Küche standen. Einen dicken und dennoch überfüllten Ordner holte sie daraus hervor. Und klatschte ihn auf den Tisch. „Warum will er das denn nicht verstehen?“, sagte sie verzweifelt und schlug den Ordner auf. Darin hatten sie, Ashanti und Dave, jeden Fitzel gesammelt, der mit ihrem Sohn zu tun hatte. Primuszeugnisse, in denen nichts anderes als die beste Note prahlte, Auswertungen verschiedenster wissenschaftlicher Intelligenzteste, Aussagen und Urteilungen von Wissenschaftlern, Ärzten und Professoren über seinen erstaunlichen Geist, viele und aberviele Auszeichnungen und Zertifikate und Zeitungsartikeln, die sie über die Jahre in den verschiedensten Sprachen der verschiedensten Fachzeitschriften und Tageszeitungen gesammelt hatten. Ihr ganzer Stolz.
Ashanti lächelte als sie einen Artikel aus einem sehr alten, speziell für sie angefertigten, Jahrbuch betrachtete. Es war ein Bild darauf, von Kim, als er fünf Jahre alt war. Brav lächelnd, was äußerst gestellt aussah, hielt er sein Abiturzeugnis empor, einen ganzen Schnellhefter voll, da er Prüfung in etlichen Fächern abgelegt hatte.
„Ich mache mir doch nur Sorgen, dass er sich auf Leute einlässt, die ihn enttäuschen!“, rechtfertigte sie sich.


Dave versuchte sie zu trösten. „Es wird Zeit, dass wir ihm mehr Freiheiten lassen. Er muss seine Fehler machen um zu lernen.“
Ashanti sah traurig auf. „Findest du?“
Dave nickte.


Noch immer aufgebracht stapfte Kim den Weg entlang. Er wollte nur noch alleine sein um sich zu fangen. Er hatte die Nase gestrichen voll.
Er hatte kaum jemals Freunde gehabt und wenn waren die meisten davon über dreißig gewesen. Einmal in seinem Leben wollte er sein wie alle anderen Jugendlichen auch. Wenigstens nur einen Tag lang! Er wollte irgendwo rumhängen, feiern, sich mal bis zum Delirium volllaufen lassen mit anderen Jungen grölen und den Mädchen nachstarren.
Das alles war ihm beim Anblick dieses Nachbarmädchens, Lin Thelen hieß sie, bewusst geworden. Sie hatte alles verkörpert was er nicht hatte. Freiheit, Freizeit, Freunde, Spaß und Spontaneität. Das war es, was ihn so verzaubert hatte. Er hatte das Gefühl, dass, wenn er in ihrer Nähe war, er das alles auch haben konnte. Und noch viel mehr.
Darum dachte er nicht daran auf seine Mutter zu hören. Egal was sie sagte, es interessierte ihn nicht. Seiner Ansicht nach war sein IQ hoch genug – jetzt war es Zeit auch einmal seinen EQ zu steigern!
Aber wie an sie herankommen? Seine Mutter wollte ihn nicht auf ihre Schule gehen lassen. Dabei hatte er es sich doch schon so schön ausgemalt. Er würde in ihre Klasse gehen, das stand fest! Und sie würde ihn erkennen, auch das stand fest! Damit hatten sie einen Anknüpfpunkt.


Doch der nützte ihm nichts, weil er nicht auf ihre Schule ging! Ihr irgendwo auf der Straße auflauern? Was sollte er ihr dann sagen? Auf welche Schule er ging? Nun ja… Auf gar keine! Weil er so hyperschau war, dass kein Schulgebäude würdig genug war, dass er auch nur einen Fuß hineinsetzte. Und dann musste er erzählen wer er war und was er machte und was er alles konnte et cetera et cetera. Dann war sie so eingeschüchtert, dass sie ohne auch nur eine weitere Sekunde mit ihm zu verschwenden zu ihren Freunden laufen würde.
So wie so viele andere Jungen und Mädchen deren Freundschaft er gesucht hatte. Sobald herauskam wer er war, war er wieder allein. So konnte es nicht weitergehen!
Bei Lin wollte er nicht einfach aufgeben und wie ein getretener Hund zu seiner hochragenden Mutter zurückkehren!
Ein Ball flog durch den hohen Metallring.
Die Mannschaft jubelte.


Kim sah auf. Er war am Hartplatz angekommen, der in einem kleinen Park lag. Die Straße führte genau darauf zu. Es waren kleine Kinder, noch Grundschüler, die Basketball spielten.
Gleich darauf erkannte er den blonden Jungen und das wuschlige Mädchen, die bei seinem Anblick schreiend die Flucht ergriffen hatten.
Da kam Kim ein Einfall. Vielleicht konnte er über den kleinen Bruder an Lin heran kommen. Benjamin Thelen hieß er, das hatte Kim recherchiert. Ja, warum nicht? Zumindest konnte man sich diese Möglichkeit warm halten. Einen Grund ihn jetzt in die Mangel zu nehmen hatte Kim ja. Das Heft war der Schlüssel. Aber wie stellte er es geschickt an? Nicht, dass sie gleich wieder die Flucht ergriffen?
Er durfte ihnen dazu keine Zeit lassen!
Langsam und vorsichtig schlich er sich an den Hartplatz mit den beiden Körben heran. Er blieb noch im Verborgenen…
„Ich steh frei!“, kreischte Joe. „Ich steh frei!“ Er war mit elf Jahren der Älteste der Gruppe.
Gummy warf ihm den Ball zu. Doch Vivi sprang wie eine Wildkatze dazwischen.
„Hey!“, kreischte Joe und nahm die Verfolgung auf.


Vivi suchte Bennys Blickkontakt. Fand ihn. Mit nur wenigen Gesten stand ihre Strategie fest. Sie waren ein eingespieltes Team. Die anderen hatten keine Chance.
Sie täuschte einen Korbwurf vor, die Gegner konzentrierten sich vollkommen auf sie. Blitzschnell fuhr sie herum und warf den Ball zu Benny. Der versenkte ihn mit einem Hechtsprung.
Jessi und die anderen Mädels, die nicht spielten, saßen am Rand und zuschauten, jubelten laut auf. Benny und Vivi klatschten zufrieden in die Hand des anderen.
„Wir können es halt!“, grinste Vivi. Benny grinste zurück.
Vom ständigen Verlieren beleidigt hob Joe den Ball auf. „Mit so einem wie dem da kann man gar nicht gewinnen!“ Er gab Google die Schuld. Mit einem genervten Satz schmiss er ihm den Basketball entgegen. Doch Google krümmte sich Angesichts des auf ihn zufliegenden harten Balles zusammen. Der Ball flog an ihm vorbei.
Joe seufzte. Google konnte einfach nicht spielen, sosehr er sich auch bemühte. „Geh und hol ihn, du Milchbubi!“
Google zeigte ihm verletzt den Mittelfinger. Machte sich aber auf den Weg.
„Joe!“, lachte Vivi. „Immer sind alle anderen schuld, nur nicht du!“
„Halt die Klappe!“, zischte Joe.
Abrupt blieb Google stehen. Auch die Mädchen am Rand waren wie gebannt.
Sie sahen es aus dem Augenwinkel.
Benny drehte sich herum. „Google, was ist…“


Der Großmeister des Bösen war am Hartplatz am anderen Korb erschienen. Der Ball zu seinen Füßen…
Kim hatte alles mit angesehen. Und er sah den Ball vor sich auf dem Boden. Wie lange hatte er schon keinen Ball mehr in den Händen gehabt? Ziemlich lange.
Das Heft rollte er zusammen und steckte es sich hinten in die Potasche. Dann nahm er den Basketball an sich. Er drehte den Ball zwischen den Händen und ließ ihn ein paar Mal trippeln. Um ein Gefühl für den Ball zu entwickeln. Dabei war er ganz konzentriert.
Die Kinder waren irritiert. Sie wussten gar nicht was da vor sich ging.
Dann packte Kim zielstrebig den Ball, den Blick auf den Korb gerichtet und sprang um seinen Schwung in den Ball übergehen zu lassen. Der Ball entglitt seinen Fingern ganz so wie er es wollte.
Der Ball flog über die starrenden Köpfe der Kinder hinweg, ebenso zielstrebig dem Korb entgegen. Der Ball schlug gegen den Eisenhaken, der den Korbring hielt und wurde prompt zurückgeschleudert, schlug gegen den gegenüber liegenden Rand des Korbes, wurde wieder weggestoßen und als die Kraft des Schwunges aufgebracht war fiel er – durch den Korbring.
Vom anderen Spielfeldrand!


Die Münder der anwesenden Kinder waren weit aufgerissen.
Ha! Er hatte es geschafft!
Dabei war ihm gar nicht wichtig, dass er die Bewunderung aller Kinder brauchte. Nein! Er brauchte nur die Bewunderungen eines der Kinder. Den Blonden musste er unbedingt für sich einnehmen! Vielleicht war es auch nicht schlecht die kleine Freundin auf seine Seite zu ziehen.
So konnte er an Lin herankommen! Ganz ohne, dass seine Mutter ihm in die Quere kam!
Kim behielt Recht. Nur wenige Sekunden nach dem ersten Schock waren alle Feuer und Flamme. Fasziniert von ihm versammelten sich die Gören wie die Fliegen um den Misthaufen. Ihre Gesichter strahlten ihre Stimmen grölten.
„Wie hast du das gemacht?“


„Du bist voll gut!“
„Wie?“
„Wow! Du bist toll!“
„Geil!“
„Zeig uns wie du das gemacht hast!“
Vivi zwängte sich zu ihm durch. „Willst du mitspielen…?“
Ohne sie ausreden zu lassen schnitten ihre Kameraden ihr das Wort ab. „Dann spielt er bei uns!“
„Nein, bei uns!“
„Ich hab es zuerst gesagt!“
„Na und, ich habe es zu erst gedacht!“
„Stimmt gar nicht!“


„Das könnt ihr nicht beweisen!“
Kim musste innerlich lachen. Als er klein war, war er nie so gewesen, er hatte dafür keine Zeit gehabt. Aber er wünschte er wäre ein Kind unter ihnen gewesen.
Lächelnd sah er auf und das Lächeln verging ihm.
Sein Plan ging doch nicht auf.
Denn Benjamin Thelen, wie Lins Bruder hieß, stand am anderen Rand und hob den Basketball auf. Mit einem finsteren, ja gar feindseligen, Blick starrte er ihm genau in die Augen. Hui, war der Junge drauf.
„Haltet die Klappe!“, brüllte Vivi sie an. „Er spielt bei mir und Benny mit!“
„Das ist unfair!“, antworteten sie, wie aus einem Mund.
„Tja, Pech wenn ihr…“


„Nein!“, schrie Benny zu ihnen herüber.
Verwundert verstummten sie und drehten sich fragend zu ihm um.
Breitbeinig stellte sich Benny zu seiner vollen Größe auf und hielt den Ball trotzig im Arm. „Wenn der mitspielt, spiele ich nicht mehr!“ Demonstrativ warf er dem Haufen den Ball vor die Füße. Und begab sich bereits vom Hartplatz weg.
„Was ist denn mit ihm los?“, fragte Gummy. „Der spinnt ja heute total!“
„Soll er doch gehen, wenn er so schnell beleidigt ist!“, giftete Joe. „Nur weil mal einer besser ist als er und seine liebe Vivi!“
Vivi hob ihm drohend die Faust entgegen.
„Schon gut.“, unterbrach sie Kim. „Holt euren Freund wieder her, ich gehe.“
Die Kinder schnatterten wie aufgescheuchte Hühner.
„Ne, bitte nicht!“, flehte Google. „Der beruhigt sich schon wieder.“
„Genau, ich gehe mal mit ihm reden und hol ihn wieder her.“, versicherte Vivi.
„Du kannst schon mitspielen!“, sicherte auch Joe ihm zu.
Kim lachte. „Ist schon gut. Ich bin sowieso nicht zum Spielen hergekommen.“ Er zog das Heft aus seiner Hosentasche und reichte es Vivi. „Das gehört doch dir, oder? Entschuldige, dass es etwas zerknittert ist.“


Mit ehrfürchtig zitternden Händen nahm Vivi ihm das Heft ab. Daran schien sie gar nicht mehr gedacht zu haben.
„Da…danke!“
„Ach und“, fügte Kim schmunzelnd hinzu. „Ihr habt schon recht gehabt. Ein wenig Ähnlichkeit habe ich mit dem Bösewicht.“
Die anderen runzelten fragend die Stirn. Nur Vivi nicht, die lief knallrot an.
Kim verließ sie und machte sich auf den Heimweg.
Nun war es wieder so trostlos wie vorher.
Es hatte alles keinen Sinn!
Seine Mutter und Lins Bruder waren einfach nicht kooperativ! Er musste sie irgendwie zwingen!
Er wollte Lin! Um jeden Preis!
Kim stolzierte nach Hause. Und zog den Schlüssel heraus. Er hatte bereits einen.
Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen da kam ihm seine Mutter entgegen und umarmte ihn und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
„Was ist denn?“, schnaufte er.


Ihre schweren Hände ruhten auf seinen Schultern. „Dein Vater und ich haben noch einmal über dich gesprochen.“
„Ach ne, schön für euch!“, stieß er genervt heraus und versuchte sich an ihr vorbeizudrücken. Doch die Hände packten ihn und hielten ihn bestimmt fest.
„Ich bin noch nicht fertig!“, drohte Ashanti. „Wir haben uns überlegt, dass es dir vielleicht doch gut tut, wenn du auf eine öffentliche Schule gehst.“ Urplötzlich erstarrte Kim, aus Überraschung und weil er seinen Ohren nicht traute. „Naja, vorerst einmal für ein Jahr…“
„Das ist jetzt doch nicht dein Ernst!“
„Provoziere mich nur, dann überlege ich es mir wieder anders!“
Nun strahlte Kim. „Darf ich wirklich auf dieses Gymnasium gehen?“
„Morgen schulen wir dich dort ein!“
Kim machte einen Freudensprung und klatschte seine Hand an die Decke.
„Aber wehe du hast dann keine Zeit mehr für deine Studien! Du hast trotzdem Unterricht bei Privatlehrern und wenn ich von einem von ihnen höre, dass deine Leistungen nachlassen, dann bist du so schnell von der Schule weg wie du öffentliche Schule sagen kannst!“, drohte ihm seine Mutter.


„Jaja, schon gut!“, frohlockte Kim, packte seine hübsche Mutter um die Hüften um sie hochzuheben. „Danke, Ummi!“ Dann ließ er sie runter und rannte freudestrahlend in sein Zimmer. Es hatte geklappt! Nun brauchte er sich gar nicht mehr bei Lins kleinem Bruder einzuschleimen! Denn nun war er schon morgen mit Lin in einer Klasse!
Dann konnte er sie täglich sehen, den ganzen Tag über!
Mit diesem wunderschönen Gedanken ging er ins Bett.
Sehr früh und schlief doch erst sehr spät ein…

 

Am nächsten Morgen kam er so leicht aus den Federn wie noch nie!
Kaum schlug die Uhr sieben war er fertig!
Auch seine Eltern.
Am Frühstückstisch saßen sie recht angespannt. Weil keiner wusste was auf sie zukam. Sie waren schließlich noch nie in eine Schule gegangen um Kim einzuschulen. Geschweige denn, dass sie überhaupt jemals in einer Schule gewesen waren.
Sein Vater nicht, der hatte ebenfalls Privatunterricht bekommen. Seine Mutter nicht, die hatte nie auch nur mit Bildung zutun gehabt. Nicht in ihrer Jugendzeit.
„Hier für dich!“, sagte seine Mutter und schob, zwischen Marmeladenglas und Milchkanne, ein Blatt Papier zu ihm herüber.
„Was ist das?“, fragte Kim während er es entfaltete.
Es war vollbekritzelt. Mit haufenweise Wörtern!
Mathematik, Naturwissenschaften, Literatur, Klavier, Philosophiestudien, Sprachunterricht, Philologie, Technologie, Anatomie, Medizin, Kulturlehre, Politikwissenschaften, Historie, Lernzeit und und und…


Nur ab und zu waren kleine Flecken dazwischen, in denen Schule stand.
„Das ist dein Stundenplan.“, sagte Ashanti unbekümmert.
„Stundenplan?“, fragte Kim verdutzt. „Da ist ja kaum Zeit für die Schule! Und freitags geh ich gar nicht hin, oder wie?“
Seine Mutter beugte sich vor und blinzelte ihn aus verstohlenen Augen an. „Wenn dir das nicht reicht, dann sollten wir das lassen!“
Kim resignierte. „Na gut. Besser als gar nichts.“
Zufrieden lehnte sich Ashanti zurück. „Eben!“

Nach einer großzügigen Stunde standen sie also im Direktorat.
Und hatten dem Direktor erst einmal erklären müssen, wer Kim war. Denn seine Mutter hatte den Direktor beschwichtigt die Identität ihres Sohnes unter keinen Umständen durchsickern zu lassen. Daraufhin hatte der Direktor so blöde geguckt, dass sie ihm erklären mussten welch ein Wunderkind er war. Dann hatte es dem Direktor gedämmert, er erwähnte die Sendung „die Besonderheit der Indigokinder“, die er einmal gesehen hatte und da war doch auch einmal von einem erstaunlichen Wunderjungen die Rede gewesen, der alle übertraf und ob er doch das wäre. Als seine Mutter, nicht ohne gewaltigen Stolz in der Stimme, dies bejaht hatte, da war der Direktor schier ausgeflippt.


Es war durchaus so, dass Kim als Wunder weltweit bekannt war, jedoch nicht seine Identität. Mehrere Sendungen und Artikel in Fach- aber auch diversen Klatschzeitschriften hatten ihn zum Inhalt, jedoch war niemals ein Foto von ihm abgelichtet worden. Und wenn überhaupt wurde nur sein Vorname erwähnt und der nicht einmal ganz. Es stand immer nur Kim darin. Und wie viele Jungen gab es, deren Namen sich auf diese drei Buchstaben reduzieren ließ?
Obwohl – eine Ausnahme gab es! Die aktuelle Auflage von „Platon“ einer Fachzeitschrift, die sich natürlich mit der Philosophie und Teilen ihrer verwandten Lehren wie der Ethik, der Theologie, Soziologie, Politologie und Psychologie beschäftigte.
In ihr war Kims erster Teil seiner neuen Arbeit, in der er sich mit Aristoteles’ Mesotes-Lehre auseinandersetzte und sie auf die moderne Zeit übertrug. Ein hochgestochener, komplexer und sprachlich komplizierter Artikel in einer insgesamt hochgestochenen, komplexen und sprachlich noch komplizierteren Fachzeitschrift, die nicht nur, nur jedes Semester neu herausgegeben wurde, sondern eigentlich nur von Literaturkreisen für Literaturkreise gemacht war und dementsprechend eine an den Fingern abzählbare Leserschaft besaß.
Der Direktor dieses Gymnasiums fiel schon mal nicht darunter.


Jedenfalls war darin sein voller Vorname angegeben und auch eine feine Bleichstiftzeichnung von ihm. Seine Mutter, die sich eigentlich, und da stimmte sie mit ihrem Ehemann überein, gegen jegliche Identitätspreisgebung ihrer Familie sträubte, hatte sich tatsächlich von dem Redakteur weichklopfen lassen. Aber nur für diesen einen Artikel…
„Kö…können wir…wir uns Ihrer Diskretion versichern?“, stockte sein Vater abschließend und rückte seine Brille zurecht.
„Absolut!“, erwiderte der Direktor und schlug Herrn AlMurrat kumpelhaft auf die Schulter. Sein Vater zuckte unweigerlich. „Kein Sterbenswörtchen wird mir über die Lippen kommen!“ Er lachte über sich selbst. Nur war er der Einzige, der sich lustig fand.
Ashanti AlMurrat war überaus angewidert von dem Mann. Zumal sie die Blicke, die er ihr immer wieder zuwarf, genau kannte und erst recht die Gedanken, die sich dahinter verbargen. Der Direktor setzte sich hinter seinen breiten Schreibtisch. „Wobei das sehr schade ist. Denn wenn wir nur kurz einmal erwähnen könnten welcher Wunderknabe sich ab heute Schüler unserer Schule nennt, würde das das Ansehen unserer Schule steigern. Dann würden uns eventuell großzügige Spenden zukommen, welche natürlich ausschließlich den Schülern zugute kommen würden. Wenn Sie verstehen was ich meine…“


Wieder grinste der Direktor seine Mutter an und als er den Blick seiner Mutter sah, da wusste Kim, dass der Mann so langsam die Grenze überschritt.
Ashanti trat vor und setzte sich mit einer geschmeidigen Eleganz auf die Kante des Pultes und lehnte sich vor. Der Direktor erschrak und wurde kreidebleich.
„Nun, Herr Direktor.“, sagte sie mit einer dunklen, exotischen – erotischen – Stimme. „Ich verstehe Sie voll und ganz. Aber ich würde meinen Sohn nicht auf Ihre Schule gehen lassen, wenn ich mir nicht ganz sicher wäre, dass Sie ein Mann der Tugend sind und die Bitte, die eine sich sorgende Mutter Ihnen mitteilt, nicht ignorieren. Ich habe so viel Gutes von dieser Schule gehört – und erst recht von ihrem leitenden Direktor – dass mir sofort klar war, dass nur diese Schule, und keine andere, für meinen Sohn infrage kommt, dass unsere Interessen nur bei Ihnen sicher aufgehoben sind!“
Alle Anwesenden waren vollkommen überrumpelt. Selbst Kim hatte so etwas nicht von seiner Mutter erwartet. Gott! War das wirklich seine Mutter, die da sprach? Ihr Mann Dave war starr vor Schreck, weil er sich immer wieder aufs Neue von der Ausstrahlung seiner Gattin in den Bann ziehen ließ. Er war, schon seitdem er sie zum ersten Mal gesehen hatte, wie Wachs in ihren Händen.
Und erst der Direktor. Ihm schoss nicht nur die Röte ins Gesicht, wie eines der ersten Anzeichen starker Berauschtheit, sondern auch die Schweißtropfen auf die Stirn. Es schien als erstickte er gleich. Er ruckelte an seinem Hemdkragen.


„Äh…äh…j…ja…na…natürlich… Natürlich! Diskretion…selbstverständlich!“
Ihr Gesicht kam dem des Direktors nahe. Ihre Lippen bewegten sich sinnlich langsam, als sie sprach: „Das ist sehr schön, dass wir uns einig sind!“ Dann setzte sie sich wieder auf, jedoch blieb sie an den Rand gelehnt.
Es dauerte einige Sekunden, ehe der Direktor sich wieder fing. „Also…ähhhh…die Klassenzuteilung! Genau!“ Er blätterte nervös in einem Ordner herum. „Also, in welchen Jahrgang möchte Ihr Sohn?“
„In den Zehnten!“, antwortete Kim wie aus der Pistole geschossen. Er durfte seiner Mutter keine Zeit lassen.
„Zehnte…also gut…dann…mh…ah! In der Klasse 10b ist noch Platz! Kimball“, wandte sich der Direktor direkt an ihn. „dann möchte ich dich in der 10b be…“
Kim unterbrach ihn. „Ach…kann ich mich nicht lieber in die Klasse 10a integrieren?“
„In…wie?“, der Direktor schien verwirrt.
„In die Klasse 10a!“, wiederholte Kim.


„Achso…“, der Direktor verstand Kims Motiv nicht. „Na…natürlich, wenn du möchtest…dann begrüße ich dich herzlich in der Klasse…“
„Nein!“, unterbrach seine Mutter den Direktor erneut. Denn sie hatte Kim ganz genau durchschaut. Dieses Mädchen ging in diese Klasse! Und so einfach wollte sie es ihm nicht machen. „Ich denke die Klasse 10b ist gut genug.“ Kim öffnete den Mund. „Es bleibt dabei!“
Beleidigt gab Kim kleinbei. Was hatte er auch für eine Wahl?
Der Direktor erhob sich und reichte ihm die Hand. „Dann möchte ich dich herzlich in der Klasse 10b des Max-Mustermann-Gymnasiums begrüßen!“ *wir wollen doch den Namen des aktuellen Aufenthaltsortes geheim halten ;)*


Kim rollte die Augen und erwiderte den Händedruck.
„In Ordnung, wenn nun alles geklärt ist, dann gehen wir jetzt.“, sagte seine Mutter. Sie mussten schließlich noch einmal zum Einwohnermeldeamt.
„Jaja, wir sind hier fertig.“, sicherte ihnen der Direktor zu. „Ich bringe ihn persönlich zu seiner neuen Klasse.“
Seine Mutter war zufrieden. Und sie verabschiedeten sich voneinander. Sein Vater klopfte ihm – wie immer mit nervös zitternder Hand – auf die Schulter. Seine Mutter nahm ihn in den Arm. Mit kräftigen und dominanten Armen.
Als seine Eltern endlich aus seinem Blickfeld waren, da atmete er aus. So!
Jetzt stand ihm nichts mehr im Wege!
Was der Direktor noch zu ihm sagte, das bekam er gar nicht mehr mit. Es interessierte ihn auch nicht. Noch während der Direktor auf ihn einredete, da öffnete er schon die Tür, direkt vor der Nase des Mannes. Verdutzt verstummte der Direktor.
Verdutzt verstummte die Mathematiklehrerin, mit dem Zeigestab in der Hand.
Verdutzt blickten die gelangweilten Schüler der Klasse 10b auf.
Zu einem neuen Mitschüler.
„Wer bist du denn?“, fragte die Lehrerin, die den Faden verloren hatte.


Der Direktor kam um die Tür herum. „F…Frau Lahm! Äh…ja. Das ist Kimball AlMurrat, er ist ab heute ein neuer Schüler.“ Frau Lahm verstand die Fassungslosigkeit des Direktors nicht. „Ja, gut.“, antwortete sie.
„Also es ist so, dass…“, begann der Direktor, doch Kim schnitt ihm wieder das Wort ab. Indem er das Klassenzimmer betrat, sich vor der Klasse hinstellte und aufmerksam in jedes einzelne Gesicht blickte, das ihm entgegenstarrte.
Der Direktor holte sich seine Lehrkraft für ein paar letzte Worte an die Tür, dann zog er von Dannen. Tja, jetzt stand die Mathematiklehrerin alleine da, mit ihrem neuen Schüler.
Und musste feststellen, dass dieser unbekannte Junge in wenigen Sekunden mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, als sie in ihrer gesamten Lehramtszeit (inklusive ihrer Zeit als Referendarin).
„Na gut.“, seufzte Frau Lahm. Sie war eine dünne, gradlinige Frau mit nur schwachen Nerven. „Dann…dann schlage ich vor, dass du erst einmal ein wenig über dich erzählst.“
Ohne seine genaueste Analyse zu unterbrechen – es standen vier freie Plätze zur Verfügung und er musste sorgsam auswählen – begann er zu stichpunkten: „Ich heiße Kimball AlMurrat, bin 16 Jahre alt und stamme aus Kairo.“


„Kairo?“, prustete ein Junge hervor. Marco, der Klassenclown. „Liegt Kairo am Nordpol, oder was? Ich dachte immer das liegt in Ägypten!“
Seine eingefleischten Kumpels prusteten los. „Ja, klar! Da scheint doch immer die Sonne, aber einen Sunnyboy haben wir hier nicht gerade!“, stimmte Daniel großkotzig ein.
„Ne! Der ist doch ein Vampir!“, keifte auch Josef. „Der will uns alle aussaugen! Angefangen mit Ihnen, Frau Lahm!“
Nun hatte die Lehrerin aber genug. Sie räusperte sich. „Jetzt reicht es aber!“
Doch Kim war gewillt seine helle Hautfarbe zu erklären: „Ich leide an der Phenylketonurie.“
„Phenylketonurie?“, wiederholte fast die gesamte Klasse.


„Meinem Körper fehlt das Enzym Phenylalaninhydroxylase, er kann also die Aminosäure Phenilalanin, die über die Nahrung aufgenommen wird, nicht in Tyrosin umwandeln, was wiederum notwendig wäre um Melanin, also den einfachen Pigmentstoff der Haut, herzustellen. Die Konzentration von Phenilalanin im Blut wird dann so hoch, dass der Körper die Aminosäure in Phenylbrenztraubensäure umwandelt und das Nervensystem und das Gehirn in ihrer Entwicklung und Ausbildung stark behindert und sie somit gar nicht ausreifen können.“
Puh, das war viel Fachinformation gewesen, zu viel für die ganzen pubertierenden Humanen. Sie begriffen gar nichts.
„Mit anderen Worten: Ich müsste eigentlich so intelligent sein wie ein zwei Tage altes Baby.“
Stille.


Dann meldete sich Marco zu Wort: „Hä? Und warum bist du’s dann nicht?“
„Weil die moderne Medizin inzwischen Methoden für wirksame Therapien entwickelt hat. Ich muss nur spezielle phenylalaninarme Nahrung zu mir nehmen und regelmäßig zur Untersuchung.“ Das stopfte dem Possenreißer das Maul.
Die Jugendlichen starrten ihn weiter an. Teils beeindruckt, teils eingeschüchtert und teils fasziniert. Genau wie Frau Lahm. Dieser Junge hatte so etwas Seltsames an sich…
Kim hatte den idealen Platz gefunden! In der dritten Reihe an der Tür!
Denn dort saß ein Mädchen. Genauer gesagt – Maria, eine von Lins Freundinnen.
Er lächelte ihr entgegen und zwar deshalb, weil er nun einen Verbindungspunkt hatte. Das unwichtige Mädchen aber deutete seinen Blick falsch. Sie lächelte verlegen zurück.
Ohne eine Aufforderung der Lehrerin abzuwarten, setzte er sich neben sie.
„Hi.“, sagte er.
„Äh…hi.“, gab sie zurück und wurde leicht rosa.


In Gedanken rieb sich Kim die Hände. Perfekt!

Zwei Wochen später klingelte es zur großen Pause.
„Also was machen wir jetzt?“, fragte Jenni als sie ihr Klassenzimmer verließen. „Ich habe keine große Lust beim Auf- oder Abbau zu helfen!“
„Wie wäre es mit dekorieren?“, fragte Sabrina.
„Ne! Die Liste ist schon voll!“
Es ging um die große Abschlussparty, die diesen Samstag stattfinden sollte.


„Ich habe mir überlegt wir übernehmen den Ausschank.“, mischte sich Lin ein.
„Den Ausschank? Naja, besser als gar nichts.“
Sie standen nun vor dem schwarzen Brett auf dem die Listen für die verschiedenen Aufgaben ausgehängt waren.
„Gut, dann bin ich mit Lin von acht bis neun dran und du mit Maria von neun bis zehn.“, entschied Jenni an Sabrina gewand.
„So spät? Ich will vor und nicht hinter dem Tresen rumhängen!“, gab diese patzig zurück.
„Na gut, dann tauscht Lin mit dir!“
„Und warum nicht du?“, zischte Lin zurück.
Jenni zwinkerte. „Na weil ich mir einen süßen Boy angeln werde! Das geht nun mal ein paar Drinks später besser!“
Sie drei fielen in lautes Gelächter ein.


„Ah, Maria! Da bist du endlich!“
Sie hatten sich mit Maria am schwarzen Brett verabredet. Es war schade, dass Maria nicht mit ihnen in einer Klasse war. Doch ab nächstes Jahr, das hatten sie sich geschworen, sollte Maria endlich in ihre Klasse wechseln.
„Also Maria, wir haben beschlossen eine Schicht vom Ausschank zu übernehmen!“, erklärte Jenni. „Willst du die von neun bis zehn übernehmen?“
Maria sagte kein Wort. Sie starrte Lin unverwandt an und schien innerlich stark mit ihr zu ringen.
„Also wenn du nicht magst, dann muss Sabrina sie allein machen.“
„Hey! Wie wäre es wenn du gleich beide allein machst, du selbsternannte Bestimmerin!“, fauchte Sabrina.
„Ach, eifersüchtig auf meine Führungsqualitäten?“
„Ne, auf deine Einbildungskraft!“
Maria verzog unschlüssig das Gesicht.
Lin konnte nur die Stirn runzeln.


„Habe ich einen ganz furchtbaren Pickel auf der Nase, oder warum starrst du mich so gequält an?“, fragte sie ihre Freundin.
Maria gab Würgegeräusche von sich. „Ich habe es ihm zwar versprochen nichts zu sagen, aber ich kann nicht anders!“
Die drei Mädchen waren irritiert.
„Wem hast du was versprochen?“, hackte Jenni nach.
Verstohlen sah sich Maria um. Dann zog sie ihre Freundinnen in eine stille und unauffällige Ecke mit. Sogleich sprudelte es aus ihr heraus:
„Ich hab euch doch erzählt, dass wir einen neuen Mitschüler haben! Der, der immer so viel fehlt!“
Die drei Mädchen sahen sich fragend an.


„Na und? Zu uns sind erst letzte Woche zwei Mädchen in die Klasse gekommen.“, entgegnete Sabrina unbeeindruckt. „Das hat ein Gymi so an sich. Haufenweise Austauschschüler.“
„Wobei der Spanier aus der C wirklich heiß aussieht! Caramba!“, lachte Jenni.
„Ja schon!“, brachte sie Maria wieder aufs Thema zurück. „Aber dieser Typ, der…der fragt mich ständig nach dir, Lin!“
Die Mädchen sahen verdutzt drein.
Maria gestikulierte wild mit den Armen. „Der quetscht mich regelrecht aus wie eine Zitrone! Ich musste ihm versprechen, dass ich dir nichts sage, aber ich konnte nicht anders! Jetzt weißt du es!“
Jenni war sofort Feuer und Flamme. „Hui! Lin hat einen heimlichen Verehrer!“
Die Mädchen umschwirrten sie wie die Fliegen, doch Lin schien nicht sonderlich begeistert. „Was fällt dem ein?“
„Naja, der scheint auf dich zu stehen.“, fügte Sabrina hinzu.
„Das ist mir doch egal!“, fauchte Lin.


Jenni verdrehte die Augen. „Ach ja, du wartest ja immer noch auf deinen strahlenden Retter von vor einem Monat!“
„Na, dann wirf dich halt wieder vor ein Auto! Vielleicht kommt er wieder vorbei!“
Die drei Mädchen prusteten los.
Lin fand das gar nicht witzig. „Haha, ich lache später darüber.“
Jenni legte ihr den Arm um die Schultern. „Ach, Linchen! Verstehst du keinen Spaß?“
Lin stieß ihn weg. „Ich muss aufs Klo.“ Und als ihre Freundinnen anstallten machten ihr zu folgen (Mädchen gingen immer und überall im Rudel zur Toilette, das war ein alltägliches Gesellschaftsphänomen) da fauchte sie sie an: „Alleine!“ Und ließ ihre Freundinnen stehen.
„Mein Gott, was ist denn mit der heute los? Voll die Furie!“, schnaufte Jenni.


Währenddessen stampfte Lin zum Klo…
Hach, was war nur mit ihr los? War sie vollkommen übergeschnappt?
Wahrscheinlich schon. Sie musste sich beruhigen! Beruhige dich, Lin! Es ist alles gut!!!
Der Gang, in dem die Toiletten lagen, war seltsam leer. So ausgestorben. Niemand stand da.
Seltsam. Das war noch nie so gewesen. Eigentlich stand er immer voll.
Besonders wegen dem neuen Rauchverbot im und am Schulgebäude. Darum gingen nun doppelt so viele Schüler wie normal auf die Toilette, die meisten nicht um Erleichterung zu finden, sondern um heimlich zu rauchen. Darum ging Lin ganz und gar nicht gern hier aufs Klo. Es stank so unverschämt nach Qualm. Und in den Toiletten waren immer aufgeweichte Zigarettenstummel zu finden. Und an den Wänden Brandflecken vom Ausdrücken.
Es gab kaum etwas Ekligeres als Rauchen! Zigaretten waren unhygienische Abfallprodukte und verursachten auch noch einen faulen Mundgeruch!
Pfui!


Es graute ihr, als sie zur Wandnische kam, in der rechts das Mädchenklo und links das Jungenklo lag. Sie wandte sich also gedankenverloren nach rechts, legte ihre Hand auf die Türklinke…
Hä?
Erschrocken fuhr sie zusammen.
Da hing nicht, wie sie es in jahrelanger Erinnerung hatte, das rosane Blech mit einem Strichfrauchen, sondern das blaue mit dem Strichmännchen. Wie?
Aber…aber…da stimmte doch etwas nicht!
War sie jetzt verrückt geworden? Halluzinierte sie schon?
Sie war doch immer nach rechts gegangen, schon jahrelang!
Oder doch nicht?


Stimmte heute etwas mit ihrer Orientierung nicht? Irrte sie sich?
Lin sah zur anderen Tür hinüber.
Dort hing das rosane Mädchenschild.
War sie nicht ganz dicht?
Und nun?
Vielleicht war sie heute einfach nicht sie selbst.
Ja genau! Heute spielten ihre Sinne verrückt. Jaja, die Hormone!


Achselzuckend wich sie vom Jungenklo zurück und wandte sich nach links.
Die Schilder logen schließlich nicht!
Sie öffnete die Tür zum Mädchenklo –
Und erstarrte augenblicklich!
Denn an der Wand entlang – standen kleine niedrige Becken, die es in keinem Mädchenklo, das sie kannte, je gegeben hatte…
Am dritten stand jemand davor. Mit geöffneter Hose…
In Lin saß der Schock so tief, dass sie sich nicht bewegen konnte.


Und auch der Junge starrte sie erschrocken an.
Doch als er sah wohin ihr Blick ging, da wurde er knallrot im Gesicht und drehte ihr den Rücken zu. Da erwachte auch Lin.
Sie nuschelte etwas, was nach gar nichts, am wenigsten nach einer Entschuldigung, klang, und knallte die Tür wieder zu.
Sie starrte nach oben zu diesem verfluchten Mädchenschild…
Da war keines mehr!
Da war das blaue Jungenkloschild!!!
Was…? Was…?
Aber…aber…
Das konnte doch nicht sein! Das war…

Lin rannte den Gang entlang, mit geschlossenen Augen um ihre Scham nicht sehen zu müssen. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte das Schicksal nur so grausam sein zu einem kleinen unschuldigen Mädchen?
Sie rannte durch die Aula. Ihre Freundinnen, die noch haargenau an derselben Stelle standen, merkten sofort, dass etwas nicht mehr stimmte.
„He, Lin! Was ist denn los?“, fragte Sabrina.
Als Lin aufsah, da erblickten ihre Freundinnen ihre gefährlich glänzenden Augen. Und waren schockiert.
„Lin! War es denn so schlimm?“, machte sich Jenni Vorwürfe. „Es tut mir so leid, ich wollte dich bestimmt nicht mit diesem Unfall ärgern. Es tut mir ja so leid!“
„Das…das ist es nicht…“ Lins Stimme zitterte.
„Was ist es denn dann?“, fragte Maria.
Lin schluchzte. „Bitte, lasst uns einfach ins Klassenzimmer zurückgehen!“
Die Freundinnen sahen sich verwundert an…


Den ganzen restlichen Tag war Lin so übel, dass sie sich von der letzten Stunde befreite und früher nach Hause ging. Wohl auch deswegen, weil da die Chance dem Jungen vom Klo zu begegnen deutlich geringer war als wenn die Schule regulär aushatte.
Tief betrübt torkelte sie nach Hause. Es war einfach so furchtbar! Das vergaß sie nun ihr Leben lang nicht! Tief betrübt betrat sie das Haus.
Ihr Großvater und ihr Bruder saßen bereits am Esstisch und schlugen sich voll. Ihre Mutter empfing sie mit einem Plastikschopflöffel und verhieß ihr, dass sie Pfannkuchen, Lins Lieblingsessen, machte. Doch Lin winkte ab. Sie hatte wirklich keinen Hunger.
Daraufhin betastete ihre Mutter ihre Stirn, weil sie vermutete Lin sei krank.
„Mama!“, klagte Lin.


„Hm…kein Fieber.“, stellte ihre Mutter lachend fest. „Aber was bringt dich denn sonst dazu dich von Pfannkuchen fern zu halten?“
„Mama, bitte!“, stöhnte Lin. „Ich will einfach nur Ruhe!“
Damit stieg Lin in ihr Zimmer hoch und schloss die Tür hinter sich.
Nur um sich seufzend in ihren Sitzsack fallen zu lassen und nach hinten zu lehnen.
Ok, Lin. Komm, beruhige dich! Es ist vorbei! Du bist zu Hause!
Ja, genau! Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet dieser Junge dir jemals wieder über den Weg läuft und dich erkennt? Bei ungefähr dreitausend Schülern und noch einer Menge wechselnder Austauschschüler wohl minimal. Wer weiß, vielleicht ist dieser Junge ja nur ein Austauschschüler, seiner hellen Hautfarbe nach aus Norwegen oder Schweden oder sogar aus Russland! Vielleicht ist er morgen ja gar nicht mehr in deiner Schule!
Das ging ihr alles durch den Kopf. Und beruhigte Lin ungemein.
Ja, sie sollte nicht alles so schwarzsehen! Genau!
Jetzt hatte sie Appetit. Kohldampf!


Nach so erleichternden Nachrichten, wer war da nicht hungrig?
Aber Pfannkuchen wollte sie jetzt nicht! Denn dann müsste sie hinunter und sich von ihrer Mutter mit Fragen durchlöchern lassen warum sie denn so schlecht drauf war.
Da fiel ihr ein, sie hatte in aller Aufregung ja ganz ihr Pausenbrot vergessen, von dem sie gerade einmal vor der ersten Stunde einmal abgebissen hatte!
Das musste sie unbedingt nachhohlen!
Tunfischsandwich! Es gab nichts Besseres!
Euphorisch holte sie ihre dunkelblaue Brotzeitdose heraus. Und freute sich wahnsinnig darauf. Es war wirklich kindisch.
Sie legte sie auf ihre Knie und klappte den Deckel auf. Darin war das Brot in ein paar Zewatücher eingewickelt. Lin ergriff es um es auszupacken – da merkte sie schon, dass etwas nicht stimmte!
Das Brot war viel zu hart!


Stirnrunzelnd wickelte sie den Gegenstand aus den Tüchern.
Es war gar kein Tunfischsandwich!
Es war kein Brot!
Es war nicht einmal etwas zu Essen!
Es war ein Armreif! Ein silberner Armreif mit winzigen roten Rubinen und eingeritzten Symbolen, die Lin leider nicht lesen konnte.
Trotzdem – er war wunderschön! So ein schönes Schmuckstück hatte sie noch nie gesehen. Ihrer Mutter Schmuck aus echtem Gold war nichts dagegen.
Mit leuchtenden Augen drehte sie den Armreif in ihrer Hand.
Woher kam er? Wem gehörte er? Und vor allem – warum war er in ihrer Brotzeitdose?
Ein Pausenbrot konnte sich doch nicht in einen Armreif aus Silber verwandeln! Oder?
Lin konnte einfach nicht widerstehen.


Sachte streichelte das kalte und vollkommene Metall über ihre Haut, glitt ihren Arm hinunter. Bis er wenig unter ihrem Handgelenk zum Erliegen kam und wundervoll glänzte und schimmerte. Ehrfürchtig drehte Lin den Arm und betrachtete das Spiel, wenn das Licht auf die Steine fiel und sie zum leuchten brachte.
„Was machst du in meiner Brotzeitdose?“, flüsterte sie.
***
Kurze Zeit später war auch Kim zu Hause.
Seine Mutter hatte ihn bereits erwartet.
Mit Tahina auf dem Tisch.


Er hatte nur gestöhnt und ihr zu erklären versucht, dass er das doch nicht essen konnte, wenn er morgen Schule hatte! Die würden doch alle tot umfallen, bei seinem Knoblauchatem!
Dann aber hatte seine Mutter ihn aus zusammengekniffenen, gefährlichen Augen angestarrt und ihm gedroht ihn von der Schule zu nehmen, wenn er sich nicht augenblicklich hinsetzte und ihre Mühe zu schätzen wusste.
Tatsächlich musste man sich für Tahina, einer alten Speise aus Ägypten, ungemein viel Mühe machen. Es war eine dicke Soße aus Sesamöl und Hülsenfrüchten, die fein zerrieben wurden, die Standardwürzung mit Salz und Pfeffer und eben viel viel Knoblauch.
Aber auch sehr sehr lecker.
Dazu aßen sie Ayesh El Shams, dem süßen Brot, mit einer herzhaften Kruste, welches traditionsgemäß eigentlich zum Backen einfach im heißen Sand liegen gelassen wurde. Leider hatten sie hier keine Wüste, darum hatte der Backofen herhalten müssen.
Sie tunkten Brotstücke in die Soße, so aß man dieses ägyptische Gericht.
Dazu gab es Granatapfelsaft.


„Wie war dein Tag?“, fragte sie, ehe sie sich ein durchgetränktes Stück in den Mund schob. Er musste sehr breit grinsen als er an seinen Tag dachte. „Oh, sehr gut.“
Seine Mutter, die hochempfindliche Stimmungssensoren besaß, bemerkte es sofort.
„Ach, sehr gut? Das wird er wohl, wenn du so gedankenverloren grinst. Was ist passiert?“
„Nichts bestimmtes, Ummi. Was soll denn deiner Meinung nach passiert sein?“
Noch durchdringender wurde ihr Blick. „Zum Beispiel, irgendetwas mit irgendeinem Mädchen!“
Ganz unverschämt dreist grinste Kim und noch unverschämt dreister war seine Entgegnung: „Keine Sorge, ich sage dir bescheid, wenn ich sie geschwängert habe.“
Sie gab ihm eine Ohrfeige. Aber Kim verging das Grinsen nicht.
„So etwas will ich in meinem Haus nicht hören, ist das klar?“
„Jaja, Ummi. Entschuldigung.“ Dann erhob er sich flink. „Ich bin satt. Ich gehe jetzt schön artig Hausaufgaben machen.“
„Du hast doch noch nie Hausaufgaben gemacht.“


„Naja, dann ist es höchste Zeit mal damit anzufangen.“ Mit diesen Worten war er schon auf dem Weg in sein Zimmer.
Kopfschüttelnd erhob sich Ashanti und räumte die Teller ab. „Dieser Junge raubt mir noch den letzten Nerv!“, fluchte sie auf Arabisch.
Kim schmiss seine Schultasche neben seinen Stuhl und setzte sich dann darauf (auf den Stuhl, nicht auf die Tasche). Und lehnte sich vergnügt zurück.
Eigentlich hatte er noch Hunger!
Deshalb öffnete er seinen Ranzen und holte die dunkelblaue Brotzeitbox heraus. Er legte sie auf den Tisch und öffnete sie.
Darin lag ein hektisch in Zewatücher eingepacktes Brot. Vollkorn mit Salat, zwei Scheiben Tomate, Ketschup und viel Tunfisch. Einmal in aller Eile und aus Heißhunger abgebissen.
Kim biss hinein. „Hm, Tunfisch.“, murmelte er mit vollem Mund.

 

Die Woche zog sich so elend lang dahin, doch endlich kam der ersehnte Samstag!
Die Aufbauer und Dekorateure hatten wirklich eine Meisterleistung vollbracht. Die Aula war herrlich geschmückt. Girlanden hingen von der Decke herab, die Wände waren mit weißen Leinentüchern mit Glitzerpuder behängt. Sogar eine Discokugel hatten sie besorgen können. Nun wanderten die kleinen weißen Flecken im Raum herum.
Auf dem Podest war eine Band gerade am Spielen, die Schulband. Sie waren nicht schlecht leider aber auch nicht besonders begabt. Darum kicherte die tanzende Menge regelmäßig, wenn sich einer der Spieler verspielte oder die Sängerin die Note nicht traf. Zumal sie eine wirklich fürchterlich schrille Stimme hatte.
Trotzdem war die Band der ganze Stolz der Schule.
Es war also kurz nach neun.
„Sag mal, wann kommen sie denn endlich?“, fragte Jenni ungeduldig. Sie hatte tatsächlich ihren Willen bekommen.
Lin zuckte die Achseln. „Jetzt sei halt nicht so! Immerhin sind wir jetzt fertig!“
„Ja, schon! Aber der Typ da hinten, der ist doch süß!“ Jenni tippte Lin so lange auf die Schulter bis Lin sich geschlagen gab und seufzend Jennis Nicken folgte.
Ein Junge stand lässig an der Wand gelehnt.
„Das ist doch der Spanier aus der C.“, winkte Lin ab und fragte ein Pärchen, das an die Theke getreten war, nach ihrem Begehr.
„Einmal Punsch und einmal Cola.“, sagte der Junge.
„Kommt sofort!“, sicherte Lin ihnen zu, während sie eine Portion aus der Bohle schöpfte. „Das macht dann zweimal fünfzig Cent.“
Der Junge drückte ihr grinsend den Euro in die Hand. „Verdient ihr wenigstens was, wenn ihr schon den Barkeeper spielt?“
„Ne, ist alles ehrenamtlich! Zum Wohle der Schülerschaft!“, zwinkerte sie zurück.


Die drei lachten, dann entfernte sich das Paar.
„Der fährt doch nächste Woche wieder heim.“, kam Lin aufs Thema zurück.
Jenni seufzte. „Lin, du bist viel zu konservativ! Bei dir heißt es immer gleich verliebt, verlobt, verheiratet! Wirklich schlimm mit dir!“
„He, ihr beiden!“, winkte ihnen Maria zu. „Habt ihr uns vermisst?“
Fauchend überreichte Jenni ihr den Schopflöffel. „Na endlich! Wurde langsam Zeit, dass ihr aufkreuzt!“ Dann rieb sie sich die Hände. „Aufgepasst Männerwelt, jetzt komme ich!“
„Ja, lauft weg so lange ihr noch könnt!“, scherzte Lin und fing an zu lachen.
Sabrina und Maria waren sofort dabei.


„Haha!“ Jenni war beleidigt. „Lacht nur solange ihr noch könnt!“
Lin nahm einen Plastikbecher in die Hand und hielt ihn feierlich hoch. „Trinken wir auf Jenni und die Waffen einer Frau!“
Ihre drei Freundinnen waren sofort dabei. Alle griffen sie sich einen Plastikbecher und Jenni schüttete aus.
Lin war die Letzte. Gerade hielt sie Jenni ihren Becher hin, da…
Urplötzlich tippte ihr jemand sachte auf die Schulter. „Entschuldigung…“, sprach da eine männliche Stimme.
Verwundert verstummte Lin und drehte sich um –
Und als sie den Jungen aus dem Klo erkannte, erschrak sie sich so sehr, dass sie zurücksprang. Der Becher flog ihr aus der Hand (Gott sei Dank, war er noch leer gewesen) und überquerte den halben Raum ehe er einem tanzenden Mädchen auf dem Kopf landete. Sie hatte gerade mit ihren Freundinnen seelenruhig getanzt, da hatte sie das Flugobjekt direkt getroffen. Wütend sah sie sich um – und erblickte doch glatt ihren Exfreund, mit dem sie letzte Woche Schluss gemacht hatte, der aber keinen Versuch ungenutzt gelassen hatte sie zurück zu gewinnen. Sie wusste, dass er sie schon die ganze Zeit observierte, aber dass er zu so einem Mittel griff!


„Na warte, du Arschloch!“, fluchte sie und stampfte auf ihn zu. Den Becher in ihrer Hand zerdrückte sie vor kochender Wut.
Ihr Exfreund, der ihr Auf-ihn-Zulaufen völlig anders gedeutet hatte, lächelte ihr freudig entgegen. Bis er ihr zorniges Gesicht sah. Da verging ihm alles.
„Sag mal, du hirnloser Affe, was soll das?“, brüllte sie ihn an, dass sich die Umstehenden zu ihnen herumdrehten.
„Was? Was soll was?“, fragte er kleinlaut.
Sie warf ihm den Becher vor die Brust und brüllte ihn weiter an, was für ein Affe er doch sei, so dumm und blöd, dass er ihr nicht den Unschuldigen vorzuspielen brauche, dass sie etwas besseres verdient habe als ihn und dass er es zu nichts brachte, am allerwenigsten im Bett!


Aber davon bekam Lin gar nichts mit. Sie hatte ihre eigenen Probleme.
Als ob sie einen Geist gesehen hätte, so starr und kreideweiß im Gesicht stand sie da.
„Tut mir leid, wenn du dich erschreckt hast.“, sprach der Junge weiter. „Ich wollte dich nur zum Tanzen auffordern. Wirklich, das war meine einzige Absicht!“
Lin war außerstande etwas zu erwidern. Der Schock saß so tief.
Denn nun, da sie den Klojungen so nahe vor sich hatte, da erkannte sie seine Augen, als die Augen ihres Retters vom Zebrastreifen wieder. Es war also nicht peinlich genug gewesen! Sie hatte sich also bei ihm damit bedankt, dass sie ihm wie eine blöde Kuh auf sein bestes Stück gestarrt hatte!
Boden tu dich auf!


„Äh, hi Kim!“, entgegnete Maria an ihrer Stelle. „Was machst du den hier?“
„Naja“, antwortete er. „Ich wollte mich mal ein wenig umsehen. Es scheint hier ganz schön viel los zu sein.“
„Ja, aber du scheinst unsere kleine Feier doch etwas überbewertet zu haben.“, sagte sie.
Er sah an sich herab.
Tatsächlich war es doch so, dass Kim furchtbar auffiel. In seinem teuren Markenanzug, während alle um ihn herum angezogen waren wie im alltäglichen Schulleben.
Kim stöhnte. „Ich habe es ihr ja gesagt, aber der Mensch, der sich meiner Mutter widersetzt, muss erst noch geboren werden.“
„Kim?“ Nun hatte sich auch Jenni erholt. „Bist du etwa dieser Kim? Der auf Lin steht?“


Nun grinste Kim, und dann auch noch kein kleines bisschen verlegen. „Ich dachte das sei offensichtlich. Aber wenn ihr eine verbale Bestätigung wollt – ja, der bin ich!“ Das Grinsen beibehaltend verbeugte er sich formgerecht und hielt ihr seine Hand entgegen. „Wenn ich dich bitten darf mir einen Tanz zu gewähren.“
Da begriff Lin was hier alles geschah. Und es gefiel ihr ganz und gar nicht.
Sie merkte wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Das war zu viel für sie. Das konnte sie niemals!
Ihr Herz schien gleich zu explodieren, so schnell schlug es. Ihr Kopf schien vor Gedanken wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Sie musste dem allem irgendwie entkommen! Schnell! Schnell! Sie musste sich eine Ausrede einfallen lassen! Schnell! Schneller! Denk! Denk schneller!!!
„Oh…ich…äh…“, stotterte sie. Dann fiel ihr Blick auf den Schopflöffel, sie packte ihn und fuchtelte damit vor ihrem Gesicht herum. „Sorry, aber ich kann nicht. Ich bin für den Ausschank eingeteilt.“
Kim runzelte die Stirn.


Ihre Freundinnen aber, die sie nicht mit dieser billigen Ausrede davonkommen lassen wollten, fielen ihr in den Rücken.
Jenni sah theatralisch auf die Uhr. „Lin, unsere Schicht ist gerade zu Ende gegangen. Wir werden jetzt abgelöst.“
Bitterböse funkelte sie Jenni an. Jenni strahlte ihr unschuldig zurück.
„Äh…a…aber Sabrina!“, flehte sie eine andere an. „Warst du nicht verabredet und hast mich gebeten deine Schicht zu übernehmen?“
Doch auch Sabrina gedachte gar nicht sie ungeschoren davonkommen zu lassen. „Nein, Lin. Ich kann mich gar nicht daran erinnern!“
Lin hasste ihre Freundinnen wie eh und je. Sie schwor sich ihre Handynummern zu löschen sobald sie zu Hause war und ihnen am Montag in der Schule die Freundschaft zu kündigen!
Es war so schrecklich peinlich! Sie musste unbedingt die Schule wechseln!
Aus letzter Verzweiflung füllte sie einen Becher mit Punsch, stellte ihn in Kims wartende Hand und lächelte dümmlich. „Ach, mir ist eingefallen, dass ich morgen mal wieder in die Kirche gehen wollte und ich komme morgens nur schwer aus den Federn, wenn ich zu lange aufbleibe. Mach dir einen schönen Abend, der Punsch geht aufs Haus!“
Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, da drehte sie ihm den Rücken zu und wollte schleunigst verschwinden.


Doch Jenni packte sie an den Haaren, riss sie wieder nach vorne. Nahm dem verdutzten Kim den Becher aus der Hand und drückte ihm stattdessen Lin entgegen.
„Unsere kleine Lin ist einfach nur schüchtern. Ignorier ihr Geschwafel.“, lächelte sie Kim entgegen, ehe sie Lin anzischte. „Und du lass dir gefälligst nicht alle tollen Typen durch die Lappen gehen! Haben wir dir denn nichts beigebracht?“ Dann schob sie beide von hinten Richtung Tanzfläche.
Lin bedeckte ihr vor Scham heißes Gesicht. Sie wollte sich am liebsten verkriechen.
„Bin ich dir so peinlich?“, fragte Kim enttäuscht.
„Meine eigene Blödheit! Die ist mir peinlich!“, gab sie zurück.


Lächelnd drückte Kim ihr die Hände runter. „Weißt du, viele Menschen sterben so dumm wie sie geboren werden. Du bist noch jung und kannst es ändern.“
Nun sah auch Lin etwas verlegen auf. „Danke, nett von dir. Und…äh…d…danke, dass du mich damals gerettet hast…“
Kim lachte. „Ich rette nur schöne Frauen, da hast du wirklich Glück gehabt, dass du eine bist.“ Sie lachten beide.
„Sag mal, dieses Kompliment machst du doch jeder, oder?“
„Nur Mädchen, die mir gefallen und bis jetzt bist du die Einzige!“
Sie hatten ein leeres Fleckchen am Rande der Tanzfläche gefunden.


„…DU HORNOCHSE! ICH WILL DICH NIE WIEDERSEHEN!“ Ein Mädchen brauste an ihnen vorbei. Gefolgt von einem Jungen mit einem zerdrückten Plastikbecher in der Hand. „Aber Tina! Ich schwöre, ich war das nicht! Das würde ich doch nie tun! Tina!“
Lin und Kim sahen ihnen verwundert nach. Bis sie um die nächste Ecke gebogen waren. Dann zuckten sie gleichzeitig die Achseln und lachten.
Applaus erfüllte die Halle, dann setzte ein neues Lied ein.
Kim begann zu tanzen.
Oder viel eher, zu Zappeln wie ein Hampelmann.
Unweigerlich musste Lin auflachen. „Was ist denn das?“
„Na, ich tanze.“, entgegnete Kim, nun seinerseits etwas verlegen.
„Das nennst du tanzen? Vielleicht bei den Marsmännchen, aber sicher nicht hier, auf der Erde!“ Dann war von Lin alle Hemmung abgefallen. Weil Kim sich auch peinlich gemacht hatte, da sah die Welt schon freundlicher aus. „Lass dir mal von einem Profi zeigen wie das richtig geht!“
Dann legte sie einen Tanz hin. Das war ihr Spezialgebiet!
Sie wusste es nicht, denn es war in einem anderen Leben gewesen, aber sie tanzte für Kim einen Tanz, den sie schon einmal nur für ihn getanzt hatte.
Es war eine Mischung aus Hip-Hop, Bauchtanz und Samba. Der Musik angepasst.
Bei jeder ihrer Drehungen flatterte ihr mehrschichtiger Rock (sie hatte den zerrissenen weißen Rock wahlweise auch in schwarz) und ihre Bewegungen waren geschmeidig. Als ob sie selbst zum Wind wurde. Der Rauch, der aus den Rauchmaschinen gestoßen wurde, umflog ihr ganzes Antlitz und tauchte ihre Silhouette in einen weichen Schleier. Ihre Augen erinnerten an einen Stein, den man über Wasser springen ließ.


In diesem Moment gab es für ihn nichts Schöneres…
Irgendwann wurde sie sich wieder der Menge bewusst, die sie umgab und sie hielt verlegen inne.
„Wow“, staunte Kim.
Lin bekam rote Wangen.
Dann berührte ihre Hand seine Schulter. Für einen Augenblick wohl gab es niemanden als sie beide.
Den ganzen restlichen Abend verbrachten sie zusammen.
Sie tanzten (versuchten es zumindest), lachten, redeten, tranken Punsch, zwickten sich und alberten herum. Sie hatten so viel Spaß miteinander, dass sie alles Vorangegangene vergaßen. Sie blieben bis zum Schluss.


Die Feier war offiziell um ein Uhr nachts beendet. Doch nur allmählich wurde das den Jugendlichen bewusst. Die Band hörte pünktlich auf und ab dann lief eine CD durch die Boxen.
Nach und nach gingen die Leute. Die Rauchschwaden hörten auf und Papier, Plastik, verschüttete Flüssigkeit, verloren gegangene unechte Fingernägel und Toilettenpapierstreifen (von irgendwelchen Scherzbuben geworfen) kamen zum Vorschein.
Um halbzwei waren wirklich kaum noch Leute mehr da.
Auch ihre Freundinnen waren bereits gegangen.
Lin und Kim entschieden sich, sich endlich auf den Heimweg zu machen. Sie holte ihren Rucksack, den sie dabei hatte, und mit roten Wangen und durchgeschwitzten Kleidern verließen sie die Schule.
„Dein Musteranzug ist im Eimer!“, lachte Lin. „Den kannst du gleich wegwerfen.“


„Ich konnte ihn sowieso nie leiden. Jetzt habe ich auch einen guten Grund ihn loszuwerden!“ Sie lachten.
Dann kramte sie in ihrem Rucksack herum.
„Was machst du da?“, fragte er.
„Mein Geld suchen. Der Bus kommt in zwei Minuten.“
Kim stutzte. „Es ist doch gar nicht weit zu dir nach Hause.“


Lin sah ihn belehrend an. „Ja schon, aber stell dir das mal vor! Ein braves, kleines, unschuldiges Mädchen so ganz allein mitten in der Nacht! Ein gefundenes Fressen!“ Dann fiel ihr etwas ein, das sie fast überhört hatte. Empört öffnete sie den Mund und stieß ihn gegen die Brust. „Moment mal, woher weißt du wo ich wohne?“
Jetzt grinste Kim wieder. „Weil ich genau neben dir wohne. Du wohnst im Weiße-Lilien-Weg 7 und ich 9!“
„Ach, dann seid ihr die, die ins Haus der Schmidt eingezogen sind!“ Jetzt fiel es Lin wie Schuppen vom Kopf. „Komisch, ihr wohnt jetzt schon eine ganze Weile dort und wir sind uns nie über den Weg gelaufen.“, sie rollte die Augen. „Naja, außer das eine Mal an der Ampel.“ Kim hob die Arme. „Tja, das muss Schicksal sein! Huuuuuuuuuhhhhhh…“
Lin lachte. „Hör auf!“
„Sag mal, was hältst du davon, wenn wir zusammen nach Hause gehen? Mit mir an deiner Seite wird sich keiner in deine brave, kleine, unschuldige Nähe wagen.“ Er hielt ihr seinen Arm hin. Etwas verlegen hackte sie sich bei ihm ein.


Sie liefen den Straßenlaternen erhellten Bürgersteig entlang. Es war unheimlich, aber auch, das musste Lin sich eingestehen, ein wenig romantisch.
Schweigend liefen sie nebeneinander her.
Bis Lin plötzlich leise kicherte und danach peinlich den Kopf schüttelte.
„Was ist?“, fragte Kim.


Ohne aufzusehen nuschelte Lin. „N…nichts…ich musste nur wieder an Dienstag denken… Scheiße!“
Kim lachte. „Ach, ich habe deinen Blick als Kompliment für meinen kleinen Freund aufgefasst!“
Sie stieß ihm in die Seite. Erneut lachten sie. Dieses Mal, bis Lin die Tränen kamen.
Dann nahm sie all ihren Mut zusammen.
„Du sag mal“, begann Lin zittrig. Kim blieb stehen, als Zeichen seiner ungeteilten Aufmerksamkeit. Sie blickte Kim genau in die Augen. Schüchtern. „Könnte ich es wieder gut machen und mich für meine Rettung erkenntlich zeigen…wenn…“ Sie holte tief Luft. „ich dich zu einem Cocktail einlade?“
„Nein.“, entgegnete Kim sachlich.


Lin sank der Mut dahin und sie bereute es gefragt zu haben. Ein Anflug von Enttäuschung überkam sie. Es wäre ja auch zu schön gewesen.
Dann lächelte Kim sie an. „Aber wenn du meine Einladung auf einen Cocktail annimmst.“
Mit rotem Kopf nickte Lin.
Sie setzten sich ins „Hector“, einem der weniger angesagten, Lokale. Es lag auf ihrem Weg. Der Laden schloss um zwei, doch noch war es ja nicht zwei.
Sie spielten ein Spiel. Jeder nahm sich eine Getränkekarte und musste erraten was dem anderen schmecken könnte, weil sie für den jeweiligen anderen bestellten.
Kim bestellte für Lin einen Coconut Kiss und lag total daneben, denn der Cocktail war ihr zu süß. Lin dagegen bestellte einen Fruit Punch und lag genau richtig. Letztenendes lief es darauf hinaus, dass sie gemeinsam erst den Fruit Punch und dann den Coconut Kiss tranken. Und dumm kicherten, dass alle Anwesenden ständig zu ihnen hinüber sahen. Doch es störte sie nicht.
„Da fällt mir ein, wir haben uns noch gar nicht richtig vorgestellt.“ Sie zeigte auf sich. „Ich bin Lin Thelen. Und du? Kim ist doch nur eine Kurzform, oder?“
„Ja.“, antwortete Kim. Dann verzog er ganz kurz das Gesicht. „Ich heiße Kimball AlMurrat.“


„Kimball AlMurrat?“ Lins Augen wurden ganz groß.
Woher weiß sie es, woher weiß sie es?, schoss es ihm durch den Kopf. Woher wusste Lin wer Kimball AlMurrat war? Woher konnte sie es wissen? Sein Name war doch so gut wie vollkommen anonym.
Lin lachte auf. „Dein Nachname passt aber überhaupt nicht zu deinem Vornamen.“, stellte sie fest.
Erleichtert atmete Kim aus. Ihm war wieder zum Grinsen zu mute. „Naja, meine Mutter ist Ägypterin und hat sich in der Familiennamensgebung durchgesetzt und mein Vater stammt aus Wales. Er wollte unbedingt, dass ich den Namen meines Urgroßvaters bekomme, der im zweiten Weltkrieg sein Leben gelassen hat.“
„Kimball ist also ein walisischer Name?“
„Ja. Er bedeutet Anführer der Krieger!“
„Hu, wie prahlerisch!“, lachte Lin.
Auch Kim lachte. „Und was bedeutet Lin?“


Lin zuckte die Achseln. „Lin bedeutet einfach nur Lin. Schlicht und langweilig.“
Er legte seine Hand vor ihre, sodass sich die Fingerspitzen berührten. „Mir gefällt er!“
Sie sahen sich an. Jeder in die Augen des anderen. Dunkel und hell. Weiblich und männlich. Sterblich und unsterblich. Yin und Yang.
„Darf ich dich noch etwas fragen, Kim?“, sprach Lin.
Es war so wundervoll wie sie ihre Lippen beim Sprechen bewegte. Er hätte sie am liebsten jetzt schon berührt. „Was denn?“
Langsam beugte sie sich vor. „Sag mal, Kim.“ Sie sprach unendlich langsam. Oder war es die Zeit, die langsamer wurde? „Warum bist du eigentlich auf einem Gymnasium?“
Dahin war die Zeitverzerrung. Die Realität holte sie zurück. Aus war es.
Kim wurde steif. „Äh, was?“


Lins Blick war nun ganz ernst. Sie holte etwas aus ihrem Rucksack, schlug die passende Seite auf und hielt ihn ihm hin – seinen Artikel aus der Platon.
Ein Porträt von ihm, mit dem Bleistift gezeichnet, war in der rechten Ecke und der Untertitel lautete:
Kimball, der wohl erstaunlichste Mensch seiner Zeit
Er hatte doch gewusst, dass das mit dem Porträt eine schlechte Idee war. Es war zu genau!
„Du liest so einen Mist?“, murmelte er.
„Warum nennst du eine Zeitschrift, in der deine Artikel veröffentlicht werden, einen Mist?“
Kim nuschelte vor sich hin. Das hatte er jetzt nicht erwartet. Er war schwer beeindruckt. Er hatte niemals erwartet, dass jemand in seinem Alter so etwas Fachspezifisches und Tiefgründiges las.
„Aber ich bin nicht ganz einverstanden!“, fuhr Lin fort. „Als du das Beispiel mit dem Geldspenden eingebracht hast, dass wir nur spenden, damit es uns selbst nutzt, weil wir damit unser Gewissen beruhigen, da stimme ich dir nicht zu. Welche Gründe haben dann Arme zu spenden? Arme müssten dann gar nicht an Arme spenden, weil sie sich damit herausreden könnten, dass sie selbst nichts haben. Nein, ich denke viele tun es auch aus Menschlichkeit. Ich finde du siehst die Welt fiel zu sehr in schwarz-weiß…“ Kim sah sie erstaunt an. Und als sie Luft holen musste, da fiel ihr sein Blick auf. „Was ist?“


Kim brach in Gelächter aus. „Es ist fast zwei Uhr nachts und du fängst ein Gespräch über Philosophie an!“
Sie grinste breit. „Ich finde Reden kann man immer. Egal worüber! Aber das beantwortet meine Frage nicht. Was macht so jemand wie du bei uns?“
Kim seufzte. „Kannst du mich jetzt nicht mehr leiden?“
Lin hob hysterisch die Arme. „Nein, nein! So habe ich das nicht gemeint. Ich meine nur, wenn ich so berühmt und intelligent wäre, ich glaube nicht, dass ich auf eine einfache Schule gehen würde. Das wäre mir zu…“ Sie wurde rot, als sie im Inbegriff war die Wahrheit zu sagen. „…niedrig.“
Kim lachte. „Gut, dass du nicht so eingebildet bist wie du hättest werden können. Aber du kannst sagen was du willst, diese Schulzeit ist die beste Zeit meines Lebens! Meine sozialen Kompetenzen waren auf minimalstem Niveau, da musste ich was dagegen tun.“
Sie lachten.


„Äh, Entschuldigung. Wir machen jetzt zu. Wenn ihr so langsam mal…ihr wisst schon.“, lächelte die Kellnerin ihnen dämlich zu.
„Oh, klar!“, erwiderte Lin und erhob sich. Und während sich auch Kim erhob, sah sie auf die Uhr. 2:17 Uhr
„Oh, mein Gott!“, hauchte Lin.
„Was ist?“, fragte Kim.
„Ich bin viel zu spät dran! Eigentlich hätte ich schon seit einer eineinhalben Stunden zuhause sein sollen! Nein! Jetzt gibt’s Ärger!“
Kim winkte ab. „Bei mir auch, aber was soll es. Damit müssen Eltern leben.“
Lin war skeptisch. „Du siehst das aber ganz schön locker.“
„Weil es meine Mutter streng genug für uns beide sieht.“, grinste er.


„Deine Mutter scheint ja eine richtige Tyrannin zu sein, so wie du immer von ihr erzählst.“
„Oh, das ist sie! Und wie!“
Sie konnten gar nicht aufhören zu lachen.
Es zog sich hin bis sie endlich in ihre Straße einbogen.
„Du lügst!“, stieß Lin hervor.
„Ganz und gar nicht.“, gab Kim zurück. „Ich beherrsche insgesamt dreizehn Sprachen!“
„Und welche?“


Kim zählte sie an den Fingern ab. „Arabisch, walisisch, englisch, deutsch, russisch, spanisch, französisch, italienisch, türkisch, Latein, altgriechisch, hebräisch, und japanisch!“
Lin stieß einen Pfiff zwischen den Zähnen heraus. „Das ist ja unglaublich!“
„Aber man kommt mit englisch, deutsch, französisch und spanisch überall gut zu recht.“
„Wenn du das sagst, du musst es ja wissen, bei deinen vielen Umzügen.“
Kim stöhnte. „Ich hoffe das war fürs erste der letzte!“ Dann lächelte er verschmitzt. „Wobei ich nun den besten Grund habe hier zu bleiben!“
„Ich dachte Charmeure sind längst ausgestorben.“
„Das ist Ansichtssache!“
„Vielleicht.“


Dann waren sie vor Lins Gartentor angekommen.
Sie war so nervös, dass sie anfing mit dem Armreif zu spielen. Und sie merkte es nicht einmal! Aber Kim merkte es.
„Es ist ein sehr schöner Armreif, nicht?“
Da merkte es auch Lin. Sie drehte den Armreif hin und her. „Ja, und wie! Leider gehört er nicht mir. Ich muss ihn endlich mal im Büro des Hausmeisters abgeben. Aber ich konnte einfach nicht widerstehen ihn heute zu tragen…“ Nachdenklich nahm sie ihn vom Handge-lenk. „Der Armreif war bestimmt sehr teuer!“
„Er ist ein Erbstück, bis ins Hochmittelalter reicht er zurück.“, erwiderte Kim.
Beeindruckt sah ihn Lin an. „Das erkennst du mit einem Blick?“
Kim verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein, ich weiß es nur, weil er mir gehört.“


Als Lin das hörte fuhr sie schockiert zusammen. „Oh, mein Gott! Es…es tut mir leid!“ Hysterisch hielt sie ihm das Schmuckstück entgegen. „Ich schwöre es, ich hätte ihn am Montag dem Hausmeister gegeben. Ich wollte ihn bestimmt nicht klauen! Er lag am Dienstag einfach in meiner Tasche! Ich schwöre es! Ich bin keine Diebin!“
Kim wich lachend zurück. „Keine Sorge, das habe ich auch nicht gedacht! Sag mal, wo hast du ihn gefunden? Etwa in einer dunkelblauen Brotzeitbox?“
„Äh, ja.“ Sie war überrascht.
Nachdenklich rieb sich Kim am Kinn. „Hm…ich habe auch eine, wahrscheinlich genau die gleiche. Irgendein Depp hat das wahrscheinlich bemerkt und die Boxen spaßhalber vertauscht.“
„Warum sollte jemand so was tun?“
„Was weiß ich, sehe ich so aus als wäre das mein Lebensinhalt?“


Aber Lin musste doch stocken. „Warum nimmst du überhaupt einen Silberarmreif in einer Brotzeitbox mit in die Schule?“
Nun war auch Kim überfragt. „Keine Ahnung. Ich mache das eigentlich nicht, aber Dienstagmorgen hatte ich einfach so ein Gefühl ich müsste ihn mitnehmen. Es muss Schicksal gewesen sein.“ Er zuckte die Achseln.
Lin hielt den Reif gegen das Licht der Straßenlaterne. „Warum hast du eigentlich so was geerbt? Ich meine, das ist doch ein Frauenarmreif, oder?“
„Der Reif wurde über hundert Generationen hinweg immer an die erstgeborene Tochter weitergegeben. Meine Mutter ist die Erstgeborene und dann, tja, dann war Schluss mit Töchtern. Meine Eltern wollen keine Kinder mehr und ich bin eben das einzige Kind.“
„Und du musst den Armreif jetzt tragen?“, staunte Lin.
Kim brach in schallendes Gelächter aus. „Das wäre was! Nein, ich schenke ihn meiner zukünftigen Frau.“
„Achso…“ Lin bestaunte den Armreif ein letztes Mal. Und stellte sich einen atemberaubend schönen Moment vor, wenn Kim als der Bräutigam einer Braut in einem langen weißen Brautkleid aus Seide, den Armreif überstreift, genauso wie er es mit einem Ring getan hätte… Dann hielt sie ihn Kim hin. „Mach das.“, sagte sie.
Nun grinste Kim breit. „Ok, dann gehört er jetzt dir!“


„Was?“ Lin war irritiert.
Als wäre es eine kulturelle Geste ergriff Kim den Armreif und Lins linke Hand. „Du hast doch zugestimmt ihn meiner zukünftigen Frau zu schenken!“
„Aber…aber…“, stotterte Lin, als er ihr den Armreif über die Hand streifte.
Kim legte ihr den Finger auf die Lippen. „Es gibt kein aber!“
Sein Gesicht war so nah.
Lin wich zurück, aber mehr als einen halben Schritt konnte sie nicht. Sie hatte den Gartenzaun im Rücken.
Dann bekam sie ihren ersten Kuss… Lang und sinnlich…
„Ich hole dich am Montag um halb acht ab.“, flüsterte er ihr ins Ohr und öffnete das Gartentor.
Mit ganz weichen Knien, aber dafür unnatürlich schnell, war sie am oberen Treppenabsatz und brauchte zwei Anläufe den Schlüssel ins Loch zu schieben. Als sie die Tür öffnete drehte sie sich noch einmal um, er stand immer noch auf dem Bürgersteig und beobachtete sie lächelnd.
Unsicher lächelte sie zurück, ehe die Tür hinter ihr in die Angeln fiel.
Dann war es vorbei.


Ihre Augen sahen ihn nicht mehr, und doch, vor ihrem geistigen Auge sah sie ihn noch immer genau. Seine leicht arrogante Körperhaltung, sein Lächeln, seine hellen Augen.
Ihre Beine gaben nun nach und sie rutschte an der Tür entlang auf den Boden. Den, von ihrer Körperwärme erwärmten, Armreif fühlte sie so deutlich an ihrer Hand.
„Der macht mir Angst…“, murmelte sie leise für sich.
Mit einem Hauch von Röte auf den Wangen berührte sie ihre Lippen.
In diesem stillen Augenblick ging das Licht an und Lin erschreckte sich fast zu Tode.
Ihre Eltern, beide im Schlafanzug, beide mit übermüdeten Augen, beide mit finsterem Blick.
„So, jetzt erklär uns mal wo du so lange gewesen bist, junge Dame!“, zischte ihre Mutter.
„Und warum du dein Handy nicht angeschaltet hast!“, ergänzte ihr Vater.


Lin sprang auf die Beine. „Papa, Mama! Es tut mir schrecklich leid! Ich…ich habe ganz die Zeit vergessen! Kommt nie wieder vor! Versprochen!!!“
„Das sollen wir dir glauben?“ Ihr Vater war skeptisch.
„Ich schwöre es! Ich…ich habe einen guten Grund! Glaubt mir!“
Ihre Mutter verschränkte die Arme. „Du hast großes Glück, dass wir zu Müde zum diskutieren sind, aber das hat Konsequenzen! Und jetzt ab ins Bett!“
„Natürlich, sofort!“ Lin sprang auf ihre Eltern zu und umarmte sie ganz fest. „Ich habe euch so lieb!“
Dann rannte sie die Treppe nach oben.
Ihre Eltern sahen ihr nach.
„Was ist denn mit ihr los? Sie ist in letzter Zeit so seltsam.“, stellte Herr Thelen fest.
Seine Frau kicherte und streichelte ihm über die leichten Bartstoppeln. „Willst du mir sagen, dass du dich nicht daran erinnerst als du verliebt warst?“
„Verliebt?“, staunte er.


„Es ist ein Junge mit kupferroten Haaren und Sommersprossen im Gesicht.“
„Und wie heißt er?“, forschte Herr Thelen nach, nicht besonders positiv berührt. Er spürte schon den ersten Eindrang in seine Familie. Sein Beschützerinstinkt war geweckt.
„Das weiß keiner.“, lachte seine Frau.
„Wie bitte?“
„Ach Bärchen! Sieh doch nicht alles gleich so streng!“
Er zwickte sie in die Seite. „Wie du mich damals, auf der Party, vor meinen Freunden so genannt hast, schön laut, dass auch jeder es hört, das habe ich ganz bestimmt nicht verges-sen!“
Sie lachten beide.

 

„Und alle Hausaufgaben gemacht?“
Benny stöhnte. „Jaha!“
„Ich habe sie kontrolliert.“, murmelte Herr Thelen über seine Morgenzeitung hinweg und tastete ohne hinzusehen nach seiner Kaffeetasse.
„Gut.“, schloss Frau Thelen das Thema ab.
Es war Montagmorgen. Die Runde saß gemütlich am Frühstückstisch. Von der alten bis zur jungen Generation.
„Vater, vergiss deine Tabletten nicht!“, erinnerte Frau Thelen ihren Vater. Sie musste es jeden Morgen tun, weil sie ihren Vater ganz genau kannte. Großvater hasste es die vom Arzt verschriebenen Vitamintabletten einzunehmen. Immer wenn seine Tochter nicht acht gab, nahm er sie einfach nicht und tat es später als seniorische Vergesslichkeit ab.
„Jaja.“ Großvater winkte ärgerlich ab.


Benny hatte es beobachtet. „Ich wäre froh, wenn ich nur Tabletten nehmen müsste! Aber mich fragt sie immer“ Benny stemmte die Hände in die Hüften und verzog das Gesicht. „Benny, hast du deine Hausaufgaben gemacht? Benny, hast du dein Zimmer aufgeräumt? Benny, hast du dies und hast du das?“
„Benny! Benimm dich!“, schimpfte seine Mutter.
Großvater hob seinen Zeigefinger. „Du hast es gut! Damals, zu meiner Zeit, da hat die Mama nicht lange nachgefragt, sondern dir gleich die Ohren lang gezogen! Und der Vater hätte dir deinen Hosenboden grün und blau geschlagen! Jaja, wie oft wurde mir Respekt vor den Eltern eingeprügelt! Heute ist es schon strafbar, wenn man frechen Bengeln nur einen winzigen Klaps gibt! Und viele haben das als Mindestes verdient!“
„Vater, bitte!“, seufzte Herr Thelen. „Können wir nicht über etwas anderes reden?“
„Zum Beispiel, dass Lin eine blöde Kuh ist?“
Lin, die, in Gedanken versunken, nur an ihrem Armreif herumgespielt hatte, ohne ihr Müsli überhaupt eines Blickes zu würdigen, sah auf, als sie ihren Namen hörte. „Was?“
Seine Mutter gab ihm eine Kopfnuss.


„Aua! Weißt du nicht, dass das strafbar ist, Mama?“, zischte Benny.
Seine Mutter gab ihm gleich noch eine. „Verklag mich doch!“
„Sag mal, Lin“, begann nun ihr Großvater, der bei ihrem Anblick doch neugierig wurde. „Warum hast du dich denn heute so schick gemacht?“
Lin lief rot an. „Ach…nur so.“
„Und warum hast du dein Gesicht bemalt?“, fragte Benny naiv.
„Das nennt man Schminke!“, fauchte sie zurück.
„Ach echt? Dann schminken sich Zirkusclowns?“, lachte Benny und zeigte mit dem Finger auf sie.
„Du kleiner Plagegeist! Wenn wir jetzt ganz allein wären, würde ich dich umbringen!“


„Dann kommst du ins Gefängnis, dann kommst du ins Gefängnis!“, trällerte Benny, der Spaß daran hatte, seine große Schwester zu provozieren.
„Komme ich nicht, weil ich alle Spuren beseitigen werde!“
Aber Benny hörte nicht auf zu singen, im Gegenteil, er wurde immer lauter.
„Jetzt hört aber auf!“, sprach Frau Thelen ihr Machtwort. „Beeilt euch, ihr müsst gleich los!“
Benny stöhnte und setzte sich wieder hin um sich das letzte Stück Nutella in den Mund zu schieben.
Herr Thelen hatte seinen Kaffee ausgetrunken und sah auf die Uhr. „Ich muss schon los!“ Er erhob sich, schnappte sich das eingepackte Wurstbrot, das seine Frau ihm hinhielt, küsste sie, griff gleichzeitig nach seinem Aktenkoffer (er arbeitete in der Bank) und verabschiedete sich. Ein neuer, langer und harter Arbeitstag lag vor ihm.
Was getan werden musste, musste getan werden!
Er öffnete die Tür.


„Guten Morgen.“, sagte ein Gesicht direkt hinter der Tür.
Herr Thelen erschrak sich wie er sich niemals in seinem ganzen Leben erschrocken hatte. Ihm fiel alles aus der Hand. Der Aktenkoffer und das Brötchen.
Das Brötchen konnte Kim noch retten, er fing es auf halbem Wege. Der Aktenkoffer allerdings knallte auf den Boden und sprang auf. Die Blätter rieselten nur so heraus.
„Entschuldigung, es lag gewiss nicht in meiner Absicht Sie zu erschrecken!“, setzte Kim nach.
„Es ist dir aber trotzdem gelungen.“, entgegnete Herr Thelen und bückte sich zu seinem Koffer.
Das Geräusch war natürlich von allen Hausbewohnern gehört worden. Neugierig lugten sie aus der Küche.
„Kim!“, sprang Lin freudig auf.
„Guten Morgen, pünktlich um halb acht!“, rief Kim ihr zu.
Benny allerdings fiel die Kinnlade herunter. Vor Entsetzen, vor Grauen!
„Ich hole nur noch meine Schultasche!“ Dann verschwand Lin kurz.


Frau Thelen trat neugierig heran. „Du bist also dieser Kim.“, stellte sie fest.
„Sofern ich der einzige Bekannte mit diesem Namen bin, ja. Einen schönen Morgen!“ Kim verbeugte sich, exakt im neunzig Grad Winkel. Wie er es sich in Japan angewöhnt hatte.
Frau Thelen musste lachen. „Na, da habe ich dich ja wirklich gut getroffen!“
„Bitte? Ich verstehe nicht ganz.“, gestand Kim.
„So, da bin ich.“, kündigte Lin sich selbst an. Schwang ihren Rucksack auf den Rücken und hielt Benny seinen hin. Weil seine Grundschule genau neben ihrem Gymnasium lag, brachte sie ihn schultäglich bis ans Tor. „Jetzt beeil dich!“
Benny hörte sie gar nicht. Noch immer entsetzt starrte er Kim an.
Doch auch ihr Großvater war nun neugierig geworden. „Lin hat einen Freund?“ Gemütlich tappte er auf Kim zu und musterte ihn, wie ein Ganzkörperdetektor. „Hm, da hast dir ja einen wirklich gut aussehenden Jungen ausgesucht.“
„Opa! Seit wann begutachtest du denn meine Freunde?“, gab Lin patzig zurück.


Jäh veränderte sich der Gesichtsausdruck des alten Mannes. Es wurde finster und dunkel. „Er ist böse!“
Kim blickte ihn perplex an.
„Vater!“, zischte Frau Thelen, erschrocken über das was ihr Vater da von sich gab.
„Opa!“ Auch Lin war schockiert.
Benny jedoch erwachte aus seiner Starre. „Genau! Er ist böse!“
„Benny!“, zischte Frau Thelen erneut. „Sagt mal, was soll denn das?“
„Allerdings!“ Lin kochte geradezu vor Wut. Dann schupste sie Benny. „Du kannst alleine zur Schule gehen!“ Sie machte anstallten sich an ihrem Vater vorbeizudrängen und sich Kim anzuschließen.
Doch hektisch packte sie eine kleine Hand und hielt sie zurück.
„Du kannst doch nicht mit ihm mitgehen!“ Benny war fassungslos.
Lin schüttelte ihn ab. „Das kann ich und das werde ich!“


„Nein! Das darfst du nicht! Er…“
„Jetzt reicht es aber!“, wurde er von seiner ebenso wütenden Mutter unterbrochen. „Vater, wie kann man in deinem Alter nur so kindisch sein! Und Benny, du gehst jetzt mit Lin in die Schule und hörst sofort auf so gemeine Sachen zu sagen! Wenn dich jemand hört, meint er noch ich habe dich schlecht erzogen!“
„Nein, ich gehe nicht mit! Und Lin auch nicht! Bitte, Mama! Er ist böse!“
Lin schüttelte bitterböse den Kopf und trat durch die Tür. Demonstrativ! Demonstrativ griff sie nach Kims Hand und händchenhaltend zog sie Kim hinter sich her.
Bestürzt schoss Benny aus der Tür. Er konnte seine Schwester jetzt nicht alleine lassen! Sie war total geblendet! Sie war von diesem Bösen verhext worden!
Er musste sie beschützen!
Frau Thelen sah den Dreien hinterher. Und sah, wie sich Benny zwischen sie drängte, ihre Hände auseinanderriss und Lin zur Seite schob, möglichst weit weg von Kim. Lin hätte beinahe ihr Gleichgewicht verloren.


Frau Thelen fühlte sich irgendwie schuldig. Sie wusste, dass Lin der ganze Tag verdorben war.
„Das geht nicht gut!“, murmelte der Großvater in ihrem Rücken.
Wütend drehte sie sich zu ihm herum. „Vater, was sollte das?“
„Ihr…ihr habt es nicht gesehen!“, rechtfertigte sich Großvater. „Dieses Böse in seinen Augen!“
Frau Thelen drehte ihm den Rücken zu.
Herr Thelen hatte sich gesammelt. „Was war denn das gerade?“
Seine Frau seufzte. „Es hätte eine kleine Romanze werden sollen.“ Zornig schielte sie nach hinten. „Aber da konnte sich ja jemand nicht zurückhalten!“


Es war ihm leicht peinlich, die ganze Sache. Kim hatte sich das etwas anders vorgestellt.
Aber natürlich, es war sein eigener Fehler! Sicher, mit dem Greis hatte er nicht rechnen können, aber an ihren Bruder hätte er denken sollen!
Egal! Von niemandem ließ er sich aufhalten, von niemandem!
Er blickte zu Lin. Sie blickte verärgert zu Boden. Doch als sie seinen Blick auf sich spürte, blickte sie hoch und lächelte zierlich. Und rollte die Augen, als stumme Entschuldigung.
Er erwiderte ihr lächeln.
„Sieh Lin nicht so an!“, fauchte eine Stimme.
Nur einige Zentimeter weiter untern stierte ihn ein finsteres, zorniges Kleinkindgesicht an.


Benny drängte sich noch enger an seine Schwester um dem Feind zu zeigen, dass er Lin vor ihm beschützte, dass der Feind gar nicht versuchen sollte sich Lin zu nähern.
Kim war unglaublich wütend, doch er ließ sich äußerlich nichts anmerken. Er zuckte die Achsel und sah sich nach ihrer Schule um. Wann kam denn endlich die Grundschule? Damit er den Störenfried loswerden konnte!
Er musste irgendetwas gegen den Jungen tun! Das stand fest!
Vom Auto überfahren lassen? Im Schwimmunterricht ertrinken lassen? Von einem Blitz treffen lassen?
Nein, nein, nein. Der Bengel blieb besser am Leben! Kim musste das anders managen!
Irgendwie musste er es bewerkstelligen, dass Lins Bruder ihn akzeptierte, oder noch besser – mochte! Der Opa war egal, der starb sowieso bald, auf ganz natürlichem Wege. Ein paar Jahre hielt Kim mit ihm schon durch. Aber mit Benny musste er sich vertragen…
Endlich standen sie vor dem Tor zur Grundschule. Es war ein relativ neues Gebäude. Mit einer großen Schuluhr über der Eingangstür. Wie aus dem Bilderbuch.
„Also dann, bis heute Nachmittag.“, erwiderte Lin kühl und schüttelte ihren Bruder ab. Benny aber blieb stehen, ohne den anderen Ankömmlingen in den Innenhof zu folgen. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken seine Schwester jetzt alleine zu lassen.


Doch Lin ging bereits auf Kim zu, streckte schon langsam die Hand aus um –
„Nein!“, fuhr Benny dazwischen und hielt Lin wieder zurück. Um Kim anzufauchen: „Du darfst Lin nicht anfassen! Verstanden?“ Breitbeinig und mit verschränkten Armen baute sich Benny vor Kim auf. „Das lasse ich nicht zu, klar?“
Da begriff Kim, dass es keinen Sinn hatte, auf freundliche und nachsichtige Weise sein Ziel zu erreichen.
So schnell, dass Benny nicht den Hauch einer Chance hatte. Er packte den kleinen Quälgeist hart an den Schultern. Benny fuhr zusammen.
Ganz langsam ging Kim in die Hocke, damit Benny bewusst wurde was auf ihn zukam. Und damit Benny deutlich den schmerzenden Griff spürte.
Nun waren sie auf einer Augenhöhe.


„Jetzt hör mir mal zu und zwar ohne dazwischen zu funken!“ Kim sah Benny direkt in die Augen. Und seine Stimme war tief und leise. „Deine Schwester und ich sind zusammen - verstehst du das? Ab jetzt werden wir viel, sehr viel, zusammen machen. Wir werden ins Kino gehen, ins Schwimmbad, in Lokale, in den Park, in die Schule und so weiter. Und Lin wird sehr oft bei mir zu Hause sein und ich eben auch bei ihr!“ Mit vor Furcht aufgerissenen Augen blickte Benny zurück. Er war kreidebleich im Gesicht. „Wir werden uns also sehr oft über den Weg laufen und ein harmonisches Verhältnis wäre da mehr als angenehm. Findest du da nicht, dass es nur fair ist, wenn du dich auch etwas bemühst dich mit mir zu vertragen? So wie ich mich bemühe mich mit dir zu vertragen?“
Benny war viel zu eingeschüchtert um zu antworten.
„Findest du nicht auch?“, drängte Kim.
Benny nickte voller Angst.
„Na siehst du, wir fangen an uns zu verstehen!“ Kim ließ los und erhob sich. Benny zitterte am ganzen Leib. „So und jetzt schnell, dass du ja nicht zu spät zum Unterricht kommst.“ Er winkte Benny zu.
Ohne ein weiteres Wort, ohne einen weiteren Blick, machte Benny auf den Absätzen kehrt und rannte davon. Nur an der Eingangstür blieb er stehen und drehte sich um, doch Kim sah ihm immer noch nach. Ein Zucken fuhr durch Benny und er verschwand im Schulgebäude.


Lin hatte ebenfalls starr vor Schreck die ganze Szene beobachtet.
Nun war das endlich geklärt, keiner stellte sich ihm mehr in den Weg. Er hatte den Jungen jetzt genug eingeschüchtert.
Kim schnaufte zufrieden und wandte sich um.
Prompt bekam er eine geknallt.
Erschrocken verschwand Kim jede Genugtuung aus dem Gesicht. „Wofür war das denn?“
„Das war dafür, dass du meinem kleinen Bruder Angst eingejagt hast!“, entgegnete Lin. „Und das ist dafür, dass Benny es verdient hat!“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Aber wir sollten endlich los!“
Sie rannte den Weg voraus. Am Tor blieb sie stehen und winkte ihm lachend zu. Der Armreif funkelte bei jeder ihrer Bewegungen.
Kim lächelte.


Tief, in seiner schwarzen Seele, hallte es:
Jetzt gehörst du mir – für immer!
Dann setzte sich Kim in Bewegung.



Jahre später…

In der kleinen Seitenstraße in einem idyllischen Vorort war es friedlich und vollkommen still. Keine lärmenden Autos fuhren zu so später Stunde hier vorbei. Keine betrunkenen Leute waren mehr unterwegs. Ja selbst die Katzen huschten nicht durchs Untergestrüpp. Kein Hund jaulte.
Alles schlief tief und fest. Kein Licht brannte mehr, lediglich vereinzelte Straßenlampen, deren Licht jedoch so schwach war, dass sie kaum einen Lichtfleck erzeugten. Selbst die Sterne schienen heute Nacht im Dunkeln zu schlummern. Der Mond war gar nicht auszumachen. Denn es war Schwarzmond, die Nacht, in der der Mond vollkommen vom Schatten der Erde verschluckt wurde.
Alles schlief?


Nein, nicht ganz.
Das Haus Nr. 13 lag so friedlich da wie alle anderen auch. Es war ein kleines und bescheidenes Haus, jedoch von prächtiger Schlichtheit, die den Wohlstand der darin lebenden kleinen Familie verriet. Ein feiner Vorgarten säumte den Pflasterweg zur Tür. Es waren weiße Lilien, die dort wuchsen.
Im ersten Stock waren die Schlafräume. Auch aus diesen Fenstern starrte die warme Finsternis. Vollkommen wie in den Nachbarhäusern.
Doch in dem Schlafzimmer ganz links lag da noch jemand wach.
Ein Bild leuchtete da sachte vor sich hin. Es hing über dem Bett. Der Goldschimmer war es, der den Sternenhimmel darstellte. Es war ein wunderbares Bild von einem Phönix und einem Paar, das sich aufmachte, gemeinsam in die Lüfte zu steigen…


Kimball AlMurrat, ein attraktiver und charmanter Mann von neunundzwanzig Jahren, lag noch immer wach. Obwohl die leicht leuchtenden Zeiger des Weckers auf dem Nachttisch bereits Mitternacht überschritten hatten.
Mit einem Lächeln schlang er die Arme noch enger um die schlafende Schönheit neben ihm. Nun waren sie immerhin bereits seit neun Jahren verheiratet und Lin – inzwischen AlMurrat – war immer noch so erotisch wie am Tag ihrer ersten Begegnung. Schon damals hatte er gewusst, dass er nur sie wollte und dass er sie bekam. Und seine Gier nach allem was sie war, was sie ausmachte, hatte in den Jahren nichts an Intensität verloren.
Und ihre Leidenschaft, die ihm so imponierte, auch nicht.


Er spürte ihren glühendheißen Bauch und musste so unverschämt grinsen, wie nur er es konnte.
Lin wusste es noch nicht, aber gerade eben, vor wenigen Stunden, hatte er sie erneut geschwängert. Dieses Mal waren es gar Zwillinge. Zwei Jungen. Eineiig.
*Ricka-chan, hier hast du deine Zwillinge ^o^*
Liebevoll strich er ihr eine zerzauste blonde Strähne aus dem Gesicht. Er sollte doch ein wenig schlafen. Er musste morgen, nein schon heute, bald zur Arbeit.
Er war Professor für Philosophie an der kommunalen Universität. Sehr zum Bedauern Herrn Liebgrafs, der ihn eigentlich gern als Nachfolger seines Vaters gesehen hätte.
Gerade wollte er unbekümmert einschlafen –


Als da jäh ein glühendes weißes Licht durch das Haus schoss und es so stark erleuchtete, dass er die Augen schließen musste, weil es ihn blendete. Ebenso schnell wie es erschienen war erlosch es. Doch ein weiches leichtes Licht von gedämpftem Blauton schlang sich unter dem Türspalt ins Zimmer.
Seufzend schüttelte er den Kopf. Beunruhigt war er jedoch nicht, eher war ihm zum Lachen zu mute über diese kleine Nervensäge.
Von diesem Lichtschwall hätte seine Frau Lin aufwachen können – wenn nicht gar müssen – und mit ihr die gesamte Nachbarschaft. Aber das konnte sie nicht, und die Nachbarn schon gar nicht. Dafür war der Schlafzauber, den er dem ganzen Vorort auferlegt hatte zu stark. Er küsste die Frau an seiner Seite zärtlich auf den Mund. Lin bewegte sich leicht und drehte sich auf den Rücken.
Dann schälte er sich aus dem Bett. Am Boden lagen ihre Klamotten verstreut und es dauerte etwas bis er seine Shorts fand und sie sich überzog. Gähnend verließ er das Zimmer. Am anderen Ende des Flures im ersten Stock lag das Zimmer der Quelle dieses Lichtes. Er rieb sich die leichte Schlaftrunkenheit aus den Augen und öffnete die Tür.
Das leichte blaue Licht strömte ihm entgegen. Es ging von den schwebenden kleinen Kugeln aus, die wie leuchtende Seifenblasen aussahen und durch ihre leichten Bewegungen ein wunderbares Lichtspiel veranstalteten.


Es war ein großzügiges Kinderzimmer, gemütlich eingerichtet und mit Kuscheltieren ausgefüllt.
In dem Himmelbett in der Ecke, aus der Decke, lugte ihm ein kleines Gesicht entgegen.
Zuckersüß und unschuldig grinsend.
Er schloss leise die Tür hinter sich. „Ach Riha, Schatz! Muss ich dich denn jede Nacht ermahnen?“
Das kleine sechsjährige Mädchen setzte sich auf. „Ich kann nicht schlafen, Papa.“
Erneut seufzend setzte er sich auf den Bettrand und streichelte seiner Tochter über die Wange. „Wenn du so weiter machst wirst du Mama noch wecken.“, sagte er in gespielt tadelnden Ton. Rabea AlMurrat, von allen Riha gerufen, krabbelte aus dem Bett zu ihm auf den Schoss. Er legte die Arme um sie und wiegte sie leicht.
„Deine Magie ist doch stark genug.“, erwiderte sie trotzig und spielte mit seinen Fingern.


„Schon, aber wenn du weiter so unvorsichtig bist, dann kann es passieren, dass Mama dich mal beim Spielen mit deiner Magie erwischt und das wollen wir doch nicht! Sonst denkt sie noch sie hat einen Allien geheiratet.“
Sie brachen beide in ein heiteres Gelächter aus.
Dann fiel der kleinen Riha etwas ein und sie begann ganz aufgeregt zu erzählen. „Weißt du was? Gestern hat Mama mir gesagt, solange mein Zimmer nicht aufgeräumt ist, darf ich nicht rausgehen und dann hat sie die Tür zugemacht und ist gegangen. Und weißt du was ich gemacht habe?“
Er gab ihr einen leichten Picks gegen die Nase. „Nein, aber das verrätst du mir gleich.“
Riha kicherte und schob seine Hand weg. Sie sah ihn voller Eigenstolz in die Augen. „Ich habe meine Magie freigesetzt und das Zimmer war in 0,nichts aufgeräumt, ich hab sogar das Fenster und den Fußboden reinegemacht! Und dann hab ich ihr hinterher gerufen, dass ich fertig bin. Sie war nicht einmal die Treppe ganz runter gelaufen. Sie ist ganz schnell wieder nach oben gekommen, weil sie mir nicht geglaubt hat. Und dann ist sie fast von den Füßen gefallen als sie mein Zimmer gesehen hat! Das war lustig!“
Erneut mussten sie beide lachen.


„So was tust du deiner armen Mutter also an, wenn ich nicht zu Hause bin.“, sagte er und kitzelte sie.
„Ich finde das blöd!“, meinte Riha schließlich. „Dass ich meine Magie verstecken muss. Warum darf ich sie nicht einsetzten? Nur immer wenn niemand zukuckt. Das ist doch langweilig!“
Jetzt wurde er ganz ernst. „Ich weiß, aber so ist es nun mal! Riha! Ich warne dich, sollte ich jemals von jemandem hören, dass irgendwo wo du bist seltsame Dinge vorgehen, dann werde ich dir so viel Hausarrest geben, dass du dieses Haus erst als alte Frau wieder verlässt. Hast du mich verstanden?“
Schuldbewusst nickte sie.
„So jetzt wird aber geschlafen. In ein paar Stunden fängt die Schule an!“
„Bäääääääääääääh“, gab sie mürrisch von sich.


Leise lachend legte er sie zurück ins Bett und deckte sie zu. Dann gab er ihr einen Gute-Nacht-Kuss. „Schlaf schön!“, flüsterte er ihr ins Ohr.
„Du auch!“, flüsterte seine kleine Tochter und gab ihm den Kuss aufs Ohr.
Mit einem sanftmütigen Lächeln legte er ihr die Hand auf die Augen, weil er wusste, dass sie sonst keine Ruhe gab. „Schlaf“, sprach er.
Augenblicklich war das kleine Mädchen eingeschlafen.
Erleichtert seufzte er. Jetzt war endlich Ruhe.
Gerade erhob er sich und wollte die Lichter mit einer Handbewegung löschen, als er eine Stimme hörte.
„Meine Gebieterinnen hätten nie gedacht, dass Ihr Euch so herablasst!“
Er sah sich um. Unter den blauen Lichtern war ein anderes blaues Licht. Eins, das heller strahlte als die anderen.
Die winzige Kugel wuchs und formte sich. Mit einer fließenden Bewegung erschien ein junges Mädchen.


Vor ihm stand ein jugendliches Mädchen mit hellblauen gewellten Haaren und in einem weißen Gewand mit einer goldenen Scherbe. An einer Kette um ihren Hals hing ein goldener Anhänger. Ein Triforce.
„Was fällt dir ein?“, entgegnete er kalt. „Willst du mich mit deiner Anwesenheit beleidigen, niedere Fee?“
Navi verbeugte sich tief und ehrfürchtig vor ihm. „Verzeiht Herr, aber ich bin keine Fee mehr. Die Gnade der heiligen drei Göttinnen war es, die mich zu einer ihrer Botinnen werden ließ.“
Er verschränkte verachtend die Arme vor der Brust. „Was zu dieser Zeit nun alles Götterbote werden darf. Beschämend!“
Erneut verbeugte sich Navi förmlich, doch dieses Mal hatte sie ein hinterhältiges Lächeln auf dem Gesicht. „Entschuldigt, dass ich Euren Anforderungen nicht genüge und so unwürdig bin vor Euch zu treten, jedoch haben meine Gebieterinnen mich entsannt Euch dies hier zurückzugeben, Kimball AlMurrat. Oder sollte ich Euch gleich Majora nennen? Oder warum nicht bei Eurem wahren Namen? Gottheit des Urbösen!“
Mit diesen Worten streckte sie ihm den Gegenstand entgegen.


Er nahm es entgegen. Majoras Maske.
Mit den Fingerspitzen strich er über die bunte Maske mit den großen gelben Mandelaugen. Die Maske, die aus dem Rückenpanzer seines göttlichen Körpers geschnitzt worden war. Er fühlte die gewaltige Macht in ihr, die jedoch mit der Macht, die er behalten hatte, nicht zu vergleichen war.
Er lachte leise. „Dann haben Din, Nayru und Farore mich also erkannt.“
Ein weiteres Mal, dieses Mal besonders übertrieben, verbeugte sich Navi. „Verzeiht, jedoch möchte ich, eine bedeutungslose Lebensform, erwähnen, dass ich es war, die Euch durchschaute. Ich wunderte mich, als Ihr damals, in der alten Geschichte, die Zitadelle der Zeit im neuen Zeitalter betreten konntet. Das konnte nur bedeuten, dass Ihr über den Göttinnen steht, da Ihr an ihre Gesetze nicht gebunden seid. Durch mein früheres Feendasein war mir das Wissen gegeben wie ich die Göttinnen kontaktieren konnte und so berichtete ich ihnen von Euch. Es war ihnen sofort gewiss, dass nur Ihr es sein konntet. Der alte Krieg zwischen dem Helden der Zeit und dem König der Wüste, es war alles ein großer Putsch! Meine Gebieterinnen lassen Euch ehrerbietig fragen, weshalb Ihr Euren eigenen Tod vorgetäuscht und den Körper des Menschen namens Majora übernommen habt.“


Abfällig gab er einen Pfiff von sich. Und zum Zeichen seiner Macht und seines hoch überragenden Standes legte er seine menschliche Stimme ab. Götter bedienten sich ihrer Körper nicht um zu sprechen, es waren bereits ihre Gedanken, die die Stimme erzeugten. Darum bewegte sich sein Mund nicht mehr als er fortfuhr. „Warum verstecken sich die drei Göttinnen? Wo ich ihre Anwesenheit deutlich spüren kann! Es ist eine Frechheit!“
„Verzeiht, Herr! Meine Gebieterinnen möchten nicht vor Euch treten, sie fürchten Euren Zorn, deshalb benutzt mich als Vermittler zwischen den Gottheiten. Ich hoffe Ihr könnt eine niedere Dienerin dulden.“
Noch immer musterte er die neue Botin kalt und misstrauisch.
„Meine Gebieterinnen bitten Euch unterwürfig ihre Frage zu beantworten, sofern Ihr es wollt.“, sagte Navi.
Er antwortete: „Ich bin das älteste Wesen, das es gibt, die Vereinigung von Licht und Dunkelheit, so alt wie die Ewigkeit. So lange schon war ich einsam und mein Herz verlangte nach Zerstreuung, nach irgendeinem Gefühl, das ich empfinden könnte um meinem Dasein endlich einen Sinn zu geben. Also erschuf ich die Götter, euch ihr drei Göttinnen, Shjra, die Göttin der Rachsucht, und all eure Schwestern, aus meinem Fleisch und teilte mein Reich, das Universum, unter euch auf. Ich ließ euch alle frei verfügen und beobachtete was ihr tatet. Eine Zeitlang war es tatsächlich erheiternd, aber dieses Gefühl verging rasch und ich verlor das Interesse an euch allen.


Doch dann geschah, was ich niemals auch nur habe ahnen können. Ihr drei Göttinnen tatet euch zusammen und in einem kleinen Teil des Universums erschuft ihr neues Leben, eure eigene Schöpfung! Ihr formtet einen Planeten und hauchtet ihm Leben ein, viel Leben, das so verschiedene Formen annahm. Mein Interesse war von neuem geweckt und als Beobachten mir nicht mehr reichte stieg ich hinab auf euren Planeten. Ich war neugierig, ich wollte sehen was das war was ihr erschaffen hattet, also begann ich Chaos zu verbreiten. Ich zerstörte und tötete – ich war zuversichtlich endlich meine Zerstreuung gefunden zu haben, doch die Enttäuschung war groß, als ich sah, dass eure Geschöpfe zu schwach waren gegen mich etwas ausrichten zu können und auch ihr halft ihnen nicht. Eure Angst vor mir war zu groß, ihr überließet all eure Schöpfungen ihrem Schicksal. Wie konnte ich anders als abermals das Interesse zu verlieren?“
„Weshalb jedoch wurdet Ihr zu einem Menschen?“, fragte Navi, allerdings war es nicht sie, die das wissen wollte. Sie war ein Sprachrohr, das die drei Göttinnen benutzten um zu ihrem Herrn zu sprechen, ohne sich ihm zeigen zu müssen.


„Nun, ich begann die Erde zu zerstören, aus lauter Enttäuschung über dieses Kurzweilen. Bald war ich für die Menschen ein Monster, ein Menschenfresser, der ihr Land heimsuchte und Kaiser, Könige und Zaren schickten ihre stärksten Krieger und Heere um mich zu vernichten, damit das Unheil endlich gebannt war. Keinen gab es, der mich hätte berühren können, geschweige denn vernichten! Ich tötete sie alle und noch viele mehr.
Doch eines Tages kam dieser eine Krieger. Er war nicht wie die anderen, das merkte ich sofort. Gewiss, es war mir ein leichtes ihn zu töten, wie alle anderen vor ihm auch. Doch dieser Mann, er war ganz anders. Er war der Erste, der nicht vor Angst und Schmerz schrie und um sein Leben weinte und bettelte. Nein, er lächelte! Er lächelte mir in die Augen und sah mich doch nicht. Ich war verwundert und fragte ihn warum er denn so abwesend war wo er doch auf der Schwelle des Todes stand. Und er sagte, wenn er denn nun starb, so galt sein letzter Gedanke nicht der Todesangst, sondern seiner Frau zu Hause, die bis an ihr Lebensende auf ihn warten würde. Wieder war meine Neugier genährt, darum löschte ich seinen Geist aus, doch sein Körper mit all seinen Empfindungen blieb und ich legte meine göttliche Gestalt ab und schlüpfte in ihn hinein.


Jedoch gab es ein Problem. Ein menschlicher Körper ist viel zu beschränkt um meine Macht in sich aufnehmen zu können. Darum musste ich meine Magie ablegen, ich ließ sie also zurück und schnitzte mit diesen menschlichen Händen, die ich nun hatte, eine Maske aus dem Panzer meiner Götterhülle. In ihr bannte und konservierte ich all meine göttliche Kraft…
Da fällt mir ein, ich hörte von dem Zwischenfall, den sie verursachte. War es nicht so, dass sie sich selbstständig machte und den Mond auf die Erde herabstürzen lassen wollte?“
Kurz war Navi irritiert. Sie sah ihn verwundert an. Dann jedoch verneigte sie sich erneut, jedoch nicht ganz so tief wie die Male davor. „Das stimmt, Herr. Die Maske hat nur Schaden angerichtet, darum wurde vor langer Zeit ein menschlicher Bote beauftragt der Hüter der Maske zu werden und sie in Gewahrsam seiner Familie zu nehmen. Es war ein Maskenhändler, dort schien sie am wenigsten aufzufallen. Die Maske wurde zwischen den Generationen der Familie weitergegeben, doch dann wäre durch dieses törichte Horrorkid beinahe die Apokalypse heraufbeschworen worden.“
Wieder lachte er und strich mit der Handfläche über das harte Material. „Jetzt muss ich euch um Verzeihung bitten. Das war nicht meine Absicht gewesen. Mit meiner Magie muss wohl ein wenig meiner Spiellust zurückgeblieben sein. Aber wie langweilig wäre doch das Leben, selbst das der Menschen, wenn nicht ab und zu eine Gefahr drohte?“
„Ihr mögt das so sehen, Ihr braucht ja nichts zu fürchten. Ihr könnt Euren Launen nachgehen, ohne Rücksicht, weil Ihr die Gefahr nur verursacht und niemals von ihr betroffen sein werdet!“
„Das sagt ihr? Als Göttinnen?“


„Meine Gebieterinnen meinen es sei ungerecht, dass Ihr sie so verurteilt. Sie können das Leid ihrer Geschöpfe durchaus verstehen, sie sehen nicht wie Ihr, alles nur als ein Spiel mit Spielzeugen an!“, erwiderte Navi.
Er hörte auf zu lachen. „Das mag stimmen. Schließlich habt ihr einen Planeten voller zerbrechlicher Geschöpfe erschaffen. Wenn ihr diese Zerbrechlichkeit nicht gekannt hättet, dann wären alle Geschöpfe hier wohl Götter. Welchen Sinn hätte diese Erde dann gehabt?“
„Bitte fahrt doch fort, Herr.“, sprach Navi.


„Ich hatte also den Körper Majoras übernommen und ging um sein Leben kennen zu lernen. Ich ging nach Hause und führte fort, was er aufgeben musste. Ich lebte unter den Menschen in seiner Heimat, ich verrichtete seine Arbeit, ich wohnte in seinem Haus mit seiner Frau zusammen. Ich redete mit ihr, lachte, stritt und schlief mit ihr, alles was er getan hatte tat ich auch. Ich lebte sein Leben – und lebte es doch nicht. Sein Körper ließ mich seine Gefühle kennen lernen, doch ich fühlte sie nicht, weil nicht ich es war, dem dieser Körper, dieses Leben gehörte. Ich wollte aber diese Gefühle spüren können! Ich wollte fühlen wie es war ein Mensch zu sein, ein niederes Geschöpf, das so viel mehr kannte als die einsame Langeweile, die ich als einziges jemals empfunden hatte. Dazu musste ich selbst zu einem Menschen werden, meine Existenz musste menschlich werden! Aber wie?


Als nun Shjra in euer Reich eindrang um meinen angeblichen Tod zu rächen, da sah ich meine Chance gekommen. Ich ließ mich von ihr verführen und erschuf neues Leben auf menschliche Art. Auf diesem Wege war es mir möglich Majoras Körper zu verlassen und ich hätte mich jetzt mit einem mir eigenen Körper gebären lassen können, doch ich tat es nicht. Ich wusste was sie vorhatte und hielt es für interessanter mich in Geduld zu fassen. Ich konnte nämlich meine Magie wieder aufbauen, indem ich mir ihr Prinzip zu Eigen machte. Während sie auf einen stärkeren Körper wartete, dadurch, dass ein Gerudokönig einmal auf die Idee käme trotz Verbotes ein Kind zu zeugen, spaltete ich mein Bewusstsein, ein kleiner Teil blieb in Majoras Körper zurück und starb alsbald ab, genauso wie der Körper des Menschen. Der andere Teil, ich, nistete mich, verborgen, in einem der geborenen Mädchen und ließ in mir neue Magie wachsen. Natürlich wurde aus dem Mädchen eine Frau, die wiederum ein Mädchen gebar, das jedoch einen noch besseren Körper besaß, der imstande war viel mehr Magie aufzunehmen, als der Körper davor. So ging es an die Jahrtausende und ich wurde immer mächtiger, denn ich konnte meine Magie von Körper zu Körper mitnehmen.


Irgendwann sah ich, dass ich meine alte Macht zurückerlangt hatte – es war zu der Zeit, als ich in dem Mädchen Farina hauste. Ich war bereit mir einen eigenen Menschenkörper zu schaffen. Nun, sagen wir, ich habe es versucht, aber es misslang, und zwar weil dieses Kind, der Junge, den Farina bekam, mit der göttlichen Kraft und dem Fluch der Shjra geboren wurde. Ich gebe zu ich geriet in leichte Panik. Ihr spracht von Gefahr, der ich nie ausgeliefert war und nie sein werde, doch in der kurzen Zeit, in der ich in Ganons Körper war, hatte ich wirklich Angst. Denn ich hatte nicht vorausgesehen, dass Farina einen Jungen bekam und ich konnte nicht erwarten, dass dieser Gerudomann wider dem Gesetz handelt und jemals die menschliche Fortpflanzung vollzog. Ich dachte wirklich ich würde nun von seinem Körper nicht mehr loskommen und mit ihm sterben. Doch er war ein ausgesprochen kluges Individuum, nicht wahr? Nicht wie alle seine Vorgänger. Er ermöglichte mir, wenn auch unbeabsichtigt, einen eigenen Körper, den ich mit meiner alten göttlichen Macht ausstatten konnte, wie meine wahre Gestalt sie besessen hatte. Ich war geboren! Ich war als Mensch geschaffen worden!
Doch dadurch, dass er Shjras Macht in sich hatte, gab er sie an mich weiter, der ich aus ihm entstand. Das war ein Makel, der meinem Menschengefäß angehaftet war. Durchaus hätte ich mich wehren können, jedoch hätte ich mich dadurch doch verraten! Dann wäre mein ganzer schöner Plan ein Mensch zu werden aufgeflogen.
Mir blieb nichts anderes übrig als den Gerudoabkömmling zu spielen, der Shjras Rache ausführen sollte. Gut, ich tat es und es war ausgesprochen amüsant, ja wirklich. Ich lebte und fühlte wie der Mensch, der ich war und ich tat als sei ich die Marionette Shjras.


Aber dann…
Dann sah ich dieses Mädchen zum ersten Mal im Spiegel und in mir explodierte regelrecht ein Gefühl von solcher Verzauberung, wie ich es seit Beginn der Ewigkeit, meiner Geburt, nie erlebt habe. Ich wollte sie hier, bei mir, haben und ich wollte sie kennen lernen. Ich wollte alles über sie erfahren und alles wissen. Nun, der Gerudokönig Ganon brachte sie mir, wenn auch aus einem gänzlich anderen Grund.


Ich wich nicht mehr von ihrer Seite und mit jedem Tag, der verging, wandelte sich diese Verzauberung. Sie wurde zu einem Haufen an Gefühlen, die mich so verwirrten und mir den Kopf vernebelten. Ich empfand Zuneigung für sie und den Drang sie an mich zu nehmen und nie mehr loszulassen. Ich begehrte sie, ihren Körper und ihren Geist, ihre Stimme, ihren Duft, alles an ihr!
Ich hätte meine Tarnung ablegen und sie mit mir ins göttliche Reich nehmen können, aber das wollte ich nicht und ich ahnte, dass sie es nicht verstehen würde, sollte sie jemals von meinem wahren Ich erfahren. Ich wollte, dass wir beide als Menschen weiterlebten, darum musste ich meine Rolle weiterspielen. Verzweifelt war ich, weil ich nicht wusste wie ich mich aus dieser misslichen Lage befreien konnte. Ich verlor das Interesse an Shjras Rache, ich wollte sie nur noch aus dem Weg haben, aber ich wusste nicht wie ich das ohne meine Autorität als ältester Gott anstellen sollte.
Dann jedoch entwickelte Lin zusammen mit dem Helden der Zeit und Farina, in der ich einmal gehaust hatte, den Plan uns aufzuhalten. Um ihr den Schlüssel in die Hand zu legen befahl ich Ganon ihr Erinnerungen zu zeigen, in denen versteckt die Lösung zu finden war, natürlich wusste Ganon nichts davon, und als Shjra endlich verbannt war und Lin die Historie veränderte, da sah ich meinen Wunsch endlich erfüllt. Als mächtigstes Wesen, das es gab, war mir das Schicksal untertan und ich bestimmte, dass ich in der neuen Geschichte, die begonnen hatte, in ihrer Zeit geboren werden sollte, damit uns nichts mehr trennen konnte.


Nun seht, es kam wie ich es wollte. Jetzt führe ich ein gewöhnliches Menschenleben mit ihr als meine Frau! Das war es was ich wollte, dieses Leben war es, das ich in der Ewigkeit gesucht hatte. Ich habe meine Zerstreuung gefunden und sie ist herrlicher als ich mir je hatte vorstellen können! Was also wollt ihr noch von mir? Kehrt ins Götterreich zurück und lasst mich in Frieden!“
Damit endete er und machte einen abfälligen Wink mit der Hand, der Navi zeigen sollte wie sehr ihn ihrer aller Anwesenheit störte.
Navi verbeugte sich. „Meine Gebieterinnen danken Euch für Eure Geduld ihnen ihre Frage beantwortet zu haben, jedoch meinen meine Gebieterinnen, dass…“
„Warum nur tut Ihr das, Herr über uns alle?“, hallte eine helle Stimme in den Raum hinein. Es war Farore selbst, die sprach.
Als die Worte verklungen waren leuchteten plötzlich drei sanfte Lichter auf.


Eines rot, eines blau und eines grün. Wie Navi zuvor erschienen daraus drei junge Mädchen, jedoch so klein wie Riha, Kinder und nicht junge Frauen.
Sie strahlten hell, jedes in seiner Farbe, wie Kristalle und so waren sie auch. Nicht aus Fleisch und Blut.
Weil nun die Göttinnen – ihre Gebieterinnen – selbst erschienen waren, wusste Navi, dass sie überflüssig war und sie sich sofort zurückzuziehen hatte. Sie verbeugte sich so tief sie konnte und löste sich auf. Sie kehrte in das Reich der Götter, wo sie verweilte, bis sie einen neuen Auftrag erhielt.
Erneut war ihm zum Lachen zumute. „Soso, nun erscheint ihr doch in eurer wahren Gestalt vor mir. Sollte ich mich geehrt fühlen? Nein! Ihr solltet euch geehrt fühlen, dass ich euch nicht gleich vernichte, für all eure Unverschämtheiten!“


Das blaue Mädchen, die Göttin Nayru, hob die Hände an ihre Brust. „Verzeiht Herr! Zu keiner Zeit hatten wir die Absicht Euch zu verärgern! Es ist die Sorge um Euch, die uns veranlasst hat Eure Entscheidung in Frage zu stellen.“
Nun meldete sich auch das rote Mädchen, Din, die Göttin der Kraft, zu Wort. „Bitte Herr! Legt Eure menschliche Hülle ab und kehrt mit uns in das Reich der Götter zurück, in Eure wahre Heimat! Wir Götterinnen, Eure Diener, werden Euch einen neuen Götterkörper schaffen, wie Ihr ihn wollt. Aber verlasst diesen Menschenkörper und kommt mit uns!“
Mit gerümpfter Nase blinzelte er sie majestätisch an. „Meine Antwort lautet – Nein!“
„Herr!“, stieß Farore hervor. „Ist Euch denn nicht bewusst, dass dieser menschliche Körper, den Ihr Euch geschaffen habt, alt wird und irgendwann stirbt? Wenn Ihr ihn nicht vorher verlasst, wird Euer Geist mit ihm sterben! So lange Ihr ein Mensch seid, seid Ihr sterblich! Bitte erhört unser Flehen!“
„Nein! Ich will dieses Leben nicht aufgeben!“


Nayru schüttelte verzweifelt den Kopf. „Herr, in dieser von unserer Hand geschaffenen Welt gibt es nur niedere Wesen, tief unter Eurer Würde! Warum nur wollt Ihr unter ihnen verweilen? Warum wollt Ihr so sein wie sie? Was nur hat Euch so in seinen Bann gerissen, dass Ihr – als der mächtigste Gott – es akzeptiert wie ein gewöhnliches Individuum zu sterben?“
„Ihr wollt wissen, was mich veranlasst als Mensch zu leben? Ich werde es euch sagen!“ Er setzte sich wieder auf die Bettkante zurück. Mit schwärmendem Blick strich er dem schlafenden Kind zärtlich über die Wange. „Euch alle vier, die hier in diesem Raum anwesend sind, habe ich erschaffen. Euch drei Göttinnen formte ich aus meinem Götterfleisch und gab euch einen Teil meiner Magie ab, ich machte euch ebenfalls zu mächtigen Göttern. Und dieses Mädchen hier zeugte ich auf menschlichem Wege. Sie mag ebenfalls einen menschlichen und damit sterblichen Körper haben, doch auch sie hat göttliche Macht in sich.


Somit seid ihr alle vier meine legitimen Töchter, nicht wahr?“
Die drei Göttinnen sahen sich fragend an, sie wussten nicht worauf er hinaus wollte.
„Was spielt das für eine Rolle, Herr?“, fragte Din.
„Es spielt sogar eine recht große Rolle!“, entgegnete er. „Denn es gibt einen Unterschied zwischen euch und ihr. Ihr mögt mächtig sein und alles Leben auf diesem Planeten überragen, ihr seid unsterblich und habt nach mir den höchsten Stand. Sie dagegen mag eine Göttin sein, aber sie ist auch ein Mensch und sie wird alt werden und sterben, wie jeder Mensch auch.
Jedoch habt ihr, die ihr doch so mächtig seid und mir gleicht, es nicht geschafft mich von meiner Einsamkeit zu erlösen. Ihr mögt meine Töchter sein, doch ich empfinde nicht das Geringste für Euch.
Dieses einfache Menschenmädchen allerdings, hat mich errettet, genau wie ihre Mutter. Sie haben mich lieben lassen und mir die Zerstreuung gegeben, nach der es mich so verzweifelt verlangte! Ich hege so viel Gefühl für sie, dass sie mir nicht gleichgültig ist und ich sie einfach nicht verlassen kann! Ich will dieses Leben deshalb nicht aufgeben! Ich will nie satt werden von diesem warmen Gefühl, das die Menschen erleben dürfen!


Warum versteht ihr das nicht, wo ihr es doch seid, die dieses Gefühl erschaffen habt!“
„Wir taten es doch nur um den Fortbestand der Menschen zu sichern!“, erklärte Nayru, schockiert über seine Worte.
„Das ist mir egal! Ich empfinde es nun einmal und ich will nicht aufhören es zu empfinden! Wenn ich mit euch komme werde ich mich wieder einsam fühlen und die Langeweile wird mich heimsuchen – ja es wird noch schlimmer! Denn nun habe ich gesehen, dass es auch etwas anderes gibt als diese Trostlosigkeit des Götterdaseins und sollte ich wieder ein Gott werden, so wird mich die Sehnsucht nach diesem Leben als Mensch zerfressen. Warum also sollte ich es nicht genießen so lange es anhält und dann, zufrieden mit mir, dahingehen?“
„Herr! Ihr seid der Gott des Urbösen, die älteste und mächtigste Gottheit von allen! Wenn Ihr sterbt, dann wird Eure Macht verschwinden und das ganze Universum wird in Chaos stürzten! Die Göttinnen werden sich darum streiten wer Eure Nachfolge antreten darf und ein Krieg wird in unseren Reihen hervorbrechen und alles zerstören was es überhaupt gibt! Entsinnt Euch doch nur, was geschehen ist, weil Ihr Euren Tod vorgetäuscht habt. Was aber wird geschehen, wenn Ihr tatsächlich sterben solltet? Und mit Euch Eure Macht! Das könnt Ihr doch nicht so gleichgültig hinnehmen!“, nun hatte auch Farore die Hände erhoben um ihrer Niedergeschlagenheit Ausdruck zu verschaffen.


Er lachte, so laut, über ihre Naivität. Selbst Götter konnten dumm sein!
„Wie könnt ihr nur so einfältig sein! Meine Macht wird niemals verschwinden, sie wird ewig existieren auch wenn meine Existenz endet! Seht wo meine Macht weiterlebt!“ Mit diesen Worten hob er seine Hand bis sie über Rihas Gesicht verweilte.
Kurz darauf begann es schwach zu schimmern. Doch dabei blieb es nicht. Der Schimmer wurde zu einem weißen Leuchten und dieses Leuchten wurde stärker und stärker. Bis es den gesamten Raum erfüllte und selbst die Göttinnen geblendet waren.
Dann nahm es allmählich ab und verschwand. Riha lag wieder so friedlich schlafend da wie zuvor.
„Habt ihr nun verstanden? Meine Macht wird an meine menschlichen Kinder weitergegeben und sie werden es an ihre Kinder weitergeben und diese wiederum an ihre. So wird meine Macht nie erlöschen!


In neun Monaten werden mir zwei Söhne geboren – ihr solltet mir zu meinem Vaterglück gratulieren!“ Er lachte.
Die Göttinnen sahen ihn ausdruckslos an.
„Ist das Euer letztes Wort, Herr?“, sagten sie im Chor.
„Ja!“


„Dann werden wir uns Eurem Willen beugen müssen. Doch solltet Ihr jemals Eure Meinung ändern so ruft uns und wir werden Euch hören.“ Die Worte hallten von den Wänden wieder als sei das Zimmer eine gigantische Bärenhöhle.
Die Gestalt der Mädchen verblasste und nur drei kleine Lichter blieben zurück. „Lebt wohl und glücklich wie es Euch beliebt, Herr!“ Die Lichter verschwanden und das gedämpfte Blau der magischen Seifenblasen nahm wieder Einzug. Er war allein mit seiner schlafenden Tochter.
Er sah auf die Maske in seiner Hand.


Die Göttinnen mussten sie sofort an sich genommen haben, damit sie von Anfang der neuen Geschichte an, keinen Schaden mehr anrichten konnte. Ja, sie hatten Recht. Seine Macht so ohne jegliche Kontrolle war gefährlich. Er musste sie beseitigen.
Darum setzte er sich die Maske auf und trat zu dem großen Spiegel in einer Ecke. Die Maske lag farbenfroh und verspielt auf seinem Gesicht. Kunstliebhaber hätten sie durchaus für ein teueres Kunstwerk gehalten. Er musste grinsen.
In diesem Moment leuchteten die großen gelben Augen auf. Es war beinahe unheimlich.
Dann bogen sich erst die heraus stechenden Zacken nach hinten und gleich darauf die ganze Maske. Sie legte sich um seinen Kopf, ihr Material lag auf seiner Haut. Nun war die Verschmelzung bereit und die Maske drang in die Haut ein, mit ihr ging ihre Magie in seinen Körper ein – wo sie hingehörte.
Die Farben der Maske verschwanden mit ihr und sein Gesicht kam wieder zum Vorschein, nur die gelben Augen blieben zurück. Er erinnerte sich einen kurzen Augenblick an seine göttliche Gestalt. Mittlerweile hatte er die menschlichen Eigenheiten übernommen, sodass er sich mit Abscheu an diesen hässlichen Körper erinnerte. Durchaus konnte er selbst jetzt von sich sagen, dass er als Gott ein Ungeheurer gewesen war.


Die Augen schrumpften zusammen, bis sie kleine menschliche Augen waren, dann klang das gelbe Leuchten ab. Majoras Maske war vernichtet, die schwarze Macht, die ihr inne gewohnt hatte, war wieder in ihrem rechtmäßigen Besitzer und konnte nun nie mehr Chaos verbreiten.
Zufrieden nickte er sich selbst zu und ließ die Seifenblasen erlöschen.
Es war alles wieder still und dunkel wie zuvor, und wie es in einer normalen friedlichen Seitenstraße eines normalen friedlichen Vororts sein sollte, wenn die Nacht darüber lag.
Unhörbar schlich er aus dem Zimmer und zurück in sein Schlafgemach. Müde legte er sich ins Bett zurück und wollte versuchen einzuschlafen – da kam ihm ein gemeiner Streich in den Sinn. Wie ein kleiner Schelm grinste er vor Vorfreude und hob mit einem Schnips den Schlafzauber über diesem Raum auf.
Dann kroch er unter Lins Bettdecke und suchte mit seinen Füßen die ihre.
Ein erschrockenes Zucken fuhr durch ihren Körper als er sie gefunden hatte.


Ärgerlich drehte sie sich zu ihm um. „Warum bist du so kalt?“
„Ich war nur kurz auf der Toilette.“, log er.
„Und darum musst du mich auch gleich wecken, wie?“, gähnte sie schlaftrunken und schmiegte sich an ihn. „Du bist so kalt!“
„Nein“, schlug er ab. „Du bist nur so heiß! Heiß und scharf!“ Und dann schnurrte er wie eine Katze. „Rrrrrrrhhhh…“ Und legte die Arme um sie.
Sie lachte leise. „Meine große Miezekatze!“, sagte sie und küsste ihn.
Dann küsste er sie und strich ihr übers Gesicht. Er war so erfüllt von der Liebe zu ihr. „Ich liebe dich, Lin! So sehr, dass ich eigentlich schon vor Liebe platzen müsste!“
Verwundert gluckste sie. „Was ist denn heute wieder in dich gefahren? Du bist…“


„Sag, dass du mich liebst!“, unterbrach er sie.
Sie lächelte ihn an. „Ich liebe dich.“
„Sag, dass du nur mir gehörst!“
„Ich gehöre nur dir.“
„Sag, dass ich dich verrückt mache!“
„Du machst mich verrückt.“
„Sag, dass du mich willst!“
Mit einem Grinsen, das er selbst in dieser Dunkelheit spürte, drückte sie ihn auf den Rücken und legte sich auf ihn. „Ich will dich – jetzt und hier!“, hauchte sie verführerisch und ihre Lippen klebten unzertrennlich aneinander.
Ja, das war es was er wollte! Seinetwegen konnte dieses Leben nie enden und auf ewig so weitergehen. Wozu ein Gott sein, wenn man auch ein Mensch sein konnte? Wozu?

 

The  End



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