Breath of the Wild



Die Erben der Macht
Teil 1 - Die größte aller Zeitreisen
Teil 3 - Ein neuer Anfang

Autor: Kim


Prolog
In der Vergangenheit…

"Gnade!", stöhnte Naboru unter den Schmerzen auf.
Sie quetschte und quetschte sich weiter durch den elendig engen Tunnel.
Ein Ruck noch - endlich war sie durch!
Sie stand auf und klopfte sich seufzend den Staub aus den Kleidern. Der Geistertempel hatte sich nicht verändert!
Wie lange war sie schon nicht mehr hier gewesen? Waren es vier oder fünf Jahre?
Das letzte Mal hatte sie der Held der Zeit aus den Fängen der Hexenweiber befreit. Seitdem war so vieles geschehen! Seit Lin und Benny in ihre Zeit zurückgekehrt waren…
Seit ihr Sohn diese Zeit verlassen hatte…
Seit Ganons Tod…
Tränen traten ihr in die Augen, aber sie zwang sie zurück.
Jetzt war nicht die Zeit zu weinen, nicht die Zeit zu trauern…
Behutsam holte sie den kleinen Lederbeutel heraus. Deswegen war sie hierher gekommen. All die Jahre hatte sie es nicht geschafft sich zu überwinden. Aber heute hatte sie den Mut gehabt.
Natürlich war sie nicht wegen eines Stück Leder hier, sondern wegen Dem, was sich darin befand. Langsam entwickelte sie das Bündel.
Ein silberner Armreif kam zum Vorschein. Es waren viele Zeichen in der alten Sprache darin eingeritzt, die für Liebe, Hoffnung, Glück, Frieden, Schönheit und Reinheit standen. Und zwischen den einzelnen Symbolen war jeweils ein winziger, blutroter Rubin eingegeben. Er schimmerte noch immer so vollkommen und rein, wie damals. Als Ganon ihn ihr geschenkt hatte.
Der Reif glitt über ihre Finger, über ihre Handfläche, über ihr Gelenk.
Sie flüsterte seinen Namen…

Als sie aus der Wüste kam, erwartete sie Ashanti bereits, zwei Zügel in der Hand. Sie hatte alles für den Aufbruch vorbereitet. Naboru lächelte und klopfte dem schwarzen Rappen auf den Rücken. "Armer alter Thunder.", kicherte sie. "Wird Zeit, dass du endlich in den Ruhestand gehst."
Der Rappe wieherte und schnaufte ihr ins Gesicht. Sie lachte.
Auch Ashanti lächelte schwach. Dann fragte sie mit ernster Stimme: "Bist du dir wirklich sicher, dass du dort hin willst?"
Naboru sah ihre Schwester an. "Wenn ausgerechnet der Held der Zeit das schafft, dann ist es doch eine Schande, wenn ich es nicht kann!"
"Du warst so lange nicht dort." Es klang fast wie ein Protest. Ein Argument um sie davon abzubringen.
Naboru schwang sich auf Thunders Rücken. Sie antwortete nicht, sie zog nur an den Zügeln. Der Armreif glitzerte an ihrem rechten Handgelenk…
Als sie am Hylia-See ankamen - erblickten sie Epona und noch ein weiteres Pferd am Ufer. Verwundert blickten sie sich an, stiegen von den Pferden und begaben sich zu den Brücken.
Schon von weitem konnte man sie hören, Link, Zelda - und deren Sohn.
"Davin!", tadelte Zelda ihren kleinen Sohn. Den Namen hab ich mir von Simon geborgt ^-^ "Nicht anfassen!"
Energisch hob sie ihren Sohn hoch, der sich beinahe die Hand an der scharfen Klinge aufgeschnitten hätte.
Link stand langsam auf, als bereite es ihm große Mühe.
"Verdammt noch mal!" Er quengelte wie ein kleines Kind.
"Was hast du, Link?", fragte Zelda besorgt.

Er sah auf seine linke Hand. "Ich weiß nicht, aber in letzter Zeit stimmt was nicht mit meiner Magie."
Zelda rollte die Augen. "Darum machst du dir Sorgen? Die Zeit der Kriege ist vorbei. Du brauchst keine Magie mehr!"
Link seufzte und nickte resignierend. Zelda hatte Recht. Er brauchte keine Magie mehr. Nachdenklich betrachtete er die schimmernde Klinge, die in der Erde steckte.
Noch immer war das Masterschwert ins Grab gestoßen. Das Heilige Reich gab es nicht mehr, oder zumindest war es jetzt - wie sollte man es ausdrücken - ein Teil eines lebenden Organismus, der noch nicht einmal geboren war!?!
Darum war das Masterschwert nun nicht mehr als ein Grabstein. Umwuchert von hochragenden Pflanzen, die daran hinaufkletterten.
"Das ist doch…", Link war außer sich. "Was fällt denen ein!"
Natürlich hatte sich der Tod des Großmeisters des Bösen herumgesprochen und Millionen von Leuten hatten lange Reisen unternommen, nur um einmal vor dem Grab zu stehen, es zu betrachten, zu schweigen…
Und trotzdem! Trotz der Verluste, die der jahrtausend lange Krieg gekostet hatte. Trotz des Leides, das im ganzen Land geherrscht hatte. Trotz der Dinge, die sie hatten durchgestanden! Einige hatten einfach ihre Namen und Besuchsdaten in den kahlen Baum geritzt!
"So eine Unverschämtheit! So eine Rücksichtslosigkeit! So eine Respektlosigkeit!", schimpfte Link.
Zelda kicherte. "Beruhige dich doch, Gemahl."

Dann hörten sie ein weiteres heiteres Auflachen. Abrupt fuhr Link herum. "Naboru!" Er konnte seine Überraschung nicht verbergen.
"Ist lange her, dass wir uns an genau diesem Ort einfanden.", grinste die Weise der Geister.
"Schön dass du da bist.", erwiderte Zelda. "Und du auch Ashanti."
Ashanti machte einen höflichen Knicks.
"Santi!", kreischte Davin auf und strampelte in Zeldas Armen. Er war jetzt drei Jahre alt. Doch statt, wie bei den anderen Kindern in seinem Alter, hing er nicht an der Mutter, sondern an Ashanti. Zelda setzte ihn ab. Sofort rannte er in ihre ausgebreiteten, erwartenden Armen. Er rannte sie fast um mit seinem Schwung.
Alle brachen in Gelächter aus.
Sie unterhielten sich lange. Sie redeten über vergangene Zeiten. Sie redeten über bedeutende Dinge. Sie redeten über das, was sich alles verändert hatte.
Und sie redeten über die Drei.
"Was denkt ihr, ob Kim die beiden gefunden hat? Immerhin, die Welt ist groß!", meinte Zelda.
"Ach, da würde ich mir keine Sorgen machen." Link zwinkerte beschwörend. "Wer weiß, vielleicht sind Lin und Kim schon verheiratet und haben ebenfalls Kinder…"
Dann konnte sie sich nicht mehr halten - Naboru brach in Tränen aus.
Heiße Tränen flossen über ihre Wangen.
"Tut mir leid.", murmelte Link schuldbewusst.
"Nein, es ist nichts.", winkte sie ab. "Ich…" Sie sprach nicht weiter.
Zelda klatschte so plötzlich und laut, dass alle zusammenzuckten und Davin vor Schreck anfing zu weinen.
"Wisst ihr was wir jetzt am besten tun? Wir gehen jetzt alle gemeinsam ins Schloss. Ich sage dem Küchenchef er soll uns die besten Gerichte kochen, die unsere Küche zu bieten hat!"
"Ja, genau! Wir laden euch zum Dinner!", begeisterte sich auch Link. "Und? Sagt ihr zu?" Er wandte sich an Ashanti und Naboru.
Ashanti sah ihre Schwester an, fast schon bettelnd.
Naboru lächelte und nickte mit dem Kopf. "Nur ein Esel lehnt so ein Angebot ab."
Link hob seinen Sohn hoch und setzte ihn sich auf die Schultern. Gemeinsam machten sie einige Schritte auf die Brücke zu.
Nur Naboru rührte sich nicht von der Stelle.
"Naboru?", fragte Ashanti vorsichtig.

Die Weise der Geister fuhr sich mit dem Handrücken über ihre roten Augen. "Geht bitte schon vor, ich komme gleich nach…", sagte sie mit heißer Stimme.
Die anderen taten wie ihnen geheißen, auch wenn es äußerst widerwillig war. Naboru sah ihnen nach, wie sie das Festland betraten. Auch dann noch, starrte sie hinüber, als Link und die anderen verschwunden waren.
Sie drehte sich zum Grab um - und viel auf die Knie.
Der frische Wind, der stets durch die langen Grashalme an den Ufern pfiff, hatte bereits die lockere Erde auf dem Grab abgetragen und dem Unkraut Platz gemacht um zu sprießen und zu wachsen.
"Warum?", keuchte sie. "Warum ist das nur alles passiert?" Wieder liefen salzige Tränen über ihre geröteten Wangen. "Ich wollte mich nie gegen dich stellen…" Ihre Schluchzer wurden vom Geplätscher des Wassers verschluckt.
"Alles was ich wollte war, an deiner Seite zu sein!" Sie schrie. "Ich wollte nie als Weise der Geister erwachen!"
Klack…
Und noch ein Klack, klack.
Mit einem Ruck fuhr sie herum.
Maaku betrat die Insel mitten im See.
"Warum weinst du so, mein Kind?", fragte sie mit sanfter und beruhigender Stimme.
Sie bewegte sich nur langsam und jeder Schritt kostete sie viel Kraft. Das Alter nagte an ihr. Die alte Frau setzte sich neben sie ins Gras.
Naboru versteckte das Gesicht in den Händen. "Ich weiß es! Ich habe es von Anfang an gewusst!"
Maaku sagte nichts, schwieg nur.

"Ich bin das Letzte!", schluchzte Naboru. "Ich habe Ganon verraten und jetzt den Helden der Zeit. Ich wusste was passieren wird und ich habe es Link verschwiegen!"
Sie wünschte sich Trost. Sie wünschte Maaku würde sie in den Arm nehmen und sagen, dass es nicht ihre Schuld war. Dass sie es sowieso nicht hätte verhindern können. Ihre Stimme war heiß und rau. "Jetzt ist es zu spät. Jetzt wird mein eigener Sohn das mit Lin machen, was Ganon mir angetan hat!"
Wieder brach sie in Tränen aus. Sie wollten einfach nicht versiegen.
"Meinst du, Lin wird es helfen wenn du weinst und bereust?", fragte Maaku.
Naboru nahm langsam die Hände vom Gesicht und wandte es der Frau zu.
"Ich bin genauso schuldig, denn ich war es, die so viele in den Tod geschickt hat. Ich wollte Ganon töten lassen, um genau dies zu verhindern! Ich wusste bescheid und doch habe ich die Chance nicht genutzt, die ich vor vielen Jahren hatte! Die einzige Chance alles zu verhindern! Ich habe es einfach nicht über mich gebracht."
"Was meint Ihr damit?"
Maaku hob den Blick zum Himmel. "Es nützt nichts wenn wir uns Vorwürfe machen! Nicht wir sind es, die nun leiden - Lin ist es!"

An jenem Tag…
An jenem Tag, als das Schicksal seinen Lauf nahm…
Saßen Lin und Kim am Ufer des großen Teiches im Park…
Sie saßen zusammen…
Und es sollte ihr letzter Augenblick sein, indem sie sich nicht als Feinde gegenüberstanden…
Kims Kopf lag auf ihrem Schoß, er hatte die Augen geschlossen.
Leicht und sanft ließ Lin ihre Fingerkoppeln über sein Gesicht gleiten. Ihre Haut glitt über seine Nasenspitze…über seine Wangen…über sein Kinn…
Über seine Lippen…
Er spürte die Berührung. Er roch ihren Duft. Und er fühlte die Wärme, die von ihrem Körper ausging.
"Und du kommst wirklich nicht zum Basketball?" Er öffnete die Augen.
Sie lächelte und erwiderte: "Wie oft denn noch? Ich habe einen wichtigen Termin! Den kann ich nicht so einfach verschieben!"
"Warum nicht?"
"Was ist denn so bedeutend, dass ich ausgerechnet heute zum Basketball kommen muss?"
Er antwortete nicht sofort. Er ließ sich Zeit und schloss erneut die Augen. "Nichts… Ich will einfach, dass du heute den ganzen Tag bei mir bleibst…"
"Aber das dauert doch nicht lange! Danach komme ich sofort zum Sportplatz, einverstanden?"
Noch immer öffnete er die Augen nicht, als er sagte: "Na gut."
Sie beugte sich so gut sie konnte zu ihm herunter.
Dann spürte er ihre Lippen auf den Seinen. Sie waren weich und warm.
Er spürte wie ihre glühende Zunge die Seine streichelte.
Und er wünschte sich dieser Moment würde niemals vergehen…
Lin setze sich auf und tippte ungeduldig gegen seine Schulter. "Ich muss langsam los!"
Mit einem missbilligenden Seufzen und äußerstem Widerwillen öffnete er die Augen und setzte sich auf.
Lin warf einen flüchtigen Blick auf ihre Armbanduhr, ehe sie aufstand und ihre Schultasche um die Schulter schwang. Sie sah seinen fast schon entsetzten Gesichtsausdruck. Skeptisch stemmte sie die Hände in die Hüften und schimpfe: "Du tust ja so als ginge morgen die Welt unter. Was ist nur mit dir los?"

Du ahnst ja gar nicht wie recht du hast, dachte er, erwiderte aber: "Ach nichts…"
Hätte sie mehr Zeit gehabt, dann hätte sie schon nachgeforscht. Irgendwie überkam sie ein ungutes Gefühl.
Trotzdem ignorierte sie es und fiel ihm um den Hals. Auch wenn er nicht mehr gegen irgendwelche Monster oder Leute kämpfte, hatten seine Muskeln kein bisschen darunter gelitten. Lin wurde noch immer rot bei seinem Anblick und seinen starken Berührungen. "Bis später!"
"Ja, bis später…"
Sie rannte davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Kim sah ihr nach.
Ihr langes Haar wirbelte im Wind…
Sie war nicht mehr zu sehen.
Niemand war mehr zu sehen.
Du weist wo sie hingeht?
"Natürlich! Ich bin kein Idiot!"
Das nicht, aber manchmal sehe ich mich gezwungen, dich an deine Aufgabe zu erinnern!
Kim knirschte mit den Zähnen und rieb seine linke Hand. "Es ist mir nicht entgangen." Er ging zum Ufer des Teiches. Doch es war nicht seine Gestallt, die sich im Wasser spiegelte. Es war ein Junge, der ihm aufs Haar glich - nur dieser Junge war von der Sonne dunkelbraun gebrannt und hatte kleine weiße Flecken auf der Nase.
Kim schloss die Augen. Der Wind wehte stärker, zischte durch die Kronen der Bäume und wirbelte das Laub auf.
Du weist was du zu tun hast?
"Meister…" Kims Stimme war eiskalt. "Dieser Tag - ist der Anfang vom Ende!"
Er öffnete die Augen. Sie waren blutrot mit den schmalen schwarzen Pupillen. Der Wind brauste übers Wasser und ließ das Spiegelbild verwischen.
Doch es war zu hören…
Ganons Lachen…



1. Kapitel

"…schon seit drei Wochen wird die 15-jährige Lin Thelen vermisst…" Ein großes Foto von Lin wurde eingeblendet und die Nachrichtensprecherin fuhr fort: "Die Polizei fahndet noch immer, vergrößerte das Suchgebiet bis auf 10 Kilometer, doch bislang fehlt jede Spur. Mein Kollege ist vor Ort und wird sie weiter informieren..." Das Bild der Nachrichtensprecherin wurde kleiner und machte einem anderen Platz. Ein Mann, der ein breites, gelbes Mikrofon in der Hand hielt. Und neben ihm stand ein Mann mit Eintagsbart, dicke, schwarze Augenringe untern den Lidern und in einem braunen Mantel gehüllt. Im Hintergrund liefen Polizisten auf und ab. Manche mit Spürhunden an der Leine.
"Ja, die Polizei sucht auch bereits mit Helikoptern, noch ohne Erfolg. Ich habe hier den ermittelnden Detektiv neben mir. Mr. Martins, gibt es immer noch keine Spuren?" Mr. Martins räusperte sich. "Leider nicht. Darum ist es sehr wichtig, dass die Gemeinde mithilft." Der Detektiv sah starr in die Kamera. "Wenn Ihnen irgendetwas Merkwürdiges auffällt melden Sie das bitte umgehend der Polizei!"
"Mr. Martins.", erwiderte der Reporter. "Es geht das Gerücht um, dass die örtliche Behörde die Hoffnung schon aufgegeben…"
"Zu meinem Bedauern muss ich das bestätigen.", unterbrach der Detektiv. "Wir bezweifeln, dass wir das Mädchen lebend finden, aber noch ist alles offen…" Kurzes Schweigen.

"Glauben Sie, dass das Verschwinden des Mädchens irgendetwas mit dem Mord an ihrem Großvater zu tun hat?"
Erneut räusperte sich Martins. "Ja, das kann nicht ausgeschlossen werden, da-"
Benny schaltete den Fernseher ab.
Mr. Martins, dieser sogenannte Detektiv, war bereits einige Male bei ihnen gewesen und hatte sie befragt. Hatte ihm immer und immer wieder dieselben Fragen gestellt.
Wann er Lin das letzte Mal gesehen hatte…
Ob Großvater schon tot war, als er ankam…
Was er gesehen hatte…
Ob er einen Verdacht hatte… Einen Verdacht? ER WUSSTE WER ES WAR!!!
Er kannte den Täter doch!

Er blickte zum Esstisch, der auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers stand. Seine Mutter saß dort, das Gesicht in den Händen verborgen. Man konnte sie leise schluchzen hören. Sein Vater saß ihr gegenüber und blätterte in der Zeitung.
Noch immer waren täglich Berichte über Lins Verschwinden zu lesen. Und Tag für Tag stand immer Neueres darin. Immer ausgefallener und mysteriöser wurden die Gerüchte. Da weder Fingerabdrücke, noch sonstige DNA-Spuren gefunden wurden. Wieder stieg blanker Zorn in ihm auf. Er ballte die Hände zu Fäusten.
Mit einem Ruck stand er auf. Er setzte sich an den Küchentisch. "Aber Mama, Papa! Es war Kim! Ich weis es!"
Seine Mutter nahm die Hände vom Gesicht. "Bitte Benny. Hör auf damit! Ich weis ja, dass dich die ganze Situation stark getroffen hat. Ich verstehe dich. Aber du musst verstehen, dass deine Fantasie mit dir durchgeht."
"Aber…"
Auch sein Vater ließ die Zeitung sinken. "Benny! Es gibt keinen Jungen namens Kim! Das bildest du dir nur ein!"
"Wieso könnt ihr euch nicht erinnern? Er war doch in unserem Haus!"
"Wir haben doch auch Mr. Koboshi gefragt, weil du gesagt hast, dass dieser Junge dort gewohnt hat. Aber er hat bestätigt, dass es ihn nicht gibt!"
Er stand so schnell auf, dass der Stuhl umflog. "Er hat eure Erinnerungen gelöscht!"
Auch sein Vater stand schnell auf und knallte die Faust auf den Tisch. "Geh in dein Zimmer! Wir brauchen nicht noch deine Geschichten zu hören!"
Die Mutter fing erneut an zu weinen.
Benny sah seinen Vater in die Augen.
"Und wasch dir endlich die schwarze Farbe vom Gesicht!", befahl sein Vater.
"Das geht nicht!", brüllte Benny, drehte sich um und rannte die Treppe hinauf. Aus seinen Augen kullerten salzige Tränen.
Doch er ging nicht in sein Zimmer, sondern in das neben an. Lins Zimmer.
Leise schloss er die Tür und warf sich aufs Bett.
Wenn er doch nur wüsste was er tun konnte. Seine Verzweiflung trieb ihn in den Wahnsinn, er -
Jetzt öffne dich…

Die Stimme lispelte so leise in seinem Ohr, dass er sie nicht erkannte. Benny blickte sich verwundert im Raum um.
Hatte er sie sich nur eingebildet? Hä?
Was war das gerade gewesen? Hatte er geflüstert?
Nein, das hätte er gemerkt, außerdem warum sollte er sagen, dass sich irgendwas jetzt öffnen sollte? Seltsam.
Auf einmal war ihm übel. Sehr übel.
Sehr sehr übel…
Es kam ganz plötzlich.
Sein Kopf schmerzte, als spaltete er sich entlang der Schädeldecke.
Sein Gesicht brannte. Er legte die Hände aufs Gesicht - und fühlte, dass es nass war. Aber er schwitze doch gar nicht.
Benny nahm die Hände runter und starrte sie an…
Sie waren voller Blut!
Sein Magen blähte sich auf als wolle er sich von innen nach außen kehren.
Ihm war übel.
"Hilfe…", krächzte er mit leiser, heißer Stimme.
Er erbrach sich. Galle und Blut strömten auf den Boden.
"Hilfe…", krächzte er erneut. Um ihn herum drehte sich alles. Die Wände drehten sich wie in einem unnatürlich schnellen Karussell. Die Decke wurde zum Boden, der Boden zur Decke. Die Farben zerflossen und liefen ineinander.
"Hilfeeeeee!", schrie er aus ganzer Kraft.
Er hörte hektisches Getrampel auf der Treppe, die Dielen knarrten. Die Tür wurde aufgerissen. Zwei Schatten beugten sich über ihn.
"Benny!", kreischte eine Stimme.
Dann wurde es schwarz…

Frau Thelen umklammerte ihren Mann und weinte bitterlich. Ihre Augen waren schon rot und geschwollen und so müde, dass ihre Lider ständig auf und zugingen. "Was sollen wir nur tun? Erst Lin und Vater…und jetzt Benny!"
Herr Thelen streichelte ihren Kopf. "Es wird alles gut werden, vertrau mir…", versuchte er seine Frau zu trösten.
Sie standen im Wartezimmer der Stadtklinik und warteten auf den Arzt.
"Es ist alles so schrecklich!"
Der Arzt kam herein und räusperte sich leise. Frau Thelen sah sofort auf und rannte ihn fast um. Sie packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn, wie ein frisches Lacken. "Was ist mit meinem Sohn? Was ist mit meinem Sohn?" Die Brille rutschte dem Arzt bis auf die Nasenspitze und drohte herunterzufallen und am Boden zu zerschellen.

Herr Thelen ergriff die Hände seiner Frau und drückte sie mit sanfter Gewalt zurück.
Der Doktor rückte seine Brille zurecht und wusste nicht was er sagen sollte, um die Frau zu beruhigen. "Ähm… Frau Thelen, ihrem Sohn geht es einigermaßen..."
"Was heißt einigermaßen?", fragte sie hysterisch. "Sagen sie mir, was er hat!"
Sie wollte wieder die Hände heben, doch ihr Mann hielt sie zurück.
Wieder räusperte sich der Arzt. "Nun, wir konnten nichts feststellen. Nun…" Und wieder räusperte er sich.
"Was ist mit ihm? Sprechen sie doch bitte endlich!", flehte nun auch Herr Thelen.
Der Docktor senkte traurig den Blick. "Er liegt im Koma…"
"Neinnnnnnnn…", schrie die Frau. Herr Thelen nahm sie in den Arm und drückte sie fest an sich…

Es war eine kalte, klare Nacht. Der Vollmond schien vom Himmel, umsäumt von Milliarden Sternen. Das Krankenhausgebäude war groß und bestand aus dem Hauptgebäude, dem östlichen, und dem westlichen Flügel.
Der Gang für Patienten mit Schlaganfällen, Epileptiker und Komapatienten lag im Ostteil.
Im Zimmer 243 piepste ein Herzschlaggerät. Grüne Wellen verliefen gleichmäßig über dem Monitor. Von einem Plastikbeutel tropfte eine glasklare Flüssigkeit über einen Schlauch genau in die Vene, der rechten Armbeuge des Patienten.
Ein weißlicher Schlauch verlief auch über den Lippen und lief in die Nasenlöcher.
Ein winziger roter Punkt leuchtete über dem Bett. Auf dem Knopf war eine Krankenschwesterkappe mit einem Kreuz aufgemalt.
Das Mondlicht fiel durch das dunkle Zimmer genau auf die kleine Gestallt, die noch kleiner wirkte in dem hohen Krankenbett.
Es war ganz still.
Das Gesicht der kleine Gestallt war verbunden und die Wunde, die quer über dessen Gesicht verlief, roch nach Desinfektionsmittel…
Plötzlich schien ein gleißend rotes Licht durch die Bandagen.
Sie rissen auf! Der Schnitt leuchtete und tauchte das gesamte Zimmer in glühendes Rot.

Aus der Wunde trat ein schwarzer Rauch auf, der das Zimmer einhüllte. Er legte sich auf die Fensterscheiben und verbannte das Mondlicht. Er hauchte durchs Schlüsselloch und die dünnen Spalten der Tür und legte sich auf den Gang.
Er durchdrang den Herzschlagmesser und legte ihn lahm. Er hüllte die Schläuche ein und schmolz sie weg. Er brachte den Beutel zum Platzen -
Bennys Augenlider schossen nach oben. Sein Atem ging schnell und rasend. Er konnte sein panisches Atmen hören. Sein ganzer Körper brannte, als stünde er in Flammen. Die Schmerzen durchdrangen ihn, bohrten sich durch seine Eingeweide.
Er schrie, aber aus seiner Kehle drang kein Laut. Es war stockdunkel, er konnte nichts sehen.
Benny fühlte jeden einzelnen Knochen in seinem Leib. Die Qual schwoll an und er wand sich in den Lacken, in denen er eingehüllt war. Erneut öffnete er den Mund um zu schreien. Er wollte nach Hilfe rufen, jemand, der ihm helfen konnte. Sein Hals tat weh. Es kam ihm vor, als wären seine Hände und Füße gefesselt, als würde man ihn auseinander ziehen.

Er walzte sich auf dem Bett, drehte und wendete sich und versuchte zu schreien. Mit einem Schlag setzte seine Stimme wieder ein und er schrie.
Die Stimme klang so tief und fremd… Das war nicht seine eigene Stimme.
Doch er schrie weiter und der Schmerz hämmerte immer stärker in seinen Gedanken. Er strampelte mit den Füßen, hämmerte mit den Fäusten auf das Kissen ein.
Um seinen Körper spannte sich etwas. Er riss sich den Krankenhausumhang vom Leib. Etwas schnitt in sein Becken, dann hörte er etwas zerreisen und der Druck ließ nach.
In diesem Moment hörte der Schmerz auf.
Einfach so…
Nur sein Gesicht brannte noch, entlang der schwarzen Linie.
Benny setzte sich auf. Ihm war schwindelig und schlecht. Vorsichtig setze er einen Fuß auf den Boden.
Sein Fuß knickte ab und er verlor das Gleichgewicht. Er knallte auf den Fließen auf. Was war das denn?
Der Boden fühlte sich so glatt und ununterbrochen an. Nicht wie der Parket bei ihm zu Hause. Also war er an einem anderen Ort.
Benny rappelte sich wieder auf und tastete durch die Finsternis, suchte den Lichtschalter.
Seine Hände berührten die Wand und glitten daran entlang.
Wo war dieser verflixte Schalter? Er irrte im Zimmer herum. Bis seine Hände nicht mehr den Putz fühlten, sondern Kunststoff! Eine Tür!
Er tastete nach oben, der Türklinke entgegen.
Aber da war keine! An der Tür war keine Klinke!
Er geriet in Panik. War er eingesperrt? Wo war er? Er konnte sich nur daran erinnern, dass er auf Lins Bett zusammengebrochen war.
Seine Hände fuhren unkontrolliert über den Kunststoff - und stießen auf etwas. Es fühlte sich nach Plastik an… Es war tatsächlich ein Griff!
So weit unten? War dieses Zimmer etwa für Kinder eingerichtet?
Benny drückte die Klinke nach unten. Die Tür schwang auf.
Leises Tropften war zu hören. Vorsichtig trat er einen Schritt hinein.

Der Boden war kein PVC-Boden mehr, sondern kalte Fließen. Unweigerlich zuckte er zusammen. Das musste ein Badezimmer sein.
Er tastete auf die rechte Seite, neben der Tür. Endlich fand er einen Lichtschalter und drückte ihn herunter. Gleich darauf, glühte der Wolframdraht der Deckenlampe auf und tauchte den Raum in helles Neonlicht.
Er schloss geblendet die Augen. Das Licht drang durch seine Lider. Benny senkte den Kopf und blinzelte. Seine Augen gewöhnten sich nur kläglich an das Licht. Aus dem Augenwinkel erblickte er ein weißes Klo und eine winzige Dusche.
Also doch ein Bad. Aber wo?

Neben dem Klo bemerkte er eine Behindertenstütze und einen kleinen Roten Knopf, der leuchtete. Also im Krankenhaus…vermutete er…
Sein Kopf pochte noch dumpf. Schritt für Schritt arbeitete er sich nach vorne, zum Waschbecken. Mit den Händen stützte er sich daran ab und hob langsam den Kopf.
Ein Spiegel war darüber angebracht und er sah hinein -
Aus seinem Gesicht wich die Farbe. Blankes Entsetzen ergriff Besitz von ihm. Sein Kopf war mit einem Male leer.
Es war nicht er, den er im Spiegel sah! Nein! Das war nicht er!
Ein Junge mit blondem, kurzem Haar und tiefblauen Augen starrte ihm entgegen. Doch dieser Junge war nicht sein Spiegelbild - dieser Junge war fast erwachsen! In Lins Alter! Aber keine 8 Jahre!!!
Er sah an sich herab. Seine Hände, seine Füße waren größer. Seine Schenkel und Arme gewachsen. Seine Schultern und seine Brust breiter, genauso wie sein Becken.
Die blaue Unterhose war an der Nat aufgeplatzt. Er riss sie ganz herunter.
Gott, er hatte Haare am…
Er war gewachsen! Innerhalb einer Nacht war er um mindestens sechs Jahre gealtert!
Benny sah wieder in den Spiegel.
Der schwarze Strich war größer geworden…
Benny betastete ihn. Schmerz durchzuckte ihn.
Was sollte er jetzt tun? Er konnte so nicht zu seinen Eltern zurück. Sie würden ihn nie im Leben erkennen! Er war erst acht und sah aus wie fünfzehn!
Tränen liefen über sein Gesicht. Er klappte den Klodeckel herunter und setzte sich drauf. Verzweiflung war das Einzige was er fühlte. Er war nicht mehr er selbst. Er war nicht Benjamin Thelen, sondern ein verzweifelter nackter Jugendlicher.

Er weinte noch eine ganze Weile. Bis auf einmal das silbrige Licht des Mondes wieder durch das große Fenster, des angrenzenden Zimmers fiel.
Verwundert sah er auf. Die Dunkelheit hatte sich verzogen. Benny erhob sich, schaltete das Licht aus und trat wieder in das Krankenzimmer. Wie tanzende Schatten hoben sich die Silhouetten aus der tiefen Finsternis hervor.
Der Herzschrittmesser war abgestürzt, der Bildschirm vollkommen dunkel und leer.
Auf dem Gang war es hell, doch er hörte nichts. Keine leisen Seufzer von Patienten, die in Nebenzimmern lagen. Kein Geklapper von Schritten auf dem Gang, das die Nachtschwester ankündigte. Kein Surren der langen Neonlampen.
In diesem Moment der ewigen Stille und Finsternis - entschied er sich…
Benny entschloss sich dazu - zu handeln!
Er musste etwas unternehmen. Jetzt erst recht.
Er wollte Lin retten, so wie sie ihn gerettet hatte!
Und er würde sein Leben dafür riskieren, so wie sie ihres!
Felsenfest ging er hinüber zum Schrank. Tatsächlich, wie er vermutet hatte, lagen darin einige seiner Kleidungsstücke. Seine Mutter hatte sie sicher dort hineingelegt.
Benny zog eines nach dem anderen heraus und versuchte sich hineinzuquetschen, aber es war unmöglich. Er war zu groß und breit geworden…
Seufzend ließ er eines seiner weitesten T-Shirts auf den Boden fallen. Er musste zusehen, dass er erst einmal irgendwo Sachen herbekam, die ihm passten!

Zur Not tat es auch der Bettbezug. Benny streifte ihn von der Decke ab und sah sich nach etwas spitzem um. Er suchte in den Schubladen des Schrankes, auf dem Brett über dem Bett und noch in dem Fach des Nachttisches. Und dort fand er was er suchte. Eine kleine Schere. Sicher auch von seiner Mutter. Sie bestand immer darauf auch wirklich alles Lebensnotwendige bei sich zu haben. Alles was man auch nur im geringsten Falle gebrauchen konnte. Schnipp für Schnipp schnitt er unten etwas ab, drei Löcher in den Stoff und stülpte ihn sich über.
Nur noch die Füße, die Arme und der Kopf lugten heraus.
Nur langsam und zögerlich schritt er zum Fenster und öffnete es. Kalte Nachtluft blies ihm ins Gesicht. Durch seine Nase spürte er wie sie sich bis in seine Lungen zog. Kalt und schneidend wie sie war. Er fröstelte.
Mit zusammen gekniffenen Augen sah er hinunter. Er war im dritten Stock, schätze er. Aber wie sollte er da hinunter kommen? Unbemerkt durch das Gebäude bis zum Ausgang zu kommen, dass gelang noch nicht einmal einer Fliege.
Dennoch hatte er Glück! Sein Fenster war ganz außen - und eine Regenrinne verlief dort. Er stellte sich auf das Fensterbrett und sah nach unten. Der weit unter ihm liegende Asphalt drehte sich, ihm wurde übel. Panisch klammerte er sich an den Rahmen und schluckte. Er war nie besonders mutig gewesen und das änderte sich auch nicht nur weil der legendäre Held der Zeit sein Vorfahre war. Lin war die Mutige und Temperamentvolle aus der Familie, nicht er!

Nochmals schluckte er und lehnte sich hinaus, der Rinne entgegen. Erst packte er sie mit einer, dann mit zwei, und pendelte hilflos in der Luft zwischen Fenster und Rinne. Ganz langsam hob er das erste zittrige Bein und suchte Halt. Benny verlegte das Gewicht auf das Bein. Gut, er hatte genug Sicherheit. Das Zweite folgte - jetzt stand er komplett auf der Rinne. Er holte noch einmal tief Luft und begann den Abstieg.

Für jeden Schritt ließ er sich sehr viel Zeit und suchte bis es ausgeschlossen war, dass er abrutschen konnte. Er ermahnte sich immer wieder nicht nach unten zu sehen -
Jäh rutschte sein Fuß tatsächlich aus! Er kreischte auf und versuchte panisch neuen Halt zu gewinnen, was ihm gleich gelang. Benny atmete schnell und hörbar, konnte sein Herz in den Ohren rauschen hören. Nun wandte er den Blick doch nach unten. Wieder wurde ihm schwindelig, aber er hatte wenigstens schon die Hälfte hinter sich. Noch langsamer und sorgfältiger als zuvor kletterte er weiter und weiter.
Bump - sein Fuß tippte auf den Boden.

Er war wirklich schon auf dem Boden? Benny sah nach unten. Wirklich!
Er setzte auch den anderen Fuß ab und ließ die Rinne los. Erleichterung erfüllte ihn. Seine Handflächen waren rot und voller Blasen und Schürfungen.
So musste Lin sich damals gefühlt haben.
Egal, erst musste er sich anständige Kleidung besorgen und zwar bevor es hell wurde! Kurz überlegte Benny in welche Richtung er laufen sollte, dann beschloss er in die Boutique "Cool for Young" zu gehen. Dort kauften so ziemlich alle Teenager und Jugendlichen ein. Von dort schwärmte Lin immer wie toll die Klamotten dort waren. (Das es sauteuer war erwähnte sie in Gegenwart ihres Vaters nie, weil sie alle wussten wie empfindlich er aus das Thema Geldausgeben reagierte.)

Dort musste er doch etwas finden. Er wandte sich nach Westen.
Niemand begegnete ihm, die Straßen waren wie ausgestorben. Ab und zu fuhr ein vereinzeltes Auto vorbei, doch er hielt sich immer im Schutz der Dunkelheit…
Die dicke, zweiflügelige Glastür war fest verschlossen, aber das ließ sich ändern.
Benny sah sich verstohlen zu allen Seiten um. Seine Hand huschte über die Schlüssellöcher. Ein kurzer grüner Blitz zapfte hervor und mit einem Klick ging die Tür auf. Noch einmal sah er sich um und ging hinein.
Oh, Gott - er war ein Einbrecher! Er war zu einem schmierigen Dieb geworden!
Aber es war ja nicht seine Schuld! Er hatte nicht zu einem 15-jährigen werden wollen! Naja, jedenfalls erst in sieben Jahren!

Er wandte sich in die rechte Ecke. Dort war die Jungenabteilung.
Erstmal brauchte er anständige Unterwäsche. Benny wühlte an einem Kleiderständer herum, der mit sehr komischen Unterhosen behängt war. Auf diese Sachen traf das Wort Unterhose wörtlich zu! Das Zeug war so groß wie eine kurze Hose. Er nahm stark an, dass man so etwas fachsprachig Boxershorts nannte. Er wählte eine Rotblaukarierte, entfernte den Preis und zog sie an.
Am besten war es, sich mehr zu nehmen. Er wusste schließlich nicht, wohin ihn seine erzwungene Reise führen würde. Er sollte sich etwas Langes und etwas Kurzes nehmen, nur für alle Fälle.
Da fiel ihm ein…welche Größe hatte er jetzt? Benny hatte es vorher schon nicht gewusst (seine Mutter hatte immer die Klamotten für ihn gekauft), wie konnte er es in dieser Größe wissen?

Wahllos nahm er eine Hose nach der anderen, die seiner Meinung nach so ungefähr passen könnte. Die eine war zu klein, die andere zu groß. Die eine saß so eng, dass sie ihm in den Hintern schnitt, die andere schlabberte unkontrolliert um seine Beine.
Nein! Er brauchte ein bequemes und praktisches Model! Am besten mit extra vielen, großen Taschen!
Benny suchte, bis er eine Hose fand, die alle seine Anforderungen erfüllte. Endlich!
Danach nahm er sich einen riesigen Stapel voller T-Shirts und Pullover, und ging zu einer Kabine. Er streifte sich das Bettlacken ab und knipste eine Lampe an. Das Licht erfüllte die enge Kabine und blendete ihn.

Lin hatte immer von diesem Geschäft geschwärmt. Die Kabine sei ja so perfekt erleuchtet, damit man wirklich sich sicher werden konnte, wie einem etwas stand und ob man es wirklich haben wollte. Noch dazu sei eine zusätzliche Lampe an die Seite gebracht worden, die jeder Kunde selbst ein- und ausschalten konnte.
Jetzt sah sich Benny in seiner ganzen Größe. Er machte große Augen.
Sein Körper war hoch und schlank. Seine Schultern aber breit und muskulös. Ebenso wie Brust und Beine. Der Anblick faszinierte und beängstigte ihn zugleich.
Die Hose war in kakigrün mit großen Taschen an den Knieseiten, gehalten von einem schwarzen Gürtel mit silberner Schnalle. Auch Jungs gehen shoppen ;)

Schnell griff er nach einem T-Shirt, zog es sich über und betrachtete sich. Hm…nein. Das auch nicht, das auch nicht, das erst recht nicht, naja das auch nicht…
So ging es eine Weile hin und her. Er hatte gar nicht gewusst wie wählerisch er war. Das Nächste war ein schwarzes Ärmelloses. Es saß hauteng, so dass seine Muskeln sich davon abzeichneten. Wow, das gefiel ihm!
Er wurde rot bei seinem Anblick.

Das gleiche lange Probieren war auch bei den Pullovern. Benny wählte einen Beigefarbenen mit einem schwarzen Drachen auf dem Rücken und einer Kapuze. Jetzt war er zufrieden und komplett ausgestattet, was die Kleidung betraf.
Er knipste die Lampe wieder aus und verließ das Gebäude wie er es betreten hatte. Naja, nicht ganz. Fürs Aufräumen hatte er keine Zeit mehr gehabt.
Benny warf das Bettlacken in den nächstbesten Mülleimer. Jetzt musste er nach Hause. Aber…
Konnte er seinen Eltern etwas sagen? Würden sie ihn als seinen Sohn erkennen, oder ihn als Fremden bezeichnen? Seine Mutter hatte zu viel schon durchmachen müssen, das konnte er ihr nicht antun. Er würde ihnen nichts sagen.
So schnell er konnte, rannte er nach Hause.

Die verschlossene Haustür bekam er auf dieselbe Art auf wie die des Geschäfts. Leise und langsam schlich er den Flur entlang. Da fiel ihm ein, dass er Schuhe vergessen hatte! Zu dumm! Er überlegte.
Lins Schuhe waren ihm sicher zu klein. Die Schuhe seines Vaters zu groß.
Aber vielleicht passten ihm ja die Schuhe seiner Mutter! Sie hatte schon immer riesige Füße gehabt. Größe 41 oder so.
Benny schlich in Lins Zimmer, öffnete ihren Schrank und holte einen großen Rucksack hervor. Was könnte er so brauchen?
Er packte eine handvoll Stifte ein. Ihren Geldbeutel, den sie in einer ihrer Schreibtischschubladen hatte und ein Bild, das sie ihn Nahaufnahme zeigte.
Dann hob er das Bett zur Seite weg. Er wusste, dass Lin unter einer losen Diele ihre Schätze, wie sie es gerne nannte, aufbewahrte.

Vorsichtig hob er die Diele an und nahm den alten Schuhkarton, der darunter verborgen war, an sich. Mit nassen Augen setzte er sich auf die Bettkante und öffnete den Deckel. Er fand so viele kleine Dinge darin, die seiner Schwester viel bedeuteten.
Ihr erster Milchzahn, den sie in einen kleinen Samtbeutel aufbewahrte. Fotos in schwarzweiß, die ihre (und seine) Großeltern bei ihrer Hochzeit zeigten und ihre Mutter, als sie noch ein kleines Kind war. Farbfotos von der Hochzeit ihrer eigenen Eltern. Seine Mutter hatte ihm oft davon erzählt. Er musste plötzlich schmunzeln, als er sich daran erinnerte, wie sie ihm erzählt hatte, dass ihre Trauzeugin ihr aus versehen den Reis ins Gesicht geschmissen hatte.

Auf dem Foto, als sie gerade aus der Kirche kamen und die Treppe hinab stiegen. Ihr Bauch war groß und rund. Sie hatten spät geheiratet, warum hatten weder Mutter noch Vater jemals erwähnt. Aber sie war schwanger gewesen, mit Lin.
Sie bewarte auch ihre Murmel und Steinsammlung darin auf. Als sie noch kleiner gewesen waren, hatte sie ihn in der Gegend rumgestreift, auf der Suche nach schönen Steinen. Und klein und entdeckungslustig wie er war, hatte er sich gefügt und alles getan was sie ihm befohlen hatte.

Er entdeckte das weinrote Buch und zog es heraus. Ihr Tagebuch.
Benny hatte es früher immer witzig gefunden es zu suchen, wenn sie nicht da war und am Frühstückstisch daraus, natürlich reinzufällig, zu zitieren. Lin hatte sich jedes Mal aufgeregt und wäre ihm am liebsten an die Gurgel gesprungen oder hätte ihn mit Haut und Haaren gefressen. Er hatte dann immer gekreischt und sich hinter seiner Mutter versteckt.

Er blätterte darin herum. Sie hatte vor Jahren aufgehört es Tag für Tag zu führen. Stattdessen hatte sie vieles andere unsinnige Zeug hineingeschrieben - und hineingelegt. Getrocknete Efeublätter lagen zwischen den Seiten.
Und Zeichnungen?
Grafiken von immer demselben Turm. Ein riesiger Turm, der die Höhe eines Wolkenkratzers erreichte. In den Wänden waren alte Runen eingeritzt. Die gleichen Runen, die er im Geistertempel gesehen hatte!
Stromkabel liefen daran herauf und er war schwarz - schwarz schimmernder Marmor.
Und unter jedem Bild - der gleiche Satz:

Finde mich schnell, bevor die Welt für immer verloren ist. Gruß, Kim

Bennys Gesicht war bleich geworden und sein Mund stand offen. Wut kochte in ihm. Woher wusste Kim von diesem Versteck? Von dieser Schuhschachtel? Von dem Tagebuch? Er schloss das Buch und steckte es in den Rucksack.
Dann trippelte er in die Küche und stopfte drei 1,5 Literflaschen Apfelsaft und eine große Menge Riegel und Kekspackungen hinein. Hinter der Tür in der Küche hing ein Kalender. Mutter hatte es sich irgendwann, vor Jahrhunderten, zur Aufgabe gemacht jeden vergangenen Tag zu streichen. Er wusste, dass es Donnerstag gewesen war, als er zusammengebrochen war. Jetzt war es schon Samstag! Er war zwei volle Tage bewusstlos gewesen!

Wie schnell die Tage vergangen waren, in denen er nichts getan hatte. Er schämte sich für seine Schwäche und seine Furcht.
Im Flur ging der Schuhschrank mit einem leisen Quietschen auf. Er entschied sich für ein beiges Paar Turnschuhe mit dicken schwarzen Schnürsenkeln.
Einen allerletzten Blick warf er in den Flur.
"Mama… Papa…" Seine Stimme war ein heißes Flüstern.
Er verließ das Haus - und er sollte es so nie wieder sehen…
Die Bank stand immer offen, natürlich! Schließlich musste man ja auch nachts um halb vier zum Automaten und Geld abheben.

Hastig zog Benny den Geldbeutel aus dem Rucksack, zusammen mit dem Buch. Ebenso hastig blätterte er darin herum. Irgendwo musste sie doch stehen, die Geheimnummer. Er wusste, dass sie alles - wirklich alles - in diesem Buch notierte, was sie sich unbedingt merken musste. Aha! Da war sie. Es stand sogar Kontonummer darüber.
Er schob die Karte in den Schlitz, gab die Nummer ein und wartete.
Mehrere Auszahlungsbeträge erschienen, und in der rechten unteren Ecke die Aufschrift: Kontostand. Benny drückte den passenden Knopf. Sie hatte über fünfhundert Euro auf dem Konto. Da konnte er getrost hundert abheben.

Bevor er den Button drückte, faltete er die Hände, sah nach oben an die Decke und flehte Lin an ihm zu verzeihen. Er hätte ja von seinem eigenen Konto abgehoben - aber er war erst acht! Er hatte noch keine eigene Karte, zumindest nicht, dass er wüsste. Ein Fünfziger, zwei Zwanziger und ein Zehner wurden vom Automaten ausgespuckt. Gut, das genügte für den Anfang.
Als er wieder auf der Straße stand, blickte er sich verzweifelt um. Wo sollte er hin? Wo sollte er anfangen zu suchen? Wenn er doch nur einen Anhaltspunkt hätte!

Benny hatte den Turm vor Augen. Aber auf der Zeichnung war nur der Turm gewesen, auf einem steinigen Grund. Stand er also an einer Klippe? Auf einem Berg?
Er entschied sich, erst einmal in die große Stadt zu gehen. Also bog er zum Bahnhof ab…
Es war kaum jemand in der großen Wartehalle. Ein paar Penner lungerten herum, oder schliefen auf den Bänken, mit Zeitung zugedeckt. Eine Gruppe junger Erwachsener stand am Rande und lachte und nuschelte betrunken. Auch sah Benny einen Mann, im Anzug, der seinen ledernen Aktenkoffer umklammert hielt, als rissen unsichtbare Hände daran.

Von weitem sah er schon die Lichter des Zuges. Er hatte sich vom Automaten eine Fahrkarte gekauft. Jetzt stand er da. Ein kleiner ängstlicher Junge, dessen Schwester entführt wurde - von ihrem eigenen Freund! Außerdem war da noch die Bedrohung der Erde! Und er sollte das verhindern? Er pinkelte doch noch nachts ins Bett! Er war nicht mutig, er gehörte zu der Sorte Jungen, die von großen Kerlen bedroht wurden und denen das Pausenbrot abgemurkst wurde. Aber er musste stark sein! Er hatte schon einmal geholfen einen Untergang zu verhindern und war dem Tod entkommen - er schaffte es wieder. Mit dem Monolog in seinem Kopf versuchte sich Benny Mut zu machen und sich selbst gut einzureden.

Der Zug in die Stadt fuhr in den Bahnhof ein. Mit einem schrillen Ton kam er zum Stillstand. Der Mann mit dem Aktenkoffer stieg ein, Benny folgte ihm. Doch der Gentleman wandte sich nach links, zu dem Wagon erster Klasse. Benny hatte das billigste genommen - dritte Klasse. Er wandte sich nach rechts und arbeitete sich durch. Die Abteilungen wurden immer ungeschmückter, schlichter und enger. Er war in der dritten Klasse und er war allein. Benny suchte sich den schönsten und saubersten Platz am Fenster aus und legte den Rucksack auf den Nebenplatz. Die Nacht war immer noch vollkommen und undurchdringlich. Vor dem Fenster tanzten Licht und Schatten um die Wette und rangen um die größten Stücke.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Langsam fuhr er an und wurde immer schneller. Bis die Umgebung, vor dem Fenster, zu einem verschwommenen und verwischten Bild wurde. Benny seufzte und drückte sich noch fester in das Polster der Rückenlehne. Er fühlte sich, als sei er in einem Film. In einem Film, der von einem Jungen handelte, der von zu Hause abhaute. Und er spielte diesen Protagonisten. Ein dicker, verschlafener Schaffner betrat das Abteil. "Guten Abend", sagte er müde und mit ironischem Ton. Er musterte Benny neugierig und misstrauisch zugleich. "Sollten Kinder in deinem Alter nicht schon im Bett sein? Hast du morgen nicht Schule?"

"Morgen ist Sonntag.", gab Benny bissig zurück. "Außerdem bin ich gerade auf dem Heimweg!"
"Na gut…", brummte der Schaffner. "Dann, Fahrkarte bitte."
Benny reichte ihm das kleine Stück Papier. Der dicke Mann prüfte es übertrieben sorgfältig und stempelte es schließlich ab, ehe er seine Runde fortsetze. Nun war Benny wieder allein.

Er zog einen Riegel aus dem Rucksack und mampfte ihn mit Appetit. Erst jetzt war ihm bewusst, welch großen Hunger er hatte. Auch zog er das Buch und einen Stift heraus. Benny wollte sich später mit den Zeichnungen befassen, er war im Augenblick zu müde. Nur wollte er noch…
LINK???
Schrieb er mit großen Druckbuchstaben. Seine Hand rührte sich nicht.
LINK! BIST DU DA?
Dann bewegte sich seine Hand.
Sie kritzelte Kreise und Quadrate und Dreiecke auf das Blatt, aber keine Antwort. Wie auch. Immerhin bewegte er seine Hand bewusst.
Warum antwortete Link nicht? Jetzt, wo er ihn doch brauchte! Er musste ihm doch schreiben, was im Krankenhaus passiert war. Er hatte so viele Fragen.
Es hatte keinen Sinn. Die Augen fielen ihm immer wieder zu. Unordentlich stopfte er Buch und Stift wieder in die Tasche und den Müll in den kleinen Mülleimer.
Benny versuchte etwas zu Schlafen. Bis zur Stadt würden es ungefähr drei Stunden dauern.

"Ich träume… Das ist alles ein Traum! Ein grausamer Albtraum!"
Die Frau schrie und zog an ihren Haaren. Ihr Mann packte sie und versuchte sie zu beruhigen, doch sie schlug mit den Fäusten nach ihm. "Ich kann nicht mehr! Ich ertrage das nicht!"
Es war nicht einmal hell, als bei Frau und Herr Thelen das Telefon geklingelt hatte. Der Arzt war dran gewesen.
Und nun standen sie vor dem Krankenzimmer, in dem ihr Sohn hätte liegen sollen. Der Eingang war mit gelben Plastikbändern abgeriegelt und der Raum wurde von Polizisten und Spurentrupps untersucht. Sorgfältig tasteten die Männer und Frauen mit den Latexhandschuhen den Raum ab und suchten nach Spuren. Und sie fanden den immer gleichen Fingerabdruck.

"Nun, wie es aussieht", informierte sie Mr. Martins. "Es scheint, der Entführer ist über die Regenrinne und durchs Fenster hineingelangt. Er hat das Zimmer verwüstet, ihren Sohn gewaltsam von den Geräten gerissen und hat auf die gleiche Weise, mit dem Jungen natürlich, das Zimmer wieder verlassen. Der Täter benutzte Handschuhe und Einlagen an den Schuhen." Mr. Martins räusperte sich ausgiebig. "Allerdings ist das nur eine erste Vermutung."

Frau Thelen packte den Detektiv an den Kragen und würgte ihn. "Dann finden sie meinen Jungen! Verdammt! Was tun sie den ganzen Tag? Meine Tochter - und jetzt mein Sohn!"
Herr Thelen griff nach seiner Frau und drückte sie mit etwas stärkerer Gewalt als letztes Mal zurück. "Bitte, Schatz. Du musst dich beruhigen."
Sie klammerte sich an ihn. "Was sollen wir nur tun?"

Wieder räusperte sich Martins. "Also, wenn Sie meine Meinung hören wollen - da hat es jemand auf Ihre Familie abgesehen. Haben Sie irgendwelche Feinde? Jemand der Sie bedroht? Jemandem, dem Sie es zutrauen könnten?"
"Das haben Sie uns schon alles gefragt! Und wir können auch jetzt nichts anderes sagen außer Nein."
Plötzlich sah Frau Thelen auf. "Was ist mit diesem…diesem Kim! Von dem Benny uns erzählt hat!"
Ihr Gatte seufzte traurig und schüttelte den Kopf. "Bitte Liebling. Fang du nicht auch noch an! Du musst jetzt ganz stark sein…"
"Und was ist, wenn es ihn wirklich gibt?"
"Wen meinen Sie?", mischte sich der Ermittler ein.
Frau Thelen wurde rot vor Aufregung. "Benny hat uns von diesem Jungen erzählt. Er heißt Kim. Er soll aus der Vergangenheit…" Sie brach ab. Es war einfach zu absurd.
"Es ist irgendeine Fantasiegestalt unseres Sohnes. Er hat mit ihrer Manifestition versucht die schrecklichen Ereignisse zu verarbeiten."
"Aha. Erzählen Sie.", forderte Martins.
"Naja, da gibt es nicht viel. Anscheinend versucht dieser Junge die Welt zu zerstören. Er kommt aus dem Mittelalter oder so. Benny hatte auch behauptet, dass er und Lin vor einigen Monaten in die Vergangenheit gereist sind und ihrem Vorfahren begegnet sind… Nun ja, sie verstehen, dass wir diese Geschichte nicht sehr ernst genommen haben."

"Voll und ganz.", erwiderte Mr. Martins. "Aber es ist verständlich. Ihr Sohn ist noch ein kleines Kind. Er versteht die Dinge nicht, die geschehen sind."
Sie unterhielten sich noch lange und ausgiebig. Mr. Martins versprach sie zu informieren sobald die Laborergebnisse bei ihm auf dem Schreibtisch landeten und sie über jede winzigste Neuigkeit sofort in Kenntnis zu setzten.

Herr und Frau Thelen verließen das Krankenhaus. Er hatte einen Arm um die Schultern seiner Frau gelegt. Ihr langes, blondes Haar stand unordentlich in allen Richtungen ab und ihre Augen waren vor Müdigkeit und Weinen angeschwollen.
Er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Sie sah ihn an.

"Es ist besser, wenn du eine Weile zu meinen Eltern fährst.", sagte er abrupt.
"Was?" Sie blieb stehen.
"Ich meine es ernst. Die ganze Sache macht dich völlig fertig. Du musst dich unbedingt erholen, sonst brichst du noch zusammen."
"Aber! Unsere Kinder sind entführt worden! Das ist nicht…!" Sie war empört und enttäuscht.
Er legte beide Hände auf ihre Schultern und sah sie ruhig und auffordernd an. "Ich meine es ernst! Ich bleibe zu Hause und warte auf sie! Ich rufe dich an, sobald wir mehr wissen."
Sie sah ihn immer noch an. Ihre eigentlich großen, runden Augen waren klein und trocken. Sie war müde und ausgelaugt.

"Glaub mir. Es ist das Beste für dich. Und ich schwöre dir, ich werde nicht zulassen, dass unseren Kindern etwas passiert!"
Lange standen sie so dar. Argwöhnisch starrte sie ihm in die Augen, doch er hielt ihrem Blick stand. Letztendlich nickte sie resignierend. "Vielleicht hast du recht… Aber versprich mir, dass du mich dort nicht versauern lässt!"
"Es wird alles gut werden…"



2. Kapitel

Er versuchte vergebens gegen den schwarzen Schleim anzukämpfen, der ihm am Arm emporkroch. Wenn er nur sein Äußeres wandeln könnte! Im Körper seiner 4-jährigen Gestallt konnte er nichts tun.
Der Dolch in seiner linken Hand bannte ihn, spuckte den schwarzen Schleim und verhinderte zugleich, dass er seine Magie freisetze.
Dennoch versuchte Link krampfhaft etwas zu unternehmen. Er hatte mit Benny Kontakt aufgenommen und die Verbindung zu seinem Nachfahren so unterdrückt, dass niemand außer ihm Bennys Worte hören konnte. Mit aller Macht versuchte Benny ihn zu warnen, aber er schaffte es nicht ohne sich dadurch zu verraten.

Auch verließ ihn allmählich die Kraft. Link konnte seinem kleinen Schützling schon nicht mehr antworten.
Mit der freien Hand versuchte er verzweifelt den Schleim abzuschlagen und wieder nach unten zu schieben, doch die schwarze Masse breitete sich über seine Brust entlang aus.
"Ach, gib es doch endlich auf. Als kleines Kind kannst du dich sowieso nicht verteidigen!" Ganon hockte vor ihm auf dem ausgetrockneten Grasboden und stütze das Kinn in der rechten Hand.
"Mach den Fluch sofort von mir los!", schrie er mit seiner piepsgleichen Stimme auf. Ganon grinste. "Soll dass eine Drohung sein?"
"Nein, ein Befehl!"
Der große, rothaarige Knabe erhob sich. "Verzeiht, Eure Majestät - König von Hyrule.", sagte er im spöttischen Tonfall.

Mittlerweile hatte der Schleim Link ganz eingenommen, nur sein Kopf war noch frei. Er spürte schon die kleinen Ranken, die sich um seinen Hals schlängelten.
"Verschwinde! Ich will dich nie wieder sehen!", giftete Link und versuchte das panische Zittern in seiner Stimme zu verbergen. Doch es misslang.
Ganon verengte die Augen zu Schlitzen. "Ach, auf einmal?" Er beugte sich nach unten, packte Link an den Haaren und zog ihm den Kopf nach hinten, sodass der Junge ihm direkt ins Gesicht sehen musste. "Was willst du vor mir verheimlichen, Link?"
Der Schleim kroch über Links Wangen und Stirn und floss zäh sein Kinn entlang.

"Gar nichts!", zischte er zurück.
Jäh erklang eine Stimme - LINK???
Ganon fuhr überrascht auf und sah zum Himmel. Die schwache Jungenstimme, klang mechanisch und schien von überallher zu kommen.
LINK! BIST DU DA?

"Sieh mal an! Du kannst also Kontakt zu dem Bengel aufnehmen." Ganon riss noch stärker an den Haaren, dass Link vor Schmerz aufschrie.

Ganon ließ ihn los. Sofort überdeckte die schwarze Masse seinen Kopf. Ganon rieb sich am Kinn und überlegte. "Nun, gut dass ich bescheid weis. Ich denke, dass kann mein Sohn zu seinem Vorteil nutzen."
Der Schleim floss über Links Mund und in seine Nasenlöcher hinein. Er hustete und röchelte. Ganon blickte auf ihn herab, als hätte er ihn erst jetzt bemerkt. "Du bleibst am besten in deinem wohl vertrauten Gefängnis, so kommst du uns nicht in die Quere."

"Du…mieser…", keuchte Link.
Plötzlich explodierte die schwarze Masse und schoss um ihn herum - und erstarrte mit ihm. Link war gefangen in einem schwarzen Stein, aus dem der winzige Dolch leuchtete.
"Wie schnell doch die Zeit vergeht, auf diesem blauen Planeten.", sagte Ganon zu dem Stein. "Ein paar Atemzüge hier, sind Tage - gar Wochen - auf der Erde…"

Die schwarze Leere lichtete sich. Langsam erwachte das Bewusstsein…
In ihrem Kopf drehte sich alles. Farben und Lichter schossen aus dem Nichts hervor und vermischten sich. Er pochte und schmerzte höllisch, ihr Kopf.
Mit einem winselnden Seufzer hob sie schwerfällig den Arm und legte sich die Handfläche auf die Stirn. Sie fühlte sich heiß an. Langsam öffnete sie die Augen.

Ein schwaches Licht erfüllte den Raum. Es war herrlich warm.
Mühselig gewöhnten sich ihre Augen daran und behutsam spannte sie ihre Muskeln um sich aufzusetzen. Es schockierte sie, wie viel Mühe und Kraft es sie kostete. Es war als wären ihre Muskeln zu schrumpeligem Brei geworden. Ihr wurde unheimlich schlecht und ein benommenes Gefühl lähmte sie fast.
Lin drehte ihren Kopf vorsichtig von einer Seite zur anderen. Ihr Blick wanderte durch das Zimmer - nein, durch den Saal!

Das Zimmer war riesig und rund. Die Wände bestanden aus schönem, schwarzem Marmor und bezogen auch Boden und Decke. Ein Kamin war eingebaut, in dem aber weder Holz verbrannt, noch echte Flammen schlugen. Ein Hologramm, das eine gewisse Geborgenheit und Wärme vermittelte. Eine runde Kommode zog sich über zwei Meter entlang, auf der viele Schälchen mit Räucherwerk und Duftkerzen, die brannten, standen. Es waren würzige und doch süße Düfte, die den Raum erfüllten. Sie lullten einen regelrecht ein. Eine massive Tür, mit zwei Flügeln bildete Ein- und Ausgang.

Die silberne Oberfläche eines Spiegels glänzte. Ein steinerner Spiegel in einer Riesen Schlange, die die silbrige Fläche im Maul hielt. Ein Rubin schimmerte auf ihrer Stirn.
Lin schloss die Augen und massierte ihre Schläfen. Sie musste erst ihre Gedanken sammeln. Was war alles passiert? Wo, verdammt, befand sie sich?

Kim! Wie konnte sie sich nur so in ihm getäuscht haben? Wie konnte er sie nur so betrügen? Wie konnte er -
Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. Ihre Augen wurden feucht.
Da sah sie das dünne Plastikkabel, das von ihrer rechten Armbeuge hinauf zu einem Inhalierbeutel verlief. Geräuschlos floss Tropf für Tropf der Flüssigkeit von dem Beutel über den Schlauch, direkt in ihr Blut.

Wut schoss in ihr auf. Blitzschnell riss sie die Nadel aus ihrer Vene. Gleich darauf floss Blut heraus. Lin presste einen Finger darauf.
Sie lag auf einem großen runden Bett mit pechschwarzen Überzug. Und sie hatte nicht mehr ihre Jeans und ihr Top an. Ein schwarzes Seidenkleid überdeckte ihren Körper. Hektisch sprang sie auf, was allerdings ein Fehler war, denn sie sackte schwach wieder zusammen. Ihre Beine fühlten sich an als bestünden sie aus Gummi.

Langsam kroch sie bis zum Rand und schwang ihre Beine darüber. Der Boden war warm unter ihren Fußsohlen. Eine Bodenheizung? Auf jeden Fall sehr angenehm. Sie blieb so lange sitzen und legte stetig mehr Gewicht auf ihre Beine, bis sie sicher sein konnte, dass sie im Stande war, einige Schritte zu tun.

Lin wackelte, mehr schlecht als recht, zur Tür und drückte die Klinke nach unten. Sie öffnete sich nicht, sie war verschlossen. Also war es doch wahr - sie war entführt worden.
Vielleicht konnte sie ja aus dem Fenster klettern? Denn ein Fenster gab es, auf der gegenüberliegenden Seite. Fuß vor Fuß setze sie, um nicht zu stolpern.

Als sie dort angelangt war, stütze sie sich darauf und lehnte sich hinaus. Die frische Nachtluft umfing sie und Milliarden von Sternen leuchteten vom klaren Himmel herab.

Lin wäre auch so nicht im Stande gewesen aus dem Fenster zu klettern, auch wenn sie sich im Erdgeschoss befunden hätte. Sie war einfach viel zu schwach, konnte sich kaum auf den Beinen halten. Doch das spielte keine Rolle, sie war nicht im Erdgeschoss. Sie war auch nicht im ersten, zweiten oder dritten Stock. Das Zimmer, aus dessen Fenster sie sich lehnte, war im oberen Teil des schwarzen Turmes!
Metallfarbene und schwarze Stromkabel spannten sich vom Grund herauf, an ihrem Fenster vorbei und noch viel weiter nach oben. Lin konnte die Spitze gar nicht erkennen. Draußen erstreckte sich eine trostlose Ebenlandschaft. So weit sie auch blickte nur Grau.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als auch diese Fluchtmöglichkeit zu verwerfen.
Doch halt! Sie hatte doch noch ihr Handy! Sie wusste ganz genau, dass sie es in die linke Tasche ihrer Jeans gesteckt hatte.

Sie konnte damit ihre Eltern benachrichtigen. Die Polizei! Aber was sollte sie schon sagen? Dass sie sich in einem gigantischen Turm befand, irgendwo im nirgendwo? Egal, zumindest würde sie etwas Sicherheit haben, wenn sie nur ihr Handy in den Händen hielt. Eilig sah sie sich nach ihrer Jeans um - und strahlte vor Erleichterung. Die Hose hing über einem fein gepolsterten Sessel vor der Kommode.
Jetzt schon viel hektischer und unvorsichtiger als zuvor, überquerte sie den Raum, stürzte sich auf ihre Jeans und ließ die Hand in die linke Tasche fahren.
Nichts! Kein Handy!

Mit zitternder Hand durchsuchte sie die rechte. Dann die beiden Potaschen. Es war nicht da! Ihr Handy war nicht da!
"Ich nehme an, du suchst das hier."

Sie zuckte erschrocken zusammen und fuhr herum. Das orange Licht des Kamins fiel auf Kims bleiches Gesicht und machte seine Züge dunkel und erwachsen. Er saß auf dem Fensterbrett, gegen den Rahmen gelehnt und ließ ihr Handy an dem winzigen Freundschaftsband baumeln, das sie einmal von Jenni bekommen hatte.
"Gib es mir! Sofort!" Ihre Stimme klang kalt und gebieterisch. Lin war sich sicher, dass er gerade eben noch nicht dort gesessen hatte. Dass sie ganz allein gewesen war.

"Das brauchst du hier nicht.", sagte Kim zog das silberne Gerät mit Schwung in die Höhe, sodass er es mit derselben Hand fing - und zerquetschte es, mit einem Ruck, zwischen seinen Fingern. Es zerbarst in etliche winzige Teile, die auf den Boden rieselten. Chipsplitter, Metallröhrchen und Plastikstücke.
Ihre wahrscheinlich einzige Möglichkeit, die sie hier hätte raus bringen können...

Kim setzte beide Füße auf den Boden und stand vom Fensterbrett auf. Und er tat einen Schritt in ihre Richtung.
"Bleib weg!", zischte sie entsetzt und sprang rückwärts.
Er blieb stehen. Seine Lippen waren fest aufeinander gepresst.
"Euch macht es wohl Spaß andere Leute zu entführen und irgendwo einzusperren!" Tränen stiegen ihr in die Augen.

Kim verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte, nicht freundlich sondern hinterlistig. "Nein. Bei deinem Bruder war es etwas anders. Er musste aus dem Weg geschafft werden, damit er mir nicht dazwischen kommt. Außerdem - was eignet sich besser dazu dein absolutes Vertrauen zu gewinnen, als ihn für dich zu retten?"

Ihr Gesicht wurde noch blasser und in ihrem Magen rumorte es. "Es war alles geplant… Wir waren nur Mittel zum Zweck für dich!" Ihre Eingeweide schienen anzuschwellen. "Los, erzähl! Ist alles so gelaufen wie du es wolltest? Hast du dein Ziel erreicht? Bist du nun zufrieden?"

Kim atmete lange und laut aus. "Ich will ehrlich zu dir sein. Es war genauso geplant. Dein Bruder sollte als Tribut dienen und als Versicherung, falls etwas schief läuft. Wir sollten den Held der Zeit befreien, damit er mich in diese Zeit bringt… Und du solltest dich von Anfang an in mich verlieben."
"Was?" Lin zitterte.
"Nur etwas war nicht geplant…", flüsterte er.
Wieder schritt er auf sie zu.
"Verschwinde!", schrie sie ihn an, fuhr herum und rannte zur Tür.

Es war sinnlos, dennoch rüttelte sie an der Klinke. Lin riss daran, als könne sie genug Kraft aufbringen sie herauszuheben. Aber die Tür gab ihr nicht nach. Jetzt brach sie in Tränen aus.
Kräftige Arme legten sich um sie, um ihren Bauch. Sie spürte Atem an ihrem Hals und Kims Stimme, die flüsterte: "Du musst in diesem Raum bleiben, zumindest bis das Kind geboren ist."

Ihre Tränen tropften an ihrem Kinn zu Boden. "Großvater hatte Recht.", schluchzte sie. "Er hat dich von Anfang an durchschaut. Schon nach deinem ersten Besuch hat er mir gesagt, dass du gefährlich bist und ich mich von dir fern halten soll… Und ich dumme Kuh habe mich aufgeregt und dich verteidigt."
"Nun ist es sowieso egal…", murmelte er.

Sie strampelte sich aus seiner Umarmung und fuhr herum. "Was soll das heißen?"
Er senkte den Blick, sah ihr nicht in die Augen.
"Los antworte!", befahl sie mit bebender Stimme. "Was ist mit meiner Familie?"
"Deinen Eltern geht es gut…", wich er aus.
"Und Opa und meinem Bruder? Was hast du mit ihnen gemacht?" Ihre Stimme wurde lauter und zittriger.

Einige Sekunden vergingen, bis er antwortete: "Ich habe sie getötet!"
"Nein! NEINNNNNNNNN!", schrie sie und legte die Hände aufs Gesicht. Er wollte sie an der Schulter berühren, doch Lin schlug seinen Arm weg.
Und dann hämmerte sie mit den Fäusten auf seine Brust ein und schrie ihn an und weinte.

Kim hielt sie nicht davon ab, verteidigte sich nicht. Er blieb einfach stehen und wartete - wartete bis sie nicht mehr genug Kraft hatte auf seine Brust zu schlagen, nicht mehr genug Kraft zu schreien und nicht genug zum Weinen.
Ihre Beine gaben nach und sie rutschte zu Boden. Kim ging mit ihr, in die Hocke, legte die Arme erneut um sie und drückte sie an sich.
"Ich hasse dich! Ich hasse dich!", krächzte ihre Stimme und die letzen Salztropfen flossen über ihre heißen Wangen.
"Du musst dich jetzt ausruhen. Dir steht eine harte Zeit bevor." Er strich ihr eine nasse Strähne aus der Stirn und flüsterte. "Schlaf…"
Und während sich ihre Lieder schlossen und jede Kraft aus ihrem Körper wich, küsste er sie. Er küsste sie auf die Stirn, er küsste sie auf die Wangen, er küsste sie auf die Augen und die Nase. Und er küsste ihre Lippen.

Als er sie zum Bett getragen, sie darauf niedergelegt und ein letztes Mal geküsste hatte, war er zur Tür gegangen. Mit einem Wink seiner Hand öffnete sie sich, er trat hindurch und mit einem weiteren Wink schloss sie sich leise hinter ihm und verriegelte sich wieder.

Auf dieser Seite war weder ein Gang, noch ein anderes Zimmer. Es war ein Fahrstuhl. Die Wände waren schwarz, wie alle im Hauptturm - dem neuen Teufelsturm.
Die Decke jedoch leuchtete und tauchte den Lift in einem hellen Schein.
"Ihr habt lange gebraucht, Herr."

Er wandte sich dem Jungen zu, der hier auf ihn gewartet hatte. Der Junge war nicht viel älter als er, war hochgewachsen und hatte rotbraune Haare, wie fast alle, in dessen Adern Gerudoblut floss. Alle hatten sie auf ihn gewartet und sich auf seine Ankunft vorbereitet. Es war ihnen von Geburt an bestimmt ihm treu zu dienen und als er in dieser Zeit angekommen war, hatte er sie gerufen. Er hatte seine dunkle Macht über die gesamte Welt gesendet und sie hierher gerufen. Und sie alle waren ihm gefolgt - bis auf einen…

Es waren nicht sehr viele, viel weniger als er sich vorgestellt hatte, das Gerudoblut hatte sich über die Jahrhunderte stark verdünnt, aber das spielte keine Rolle. Er brauchte kein großes Gefolge. Außerdem waren viele seiner Anhänger in hohen Positionen und/oder stinkreich. Das war auch nötig für den Plan…
Auf die Äußerungen des Jungen, erwiderte er nichts. Stattdessen schnipste er mit dem Finger und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Sie fuhren nach unten.

Der Junge räusperte sich. "Herr, der Chef dieses Elektrizitätsunternehmen möchte Euch sprechen…"
"Er soll warten." Kim lehnte sich gegen die kühle Wand des Fahrstuhls. Es herrschte wieder eine Schweigeminute.
Der Turm war gigantisch, es dauerte, bis man in den untersten Stockwerken war.
"Darf ich Euch etwas fragen?", fing der Junge vorsichtig an.
Er ging Kim allmählich auf die Nerven. Wenn er nicht ein Gerudoabkömmling wäre, hätte er ihn längst getötet, nur um ihn für immer zum Schweigen zu bringen.
"Weshalb beschleunigt Ihr die Geburt nicht?"
Kim dachte der Boden unter ihm würde urplötzlich nachgeben.
"Dann könnten wir uns viel Zeit sparen. Das Mädchen würde schon in drei, vier Tagen gebären und Ihr könntet -"

Schneller als der Junge sehen konnte, hatte Kim ihn am Hals gepackt. Seine Hand war zu einer Pranke geworden, die Fingernägel zu scharfen Krallen, die das Fleisch in ihrem Griff würgten.

"Wie kannst du es wagen, Matthew…", seine Stimme zitterte vor Zorn. "Wie kannst du es wagen, mir so etwas ins Gesicht zu sagen?"
Beide wussten, was dieser Vorschlag bedeutete. Das Kind wuchs, wegen der ungeheuren Menge an Magie, die es aus dem Leib seiner Mutter aufsaugte, sowieso schneller, als irgendein anderes. Und die Chancen, dass Lin überlebte, waren mehr als gering. Aber einen weiteren solchen Magieeinfluss überlebte sie niemals.

"A…ber…", würgte Matthew. "S…sie ist…doch nur…ein bedeutungs…loses Mädchen…"
"Dieses Mädchen ist meine Frau! Und du bist nicht mehr, als der Dreck unter ihrem Fingernagel!" Kim schleuderte den Jungen gegen die Wand. "Eines verspreche ich dir. Wenn Lin stirbt - stirbst du mit ihr! Also bette um ihr Wohlbefinden!"
Der Lift hielt mit einem schwachen Ruck an und die Türen glitten auf. Er trat hinaus in den Gang. Die Türen gingen wieder zu und der Lift fuhr davon, mit einem erstarrten Jungen, mit panisch aufgerissenen Augen, der seinen wunden Hals rieb.

Zwei Frauen kamen ihm entgegen und verbeugten sich. Die eine wagte es ihm in die Augen zu blicken. "Herr, wir warten auf Eure Befehle."
Er massierte seine Schläfen. "Nein, das hat Zeit bis Morgen. Ich habe heute keinen Nerv dafür."

Sie nickte und er lief an ihnen vorbei, durch eine Tür, in das Zimmer dahinter.
Der Raum war wunderbar abgedunkelt, eine Wohltat für seinen Kopf. In der Mitte stand einer der sieben Wüstenportale - die Schlangenkopfspiegel. Weiter nichts.
Noch immer massierte er seine Schläfen, während er auf- und ablief.

Ich bin für den Vorschlag dieses Gerudoabkömmlings, ertönte es in seinen Gedanken.
Kim sah auf und trat vor den Spiegel. Der Junge, der als Spiegelbild erschien, glich ihm, als seinen sie eineiige Zwillinge. Nur die Hautfarbe störte die Symmetrie; der Junge im Spiegel war braungebrannt und um die Nase sprossen weiße Pünktchen wie Sommersprossen. Kim verschränkte die Arme vor der Brust und stierte die junge Gestalt seines Vaters finster an.

Du weißt selbst wie gefährlich ihre Macht sein kann!
"Meine Mutter wusste auch von Anfang an über alles bescheid und hätte dich jederzeit verraten können. Trotzdem hast du sie nicht getötet!"
Mit Naboru war es anders…
"Ach ja? Warum? Weil du es sagst?"
Und warum hast du den Bengel nicht zur Stecke gebracht? Du hast seine Kräfte noch vergrößert!
Kim schnaubte abfällig. "Um den Wurm machst du dir Sorgen?" Er lachte. "Wenn ich etwas vor ihm zu befürchten hätte, wäre er längst unter der Erde."

Und du sagst dem Mädchen, dass du ihn getötet hast?

"Sie soll sich keine Hoffnungen machen. Hoffnungen führen zu Ergeiz und Ergeiz zu Fluchtversuchen. Die will ich ihr ersparen."
Nun schnaubte der Junge im Spiegel. Ich bin immer noch dafür sie zu beseitigen, sobald sie das Kind geboren hat!
"Ich weiß. Aber ich verfolge andere Pläne mit ihr. Und nun bin ich der König der Wüste! Ich habe dir nicht mehr zu gehorchen, sondern du mir!"

Ganon lachte. Dana hatte wirklich Recht, du bist das Ebenbild deines Vaters.
"Hör auf damit! Tu einfach worum ich dich gebeten habe."
Und wenn ich nicht tun will, worum du mich batest?
"Dann befehle ich es dir!"
Wieder lachte Ganon. Wie du es befielst… Ach da fällt mir noch etwas ein!
Kim hob ärgerlich den Kopf. "Was ist denn noch?"
Der Junge im Spiegel verschränkte die Arme vor der Brust und hob siegreich das Haupt. Link kann mit dem Bengel Kontakt aufnehmen!
Vor Überraschung weiteten sich Kims Augen. "Das ist nicht wahr…"
Ich lüge nie! Zumindest nicht in deiner Gegenwart.
Nun musste auch Kim lachen. "Das gibt es nicht. Wie gerissen der Kleine doch ist."
Es bedarf an viel Magie für so eine Fähigkeit. Er ist erstaunlich geschickt im Umgang mit seiner magischen Kraft.
"Siehst du, es wäre schade ihn zu schnell zu beseitigen. Vielleicht schenke ich ihm auch das Leben, nachdem die Rache vollzogen ist."
Gut, tu was du willst. Ich zweifle nicht an deiner Macht - ich habe dich schließlich selbst ausgebildet!
"Ich nehme an, du hast etwas dagegen unternommen?", erwiderte Kim.
Natürlich! Link ist für eine Weile außer Gefecht. Aber um den Bengel musst du dich selbst kümmern.

Das Spiegelbild verschwand, der glatte, klare Spiegel wurde matt und zeigte nichts mehr.
Kim rieb sich die Handflächen aneinander. "Möge bald das Spektakel beginnen…"



3. Kapitel

Benny erwachte davon, dass der Zug nach kontinuierlichem Langsamwerden endlich zum Stillstand kam. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und kratze sich an der Nase.
HIER IST ENDSTATION, dröhnte es aus dem Lautsprecher. BITTE AUSSTEIGEN! "Jaja, ich will hier nicht einziehen.", murmelte Benny vor sich hin, erhob sich und schulterte seinen Rucksack.

Draußen herrschte immer noch die Nacht. Eine kühle Brise wehte um seine Ohren und ließ ihn frösteln. Da war er nun. Mutterseelen allein in einer fremden Stadt auf der Suche nach einer entführten Prinzessin, von einem riesigen schwarzen Drachen mit feuerroten Haaren bewacht, und er wusste nicht einmal wo der Turm stand. Er hatte keine Rüstung, kein Pferd, kein Schwert…
Seine Gedanken hörten sich an, als sei er immer noch im Mittelalter. Dabei war er längst fertig mit der Vergangenheit.

Immer noch todmüde torkelte Benny wie ein Betrunkener durch das Bahnhofsgebäude zum Haupteingang. Ein paar junge Punks saßen in einem dunkleren Winkel, schwangen ihre Bierflaschen und lachten. Auf den Bänken saßen einige Leute und warteten auf ihre Nachtzüge. Er seufzte.

Als er aus dem Gebäude trat, in die tiefe und eisige Nacht seufze er wieder. Jeder Ort wäre ihm recht, nur nicht dieser! Er wollte nach Hause in sein gemütliches Bett.
Plötzlich brach er in Tränen aus. Wie auch anders? Er war schließlich erst acht! Jeder 8-jährige würde in so einer Situation weinen!

Eilig rannte er die Stufen hinunter und den Bürgersteig entlang. Wo sollte er hin? Wo? Wo, wo, wo, wo???
Er war müde und er hatte Hunger! Und er wollte ein Bett in einem warmen, sauberen Zimmer!
Plötzlich stolperte sein Fuß über einen Stein und er fiel der Länge nach hin. Seine Handflächen waren weiß und rot und aufgeschürft, weil er seinen Sturz aufgefangen hatte. Neben den Tränen fing er jetzt auch noch an zu Schluchzen.

Er erhob sich und lief weiter, bis er zum Park kam. Die Bäume standen nicht so dicht aneinander, dass der Mond durchscheinen konnte und seinen Weg erhellte. Benny ließ sich einfach auf eine Parkbank plumpsen und ehe er sich versah - war er schon eingeschlafen.

Benny erwachte davon, dass jemand lachte. Er schreckte regelrecht aus dem Schlaf und suchte nach der Quelle dieses Lärms.
Eine Clique von Jugendlichen streifte den Weg entlang. Einige rauchten.
Einer der größten Jungen versetzte einem Kleineren einen Stoß und lachte. Die Andern lachten ebenfalls, auch der Gestoßene.
Benny stand auf und wollte nur schnell weg, bevor…

"Hey du!", rief ihm der Große zu. Benny erstarrte mitten in der Bewegung.
Mist! Ausgerechnet ihm - ausgerechnet jetzt!
"Hey Arschgesicht! Bleib stehen!", schrie ihm der Junge in den Rücken, als Benny wieder Herr über seine Beine war und rannte - vielleicht um sein Leben!
"Hinterher!", brüllte ein anderer Junge. "Der hat bestimmt Dreck am Stecken!"

Benny rannte und rannte. Seine Beine bewegten sich flink und geschmeidig. Er erstaunte selbst darüber wie schnell er war. Ob es mit dieser Alterung seines Körpers zu tun hatte? Egal, jedenfalls brachte er immer mehr Abstand zwischen sich und seinen Verfolgern. Er konnte sich nicht beklagen.

Benny rannte aus dem Park, über die Straße und in eine Seitengasse hinein. Jetzt musste er nur noch ein geeignetes Versteck finden oder noch besser - er sprang schnell in einen Bus und -
Eine Sackgasse! Vor ihn turmte sich eine hohe Mauer auf, die er nicht mal im Traum überwinden konnte. Er war in eine Sackgasse gerannt! Nun saß er fest.

Hastig drehte er sich um, vielleicht konnte er noch schnell in eine andere Straße einbiegen.
Doch es war zu spät. Die Jugendlichen hatten ihn bereits eingeholt. Einige waren außer Atem und hechelten nach Luft. Besonders die Mädchen, deren Röcke kürzer sein mussten als seine Handfläche! Außerdem lugte ihr ganzer Bauch aus dem Top und ihr Gesicht war so bunt geschminkt, dass Benny zu erst dachte, sie hätten sich als Clowns verkleidet.

Der Weg-Stoßer-Junge baute sich breit vor ihm auf, drückte die kräftige Brust nach vorne. "Jetzt seht euch Den an!"
Die Jugendlichen brachen erneut in Gelächter aus. Er wurde rot im Gesicht, am liebsten hätte er jetzt wieder geweint.
"Och, kuckt nur, gleich heult er!", gluckste das Mädchen mit dem ultrakurzen Mini. "Mein Gott!", schloss sich ein zweites an. "Blond und blauäugig, ich wette Der ist genauso blöd wie er aussieht!"
"Spielst wohl einen auf Indianer - oder was soll die Kriegsbemalung?"
Was sollte er jetzt machen? Er konnte nicht fliehen.
"Was hast du da im Rucksack?", fragte der Weg-Stoßer-Junge und griff nach ihm.
Er schlug den Arm weg und schrie: "Nein!"
Verwundert blickte ihn die Clique an.

"Bestimmt irgendwelche Drogen, wenn Der so heftig reagiert!", erwiderte ein Junge.
"Lasst uns mal nachsehen!", meinte der Wegstoßer und trat auf Benny zu. Er saß in der Falle!
"Was ist hier los?", durchschnitt eine Stimme das Geschehen.
Augenblicklich frohren alle ein, nur um nach zwei Sekunden wieder aufzutauen, sich umzudrehen und sich zu teilen, sodass Benny freien Blick auf die Ursache der Störung hatte.

Ein Mädchen stand da. Doch im Gegensatz zu den anderen hatte sie keinen Minirock an. Sie trug eine schwarze weite Hose mit breiten Seitentaschen und herunterhängenden Schnallen. Auf dem roten Top stand ein Wort: B-I-E-S-T - Biest!
Auf dem kurzen, wuschligen Lockenkopf prangte eine rote Kappe.

Die Hände hatte sie lässig in die Hüften gestützt. Benny hatte sofort Angst vor ihr. Sie strahlte regelrecht vor Autorität und Brutalität! Dabei schien sie eigentlich die Jüngste zu sein, sie war so alt wie er (wenn er so alt wäre wie er jetzt aussah), während die Meisten der anderen Jugendlichen eher etwas erwachsener aussahen - so ab 15 bis hin zu 20.

"Hey, Vivi! Wie geht's?", fragte der Wegstoßer und hob die Hand zum Gruß.
"Halt den Rand, Arschloch!", entgegnete das Mädchen. Dann erblickte sie Benny. "Joe! Wer is´n Der?" Dabei sprach sie das Wort Der so angewidert an, als rede sie von einer dicken Made in ihrer Suppe.
"Keinen Schimmer, aber der Penner ist neu, der Depp ist doch glatt in eine Sackgasse gerannt!"

Das schien diese Vivi zu interessieren, denn sie näherte sich, wobei ihr Gang genauso lässig und cool war wie ihre Haltung im Stehen. Breitbeinig stellte sie sich vor ihn hin und fixierte ihn aus zusammengekniffenen Augen. "Sag mal bist du zu blöd zum Schreiben, oder warum malst du dein Gesicht mit E-ding an, du Mamasöhnchen!"
Ihre herrscherische und laute Stimmte schüchterte Benny noch mehr ein. Er brachte es einfach nicht fertig den Mund zu öffnen.
"Na los, Milchbubi! Bist du taub?"

"Der Trottel redet nicht!", warf Ultra-Mini ein. "Er will sich mit dir anlegen, Vivi!"
Vivi wandte sich kurz zu ihr um, dann sah sie wieder ihn an und setze eine freudig überraschte Miene auf. "Ach, du willst dich also mit mir anlegen! Ja, ich glaube auch, dass du eine Abreibung brauchst. Bei dem Wetter!"
"JA!", brüllte die Menge. "Gib´s ihm, Vivi!"
Vivi formte eine Hand zur Faust und drückte mit der anderen darauf, die Knochen knaxten. Da hatte er den Ärger! Warum war er auch von Zuhause ausgerissen? Er konnte Lin doch sowieso niemals finden!

Er war viel zu schwach, zu dumm - schlicht einfach zu klein! Sowas sollten Polizisten und Detektive machen, nicht er! Andererseits - konnte irgendjemand gegen Kim ankommen? Nein! Nur er war in der Lage dazu! Kim war der Böse und er war der Held der Zeit! Er war dafür geboren worden, das Böse zu besiegen! Noch dazu war Lin seine Schwester UND er war es ihr schuldig!
Diese Vivi schlug zu.

Schnell kam die Faust. Sie zielte gut, daran gab es keinen Zweifel.
Dennoch - Benny konnte ihr doch tatsächlich ausweichen! Einfach so! Weder vorbereitet war er, noch hatte er darüber nachgedacht! Es war einfach ein Reflex…
Er war acht Jahre alt! Woher konnte er das?

Vivi zog erstaunt die Hand zurück.
"Hey!", stieß sie aus.
"Der will eine doppelte Abreibung, Vivi!", meinte einer der Größeren.
"Das sehe ich auch so!", entgegnete diese Vivi und holte erneut aus.
Jetzt war es ihm aber zu bunt! Er musste sich hier doch nicht verprügeln lassen! Von solchen halbwüchsigen Möchtegernstarken! Er hatte gegen etliche Gegner gekämpft, die millionenfach stärker waren als diese Jugendlichen!

"Lass mich in Ruhe!", schrie er und schuppste das Mädchen von sich weg. Nur war er sich nicht bewusst in welchem Umfang seine körperliche Kraft zugenommen hatte.
Benny schuppste sie so arg, dass sie das Gleichgewicht verlor und auf ihre zwei Buchstaben knallte.
Den Jugendlichen klappte der Mund nach unten.
"Spinnst du?", kreischten das Mädchen im Ultramini und ihre Freundinnen im Chor.
"Willst wohl eine auf die Fresse!", zischte ihm ein Junge entgegen und kaute noch aggressiver auf seinem Kaugummi herum.

Joe ballte die Fäuste und machte einen Schritt auf ihn zu.
"Stopp!", brüllte Vivi und schlug auf den Boden wie ein quengelndes Kind. Sofort hielt die Meute mitten in der Bewegung an.
Mit einem Gesicht, das vor lauter Wut mit einer Tomate konkurrieren konnte, sprang Vivi auf und tippte Benny gegen die Brust. "Für wen hälst du dich eigentlich, dass du es wagst mich zu schuppsen! Mich, die Anführerin der mächtigsten Gang im ganzen Bundesland!"

Benny war fest entschlossen nicht Kleinbai zu geben. Er war vielleicht kein Anführer irgendeiner Gang - aber er war der Held der Zeit! Und das war vieeeeeel bedeutender! Er schob ihren Arm beiseite. "Ich bin Benjamin…" Plötzlich verschlug es ihm die Sprache. Der Mut hatte ihn verlassen. Kleinlaut fügte er hinzu: "…Thelen…"

"Thelen?" Ein hagerer Junge mit großen Brillengläsern auf der Nase wurde hellhörig. "Sagtest du gerade Benjamin Thelen?"
Die Jugendlichen blickten stirnrunzelnd von Benny zu dem Brillenjungen.
Vivi stemmte mürrisch die Hände in die Hüften. "Was ist Serge? Was haste mit deinem Intellekt zu berichten?"

Der Junge, der Serge genannt wurde, rückte sich siegesgrinsend die Brille zurecht. "Sagt euch der Name Lin Thelen etwas?"
"Hä?", sagte die Gruppe wie aus einem Munde.
"Moment, da war doch was!", sagte Ultramini und tippte sich auf das Kinn. "Das war doch das Mädchen, das vor einigen Tagen - entführt worden ist!"
"Stimmt!", sagte der Kaugummikauer. "Ihr Opa ist doch im Haus erstochen worden, oder?"

"Das arme Mädchen!", schluchzte eines der Mädchen. "Wer weiß was ihr angetan wird, während die Polizei wie blöde herumirrt."
Serge kramte in seinem Ranzen, den er auf den Schultern trug. "Richtig! Genau die meine ich. Und jetzt seht mal was in der heutigen Ausgabe der Tageszeitung steht!"
Der Brillenjunge hielt sie hoch, damit alle die Titelseite sehen konnten.
Darauf stand geschrieben:

Großvater erstochen, Tochter entführt - jetzt ist der Sohn verschwunden Wer will diese Familie zerstören?

Darunter war ein riesiges abgedrucktes Foto von ihm. Oh nein! Jetzt schon? Er war doch erst gestern Nach verschwunden! Leute ich weiß, dass die Schlagzeile eigentlich erst am nächsten Tag erscheinen müsste, aber wollt ihr wirklich, dass ich deswegen einen ganzen Tag mit Sinnlosigkeit verschwende?

Serge zeigte mit dem Finger auf sein Foto. "Das ist Benjamin Thelen, der kleine Bruder von dem verschwundenen Mädchen. Er ist gestern Nacht ebenfalls aus dem Krankenhaus verschwunden. Die Kriminalpolizei kann es sich nicht erklären."
Vivi riss ihm die Zeitung aus der Hand und trat vor Benny. Ihr Blick wanderte von dem Foto zu ihm und wieder zum Foto. Sie verglich.

Dann lachte sie auf und wedelte sich mit der Zeitung Wind ins Gesicht. "So ein Zufall aber auch! Dass du ausgerechnet wie der Furz aus der Zeitung heißt. Und ähnlich seht ihr euch auch…"
"Nein!", unterbrach er hektisch. "Das bin ich!"
Die Jugendlichen sahen sich verblüfft an - und brachen in schallendes Gelächter aus. Sie lachten sich, bis sie sich vor Bauchschmerzen krümmten.
"Aber sicher doch!", quetschte Vivi zwischen den Zähen hervor und hechelte um Luft. "Und da deine Eltern grade kein aktuelles Foto von dir zur Hand hatte, haben sie einfach das von deiner Einschulung abgedruckt."
"Nein! So ist es nicht! Ich bin wirklich Benjamin Thelen!", brüllte er über das Gelächter hinweg. Langsam stieg blinde Wut in ihm auf. Niemand glaubte ihm! Nicht als er klein war - und nicht wie er jetzt groß war.
"Halt die Klappe, Mann!", zischte Vivi ihm jetzt ernt entgegen. "Über so was macht man keine Witze!"
"Ich scherze nicht!", entgegnete er zornig.
"Hey Gummy! Gib ihm nen Kaugummi, damit er wieder auf den Boden zurückkommt!", lachte Joe. Der Kaugummikauer grunzte auf vor Lachen.
"Ruhe jetzt!", brüllte Vivi.

Mit einem Schlag wurde es still und die Jungen und Mädchen waren wieder ernst. Zufrieden wandte sie sich Benny zu. "Tja, mein Freund. Anscheinend weist du es noch nicht, aber wir sind nicht gerade dafür bekannt, dass wir Fremde mit offenen Armen empfangen. Das hier ist mein Revier! Aber da du mich zu Boden gebracht hast, etwas was noch nie jemandem zuvor gelungen ist, hast du meine Erlaubnis mich zur Werkstatt zu begleiten. Dort sehen wir, was wir mit dir machen."

Ende des 3. Kapitels

4. Kapitel
Schon bevor die Werkstadt zu erkennen war hörten sie die Musik.
"…get it low…rh rh…"
Die Jugendlichen hatten Benny in ihre Mitte genommen und zerrten ihn mit. Vivi ging einige Schritte voraus.
"…to the window get it low…"
Die Werkstatt war wirklich eine. Eine Autowerkstatt in Form einer gigantischen Scheune.
Auf Tischen stapelten sich Werkzeuge, Ölflaschen, Taschenlampen und schmutzige Lappen. Aus einem ölverschmierten Ghettoblaster dröhnte der Bass der Musik.
Ein junger Mann polierte gerade mit einem Lappen sein Motorrad. Die dunkle Jeans und das zerschlissene T-Shirt starrten vor Dreck.
Er pfiff selenruhig das Lied mit.
Das Mädchen, das Vivi genannt wurde, ging schneller und schrie: "Dan! Dan!"
Der Mann, um die 19 Jahre, blickte verwundert auf. Als er sie erkannte winkte er und lief zur Stereoanlage um die Musik leiser zu drehen.
"He, Schwesterchen!", rief er ihr zu.
"Nenn mich nicht so!", brüllte sie ihm wütend entgegen. "Ich hasse das!"
"Ich weiß, sonst würde ich es ja lassen!", brüllte der Junge ihr lachend entgegen.
"Hey! Du hast ja deinen ganzen Trupp mitgebracht."
"Hi, Dan!", rief Joe.
Benny blickte verwirrt von dem Mädchen zu ihrem großen Bruder.
Warum hatten sie ihn hierher geschleppt?
"Eh? Wer bist´n du?", fragte Dan genauso überrascht als er Benny erblickte. Er holte einen Lappen aus seiner Hosentasche und wischte sich die schmierigen Hände daran ab. "Dich habe ich hier noch nie gesehen."
"Das ist´n Neuer.", erwiderte Ultramini. " Wahrscheinlich von zu Hause abgehauen."
"Bin ich gar nicht!", zischte Benny wütend.
"Ach ja?", entgegnete die. "Und was soll dann der Rucksack? Sag mir bloß nicht, dass dort dein Mathebuch drinnen ist!"
"Das geht euch gar nichts an!"
"Halts Maul! Sonst kriegst´ doch noch eins auf die Fresse!", drohte Joe und hielt ihm die Faust unter die Nase.
"Hört auf!", erwiderte Dan. "In der Werkstatt wird sich nicht geprügelt, ist das klar?" Dann wandte er sich an Vivi. "Wer ist das?"
Vivi zuckte die Achseln. "Irgendeiner. Den haben wir im Park aufgegabelt. Sein Name ist Benny."
"Benjamin!", verbesserte Benny. Er weigerte sich von diesen Raudies mit Kosenamen ansprechen zu lassen.
"Aha…", murmelte Dan. "Na dann zeigt ihm mal was wir von unverschämten Eindringlingen halten! Einen Nachmittag im Keller und der ist brav wie ein Ciwaua, der…"
"Ich hab keine Zeit dafür! Ich muss…"
Aber der junge Mann hörte gar nicht mehr hin. Er steckte den Lappen wieder ein und nahm einen Schraubenschlüssel in die Hand. "Im Kühlschrank ist ein Kasten Cola. Bedient euch." Dann wandte er sich seiner Suzuki zu. Mit zärtlicher Berührung liebkoste er das Motorblech. "Ich muss mich noch um mein Babe kümmern."
"Du meinst, du frisierst es wieder?", kicherte Serge, der Junge mit der Brille. Anmerkung: Serge hieß vorher Serge "Psst!", fauchte Dan und wedelte mit der Hand. "Das musst du ja nicht gleich jedem auf die Nase binden! Ich hab schon genug Stress mit den Bullen!"
"Diese beschissene Schrottkiste!", schimpfte Vivi und verschränkte die Arme vor der Brust.
Erneut streichelte Dan sein Motorrad. "Ganz ruhig, mein Babe. Sie hat es nicht so gemeint. Ganz ruhig."
"Und ob ich das so gemeint hab! Wenn du mir nur halb so viel Aufmerksamkeit schenken würdest wie diesem Scheißteil! Ich glaub dann fange ich an Kleider mit rosa Rüschchen zu tragen!"
Die Meute lachte sich halbtot.
Benny stand mitten drinnen und umklammerte eisern seinen Rucksack. Diese Kinder waren total übergeschnappt! Er musste hier schleunigst weg!
Vivi packte ihn am Pullover. "Komm mit!" Sie befahl es regelrecht.
Benny nickte resigniert und ließ sich in den Nebenbau der Werkstatt führen.
Dort sah es ganz und gar nicht mehr nach Reparaturgebäude aus. Eher nach einem riesigen Jugendtreffraum.
Ein Kühlschrank brummte in der Ecke. Überall standen alte Sofas und Sessel herum. Knapp unter dem Fenster war auch eine Hängematte angebracht.
Auf den niedrigen Tischen standen Flaschen herum. Auch einmal eine mit alkoholischen Getränken.
Aber im Großen und Ganzen das Gemütlichste, was er sich jetzt wünschen konnte. Am liebsten würde er sich jetzt auf eine Couch stürzen und einschlafen.
"Machs´ dir bequem.", forderte ein Mädchen im Minirock ihn auf. "Aber ja nicht zu sehr!"
Joe und zwei andere Jungen gingen zum Kühlschrank hinüber und holten die Colaflaschen heraus um sie unter den Anderen auszuteilen.
Ihm wurde keine angeboten.
Das Mädchen mit dem kurzen, wuschligen Lockenkopf griff in die Hosentasche und zog ein silbern glänzendes Metall-etwas heraus, das zwei Metallhälse aneinandergeklebt zu sein schien. Mit einer schwungvollen Handbewegung klappte sie es auf. Der eine Metallhals klappte weg und im Kreis wieder auf seinen Bruder.
Eine breite Klinge glänzte.
"Butterflys gehören zu den verbotenen Waffen.", erwähnte Serge wie beiläufig.
Vivi setzte die Klinge an den Flaschenkopf und sprengte wie mit einem Flaschenöffner den Kronkorken vom Flaschenhals. "Zeig mich doch an.", lachte sie und nahm einen kräftigen Schluck.
Benny setzte sich auf einen abseitigen Sessel und überlegte was er tun sollte. Er hatte keine Ahnung was Kim vorhatte, geschweige denn wo Lin war. Und statt nach Anhalspunkten zu suchen, hockte er hier und schlug sich mit Jugendlichen herum, die sich wie Kleinkinder aufführten - da fiel ihm ein, dass er ja selbst noch eines war.
Der Kaugummikauer stand plötzlich vor ihm, mit verschränkten Armen und wild rumorendem Kiefer. "Also? Wer…schmatz…bist du?"
"Ich bin Benjamin Thelen!", wiederholte er, wobei er stark bezweifelte, dass sie ihm jetzt endlich glaubten.
"Du kannst jetzt mit deinem Scheiß aufhören!", schnauzte ihn Joe an.
"Nur weil du dich für was Besseres hältst musst du längst nicht etwas sein!", zischte Ultramini.
"Zick nicht so rum, Jessi!", unterbrach Vivi, dann wandte sie sich abfällig Benny zu. "Du benimmst dich wie ein Achtjähriger."
"Ich bin ja auch einer!", stieß Benny ungeduldig hervor.
"Dann hättest du nicht so viel Fruchtzwerge essen sollen!", kicherte ein Mädchen spitz.
Die Gang lachte erneut.
Benny sprang wütend auf die Beine. "Das liegt nicht an den Fruchtzwergen! Es ist Magie!"
Plötzlich herrschte Totenstille.
Nur um darauf das lauteste Gelächter, dass Benny je gehört hatte, ausbrechen zu lassen. Die Wände hallten nur so von dem Geschrei.
"Klar doch! Magie!", jauchzte der Kaugummikauer. "Warum hast du das nicht gleich gesagt!"
"Abrakadabra!", kreischten die Mädchen im Chor.
"Leute! Habt Mitleid mit unserem Kleinen! Er kann doch nichts dafür, dass ihm die böse Fee von Dornröschen verzaubert hat!"
Benny schnaufte abfällig und verschränkte mit beleidigtem Gesicht die Arme vor der Brust. Sollten sie doch lachen, die gagernden Hühner! Bald schon würden sie merken wie der Boden unter ihren Füßen aufbrach und alles Leben verschlang…
"Seid ruhig!", brüllte eine Stimme. Augenblicklich erschraken alle Anwesenden, auch Benny, und drehten sich verwundert um.
Vivi musterte ihn von Kopf bis Fuß und nahm einen kräftigen Schluck aus ihrer Colaflasche. Dann rülpste sie wie ein Mannsbild und wischte sich mit dem Unterarm über den Mund.
Ihre bestimmte Stimme hallte durch den Raum: "Beweis es!"
Die Clique starrte sie mit offenen Mündern an, auch Benny kuckte nicht schlecht.
"Was?", stieß Serge hervor.
"Das ist jetzt nicht dein Ernst!", quiekte Jessi.
"Aber absolut!", versicherte Vivi und wandte sich an Benny. "Wenn du so ne Klappe hast, kannst du deine Theorie von Spuck und Zauberei auch beweisen!"
Joe lachte laut auf. "Oh ja! Zeig uns was Sache ist, Bennylein!"
Der reißt ganz schön sein Maul auf, dachte Benny. Eigentlich hatte er seine geheimen Fertigkeiten nicht preisgeben wollen. Aber unter diesen Umständen…
Benny lehnte sich nach vorne und konzentrierte sich.
In sich spürte er die Magie durch seine Adern fließen. Es war wie Fieber. Man spürte die Hitze in sich aufsteigen.
In diesem Moment brodelte die Cola in Vivis Flasche. Kreidebleich starrten alle auf ihre Flasche. Ihre Hand zitterte, es sah aus, als würde sie sie jeden Augenblick fallen lassen.
Dann hörte das Brodeln so abrupt auf wie es entstanden war.
Nur damit die Flüssigkeit langsam am Flaschenhals aufsteigen konnte.
Wie gebannt verfolgten die Jugendlichen, wie die Cola langsam aus der Flasche drang. Wie eine Schlange, die sich aus dem Korb schlängelte, weil sie den Tönen eines Schlangenbeschwörers folgte.
Wobei Schlangen ja eigentlich taub waren.
Die Colaschlange wand sich in Spiralen in die Höhe. Immer höher, bis sie knapp über den Köpfen der Zuschauer kreiste. Sie schwebte immer weiter, bis sie über Joe zu einer Spirale erstarrte.
Die Augen der Jungen und Mädchen waren riesig wie Billardkugeln. Joe reckte den Kopf bis in den Nacken um die Windungen der braunen Substanz zu begutachten.
Dann plötzlich ließ Benny los - und die Cola klatschte Joe förmlich ins Gesicht.
Doch keiner lachte. Dafür war die Atmosphäre zu sehr von Spannung und Staunen geschwängert. In der Luft lag die Unbegreiflichkeit des gerade Geschehenen.
"Mein Gott!", sagte Jessi und hielt sich die Hand vor den Mund.
"Das gibt's nicht! Das geht nicht! Das…das ist physikalisch nicht möglich! Die Erdanziehungskraft ist doch…", stotterte der Brillenjunge.
"Was? Was war das?", stieß der Kaugummikauer energisch hervor und kaute noch energischer auf seinem Kaugummi herum.
"Ich sagte euch doch, dass es Magie gibt!", schnaufte Benny.
Die Jugendlichen fuhren zusammen und drehten sich zu ihm um. Als hätten sie ihn erst jetzt bewusst wahrgenommen.
"Das ist unmöglich! Das war ein Trick!", protestierte Vivi und knallte die Colaflasche auf den Tisch.
"Du wolltest doch einen Beweis!", rechtfertigte sich Benny. "Wie sollte ich es denn gemacht haben wenn nicht mit Magie?"
"Das…das war…", stotterte eines der Mädchen. "Atemberaubend! Ich kann es gar nicht glauben!"
"Wie hast du das gemacht?", die Mädchen versammelten sich um ihn wie die Fliegen um einen Misthaufen.
Benny fühlte sich augenblicklich bedrängt. Er zog die Beine an und starrte voller Entsetzten in die riesigen bemalten Gesichter dieser Hühner.
Auch den anderen Jungs gefiel das nicht, denn sie fühlten sich der Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts beraubt (die sie nie hatten).
"Hey, beruhigt euch!", rief Vivi. Sofort sahen die Mädchen auf.
Mit verzogenem Gesicht stolzierte Vivi vor den Sessel, auf dem er saß, und baute sich vor ihm auf. "Ich weis zwar nicht wie du das gemacht hast, aber wenn das nur ein billiger Trick war um uns Angst zu machen…"
Wütend sprang Benny auf die Beine und schrie ihr ins Gesicht: "Es war kein Trick! Ich wurde in die Vergangenheit entführt, etliche Tage irgendwo in der Wüste eingesperrt, zweimal beinahe umgebracht, mein Opa wurde ermordet, meine Schwester wird irgendwo gefangen gehalten und ich bin um fünf Jahre gealtert - ist das alles auch bloß ein billiger Trick?"
Vivi hob schützend die Hand und wich erschrocken zurück. "Schon gut, beruhige dich! Wir glauben dir ja…auch wenn es schwer fällt."
"He, wer schreit denn hier?", fragte Dan. Eine große Gestallt erschien im Tor zum Versteck der Clique. Der junge Mann wurde von seiner Ware, mehrere Kisten Farbe und zwei Spraydosen, die er auf den Armen trug, vollkommen verdeckt. "Bitte, meine lieben Kinder, keine so laute Konversation, einverstanden?"
"Dan, soll ich dir helfen?", fragte Gummy und stürzte schon zu dem Mann.
"Nein, ich schaffe das schon.", winkte Dan ab.
Hätte er bloß die Hilfe angenommen, den kaum zwei Sekunden später geschah das Unglück.
Er trat auf eine leere Colaflasche, die ein Junge fallen gelassen hatte, als die Colaflüssigkeit über ihren Köpfen getanzt hatte. Die Flasche war den Boden entlang gerollt und irgendwann zum Erliegen gekommen. Doch nun rollte sie unter dem Gewicht eines Mannes einfach weg - und riss ihn gleich noch von den Füßen.
Mit einem Aufschrei knallte Dan auf den Boden. Und mit ihm die ganzen Farbeimer, deren Inhalt sich nun über den Boden ausbreitete. Doch das war nicht alles.
Eine der Spraydosen knallte nicht auf den Boden. Nein!
Die Dose flog durch die Luft. Die Menge schrie auf, unfähig sich zu bewegen.
Vivi riss die Augen auf und sah die Dose, die immer näher und näher kam. Und die hart gegen ihren Kopf stieß. Sie schrie vor Schmerz.
Und mit ihr auch die Dose, in die eine große Kerbe gerissen wurde. Der Druckdeckel sprang ab und die Farbe zischte aus dem Metallmantel heraus.
Giftgrün…
Giftgrün ergoss es sich über Vivis Lockenpracht. Sie schrie wie am Spieß.
Bis die Dose ihren Geist aufgab und endlich auf den Boden fiel. Und Vivi sie anstarrte. Und die ganzen Leute um sie herum sie anstarrten.
Als sie den ersten Schock überwunden hatte sah sie, mit rasendem Atem, auf und merkte, dass sie von allen angestarrt wurde.
"Was ist? Warum glotzt ihr so blöd? He?"
Aufgeregt sah sie von einem Gesicht zum anderen.
"Vivi, reg dich jetzt nicht auf…", redete ein Mädchen langsam.
"Und schau nicht in den Spiegel, okay?", schlug Jessi ihr vor.
Vivis Visage wurde noch weißer. Sie sah geschockt zu Benny. Doch auch Benny starrte schockiert zurück.
Mit einem Schlag wandte sie sich ab und rannte in das kleine Klo, das noch an die Garage angebaut war. Denn über dem Waschbecken hing ein schmutziger Spiegel.
Und als Vivi in den Spiegel sah - hallte ein schriller Schrei durch die Straßen der Stadt…

Benny wurde von einem zischenden Geräusch geweckt.
Er öffnete die Augen. Und sah die Decke der Werkstatt - und setze sich kerzengerade auf. Seine verschlafenen Augen glitten die Wände entlang und er gähnte herzhaft.
Neben ihm gab Etwas grunzende Laute von sich. Er sah neben sich und verzog augenblicklich das Gesicht.
Vivis großer Bruder lag neben ihm auf dem, zum Bett umfunktionierten, Sofa und schnarchte vor sich hin. Benny schüttelte sich. Gähnend zog er die Decke weg und erhob sich. Er war nur noch in Boxershorts bekleidet. Und sein Haar war zerzaust.
Vivi kam aus dem kleinen Klo, mit einer giftgrünen Spraydose in der Hand.
Er riss die Augen auf. "Warum hast du jetzt deine ganzen Haare grün angesprüht?"
Frech lächelnd sah das Mädchen auf. "Sieht es gut aus?"
Gestern noch war Vivi rasend vor Wut gewesen. Die kaputte Spraydose hatte ihren halben Haarschopf grün gefärbt, es hatte wirklich dämlich ausgesehen. Jessi und die anderen Mädchen hatten ihre Haare am Waschbecken fünfmal hintereinander gewaschen, aber die Farbe hatte einfach nicht abgehen wollen.
Aber als Vivi sich beruhigt und mit ihrem Schicksal abgefunden hatte, dass sie nun für eine Weile giftgrüne Haare haben würde, hatten sie sich einem anderen Thema zugewandt.
Benny hatte seine Geschichte erzählt. Von Anfang bis Ende. Die Jugendlichen hatten gelacht, sich gewundert und gestaunt. Ob sie ihm nun glaubten oder nicht.
Schließlich war es spät geworden und alle waren nach Hause gegangen. Bis auf Vivi und ihr Bruder. Die beiden waren nicht hinauf in die Wohnung ihrer Eltern gegangen, denn die waren auf einer gewonnenen Kreuzfahrt.
Und da Benny ebenfalls einen Schlafplatz brauchte, hatten sie schließlich in der Werkstadt geschlafen. Benny und Dan auf dem Sofa, Vivi auf der Hängematte.
Nun aber war sie schon wach und hatte sich die Haare ganz giftgrün gefärbt. Warum auch immer.
Aber irgendwie sah sie schon gut aus, dass musste Benny zugeben.
Wie sie dastand in hellblauem Spagettiträger und Hotpans und mit giftgrünen Haaren. Verführerisch gegen den Türrahmen gelehnt.
Oh Gooooooooooooooooooooooooooooooooooooooott!!!
Er war absolut schockiert über die Gedanken, die einfach so in seinen Kopf purzelten. Oh Gott! Was waren das für Gedanken?
Mädchen waren scheiße!
Mädchen sind scheiße! Hast du das verstanden, Hirn? Mädchen sind scheiße!
Das dachte Benny und lief purpurrot an.
Vivi setze sich in Bewegung und trat auf ihn zu. Sein Herz klopfte wie wild. Pfui! Was sollte das? So nah war ein Mädchen noch nie an ihn herangetreten.
"He, Knallkopf!", sagte Vivi. "Wenn du mich noch genauer anglotzt fallen dir gleich die Augen aus." Ihr Grinsen wurde noch breiter und frecher. "Wobei ich zugeben muss, dass du gar nicht mal so übel aussiehst. Gehst du ins Fitnessstudio, weil du so durchtrainiert bist?"
"Ne!" Benny schüttelte heftig den Kopf. "Mit acht Jahren doch nicht!"
Demonstrativ rollte Vivi die Augen. "Ach ja, ich vergas. Aber mal ehrlich - willst du wirklich wieder zu so n´ mickrigen Bettnässer werden? Bleib doch lieber so wie du jetzt bist. So gefällst du mir viel besser aus auf deinem Einschulungsfoto…"
"Es ist nicht das Einschulungsfoto! Das Bild ist von Lins letztem Geburtstag und der ist erst ein halbes Jahr her!"
Vivi schüttelte lachend den Kopf. "Schon gut, es ist nicht das Einschulungsfoto."
"Wasnlooos?", lallte Dan und hob den Kopf. "Kamannischnbischleschlaaaaaafn?" Er streckte sich auf dem Bett aus und gähnte aus ganzer Kraft.
"Wir sollten uns anziehen.", schlug Vivi vor und griff nach ihren Klamotten, die über einer Stuhllehne hingen.
Während sie sich ankleideten stand Dan schwerfällig auf, holte einen Molkedrink aus dem Kühlschrank und griff nach der Fernbedienung.
Erneut rollte Vivi die Augen und flüsterte Benny ins Ohr: "Er ist immer so scharf auf die Dauerwerbung über Küchengeräte, frag mich nicht warum!"
Mit einem ganz leisen Klick ging der altersschwache Minifernseher an.
"...live vor Ort.", sagte eine gutgekleidete Frau in ihr Mikrophon. Es war irgendwo draußen, der Morgenwind blies ihr um die Ohren und wehte ihr ihre dauergewellten Haare ins Gesicht.
"Hey!", stieß Dan enttäuscht hervor. "Fällt die Sendung heute aus?"
"Lieber Gott im Himmel, wie kannst du das meinem Bruder nur antun?" Vivi tat als viele sie gleich in Ohnmacht.
Dan griff nach dem Kissen und warf es nach ihr. Lachend wich das Mädchen aus.
"Niemand weiß woher er gekommen ist.", sprach die Frau weiter. "Etliche Schaulustige haben sich hier versammelt. Es ist wie im Märchen."
"Das sind die Nachrichten.", sagte Dan erstaunt. "Um diese Zeit kommen die doch gar nicht. Muss wohl was ganz außergewöhnliches passiert sein."
Benny kniff die Augen zusammen. "Was ist das im Hintergrund? Das Schwarze da." Die Kamera ging etwas nach hinten und vergrößerte den Blickwinkel.
"Wir sind hier mitten im großen Park und der schwarze Turm, den sie hinter mir sehen, war bis gestern Abend noch nicht hier gestanden."
Es stimmte.
Ein gigantischer schwarzer Turm hob sich zwischen den Bäumen und Büschen empor, wie ein Schatten in der Abendsonne.
"Bei meinem Babe - was ist das?", schnaufte Dan schockiert.
Die Reporterin setzte sich in Bewegung und mit ihr auch die Kamera. "Die Polizei ist bereits vor Ort um sich ein Bild von dem mysteriösen Turm zu verschaffen. Hier haben wir den Polizeichef Herr Hagen." Die Nachrichtensprecherin räusperte sich. "Herr Hagen, gibt es irgendwelche Neuigkeiten über diesen Turm?"
"Nun.", begann der Polizist. "Nicht viel, nur dass der Turm gestern Nacht aufgebaut worden sein muss…aber es ist mir ein Rätsel wie."
"Herr Hagen, hat die örtliche Polizei sich bereits Zutritt zu dem seltsamen Gebäude verschaffen können?"
"Auch das muss ich verneinen. Wir haben sogar begonnen über dem Boden, mit Hilfe von Hubschraubern, in das Gebäude einzudringen, doch es hat weder Türen noch Fenster. Es lässt sich absolut nichts über diesen Turm sagen, nur dass er jetzt einfach da steht."
Die Reporterin drehte sich zur Kamera. "Ich gebe zurück ins Studio."
Das Bild wurde kleiner und ein anderes nahm seinen Platz ein. Ein Moderator mittleren Alters und im Anzug nickte. "Danke an unsere Mitarbeiterin vor Ort. Wir werden sie natürlich auf dem Laufenden halten. Und nun…"
Benny hörte gar nicht mehr hin, er war schon zur Tür hinausgestürmt - mit seinem Rucksack. "Warte mal!", rief Vivi ihm nach und rannte ebenfalls zur Tür.
Als sie nach draußen kam sah sie Benny, der wie angewurzelt dastand und zum Park hinüberblickte. Der Turm erhob sich wie eine mächtige Säule aus dem Grün.
Vivi hielt sich die Hand vor den Mund. "Das ist…"
Benny kramte im Rucksack herum, bis er das Tagebuch gefunden hatte. Er schlug es auf und holte die Zeichnung heraus. Neugierig lugte ihm das Mädchen über die Schulter. Benny kümmerte es nicht, stattdessen verglich er den Turm mit der Zeichnung.
Letztendlich schlussfolgerte er: "Das ist nicht der richtige Turm."
"Wie?" Vivi verstand nicht.
Ohne ein Wort setze Benny sich in Bewegung.
"Mann! Bist du taub? Du sollst warten", fuhr Vivi ihn an und packte ihn am Arm.
Wütend drehte Benny sich um und befreite sich aus ihrem Griff. "Ich habe keine Zeit zum Warten, also lass mich in Ruhe!"
"Aber so…"
"Wo wollt ihr denn so schnell hin?", fragte eine schläfrige Stimme. Dan kam halbbekleidet aus der Werkstatt getorkelt.
"Benny will zu dem Turm!", sagte Vivi, es hörte sich wie ein Klagen an.
Dan stierte ihn verwundert an. "Zum Turm? Lass das mal lieber, die Polizei wird sich schon darum kümmern. Gehen wir lieber frühstücken, nach dem Aufstehen habe ich immer einen Bärenhunger."
"Was soll die Polizei schon ausrichten, gegen einen Turm voller Magie?", entgegnete Benny unverfroren.
"Was?", sprachen Vivi und ihr Bruder wie aus einem Munde.
"Ich kann sie bis hierher fühlen, obwohl ich ein gutes Stück entfernt bin…", murmelte Benny. Und erneut trat er voran. Während des Gehens stopfte er das Tagebuch zurück in den Rucksack.
Dan und Vivi sahen sich kurz an - und folgten ihm.
"Na toll, gehe ich halt mit leerem Magen aus dem Haus.", knurrte Dan und sein Magen schloss sich ihm an.
Nach wenigen Schritten fing Benny an zu rennen und Vivi folgte ihm.
Nach einem weiteren qualvollen Aufseufzen schloss sich Dan der Rennerei an. Es dauert nicht lange bis sie im Park, am Fuße des Turmes waren, da der gesamte Verkehr lahmgelegt war.
Blaue Lichter blinkten von den Polizeiautos durch die Menge, um den Turm war ein gelbes Kunststoffband gebunden und etliche Beamte versuchten den Wall sich vordrängelnder Leute zurückzuhalten. Während Männer und Frauen in weißen Anzügen und seltsamen Instrumenten den Turm abtasteten und absuchten. Auch die Reporterin und ihr Team standen nicht weit von ihnen entfernt und gingen ihr Sendeprogramm nochmals durch.
Und wie es der Zufall so wollte trafen sie gleich auf Jessi, Serge, Gummy und Joe, die ebenfalls der Schaulust nachgingen.
"Hey, Leute! Was macht ihr denn hier?", schrie Vivi über das Gemurmel der Menge hinweg. Die Jugendlichen drehten sich suchend um. Jessie entdeckte sie als erstes und winkte eifrig. Sie gingen zu den Gangmitgliedern hinüber.
"Schaut euch mal das riesige Ding da an!" Joe zeigte mit dem Finger auf den Turm. Serge richtete seine Brille auf der Nase. "Das ist physikalisch absolut unmöglich! Ein so hohes Gebäude kann nicht innerhalb einer Nacht errichtet werden, auch wenn es aus Fertigwänden besteht!"
"Das mit der Cola gestern war auch physikalisch unmöglich, aber du hast es mit eigenen Augen gesehen. Erklär mal das, Klugscheißer!"
Jessi legte die Hand gegen die Stirn um bessere Sicht zu haben. "Was passiert jetzt? Wozu steht der Turm plötzlich da?"
Benny tat es ihr nach. Der Turm war riesig, doppelt so hoch wie ein dreistöckiges Hochhaus. "Ich muss da rein!", verkündete er.
"Was???", riefen alle gemeinsam aus. Auch einige fremde Leute neben ihnen blickten ihn an als sei er geisteskrank. Doch er bahnte (und schupste) sich schon einen Weg nach vorne zur Absperrung.
"Dieser Junge ist einfach irre! Der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank!", äußerte sich Gummy und fing an wie wild auf seinem Kaugummi herumzukauen.
"Kommt mit!", forderte Vivi sie auf und ging Benny nach.
Verstört fielen den Anderen die Kinnladen herunter, aber sie taten wie ihnen geheißen. Also kamen sie zur Absperrung, nur noch ein Plastikband stand zwischen ihnen und dem Turm.
Dan kratze sich am Kinn. "Der scheint aus schwarzem Marmor zu bestehen."
"Und was sind das für Rohre, die den Turm entlangführen?", fragte Jessi erstaunt.
"Das sind keine Rohre - das sind Stromkabel!", stieß Serge hervor.
"Stromkabel? Wozu das denn?", gab Joe seinen Senf dazu.
Vivi runzelte die Stirn. "Hä? Was ist das?"
"Was ist was?", fragte Dan.
Vivi deutete auf die Straße. "Das da! Und dort drüben ist noch eine und dort auch und dort!" Dan folgte ihrem Finger, sah aber nichts ungewöhnliches. Was meinte Vivi?
Währenddessen tuschelten Joe, Gummy, Serge und Jessi über die Funktion der Stromkabel und Benny konzentrierte sich auf die starke Magie, die den Turm umgab. Er musste sich irgendwie Zugang verschaffen, aber wie? Nirgendwo erblickte er eine Tür oder ein Fenster. Vielleicht kam er mit Hilfe seiner eigenen Magie hinein? So wie bei dem Geschäft. Es gab zwar kein Schloss, das er mit Magie aufschließen konnte, aber irgendwas musste er doch ausrichten können!
Er stieg über die Absperrung hinweg. Die Leute um ihn herum staunten nicht schlecht, auch nicht der Polizist, der sich mit aufgerissenen Augen ihm sofort in den Weg stellte.
"Entschuldigung, junger Mann. Aber die Absperrung ist doch wohl überdeutlich als eine zu erkennen!"
"Ja, ich hab sie gesehen.", erklärte Benny ihm. "Aber ich muss zu diesem Turm. Bitte, ich muss in den Turm gelangen!"
"Ich bitte dich wieder hinter die Absperrung zu…"
"Aber er muss da hinein!", protestierte Vivi stieg ebenfalls über das Band. "Glauben sie mir - dieser Junge muss einfach. Er weis was er tut!"
Mit empörtem Ausdruck öffnete der Polizist den Mund um etwas zu sagen, aber schon stiegen die anderen über das Band. Nur Dan, ebenso entsetzt wie der Polizist, blieb dem Gesetz treu und sprach: "Kommt sofort wieder her!"
Der Polizist legte Gummy eine Hand auf die Schulter. "Tretet sofort wieder hinter die…"
"Hast du nicht gehört, Vivi?" Nun tat auch Dan ein Bein über das gelbe Band.
"Hey! Nicht du auch noch!", brüllte der Polizist, jetzt wütend. Und auch die Schaulustigen protestierten jetzt gegen die Clique.
Benny nutze die allgemeine Aufregung und wandte seine Aufmerksamkeit ganz dem Turm zu. Er legte die flache Hand auf den Marmor. Der Stein war warm, wenn nicht gar heiß. Aber in den Nachrichten hatten sie das nicht erwähnt - wie auch? Er war der Einzige, der die Hitze der vielen magischen Energie spürte, die in den Turm floss. Aber woher kam sie?
Er ließ ein wenig von seiner Magie frei. Seine Magie fühlte sich kalt an im Gegensatz zu der Energie in dem Turm. Es war nicht verwunderlich. Die Energie im Turm war ebenso riesig wie das Gebilde selbst. Es waren Unmengen an Energie. Mehr als es je ein einzelner Mensch haben könnte. Ein menschlicher Körper reichte gar nicht aus um eine solche Masse in sich aufzunehmen und festzuhalten -
Oh doch! Da gab es jemanden, einen einzigen Menschen, der das wahrhaftig geschafft hatte. Und dieser Mensch war Lin, seine Schwester. Sie trug das Millionenfache an Magie in ihrem Körper, als dieser Turm in sich vereinigte. Aber diese Magie war in ihr verborgen, man konnte sie nicht fühlen. Nicht ein Funken Magie war an ihr zu spüren. Plötzlich fühlte er etwas anderes. Es war nicht die einfache Energie, die in den Turm hineinfloss - es war schwarze Magie und er hatte sie schon einmal gespürt.
In Ganons Schloss, als der schwarze Schleim ihn verschluckt hatte.
Und seine Ahnung sollte ihn nicht enttäuschen.
Er wollte die Hand zurückziehen, doch es war schon zu spät. Der Stein wurde zu Schleim, der blitzschnell zupackte. Benny erschrak so stark, dass er aufschrie.
Abrupt endeten alle Streitgespräche und die Gesichter wandten sich ihm zu.
Der Schleim hatte seine Hand samt Unterarm verschluckt. Wie ein Irrer zog und zerrte er an seinem Arm, doch der schwarze Schleim gab ihn nicht mehr frei. Im Gegenteil, er zog ihn Stück für Stück in sich hinein.
"Oh Gott!!!!!", schrie Jessi.
"Was ist das!?!", fragte Gummy.
"Es verschlingt ihn!", brüllte Vivi.
Der Polizist griff voller Schreck nach seinem Rucksack und zerrte daran. Vivi stattdessen packte Bennys anderen Arm und lehnte sich nach hinten. "Helft mir!", wies sie die anderen an. Sofort griff auch Joe zu und Jessi.
Serge griff ebenfalls nach dem Rucksack, Gummy war so in Panik, dass er nichts anderes wusste als noch energischer auf seinem Kaugummi herum zu malmen. Dan kam gar nicht durch.
"Zieht!", schrie Vivi.
Benny konnte nicht, weil fast sein ganzer Rumpf schon im Schleim versunken war. Nur noch ein Bein, ein Stück vom Rücken mit dem Rucksack, ein Arm und der Kopf sahen heraus.
"Hilfe!", kreischte er in Panik.
In diesem Augenblick riss der Rucksack. Und Serge und der Polizist fielen nach hinten, genau auf Gummy und Dan, die mit zu Boden gerissen wurden.
Benny wehrte sich mit aller Kraft und ebenso mit aller Kraft zogen die Jugendlichen an ihm.
Doch es war aussichtslos -
Als die schwarzen Schleimranken hervorschossen. Entsetzt schrieen sie auf. Joe ließ sogar den Arm los. Aber auch er entkam den Ranken nicht. Erbarmungslos umschlangen sie die drei Jugendlichen und zogen sie in den Schleim hinein.
Die Leute waren außerstande sich zu rühren. Zu groß war der Schock.
Also taten sie nichts anderes, als zuzusehen, wie die fünf Jugendlichen vom Schleim verschluckt wurden. Und wie der Schleim sich wieder glättete und hart wurde, zu Stein. So als wäre nichts gewesen.
Etwas abseits stand ein Auto. Eine schwarze Limousine stand auf der Straße.
Durch die getönten Fensterscheiben hatte die Insassin des exquisiten Luxuswagen das Geschehen beobachtet. Mit dem teuren Fächer in ihrer Hand fächelte sie sich Luft zu. Der Fächer stammte aus China und war extra für sie angefertigt worden. Die schönen chinesischen Zeichen auf der Rückseite zierten den Stoff. Auf der Vorderseite war eine atemberaubend schöne Landschaft aufgemalt worden. Von einer kleinen Wasserquelle, die eine Steinwand entlangfloss, umragt von zartrosanen Blumen.
Sie lachte leise und wandte sich an ihren Chauffeur. "James, sieht aus als hätten wir ihn endlich gefunden…"


5. Kapitel
"Good day my dear servants!", sprach Kim und verschränkte die Finger ineinander. Er saß in einem großen ledernen Sessel. Vor ihm war der gigantische Zentralcomputer. Der Bildschirm nahm die ganze Wand vor ihm ein.
Auf diesem waren mehrere Fenster zu sehen mit verschiedenen Männern und Frauen aus der ganzen Welt. Sie waren allesamt reich oder mächtig, ja manche sogar beides. Doch eigentlich hatten sie nichts miteinander zu tun. Nie.
Nur der leichte rote Schimmer der Haare war bei allen der gleiche. Allerdings hatten nicht wenige die Haare gefärbt oder waren gar so alt, dass die Haare ergraut oder ausgefallen waren.
Nun, sie hatten nie etwas miteinander zu tun gehabt, sie kannten sich nicht einmal persönlich - bis zu jenem Tag!
Als er, ihr König, in dieser Zeit eingetroffen war.
"Let our meeting began." Er lachte, was seine Untertanen am Bildschirm verwirrte.
Kim sprach fließend Englisch. Und auch Deutsch, Französisch, Spanisch, Russisch und Latein. Er hatte sich jahrelang nur darauf vorbereitet seine Bestimmung zu erfüllen. Demnach beherrschte er auch alle Sprachen, die die Landessprache einflussreicher Länder bedeutete und auf ihre Weise wichtig für ihn sein konnten.
Ein Mann in einem der mittleren Fenster räusperte sich und ergriff das Wort: "Lord, allows me, for all of your loyal subordinate, to emphasize that it is the greatest honour to greet you in our time!" (Wer mir den Satz korrekt übersetzten kann, dem widme ich den nächsten Teil ^o^) Zustimmendes Gemurmel erklang.
Kim konnte sich nicht erinnern je geduldig gewesen zu sein. Darum stieg allmählich Wut in ihm auf, aber er ließ sie sich nicht anmerken. Er hob nur die Hand um dem Getuschel Einhalt zu gebieten.
"Time and tide wait for no man, dear Ladies and Sirs!", sprach er.
Seine Diener wurden noch nervöser als sowieso schon, was ihn amüsierte, aber auch das ließ er sich nicht anmerken. Er hatte sich fest vorgenommen von Außen genauso kühl und gleichgültig zu wirken wie sein Meister. Es war nötig sich niemals eine Blöße zu geben, das hatte er gelernt.
Nun fuhr eine Frau fort: "My Lord, we did your advice… …wie Ihr es befohlen hattet!"
"Stehen die Türme also?"
Die Frau nickte leicht. "In jeder Stadt mit mehr als zweihunderttausend Einwohnern. Sie sind über Nacht errichtet worden, mit Hilfe der Magie, die Ihr uns über das digitale Netzwerk gesendet habt."
Ah, das Internet! Eine tolle Erfindung der heutigen Zeit. Er konnte seine Magie einfach digitalisieren und sie in normalen E-mails verschicken. Es war lächerlich einfach. Kim lachte in sich hinein. "Nun gut…", sprach er. Und er begann über seine Pläne zu sprechen, über die weiteren Vorgehensweisen und er gab die nächsten Befehle.
Er war es, der die meiste Zeit redete. Seine Untertanen wagten es kaum ihn zu unterbrechen, nachzufragen oder gar zu widersprechen. Als er geendet hatte verabschiedete er sie schnell, er wollte sich schnell ihrer entledigen. Ohne ein weiteres Wort trennte er die Verbindung zu allen seinen Anhängern auf dem Bildschirm, ausnahmslos.
Schließlich brauchte er seine Ruhe. Aber die ließ noch lange auf sich warten.
Hinter ihm traten drei Menschen ein.
Es waren Matthew und die beiden Frauen, denen er gestern im Gang begegnet war. "Was habt ihr zu berichten?"
Die drei fielen vor ihm auf die Knie, obwohl er ihnen den Rücken zugewandt hielt.
Matthew sprach: "Der Chef des Elektrizitätsunternehmen bittet um Eure Gnade. Es gab einige Komplikationen mit dem Satelliten, die in nächster Zeit nicht behoben werden können. Darum bittet er Euch Eure Pläne etwas zu verschieben."
"Das werden sie sowieso. Ohne mein Kind kann ich meine Aufgabe ohnehin nicht erfüllen! Aber sag, warum schickt er dich als Vermittler? Warum teilt er es mir nicht persönlich mit?"
Schweigen folgte. Keiner antwortete ihm.
Das erzürnte ihn nur noch mehr. "Klebt dir die Zunge am Gaumen?"
Eine Frau antworte an Metthews Stelle: "Herr, er sagte uns er fürchte sich vor eurer Reaktion, darum lag es ihm näher uns zu schicken."
"Verstehe…", erwiderte Kim und musste lachen. Es war ein kaltes und erbarmungsloses Lachen. Er erschreckte selbst über dieses Lachen. Es ließ ihm das Blut in den Andern gefrieren. Wie mussten sich dann die drei Untergebenen hinter ihm fühlen?
"Es ist schon seltsam. Ihr kennt mich gar nicht und habt schon so große Furcht vor mir. Und solch jämmerliche Gestallten dürfen sich die Nachkommen des Wüstenvolkes nennen…"Beschämt senkten die drei den Kopf.
Kim erhob sich aus seinem Sessel und trat um ihn herum. Die drei jungen Menschen knieten noch immer bibbernd am Boden.
"Erika!", befahl er. Die junge Frau, die eben gesprochen hatte, hob den Kopf. "Du wirst den Turm nicht verlassen. Ich will, dass du bei meiner Frau bleibst und sie umsorgst!"
"Ja, Herr." Die Frau erhob sich, verbeugte sich und verließ den Raum.
Dann musterte Kim die beiden Übrigen. "Ihr beide sorgt dafür, dass mir jegliche abnormalen Vorkommnisse im Zusammenhang mit den schwarzen Türmen umgehend berichtet werden. Die Menschen haben sie sicher schon zur Kenntnis genommen und wer weis was sie vorhaben. Ich will nicht, dass einer meiner Türme beschädigt wird!"
"Ja, Herr.", erwiderten auch die beiden im Chor und verließen umgehend den Raum.
Kim atmete erleichtert aus. Ihm gefiel seine Rolle ganz und gar nicht.
Jahrelang hatte er sich beschwert, dass er Ganon bedingungslos hatte gehorchen müssen und nun, da er der war, dem man bedingungslos zu gehorchen hatte, fühlte er sich überfordert. Herrscher zu sein war sehr gewöhnungsbedürftig.
Der Bildschirm sprang wieder an und er wäre vor Schreck beinahe hingefallen. Er hatte sich zu sehr von seinen Gedanken mitreisen lassen.
Ein Fenster, mit dem Gesicht eines jungen Mannes war aufgetaucht.
"Herr.", begann der Mann. "Erlaubt mir zu sprechen."
Kim klammerte sich an den Sessel fest und nickte. Er versuchte sein pochendes Herz zu beruhigen.
"Herr, es sind Eindringlinge im Turm Nr. 2649!"
Kim runzelte verblüfft die Stirn.
Jemand war in einen Turm eingedrungen? Wer und wie hatte es geschafft? Seine Türme waren durch einen seiner stärksten Zauber geschützt!
Mit einem Schwenker seine Hand setze er sich wieder auf den Sessel. "Zeig mir die Eindringlinge!"
Sofort tippte der junge Mann auf einer Tastatur herum, die vor ihm liegen musste. Das Fenster mit ihm wurde kleiner und machte mehreren Fenstern aus verschiedenen Perspektiven platz.
Überhaupt nicht schlecht staunte Kim über das, was er da zu sehen bekam.
Es war Benny, der sich, noch benommen, bemühte auf die Beine zu kommen. Mit drei Weiteren, die Kim nicht kannte. Aber die waren ohnehin bedeutungslos.
Es wunderte Kim wie schnell Benny seinen Weg gekreuzt hatte. Der Kleine gefiel ihm immer mehr. Das konnte noch sehr lustig werden. Dafür, dass ihm einmal nur eine Rolle als Pfandgut zugetan gewesen war, bewerte er sich jetzt.
"Soll ich sie gefangen nehmen oder gleich beseitigen?", fragte der junge Mann.
Kim schüttelte den Kopf. "Nichts von beidem. Lass sie nur machen…"
Der Mann schien über seinen Befehl schockiert. "Aber Herr! Wenn sie in den Enerigesammelraum gelangen und den Chip beschädigen ist der Turm zerstört!"
"Erst einmal müssen sie überhaupt dorthin gelangen und den Zauber brechen, der den Chip umgibt. Außerdem, sollte es ihnen gelingen, was ich stark bezweifle, macht es mir ohnehin nichts aus. Diese Stadt ist nicht von Nöten, so mickrig wie sie ist."
Der Mann schien überhaupt nicht mit seinem Befehl zufrieden, nickte aber und wollte sich bereits ausklinken als -
"Noch etwas!", sagte Kim abrupt. Der Mann sah auf. "Siehst du den Blonden?"
"Ja, Herr."
"Ich will sehen wie stark er ist. Messe dich mit ihm!"
"Ja, Herr."
Dann erlosch die Verbindung und der Bildschirm wurde wieder schwarz.
Kim lehnte sich tief in den Sessel hinein. Er war ziemlich müde, aber die Nacht ließ noch auf sich warten. Er massierte sich die Schläfen.
Leise…ganz leise glitt die Tür auf…
Mit einem Knarren, das nicht mehr als ein Flüstern zu sein schien.
Die schwarze Gestallt, in der Dunkelheit des Raumes verborgen, glitt ebenfalls hinein. Nichts war zu hören. Weder wie die Tür ins Schloss fiel, noch die Schritte der Gestallt. Einzig der raschelnde Atem hallte von den Wänden.
Kim trippelte mit den Fingerspitzen auf der Sessellehne.
Ein leises Lachen entfuhr seinen Lippen. "Ich hatte nicht gedacht, dass du kommst."
Die Gestallt kniete nieder und antwortete mit fester Stimme: "Herr, Ihr habt gerufen und ich kam. Nichts stelle ich über meine Loyalität zu Euch!"
"Ach, und ich soll dir vertrauen?", widersprach Kim.
Die Gestallt legte sich die flache Hand auf die Brust. "Seit meiner Geburt gehört mein Leben Euch. Kein Grund wäre gut genug um einen Verrat an Euch zu rechtfertigen."
"Nun gut. Dann sollst du gleich einen Befehl erhalten.", fuhr Kim fort und hob die Hand. Mit dem Finger zeigte er auf Benny, der damit beschäftigt war einem Mädchen auf die Beine helfen zu wollen. "Ich will, dass du ihn beobachtest und mir über alles berichtest was er tut. Weiche nicht von seiner Seite!"
Die Gestallt erhob sich und sprach: "Wie Ihr befiehlt, Herr."

Benny war der Erste, der sein Bewusstsein wiedererlangte.
Langsam und vorsichtig setzte er sich auf. Ihm war schwindelig. Darum packte er sich an seinen schweren Kopf und blinzelte. Ihm war kotzübel, dabei war es ja nicht das erste Mal.
Etwas von ihm entfernt lagen die anderen drei Anderen.
Noch benommen bemühte er sich auf die Beine zu kommen. Und dann versuchte er sein Gleichgewicht zu halten. Was mit dem Schwindel nicht gerade leicht war!
Seine Augen gewöhnten sich an die Umgebung und er blickte sich um.
Sie befanden sich in einem kleinen Raum, der keine Fenster besaß. Nur eine Tür wartete auf der Gegenseite darauf genutzt zu werden.
Doch es gab nicht einmal eine Lampe, weder an der Decke noch eine einfache Tischlampe, die in der Gegend herumstand. Trotzdem war es vollkommen hell, denn alle Wände, einschließlich Decke und Boden, gaben Licht ab. Ein farbloses Neonlicht, in dem sie schwammen.
Er trottete, mehr schlecht als recht, auf Vivi zu und berührte sie an der Schulter. "Vivi, wach auf! Wach auf!"
Der giftgrüne Schopf bewegte sich und Vivi gab einen nörgelnden Laut von sich. "Was ist denn los?", nuschelte sie und öffnete die Augen.
Plötzlich war sie hellwach und setze sich auf. "Wo sind wir?"
"Im Inneren des Turmes. Der schwarze Schleim hat uns hergebracht.", erklärte Benny. Vivi fasste sich an den Kopf. "Ich fühl mich als wäre ich zehn Stunden hintereinander Achterbahn gefahren."
Er reichte Vivi die Hand, er wollte ihr aufhelfen. Kurz sah sie seine Hand auch an, aber dann schlug Vivi sie weg. Während sie sich mühsam von selbst erhob fauchte sie: "So weit kommt es nicht, dass ich mir von einem Jungen aufhelfen lassen muss!"
Benny zuckte die Achseln und machte sich eilends daran auch die anderen Beiden auf die Beine zu bekommen. Joe erhob sich sofort.
Aber mit Jessi hatte er mehr Mühe. Sie weigerte sich erst aufzuwachen. Dann schrie sie: "Wo sind wir?"
Die Wände warfen ihren Schrei als Echo zurück. Hunderte von Jessis schrieen. "…sind wir….sind wir…"
"Mein Gott, Jessi, halt die Klappe!", zischte Vivi.
Beleidigt blies Jessi die Backen auf.
Vivi stemmte die Arme gegen die Hüften und ließ ihren Blick schweifen. Bis er an der Tür hängen blieb. "Gehen wir!"
Die drei Jugendlichen wollten sich in Bewegung setzen, doch Benny vertrat ihnen den Weg.
"Ich muss euch etwas sagen!", begann er. "Ich weis zwar nicht was genau uns erwartet, aber ich weis, dass es sehr gefährlich…"
Vivi stieß ihn zur Seite. "Jaja Superhero. Ich weis schon."
"Nein, ich meine es ernst. Ihr könntet euer Leben verlieren! Bleibt stehen! Ich weis wovon ich spreche! Verdammt noch mal!" Er war ja echt frustriert, wenn er schon anfing wie Lin zu fluchen.
Er lief ihnen nach und brüllte weiter in was für einer Gefahr sie sich befanden.
Plötzlich blieb Vivi stehen und er knallte gegen sie. Nachdem sie ihm einen Faustschlag in die Magengegend verpasst hatte, baute sie sich vor ihm auf.
"Na schön, du Warmduscher!" Sie griff in ihre Hosentasche, holte den Butterfly heraus und klatschte ihn Benny in die Hand. "Damit du dich etwas sicherer fühlst!"
Benny, und nicht nur er, starrte mit großen Augen auf das Metall in seiner Hand.
"Das ist doch nicht dein Ernst! Du gibst dem deinen Butterfly?"
Vivi zuckte die Achseln. "So wie er sich anhört hat er es nötig."
Doch Benny zerbrach sich über etwas ganz anderem den Kopf. "Aber dann hast du keine Waffe mehr! Wie willst du dich verteidigen?"
Vivi sah ihn an als gehöre er sofort in die Klapsmühle. "Wie bitte?"
"Ich meine es absolut ernst, Vivi!"
Das Mädchen rollte die Augen. "Okay, okay!" Erneut kramte sie in ihrer Tasche und holte ein rotes Taschenmesser heraus. "Da, siehst du? Ich habe noch was!"
Einigermaßen zufrieden nickte Benny und wandte sich ab. Er öffnete die Tür und wartete bis die anderen Drei sich zu ihm gesellt hatten. Gemeinsam traten sie in den neuen Raum.
Auch dieser war winzig klein. Und es führten zwei weitere Türen hinaus, eine links und eine rechts.
"Was machen wir jetzt?", fragte Joe. "Welche Tür?"
"Wo wollen wir eigentlich hin?", fragte Jessi.
Doch Vivi starrte schon wieder mit zusammengekniffenen Augen. "Da sind die ja schon wieder!" Sie ging an der Wand entlang, in Richtung der linken Türe.
"Eh, warte mal! Wo gehst du hin, Vivi?", fragte Joe.
Vivi drehte sich zu ihm um. "Na, ich folge den weißen Linien!"
Jessi hopste nach hinten, als hätten Vivis Worte sie verbrannt. "Was für weiße Linien?"
Vivi deutete mit dem Finger. "Na die da! Seid ihr blind? Die Linien, die an den Wänden zu der Tür führen."
Benny klappte der Mund nach unten. "Du kannst sie sehen? Du kannst die Energieströme sehen?"
"Energieströme?", wiederholte Joe verwirrt.
"Ich habe sie schon auf der Straße draußen gesehen…Was sind Energieströme?"
"Ich weis nicht genau aus was für einer Energie diese Ströme bestehen, aber sie werden irgendwo hier im Turm in Magie umgewandelt. Darum auch diese starke Ausstrahlung des Turmes, die ich spüre."
"Verstehe ich nicht.", erwiderte Jessi. "Aber ich will hier trotzdem so schnell wie möglich raus!"
"In Magie umgewandelt?", bohrte Vivi weiter nach.
"Ja, man kann alle Art von Energie in Magie umwandeln, wenn man es beherrscht. Ich habe mal gesehen wie Ganon Energie aus der Luft gezogen und zu einer explosiven Magiekugel umgewandelt hat. Wir wären fast gestorben!"
Joe fragte: "Aus der Luft gezogen?"
Jessi fragte: "Explosive Magiekugel?"
Vivi fragte: "Ganon? Der Vater von dem, der jetzt die Welt bedroht?"
"Ja, genau der."
"Das klingt wie in einem Computerspiel!", entgegnete Joe.
Benny schlug mit der Faust auf die flache Hand. "Er hat meine Schwester in der Gewalt und ich muss sie befreien!"
"Dann lasst uns gleich damit beginnen!", rief Vivi wie einen Kampfschrei aus und rannte zur linken Tür.
"He, warte mal!", stieß Joe aus und rannte ihr nach.
Benny und Jessi sahen sich an, zuckten die Achseln und wollten hinterher -
doch in diesem Moment vibrierte die Decke. Jessi kreischte. Und noch bevor die Vier begriffen wie es um sie geschah - donnerte eine Wand aus der Mitte der Decke und teilte den Raum in zwei.
Das eigentliche Problem bestand darin, dass sich Vivi und Joe auf der linken und Benny und Jessi auf der rechten Seite der Wand befanden. Was sollten sie jetzt machen?
Joe starrte voller Entsetzen auf die Wand, die aus dem Nichts gekommen war, naja aus der Decke, aber einfach so, ohne jeglichen Grund.
"Scheiße! Was soll denn das?"
Er machte anstallten zur Mauer zu laufen, aber Vivi hielt ihm am Kragen seines Pullovers fest. "Nix da! Wir gehen da lang!" Sie deutete auf die Tür.
"Aber die anderen Beiden sind doch…"
"Ich will endlich das ende dieser Ströme finden!", entgegnete Vivi scharf. Sie ließ keinen Widerstand durchgehen. Sie öffnete die Tür.
Dahinter…keiner der beiden wollte seinen Augen trauen. Eine breite Wendeltreppe schlängelte sich vor ihnen nach oben.
"Ne oder? Nicht da rauf!", pfiff Joe zwischen den Zähnen hervor.
Vivi sah ihn an und lächelte frech. "Und ob!"

***

Währenddessen hämmerte Benny mit seinen Fäusten auf die Wand ein. "Vivi! Joe!", brüllte er. "Könnt ihr mich hören?"
"Oh Gott! Was machen wir nur, was machen wir nur?", kreischte Jessi und zupfte hysterisch an ihrem knappen Mini herum.
Benny drehte sich zu ihr um. "Jetzt bloß keine Panik, in Ordnung? Wir kommen hier schon raus."
"Aber wie? Wie?", kreischte Jessi weiter.
Benny sah sich um. Da war nur die rechte Tür, die ihnen als einziger Weg zur Verfügung stand. Deshalb ging er zur Tür und schlug sie auf.
Vollkommene Dunkelheit starrte ihm entgegen.
"Da willst du doch nicht wirklich reingehen!", schluckte Jessi.
Doch er hatte keine Lust mehr ihr Gekreische zu ertragen, darum trat er einfach ein. "Benny! Lass mich nicht allein!", schrie Jessi in ihrer Verzweiflung und stürzte ihm hinterher. Sie knallte gegen ihn und trieb ihn tiefer in den Raum hinein.
Dann gab es einen lauten Knall, das Licht, das durch den anderen Raum hineingefallen war, erlosch mit dem Zuknallen der Tür. Auch folgte ein ebenso lautes Klicken.
Sie waren eingesperrt.
Benny erhob sich. Es war absolut finster, er konnte die eigene Hand vor Augen nicht annähernd erkennen. Wie Jessi anfing zu heulen hörte er allerdings doch.
"Was machen wir jetzt? Wir sind eingesperrt und es ist dunkel!", heulte sie. "Und wir sind ganz alleinnnnnnn…"
"Ihr seid nicht allein!", sprach eine Stimme plötzlich.
Es war weder Jessis noch Bennys Stimme.
Dur die Finsternis hallte ein Klatschen.
Genau in diesem Augenblick gingen die Lichter an. Ein Paar nach dem anderen. Es waren hunderte von runden kleinen Lampen, die in die Wände eingegeben waren. Der Raum war zehn Schritte breit, aber um das fünffache lang, wie ein Flur.
Und auf der gegenüberliegenden Seite war ein Spiegel auf die Wand gehängt. Ein Schlangenkopf mit aufgerissenem Maul, das die glatte Spiegelfläche hielt.
Genau davor stand ein junger Mann, eigentlich kaum älter als er selbst. Ein Junge, der an der Schwelle zum Mannsein stand.
Der Mann hatte einen Speer in der Hand. Mit ernstem und feindseligem Blick fixierte er Benny. Und nur Benny. Jessi schien er gar nicht wahrzunehmen.
"Ihr hättet niemals herkommen sollen! Mein Herr erlaubt keine Einmischung in seine Pläne!", sprach der Mann weiter.
Benny fuhr sich mit dem Handrücken unter die Nase und entgegnete: "Wenn ich ihn störe, dann soll sich dein Herr dorthin verpissen, von wo er gekommen ist!"
Das Gesicht des Mannes lief dunkelrot an. Mit vor Zorn zitternder Stimme schnaubte er: "Du wagst es meinen Herrn zu beleidigen!"
"Und ob…", wollte Benny fortfahren.
Jessi riss wie verrückt an seinem Ärmel. "Bist du bescheuert? Mach ihn doch nicht noch wütend!"
"…ich das tue! Dein Herr ist ein…" Er suchte nach einem besonders bösen Schimpfwort. Ein schmutziges, das an Vulgarität kaum noch zu übertreffen war. Etwas das so widerlich und ekelerregend war, dass es zivilisierten Leuten nicht einmal in ihren kühnsten Träumen über die Lippen kam. "…Blödmann!"
Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.
Mit einem Schrei stürzte der Mann vor, mit schnellen Schritten und erhobenem Speer rannte er auf sie zu. Jessi schrie auf.
Doch Benny schrie: "Rühr dich nicht von der Stelle." Und stürzte ebenfalls dem jungen Mann entgegen. Nicht wegen seines nicht existentialen Mutes, sondern weil er vertraute. Er vertraute darauf, dass er der Held der Zeit war und somit eine angeborene Gabe zum Nahkampf. Er war eben nur ein naiver kleiner Junge.
Im Rennen klappte er das Messer von Vivi auf. Die Waffen trafen aufeinander. Es gab ein Klirren. Jessi beobachtete den Kampf aus sicherer Entfernung, jedoch mit großen Augen.

***

"Wie weit ist es denn noch?", klagte Joe. "Ich kann nicht mehr!"
"Hör auf zu jammern!", befahl Vivi.
Sie hatten schon tausende von Stufen hinter sich gebracht. Auch Vivi musste zugeben, dass sie durchgeschwitzt war und bald zusammenbrechen würde, wenn nicht endlich ein Ende in Sicht kam.
"Wie weit ist es denn noch?", klagte Joe erneut.
"Mann, hör endlich auf! Ich kann auch nicht mehr, also…"
In diesem Moment hörte die Treppe auf.
Überglücklich sprang Joe die letzten Stufen hoch und schnaufte erleichtert, als er oben angekommen war. "Ich liebe…dieses…Stockwerk!", hechelte Joe.
"In Ordnung, aber bei Fuß. Hopphopp mein kleine Wauwau!", entgegnete Vivi.
Joe winkelte die Arme an und hechelte übertrieben. Beide mussten lachen.
Die Tür, am Ende der Treppe zischte auf und beide fuhren zusammen. Erst sahen sie die Tür an und dann sich.
Vivi lacht über diese Einfachheit. "Worauf wartest du noch, Joe? Auf eine schriftliche Einladung?"
Hand in Hand trällerten sie durch die Tür. Doch als sie das Zimmer betraten - blieben beide wie zur Säule erstarrt stehen.
"Was ist das?", stieß Joe hervor.
Es war ein seltsames Gebilde, das da mitten in der runden Kammer stand. Ein merkwürdiges Geräusch ging davon aus. (Das von den Siegeln aus OoT - sorry, hab keine Ahnung wie ich das beschreiben soll) Es war furchtbar laut.
Mitten im Raum ragte eine Säule heraus. Darauf lag ein Glaskasten. Und von den Wänden stiegen gigantische Bögen heraus, die von Stromkabeln umwickelt waren. Alle liefen in eine kleine Spitze über, direkt über der Vitrine.
Der Weise Strahl schoss aus der Spitze und bildete eine Kugel aus weißem Licht um die Vitrine.
"Ist das dieser weiße Energiestrom?", fragte Joe erstaunt. Hier war so viel Energie vereint, dass auch er es sehen konnte.
Vivi überging seine Frage und stellte sich vor die Säule. Genau unter dem Glaskasten war ein schwarzes Feld angebracht, wie es sie auch auf Uhren mit Digitalanzeige gab. Darauf standen die zwei roten Buchstaben O und N - ON.
In der Vitrine befand sich ein…
"Ein Chip?", staunte Vivi. "Ist das ein Chip wie bei einem Computer? Ein Prozessor von irgendwas?"
"Finden wir es heraus.", meinte Joe kurz angebunden und griff nach der Vitrine. Doch als seine Finger die Kugel berührten wurden genau diese Stellen dunkelviolett. Das merkwürdige Geräusch verstummte.
Die Finger noch in der weißen Energiemasse blickte Joe auf. "Was ist jetzt los?"
"Ich weis nicht.", antwortete Vivi.
Plötzlich zischte ein Blitz aus der Energie und ehe Joe vor Überraschung schreien konnte traf dieser ihn mitten in den Bauch und schleuderte ihn an die Wand. Benommen und mit mordsmäßigen Bauchschmerzen rutschte er an ihr herunter und blieb liegen. Joe winselte am Boden.
Aus Vivis Gesicht war die Farbe gewichen. Sie eilte zu ihm. "Geht es dir gut?"
"Mir tut…alles…weh!!!", schnaufte Joe.
Ernst stand Vivi auf und marschierte mit säuerlichem Gesicht auf die Säule zu.
"Was machst du da…Vivi? Tu…das nicht!", brüllte Joe ihm hinterher.
"Und ob ich das tue! Ich werde mir jetzt den Chip schnappen!" Mit diesen Worten tauchte sie ihre Hände in die weiße Energie. Auch dieses Mal färbte sich die Energie dunkelviolett. Blitze zuckten heraus.
Ihre Hände fingen an zu schmerzen, als stünden sie in Flammen. Doch Vivi gab nicht auf! So sehr es auch schmerzte sie tauchte immer tiefer ein.
Joe, der in der Ecke lag, starrte sie an.
Die Blitze wurden immer mehr und wilder. Sie zischten durch den Raum. Die violette Farbe blieb jetzt nicht mehr nur um ihre Hände, sondern breitete sich in der ganzen Kugel aus. Das Brennen wurde so stark, dass Vivi anfing zu schreien. Doch je mehr sie schrie umso größer wurde das Verlangen die Vitrine zu erreichen.
Joe musste die Augen schließen, das Licht war zu grell.
Bis es ganz violett wurde - und mit einem saugenden Geräusch sich schließlich ganz auflöste. Vivi hatte die Vitrine berührt. Und sie atmete schwer wegen der Anstrengung. Auf der Digitalanzeige erlösch das ON und wurde zu dem Wort OFF.
Mit erstauntem ebenso wie entsetztem Gesichtsausdruck stand Joe auf und gesellte sich neben sie. "Wie hast du das gemacht?"
"Keine Ahnung.", entgegnete Vivi und holte ihr Taschenmesser hervor. Zwischen dem Dosenöffner, Korkendreher, Schraubenzieher und dem ganzen Rest klappte sie das Messer hervor und kratze am unteren Rand der Vitrine.
"Meinst du das ist eine Gute Idee, wenn du den Chip da rausholst?", fragte Joe skeptisch.
"Keine Ahnung.", wiederholte Vivi. "Wir werden sehen."
Mit einem leisen klick öffnete sich die Vitrine. Der Deckel aus Glas glitt nach oben. Wie ein Arzt bei einer besonders komplizierten Operation wischte sich Vivi den Schweiß von der Stirn und setzte das Messer an der Rille zwischen Chip und Nische. Mit einem Zug hievte sie das winzige Quadrat heraus und griff danach. Winzigklein lag es auf ihrer Handfläche. Und sie spürte etwas, das von ihm ausging. "Ist das Magie?", fragte sie.
"Hä?" Joe nahm es ihr ab. Doch er spürte gar nichts. "Also ich spüre gar nichts."
Sie nahm es ihm wieder ab und stopfte es mit ihrem Messer in ihre Hosentasche. "So, jetzt können wir nach einem Ausgang su…"
In diesem Moment vibrierte der Boden.
Das digitale Feld wurde wieder schwarz - und dann erschien das rote Wort ERROR.
Die Lampen wurden rot und eine mechanische Stimme surrte: "Error…Error…"
"Wir müssen hier schnell raus!", kreischte Vivi, packte Joe am Oberarm und rannte aus dem Raum und die Treppe hinunter.

***

Erneut peitschten die Waffen aufeinander. Die Gegner schuppsten sich gegenseitig nach hinten und gingen auseinander. Beide keuchten.
Benny hechelte um Luft. Er war außer Atem und bald schon ging ihm die Kraft aus, da war er sich sicher. Der Mann war stärker als er, er hatte nur den Vorteil besserer und schnellerer Reflexe, aber sie ließen nach.
Doch nicht nur ihn, sondern auch den Mann ging die Kraft aus. Er stützte sich mehr auf seinen Speer als auf seine eigenen Füße. Jessi stand währenddessen zusammengekauert neben der Tür. Sie hatte furchtbare Angst davor, dass Benny den Kampf verlor. Überhaupt was sollte das mit dem Speer? Waren sie im Mittelalter?
"Du kämpfst gut.", keuchte der junge Mann.
"Ich will meine Schwester zurück!", gab Benny zur Antwort.
Der Mann stellte sich kerzengerade auf. "Das kann ich nicht bestimmen. Der Herr lässt sie nicht gehen."
"Dann helfe ich eben nach!", schrie Benny hob das Messer und -
Der Boden vibrierte. Die neonweißen Lichter färbten sich signalrot.
"Error…Error…Error…Error…Error…Error…Error…Error…Error…Error...", tönte die mechanische Stimme.
Die drei Anwesenden fuhren auf und sahen sich um.
"Was ist da los?", kreischte Jessi und schrie wie von der Wespe gestochen.
Doch am entsetzten war der junge Mann. "Sie haben den Chip entfernt! Wie konnte das geschehen?"
Plötzlich strahlte der Spiegel auf. Und eine Stimme sprach: "Raik! Komm zurück. Der Turm ist verloren!" Es war die Stimme Kims.
Augenblicklich machte der junge Mann auf den Absätzen kehrt und rannte zum Spiegel.
"Vergiss es!", brüllte Benny und folgte ihm.
"Nein, Benny! Wir müssen hier raus!", kreischte Jessi und riss an der verriegelten Tür herum. Benny rannte und rannte, seine Beine wurden immer schneller.
Doch Raik hatte einen zu großen Vorsprung. Mit einem letzen Sprung - stürzte er einfach durch den Spiegel.
"Nein!", schrie Benny.
Sofort erlosch das Strahlen.
Benny knallte gegen den Spiegel.
Gleich darauf sprang er auf die Beine und donnerte seine Fäuste auf die schimmernde Fläche. "Lasst mich durch! Lasst mich durch!", brüllte er die Schlangenstatue an.
"Benny, der Turm stürzt ein!", kreischte Jessi voller Todesfurcht.
Vor Wut griff er nach dem Messer, holte aus - und stieß es in den Spiegel.
Als das Messer auf den Spiegel traf, zerbrach die Klinge in tausend kleine Stücke. Benny stand vor dem Spiegel und starrte sich an, er war verzweifelt.
Plötzlich entstand da, wo die Messerschneide hätte einen Stich hinterlassen müssen ein winziger Riss.
Aus dem Riss brachen kleine Ästchen von weiteren Rissen heraus. Diese wurden größer und größer. Bis auch der Spiegel in Scherben zerbrach. Vor Bennys Augen.
"Der Turm stürzte einnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnn!", schrie Jessi. Benny sah auf, nach oben.
Die Decke stürzte auf sie hernieder…

"Bitte treten sie zurück!", brüllte der Polizist über das Gekreische der Menge hinweg.
"Was ist mit den Kindern!", schrie ihm eine Frau entgegen. "Wieso unternehmen Sie nichts? Die Kinder müssen befreit werden!"
"Wir tun was wir können, aber bitte treten sie zurück!", verteidigte nun ein anderer Polizist.
"Was sollen wir tun? Vivi und die anderen wurden einfach verschlungen!", sagte Serge.
"Von einem schwarzen…Schleim!", setzte Gummy nach.
"Von einer undefinierbaren, antimateriellen Masse! Oder nicht?", meinte Serge noch. "Bleibt ganz ruhig!", wies Dan sie an. "Wir können sowieso nichts tun!"
In diesem Augenblick vibrierte auch draußen vor dem Turm die Erde.
"Was ist das?", schrieen die Leute entsetzt.
"Ein Erdbeben?"
Plötzlich zeigte ein Mann hoch zum Turm und brüllte: "Der Turm stürzt ein! Der Turm!"
Die Menge stäubte auseinander. Panisch kreischende Leute rannten in alle Richtungen davon. Selbst die Polizisten hielt es nicht mehr zurück. Auch sie schrieen und rannten davon. Der Turm schwankte und bebte.
Serge und Gummy wollten ebenfalls davonlaufen, doch Dan hielt sie am Kragen fest. "Halt, wir bleiben da!"
"Spinnst du? Wir werden noch vom Turm erschlagen!", entgegnete Gummy protestierend.
Es war ohnehin zu spät. In diesem Moment fiel der Turm in sich zusammen. Die Spitze explodierte und stürzte auf das oberste Stockwerk, das viel auf das nächste und wieder das nächste. Wie ein Kartenhaus.
Nun schrie auch Dan entsetzt auf.
Der Turm stürzte ein - und verpuffte zu pechschwarzem Rauch.
Der Rauch war dicht wie Nebel und dunkel wie Russ. Der Wind blies ihn auseinander und lichtete ihn.
Vier schemenhafte Umrisse husteten und würgten darin.
"Da sind sie!", johlte Serge erleichtert.
"Sie haben es geschafft!", frohlockte auch Gummy.
Die Drei rannten durch den allmählich verschwindenden Rauch auf ihre Freunde zu.
"Hey, Vivi!", rief Dan.
Vivi, noch immer hustend, sah auf. "Ah…*hust*…Dan!"
Der Rauch verzog sich, sodass sich auch ihre Atemwege erholen konnten.
"Der Turm ist in sich zusammengefallen und plötzlich war da nur noch schwarzer Rauch!", hysterisierte Jessi und fuchtelte wild mit den Armen. "Ich dachte wir sterben!"
Keiner hatte große Lust ihr zuzuhören, darum wurde sie von allen ignoriert, was dazu führte, dass sie schmollend die Backen aufblies.
"Hier!", sagte Serge und überreichte Benny seinen Rucksack. "Der ist leider gerissen, als wir gezogen haben. Sorry!"
Benny lächelte erleichtert. "Ist nicht so schlimm." Dann wandte er sich an Vivi. "Ich muss dir auch was beichten…Ich habe dein Messer kaputt gemacht."
Erst sah sie aus als würde sie jeden Moment vor Wut explodieren. Benny zog den Kopf ein und lächelte blöd.
Aber dann, als er gerade ein visualisiertes Testament erstellte, lachte sie und klopfte ihm auf die Schulter. "Hab ich zwar von meinem Alten geklaut, aber der kommt sowieso erst in zwei Wochen!"
"Dein Vater ist im Besitz von unerlaubten Waffen?", staunte Serge.
"Aber schau mal, Benny. Was ich ergattert habe!" Damit zog sie den Chip aus ihrer Tasche.
Alle starrten mit gerunzelter Stirn auf das kleine Quadrat.
"Ist das ein Computerchip?", fragte Gummy.
Benny packte es und hielt es gegen die Sonne. Der Chip schimmerte leicht.
"Da ist ja massig viel Magie drin!", erwiderte er verblüfft. "Es muss wohl ein Magiespeicher sein."
"Ein Magiespeicher?"
"Ich bin mir nicht sicher. So was gibt es doch eigentlich nicht, oder doch?" Benny schnaufte. Wenn er noch im Besitz des Triforcenfragmentes der Weisheit gewesen wäre, dann hätte er es gewusst. Ach ja, das war eine schöne Zeit damals. Er hatte alles gewusst, war allwissend gewesen. Aber jetzt… "Aber woher bekommt Kim so viel Magie?"
"Und wozu braucht dieser Kim sie?", vervollständigte Vivi seinen Gedankengang.
"He, ihr da! Kinder!", durchschnitt eine Stimme ihr Gespräch. Es war der Polizist mit seinen Kollegen. "Was ist passiert? Wo ist der schwarze Turm hin?"
Benny steckte den Chip schnell in seine Hosentasche.
Ein Polizist, der ihnen noch nicht begegnet war staunte über Benny. "Junge, hast du dich verletzt als du im Turm warst? Sollen wir einen Krankenwagen rufen?"
"Nein, Herr Kollege.", antwortete der wohlvertraute Polizist an Bennys Stelle. "So sah er auch vorher schon aus." Dann beugte er sich ganz tief zu seinen Kollegen. "Muss unter den Jugendlichen wohl gerade in sein sich das Gesicht zu bemalen. Vielleicht ist er auch n´ Punk oder so." Sein Kollege nickte, allerdings mit doofer Visage.
"Also, was ist passiert?", fragte der Polizist.
Doch er wurde plötzlich von einer Hand beiseite geschoben.
"Wir sehen hier die mutigen Jugendlichen, die von einem Moment auf den anderen in den Turm…nun gesaugt wurden." Augenblicklich hatte Benny ein Mikrophon vor der Nase. "Was ist im Turm vorgefallen?", fragte die Reporterin.
"Ähm…", macht Benny.
Die Reporterin nahm das Mikro wieder an sich und drehte sich in die Kamera. "Es muss wirklich schrecklich gewesen sein, die Jugendlichen stehen noch völlig unter Schock…"
"Es war schrecklich! Das kann ich Ihnen versichern!", schnaufte Jessi.
Sofort witterte die Reporterin ihre Quelle für Einschaltquoten und zwängte ihr das Mikro regelrecht auf.
"Es war schrecklich! Erst sind wir irgendwo aufgewacht, wo es keine Fenster gab und sind durch eine Tür gegangen und dann ist auch noch eine Wand von der Decke gefallen und hat uns getrennt! Und dann…"
Die anderen rollten genervt die Augen. Jessi im Rampenlichtrausch.
Der Polizist runzelte die Stirn. "Naja, also ihr kommt jetzt erst einmal mit zur Wache wo wir euch verhö-"
Ein ohrenzerreisendes Hupen durchschnitt die Luft. Benny musste sich die Ohren zuhalten. Nun, es war klar, dass Jessi und die Reporterin erschrocken aufschrieen.
Die schwarze Limousine fuhr an den Rand des Rasens an. Die Fenster waren getönt, sodass man nicht ins Innere sehen konnte.
Erstaunt beobachteten die Anwesenden wie ein Mann im Anzug und Chauffeurmütze ausstieg und zu der Tür ein Stück weiter hinten ging. Mit einem geübten Schwung öffnete er sie.
Erst trat ein Bein heraus. Ein perfektes Bein. Ein schlankes, glatt rasiertes, makelloses Bein. Der perfekt geformte Fuß saß in einer goldfarbenen Sandale mit Riemchen, die mit kleinen und kostbaren Perlen besetzt waren. Die Fingernägel waren absolut perfekt manikürt und mit einem zartrosanen Nagellack perfektioniert.
Dann langte der Fahrer in die Kabine hinein und half der Lady aus der Limousine. Ein Mädchen, genauso alt wie Benny (wenn er so alt wäre wie er aussah) trat in den Sonnenschein.
Sie trug ein sündhaft teures Kleid aus rosaner Seide. Die Träger waren zwei fein gebundene Schleifen mit einer Perle in der Mitte. Leicht fiel es an dem perfekten Körper herab und schmeichelte der schlanken und zierlichen Figur. Der Saum fiel fließend und schräg bis zu den Waden, feingestickte Muster aus Perlen schmückten ihn aus. Das makellose Prinzessinnengesicht mit den hellblauen Augen blickte sich gelangweilt um. Das dunkelrotgefärbte Haar, zu einem feinen französischen Zopf gebunden, schwang leicht mit. In der einen ihrer, mit Goldhandschuhen besetzten, Hände hielt sie einen hübschen und genauso teuren asiatischen Fächer und wedelte sich damit Luft zu. Der Reporterin wäre fast das Mikrophon aus der Hand gefallen.
"Das ist doch… Alexandra von Liebgraf!!!!!!!!!!!!"
Sofort war Jessi vergessen und die Nachrichtensprecherin eilte zu ihr.
"Fräulein von Liebgraf, es heißt ihr Vater habe die große Ölfabrik in der Sahara gekauft. Damit sind Sie das zweitreichste Mädchen der Welt, was sagen Sie dazu?"
Das reiche Mädchen hielt gar nicht an. Es entfaltete den Fächer direkt vor der Kamera und sagte, mit einer zuckersüßen - und ebenso arroganten - Stimme: "Kein Kommentar!"
Benny hatte eine böse Vorahnung. Zu Vivi zischelte er: "Machen wir uns aus dem Staub!"
Doch es gab keine Rettung mehr - schon gar nicht für ihn!
Als diese Alexandra von Liebgraf ihn erblickte wäre sie vor Freude in die Luft gesprungen, wenn ihr das mit den Schuhen möglich gewesen wäre.
"Ich habe so lange nach dir gesucht und nun habe ich dich endlich gefunden!", flötete sie und stürzte ihm in die Arme. Benny lief tomatenrot an, so kalt traf ihn diese Überraschung.
"He, spinnst du?", schimpfte Vivi und versuchte Benny zu befreien. Alexandra ließ von ihm ab und musterte Vivi, mit angeekelten, abfälligen und auch bemitleidenswerten Blick. Und Vivi stierte zurück, trotzig, feindselig und streitsüchtig. Die Blitze funkten nur so zwischen ihren Augen herum.
Alexandra rümpfte die Nase und fächerte noch heftiger. "Oh, Entschuldigung. Aber ich werde deinen lieben Freund wohl entführen müssen. Er hat ein Date mit mir!"
Vivi verschränkte die Arme vor der Brust und verengte die Augen zu schlitzen. "Oh, Entschuldigung. Aber ich habe da absolut nichts mitbekommen. Mein lieber Freund hätte mir sicher schon davon erzählt."
Alexandra seufzte hochnäsig. "James! Gib diesen Sozialhilfeempfängern doch bitte etwas von meinem Taschengeld ab!"
"Hey, wir sind keine Sozialhilfeempfänger!", protestierte Joe.
"Genau, du blöde Kuh!", entgegnete Gummy. "Mein Vater hat eine eigene Imbissbude. Und der Große hier arbeitet schon! Außerdem, wer glaubst du wer du…"
Der Chauffeur öffnete eine große schwarze Brieftasche und knallte Joe sechs Scheine in die Hand.
"Wow, fünftausend Euro!", keuchte Joe. Ihm und den anderen fielen die Augen aus. Alexandra kicherte kurz belustigt über ihr Staunen und Starren, machte dann einen abfälligen Handschwänker. "Geht und kauft euch was schönes, ja?" Mit einem arrogant verzogenem Blick fixierte sie Vivi. "Es ist für einige von euch auch einmal zeit ihren…nun extravaganten Stiel zu ändern." Besonders das Biest-Shirt und die giftgrünen Haare waren wohl gemeint.
Wenn Vivi sie schon vom ersten Augenblick an nicht hatte ausstehen können, so hasste sie diese selbstverliebte Zicke nun ganz.
Vivi zeigte ihr den Mittelfinger. "Vergiss es! Wir lassen uns nicht bestechen!"
Die Jugendlichen, denen beim Anblick des Geldes schon der Speichel aus dem Mund floss, starrten sie bestürzt an.
"Lassen wir nicht?", fragte Joe enttäuscht. Vivi sah ihn so finster und wutverzerrt an, dass er augenblicklich den Schwanz einzog.
Erneut seufze Alexandra. "Na schon, seit ihr mit dem doppelten zufrieden?"
Vivi öffnete den Mund um zu sprechen, doch alle außer ihr und Benny kamen ihr mit einer Antwort zuvor. Einstimmig äußerten sie: "Ja!!!"
Durch Vivi fuhr blanker Zorn. Sie schwoll an und drohte nun wirklich zu explodieren. Mit voller Wucht trat sie Joe auf den Fuß.
Tapfer schluckte er den Schmerzensschrei hinunter und winselte ein leises: "Nein…"
"Wir lassen uns nicht einfach abschütteln! Entweder wir kommen alle mit zu deinem Date oder Benny geht nirgendwohin!", giftete Vivi und ballte drohend die Faust.
Benny war es ein Rätsel warum ihn niemand um seine Meinung fragte, wo er doch den Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung bildete.
Alexandra tat als falle sie gleich in Ohnmacht. "Immer das gleiche mit diesen armen Leuten. Reiche ihnen den kleinen Finger und sie nehmen die ganze Hand!" Sie schnipste mit dem Finger. "James, besorge doch bitte noch ein Vehicle für…diese Leute."
James, der Chauffeur, holte ein schwarzes Handy heraus und drückte nur einen Button. "Moment mal!" Endlich war auch der Polizist aufgewacht. "Das geht nicht! Sie müssen erst ins Revier und ihre Aussage machen! Und dann noch…"
Alexandra schwang ihm ihren Fächer entgegen. "Das geht schon in Ordnung, Herr Polizist. Mein Vater wird das schon mit der örtlichen Behörde klären!"
"Aber…", versuchte es der Polizist ein zweites Mal.
"Mein Vater wartet schon auf den Besuch und Sie möchten doch nicht dafür verantwortlich sein, dass der Baron von Liebgraf warten muss, oder?" Sie zwinkerte unschuldig und engelsgleich mit den Wimpern.
Dem Polizisten lief kalter Schweiß die Stirn herunter. Ihm verschlug es regelrecht die Sprache. Wieder wurde es ruhig.
Da, weil sie doch warten mussten, sah Benny seine Chance sich endlich an dem Gespräch zu beteiligen.
"Wenn ich auch mal was sagen darf…"
"Nein!", entgegneten Vivi und Alexandra gleichzeitig. Benny wurde purpurrot und verstummte wieder.
Mit einem erneuten Hupen fuhr eine zweite Limousine an. Allerdings war diese viel kleiner und schien doch nicht mehr dem absolut höchstem Luxusstandart zu entsprechen.
Überglücklich klatschte Alexandra in die Hände. "Wie dufte!" Ohne Vorwarnung harkte sich ihr Arm bei Benny ein. Mit noch einem letzten abfälligen Blick über die Schulter erwiderte sie: "James, begleiten Sie diese Sozialhilfeempfänger doch bitte zu ihrem Wagen." Dann lehnte sie ihren Kopf an Bennys Schulter und zog ihn hinter sich her. Benny sah unsicher zurück.
Vivi war nur eine Millisekunde von einer Explosion purer Wut entfernt. "Wir sind keine Sozialhilfeempfänger!"
Keiner von den Anwesenden bekam mit wie sie von der Gestallt im Verborgenen beobachtet wurden. Und sie würde Benny auch weiterhin im Auge behalten…
Okay, okay! Ich weis, dass diese Szene sehr übertrieben und unrealistisch ist, aber hey - es ist eine Fiction ;)

Der Spiegel zerbrach vor Kims Augen. In unzählbar vielen kleinen Scherben.
Er starrte auf den wundervoll schimmernden Boden.
Raik lag keuchend am Boden. Ehrfürchtig blickte er auf, zu seinem Herrn.
"Verzeiht mir, Herr! Ich habe versagt!"
Kim deutete ihm mit einer Handbewegung an aufzustehen.
"Es ist nicht deine Schuld, Raik. Du hast mich nicht enttäuscht.", sprach Kim.
Der junge Mann erhob sich. "Herr, wenn Ihr mir erlaubt eine Frage stellen zu dürfen." Kim nickte ohne ihn anzusehen. "Herr", sagte der Mann mit gesenktem Kopf. "Verzeiht, dass ich Euch mit diesem Bengel vergleiche, aber es kam mir vor als kämpfte ich mit Euch. Er hatte eine so tiefschwarze Aura wie ich sie nur bei Euch spüre."
Kim verschränkte lachend die Arme vor der Brust. "Das ist schnell erklärt, Raik. Ich habe ihm einen Teil meiner Kräfte übertragen."
Der Mann wurde bleich im Gesicht. Kim sah ihm an, dass er ihn für nicht ganz bei Sinnen hielt. "Herr, wie konntet Ihr das tun? Er ist Euer Feind!"
"War das ein Vorwurf, Raik? Eine Anklage? Ein Befehl es rückgängig zu machen?"
Nun war der Mann kreidebleich im Gesicht. Raik fiel auf die Knie. "Bei meiner Seele - nein, Herr! Wie könnte ich es je wagen Eure Entscheidungen in Frage zu stellen!"
Erneut lachte Kim. Sein Lachen klang schon wie das von Ganon. "Dann will ich deine Worte für dieses eine Mal überhört haben, Raik."
Der Mann berührte zum Dank den Boden mit der Stirn.
"Computer!", rief Kim aus.
Wie aus der Luft tauchte eine durchsichtige Scheibe auf. Es sah aus wie eine Glasscheibe, doch es war ein digitales Fenster. Eine mechanische Stimme fragte: "Was wünscht Ihr, Herr?"
"Zeig mir die letzte Aufnahme des Sammelraumes von Turm 2649."
Auf dem Fenster erschien die Aufnahme und Kim sah wie der fremde Junge nach der Vitrine griff und von dem Schutzzauber in die Ecke befördert wurde. Und auch wie es das fremde Mädchen versuchte - und tatsächlich den Schutzzauber brach, den er eigenhändig geschaffen hatte. Wie sie den, von ihm persönlich mit Magie geschaffenen, Siegelzauber mit ihrem Messer zerstörte und den Chip ohne Mühe herausholte.
Die Aufnahme war beendet. Das Bild hielt an.
Nachdenklich runzelte Kim die Stirn und kratzte sich am Kinn.
"Computer, ich will alle Daten über dieses Mädchen! Sofort!"
"Sehr wohl.", erwiderte die mechanische Stimme.
Um den Kopf des Mädchens erschien ein rotes Viereck. Der Rest des Bildes verschwand und das Viereck vergrößerte sich, bis es die Hälfte des Fensters einnahm.
Auf der anderen Hälfte blinkte das rote Wort - DOWNLOAD.
Kurz darauf verschwand es und machte den Daten Platz.
Die mechanische Stimme las vor: "Viktoria Elisabeth Mühlden / geboren 1. Februar.1990 / Eltern: Harald Mühlden - Besitzer einer Autowerkstatt und Elisabeth Mühlden - Hausfrau / Geschwister: Daniel Frederik Mühlden / Wohnhaft in…"
"Das reicht!", unterbrach Kim. Die mechanische Stimme verstummte. Kim verengte die Augen und musterte das Bild des Mädchens. "Viktoria…was für ein unpassender Name.", sagte er.
Und es traf zu. Das Mädchen sah kein bisschen so adelig aus wie ihr Name klang. Schon allein die giftgrünen Haare bewiesen das. "Dieses Mädchen scheint ein einfacher Mensch zu sein. Warum konnte sie meine Magie durchbrechen?"


6. Kapitel
Der Wecker klingelte…
Lin knallte ihre Hand auf den Alarmknopf. Der Alarm stoppte.
Murrend kuschelte sie sich wieder in ihre Decke. Sie hatte keinen Bock aufzustehen! Also schlief sie wieder ein.
Um nach fünf Minuten wieder geweckt zu werden. Ihr Wecker war so eingestellt, dass er zwei Mal klingelte, mit einem Zeitunterschied von genau fünf Minuten.
Lin war schon immer ein Morgenmuffel gewesen.
Also knallte sie erneut ihre Hand auf den Knopf, murrte Flüche über die doofe Schule mit ihrer Frühaufsteherei, warf die Decke zurück und streckte sich. Mit einem genüsslichen Gähnen. Ob sie nun wollte oder nicht - sie musste aufstehen.
Nun gut, sie stand auf.
Nun gut, sie folgte ihrem Früh-am-Morgen-Plan. Sie zog sich an, doch etwas anders als sonst. Sie verspürte große Lust den Minirock, den sie sich vor langer Zeit von Jenni geliehen und noch immer nicht zurückgegeben hatte, anzuziehen. Sie hatte sich in dem Fummel noch nie auf der Straße blicken lassen. Warum eigentlich? Er stand ihr doch wie angegossen, der dunkelblaue Jeansrock mit den Falten. Und dazu natürlich ihr weißes schulterfreies Shirt mit der schwarzen Katze auf dem Rücken.
Toll! Strahlte sie.
Sie wusch sich und kämmte sich noch die Haare und rannte nach unten.
"Guten Morgen!", rief sie noch während sie die Treppe hinunterstürmte. Sie wartete gar nicht auf Antwort -
Doch als sie in die Küche stürzte und sah, dass niemand am Tisch saß, der Tisch nicht einmal fürs Frühstück gedeckt war, wurde sie stutzig.
"Mama? Papa? Opa? Benny?", rief sie fragend. Keine Antwort.
Sie sah in jedem Zimmer nach, doch nirgends war auch nur einer der Vier aufzufinden. Wieder im Flur angekommen stemmte sie die Hände in die Hüften. "Wo seid ihr denn alle? Verdammt noch mal!"
In diesem Moment klingelte es an der Tür und Lin fuhr zusammen. Sie erschrak, wie sie noch nie im Leben erschrocken war. Mit aufgerissenen Augen blickte sie starr auf die Tür.
Es klingelte noch einmal.
Wer war da an der Tür? Hä? Wieso war keiner da? Und jetzt klingelte es an der Tür? Vielleicht hatten sich alle vier ausgesperrt?
Sie musste über ihre These lachen. Das wäre ja ein übertriebenen großer Zufall.
Noch immer lachend lief sie zur Haustür und öffnete sie -
Als sie sah wer ihr gegenüberstand - erstarrte sie mitten in der Bewegung.
Ein Junge stand auf der Türschwelle. Die Kleidung war einfach. Ein schwarzes Hemd und eine schwarze Stoffhose und dunkelbraune Stiefel.
Das feuerrote kurze Haar wehte leicht im Wind, der zwischen den Häusern pfiff. Die bernsteinfarbenen Augen, mit den schlitzförmigen Pupillen, sahen ihr direkt in die Augen.
Als erstes dachte sie - Kim?
Doch dann erkannte sie, dass es nicht Kim war.
Der Junge hatte eine dunkle, von der Sonne bebräunte, Haut und weiße Flecken auf und um die Nase.
Der Schock hielt nicht lange. Mit einem Ruck schmiss sie die Tür zu, doch der Fuß des Jungen steckte bereits zwischen Tür und Angel. Sie konnte die Tür nicht ganz zumachen.
Lin warf sich gegen die Tür, doch sie hatte nicht genug Kraft. Weder den Jungen zurückzuwerfen noch überhaupt die Tür an der gleichen Stelle zu halten. Mühelos öffnete der Junge die Tür und warf sie nach hinten um. Sie knallte mit ihrem Allerwertesten auf den Boden.
Der Junge stand vor ihr und starrte mit ernstem und Furcht einflößenden Blick auf sie herunter. Und sie starrte ängstlich zurück. Ja, sie hatte Angst!
Der eisige Blick des Jungen ließ von ihr ab und wanderte durch den Flur.
"Das ist also eine Wohnung des 21. Jahrhunderts!", schlussfolgerte Ganon. Er ging weiter in den Flur hinein. Lin starrte ihm nach.
Mit einer Hand öffnete er eine Tür, blickte kurz in den Raum und wandte sich zur nächsten. Irgendwann traf er auf die Küchentür, die Küche dahinter erweckte sein Interesse. Er betrat sie einfach. Genauso einfach, wie er in dieses Haus eingetreten war.
Lin sprang auf die Beine und lief ihm nach. Sie konnte es noch immer nicht fassen.
Doch als sie die Küche betrat, wäre sie fast von den Füßen gefallen.
Ganon hatte sich vor dem Kühlschrank postiert, die Tür war offen, und blickte in den kühlen Inhalt.
"Was machst du da?", entfuhr es Lin.
Weder antwortete Ganon noch drehte er sich um. Im Gegenteil er holte etwas aus dem Kühlschrank heraus. Ein Fertiggericht aus Kartoffelbrei, Erbsen und einem in Soße eingelegten Schnitzel.
"Mikrowellensneak - fertig in fünf Minuten.", las Ganon laut vor und blickte sich suchend in der Küche um.
"Was soll das?", versuchte Lin noch einmal. Doch auch jetzt wurde sie einfach ignoriert.
Ganon fand den schwarzen Kasten, in der er die Bedeutung einer Mikrowelle vermutete, öffnete die Tür und warf das Kunststoffding hinein. Nun bestand sein Problem in der Auswahl der Knöpfe, die es zu drücken galt. Er schüttelte den Kopf und sagte, wie zu sich selbst: "Ihr Menschen macht es euch wohl gerne kompliziert."
Er drückte einfach irgendwelche Knöpfe und betätigte den START-Button.
Augenblicklich erklang das rotierende Geräusch und der Kunststoffteller drehte sich.
Lin sah ihm zu, wie er neugierig das Rumoren des Haushaltsgerätes verfolgte. Sie fragte sich ob das ein Scherz sein sollte. Falls es ein Scherz war, war es alles andere als lustig!
Ein Klingeln beendete die Arbeit der Mikrowelle. In freudiger Erwartung holte Ganon das Fertiggericht heraus. Es war heiß, doch es machte ihm nichts aus. Schließlich war er in der Hitze geboren und aufgewachsen.
Eine Schublade nach der anderen durchsuchte er auf irgendwelches Besteck, das er nutzen konnte. Aus der gesuchten Schublade griff er gleich nach einer handvoll von allem möglichen an Besteck.
Danach setze er sich an den Küchentisch, knallte das Besteck darauf, zog die Folie von dem Kunststoffding und roch daran. Es roch köstlich!
"Ah! Endlich eine mir würdige Nahrung. In der Wüste gibt es so gut wie gar nichts. Und auch immer nur das gleiche." Ganon suchte nach dem richten Besteck. Dabei nutze er das Wissen seines Sohnes. Denn er hatte uneingeschränkten Zugang dazu. Also griff er sich eine Gabel und ein Messer.
Doch bevor er mit dem Essen beginnen wollte, sah er auf, zu Lin.
Ihr noch immer erschrockenes Gesicht vergnügte ihn. "Was siehst du mich so an, Mädchen?", fragte er. "Ich gehe nur meinen biologischen Grundbedürfnissen nach, nicht mehr und nicht weniger."
"Verschwinde aus meinem Haus!", entgegnete sie zornig, aber nicht minder furchtsam.
"Deinem Haus?", lachte Ganon. "Wir befinden uns nicht in einem Haus. Das ist lediglich ein Traum von dir. Er sieht wie dein Haus aus, weil du es sehen willst. Aber du bist nicht wirklich in deinem Haus. Du schläfst noch immer in deinem Zimmer - im neuen Teufelsturm."
Aus Lins Gesicht wich alle Farbe. Sie träumte also nur? Darum war auch ihre Familie nicht da, denn sie träumte nur. Ihr Körper war noch immer im schwarzen Turm und ihr geistliches Ich befand sich in einem Raum mit dem Großmeister des Bösen.
Was sollte sie nur tun?
Ganon schnitt das Fleisch in kleine Stücke. Ein Stück spießte er mit der Gabel auf, tauchte es in den Kartoffelbrei und ließ es sich auf der Zunge zergehen.
Er verzog das Gesicht, nur kurz.
Während des ersten Bisses musterte er Lin, ohne den Blick auch nur einmal abzuwenden.
"Nun, ich kann es meinem Sohn wirklich nicht verübeln, dass du ihm, unglücklicher Weise, den Kopf verdreht hast. Du bist wahrlich eine Freude für die Augen! Und dieser neue Stil kommt deiner Weiblichkeit viel besser zur Geltung als bei unserer ersten Begegnung."
Lin bereute es jetzt den Rock angezogen zu haben. Sie spürte ganz deutlich wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Und sie war wütend darüber!
"Ich stehe nicht auf alte Männer!", zischte sie wütend.
Unbeeindruckt spießte Ganon das nächste Stück Fleisch auf und entgegnete gelassen: "Und ich nicht auf schwangere Minderjährige."
Das verschlug Lin die Sprache. Zum ersten Mal wurde ihr wirklich bewusst, dass sie ein Kind bekam. Dass es in ihrem Bauch heranwuchs und ihren Bauch bald dicker und dicker machen werde. Ihr schossen die Tränen in die Augen.
Erneut verzog Ganon kurz das Gesicht, als er kaute. "Leg dich lieber nicht leichtfertig mit mir an, in jungen Jahren fehlte es auch mir nicht an Schlagfertigkeit!"
Lin wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. "Wie kommst du hierher? Ich träume doch nur!" Da kam ihr die Lösung. "Du bist auch eine Traumbild!?!"
"Nein.", entgegnete Ganon. "Ich bin kein Traumbild. Ich konnte hierher gelangen, weil du mein Blut in dir trägst."
Unwillkürlich faste sich Lin an den Bauch. Ganons Blut! Natürlich, schließlich war es auch Kims Kind! Wieder war dieses Ungeborene schuld! Es war zum verzweifeln!
Nach dem vierten Bissen reichte es Ganon. Verärgert warf er die Gabel auf den Tisch und schob die Brühe von sich weg. "Dieses Zeug schmeckt widerlich!"
"Natürlich schmeckt es widerlich!", entgegnete Lin. "Du hast die Mikrowelle auch völlig falsch eingestellt!"
"Dann geh und mach mir was Ordentliches!", befahl er.
Lin zeigte ihm empört den Vogel. "Ich bin doch nicht dein Dienstmädchen!"
Ganon schlug die Faust auf den Tisch. "Aber du bist eine Frau und du gebärst ein Kind! Du solltest deinem Mann gehorsam sein und ihn unterstützen, stattdessen jammerst du nur herum und stellst dich gegen ihn. Du hast mit meinem Sohn viel Glück, ich hätte nicht so viel Geduld mit dir wie er. Ich hätte dir längst gezeigt wo dein Platz ist!"
Nun fing auch Lin an zu schreien. "Ach so, deshalb warst du der König der Gerudos. Du hast die Frauen immer verprügelt, damit sie dir gehorchen!"
"Das war gar nicht nötig. Sie wussten von selbst wem sie ewige Treue zu schwören hatten!"
"Schön für dich! Aber ich habe keinen Vertrag unterschrieben in dem steht…" Lin holte noch einmal tief Luft um besonders laut zu schreien. "…dass Kim mich vergewaltigen, entführen und einsperren darf!"
Mit vor der Brust verschränken Armen lehnte sich Ganon zurück. "Für eine Frau hast du ein ganz schön großes Mundwerk!" Plötzlich fing Ganon an zu lachen. "Widerspenstige Frauen, die sich weigern sich unterzuordnen, waren zwar immer schon lästig, aber auch sehr interessant. Du warst wirklich eine gute Wahl!"
Lin war völlig verwirrt. "Wahl? Was für eine Wahl?"
Ganon lehnte sich wieder nach vorne. "Nun, da wären wir nun beim Punkt angelangt warum ich hier bin."
"Und der wäre?"
"Ich habe uneingeschränkten Zugang zu sämtlichen Erinnerungen, bewusste und unbewusste, und mein Sohn schickt mich, damit ich dir alles zeige was du wissen möchtest. Nun ja - fast alles." Jetzt war Lin noch irritierter als vorher.
Ganon sah es ihr an. "Ich verstehe schon, dass dich das verwirrt. Darum fangen wir wohl am besten ganz am Anfang an. Als das Böse das Licht der Welt erblickte."
Dann fing Ganon erneut an zu lachen. Doch dieses Mal war es ein kaltes Lachen, dass einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Und in diesem Augenblick, da er anfing zu lachen, versank das Haus in einem dichten Sandsturm. Einfach so, von einem Moment auf den anderen.
Lin schrie auf, was sich als Fehler herausstellte, denn gleich darauf hatte sie den Mund voll Sand. Sie verlor die Orientierung, sie wusste weder wo links und rechts noch wo oben und unten war. Sie drehte sich um sich selbst und ihr wurde schwindelig. Der Sand brauste ihr mit einem Pfeifen durch die Haare und die Kleidung.
Dann ließ der Sandsturm nach, ganz langsam zwar, aber immerhin.
Sie würgte und spuckte den Sand aus ihrem Mund und rieb sich die Augen.
"Folge der Frau!", hörte sie Ganons Stimme. Sie sah sich um.
Doch Ganon konnte sie nirgends entdecken. Dafür aber, ganz schwach, eine Gestallt. Sie rannte darauf zu - und sah eine Frau…

Der König der Wüste

Es geschah in einer dieser bitterkalten Nächte in der Wüste. Die zwei werdenden Mütter, bei denen die Wehen schon vor 3 Stunde angefangen hatten, waren bereits in den Geistertempel gebracht worden. Alle Kinder des Volkes wurden dort geboren, ohne Ausnahme.
Sará war auf dem Weg dorthin. Seit sie denken konnte wurde sie von ihrer Mutter - der vorherigen Hebamme - zur Geburtenhelferin ausgebildet. Alle erkannten sie als diese, denn sie trug ihr feuerrotes Haar unter einem Weisen Seidentuch, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Sie liebte ihre Aufgabe, denn sie war immer dort, wo neues Leben entstand.
Sie trug einen ledernen Beutel an der Seite, dort waren alle wichtigen Dinge enthalten, die sie brauchte.
Die junge Frau zitterte trotz des dicken Pelzmantels. So war es immer in der Wüste…
Der Tag brachte feurige Glut und die Nacht eisige Kälte…
"Sará, Sará!", rief eine tiefe Mädchenstimme und die Hebamme drehte sich verwundert um. Es war das 8-jährige Gör Dana, begleitet von einigen Frauen, die ebenfalls ihrer Neugier zum Opfer gefallen waren.
"Was machst du hier, Dana? Solltest du nicht längst bei den andern Mädchen schlafen?", fragte Sará aufgebracht.
"Ach sei nicht so, Mutter! Ich will doch auch einmal zuschauen.", verteidigte Dana sich frech.
"Du bist dir im Klaren darüber, dass du nicht dabei sein darfst?"
"Natürlich, ich warte brav draußen, versprochen!"
Letztendlich nickte Sará zustimmend, immerhin waren sie fast am Ziel. Jetzt noch das Mädchen zur Festung zurück zu schicken, wäre unverantwortlich.
Der Sandsturm legte sich und sie erreichten die Pforte.
Es war selten, das gleich zwei Gerudos gebaren. Und so bereitete sich Sará geistlich und körperlich auf ihre Arbeit vor.
Der Tempel lag in vollkommener Dunkelheit, nur eine Frau stand in der Halle, mit einer brennenden Fackel in der Hand, um ihnen den Weg zu erhellen.
"Wie geht es Nebu und Farina?", fragte Sará mit kühler und gelassener Stimme.
"Nebu gut, aber Farina hat sehr große Schmerzen."
Sará schüttelte missmutig den Kopf. "Es ist ihre erste Geburt, das wird sehr hart für sie werden." Und wie auf Kommando hörten sie die herzzerreißenden Schreie der jungen Farina. Sie war die Jüngste aller Gerudos, die je ein Kind unter ihrem Herzen trug und deswegen war sie in Schande geraten.
Denn, jede Gerudo musste ein bestimmtes Alter erreichen, bevor sie zu einer Frau werden durfte und Farina hatte dieses Alter noch nicht erreicht. Es war nicht absichtlich…und dennoch war es passiert.
Sará konnte sich noch genau erinnern wie sie schmutzig und mit zerrissenen Kleidern in der Festung angekommen war. Mit roten, verweinten Augen hatte sie erzählt was ihr widerfahren war:
Als sie auf der Jagd nach Wild gewesen war, im Wald nahe des Hylia-Sees, war sie einem Mann begegnet. Es waren die Gerudokriegerinnen, die sich ihre Männer aussuchten, doch bei ihr war es anders herum.
Der Mann hatte sich auf sie gestürzt und ihr die Kleider vom Leib gerissen…
"Was hast du gemacht?", hatte Sará sie verhört und Farina hatte noch lauter geschluchzt. "Ich schwöre bei meiner Seele, ich habe mich gewehrt, aber ich unterlag. Es dauerte eine Ewigkeit bis er erschöpft von mir abgelassen hat!"
Sará wandte sich von ihr ab. "Du bist eine Schande für uns…"
"ICH HABE IHN GETÖTET!", hatte ihr Farina nachgeschrieen.
Und nun gebar sie das Kind des Schänders. Aber Sará machte sich noch keinen Kopf darum. Später würden sich die Ältesten und Weisesten des Volkes zusammensetzen und um die Zukunft des Neugeborenen entscheiden - ob es bei ihnen leben durfte oder getötet wurde.
Sie erreichten den Kreissaal und die Hebamme und einige der Frauen traten ein. Viele Fackeln in metallenen Fackelhaltern standen an den Wänden und erleuchteten den Raum, als fiele vom Fenster Sonnenlicht herein. In der Mitte war ein riesiges Bett aufgestellt, mit goldenfarbigen Lacken. Nebu lag in einem bronzenen Gewand darauf und krümmte sich. Sie stöhnte laut auf und drückte die Hand einer Gerudo noch fester, um sich zu beruhigen. Diese flüsterte ihr zu: "Jetzt ist Sará da, bald ist es vorbei."
Mit leuchtenden Augen nickte sie heftig. Ein Eimer mit kochendem Wasser und ein Becken mit warmen wurden bereitgestellt.
Sará atmete tief durch, presste die Lippen aufeinander und langte in das brodelnde Wasser. Jede Geburt bedeutete für sie, sie musste sich die Hände leicht verbrennen, um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich sauber waren. Sie wartete noch bis der Schmerz allmählich abklang, dann sagte sie Nebu, sie solle mit aller Kraft pressen. Das ließ sich Nebu nicht noch einmal sagen und gehorchte.
Eine Stunde dauerte es, bis das kleine neugeborene Mädchen endlich ihrem Mutterleib entglitten war. Und es schrie wie am Spieß. Mit kräftiger und heller Stimme schrie und schrie es unaufhörlich. Sará legte es auf ein sauberes weißes Tuch, ein Geburtstuch, wie es bei ihnen der Brauch war, und packte die Nabelschnur, die Mutter und Tochter noch miteinander verband. Sie biss und zerrte daran und schließlich riss die Schnurr. Sofort legte sie das schreiende Baby vorsichtig in die Wanne und tauchte es unter. Sorgfältig und mit größter Fürsorge wusch und untersuchte sie es. Nichts - das Baby war kerngesund, wie es sein kräftiges Stimmchen bereits angekündigt hatte.
Mit einem letzen Stöhnen Nebus verließ auch die Nachgeburt ihren Körper.
Lächelnd bettete Sará das Neugeborene auf ihre Brust. Überglücklich legte Nebu sanft einen Arm um ihre Tochter und abrupt verstummte diese - natürlich zur Erleichterung aller.
Plötzlich klopfte es an die Tür. "Das ist sicher die Botin", vermutete Sará. "Farina ist soweit! Holt frisches Wasser und last uns gehen." Die Helferinnen eilten los. Auch Sará setzte sich in Bewegung hielt dann doch kurz inne. "Ach Nebu, ich weiß schon einen Namen für deine Tochter", erwartend blickten alle sie an und sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Naboru - der Schrei."
Nebu lachte leise und nickte ihr begeistert zu. "Der Name ist überaus zutreffend, danke." Sará stülpte sich ihre Beuteltasche über und verließ den Kreissaal.
Zusammen mit ihren Helferinnen betrat sie die gigantische Halle - das Zentrum des Tempels. Hier stand die gewaltige Steinstatue der Wüstenpriesterin Shjra, ihre Göttin, die sie verehrten.
Die junge Hebamme klatschte in die Hände und auf diesen Befehl hin, fuhr ein Stück der Decke herab. Sie und die anderen Frauen stellten sich darauf und fuhren nach oben, bis vor das Gesicht der Statue - und liefen einfach hindurch.
Das steinerne Gesicht existierte nicht, es war ein Hologrammzauber, der nur den Anschein erweckte.
Sie schritten langsam durch den Flur zu einer Tür am anderen Ende. Dahinter hörten sie laute, unerträgliche Schreie einer Frau - fast noch die eines Mädchens.
Das Tor fuhr nach oben und ließ sie herein.
Ein Raum in dessen Wände lauter Runen eingraviert waren. Vier Säulen umkreisten ein hohes Plateau in der Mitte der Kammer. Sará begann den Aufstieg an einer Seite, wo eine Kletterwand angebracht war. Zwei andere taten es ihr gleich und trugen noch ein Ende eines Seils mit sich. Eine Frau blieb zurück und knotete ihr Ende des Taus an den Eimer. Oben angekommen zogen die Zwei den Eimer nach oben. Dasselbe Verfahren mit der Wanne.
Noch lauter wurden Farinas Klagen. "Du kommst spät, Sará!"
"Das Kind einer würdigen Kriegerin geht dem einer Geächteten vor!", erwiderte die Geburtenhelferin trocken. Farina lag nackt auf einem einfachen runden Kissen und wand sich vor Qual. Ihre Stirn glühte und ihr ganzer Körper war vom Schweiß benetzt.
Sara entnahm ihrem Beutel ein schwarzes Tuch und breitete es auf dem kalten Steinboden aus.
Empört und mit einem entsetzten Unterton in der Stimme herrschte Farina sie an: "Wie kannst du es wagen mein Baby in ein schwarzes Totentuch zu betten…"
"Schweig! Du solltest lieber beten, dass dein Mädchen überhaupt das Recht haben wird zu leben!", entgegnete Sará bitter und ernst.
Farina begann bitterlich zu weinen.
"Wirst du wohl endlich still sein! Du allein bist schuld, dass es deinem Mädchen so schlecht ergehen wird, also stell dich nicht so an!"
"Mein armes Baby, mein armes Mädchen!", heulte Farina. "Erst lasst ihr mich in diesem elenden Raum, statt dem Kreissaal, gebären, legt es in ein Totentuch und jetzt redest du auch noch minderwertig von meinem Kind."
Dann setzten die Geburtswehen ein und Farina schrie und krampfte sich zusammen. Eilig steckte Sará ihre Hände in das frische, kochende Wasser und den Schmerz ignorierend nahm sie den Kopf des Kindes, der schon aus der Scheide seiner Mutter herauslugte, entgegen.
"Press stärker!", sagte sie zu Farina.

Gemächlich und mit gerunzelter Stirn kam sie am Kreissaal an, vor dem die meisten Frauen schon auf sie warteten. Den kleinen Leib in dem Totentuch an sich gepresst. Sie spürte wie das Neugeborene mit den Lippen ihre Brust nach Milch abtastete.
Es war ganz leise und still zur Welt gekommen, hatte nicht einen Laut von sich gegeben. Und sie hatte es umsichtig gewaschen und untersucht. Genau wie Naboru war es kerngesund, was sie nicht erwartet hätte. Sie hatte noch nie einen Säugling gesehen, der nach seiner Geburt so ruhig gewesen war.
"Und? Was ist mit Farina?", fragte Eine.
"Sie ist vor Erschöpfung eingeschlafen.", verkündete Sará.
"Ist das ihr in Schande geborenes Kind?", fragte eine Andere.
"…Ja…"
"Oh, ich will es sehen! Darf ich, darf ich, Mutter?", kreischte Dana und fuchtelte wild mit ihren Händen.
"Natürlich.", Sarás Stimme klang matt und nachdenklich. Sie hob das Neugeborene von ihrer Brust und legte es längs auf ihren Arm. Dann schob sie das Tuch vom Kopf des Säuglings weg.
Die winzigen Äuglein waren geschlossen. Dünne, feuerfarbene Haare klebten auf dem Schädel. Die Haut war makellos weiß und die Wangen rosig. Die schmalen Lippen waren blutrot.
Mit großen Augen betrachteten die Gerudos das Kleine.
"Zugegeben, es hat die Schönheit seiner Mutter geerbt.", nötigte sich eine der Frauen ab.
"Wow", Dana war hin und weg. "Was für ein wunderschönes Mädchen!"
Sará blickte ebenfalls auf das Bündel, das ruhig in ihren Armen lag.
"Nun", sagte sie nach einer Weile. "Mädchen ist nicht ganz richtig."
Verwirrt verfolgten die Kriegerinnen, wie Sará den winzigen Leib des Säuglings entblößte.
"Bei der Priesterin Shjra!", stieß Eine hervor.
"Das zwischen den Beinen… das ist …"
"Ganz recht, meine Damen", bestätigte Sará. "Ein Penis. Der neue König der Wüste hat sich soeben einen Weg ins Leben gebahnt."
"NEIN!", fauchte eine Gerudo. "Das ist nicht unser König, das ist das Kind einer Geächteten! Wir sollten ihn so schnell wie möglich loswerden!"
"Rede nicht so einen Unsinn, Eleane! Wir halten einen Rat ab, um über das Schicksal dieses Jungen zu entscheiden."
Eleane funkelte sie böse an, warf noch einen letzten abfälligen Blick auf den Winzling und ging.
Wenige folgten ihr, die Meisten gingen in den Kreissaal um Nebu Gesellschaft zu leisten und noch einmal dem Geschrei der kleinen Naboru zu lauschen. Nur Dana musste beleidigt immer noch vor der Tür verharren.
Sará aber machte sich wieder auf den Weg in den höchsten Raum - zu Farina.
Die junge Frau wachte auf, als sie ihr das Baby auf die Brust legte.
"Dein Junge hat Hunger.", meinte sie knapp.
Farina versuchte sich etwas hochzustemmen und ihr Kind zu stillen. Noch immer war es ruhig.
"Er war ein Dieb…", erzählte Farina. "Er hat mir gesagt, er habe noch nie eine so schöne Frau wie mich berührt. Und dass ich seine erste Jungfrau bin, mit der er schläft." Sie strich zärtlich über den Kopf ihres Babys. "Ich habe ihn mit seinem eigenen Schwert erstochen…genau ins Herz." Noch immer hatte sie hohes Fieber. "Was haben die Anderen gesagt?"
Sará wog ihre Worte sorgfältig ab. "Wir werden in einer Verhandlung über dein Kind richten."
Farina kicherte, dann flossen erneut Tränen ihre Wangen herunter und tropften auf das trinkende Neugeborene. "Das ist nicht fair! Nebus Kind darf leben, meines nicht…"
Sará empfand Mitleid für die junge Mutter. "Denk nicht so, es ist noch nichts entschieden."
"Hör auf, Sará!", klagte Farina. "Ich will dein Mitleid nicht."
"Erhol dich, du wirst an der Versammlung teilhaben, dafür sorge ich. Außerdem ist dein Kind der neue König, keiner wird in der Lage sein, dies zu widerlegen.", Sará lächelte ihr zu. "Vertrau mir."

Das Gerücht, ein Junge sei der verachteten Farina geboren worden, verbreitete sich wie ein Buschfeuer. Alle vom Volk der Gerudos versuchten einen Blick auf ihn zu erhaschen, noch bevor die Entscheidung über sein Schicksal fiel.
Vier Tage später versammelten sich alle alten und weisen Gerudos in der Halle mit der gigantischen Statue. Auf einem kleinen Podest vor der Skulptur, zwischen zwei brennenden Fackeln, war eine Krippe aufgebaut, in der der Knabe friedlich lag. Noch immer waren seine Augen fest geschlossen.
Farina kaute auf ihrer Unterlippe herum um dem Drang zu widerstehen, ihn sofort wieder in ihre Arme zu nehmen.
Nur äußerst widerwillig hatte sie ihren Sohn herausgerückt, nachdem ihr gedroht worden war, ihn ihr gewaltsam zu entreißen und sie für ihren Ungehorsam auspeitschen zu lassen. Schmollend saß sie jetzt auf dem Boden neben den Anderen, die ebenfalls auf dem Stein Platz genommen hatten.
Reme, die oberste Richterin des Volkes, trat vor die Krippe. "Hiermit eröffne ich die Verhandlung um das Leben, dieses Kindes!" Sie deutete mit ihrem langen, dünnen Holzstab auf den Inhalt des Kinderbettchens.
Eleane sprang sofort auf. "Dieses Kind ist eine Missgeburt! Es hat den Tot verdient!"
"Schweig!", befahl ihr Reme. "Deine Zeit zu Reden ist gleich gekommen, aber lass mich erst ausreden." Ein leichtes Husten folgte. "Es ist sehr wohl der Säugling Farinas, doch was noch entscheidender ist - ihr wurde ein Junge geschenkt! Wir hatten schon seit mehr als 200 Jahren keinen König mehr, es ist an der Zeit…" Ein erneuter Hustanfall überkam Reme. "Wir brauchen einen neuen Herrscher!", beendete sie letztendlich ihre Rede. "Also Eleane, tritt vor und sprich!"
Und das tat die Gerudo auch, stolz und erhobenen Hauptes. Voller Verachtung beäugte sie den Säugling, der so reglos dalag, als ob in ihm niemals das Leben erblüht wäre. Dann drehte sie sich um, der Menge zu.
"Wie wir gehört haben ist es nun schon über 200 Jahre her, seit dem Ableben unseres letzten Königs. Wir alle - jede einzelne von uns erwartet den Tag an dem unser neuer Herrscher einer von uns geboren wird. Jede von uns betet und fleht zur großen Shjra…", Eleane hob die Hände gen Himmel und deutete auf die Skulptur. "…, dass ihr die Ehre zu teil wird, sie die Auserwählte sei, der der Junge mit der göttlichen Macht geschenkt wird. Und nun soll ausgerechnet ihr…", sie zeigte mit ausgestrecktem Finger und angewidertem Blick auf Farina. "…die, die sich einem Manne so hingab - die, die von uns verachtet wird, der König geboren sein? Dieser Junge ist ganz sicher nicht der Mächtige. Ich warne euch, wenn wir einem solchen Kind unser Volk anvertrauen, bedeutet das nicht nur den Verlust unserer Würde, sondern auch unseren Untergang!"
Manche nickten oder hauchten ein "Stimmt!", die Anderen blieben unparteiisch.
"Du Lügnerin!", schrie Farina und erhob sich. "Du lässt deine ganze Wut und deinen Hass auf mich an einem wehrlosen Säugling aus, wie tief bist du schon gesunken, Eleane, wie tief?"
Reme, die Richterin trat auf sie zu und gab ihr eine Ohrfeige. "Du unreifes Gör, wer hat dir erlaubt zu sprechen? Sei dankbar, überhaupt am Rat teilhaben zu dürfen!" Sie drückte die aufgebrachte Farina wieder auf den Boden. Mit Zornestränen in den Augen folgte diese.
"Nun gut", sprach Reme. "Trete vor, wer immer zur Verteidigung des Knaben etwas zu sagen hat!"
Es herrschte absolutes Schweigen. Niemand stand auf, niemand erwiderte etwas, niemand setzte sich für ihr Kind ein. Wenn sie nur dürfte, aber es war ihr verboten. Ihr Sohn würde sterben bevor sein Leben erst richtig angefangen hatte, daran zweiflete Farina nicht mehr, alle Hoffnung war von ihr abgefallen.
Ihr Zorn schlug in Angst und Panik um. Sará hatte ihr doch versprochen…
Sará stand auf und schritt auf die Krippe zu. Sie beugte sich herunter und küsste den Jungen auf die Stirn.
Ein großes Getuschel und Geflüster ging durch die Reihen, bis Sará mit einer Geste um Ruhe bat. "Ihr glaubt sicher, ich werde um das Recht dieses Kindes kämpfen, aber ihr irrt. Es braucht meine Hilfe nicht. Der König der Wüste ist bereits jetzt in der Lage sich zu beschützen und als ehrwürdig zu erweisen. Er ist unser Herr und keine von uns sollte auch nur eine Sekunde daran zweifeln!"
"Was redest du da, Sará? Hast du den Verstand verloren?", fuhr Eleane sie an. "Dieser Knabe ist nie und nimmer unser König…", einen Moment lang hüllte die Stille den Saal ein. Es schien als holte die Zeit selbst tief Luft. "…und ich werde es euch auch beweisen!"
Mit diesen Worten zog sie ihren Dolch aus der Scheide, die um ihre Hüfte gebunden war. Entsetzt sprang Farina auf die Beine um sich auf Eleane zu stürzen. Aber sogleich griffen viele Frauenhände nach ihr und hielten sie zurück.
"NEIN!", brüllte sie. "Tu ihm nichts!"
Sará werte mit der Hand ab. "Haltet sie ja fest. Und du Eleane, trete heran, wenn du seine Macht unbedingt am eigenen Leib zu spüren bekommen willst." Mit siegessicherem Lächeln schritt Eleane vor die Krippe. "Elender Wurm, du hast in unserem Volk keinen Platz!"
"BITTE NICHT!", bettelte Farina entsetzt. "Töte mich, aber nicht ihn!"
Sie hob den Dolch genau über den Säugling. "Viel Spaß im Jenseits, Winzling!"
Plötzlich öffnete der Junge seine Augen und Eleane stoppte mitten in der Bewegung. Der Blick brannte sich in ihr Gedächtnis, durchlöcherte ihre Gedanken. Der Dolch wurde glühend heiß, dass sie ihn mit einem lauten Aufschrei fallen ließ. Auf ihrer Hand bildeten sich überall hässliche Brandblasen inmitten der geröteten Haut.
Eleane starrte noch immer in die Augen, die gelb schimmernden Augen. Die Pupillen waren nicht rund, wie bei allen Menschen, sondern lang und schmal.
Sie fiel vor der Krippe auf die Knie. "Vergib mir, mein König, vergib mir meine Zweifel an deiner Kraft!"
Und zum ersten Male begann das Kind zu schreien und zu weinen. Es wirbelte und schlug um sich. Farina befreite sich von den Klammergriffen und rannte zu ihm. Sie nahm den Kleinen in die Arme und wiegte ihn. "Habt ihr jetzt begriffen, ihr blöden Kühe? Wehe der, die meinem Sohn noch einmal etwas Böses tun will!"
Die irritierten Kriegerinnen sahen einander an. Nur Sará blickte den Jungen im Arm der Mutter siegreich an. Ihre Vermutung hatte sich ganz nach ihrer Vorahnung bestätigt.
Der Knabe weinte weiter und Farinas Aufmerksamkeit wandte sich wieder ganz ihm zu. Beruhigend redete sie auf ihn ein: "Pssst…mein kleiner Ganon, deine Mutter ist bei dir…" Und sie summte leise.
Abrupt meldete sich die oberste Richterin zu Wort: "Ganon - der Überlebende? Hast du deinem Sohn gerade einen Namen gegeben?"
Ein lautes Einatmen aller erklang in der Halle und wurde von den Wänden noch lauter abgestoßen.
Trotzig schaute Farina in die Runde und blieb an Reme haften. "Na und? Jedes Kind bekommt einen Namen!"
Am Rande ihrer Geduld, aber bemüht ruhig zu bleiben, erinnerte Reme die junge Mutter: "Du weißt genau was im Gesetz steht! Der König darf keinen Namen tragen. Namen machen die Menschen verwundbar!"
"Ich allein entscheide was gut für mein Kind gut ist und ich pfeife auf die alten Gesetzte!", sagte Farina selbstsicher. "Er soll sein wie jedes andere Kind in seinem Alter auch…"
"Hihihi", ertönte plötzlich eine kreischende Stimmte. "Hör Kotake, wie vorlaut das Gör ist."
"Ja, Koume"; eine andere. "Schlimm, schlimm!"
Zwei gleißende Lichtkugeln erschienen über ihnen. Eine Rote und eine Blaue, die sich schnell um sich selbst drehten. Daraus formten sich langsam zwei uralte Weiber auf uralten Besen - Koume und Kotake, die Hexen des Geistertempels.
Beide trugen sie einen schimmernden Juwel auf der Stirn.
Koume, die den Feuerzauber beherrschte, besaß den Roten, zu ihren Feuerhaaren.
Kotake, die den Eiszauber beherrschte, besaß den Blauen, zu ihrem Eisklumpen als Haar.
"Aber was soll man da machen, Koume. Wenn es die Mutter des Herren so wünscht, ist ihr nicht zu widersprechen."
"Völlig richtig, Kotake."
Sie kicherten und flogen über den Köpfen der Anwesenden hinweg. Misstrauisch beobachtete Farina sie.
"Ja, ja, er hat wirklich Potenzial, der Kleine. Nicht Kotake?"
"Ja, ja, das hat er. Der Junge wird ein starker Mann werden, mächtiger als alle vor ihm!"
"Und er wird die Rache der Shjra ausüben, Kou…"
"Nichts wird er!", unterbrach Farina, die zwielichtige Unterhaltung. Die beiden Hexen beäugten sie verwundert und stoppten ihren wilden Flug.
"Was soll das heißen, ehrenwerte Mutter?", fragte Koume skeptisch. "Wir werden ihn erziehen und ausbilden, bis der Tag der Abrechnung anbricht."
"Das werdet ihr nur über meine Leiche! Ich lasse nicht zu, dass Ganon ein gefühlsloser Klotz wird, wie die Könige vor ihm. Shjra ist schon lange tot, sie braucht keine Rache mehr."
"Du wagst es, dich gegen deine Göttin zu stellen?", brüllten die beiden Hexen wie aus einem Munde. "Er muss seine Aufgabe erfüllen, daran kannst du nichts ändern!"
"Und ob ich das kann! Mein Sohn wird in seinem ganzen Leben nie auch nur einen Menschen umbringen!"
"Du!!!" Kotake bildete in ihrer Hand eine Wolke aus Eis und holte aus - "Halt!"
Die oberste Richterin trat vor. "Wir alle missbilligen den Wunsch Farinas, aber sie ist es nun einmal, die den König geboren hat. Wir haben kein Recht uns gegen ihr Urteil zu stellen."
Die beiden Hexen sahen sich an und brachen in schalendes Gelächter aus. "Traut ihr euch wirklich zu, das Gesetz auf solch obszöne Weise zu missachten?", lachte Koume. "Ihr wisst genau, was geschehen wird. Shjra wird euch alle vernichten, ihr die ihr alle ihre Kinder seid!"
Und in diesem Augenblick floss eine pechschwarze Masse von den steinernen Händen der Skulptur. Sie tropfte auf die Kriegerinnen herab, die schrieen und kreischten vor Angst. Sie standen auf und liefen panisch und orientierungslos in der Halle umher.
"BERUHIEGT EUCH!", rief ihnen Kotake zu. Und sofort stoppte der Fluss. Die Gerudo versuchten ihre Furcht zu bezwingen und wandten sich ihr zu.
"Na? Da habt ihr euren Beweis!", höhnte Koume.
"Aber…was sollen wir tun? Sagt es uns!", flehte Reme.
Koume und Kotake sahen sich erneut an und nickten sich gegenseitig zu. Dann deuteten sie beide auf Farina und sprachen wie aus einem Munde: "Für solch schlimmen Ungehorsam gibt es eigentlich nur eine Strafe - den Tod!"
Farina zuckte zusammen und drückte ihr Kind noch fester an sich.
"Aber in diesem Fall gibt es eine noch bessere Lösung!"
Wieder lachten sie und ließen die Frauen eine geschlagene Weile im Unwissenden. Dann stürzten sie ohne Vorwarnung auf Farina zu. Kotakes Eiszauber traf ihre Hände und schreiend verlor sie den Säugling aus der Hand. Koume fing ihn in der Luft und flog hoch, für die Mutter unerreichbar.
Farina presste ihre schmerzenden, gefrorenen Hände an sich. Sie konnte keinen Finger krümmen.
Das Junge fing an zu schreien.
"Na, na, nicht weinen. Wir kümmern uns schon gut um dich.", versuchte Koume ihn ruhig zu stellen. Mit ihrem knochigen, schrumpeligen Zeigefinger strich sie ihm über die Wange. "Gutschigutschigu…"
Farina wurde schlecht, wie sie mit ansehen musste was die Hexe mit ihrem Sohn machte. "Gebt ihn mir zurück!", befahl sie.
Kotake blickte auf sie herab. "Wir denken nicht dran, er gehört jetzt uns! Und für dich gibt es nur eins - Verbannung!"
Farina schaute von einer Gerudo zur andern. Aber sie alle wandten ihren Blick von ihr ab. Das war also aus ihr geworden, aus einer Geächteten nun eine Verbannte. Wohin sollte sie bloß gehen? Gerudos, die sofort an ihrem roten Haar zu erkennen waren, wurden überall gefürchtet. Sie hatte allein keine große Überlebenschance.
"Geh!", lachte Kotake. "Geh hinfort, Maaku - die Verstoßene!"
Sie wusste das sie keine Macht hatte sich zu widersetzten. Heiße Tränen flossen über ihr Gesicht, während sie langsam zum Tor schritt. Die Menge teilte sich um ihr platz zu schaffen. Mit einem Schweigen sahen ihr ihre ehemaligen Lebensgefährtinnen nach.
Traurig schaute Sará zu den alten Weibern empor. Sie werde sich dafür einsetzten, dass Nebu sich um den Kleinen kümmerte, bis er nicht mehr gestillt werden musste.
Jedoch - ob Farina ihren Sohn jemals wieder sah, wusste allein das Schicksal…

Hi Leute! Da bin ich nun seit so langer Zeit wieder und bring euch gleich noch die nächsten zwei Kapitel mit ^^. Zu allererst möchte ich jedoch noch einiges loswerden. Erstens, endlich habe ich meine Prüfungen hinter mir! Mein Abi ist mir sicher – yeah! Zweitens, wenden wir uns gleich der Geschichte zu. Einige haben mir geschrieben wie „komisch“ es klingt, dass Alexandra die Meute mit so wenig Geld bestechen will, obwohl sie doch das zweitreichste Mädchen der Welt ist! Nun, da ist was dran, aber mal ganz ehrlich – ob Vivi immer noch widerstanden hätte, wenn Alexandra ihr hunderttausend geboten hätte? Also glaubt mir – ich würde Benny für so viel sofort verkaufen *lol* der arme Junge. Drittens – ich spreche nun meine Widmungen aus: Das 7. Kapitel widme ich Simon, er war der erste, der meinen Satz richtig übersetzt hat und mir mit seiner Kritik immer seine Gunst erwiesen hat und noch bis heute erweist ;) Das 8. Kapitel geht an Vanessa, denn sie hat es gleich als Zweites geschafft ^^ ich hoffe ihr freut euch. Die Übersetzung lautet übrigens: „Herr, erlaubt mir, im Namen all Eurer treuen Untertanen, zu betonen was für eine große Ehre es uns ist Euch in unserer Zeit zu begrüßen!“ Als Letztes möchte ich noch den Mitarbeitern der zeldafans-Seite danken, die meine Geschichte in ihrer Page überhaupt existieren lassen. Und allen Lesern möchte ich danken, die meiner Geschichte so viel von ihrer kostbaren Zeit schenken um sie zu lesen und auch, dass ihr so viel Geduld mit mir habt ^^ Danke an euch!


7. Kapitel

Lin fuhr aus dem Schlaf und öffnete die Augen. Es war ein langer und anstrengender Traum gewesen. Und sie war heilfroh endlich erwacht zu sein. Nun starrte sie die schwarze Marmordecke an. Eine Hand trat in ihr Blickfeld und sie kreischte erschrocken auf. „Oh, Herrin! Bitte beruhigt Euch, ich tue Euch nichts!“ Lin beruhigte sich wirklich und setze sich auf. Neben ihr auf dem Bett saß eine Frau mit einem feuchten Lappen und einer Wasserschale in der Hand. Sie schien noch sehr jung zu sein, kupferrote Haare fielen in leichten Wellen um ihr Kinn. „Ihr hattet leicht erhöhte Temperatur, darum habe ich euch kalte Kompressen gemacht.“, rechtfertigte sich die Frau. „Wer bist du?“, fragte Lin, mit noch immer pochendem Herzen. Die Frau senkte den Kopf. „Erika, meine Herrin. Ich stehe Euch zur Verfügung.“ Lins Schädel brummte. Sie fasste sich an den Kopf und stand auf. Kurz schwankte sie, doch ihre Beine hielten ihr Gewicht. Lin stieg vom Bett herab. „Herrin!“, äußerte die Frau erschrocken. „Fühlt Ihr Euch denn schon stark genug um aufzustehen?“ Lin blieb abrupt stehen und drehte sich zu ihr um. „Hast du mich gerade Herrin genannt? Nennst du mich in der Mehrzahl?“ Erika blickte sie fragend an. „Nun…ja, Herrin. Euer hoher Stand verlangt eine ehrenvolle Anrede…“ Erschöpft lachte Lin. „So hat noch nie jemand mit mir geredet. Nenn mich lieber Lin, sonst komme ich mir blöd vor!“ Die Frau stand auf und verbeugte sich tief. „Nun gut, Lin. Wie Ihr befielt.“ Die Frau redete ja immer noch in der Mehrzahl! Ist die bescheuert oder hält die mich zum Narren, fragte sich Lin. Aber sie hatte keine Lust der Frau alles in den Mund zu legen. „Herrin…äh ich meine Lin, habt Ihr irgendeinen Wunsch? Soll ich Euch ein Bad einlassen, damit Ihr Euch entspannen könnt?“ Verwundert aber auch erfreut fragte Lin: „Ein Bad? Es gibt ein Badezimmer?“ Erika lächelte leicht. „Aber natürlich, He…Lin.“ Die Frau ging zum Kamin und zog an dem Kronleuchter, der daneben angebracht war. Der geheime Schalter fuhr nach unten und ein Stück der Wand, der Kamin, schwang auf. Gleichzeitig ging im versteckten Badezimmer das Licht an. Fast schon stolz über ihr Werk forderte Erika sie mit einer Geste auf einzutreten. Neugierig betrat Lin den Raum – und staunte. Den Mittelpunkt bildete eine, in den Boden eingegebene, gigantische weiße Wanne. Genau gegenüber stand das Waschbecken mit einem breiten Spiegel. Das Licht kam von vielen winzigen Birnen, die aus der Decke herausragten, wie kleine Sterne. An den Wänden waren mehrere Bretter angebracht auf denen weitere Duftkerzen standen. Auf einem jedoch reihten sich mehrere Glasgefäße an, mit Flüssigkeiten in allen Farben. Darunter auch ein Korb mit bunten Kugeln. „Sind das Badeschaumkugeln?“, fragte Lin wie ein kleines Kind beim Geschenkeauspacken. „Richtig.“, bejahte Erika. „Das ist alles Badeschaum und Badezusatz.“ „Und wozu sind diese Säulen?“, fragte Lin weiter. Neben der Wanne standen zwei hohe Säulen, die in die Decken hineinreichten. In ihnen schwappte eine blaue Flüssigkeit. Erika kicherte leise. „Das werde ich Euch zeigen.“ Sie klatschte zweimal schnell in die Hände. Das Licht ging aus. Nur das Licht des Nebenraumes fiel fade durch die Geheimtür. Dann klatschte Erika einmal laut in die Hände. Die Säulen wurden aktiv. Sie leuchteten und das Licht bewegte sich. Es sah aus wie der Boden eines Schwimmbades. Nur, dass die Dunkelheit des Raumes das Lichtspiel noch viel schöner machte. *schwärm* so ein Badezimmer werde ich nie haben… Aber ich fange an zu übertreiben – Entschuldigung ^^ (ein Klo gibt es übrigens auch, aber darauf wollte ich nun wirklich nicht eingehen) Lin legte ihre Hand auf eine der Säulen. „Wow! Das ist atemberaubend!“ „Das alles für Euch, Lin. Der Herr wünscht für Euch nur das Beste!“, sagte Erika. So schnell wie Lins Euphorie gekommen war so schnell verschwand sie jetzt. Denn sie war daran erinnert worden, dass dieser Luxus sie die Freiheit kostete…und ihre Unschuld schon im Voraus! „Toll! Ich bin ja ein echter Glückspilz.“, murmelte sie bitter und mit überdeutlich sarkastischem Unterton. Seufzend und mit finsterem Gesicht klatschte sie zweimal in die Hände. Das Licht ging wieder an, die bezaubernde Atmosphäre war verpufft. „Was habt Ihr plötzlich, Herrin…äh Lin?“, fragte Erika und legte ihr besorgt eine Hand auf die Schulter. „Was nützt mir das Beste, wenn ich darin gefangen bin?“, entgegnete sie. „Seid nicht traurig! Wenn der Herr erst seine Aufgabe erfüllt hat, dann wird er Euch seine Liebe…“ Lin schüttelte ihre Hand ab. „Was wird er? Du sprichst von einer Liebe, die nur vorgespielt war? Nein danke! Ich habe keine Kraft mehr das zu ertragen, ich will jetzt sofort…“ Da fiel ihr plötzlich etwas ein, was sie in ihrer Erschöpfung beinahe überhört hatte. Sie drehte sich so schnell zu der jungen Frau um, dass diese fast ihr Gleichgewicht verlor. „Was hast du gesagt, als ich aufgewacht bin?“, fragte Lin. „Dass Ihr leicht erhöhte Temperatur hattet und ich…“ „Nein, nein! Danach!“, forderte Lin. Die Frau runzelte die Stirn. „Meinen Namen und dass ich Euch zur Verfügung stehe…“ „Ja genau!“, strahlte Lin und rannte aus dem Badezimmer hinaus. „Lin, wo wollt Ihr hin?“, rief Erika verwirrt und folgte ihr. Lin rannte zur Tür und war aufgeregt, wegen ihres Einfalls. Sie legte, von sich selbst überzeugt, die Hand auf die Türklinke und strahlte die Frau hochmütig an. „Du stehst mir zur freien Verfügung?“ „Ja.“
„Das heißt doch, dass du machst was ich will, oder?“, bohrte Lin nach. „Ja.“ War die gleiche Antwort.
„Dann befehle ich dir jetzt diese Tür zu öffnen und mir den Ausgang aus diesem Turm zu zeigen!“, sprach Lin in einem besonders strengen Tonfall. Erika seufzte und schenkte ihr ein mitleidiges und entschuldigendes Lächeln. „Verzeiht mir, Lin. Das kann ich nicht!“ In ihren hintersten Gedanken, die sie ganz tief in sich verdrängt hielt, hatte Lin es geahnt. Es wäre viel zu einfach gewesen. Doch sie weigerte sich es zu akzeptieren. „Aber du hast doch gesagt, dass du alles tust was ich von dir verlange!“, sagte Lin verzweifelt. „Das stimmt nicht ganz, Lin.“, verteidigte sich Erika. „Der Herr hat mir ausdrücklich verboten Euch Euer Zimmer verlassen zu lassen und sein Befehl geht dem Euren nun einmal vor. Bitte versteht das!“ Tränen stiegen Lin in die Augen, aber sie versuchte sie so gut es ging zu unterdrücken. Enttäuscht lehnte sie sich gegen die Tür. „Dann komme ich hier nie raus!“ „Nehmt es nicht so schwer, Lin.“
Lin stierte die Frau wütend an. „Und das sagt ausgerechnet Eine, die sich frei bewegen kann!“ „Ehrenwerte Lin, so frei wie Ihr mich glaubt bin auch ich nicht.“ Erika sah ihr ernst in die Augen. „Ich darf den Turm nicht verlassen und muss für Euer Wohlbefinden sorgen.“ Augenblicklich bekam Lin Schuldgefühle. Jetzt schämte sie sich für das was sie gesagt hatte. Erika war also gefangen obwohl sie frei war. Sie stand auf Kims Seite und konnte noch nicht einmal den Turm verlassen. „Tut mir Leid, Erika. Das wusste ich nicht…ich habe das nicht so gemeint…“ „Ist schon in Ordnung, Lin. Ich verstehe, dass Ihr über Eure momentane Lage aufgebracht seid.“, sagte Erika mit weicher und geduldiger Stimme. Lin wollte sich noch einmal entschuldigen, da gab plötzlich die Tür mehrere laute Klicke von sich. Gleich darauf vibrierte sie. Erschrocken wich Lin einige Schritte zurück und sie beide schauten zu wie die Tür langsam aufging. Zwei Männer betraten den Raum. Sie trugen jeweils ein großes silbernes Tablett hinein, voll gestellt mit Tellern, Schüsseln und Schalen, aus denen es herrlich duftete. Die würzigen Dämpfe stiegen in die Luft und verlockten jedem Betrachter sich ihre Ursprünge auf der Zunge zergehen zu lassen. Auf dem einen Tablett war eine riesige Schale aus dem die verschiedensten Obstsorten heraus quollen. Angefangen bei schnewittchenroten Äpfeln bis hin zu Sternenfrucht, Mango und Litschi. Eingewoben darin war ein prächtiges Gesteck aus schwarzen Rosen. Hinter ihnen betrat auch Kim den großen Raum.

„Raik, stellt die Tabletts auf die Kommode dort drüben.“, befahl er und deutete mit dem Finger. Die Männer taten wie ihnen geheißen. Kim hatte sich umgezogen. Er trug keine normale Jungenkleidung mehr. Er trug jetzt eine schwarze Stoffhose und eine ebenso schwarze knielange fallende Tunika mit weiten langen Ärmeln. Um die Hüfte glänzte ein Gürtel mit goldener Schnalle. Das Triforcewappen war darin eingegossen. Seine gebieterische und gerade Körperhaltung noch dazu ließ ihn nur noch mächtiger erscheinen. Doch das war nicht das höchste Gut an ihm. Auf seiner Stirn glänzte das goldene Diadem mit dem Dracontiasstein im sanften Licht des Raumes. Die Zeichnung hat mich dazu inspiriert – danke Simon ;) Irgendwie musste Kim ihren Blick gespürt haben, denn er wandte sich zu ihr um und erwiderte diesen mit einem Lächeln. Lin fühlte sich ertappt und wurde rot, doch sie rümpfte die Nase um das zu überspielen. „Lasst uns allein!“, befahl er. Sofort gehorchten Erika und die beiden Männer. Sie verbeugten sich erst vor Kim und dann, was Lin erschaudern ließ, verbeugten sie sich auch vor ihr und verließen den Raum. Die Tür schwang auf und wieder zu. Das hoffnungsraubende Klicken der Riegel, auf das Lin nur gewartet hatte, erklang kurz, ehe die Tür vollkommen ruhte. Lin durchbrach als erstes die Stille. „Du siehst bescheuert aus!“ Kim musste lachen. „Ein netteres Kompliment hast du mir seit Jahrhunderten nicht mehr gemacht.“ „Es wird das Netteste bleiben was mir in deiner Gegenwart je wieder über die Lippen kommt!“, entgegnete Lin scharf. Kim seufzte und suchte das Thema zu wechseln. Er machte einen allumfassenden Blick. „Ich hoffe dir gefällt dein Zimmer, langsam müsstest du dich wohl daran gewöhnt haben.“ „Du sprichst von dem goldenen Käfig?“, ironisierte Lin. „Nun, ganz so bitter hätte ich es nicht ausgedrückt, aber das ist wohl das passende Wort. Leider…“ Langsam schritt Kim die Kommode entlang. Bei jedem seiner Schritte hörte man das Auftreten seiner schweren Stiefel auf dem Marmorboden. Er ging hinüber zu den Tabletts. „Ich hoffe du hast Hunger, ich habe dir Essen bringen lassen. Natürlich etwas mehr, schließlich ist du für zwei.“ Seine Finger umhüllten eine der Rosen und er roch daran. Das schwarze Kästchen lag neben der Obstschale. Kurz ruhte seine Hand darauf und er lächelte, ehe er ernst wurde. „Ich will dir deinen unfreiwilligen Aufenthalt so angenehm wie möglich machen.“ „Das kannst du nicht!“, war die Antwort von Lin. Kim drehte sich zu ihr um. „Bitte Kim, bitte bring mich nach Hause. Ich will hier nicht bleiben. Dieser Raum macht mich wahnsinnig! Ich will hier nicht für immer eingesperrt bleiben.“, fuhr Lin mit flehender Stimme fort. Ihr wurde sogar heiß vom Reden. Sie schwankte leicht. „Es ist nicht für immer!“, entgegnete Kim. „Nur vorübergehend. Du musst verstehen, dass ich das Wohl unseres Kindes nicht gefährden will. Und ebenso wenig will ich, dass du auf der Seite stehst, die am Ende ausgelöscht wird. Darum musst du hier bleiben. Das ist der sicherste Ort, denn es auf Erden gibt.“ „Der sicherste Ort?“, wiederholte Lin mit schwacher Stimme. Ihre Beine gaben nach und sie rutschte auf den warmen Boden. „Wozu? Was heißt das?“ „Die Welt wird vernichtet werden, Lin. Und mit ihr alle Menschen. Nur einige Auserwählte werden weiterleben dürfen.“ Als Kim das sagte war seine Stimme kalt wie Stein. „Damit eine neue Weltordnung entstehen kann, wie die große Shjra es wünscht.“ „Vernichtet? Aber wie soll das gehen?“ Aus Lins Gesicht wich alle Farbe.

Mit einer bösen Vorahnung packte Kim eine der übereinander gestapelten silbernen Schüsseln auf der Kommode und trat auf Lin zu. „Dies zu wissen ist nicht Teil deiner Bemächtigung. Du hast deine Aufgabe und die hat damit nichts zu tun.“ Kim beugte sich zu ihr herunter und legte die Schüssel vor sie ab. Es war eine hässliche Krankenhausschale. Und Kim behielt Recht! Mit einem Schlag wurde Lin so schlecht wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie konnte noch nicht einmal darüber staunen. Sie übergab sich gleich mehrere Male. „Dir wird ab jetzt häufiger schlecht werden.“, sagte Kim als sie sich endlich beruhigt hatte. „Ach und wieso bist du dir da so sicher?“, krächzte Lin zornig. „Warst du schon mal schwanger?“ „Das nicht, aber ich habe mein ganzes Leben unter Frauen verbracht… Aber das ist jetzt nicht wichtig. Du musst dich ausruhen…“, sagte er und fügte in Gedanken hinzu: Solange du es noch schmerzfrei kannst. Kim erhob sich und nahm sie auf die Arme um sie zum Bett zu tragen. Lin war ganz bleich im Gesicht geworden. Ihr war auch nachdem sie bereits erbrochen hatte schwindelig und übel. Während sie gegen den Schwindel ankämpfte schritt Kim erneut zur Kommode und stellte die Obstschale vom Tablett um einen Krug voll Tee, einen Becher und die Schatulle darauf zu stellen. Auf die Bettkante setze er sich und goss ein. „Der Tee wird deinen Magen beruhigen.“, prophezeite er und reichte Lin den Becher. Sie trank gleich mehrere hintereinander um den ekligen Geschmack des Erbrochenen loszuwerden. Als sie nichts mehr trinken konnte lehnte sie sich zurück. „Wozu hast du mir das angetan, Kim? Wozu?“ „Willst du das wissen?“, fragte Kim. „Es ist aus zwei Gründen. Erstens brauche ich unbedingt die magische Energie in deinem Körper und zweitens könntest du stark genug sein um die Geburt zu über…naja gesund zu überstehen.“ Abrupt setze sich Lin wieder auf. „Wolltest du überleben sagen? Ist es nicht einmal sicher, dass ich die Geburt überlebe?“ „Doch…“, nuschelte Kim.

„Und warum sollte es so schlimm sein ein Kind zu bekommen? Millionen von Müttern bekommen Kinder und sind am nächsten Tag noch selbst am Leben! Was sollte mich so gefährden?“ „Du bekommst ja nicht irgendein Kind.“, erwiderte Kim. „Was die Geburt so gefährlich macht ist die Unmenge an Magie. Während das Kind in dir wächst saugt es dir die Lebenskraft ab um die Magie der Erde, die in dir versiegelt ist, aufzunehmen.“ Lin machte riesige entsetze Augen. Wie bitte? Lebenskraft? „Aber du brauchst keine Angst zu haben.“, winkte Kim schnell ab. „Dein Körper erneuert deine Lebensenergie regelmäßig und schließlich hast du das Triforce in deinem Körper, die Macht der Göttinnen wird ihre Trägerin beschützen! Also wenn du dich ausruhst und entspannst…“ „Halt die Klappe, Kim!“, fuhr ihn Lin an. „Auf deine Wellnesstipps kann ich verzichten!“ Sie presste ihre Hände auf die Augen um nicht das Weinen anzufangen. Kim senkte den Kopf und strich mit dem Zeigefinger über das Etui. „Das wollte ich nicht.“, sagte er leise. „Glaub mir, Lin. Aber ich hatte keine Wahl, ich musste es tun!“ „Hör auf zu lügen, Kim, hör auf! Du hast uns alle belogen. Du hast uns nur was vorgespielt. Du hast mich belogen und benutzt! Ich will dein falsches Spiel nicht mehr ertragen müssen!“ Sie drehte sich zur Seite, weg von ihm. „Und du hast Opa und Benny umgebracht! Wie sollte ich dir verzeihen können?“ Nun konnte Lin die Tränen nicht mehr unterdrücken. „Ich hasse dich dafür!“ Sie umklammerte eines der Kissen und presste es auf ihr Gesicht. Kim ertrug es nicht sie so zu sehen. Er fühlte sich schuldig, und er hatte auch Schuld an ihrem Leid. Er legte sich die Schatulle auf den Schoß und strich mit den Fingern darüber. Er rang mit sich. Doch schließlich entschied er sich nachzugeben. Sanft fasste er Lin am Arm. Sie stieß ihn weg. „Lass mich!“, schrie sie ins Kissen. „Lin, du musst mir versprechen keinen Fluchtversuch zu unternehmen!“ Ohne aufzusehen antwortete Lin: „Ich verspreche dir gar nichts!“ Seufzend packte Kim das Kissen und löste mit leichter Gewalt Lins Hände davon. Lin wehrte sich, doch er war der Stärkere. „Lin versprich es mir, dann zeige ich dir etwas!“ Sie sah ihn mit ihren verheulten Augen an, wütend an. „Was solltest du mir schon zeigen?“ „Erst musst du mir versprechen, dass du mir gehorchst, wenn ich dir sage, dass du hier bleiben musst!“, forderte Kim. Lin sah ihn noch immer zornig an, doch sie stöhnte. „Ich hoffe für dich, dass es etwas ist was ich sehen will! Na gut – ich verspreche dir artig zu sein!“ „Ich will, dass du diese Räumlichkeiten nicht verlässt!“ „Ich verspreche dir, dass ich diese Räumlichkeiten nicht verlasse!“ Zwar war der wütende und zynische Ton nicht zu überhören, doch Kim war zufrieden damit. Er war froh, dass er Lin dazu gebracht hatte sich blödsinnige Gedanken aus dem Kopf zu schlagen. Wenigstens war das Kind in Sicherheit, wenn die Mutter nicht dumme Fluchtpläne ausheckte. Er wusste ja nichts von Lins überkreuzten Fingern, die sie hinter ihrem Rücken verbarg… „Gut, dann sieh hin!“, verkündete Kim und fuhr mit harter Stimme fort. „Computer!“ Sofort erklang die mechanische Stimme erneut. „Was wünscht Ihr?“ „Zeig mir die letzte Aufnahme vom Turm 2649!“

Gleich darauf erschien in der Mitte des Bettes ein winziges Licht. Lin konnte sich nur wundern und zusehen wie das Licht größer wurde und sich ausdehnte. Zu einer großen – Glasscheibe? Kurz ruhte es, dann wurde es trübe und es entstand ein digitales Bild darauf. Ein heller Raum war zu sehen. Mit vier Jugendlichen darin, die sich fragend umblickten. Eines der Mädchen, das den knappen Rock anhatte, schrie auf. „Wo sind wir?“, klang ihre Stimme etwas zerschlissen. Wie bei einer gewöhnlichen Tonaufnahme. „Mein Gott, Jessi, halt die Klappe!“, zischte ihr das andere Mädchen entgegen. Es hatte giftgrüne Haare, was Lin die Stirn runzeln ließ. „Wer sind die?“, fragte Lin. Kim lehnte sich zurück, erleichtert dass sie sich beruhigt hatte. „Ich habe keinen blassen Schimmer. Ich kenne nur einen von ihnen. Sieh sie dir genau an, du wirst ihn erkennen.“ Lin stand auf seinen Ratschlag hin auf und stellte sich vor das Fenster. Das giftgrünhaarige Mädchen stemmte die Arme in die Hüften und sah zur Tür. „Gehen wir!“, sagte es. Lin kannte die beiden Mädchen und einen der Jungen nicht. Aber bei dem Blonden war sie sich nicht sicher. Der Junge war groß, bestimmt schon sechzehn. Und er war auch sehr im Streetlook gekleidet und der schwarze Strich quer durch das Gesicht sah äußerst ulkig aus. Nein, den hatte sie noch nie gesehen. „Ich muss euch etwas sagen!“, sagte er. „Ich weiß zwar nicht was genau uns erwartet, aber ich weiß, dass es sehr gefährlich…“ Jedoch mit schwerem Herzen musste sie feststellen, dass er Benny sehr ähnlich sah. Sehr ähnlich. Es hätte Benny sein können, in weiteren acht Jahren. Aber es war nicht Benny…ihr Bruder war… „Du kannst deinem Gefühl schon vertrauen.“, erwiderte Kim als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Es ist Benny, dein Bruder.“ Das Mädchen stieß den Blonden zur Seite. „Jaja Superhero. Ich weiß schon.“ „Nein, ich meine es ernst. Ihr könntet euer Leben verlieren! Bleibt stehen! Ich weiß wovon ich spreche! Verdammt noch mal!“ Und dieses Verdammt-noch-mal überzeugte Lin endgültig. Auf solche Art fluchen konnte nur jemand, der sein ganzes Leben in den gleichen vier Wänden verbracht hatte wie sie selbst. „Das ist Benny!?!“ Sie drehte sich zu Kim um. „Aber wie ist das möglich? Du hast gesagt…“ „Ich habe dich belogen. Ich dachte, dass dich die Trauer lähmen würde, doch ich lag falsch.“ Kim legte das Kästchen wieder auf das Tablett und erhob sich. „Doch nun ist es ja nicht mehr nötig, schließlich hast du mir versprochen den Unsinn mit den Fluchtversuchen zu unterlassen!“ „Aber das kann er doch nicht sein!“, überging Lin ihn. „Der Junge ist so groß wie ich! Benny ist doch gerade erst acht.“ „Das kommt von einem Zwischenfall mit Magie, was ihm sehr zu Gute gekommen ist. Er ist in einen meiner Türme eingedrungen und hat ihn zerstört. Nun, sonderlich begeistert bin ich darüber ja nicht – Schließe die Aufnahme ab!“, befahl er. Das Bild erlosch mitten in der Bewegung und das Fenster löste sich vor Lins Augen auf. „He!“, beschwerte sie sich. „Ich habe es mir nicht zu Ende angesehen! Computer! Zeig die Aufnahme noch einmal! Computer!“ Nichts geschah, was sie ärgerte. Kim fing an zu lachen. „Nur weil ich dir eine Dienerin zur Seite gestellt habe, heißt das noch lange nicht, dass du hier das Sagen hast. Du kannst den Zentralcomputer doch nicht einfach so befehligen ohne meine vorherige Erlaubnis.“ Lin rümpfte die Nase. „Dann erlaube es mir!“ Verblüfft und noch mehr amüsiert schüttelte Kim den Kopf. „Übertreib es nicht, Lin!“ Aber dann wurde er ernst, absolut ernst und nachdrücklich. „Und denk gar nicht daran dein Versprechen zu brechen. Benny mag zwar am Leben sein, doch er wird dich nicht befreien können. Niemand kann das, also komm nicht auf dumme Ideen sonst werde ich nicht mehr so rücksichtsvoll mit dir umgehen. Ich hoffe du hast mich verstanden!“ Er drehte ihr den Rücken zu und wandte sich zur Tür. „Nein, warte! Geh nicht!“, rief sie ihm nach. Erstaunt drehte sich Kim noch einmal um. „Vorher hast du mich verschmäht und jetzt verlangst du nach meiner Gesellschaft?“ Lin verstummte und ließ sich im Schneidersitz auf das Bett fallen. Kim lächelte ihr zu. „Das erfreut mich, doch ich habe noch wichtige Erledigungen vor mir. Ich komme dich ein anderes Mal wieder besuchen.“ Er machte eine Handbewegung und die Siegel gingen laut auf. Die Tür öffnete sich. Dahinter verbeugten sich die drei Untertanen. Als Kim in den Lift stieg betrat Erika ihren Raum und hinter der Frau schwang die Tür zu und verriegelte sich. Lin seufzte.

Erika verbeugte sich tief. „He…äh…Lin, wie fühlt Ihr Euch?“ „Danke, gut genug.“, nuschelte Lin und legte betrübt den Kopf in den Nacken. Ein was Gutes hatte dieser Tag mit sich gebracht – Benny war am Leben. Ihr kleiner Bruder lebte noch – und war gleich dabei die Welt zu retten. Sie musste kichern. „Lin, seht!“, lächelte Erika. „Euch wurde das Essen gebracht. Wollt Ihr nicht von den Köstlichkeiten probieren?“ „Nein, ich habe jetzt keinen Hunger.“, wehrte Lin ab. „Aber lass mir bitte ein Bad ein. Ich will die Schaumkugeln ausprobieren!“ Schulterzuckend verbeugte sich Erika und erwiderte: „Wie Ihr wünscht.“ Ohne ein Zögern ging die Frau dem Befehl nach und verschwand im Nebenraum. Eigentlich hatte Lin überhaupt keine Lust auf ein Bad, aber sie wollte Erika wenigstens für ein paar Minuten von der Pelle haben. Sie ließ sich nach hinten in die Kissen fallen und lauschte dem Platschen des Wassers. Und sie seufzte. Sie ahnte was für ein Alltag auf sie zukommen würde. Eintönig und langweilig. Was für Träume darauf lauerten, dass sie einschlief, darüber wollte sie gar nicht erst rätseln. Eiskalt lief es ihr über den Rücken auf dem sie lag. Da fiel ihr Blick auf das Tablett, genauer gesagt, auf das schwarze Etui. Verwundert setzte sie sich auf. Erika kam in den Raum zurück. „Lin, welche Temperatur bevorzugt Ihr?“ Kurz zuckte sie, wie eine Ladendiebin, die beim verbotenen Diebstahl ertappt worden war. Dann sah sie Erika völlig irritiert an. „Temperatur?“ „Ja, Lin. Für das Wasser!“ Mit gerunzelter Stirn zuckte Lin die Achseln. „Keine Ahnung. Ich bin nie mit einem Thermometer baden gegangen. Stell es ein wie du es gern hättest.“ „In Ordnung.“ Die Frau verschwand wieder. Lin stand auf und lief über die Decken zum Tablett. Was war das? War es für sie? Wahrscheinlich schon, hier war doch alles für sie. Lin hob es hoch und ging damit zum Fenster hinüber, der einzige Ausblick, der ihr die Freiheit zeigte. Es war dunkel geworden. Und herrlich frisch. Die Nachtluft tat ihr gut, nachdem der Traum sie erschöpft hatte. Der Himmel war aufgeklärt und gab das dunkelblaue Firmament frei und die winzigen Lichter, die Sterne hießen. Sie glitzerten von oben auf sie herab. Es war wie in einem Märchen. Ja genau! Sie war die Rapunzel, die ihren Turm nicht verlassen durfte. Und leider konnte kein tapferer Prinz sie befreien, weil erstens – ihre Haare gerade einmal bis zu ihren Hüften reichten, geschweige denn bis zum Boden des Turmes, der nicht einmal andeutungsweise zu erkennen war und zweitens – der Prinz selbst war die böse Hexe, die sie gefangen hielt! Wenigstens hatte sie von hier aus einen weiten und kristallklaren Ausblick. Mit Herzklopfen, als täte sie etwas Verbotenes, öffnete sie das Kästchen und erstarrte. In einem Polster lag er. Ein Armreif. Und funkelte im leichten Schein der Kerzen und Lampen. Vorsichtig nahm Lin das Schmuckstück aus dem angepassten Polster. Ein silberner Armreif. Besetzt mit kleinen blutroten Rubinen. Und zwischen den Edelsteinen waren Zeichen eingearbeitet. Merkwürdige Zeichen, aber sie erkannte die Formen. Im Geistertempel, damals in der Vergangenheit, hatte sie viele Steintafeln mit diesen Zeichen gesehen. Doch sie wusste nicht was sie bedeuteten, sie kannte die Sprache nicht. Der Reif glitt über ihre Finger, über ihre Handfläche, über ihr Gelenk. Er war wunderschön! „Herrin – oh, ich meine Lin. Das Bad ist fertig!“ Sie löste sich aus der Verzauberung des Armreifs. „Danke! Ich komme gleich!“ Noch einmal sah sie in den Sternenhimmel. Dann ging auch sie ins Bad. Die Lichter waren aus und die Säulen ließen das schimmernde Licht in ihnen frei. Aus der großen Wanne dampfte es. „Ich werde gleich die Schale draußen auf dem Boden auswaschen.“, sagte Erika. „Aber soll ich Euch vorher beim Entkleiden helfen?“ Lin schüttelte den Kopf. „Nein Danke. Noch kann ich es selbst. Aber du kannst etwas anderes für mich tun.“ Und dabei lächelte sie Erika an. „Sei nicht mehr so übertrieben förmlich, nenn mich einfach du. Schließlich sind wir auch Freundinnen, oder?“ Erst war Erika verwundert, doch dann lächelte auch sie. „Ja, Lin. Du hast recht…“

Also saß Benny in dieser Luxuslimousine und starrte durch die getönten Fenster hinaus. Aber er spürte die ständigen Blicke, die dieses Mädchen ihm zuwarf – und die waren ihm unangenehm. Doch noch unangenehmer war, dass sie noch immer an ihm klebte. Sie schien seinen Arm mit ihrer Umklammerung ja förmlich zu verschlingen! Er hatte versucht sie loszuwerden, wollte von ihr wegrücken, doch diese Alexandra ließ es einfach nicht zu. Sie weigerte sich von ihm abzulassen. Dabei kannte er sie doch gar nicht – egal wie stinkreich sie auch war! Alexandra warf ihm wieder so einen falschen lächelnden Blick zu und fächerte sich Luft ins Gesicht. „Ähm, vielleicht kannst du mir bitte sagen wohin wir fahren und warum.“, verlangte Benny zu wissen. Langsam spürte er seinen Arm nicht mehr. „Natürlich!“, strahlte Alexandra. „Wir fahren zu meiner Villa. Mein Vater erwartet dich schon seit langem! Aber alles zu seiner Zeit. Willst du nicht etwas trinken? Oder etwas Kleines zu essen? James!“, rief sie aus. Der Chauffeur sah kurz in den Rückspiegel und drückte zwei Knöpfe. Gleich darauf gingen die Rückenpolster der Reihe vor ihnen hinunter. Darin waren zwei kleine Nischen. Die eine barg einen Teller mit kleinen Baguettebrötchen belegt mit einer seltsamen schwarz bepunkteten Cream, von der Benny nicht wusste, dass es Kaviar war. In der Anderen türmten sich Flaschen mit verschiedenen Getränken und Schampaniergläsern. Alexandra beugte sich vor und holte zwei Gläser aus feinem Kristall heraus. „Was möchtest du trinken?“ Benny rieb sich überglücklich seinen Arm, den er nun endlich zurückerhalten hatte. „Äh…eigentlich habe ich weder Hunger noch Durst…“ Alexandra lachte spitz. „Ach, sei doch nicht so bescheiden! Sicher hast du, nachdem du diesen mächtigen Turm zerstört hast.“ „Eigentlich war ich es gar nicht, sondern…“ Doch das Mädchen hörte ihm gar nicht zu. Stattdessen drückte Alexandra ihm ein Glas in die Hand. „Das ist ein Tee aus dem Orient, frisch eingeliefert. Er schmeckt herrlich! Komm! Trink, trink nur!“, drängte sie. Dieses Mädchen war schrecklich! Aber wenn dann auch noch Vivi hinzukam – dann würde das Zickenchaos ausbrechen. Darauf bereitete er sich schon geistig vor. Er trank in einem Zug. Es stimmte, er hatte wirklich durst gehabt. Nicht einmal eine halbe Stunde später waren sie angekommen. Die Villa lag etwas außerhalb der Stadt auf einem Hügel. Nein, sie erhob sich dort regelrecht zu einem Palast! Die zwei Wagen fuhren durch das hohe Einfahrtstor hinein, denn die Gitter schwangen geschmeidig auf. Es war ein riesiges weißes Haus. Nicht DAS weiße Haus! Das sich in mehreren Stöcken und in Hauptgebäude und zwei Flügeln erhob. Sie fuhren in den riesigen Vorhof ein, dessen Mitte ein hochragender Brunnen in Form von Michelangeloengeln, die das Wasser aus ihren Krügen schenkten. Der Weg war mit weißen Kieseln ausgeziert. Wow, dachte Benny nur. Die Limousine hielt direkt vor der breiten Treppe des Eingangs an. James, der Chauffeur stieg aus um ihnen die Tür zu öffnen. Alexandra ließ sich wieder beim Aussteigen helfen und der Fahrer bot auch im die Hand ab. Doch er lehnte sofort ab, mit verzerrtem Gesicht. Er sah auch wie die anderen aus der kleineren Limousine ausstiegen. Sie waren weiter hinten geparkt worden und mussten dementsprechend auch mehr laufen. Alexandra von Liebgraf nahm ihm das Glas aus der Hand und reichte beide James und zischte ihm so leise wie möglich zu: „Sorgen Sie dafür, dass die Grünhaarige so weit weg von uns sitzt wie möglich!“ Sie hängte sich auch gleich wieder bei ihm ein und hätte ihn ins Haus gezogen, doch er blieb eisern stehen um auf seine Freunde zu warten. Es waren doch jetzt seine Freunde…? Gummy verschränkte empört die Arme vor der Brust und knurrte leise: „Wir mussten uns hinten zusammenquetschen und haben gar nichts bekommen!“ Alexandra drehte sich so abrupt zu ihm um, dass er erstarrte. Sie fächerte sich erneut heftig zu. „Hast du etwas geäußert, was meinen Ohren entgangen ist?“ „N…nein…“, stotterte Gummy.

Sie lächelte dieses gekünstelte Engelslächeln. Die Jugendlichen starrten an der weißen Fassade hinauf. Die Augen lagen gefährlich nahe dran aus den Höhlen zu fallen. „Willkommen in meinem Zuhause. Mit eintausendvierhundert Quadratmetern, insgesamt einhundertfünfundsechzig Zimmern, neunundzwanzig Balkonen, einer riesigen Veranda, zwei Swimmingpools, einen drinnen, einen draußen, und einem Garten im viktorianischem Stil.“, prahlte Alexandra hochnäsig. Nun zog sie wieder an Bennys Arm. Was hatte diese aufgedrehte und arrogante Ziege nur mit ihm? Er konnte sie nicht ausstehen – er kannte sie ja nicht einmal! Aber sie schien ihn zu kennen! Und wie! Sie betraten die riesige Eingangshalle und stiegen eine der breiten Treppen hoch, die mit einem leichten Schwung ins höhere Stockwerk führten. Dahinter war der gewaltige Speisesaal. Ein langer und aberlanger Tisch zog sich die Mitte des Zimmers entlang. Ein Tisch vollgedeckt mit Essen! Herrlichem und duftendem Essen! Schüsseln und Tabletts mit Braten konkurrierten mit Reisschalen und Töpfen, aus denen es dampfte. Kristallgläser und Silberbesteck standen an jedem feinen Porzellantellerstapel bereit. Alles auf einer weißen, feinbestickten Tischdecke. Jetzt wäre es wirklich passiert. Den Jugendlichen wären die Augen ausgefallen, wenn sie nicht angewachsen wären. „Boah! So viel Fressen auf einem Haufen gibt’s nicht mal bei McFress!“, staunte Joe. „Ich bin im Paradies!“, seufzte Dan. „Nur mein Babe fehlt noch!“ Arrogant schnalzte Alexandra mit der Zunge. „Nun, meine Gäste. Speist an meinem Tisch, wie es euch bekommt!“ Die Jugendlichen sahen sich unsicher an. Sie wussten nicht was sie tun sollten. War es wirklich so gut dem Angebot dieser Adelstochter nachzukommen? Doch sie hatten kaum zeit zu überlegen, schon gar nicht Benny. Denn er wurde von Alexandra gleich weiter gezogen, zum einen Ende des langen Tisches. Man sah Vivi an, dass es sie alles andere als erfreute, ihre Laune wurde von Minute zu Minute schlechter. Darum machte sie anstallten den Beiden zu folgen – aber sie kam gar nicht dazu. Denn der Chauffeur stellte sich ihr in den Weg. „Bitte folgen Sie mir, junge Lady!“ Vivi öffnete den Mund um zu protestieren, doch James schob sie schon weg, zum anderen Ende des Tisches. „Was soll das?“, fauchte sie James an, der sie mit sanfter und doch bestimmter Gewalt auf einen Stuhl drückte. Einen Stuhl, weit weit weg von Alexandra und Benny. Alexandra blickte zu ihr herüber und Vivi erwiderte den Blick. Wutentbrannt. Das reiche Mädchen sonnte sich in ihrem Triumph, das grüne Mädchen losgeworden zu sein und vor allem Benny für sich allein zu haben. „Bedient euch!“, rief Alexandra aus und winkte abfällig mit der Hand. „Esst so viel ihr wollt und könnt.“ Das ließ sich die Meute nicht zweimal sagen. Sie stürzte sich auf die vorzüglichen Speisen, die zu herrlichem Schlemmer verlockten. Nur Vivi aß nichts, denn sie schielte noch immer wütend und verstohlen zum anderen Ende des Tisches. Auch Benny entzog sich der Nahrungsaufnahme. Stattdessen wandte sich seine Aufmerksamkeit voll und ganz auf Alexandra, nicht weil er Interesse oder gar Gefallen an ihr fand, sondern um sich vor ihr zu schützen und sich etwas einfallen zu lassen, sie so schnell wie möglich loszuwerden. Sie ihre Hand auf Bennys. Durch Benny fuhr ein unangenehmer Schauder. Wie Vivi aussah wage ich gar nicht zu beschreiben ;) Ihre Fingerspitzen streichelten über seinen Handrücken. Er wollte seine Hand wegziehen, doch Alexandra packte zu. Mit einem zuckersüßen Lächeln rückte sie näher. „Benny…das ist doch sicher ein Kosename, so eine schäbige Straßenkinderabkürzung, oder? Wie heißt du?“ „Benjamin.“, antwortete er nach langem Zögern. Alexandra fuhr entzückt auf. „Oh, Benjamin? Was für ein wunderschöner Name!“ Hätte Benny noch bis jetzt Zweifel gehabt, so war er sich jetzt sicher – die spinnt! „Willst du nicht etwas essen? Ich versichere dir, da ist eines besser als das andere. Wir haben sogar exotische Rezepte! Das Sushi, fang damit an, so mache ich es immer!“ „Äh…“, begann er und griff nach ihrer Hand um sie von seiner zu lösen. „Danke, aber ich würde jetzt gerne wissen wer dein Vater ist und was er von mir…“ „Alles zu seiner Zeit!“, entgegnete Alexandra. „Aber jetzt erst einmal – erzähl mir etwas von dir. Erzähl mir alles über dich!“ Langsam wurde Benny nervös. Er sah kein Entkommen vor dieser Furie und Stalkerin! Doch Jessi kam ihm unbeholfen zu Hilfe. „Oh, mein Gott! Ist das Kaviar!?!“ Sie quiekte wie ein kleines Ferkel und fuchtelte wild um eine Schüssel herum. In der Schüssel tummelten sich winzige schwarze und weiche Kugeln zu einer klebrigen Masse. „Mein Gott!“ „Jessi, bitte!“, versuchte Gummy sie auf den Boden zurückzuholen. „Fängst du gleich an zu hyperventilieren?“, sagte Google sarkastisch. „Dass ich jemals Kaviar essen würde, die Leibspeise der Reichen und Schönen…“, mit strahlenden Augen faltete sie die Hände und sah zur Decke. „Lieber Vater im Himmel, ich danke dir!“ Die Clique sah sich an und kicherte nervös. „Diese kindischen Armentrabanten!“, schimpfte Alexandra leise und schüttelte den Kopf. „Dass du dich mit so etwas abgibst. Das ist viel zu sehr unter deiner Würde, Benjamin! Zum Glück habe ich dich endlich gefunden! Die wirst du ganz schnell wieder los, überlass das mir.“ Wie bitte? War dieses Mädchen jetzt ganz neben der Sache? „Was soll das? Das sind keine Armentra…Armentre…das sind meine Freunde!“, stellte er klar, mit bestimmter und fester Stimme. Alexandra wich erstaunt zurück. Ihr Mund öffnete sich, sie wollte etwas sagen, doch jäh wurde sie aufgehalten bevor sie anfangen konnte. Ein Butler kam herein und auf sie zu. Er beugte sich zu Alexandra herunter und sagte mit leiser Stimme, doch auch Benny hörte es: „Junge Lady, dein Vater ist jetzt frei und möchte dich und den erwarteten Gast jetzt empfangen.“ „Oh, na endlich!“ Alexandra klatschte in die Hände und erhob sich. Da ihr Arm aber längst wieder zwischen Bennys klemmte, zog sie ihn automatisch mit. „Jetzt lernst du meinen lieben Vater kennen. Wie lange er dich schon treffen wollte und heute geht sein Traum in Erfüllung!“ Alexandra zog ihn mit sich aus dem Raum. Jedoch blieb das nicht unbemerkt. Sofort sprang auch Vivi auf und folgte ihnen. Ihr Bruder war ebenfalls misstrauisch geworden und schloss sich ihr an. „He! Wo geht ihr hin?“, rief Joe ihnen nach und stand ebenfalls auf. Doch bevor auch der Rest folgen konnte ging James dazwischen. „Moment! Ich bitte euch, euch wieder zu setzten und einfach weiter zu speisen. Eure Freunde kommen gleich wieder.“ „Was soll der Mist? Ich will…“ Der Chauffeur, der anscheinend bescheid wusste, gab einen Wink. Die Tür wurde geschlossen. „Hey! Was soll…“ Die Stimmen der Protestierenden verloren sich… Doch Benny wurde durch das Haus geführt.

Vivi sprang ihm in den Rücken. „Hey, dachtet ihr, ihr werdet mich so schnell los?“ Alexandra rollte die Augen. „Ich habe es gehofft.“ „Entschuldige, dass ich existiere!“, zischte Vivi. „Entschuldigung akzeptiert unter der Vorraussetzung, dass du Benjamin endlich in Ruhe lässt!“, züngelte Alexandra zurück. Vivi war kurz vorm Explodieren. Drohend hob sie die Faust. Doch eine Hand legte sich auf ihre Schulter. „Vivi, benimm dich!“, sagte Dan. Sie gingen die langen Gänge entlang. Das Haus war pingelig sauber. So sauber, dass sie wie hässliche Klumpen Dreck, die sich bewegten, wirkten. Alle paar Schritte war eine Säule mit einer Vase aufgebaut oder hing ein breites Gemälde. Es waren Gemälde von prächtigen Landschaften. Reine Natur neben hohen verschleierten Gebäuden. Bilder von Obstschalen, die verloren auf dem Tisch standen oder Schiffe, die auf stillen Gewässern vor sich hin schaukelten. Oder aber es waren Uhren, die von kahlen Bäumen herunter flossen, wie weiche Knetmasse. Fürchterliche Tiere mit Stelzenbeinen, die eine düstere Einöde durchwanderten. Oder aber Bilder alá Picasso, eine abstrakte Kunst scheußlicher als die andere, fand Benny. Irgendwelche Farbkleckse und schräge Linien, die das Papier schmähten. Es hingen sogar einige wenige Fotographien in schwarz-weiß, um die Augen des Betrachters zu entspannen. Nur eines war auf keinem der Bilder zu sehen. Menschen. „Wir sind da!“, verkündete Alexandra. Benny kam zu sich, als sie vor einer großen zweiflügligen Tür standen. Sie war aus massivem Fichtenholz. Alexandra befreite Benny aus ihrem Klammergriff um an die Tür zu klopfen und sie gleich darauf mühsam zu öffnen. Hatte Benny die Räume bis hierher für prächtig gehalten? Er nahm alles zurück. Denn was sich ihm jetzt bot, war atemberaubend. Durch zwei riesige Fenster schien das gleißende Sonnenlicht herein. Es war ein sonniger Tag. Das Licht leckte an dem geputzten Glas. Der Raum ging im hinteren Teil in eine Halbkugel über, die eine Veranda hinter sich verbarg. Ein großes Bild befand sich zwischen den beiden Fenstern, die zugleich Glastüren waren, am anderen Ende des Saales. Es bildete einen Fixpunkt. Von ihm aus gingen – Bücher. Regale voller Bücher. Sie erstreckten sich über den Kaminsims und die Wände entlang bis unter die Decke. Überall wo man hinsah, Bücher. Dicke Bücher, dünne. Alte Bücher, deren Einband bereits blätterte, neue von denen ein leichter Geruch nach Tinte und Leim auszugehen schien. An manchen Rücken schimmerten bronzefarbene und silberfarbene und goldfarbene Letter, andere waren vollkommen unbeschriftet. Direkt neben der Tür lehnte eine Leiter, die gebraucht wurde, um auch an die höher liegenden Bücher zu kommen. Das Bild zog sofort alle Aufmerksamkeit auf sich. Es fesselte jeden Betrachter. Dunkle Farben setzen sich zu einer Sandburg zusammen. Eine türkise Welle erhob sich im Hintergrund, bereit das Schloss vom Meer verschlucken zu lassen. Der weißliche Schaum bäumte sich auf. Ein Turm zerschmolz zu feuchtem Sand. („Das Schloss“ von Ludwig Angerer) Wunderschön.

Es erinnerte Benny an… „Sieht aus wie das Schloss von Hyrule, nicht wahr?“, lächelte Alexandra, als sie seinem Blick gefolgt war. Jäh zuckte Benny wie vom Blitz getroffen zusammen. Er fuhr zu ihr herum. „Was? Was hast du gesagt?“ Eine Stimme räusperte sich. In der Mitte des Tisches stand ein großer runder Tisch. Und in dem Sessel saß ein Mann mittleren Alters. Ein gepflegter und gut gekleideter Mann. Die grauen Strähnen im dunklen Haar betonten das freundliche und wissende Gesicht. Die Augenbrauen waren buschig und zusammengewachsen. Der Mann hatte ein großes und Dickes Buch und einen geöffneten Laptop vor sich auf dem Tisch liegen. Er nickte den Eingetroffenen zu und lächelte freundlich. Sicher gewann er das Vertrauen anderer mit seiner Art sehr schnell. „Guten Tag, meine Gäste.“, begann er. „Nehmt doch Platz und fühlt euch wie zu Hause.“ Benny, Vivi und Dan sahen sich an. Doch Alexandra sprang erfreut auf. „Papa, ich habe ihn gefunden! Ich habe es gewusst! Ich sagte dir doch, dass er dort sein würde! Erinnerst du dich daran?“ Sie rannte zu ihm und gab dem Mann einen dicken Kuss auf die Wange. Der Mann lachte, doch gleich darauf wurde er wieder etwas ernst und musterte Benny aufmerksam. Benny kam sich vor wie eine Schaufensterpupe in einem Geschäft. „Du hast Recht, dieser Junge scheint wirklich er zu sein!“ „Was ist hier los?“, platzte es aus Vivi heraus. „Was soll das ganze?“ Erstaunt sah der Mann sie an. „Oh, was für ein feuriges Temperament, da musst du dich ja gut mit meiner Tochter verstehen. Sie ist da nicht viel anders.“ Das sagte er ganz freundlich. Vivi schnaufte verächtlich aus und verschränkte die Arme vor der Brust. Alexandra öffnete den Fächer und wedelte sich Wind zu, dass ihre Haare auflockerten. „Ja, und wie gut.“, sagte sie zynisch und abfällig. Und setzte sich auf den Stuhl neben ihrem Vater. Der Mann schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Aber wo bleiben meine Manieren!“ Er erhob sich und nickte mit dem Kopf. „Gestatten, ich bin Marius von Liebgraf.“ „Das ist mir scheißegal!“, fauchte Vivi. „Ich will sofort…“ Dan stieß sie von hinten. „Vivi!“, zischte er und wandte sich an den Mann. „Entschuldigen Sie. Ich bin Daniel Mühlden und das ist meine Schwester Viktoria…“ Durch Vivi fuhr ein Zucken blinder Wut. „…und das ist…Benjamin Thelen.“ Der Mann runzelte die Stirn. „Benjamin Thelen also? Der kleine Junge aus den Medien? Was Magie alles bewirken kann. Erstaunlich!“ Hä? Was war hier los? Wer waren diese Leute? Wieso redeten sie von Hyrule und Magie? Der Vater schien gar nicht verwundert über die Tatsache, dass der kleine Grundschüler jetzt ein angehender junger Mann war, so urplötzlich. „Herr von Liebgraf! Ich möchte jetzt endlich wissen was Sie von uns wollen!“, forderte Benny bestimmt. „Oh, sicher. Wenn ihr euch setzt, dann werde ich euch mein aufdringliches Verhalten erklären. Ich habe einen Grund dazu.“, antwortete der Mann. Dan nickte und schob seine Schwester und Benny in Richtung des Tisches. Sie setzten sich, Vivi eher widerwillig und misstrauisch, Benny verwundert und verwirrt. „Nun gut, fangen wir an mit den Erklärungen. Am besten ganz am Anfang.“, räusperte sich Herr Liebgraf. „Ihr müsst wissen, ich bin ein leidenschaftlicher Antiquitätensammler…“ „Das ist uns nicht entgangen.“, knurrte Vivi augenrollend. „Vivi!“, tadelte ihr großer Bruder. Sie streckte ihm die Zunge entgegen. Marius von Liebgraf zog eine Augenbraue nach oben – und brach in Gelächter aus. „Ja, du hast Recht, Fräulein Viktoria. Aber das, was ihr bis jetzt, in den Gängen, gesehen habt, ist noch nicht einmal ein kleiner Bruchteil meiner großen Sammlung der wertvollsten Schätze der Welt! Aber ich weiche vom Eigentlichen ab!“ Alexandra schwang gelassen ihren Fächer und lächelte ihm zu. Keinen Augenblick wandte sie die Augen ab. Benny merkte wie sein Gesicht heiß wurde, es machte ihn nervös. „Jedenfalls bin ich immer wieder auf der Suche nach neuen Schätzen. Mein größtes Hobby sind alte Legenden. Ich habe sehr viele Bücher über alte Sagen, Heldengeschichten und Legenden. So stieß ich auch irgendwann auf die – Legende vom Helden der Zeit!“ Benny zuckte zusammen. „Was? Was haben Sie gesagt?“ „Oh, bitte! Nennt mich Marius!“ „Die Legende vom Helden der Zeit?“, wiederholte Benny verständnislos. Alexandra meldete sich übereifrig zu Wort. „Ich war es! Ich hatte einen Traum – von dir! Wie du aus dem Unterricht gestürzt bist und wie deine Schwester entführt worden ist und dann…“ „Aber Alexandra, rede langsamer.“, wies sie ihr Vater an. Sie verstummte und nickte, zum Zeichen, dass sie ihm wieder das Wort überließ. „Das ist wahr.“, fuhr Herr Liebgraf fort. „Meine Tochter hat seit ungefähr zwei Monaten diese Träume – um sie nicht gar Visionen zu nennen!“ „Visionen?“, fragte Vivi skeptisch. „Was soll das bedeuten.“ „Das wissen wir leider nicht, wir hofften…“, da wandte sich der Mann an Benny. „Du könntest uns das sagen.“ Benny schwieg. „Alexandra geht hier, während ich auf Geschäftsreisen bin, auf eine Privatschule, hier begann also alles. Und Alexandras Träume wollten nicht mehr verschwinden, im Gegenteil, sie häuften sich und wurden deutlicher. Als sie mir davon erzählte entschied ich aus einer Laune heraus mir sofort frei zu nehmen und forschte nach. Wir durchleuchteten ihre Visionen, ich suchte Bücher und besuchte alle meine Bekannten, die etwas mit Archäologie und alten Völkern zu tun hatten. Schließlich stießen wir auf Hyrule mit seinen Legenden, nur durch einen Traum meiner Tochter, in dem ein mystisches Schwert vorkam. Wie wir jetzt wissen handelt es sich um das mächtige Masterschwert, der Pforte zum Heiligen Reich und dem Siegel von Zeit und Raum!“ Dan saß als einziger still da und lauschte aufmerksam jedem Wort des reichen Mannes. Ganz anders als Vivi oder Benny. Sie waren völlig überrumpelt. Besonders Benny. Alexandra war also kein gewöhnliches Mädchen und es gab auch einen Grund dafür, dass sie so an ihm klebte. Ihre Visionen hatten sie auf die Spur von Benny und seinen Ahnen gebracht. „Ich erkundete mich über diese Legende und erfuhr, dass es wirklich eine Legend war und nicht bloß eine Sage. Es hieß, es gäbe sogar noch Nachfahren dieses Helden der Zeit. Natürlich machten wir uns gleich auf die Suche nach ihnen. Und wir fanden dich!“ Benny stand auf, sein Blick war entschlossen. „Tut mir Leid, Sir. Aber ich weiß immer noch nicht was Sie von mir wollen.“ Der Mann sah auf und seufzte, aber auf eine freundliche Art. „Nun, in aller Bescheidenheit, ich bin ein sehr reicher und mächtiger Mann und meine Unterstützung kann dir sehr zu gute kommen gegen so einen Feind wie diesen.“ Benny runzelte die Stirn. „Mit anderen Worten wir, ich und meine Tochter, möchten dir helfen, Held der Zeit!“ „Mir helfen?“, stieß Benny verwundert hervor. Alexandra sprang auf. „Natürlich! Du musst gegen den König der Wüste kämpfen und das schaffst du nicht allein! Du brauchst meinen Vater – er ist der zweitreichste Mann! Und wer weiß was für Verbündete der König der Wüste hat!“ „Nein, ich brauche keine Hilfe!“, sagte Benny entschieden und wandte sich zum Gegen um. „Ihr könnt mir sowieso nicht helfen, ich würde euch nur unnötig in Lebensgefahr bringen. Ich schaffe das schon…irgendwie.“ Dan stellte sich ihm in den Weg, Benny öffnete den Mund, doch Dan drückte ihn zurück auf den Stuhl. „Benny, du solltest die Hilfe annehmen!“ „Was? Wieso…?“

„Benny. Ich war dabei als dieser Turm euch verschlungen hat! Irgendetwas Schlimmes passiert auf der Welt, ich bin zwar nur ein einfacher Mensch, aber ich bin nicht blöd. Und nachdem was du uns erzählt hast…“ „Das stimmt. Diese Türme sind überall. Die Nachrichten und Zeitungen berichten nur noch davon!“, nickte Marius Liebgraf. Benny schüttelte wild den Kopf. „Nein, nein! Das ist nicht… Ihr habt keine Ahnung gegen wen ich kämpfe! Ihr kennt Kims Macht nicht! Er ist zu stark! Er wird euch töten, genauso wie er es mit Großvater gemacht hat!“ Dan und der Mann sahen sich ratlos an. Sie wussten beide instinktiv, dass sie Benny umstimmen mussten. „Willst du deine Schwester nicht retten?“, warf Vivi plötzlich ein. Die Anwesenden sahen sie erstaunt an. „Du sagst doch selbst, dieser Kim ist zu stark. Wie willst du ihn dann ganz allein besiegen?“ „Aber… Es ist zu gefährlich. Ich will euch da nicht mit reinziehen.“, entgegnete Benny. Vivi gab einen höhnischen Lacher von sich. „Nicht mit reinziehen? Benny, ich glaube du spinnst ein bisschen! Du hast uns schon mit reingezogen! Du hast uns alles erzählt und wir waren mit dir im Turm! Glaubst du nicht, dass uns dieser Kim schon gesehen hat? Er wird uns auch verfolgen!“ „Nein…das…“ „Dieser Typ im Turm, er hat Jessi doch gesehen und er wusste, dass du nicht alleine bist! Dein Feind weiß von uns, du kannst uns da nicht mehr raushalten!“ Meine Güte was für Strategen sich in diesem Raum versammelt haben >o Benny sackte in seinem Stuhl zusammen, wie eine auslaufende Wasserbombe. „Ihr habt recht, daran habe ich gar nicht gedacht!“ „Wir werden dir helfen! Du kannst auf uns zählen!“, sagte Alexandra und fuchtelte mit ihrem Fächer. „Ja, genau! Auch wenn ich diese It-Girl-Person nicht leiden kann, ich muss ihr ausnahmsweise mal Recht geben!“, stimmte Vivi mit ein. Sofort schielte Alexandra wütend zu Vivi. „Aber wir sollten keine Zeit mehr verlieren!“, unterbrach Marius Liebgraf. „Denn die haben wir nicht!“ „Vater, los zeig es ihm! Zeig ihm deinen Schatz!“, hysterisierte Alexandra. Der Mann nickte seiner Tochter zu und erhob sich. „Es ist wohl an der Zeit mich davon zu trennen.“ Er ging zu dem großen Bild von dem Schloss aus Sand, das drohte von einer blaugrünen Welle verschlungen zu werden. Davor blieb er stehen und versank noch kurz in das famose Konstrukt aus Farben und Formen, aus dem Bildnis fantastischer Schönheit und schöner Fantasie. Dann aber griff er nach der linken unteren Ecke und schwang das Bild einfach zur Seite. Wir stellen uns vor wie die Münder der Anwesenden gen Erde klappten. Bin ich nicht ein zweiter Süßkind ^^ Dahinter erblickte ein dicker stählerner Safe das Tageslicht. „Wow“, entfuhr es Vivi leise. Herr Liebgraf räusperte sich und drehte am Zahlenknauf. Es war eine zehnstellige Geheimzahl, den sein wertvoller Schatz musste behütet und beschützt werden, bis zu diesem Tage verstand sich. Die Tür glitt geräuschlos auf. Jedoch umso geräuschvoller wurde die Vitrine herausgeschoben – herausgerissen, vor lauter Spannung. Der Deckel mit, schon ehrfürchtigen, Fingern geöffnet und der unbezahlbare Inhalt herausgehoben. Es war ein länglicher Gegenstand, eingewickelt in ein weißes Tuch. Vorsichtig legte der zweitreichste Mann der Welt das Objekt der Ratlosigkeit und Neugier auf den Tisch. Erneut runzelte Benny die Stirn. „Was ist das?“ Ohne zu antworten, nur ein freudiges Lächeln schenkte der Mann ihm, entwickelte Herr Liebgraf den Gegenstand. Seine Finger zitterten vor Vorfreude. Er wusste schließlich was das Tuch verborgen hielt, nur die anderen nicht – und vor allem nicht Benny. Benny dagegen interessierte sich kaum für den Gegenstand. Er hatte immer noch Zweifel an seinen neuen Bündnissen, an seinen selbstgeladenen Verbündeten. Das Leinentuch fiel und mit ihm auch Benny. Er fiel aus allen Wolken. Vor ihm lag ausgebreitet und nackt, ein altes und rostiges Schwert! Der Griff war abgenutzt, das Heft verlor schon seine kräftigblaue Farbe. Die Gravuren auf den Flügeln waren kaum mehr erkennbar. Jedoch die Klinge war am schlimmsten vom Zerfall befallen. Verrostet und dreckig war sie, stumpf und untauglich. Doch es gab keinen Zweifel an ihrem Namen und ihrer Legende. Spätestens das kleine Dreieck, das Triforcewappen, in der Mitte des Griffes, verriet sein Geheimnis. „Das ist das Masterschwert!“, kreischte Benny auf. Und in diesem Moment verriet seine quietschende und schrille Stimme sein wahres Alter. Auch seine Größe, seine sonst tiefe Stimme und überhaupt seine Gestalt konnte es in dieser winzigen Sekunde nicht verstecken. Seine lachhaften acht Jahre. „Richtig!“, bestätigte Marius Liebgraf. „Ich ergatterte es vor zwei Wochen. Ich muss zugeben, dass es, für seinen tatsächlichen Wert, erstaunlich günstig war. Und ich kenne mich mit Antiquitäten sehr gut aus.“ Die Anwesenden starrten auf die Klinge als wäre es eine heilige Reliquie, die gerade vom Priester aus dem Tabernakel genommen worden war. Diese kaputte und ausgediente Waffe zog ihre Aufmerksam an wie ein magischer Sog. „Das ist also das Schwert mit dem Rink den bösen schwarzen Mann besiegt hat.“, schlussfolgerte Vivi. „Link!“, verbesserte Benny. Vivi ignorierte ihn. „Aber das Teil ist ja ganz rostig! Wie willst du damit kämpfen?“ Doch bevor jemand etwas sagen konnte, lachte der reiche Mann auf. „Mein Fräulein, das ist das geringste Problem. Diese Klinge wurde eigenhändig für den Held der Zeit geschmiedet. Durch sein reines und starkes Herz wird die Klinge wieder geläutert – eine kleine Berührung reicht um die alte Magie wiederzuerwecken! Ich habe viel darüber gelesen.“ Als er geendet hatte wurde es still. Vollkommen still. Aller Augen ruhten nun auf Benny. „Kleine Berührung…“, murmelte er zu sich selbst. War es so einfach? So leicht und einfach? Plötzlich schwankte das Vertrauen in sich und seine Aufgabe. Er war sich nicht mehr so sicher wie noch gerade eben. War er wirklich der neue Held der Zeit? Wenn ja, war er dieser Aufgabe wirklich gewachsen? Er war doch nur ein kleiner Junge. Jemand legte ihm die Hand auf die Schulter. Er fuhr zusammen. Es war Dan, der ihm ermunternd zulächelte. Andererseits hatte er eine Welt, die gerettet, einen Großvater, der gerecht, und eine Schwester die gefunden werden musste. Ihm blieb gar keine Zeit an ihm zu zweifeln, er musste handeln. Jetzt! Tief atmete er ein und lange wieder aus. Er nickte Dan zu und sah in die Runde. Man erwartete von ihm die kleine Berührung. Na gut! Das sollte man haben! Mit entschlossener Geste streckte er den rechten Arm aus. Es war unfassbar! Das Masterschwert, das Tor zum Heiligen Reich, das Siegel des Bösen, die Waffe von Link, es lag vor ihm und er griff danach. Bennys Finger legten sich zögerlich auf den Griff. Sie zitterten als hätten sie Angst, als sträubten sie sich gegen dieses Metall. Es war gruselig. Denn durch seine Finger fuhr der Schauder der Magie, die von dem Schwert ausging. Sie war noch deutlich zu spüren, die Macht, die in dieser Klinge ruhte. Seine Hand packte zu und sofort sprangen die Schranken, die die Magie festhielt, entzwei. Das Triforcewappen leuchtete schwach auf. Und dieser Schein breitete sich langsam aus und schien den Schmutz und die Abnutzung auszubrennen und gleichzeitig die Waffe zu erneuern. Es war besser als Benny sich erhofft hatte. „Es geht tatsächlich!“, staunte er. „Wie ich es bereits sagte.“, entgegnete der Mann, nicht ganz ohne Stolz. „Wunderschön!“ Alexandra war begeistert.

Benny konnte diese Macht in seinen Händen spüren. Und es gefiel ihm. Ja, er war stark und mächtig. Er konnte alles schaffen, denn dieses Schwert war eigenhändig für ihn geschmiedet worden. Damit er Macht besaß und… Plötzlich war da ein Schmerz. In seinem Gesicht. Wie ein kleiner Stich. Benny erstarrte. Doch weder er noch die anderen hatten Zeit sich zu wundern. Denn sofort schossen kleine schwarze Blitzte aus dem Schwert, an der Stelle wo sich Bennys Hände um es gelegt hatten. Schreiend ließ er los. Es knallte klirrend auf den Tisch zurück. Bennys Hände brannten, doch sein Gesicht brannte noch stärker. Er hielt sich sein Gesicht und schrie vor Schmerz. Die Anwesenden waren geschockt. „Was passiert da?“, fragte Alexandra. Das Schwert wurde schwarz, es wurde schwärzer und rostiger. Es fing an sich selbst zu zerstören. Nein! Das durfte nicht sein! Er brauchte das Masterschwert! Benny griff erneut danach, doch dieses Mal bekam er es nicht einmal zu fassen. Die Blitze verbrannten seine Hände. „Du blutest, Benny!“, stieß Vivi entsetzt hervor. „Dein ganzes Gesicht ist voller Blut!“ Benny sah auf seine Hände, die noch gerade eben auf seinem Gesicht gelegen waren. Sie waren voller Blut. Das Blut rann aus dem schwarzen Strich in seinem Gesicht. „Wir müssen einen Arzt holen!“, sagte Herr Liebgraf und wollte nach einem Bediensteten rufen. „Nein!“, entschied Benny. „Das Schwert! Es darf sich nicht auflösen! Ich kann es nicht anfassen, weil ich vom Bösen besessen bin! Aber es darf nicht zerstört werden! Wir müssen etwas tun!“ Seine Stimme war pure Panik – Im Nachhinein konnten weder Vivi noch Alexandra erklären, warum sie es taten und was da geschehen war. Sie wussten nicht wie sie auf den Gedanken gekommen waren, es war wie ein Reflex, wie ein tierischer Instinkt. Sie taten es ohne Nachzudenken. Doch sie taten es gleichzeitig. Beide griffen nach dem Schwert, sie berührten es. In diesem Augenblick erstarrten sie und mit ihnen schien die Zeit still zu stehen. Es war als würden Vivi und Alexandra den Boden unter den Füßen verlieren, ja ihre ganze Realität. Plötzlich war nur noch weißes Licht um sie herum. Nur die beiden Mädchen und das rostige Schwert. Nein! Das stimmte nicht! Denn neben ihnen war noch eine Person! Ein Mädchen in ihrem Alter berührte ebenfalls das Schwert. Das Mädchen trug ein weißes Kleid und goldenen Schmuck. Und um sein Gesicht bis zur Brust fielen Locken hellblauen Haares. „Wer bist du?“, stieß Vivi erschrocken hervor. Dieser Raum aus weißem Licht war gigantisch, denn ihr Echo stürzte laut auf sie hernieder. „Was…wo sind wir?“, fragte Alexandra, deutlich leiser, jedoch nicht minder verwirrt. Das blauhaarige und zierliche Mädchen lächelte ihnen warm zu. „Habt keine Angst.“, sagte die helle und ruhige Stimme. „Ihr seid hier in Sicherheit.“ „Wer bist du, habe ich gefragt!“, wiederholte Vivi. Doch das Mädchen überging ihre Frage. „Ihr müsst dem Held der Zeit helfen! Es ist eure Aufgabe ihm zu helfen das Böse zu besiegen. Wir drei müssen den Hass in den Hades bannen. Wir und die Göttin, sind die einzigen, die dazu in der Lage ist. Ihr müsst erwachen als das was ihr seid! Bitte, macht schnell! Die Göttin benötigt unsere Kraft um das Tor zum Hades zu öffnen!“ Dann war mit einem Schlag das fremde Mädchen verschwunden, und mit ihm das weiße Licht. Es war alles genauso wie vorher. Sie waren in der Bibliothek, das Schwert auf dem Tisch. Und die Augen der Anwesenden aufgerissen. „Was ist los?“, fragte Dan irritiert. „Was…Das Schwert!“ Vivi und Alexandra blickten erstaunt auf ihre Hände, die noch auf der Waffe ruhten. Sie zogen sie zurück. Das Schwert! Es leuchtete auf. Der Rost löste sich auf und die Klinge begann zu glänzen und erhielt ihre alte Schärfe. Das Heft zog sich fest um das Metall. Der Griff reinigte sich wie von selbst und das Triforcewappen leuchtete golden. „Es…es ist geläutert!“, staunte Benny. „Ihr habt es geläutert! Wie habt ihr das gemacht?“ Vivi und Alexandra sahen sich fassungslos an – und fielen beide in Ohnmacht. Sie krachten auf den Boden wie heruntergefallene Sandsäcke. Benny, Dan und Herr Liebgraf erschraken und stürzten zu den bewusstlosen Mädchen. Nur die schwarze Gestalt draußen im Garten, die durchs Fenster hereinblickte und sie beobachtete, rührte sich nicht. Sie blieb still und reglos um sich nicht zu verraten. Die Gestalt war wie ein Schatten. Dunkel, unauffällig und reglos. Sie beobachtete nur, sie handelte nicht. Ihre Aufmerksamkeit hatte auf Benny geruht, denn er war das Ziel ihrer Aufgabe. Doch nun war auch die Gestalt erstaunt. Durch einen Zauber, den der Herr ihr gegeben hatte, konnte die Gestalt auch in die Räume hereinhören und so hatte sie alles mitangehört. Jedoch hatte auch sie nicht das fremde Mädchen gesehen und wusste sich dieses merkwürdige Geschehnis nicht zu erklären. Sie hielt die Spiegelscherbe noch höher. Die Scherbe glänzte nicht, denn der Spiegel war kein gewöhnlicher Spiegel. Er spiegelte nicht nur das was er vor sich hatte, sowohl das Bild als auch den Ton, er war ein Transporter, der das Gespiegelte in sich trug und jemand anderen daran teilhaben ließ.

„Was zum Teufel war das?“
Die Stimme war zornig. Außer sich.
„Wer sind diese beiden Mädchen?“, schrie Kim. „Computer!!!“
Die mechanische Stimme erklang: „Was wün…“
„Ich will alle Informationen über dieses Liebgraf-Mädchen!“
Sofort erschien ein Bildschirm in der Luft. DOWNLOAD
Was soll das bringen? Formale Daten helfen dir auch nicht weiter!
Kim fuhr zusammen. Im Spiegel war das Bild des Raumes in der Villa verschwunden. Stattdessen stand ein großer rothaariger Junge ihm gegenüber. „Wie haben diese Menschenmädchen es geschafft, dem Masterschwert seine alte Macht zurückzugeben? Ich habe Benny doch gerade deswegen verflucht – genau wie du es mir geraten hattest!“ Der Junge im Spiegel verschränkte die Arme vor der Brust. Gibst du mir die Schuld für dein Versagen? Ich habe nichts von diesen Mädchen geahnt, jedoch hätte dir bewusst sein müssen, dass auch in dieser Zeit dem Helden der Zeit Gefährten zur Seite gestellt werden, die eine Gefahr für uns darstellen. Es ist deine Aufgabe sie dir vom Leib zu halten, nicht meine! Kim biss sich im Mund auf die Zunge um seine Flüche im Zaum zu halten und seinen Ärger und seine Scham hinunterzuschlucken. Ganon hatte Recht! Er hatte versagt und nur er! „Es stimmt. Verzeih meine Torheit.“, stieß Kim durch die Zähne hervor. Nein! Die Zeit über deine Fehler hinwegzusehen ist vorbei! So etwas darf dir nicht wieder passieren! Du dummer Junge, warum verstehst du nicht? Du bist blind und siehst die Gefahr nicht! Kims Gesicht lief rot an. Nicht vor Beschämung und Einsicht, sondern vor Zorn. Er senkte den Kopf um es zu verbergen. Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!, forderte die verjüngte Gestallt Ganons. Kim hob den Blick. „Hilf mir, Meister! Sag mir was ich tun soll!“ Jetzt rümpfte Ganon die Nase und sah ihn mit abfälligem Blick an. Es war äußerst peinlich für Kim, da er jahrelang darüber geklagt hatte, dass er diesen blinden Gehorsam nicht mehr ertrug, und nun bei Ganon um einen Befehl bettelte. Er war einfach noch zu verunsichert. Der Großmeister des Bösen zu sein musste man lernen, ebenso wie der Held der Zeit zu sein. Jetzt willst du gehorchen? Ganon lachte. Schon als Winzling hast du jede Möglichkeit nicht ungenutzt gelassen dich mir zu widersetzten und nun? Warum tust du nicht, was du dir schon von klein auf antrainiert hast? „Schön, dass du dich über mich amüsierst!“, zischte Kim. „Tu es nur, du hast Grund dazu.“ Ganon verstummte. „Aber diese Mädchen, ich verstehe nicht wie! Sie sind keine einfachen Menschen!“ Kim rieb sich nachdenklich am Kinn. „Sie müssen magische Kräfte besitzen. Jedoch konnte mein Diener nichts spüren. Es muss ein Geheimnis bergen…“ Töte sie!
Erneut fuhr Kim zusammen. „Was?“ Du wolltest meinen Rat. Beseitige sie und das möglichst schnell! „Aber…sie sind doch nur Kinder. Sie sterben doch sowieso. Warum sollte ich mir die Hände schmutzig machen?“ Ganon seufzte. Ich glaube nicht, dass es Eitelkeit ist, die aus dir spricht. Du bist zu weich! Hast du so Angst davor Kinder zu töten? Hier ist bis jetzt nur ein alter gebrechlicher Greis durch deine Hand gestorben. „Ich habe mein Leben lang gemordet und werde es schon bald wieder tun. Ich bin es leid!“ Ach, du bist es leid? Ist das der Grund, dass du den Wurm am Leben lässt? Diesen, wie sagtest du – Benny? Ganon lachte erneut. Für Zuneigung ist kein Platz – weder für den Wurm noch für das Mädchen, das du umschwärmst wie die Fliege den Misthaufen. Kim schluckte, verschluckte sich und hustete. „Was fällt dir ein mich zu beleidigen und in Frage zu stellen!“ Ich beleidige dich soviel ich will, ich bin schließlich dein Vater! Wenn du meinen Respekt willst, dann verdiene ihn dir! Nun reicht Gehorsamkeit nicht mehr. Nun musst du mir mehr beweisen! Ich kenne dich und das Potenzial, das in dir steckt, jedoch bedaure ich deine menschliche Schwäche. „Na schön! Du willst, dass ich so kalt werde wie du? Dann verdiene ich mir deinen Respekt indem ich jeden vernichte, der mir im Wege steht!“ Erneut blickte Ganon ihn von oben herab an. Ich bin gespannt. Das falsche Spiegelbild erlosch und machte dem Original platz. Kim atmete erleichtert aus. Er hatte die Nase gestrichen voll! Jetzt schon, obwohl sie erst am Anfang waren! Er sträubte sich gegen seine Bestimmung, obwohl er genau wusste, dass es zwecklos war. Wenn er nicht wollte, dann wurde er gezwungen. Es gab kein Entrinnen für ihn, er musste seine Aufgabe erfüllen, er musste und musste! Es ging nicht nach seinem Willen. Er war nur eine Marionette, ebenso wie Ganon und die anderen Könige davor. Sein Blick fiel auf seine behandschuhte linke Hand. Er zog den Handschuh ab. Die Hand darunter war pechschwarz. Kim zog den Dolch aus seinem Stiefel heraus. Er trug neben seinem Schwert immer einen Dolch bei sich, wie es ihn gelehrt wurde. Der Dolch war der, den Leleo ihm einmal geschenkt hatte. Seit all den Jahren hatte er ihn stets bei sich getragen. Selbst als er hier in dieser Zeit noch ein normaler Junge gewesen war und sich nicht als neuer Bösewicht offenbart hatte. Mit dem Dolch ritze er sich über die abgestorbene Haut. Sie ging ab und unter ihr kam eine Erneuerte hervor. Seine Hand hatte sich geheilt. „Ich muss sie aus dem Weg räumen…“, murmelte er vor sich hin. „Egal wer sie sind, sie müssen sterben…“ Er blies die restlichen abgestorbenen Hautfetzen von seiner Hand.

„…müssen sterben…“
Vivi schreckte als erstes aus dem Schlaf. Eine Stimme in ihrem Traum ließ sie aufschrecken. Doch als sie wach war konnte sie sich nur an „müssen sterben“ erinnern. Sie lag in einem großen Himmelbett in einem riesigen rosa- und weiß gestrichenen und dekorierten Raum. Ein Prinzessinnenraum! Die Möbel waren in altem, viktorianischem Stiel. Die Stühle und das Sofa gepolstert. Von der Decke hing ein großer, mit Diamanten besetzter Kronleuchter. Auf etlichen der vielen Kommoden standen Parfümfläschchen, verziert auch von fein geblasenen Figuren aus Glas, die direkt von den Bläserinseln um Venedig stammten und daher sehr wertvoll waren. An der Wand hingen Auszeichnungen, von Musikwettbewerben, Schönheitswettbewerben, Ballsaren und anderen Veranstaltungen. Und natürlich gab es viele Spiegel. Neben ihr lag und schlief noch Alexandra. Es musste ihr Zimmer sein. „Geht’s dir gut, Schwesterchen?“ „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mich nicht so nennen sollst!“, fluchte sie und wandte sich ihrem Bruder zu. Dan lächelte ihr zu. Verwundert sah sich Vivi um. „Was ist denn passiert?“ „Ihr seid mit einem Mal ohnmächtig geworden…nachdem ihr das Masterschwert gereinigt habt.“, antwortete Herr Liebgraf, der auf der Bettkante saß. Vivi runzelte verblüfft die Stirn. „Also“, begann eine vertraute Stimme. „Jetzt kannst du mir mal erzählen wie ihr das gemacht habt!“ Benny saß umgekehrt auf seinen Stuhl und stemmte sich gegen die Lehne. Sein Gesicht ebenso wie seine rechte Hand waren ein einbandagiert. Mit einem Schrei fuhr auch Alexandra auf. Alle zuckten zusammen. „Äh…“ Irritiert kreiste Alexandras Blick umher. „Wo…wie…was…“ „Du warst ohnmächtig, Schatz.“, sagte ihr Vater und strich ihr über die Wange. Das gab ihr Zeit, zu sich zu finden. „Wo ist das Mädchen hin?“, fragte sie verwundert. „Welches Mädchen?“, entgegnete Benny ebenso verwundert. „Habt ihr sie nicht gesehen?“, erwiderte Vivi. „Das Mädchen mit den blauen Haaren!“ „Blaue Haare?“, fragte Dan nach.

„Ja genau!“, versicherte Vivi. „Sie hat uns geholfen das Schwert wieder clean zu machen und sie hat so komisches Zeug gefaselt!“ Benny wurde hellhörig. „Wer war sie? Und was hat sie gesagt?“ Vivi öffnete den Mund, doch Alexandra kam ihr zuvor. „Wer sie ist wissen wir nicht. Aber sie sagte so was wie, dass wir dem Held der Zeit helfen müssen und dass wir das Böse besiegen müssen. Und wir müssen den Hass irgendwohin verbannen…“ „In den Hades, Alexa!“, verbesserte Vivi. „Genau und…wie hast du mich genannt?“, trotzte Alexandra. Vivi stöhnte. „Hey, wenn wir schon zusammenarbeiten müssen, dann komm mal runter auf mein Niveau, klar!“ Eigentlich will ich mir nur die vier Buchstaben sparen ^^ ich weiß, bin faul Nun öffnete Alexa den Mund und Vivi überging sie. „Aber sie sagte etwas von einer Göttin! Dass wir gemeinsam mit dieser Göttin den Hass in den Hades bannen müssen.“ „Göttin? Wer soll das sein?“, fragte Dan skeptisch. In seinen Personalien stand zwar „katholisch“, aber er war nicht der Typ, der jeden Sonntag artig in die Kirche ging. „Aber wir müssen das Mädchen mit den blauen Haaren finden!“, fuhr Vivi fort. „Nur mit ihr können wir erwachen!“ Die Drei, die das Mädchen nicht gesehen hatten, waren perplex. Sie verstanden kein Wort. Vivi riss die Decke beiseite und sprang auf die Beine. „Aber wo sollen wir sie suchen?“, fragte Alexa Vivi. Vivi überlegte. „Ich weiß es nicht. Gibt es nicht irgendwelche Anhaltspunkte? Hast du in dienen Recherven nichts über sie gefunden?“ Alexa schüttelte den Kopf. „Nichts, ich wusste noch nicht einmal was von ihr. Und von uns auch nicht!“ „Um was geht es denn, verflixt und zugenäht!“, verlangte Dan zu wissen. „Hallo? Dürften wir auch mitreden?“ „Wer ist dieses Mädchen?“, fragte Benny.

Vivi und Alexa verstummten und sahen sich einstimmig an, sie mussten gar nichts sagen. Dann brüllten sie, aus einem Munde, Benny an: „Wir wissen es nicht, Hohlkopf!“ Benny zitterte über die plötzliche Lautstärke und kippte vom Stuhl. Die Gemeinschaft war kurz überrascht, dann lachte sie. „Wir sollten klein Anfangen! Wenn wir nichts von dem blauhaarigen Mädchen wissen, sollten wir andere, bereits vorhandene, Spuren verfolgen.“, schlug Herr Liebgraf vor. „Stimmt! Und ich weiß wo wir anfangen! Der Chip, Benny!“, sprudelte Dan los. „Welcher Chip?“, fragte Alexa verwirrt. „Ja genau!“, fiel es Benny wieder ein. Vorsichtig griff er in seine Hosentasche und holte das winzige Quadrat heraus. Klein und schwarz. „Das ist das einzige was wir haben. Der Chip ist aus dem schwarzen Turm, den wir zerstört haben.“ Herr Liebgraf runzelte die Stirn. „Darf ich…?“ Er streckte die Hand fordernd aus. Benny übergab ihm den Chip. Genauestens musterte er das elektronische Teil. „Woher habt ihr es?“ Benny zuckte die Achseln, er war es schließlich nicht gewesen, der den Chip geholt hatte. Doch Vivi sprudelte los, sie erzählte alles was im Turm vorgefallen war, von Anfang an. Auch die Benny und Dan erfuhren zum ersten Mal was geschehen war, ganz oben, am Ende der langen Wendeltreppe. Als Vivi mit ihrem detailgetreuen Bericht geendet hatte – herrschte Stille. In allen Köpfen arbeitete es.
„Und was tun wir jetzt?“, durchbrach Alexa die Stille.
„Wir sollten sehen was auf dem Chip gespeichert ist.“, schlug ihr Vater vor und rief sogleich nach dem Butler.
Wie ein Schatten kam dieser hereingeschlichen. Ein Mann im perfekt gerichteten Anzug und ebenso perfektem Haar. „Sie wünschen?“
„Bringen Sie bitte meinen Arbeitslaptop hierher. Er liegt auf dem Tisch in der Bibliothek. Ach ja, und bitte noch den Werkzeugkasten!“
„Natürlich, Master.“, sagte der Butler, jedoch nicht ohne Staunen in der Stimme. Und tat wie ihm geheißen.
Eine peinliche Stille folgte. Keiner hatte dem anderen etwas zu sagen, nicht einmal sich selbst. Es waren einfach zu merkwürdige Zwischenfälle passiert. In so kurzer Zeit. Herr Liebgraf studierte das winzige Teil noch immer, als könne er ihm schon vorzeitig sein Geheimnis entlocken. Der Bedienstete kam mit dem Laptop an und stellte ihn auf Alexas Kommode. Ungeduldig erhob sich Herr Liebgraf noch ehe der Butler sich entfernen konnte und griff nach dem Schraubenschlüssel. Sofort sprangen alle auf die Füße und versammelten sich alle um den Mann und schauten ihm aufmerksam zu, wie er die Schrauben herausdrehte. Doch schon als er nur das Innenleben des Laptop zum Vorschein brachte, wusste er nicht weiter. „Nun“, räusperte er sich. „Ich muss gestehen, dass ich nicht das Geringste von so was verstehe.“ Dan beugte sich über die künstlichen Gedärme. „Hm… naja, ich kenne mich eigentlich eher mit Autos aus, aber ich könnte mal…“ Schon erhob sich Herr Liebgraf und hieß Dan an sich zu setzen und an seiner Stelle fortzufahren. „Du kannst das doch gar nicht!“, zischte Vivi.
„Aber Flo kann es! Der hat mir doch gezeigt wie mein ein Laufwerk baut!“, zischte ihr großer Bruder zurück. „Ja toll, aber nur weil du mal zugesehen hast, heißt dass noch lange nicht…“ „Halt die Klappe!“

Vivi hob drohend die Faust. „Und wenn du was kaputt machst? Bin ja mal gespannt was Mom und Dad dazu sagen werden!“ Herr Liebgraf musste anfangen zu lachen, was sie zusammenfahren ließ. „Ist schon in Ordnung, junge Dame. Auf dem Laptop ist nichts Wertvolles, was nicht verloren gehen dürfte. Wenn er kaputt geht, ist es nicht schlimm. Ich besorge uns einfach einen Neuen.“ Dan sah Vivi an als wolle er sagen „Na siehst du!“ Dann konzentrierte er sich auf seine Arbeit. Vorsichtig hob er die Graphikplatte heraus. „Naja, ich weiß nicht genau wo ich das einsetzen soll, aber…ich tu es einfach zum Prozessor…“ Gesagt getan. Gespannt verfolgte die Meute, wie der Chip im Elektrochaos verschwand. Gerade einmal die Graphikkarte konnte er wieder an ihren Platz setzen, doch den Innenraum wieder versiegeln, dazu hatte keiner die Geduld. „Mach schon!“, drängte Alexa, während Dan noch beschäftigt war den Laptop sachte umzudrehen. „Schalt ihn an!“ „Jaja, ich mach ja schon!“ Dann drückte auf den großen schwarzen Knopf. Ein erschrockenes Aufatmen ging durch die Gruppe… Eigentlich musste jetzt ein kleines Lichtchen andeuten, dass das Laufwerk hochfuhr, aber – nichts. Dan drückte erneut. Wieder geschah nichts. Weder auf der Symbolleiste noch auf dem Bildschirm tat sich etwas. „Lass mich mal!“, forderte Vivi. Auch sie drückte den Einschaltknopf, noch dazu einige Sekunden lang. Doch auch jetzt blieb alles schwarz. „Aber ich hab doch…“, versuchte sich Dan zu verteidigen. „Nichts hast du!“, knurrte Vivi. „Du hast bestimmt irgendwas kaputt gemacht. Der Laptop geht gar nicht!“ „Aber, aber!“, versuchte Herr Liebgraf die Situation zu entschärfen. „Das macht nichts. Bauen wir einfach den Chip wieder aus und…“ Herr Liebgraf sprach noch weiter. Doch Benny hörte es nicht. Da war so ein komisches Gefühl in ihm. So ein Druck. Der kam aber nicht aus seinem Inneren – sondern aus dem Laptop. Eine Welle purer Schwärze, so schien es, kam ihm entgegen geschwappt. Seltsam. Mit jeder Sekunde schien der Druck sich noch zu verstärken. Er wollte schon die Anderen darüber informieren. Doch es gelang ihn nicht. Vivi kam ihm nämlich zuvor. „Was ist das?“ Die Anwesenden schauten verwundert auf. „Was ist was?“, fragte Dan. „Na dieser komische Druck. Als ob wir mit dem Flugzeug fliegen. Aber nicht im sondern auf!“ „Wie, bitte? Wie meinst du das?“, fragte Herr Liebgraf erstaunt. „Mir tun die Ohren weh! Dieser Druck!“, klagte Vivi. Herr Liebgraf und Dan verstanden gar nichts. Sie konnten nur verwundert die Stirn runzeln. Doch Benny umso mehr. Der Druck wurde immer stärker. Und er kannte ihn. Er hatte ihn schon einmal gespürt. Damals in seinem eigenen Haus. Mit diesem Druck war er auch gegen Lins Tür geschleudert worden. Plötzlich atmete Alexa laut auf und röchelte hektisch. „Ich…bekomme keine…Luft!“ Hysterisch versuchte sie Luft in ihre Lungen zu bekommen. Da wurde Benny klar, in welcher Gefahr sie sich befanden. Sie waren in – Lebensgefahr! „Auf den Boden!“, kreischte er mit schriller Stimme. „Sofort!!!“ Er riss Dan an den Schultern nach hinten. Aus Reflex krallte der sich an die Tischkante, doch Benny riss sie los, damit Dan rücklings vom Stuhl fallen konnte. „Macht schon!“ Die anderen folgten, denn ihnen wurde klar, dass Benny wusste, was er tat. Gemeinsam legten sie sich zu Boden. Der Druck war bis zum Maximum angelangt. „Was soll…“, begann Herr Liebgraf verwundert. Doch weiter kam er nicht. Denn in diesem Moment brach der Druck aus.

Mit einem ohrenzerreißenden Geräusch explodierte der Laptop. Eine Welle reiner Magie, denn die erkannte Benny nun, walzte sich durch den Raum. Die Parfümfläschchen sprangen auf, der Inhalt schoss wie eine Fontäne nach oben, bevor das Glas zersprang. Die Figuren zerplatzen wie Seifenblasen, die scharfen Teilchen rieselten auf den Boden. Die Spiegel zersprangen und schleuderten ihre Scherben von sich. Die Fenster taten es ihnen gleich. Die Scherben verteilten sich im Gras. Die Steine des Kronleuchters zersprangen zu winzigen Glitzerstücken, die Glühbirnen platzen. Die ganze Lampe erzitterte, ehe sie mit lautem Krach auf dem Boden zerschellte. Die ganzen Wände bebten, weil die Magie wie ein tobendes Meer gegen sie schlug und drückte, als wolle sie aus einem Gefängnis ausbrechen. Es dauerte eine ganze Minute, ehe alle Magie aufgebraucht war und der Druck, der zwar langsam gestiegen, aber von einem Augenblick zum nächsten seine ganze Kraft verloren hatte, verschwunden war. Plötzlich lag das ganze Haus still da, wie zuvor. Nur war das ganze Zimmer demoliert. Total verwüstet, als hätte ein Einbrecher, der Alexa alles andere als leiden konnte, darin gewütet. Schützend hatten sich alle die Hände über den Kopf gelegt, sich mit aller Macht auf den Boden gedrückt und gebetet, dass die Hölle bald vorbei ging. Doch nun wagten sie es, die Arme zu senken und aufzusehen. „Was, zum Himmel, war das!“, stieß Vivi hervor. Doch Benny sprang auf die Beine und schrie auf: „Jetzt weiß ich es!“ Durch den erdbebengleichen Vorfall noch den Schreck im Mark, zuckten die Anwesenden zusammen und blickten irritiert an ihm hinauf. „Was weißt du?“, fragte Alexa und erhob sich langsam. Sie schüttelte sich um die kleinen Splitter, die auf sie hernieder geregnet waren, abzubekommen. Auch die anderen erhoben sich zögerlich. Benny packte Vivis Arm so unerwartet, dass sie zusammenzuckte. Ganz aufgeregt redete er auf sie ein. „Erinnerst du dich an den Turm? Im Park – erinnerst du dich genau, wie er aussah?“ Vivi zog die Augenbrauen nach oben. „Naja…er war schwarz…“ „Nein, das meine ich nicht! Erinnerst du dich daran, was an ihm dran war?“ „Die Stromkabel?“, fragte Dan verwundert. „Genau!“, sagte Benny, sichtlich bemüht seine Stimme unter Kontrolle zu haben. Zu sehr war er von seiner Einsicht begeistert. „Die Stromkabel…der Chip – er ist eine Art Speicher für die magische Energie! Ihr habt sie ja gesehen! Das war die ganze Magie in ihm!“ „Und was hat das mit den Stromkabeln zu tun?“, fragte Alexa. Plötzlich dämmerte es auch Dan. „Strom?“ „Genau!“, wiederholte Benny aufgeregt. „Die Türme werden dazu benutzt um Strom aus der Umgebung abzuzapfen und sie in reine Magie umzuwandeln! Der Chip speichert sie dann in sich. Deshalb ist wahrscheinlich auch der Turm zerstört worden, als Vivi den Chip herausgenommen hat, weil so der Stromfluss unterbrochen worden ist!“ „Was? Echt?“ Ungläubig zog Vivi die Nase kraus.

„Das heißt also, dein – unser – Feind sammelt in diesem Augenblick eine Unmenge an magischer Energie um sie…“, begann Herr Liebgraf, doch war außerstande seinen Satz zu beenden. „Um die Welt zu zerstören!“, kam ihm Benny zu Hilfe. „Das bedeutet seine Kraft allein reicht dazu nicht aus. Er braucht also eine große Menge und wiederum haben wir also noch etwas Zeit bis zum Ende der Welt!“ „Aber wie? Wie will er mit Magie die Welt zerstören?“, fragte sich Alexa laut. „Und woher weiß er überhaupt was Strom ist? Ich dachte der kommt aus dem Mittelalter!“, empörte sich Vivi. „Naja, er ist schon eine ganze Weile hier.“, überlegte Benny und kratzte sich am Kopf. „Außerdem hat er sicher sehr viele Anhänger aus unserer Zeit.“, setzte Dan hinzu. „Wenn euch schon einer angegriffen hat, wer weiß wie viele ihm unterstehen.“ „Trotzdem! Mir kommt das spanisch vor!“, rechtfertigte sich Vivi und verschränkte die Arme vor der Brust. „Mein ganzes Zimmer ist zerstört!“, heulte Alexa los. „Wie konnte so etwas passieren?“ Herr Liebgraf versuchte seine Tochter zu trösten. „Ist schon gut, ich werde alles genauso herrichten wie vorher.“ „Nein, Papa. Ich will ein noch viel schöneres und größeres Zimmer!“, forderte Alexa. Herr Liebgraf öffnete den Mund um es ihr zu versprechen, doch er kam gar nicht zu Wort. „Hey! Dein blödes Zimmer ist immer noch das kleinste Problem das wir haben!“, fauchte Vivi. Alexa strafte sie mit einem bösen Blick, was ihr nichts weiter ausmachte. „Was machen wir jetzt? Was bringt uns das?“, fragte Dan laut in die Runde, auch um einem Streit zwischen den zwei Mädchen vorzubeugen. „Wir müssen…“, begann Benny, doch auch er wurde unterbrochen. Nicht von Vivi, sondern von der sich öffnenden, und nun quietschenden, Tür. Völlig zerzaust und verängstigt trat der Butler ein. „Master! Es gab ein Erdbeben – hier! Bei uns! Das ist unbegreifbar, aber das ganze Haus ist zerstört. Alles ist zu Bruch gegangen und…“ „Ich weiß, beruhigen Sie sich erst einmal.“, redete Herr Liebgraf beruhigend auf seinen Bediensteten ein. Dann sah sich der Butler entsetzt um. „Das Zimmer des kleinen Fräuleins ist…oh Gott!“ „Bitte, sehen sie nach den anderen Gästen, die noch im Speisesaal verweilen müssten!“, verlangte der reiche Mann und schickte den Butler wieder weg. „Was wolltest du sagen, Benjamin? Fahre bitte fort.“ Von der förmlichen Höfflichkeit überschüttet war Benny kurz verwirrt, sammelte sich aber gleich wieder. „Wir müssen den Hauptturm finden!“ „Den Hauptturm?“

„Ja, ich habe eine Zeichnung von ihm. Dort müsste sich Kim aufhalten – und bestimmt auch meine Schwester! Aber ich weiß nicht wo er ist.“, setzte Benny nach. „Was machen wir jetzt?“, fragte Alexa ungeduldig. Herr Liebgraf schien angestrengt zu überlegen. „Hm… Erst einmal solltet ihr nach Hause gehen, eure Eltern machen sich bestimmt schon Sorgen!“ „Ganz sicher nicht!“, widersetze sich Vivi. „Das können wir gar nicht, nicht nach allem was passiert ist! Dan und ich sind sowieso allein, unsere Eltern sind für zwei Wochen verreist. Und Benny kann so bestimmt nicht einfach ins Haus platzen und seinen Eltern um den Hals fallen!“ Von der stürmischen Erklärung Vivis überrascht, lächelte Herr Liebgraf. „In Ordnung, du hast ja Recht. Dann bringe ich euch alle erst einmal in einem Hotel unter. Danach sehen wir weiter. Vorher, lasst uns erst zu euren Freunden gehen.“ Alle nickten einstimmig. Gemeinsam gingen sie zurück in den Speisesaal. Dort sah es nicht viel besser aus als in Alexas Zimmer. Die ganzen Speisen hatten sich am Fußboden verstreut. Die teuren Kristallgläser lagen zerbrochen unter ihnen. Ihre Freunde drängten sich Bange in eine Ecke des Zimmers, ebenso wie der Chauffeur James, und warteten auf ein weiteres Erdbeben. „Hey, was…was ist passiert?“, wagte Google mit zitternder Stimme zu fragen. Gummy war so aufgeregt, dass er ausnahmsweise vergas heftig auf seinem Kaugummi herumzukauen. Während Jessi sich hinter Joe gedrängt hatte, wobei er immer wieder versuchte sich hinter ihr zu verstecken, sie ihn aber nicht ließ und selbst als Schutzschild gebrauchte. „Der Chip ist zerstört. Das war die ganze Magie, die drin war.“, sagte Benny leichthin. „Mir reicht’s jetzt langsam!“, kreischte Jessi. „Ich habe die Nase gestrichen voll! Ich mache da nicht mehr mit.“ Sie war ganz außer Atem. „Ich geh nach Hause!“ „Ja, das ist wohl das Beste.“, stimmte Herr Liebgraf zu. Jessi und auch die anderen Vier, die nichts von alldem mitbekommen hatten, was in der letzen Stunde geschehen war, erschraken sich über diesen Vorschlag. Jessi besonders, denn sie hatte dies eigentlich nur gesagt um sich Luft zu verschaffen. „Aber…aber…“, stotterte sie beschämt. „Das können wir doch nicht!“, versicherte Joe. „Wir helfen…“ „Nein“, sagte der Mann fest. „Es ist besser, wenn ihr nach Hause geht. Ihr seid mehr durch Zufall als durch Schicksal in diese schlimme Sache hineingeraten. Es ist zu gefährlich und zu unverständlich für euch. Außerdem machen sich eure Eltern sonst Sorgen um euch, das könnte ich niemals verantworten!“ „Aber…“, versuchte es nun auch Gummy und kaute wieder auf seinem Kaugummi herum. „Das geht doch nicht…“ „Ja, genau! Wir waren mit im Turm dabei!“, argumentierte Joe. Doch Herr Liebgraf überging ihn und wandte sich an den noch immer verdutzt dreinblickenden Butler. „Holen Sie doch bitte schnell ein Taxi, beim Postamt stehen immer welche. Bringen Sie die Kinder nach Hause. Und nehmen Sie sich danach für ein paar Tage frei, ich kontaktiere Sie dann. Natürlich kriegen Sie weiterhin ihren Lohn, auf führ ihren plötzlichen Urlaub!“ Noch während er sprach und versicherte, holte der Mann seine Brieftasche heraus und zog ein paar Scheine heraus, die nach ziemlich viel aussahen. Der Butler nahm das Geld mit einer mechanischen Bewegung entgegen und ebenso wie ein Roboter wandte er sich um und hieß den vier Jugendlichen ihm zu folgen. Sie zögerten alle, keiner war damit zu Frieden an jetzt nur noch zu Hause untätig herumzusitzen und zu warten. Doch schließlich folgten sie dem Hausdiener nach draußen und sie sollten keinen derer wieder sehen, die sie jetzt in der brüchigen Villa zurückließen. Doch das wusste natürlich keiner von ihnen. Niemand wusste es. Benny, Vivi und Dan starrten ihnen nach. „Was machen wir jetzt?“, fragte Alexa. Kurz ließ sich ihr Vater Zeit mit seiner Antwort. Dann aber begann er seine weiteren geplanten Schritte kund zu geben. „James holen sie die Limousine – ich kann nur hoffen, dass sie nichts abbekommen hat – und fahren sie Alexandra und ihre Freunde zum Olymp. Mieten sie das beste Zimmer, das sie dort noch frei haben! Nehmen sie sich dann auch frei.“ „Und was machen Sie?“, fragte Benny. Herr Liebgraf lächelte. „Nicht so förmlich, duze mich nur. Schließlich sind wir doch so eine Art Partner. Jedenfalls, ich mache mich jetzt gleich auf die Suche nach einem funktionierenden Telefon. Ich muss ein paar Freunde anrufen, die uns sicher helfen können. Mach dir keine Sorgen und überlass das alles mir. Das Schwert bringe ich auch nach. In Ordnung? Und ihr“, fuhr Herr Liebgraf, an Dan und Vivi gewandt, fort. „ruft ja eure Eltern an, damit sie nicht irgendwann zu Hause anrufen und feststellen, dass keiner von euch dort ist!“ Vivi und Dan nickten. „Gut, dann sehen wir uns spätestens morgen wieder.“, versicherte Herr Liebgraf und verabschiedete sich von den Jugendlichen.

Die Limousine hatte zu ihrem Glück nichts abbekommen und nach ein paar Minuten standen sie vor dem Olymp. Der Olymp stellte sich als Fünf-Sterne-Hotel heraus. Sie bekamen die Suite erster Klasse im obersten Stockwerk. Die Zimmer waren luxuriös, eines besser als das Andere. Es gab zwei Badräume, die hatten sie unter sich und Jungen und Mädchen aufgeteilt. Und drei große Schlafräume. Sie schliefen jeweils zu zweit in einem. Benny mit Dan, Vivi mit Alexa. Das dritte blieb leer. Sie hofften auf das Eintreffen Herrn Liebgrafs. Benny hatte ein ausgiebiges Bad genommen, es war das erste seit Tagen, an denen so viel passiert war. Es war eine physische und mentale Wohltat gewesen. Mittlerweile war es später Abend geworden. Benny stand auf dem Balkon und ließ sich den Wind um die Ohren sausen. Die Aussicht war atemberaubend schön. Hinter den Wipfeln der entfernten Hügel sah er den leuchtend orangen Lichtball langsam unter den Horizont gleiten. Die Tür stand offen und er konnte Dan hören, wie er mit seiner Mutter am Telefon sprach und ihr versicherte, dass bei ihnen alles in Ordnung war und sie doch bitte einfach ihren Urlaub genießen solle, weil sie sich doch sonst nicht vom Alltagsstress erhole. Wo sie es doch so sehr verdient hatte wenigsten für zwei Wochen nur für sich und ihren Mann zu leben. Benny seufzte. Einerseits spürte er eine innere Erleichterung. Er hatte jetzt teure Freunde, die ihm ihre Hilfe in einem Kampf um die Welt zugesichert hatten und noch dazu hatte er Kim hörig eins ausgewischt und kam ihm langsam aber beständig auf die Schliche. Andererseits war das hier nicht mehr nur ein Herumsitzen und Daraufwarten, dass jemand kam und ihn rettete, so wie es im Wüstentempel der Fall gewesen war. Außerdem waren sie hier nicht in der Vergangenheit, alles was hier geschah hatte mehr denn je Auswirkungen auf seinen Alltag und sein Leben. Und seine Schwerster! Er machte sich so viele Sorgen um Lin. Sein Kopf drohte vor Sorge und Schuldgefühlten zu platzen. Er hätte es doch wissen müssen, dass da was faul war. Wie hatte er Kim – den Sohn von Links größtem Erzfeind – vertrauen können? Es war an ihm gewesen Kim zu durchschauen! Schließlich kannten niemand außer Lin und ihm Kim gut genug um, um seine Kräfte zu wissen. Und Lin hatte ja nichts dafür gekonnt, dass sie das Böse in Kim übersehen hatte, immerhin war sie in Kim verliebt gewesen. Liebe machte doch blind! Er selbst dagegen war alles andere als verliebt und trotzdem blind gewesen! Dummkopf was du doch bist, Benny! Deinetwegen ist es so weit gekommen! Er hörte Schritte hinter sich und schrak aus seinen Schuldzuweisungen auf. Blitzschnell drehte sich Benny um. „Entschuldigung, ich wollte dich nicht stören.“, sagte Vivi und schob die Tür hinter sich zu. „Es ist sonst so kalt in der Wohnung.“, erklärte sie. Ebenso wie Benny lehnte sie sich ans Gitter und sah in die Ferne. „Schöne Aussicht, nicht wahr?“ „Hmh“, nuschelte Benny. „Machst du dir Sorgen um deine Schwester?“, fragte Vivi direkt. Benny senkte den Blick. „Ja.“ Aufmunternd klopfte Vivi so stark sie konnte Benny auf den Rücken, wie sie nur konnte. „Ach jetzt hör auf, sonst machst du dich nur noch mehr runter! Deiner Schwester geht’s ganz bestimmt total gut! Schließlich ist sie ein Mädchen – und Mädchen zeigen Jungs immer wo es langgeht!“ Benny lächelte schwach. „Danke, Vivi.“ Vivi wollte noch etwas sagen, doch in diesem Moment ging die Tür auf. Dans Kopf lugte heraus. „Schwesterchen, komm und rede du mit Mom. Sag ihr, dass es dir gut geht und sie sich keine Sorgen um ihre kleine Prinzessin machen muss!“ „Nenn mich nicht so!“, fauchte Vivi und riss ihm den Hörer des schnurrlosen Telefons aus der Hand. Sie trat ein um ruhig mit ihrer Mutter zu reden. „Hey, Benny! Willst du nicht reinkommen? Der Service war schon da und hat das Abendessen gebracht.“, sagte Dan. „Ja, ich komme.“, sagte Benny, blickte noch einmal zum Horizont, wo die Sonne nur noch ihre letzten Strahlen auf sie fallen ließ, und drehte sich, etwas ermunterter als noch gerade eben, um. Da sah er einen Schatten auf dem Dach und erschrak sich fast zu Tode. Er blinzelte und starrte auf den Punkt auf dem Dach. Doch da war nichts. Gar nichts, nur das Dach. Mit gerunzelter Stirn suchte er das Dach nach dem Schemen um. „Ist was?“, fragte Dan.
Schulterzuckend gab Benny auf und schüttelte den Kopf. Er brauchte unbedingt ein paar Stunden gesunden Schlaf. Mit einem leichten Frösteln trat er in die Suite und schloss die Schiebetür hinter sich zu. Kohldampf hatte er tatsächlich, nachdem er in Alexandras Haus nichts angerührt hatte… Die Gestalt erhob sich aus ihrer Deckung auf dem Dach. Das war knapp gewesen. Beinahe hätte sie sich verraten. Aus dem Lüftungsschacht konnte sie die Stimmen der Jugendlichen ganz deutlich hören. Wie sie beim Essen miteinander sprachen. Sie setzte sich hin und lauschte. Die Spiegelscherbe lag ruhig in ihrer Hand.

Völlig perplex stand sie da. Lin sah sich um. Sie sah sich die Hauptstraße entlanglaufen. Genau den Weg, den sie immer von der Schule nach Hause lief. Sie war gar nicht mehr verwundert. Denn sie erinnerte sich, dass sie im Raum, in dem sie gefangen war, eingeschlafen war, nachdem sie Erika endlich losgeworden war – nachdem sie noch dreimal erbrochen hatte. Sie hatte erbrochen, weil sie zu viel gegessen hatte. Unmengen an Nahrung hatte sie in sich hineingestopft. Es war furchtbar! Sie aß so schrecklich viel in letzter Zeit. Sie konnte gar nicht aufhören zu essen, weil sie nicht satt wurde. Und war sie es, nach Stunden, endlich einmal, hatte sie nach ein paar Minuten wieder dieses ordinäre Verlangen. Nicht einmal eine normale Schwangere aß solche Mengen. Es war furchtbar!!! Jedenfalls schlief sie nun. Und träumte. Sie träumte sie war wieder zu Hause. Und sie kam gerade von der Schule, denn sie spürte ihren Schulranzen auf dem Rücken. Aber es war bereits dunkel. Nein! Es war stockdunkel! Es brannte kein einziges Licht. In keinem Haus. Kein Auto mit leuchtenden Scheinwerfern fuhr vorbei. Nicht einmal die Laternen, die nachts hätten brennen müssen, schienen. Es war finster und ausgestorben. Nur der runde Vollmond schien auf sie herab und erhellte ihr den Weg. Lin blieb stehen. Was sollte sie tun? Nach Hause gehen? Wo sowieso niemand auf sie wartete, weil sie nur träumte? Es war menschenleer. Niemand war da, sie war allein. Und es war kalt. Ein eisiger Wind blies. Sie fröstelte.

Schließlich hatte sie nur den Minirock und das dünne Sweatshirt an. Die gleichen Sachen, die sie in ihrem letzten Traum angezogen hatte. Nun lief sie schneller, sie rannte die Straße entlang, weil ihr kalt war. Sie wollte nach Hause. Dort war zwar niemand, aber es war nicht minder verlassener als diese Straße und zumindest konnte sie dort die Heizung aufdrehen. Nur weg, ins Warme wollte sie. Sie wünschte sich doch die Bodenheizung. Sie hasste den Raum im Turm zwar, weil sie in ihm gefangen war, jedoch war ihr der Luxus sehr wohlgesonnen. Sie wünschte sich, sie möge erwachen! Im nächsten Moment wurde sie geblendet. Von einem hellen Neonlicht. Lin blieb stehen. Das Licht kam aus einem Haus auf der anderen Seite. Es war die Eisdiele. Oft war sie mit ihren Klassenkammeraden oder ihren Freundinnen dort hingegangen. Dort gab es das beste Eis weit und breit. Und Luigi, der italienische Besitzer, war der beste Eismischer weit und breit. Immer wenn es was zu feiern gab, dann hieß es „Gehen wir zu Luigi!“ oder „Heute wird bei Luigi gefeiert!“. *räusper* Klischee ;) Jetzt gab es nicht nur das beste Eis weit und breit, sondern auch das einzige Licht. Lin war in Versuchung ihrer Neugier zu erliegen. Sie wollte dem auf den Grund gehen. Vielleicht träumte sie ja von Luigi. Noch kurz rang sie mit sich und ihrer Vernunft, bis diese verlor. Langsam, wie ein Einbrecher schleichend, ging sie dem Licht entgegen. Von außen sah sie hinein und presste ihr Gesicht gegen die Scheibe. Niemand war in der Diele. Die Tische und Stühle ringsum waren unbesetzt. Und auch die Theke lag ruhig da. Durch die Scheibe sah man die vielen verschiedenen Eissorten. Sofort meldete sich auch ihr Magen. Er war schon wieder hungrig. Er hatte regelrechten Heißhunger! Doch Lin blieb noch stehen und vergewisserte sich, dass wirklich niemand da war. Dann erst schlich sie sich zur Tür hinein, in die warme Stube. Nicht warm aber wärmer als draußen. Sie stellte sich vor die Theke. Kurz zuckte sie zusammen, als der Perlenvorhang wehte, der die Verkaufsstube vom hinteren Teil des Gebäudes trennte. Doch es war nur der Wind, denn sie mit hineingebracht hatte. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, als sie die herrlich schimmernden Eis-Cremen sah. „Was darf es sein?“ Lin erschrak nicht, obwohl sie es hätte tun müssen. Sie sah nur auf. Ein junger Mann zog den Perlenvorhang beiseite und trat hinter die Theke. Er trug eine schwarze Hose und ein schwarzweiß gestreiftes Shirt und auf seinem Kopf war eine Kappe aus Pappe, genau die Arbeitskleidung, die Luigi täglich trug. Aber es war nicht Luigi. Denn Luigi war nicht jung. Luigi hatte keine feuerroten Haare. Und Luigi grinste auch nicht auf solch höhnische Art und Weise. Der Junge nahm den Eisschöpfer in die Hand und drückte die zwei Klappen auf und zu, sodass das Metall klapperte. „Zwei Kugeln Vanille!“, sagte Lin. Ganon griff nach einem der Becher und schöpfte zwei großzügige Kugeln aus dem Metallbehälter um sie in den Becher zu klatschen. Dann stellte er ihn auf die Theke. „Einen Euro zwanzig!“, forderte Ganon. Lin schwang den Rucksack von einer Schulter um an ihren Geldbeutel zu gelangen. Das Geld selbst legte sie nicht in Ganons ausgestreckte und wartende Hand, sondern auf den kleinen Porzelanteller. Ganon nahm es gelassen. Lin ergriff den Becher und wandte sich ab. Sie sah nach draußen, aber es war unmögliche etwas zu erkennen, wenn man im Licht stand. Also gab sie es auf und setzte sich in die hinterste Ecke des Raumes auf einen Stuhl. Die Schultasche neben ihr. Obwohl sie großen Hunger verspürte versuchte sie das Eis zu genießen. Sie nahm immer nur kleine Tupfer auf den Löffel. Sie überlegte wann sie das letzte Mal hier gewesen war. Nicht im Traum sondern in dieser Eisdiele. Mit ihren Freundinnen. Nein, eigentlich war sie mit jemand anderem das letzte Mal hier gewesen. Mit Kim… Ganon ließ sich auf dem Stuhl ihr gegenüber nieder. Und stellte die ganzen Eisbecher, die er trug, ab. Die Pappkappe hatte er abgelegt. Mit größter Vorfreude rieb er sich die Hände und überlegte angestrengt mit welcher Sorte er anfangen sollte. Vanille? Erdbeere? Banane? Oder Stratiatella? Er tauchte den Löffel in das Schokoladeneis. Lin sah ihm dabei zu, wie er von jeder Sorte ein gutes Stück kostete und es sich auf der Zunge zergehen ließ. Lin sah ihm dabei zu. Ihr mickriges Eis hatte sie schon ganz vergessen. So sehr faszinierte es sie wie wissenschaftlich Ganon die Eissorten analysierte. Als er bei Zitrone angelangt war, sagte er: „Mmh…das schmeckt am Besten!“ Und blieb bei dieser. Er verschlang eine Menge Eis. Schließlich war sie es, die den Löffel beiseite legte. „Warum isst du immer, wenn ich träume?“, fragte sie. Nun sah auch Ganon auf. „Soll ich dir denn nur zuschauen?“ Er lachte. „Du weißt genau wie ich das meine!“, entgegnete sie ärgerlich. Ganon verstummte und zuckte die Achseln. „Warum nicht? Ihr habt hier Leckeres zu essen. Viel besser als in meiner Zeit.“ „Aber…was soll das? Warum sitzen wir hier und unterhalten uns? Wir sind doch Feinde!“ Erneut lachte Ganon. Dunkler und bösartiger als zuvor. Wie ein Dämon. „Natürlich sind wir das! Und nichts tät ich lieber als deinen kleinen Hals zu würgen bis das Leben aus dir herausquellt. Aber das geht nun mal nicht.“ Lin öffnete den Mund um zu sprechen, doch Ganon schnitt ihr das Wort ab. „Du willst wissen warum? Weil ich tot bin und mit mir auch meine Macht. Ich bin nicht mehr, ich habe meinen Platz abgegeben. Es ist die Entscheidung meines Sohnes was mit dir geschieht nachdem du nutzlos geworden bist, aber so wie ich das sehe wird er nicht tun, was er tun müsste. Er wird dich nicht beseitigen, obwohl du eine große Gefahr darstellst. Welch ein Jammer dieses verfluchte Gefühl, dass sich Liebe nennt. Es hindert einen am klaren Denken!“ „Stimmt, man wird im wahrsten Sinne blind!“, sagte Lin. „Ein Glück, dass es ein solches Problem für dich nie gab! Da bist du deinem Sohn weit voraus!“ Ganon sah sie verwundert an. Er war verblüfft über ihren plötzlichen Ausbruch. Und über ihre gänzlich falsche Einschätzung von ihm. „Du hast eine überaus negative Einstellung mir gegenüber.“, schlussfolgerte er. Lin sprang auf die Beine. „Du Penner!“, schrie sie und ließ ihren Arm über den Tisch fegen, sodass alle Becher auf den Boden fielen und das Eis sich als bunte Brühen über die Fließen ergossen. Sie hatte Tränen in den Augen, so weh tat ihr dieses Gespräch. Sie wollte nur noch weg. Ihre Schultasche vergaß sie. Lin wandte sich nur um und wollte davonrennen. Doch es ging nicht. Sie war gelähmt. Denn sie stand nicht mehr in Luigis Eisdiele. Nein. Diesen Raum kannte sie. Es war der große Saal im Wüstentempel. Sie war starr vor Schreck. Was…?

Plötzlich hörte sie ein Geräusch. Zwei helle Stimmen, die leise miteinander flüsterten und kicherten. Sie sah hinauf, zum Kopf der gigantischen Shjra-Statue… In der großen Halle, die Mitte des heiligen Gebäudes, bildeten sich zwei Kugeln, die die wild umher werkten und sich schnell um sich selbst drehten. Eine Rot, die andere Blau. „Du traust dich bestimmt nicht!“, flüsterte eine Stimme. „Und ob! Wollen wir wetten?“, erwiderte eine andere darauf. „Pah, sie werden dich bestrafen.“, gab die eine zurück. „Pah, das wagen die nicht!“ Aus den beiden Kugeln formten sich die beiden alten Hexen – Koume und Kotake. „Was für ein herrlicher Tag, Kotake!“, kicherte Koume. „Ganz recht, ganz recht, liebe Schwester. Wie geschaffen um den Unterricht vorzubereiten!“ „Aber dieses Mal keine Schonung!“ Koume gestikulierte wild mit den Armen. „Der Herr meint sonst, er muss schon in so jungen Jahren aufmüpfig…“ Ein Schatten sprang vom Kopf der steinernen Statue herunter – auf sie zu. Als sie ihn sah kreischte sie auf und wollte ihren Feuerzauber ausführen, aber es war bereits zu spät. Die schemenhafte Gestalt klammerte sich an das strohige Ende ihres Besens und riss sie davon herunter. Kopfüber flog sie auf den harten Grund zu und schrie um ihr Leben. Ihre Schwester Kotake, außer sich und ebenfalls laut kreischend, flog zu ihr und fing sie kurz vor dem Aufschlag. Durch das Gewicht und den Schwung verlor auch ihr Besen die Balance und beide knallten schmerzlich auf den Boden. Wenn das Ergebnis auch nicht schlimmer als ein großer blauer Fleck war, sie waren außer sich vor Zorn. Beide schleuderten sie ihre Zauber auf den dreisten Angreifer. Geschickt wich Ganon ihnen aus und konnte gar nicht aufhören zu lachen. „Ach kommt Gothama, vertragt ihr keinen Spaß?“ Schwerfällig versuchten die beiden Hexen ihre Fassung wiederzuerlangen. Mit einem schrecklich aufgesetzten Lächeln erwiderte Koume: „Junger Herr, das war wirklich unglaublich witzig, aber wir wären Euch ungemein verbunden, wenn ihr für euer Vergnügen ein anderes Leben als unseres aufs Spiel setztet.“ Ganon landete auf der rechten Hand der Priesterin Shjra und warf den, in die Jahre gekommenen, Besen der Alten 30 Meter in die Tiefe. Ein erneutes Aufklatschen – und der Besen zerschälte in unzählbar viele Holzsplitter. Entnervt beweinte die rote Hexe den Verlust, während bei Kotake das Fass zum Überlaufen gebracht worden war. „Ihr habt keinerlei Respekt vor uns. Waren es nicht wir, die Euch unter Anstrengungen und Mühen erzogen und gelehrt…“ „Nein!“, unterbrach Ganon sie. Er verschränkte die Arme vor der Brust und starrte eisern auf sie herab. „Es war Nebu! Ihr seid lediglich der elendige Teil meines Lebens!“ Seine Worte waren wie ein Wasserfall. Gewaltig und gnadenlos prasselten sie auf alles und jeden hernieder, der das Pech hatte genau darunter zu stehen… „Nun gut“, Kotake räusperte sich. „Da Ihr schon einmal da seid, können wir gleich früher…“ „Darum bin ich früher gekommen. Ich habe heute keine Lust auf Unterricht.“ „W…was?“, stotterte sie.

„I-c-h h-a-b-e h-e-u-t-e k-e-i-n-e L-u-s-t a-u-f U-N-T-E-R-R-I-C-H-T.“,

wiederholte Ganon betont langsam und laut. „Aber, junger Herr. Das geht nicht…“, begann Koume. „Ach nein? Ich dachte ich bin der König. Ich mache was ich will!“ Die beiden Hexen waren kurz vor einem Nervenzusammenbruch. „Ohne jeden Zweifel macht Ihr das. Komm, liebe Schwester, wir sind hier nicht von Nöten.“ Koume sammelte die Einzelteile ihres Besens auf und verschwand in einer roten Leuchtkugel, die sich gleich darauf auflöste. Kotake tat es ihr nach, mit einem feindseligen Blick auf den Jungen, der unbekümmert auf der Steinhand saß, die Beine baumeln ließ und ihr fröhlich gehässig zum Abschied winkte. „WOW, denen hast du es aber gezeigt. Der geborene Herrscher!“ Naboru beugte sich über dem Kopf der Skulptur nach vorne. „Natürlich, was hast du erwartet?“, erwiderte Ganon in seiner überaus großen Bescheidenheit. „Und jetzt lass uns was machen, sonst wird mir langweilig!“ Das Mädchen stand auf und setzte an. Mit rasender Geschwindigkeit rannte sie über den Kopf die Schulter und den waagrechten Unterarm, auf dessen Handfläche sich Ganon befand. Er sprang auf. „Naboru, halt an!“, sagte er mit seiner gelassenen Stimme. „Kann nicht, bin zu schnell!“ „Halt an!“, japste er und sah sich nach einer Ausweichmöglichkeit um. Es gab keine – Mit einem lauten Pock knallten beide Stirn auf Stirn und durch den Schwung fielen sie kopfüber in die Tiefe. „*Schrei*, rette uns, RETTE UNS!!!“ Naboru krallte sich in den Stoff von Ganons Hemd. „Das versuche ich doch!“ Er schloss die Augen und versuchte sich krampfhaft zu konzentrieren. Ganon spürte wie ihn die Wellen seiner Magie durchströmten. Sie flossen durch sein Herz, durch seine Blutbahnen, durch jede einzelne Faser seines Körpers… Mit einem langen Ausatmen setzte er seine Macht frei um ihren Fall zu verlangsamen. Ein leiser, winziger Aufschlag und beide lagen keuchend aber unversehrt auf festem Boden. Die eine aus Erleichterung, der andere aus Anstrengung. „Sag mal, spinnst du? Du hättest uns umbringen können!“, herrschte er seine Spielkameradin an. „Entschuldige!“, sagte sie und lächelte. Nichts konnte sich mit ihrem Lachen vergleichen. Wie sich ihre roten Lippen in einem Bogen kräuselten und sich von ihrer hellbraunen Haut abhoben. Sie verbrachte viel mehr Zeit unter der gleißenden Sonne als er und trotzdem war er um einiges braungebrannter als sie. Ihre hohen Wangenknochen hoben sich an und betonten ihre Augen. Wie kleine grüne Steinchen sahen sie aus. Naboru wusste schon als 10jährige Göre ihre Waffen als zukünftige Frau zu gebrauchen. „Du verzeihst mir doch, oder?“ Sie trat einen Schritt auf ihn zu und sah ihm in die Augen. Und man hätte schwören können in seinen schmalen Schlitzpupillen ein kurzes Aufleuchten zu entdecken. „Ja, ja, und jetzt komm schon!“ Ganon packte sie am Handgelenk und zog sie hinter sich her. Mit einem triumphalen, selbstsicheren Lächeln ließ sie es zu.
***
„Aua, das gibt bestimmt eine riesige Beule!“, heulte der junge König. „Das ist deine Schuld.“ Er tauchte seine Hände in das noch kühle Wasser der Oase und ließ es über einen allmählich blau werdenden Fleck auf seiner Stirn fließen. „Ach sei still, du alter Jammerlappen.“, erwähnte Naboru möglichst nebenbei. Empört sah er auf. „Hab ich mich verhört oder hast du mich, den Regenten des Volkes der Wüste, dessen Untertan du bist gerade beleidigt?“ Das Mädchen kratzte sich am Hinterkopf und tat überlegend. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke schon.“ Ganon stürzte sich auf Naboru und in einem wilden Gerangel wälzten sie sich über den Boden. Bis schließlich Naboru die Oberhand gewann und Ganon auf dem Boden festnagelte. „Willst du dich mit mir, das ältere Kind von uns beiden, anlegen?“ „Pah, älter um 40 Atemzüge!“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber immer noch stärker als du!“ Er verengte seine Augen zu Schlitzen. „Fragt sich nur wie lange noch.“ „Lang genug, um mich in deiner Unterlegenheit zu sonnen!“ „Sommersprossenvisage!“ Naboru war übersät von kleinen dunklen Sommersprossen. „Suchst du Ärger Fleckenfresse?“ „Was?“, fragte Ganon. Abrupt legte sich Naborus Stirn in Falten. „Komisch, aber sind die Flecken nicht größer geworden?“ Ganon schielte um seine Nasenspitze zu betrachten - „Was in aller Welt macht ihr da?“, rief eine Stimme plötzlich. Sie zuckten erschrocken zusammen. Eine junge Frau, mit dem Namen Dana, stand mit wissender Miene neben dem großen Felsen. „Anstatt euch darüber zu streiten wer von euch das Alphatierchen ist, solltest du“, sie zeigte auf Naboru. „beim Training sein und du“, sie deutete auf Ganon. „im Unterricht sitzen!“ Eilig standen die Kinder auf und klopften sich den Staub aus den Kleidern. „Der Unterricht fällt heute aus!“, erwiderte Ganon schnell. Dana verschränkte skeptisch die Arme vor der Brust. „Ach und warum das so plötzlich?“ „Nun…ja…“, wich Ganon aus um sich eine passende Ausrede zurechtzulegen. „Gothama haben gesagt, dass sie heute keine Zeit dazu hätten…“ „Ach wirklich? Ist das so? Gibt es irgendeinen bestimmten Grund warum sie heute ihrer bedeutsamsten Aufgabe, nämlich ihren Schützling in den Künsten der Magie zu unterweisen, nicht nachkommen können?“ „Ähm…sie haben gesagt, dass…äh…“ „Dass sie sich von den Strapazen der letzten Tage erholen müssen!“, kam Naboru ihrem Freund zu Hilfe. „Genau! Das haben sie gesagt!“, bestätigte Ganon. Doch natürlich konnten sie Dana nichts vormachen. Dana schüttelte ungerührt den Kopf. „Ihr hört jetzt sofort damit auf mir die Katze im Sack zu verkaufen und seht zu, dass ihr dahin geht wo ihr jetzt sein solltet! Aber sofort!“ Trotzig stemmte Ganon die Arme in die Hüften. „Ich bin der König! Du hast mir gar nichts zu befehlen!“ „Und ob ich das habe Eure Winzigkeit!“ Dana hob drohend die Hand. Ganon und Naboru zogen die Köpfe ein. „Abmarsch!“ „Ja, in Ordnung!“, brummte Ganon. „Aber ich will, dass Naboru mich begleitet, danach darf sie zur Festung gehen!“ Und noch bevor Dana etwas erwidern konnte – rannten Ganon und Naboru lachend wieder in den Tempel. Hahahaha… „Warum soll ich mitkommen?“, fragte Naboru. Ganon legte sich den Finger auf die Lippen und gebot ihr leiser zu sprechen. „Ich habe was für dich.“, flüsterte er. „Oh, ein Geschenk?“, frohlockte Naboru. „Was ist es denn?“ Sie quetschten sich nacheinander durch das kleine Loch in der linken Wand der Eingangshalle. Auf der anderen Seite angekommen klopften sie sich den Staub aus den Kleidern. „Also was hast du für mich?“, drängte Naboru. Ganon tat einige Schritte, er zählte sie ab. „Fünf…sechs…sieben!“ Dann blieb er stehen und bückte sich auf den Boden. „Was machst du da?“

„Sei doch nicht so ungeduldig, Naboru! Sonst schenk ich ihn dir nicht mehr!“, schnaufte Ganon und hievte eine Steinplatte aus dem Boden. Mit einem triumphalen Grinsen hielt er ihr den Lederbeutel hin. Naboru musterte ihn mit verzogenem Gesicht. „Toll! Ein Stück Leder! Danke!“, äußerte sie sarkastisch. „Mann, du blöde Kuh! Nicht der Lederbeutel sondern der Inhalt ist das Geschenk!“, fuhr Ganon sie an. „Was soll da schon drin sein, so klein wie…Oh wie schön!“, quietschte Naboru als sie den Armreif herausgeholt hatte. „Ist der wirklich für mich?“ Ganon zog stolz die Nase hoch. „Habe ich eigenhändig für dich gestohlen, und es war nicht leicht kann ich dir sagen! Ich musste der Hyrulianerin die Hand abschlagen, weil sie ihn mir nicht freiwillig geben wollte.“ Naboru zog den Armreif über ihre Hand und hielt ihn hoch, in den Schein der Fackel. Er schimmerte und die winzigen roten Rubine funkelten ihr ins Gesicht. „Er ist wunderschön!“ Vor Freude fiel sie Ganon um den Hals und küsste ihn auf die Wange. „Ist schon gut, schließlich beschenkt jeder Mann seine Frau. Und du wirst schließlich mal meine Frau und mit mir das Bett teilen.“ Naboru lachte. „Du darfst doch keine Kinder haben!“ „Ich rede doch nicht von Kindern, sondern von den höchsten Freuden des Menschseins!“ Sie zwickte ihm in die Wange. „Tja, dazu musst du es erst einmal schaffen, dass du oben liegst!“ Er boxte sie gegen den Arm. „Warte nur bis ich mir nehme was mir zusteht!“ Erneut brüllten sie vor lachen. Und plötzlich lachte da noch jemand mit. Ganon fuhr zusammen. „Wer ist da?“ Augenblicklich verstummte das Gelächter. Auch die fremde Stimme. Naboru sah ihn überrascht an. „Mit wem sprichst du?“ Ganon blickte sich nervös um. „Na mit der Stimme, die mitgelacht hat.“ Nun sah Naboru ihn an, als wäre er nicht mehr ganz klar im Kopf. „Ganon, wir sind allein!“ „Nein! Das sind wir nicht! Ich habe sie ganz deutlich…“ Da lachte die Stimme wieder. Es war eindeutig die einer Frau. Sie lachte und lachte. „Da ist sie, hörst du sie nicht?“ „Das bildest du dir ein…“ „Nein – tue ich nicht!“, schrie Ganon sie an. Naboru schüttelte den Kopf. War er wirklich bei klarem Verstand? Bildete er sich die Stimme nicht nur ein? Du hast Recht, du bildest sie dir nicht nur ein! Ich bin es, die spricht. Die Stimme dröhnte in seinen Ohren. Eine dunkle und bodenlos schwarze Stimme einer Frau. „Wer bist du?“, fragte er voller Furcht. Schick das Mädchen weg! Tu es! Naboru berührte ihn an der Schulter. „Was ist mit dir Ganon?“ „Geh zur Festung!“ Mitten in der Bewegung hielt sie inne. „Was?“ „Geh weg! Sofort!“, befahl Ganon. Beleidigt zog Naboru die Hand zurück und drehte sich um. „Du spinnst!“ Und verließ, durch das Loch, den Tempel. Gut so…, sagte die Stimme sanft. Und nun komm. Komm zu mir, mein kleiner Ganon. Folge meiner Stimme und komm zu mir! Die Stimme war die einer verführenden Frau. Er konnte sich ihrer Verlockung nicht entziehen. Ganon folgte der Stimme durch den Tempel. Er folgte ihrer Verführung bis tief in die Eingeweide des Tempels. Es war als stünde er unter einem Bann. Er konnte sich nicht wehren, die Stimme schien seinen Körper zu kontrollieren. Wie ein Gaukler seine Marionetten, so zog sie an den Fäden seiner Gelenke. Bis in den Raum hinter dem Gesicht der Statue. Es war vollkommen still. Nichts war zu hören. Gar nichts. Die Stille machte ihm Angst. Er wollte weg aber etwas hielt ihn fest. Wie zwei riesige Hände, die ihn umklammert hielten. Mein kleiner Krieger, mein kleiner Liebling… „Wer bist du?“, fragte er erneut. Da erklang wieder das Lachen. Und mit einem Mal war der ganze Raum von einer Magie erfüllt, wie er sie nicht bei sich selbst kannte. So schwarz war diese Magie. Du bist stark und klug, mein kleiner Ganon. Du bist perfekt! Du bist bereit meine Feinde zu strafen. Du bist fähig meine Rache zu vollenden! Die Furcht in Ganon stieg weiter. Er wollte weg von hier – Und dann spürte er wie das Blut aus seiner Brust floss. Und er schrie

Naboru war stocksauer. Als sie in der Festung angekommen war – war sie stocksauer in ihr Zimmer marschiert und hatte über Ganon geflucht. Dieser großkotzige Möchtegernkönig! Dabei war er jünger und um ein gutes Stück kleiner als sie! Aber sie konnte ihm natürlich nicht lange böse sein. Schließlich waren sie die besten Gefährten! Und als sie den Armreif gesehen hatte, sein Geschenk an sie, da hatte sie ihm dieses plötzliche Anschreien verziehen. Außerdem hätte sie gar nicht mehr Zeit gehabt zu schreien, denn sie hatte gewaltigen Ärger bekommen, weil sie das Training geschwänzt hatte. Die anderen Mädchen waren eifersüchtig auf sie, weil Ganon sie mehr mochte und sie jede freie Zeit gemeinsam verbrachten. Ja, sie mochte ihn und ja sie wollte seine Frau werden. Und ihretwegen auch ihm ihr Fleisch schenken. Naboru spielte mit dem Armreif an ihrem Aberarm. Er war ein gutes Stück zu groß für sie, aber sie wuchs sicher in ihn hinein… In diesem Moment schrie Dana: „Öffnet das Tor! Der junge König ist da!“ Freudestrahlend sprang Naboru auf die Füße und rannte aus der Festung, zum Tor, das zur Wüste führte. Doch als sie nach draußen trat, da traf sie die Stille. Nichts als Stille. Die Gerudofrauen standen da wie versteinert und blickten den kleinen Jungen an, der an ihren Reihen vorbei schritt. Natürlich dachte sich Naboru nichts dabei, sie rannte auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. „Ganon, du Idiot! Ich verlange sofort eine Entschuldigung von dir!“ Mit einer einzigen blitzartigen Bewegung packte er sie am Oberarm und stieß sie so hart von sich weg, dass sie auf dem sandigen Boden aufschlug. Naboru wusste gar nicht wie ihr geschah. „Fass mich nicht an!“, zischte er ihr entgegen. Mit einer Stimme so kalt wie Stein in einer eisigen Nacht. Mit entsetztem Blick starrte sie ihn an. Starrte ihm in die gelb schimmernden Augen – und in die Pupillen. Seine Pupillen waren nicht mehr klein und rund wie bei jedem Menschen. Sie waren zu langen und schmalen Schlitzen geworden. Und Naboru wusste jetzt, dass der Ganon, den sie kannte, dass es ihn nicht mehr gab… Lin fuhr aus dem Schlaf. Sie war schweißnass und keuchte. Es war ein schrecklicher Alptraum gewesen. Sie hatte langsam aber sicher die Nase voll von den visuellen Besuchen Ganons. Sie wollte ihn aus ihrem Kopf verbannen! Außerdem war ihr jetzt wieder schlecht und der Bauch tat ihr höllisch weh. Ja genau, mit noch geschlossenen Augen rieb sie sich über den schmerzenden und heißen Bauch – Sie hatte wohl kaum einen solchen eisigen und bitteren Schreck bekommen wie in diesem Moment. Sie riss die Augen auf und starrte auf ihren Bauch. Sie konnte es nicht fassen! Hastig und ungeschickt riss Lin ihr Kleid hoch, bis unter die Brust. Es war ein Berg, der sich da aus ihr erhob! Es… Ihr Bauch war von einem Tag auf den anderen zur doppelten Größe aufgeschwollen. Sie tastete den Bauch mit den Fingern ab. Ihr liefen die Tränen die Wangen hinunter.



Wo sie war wusste sie immer noch nicht. Sie lief immer weiter. Sie folgte… Ja wem oder was folgte sie denn? Einem Tipp? Einer Vorahnung? Nein! Eigentlich war es eine Stimme gewesen. Aber sie wusste nicht wem diese gehörte. Einer Frau, das war alles was sie wusste. Zelda, die letzte Königin Hyrules, der schon von Geburt an der Thron zustand und die nicht erst eingeheiratet hatte (seit Link waren nur noch – und das ausschließlich – männliche Nachkommen dem Königsgeschlecht geboren worden), war dieser Stimme gefolgt. Eiskalt war die Stimme in ihren Traum eingedrungen. Sie hatte von alten Zeiten geträumt, sie träumte ständig. Schließlich war sie schon vor vielen Jahrhunderten gestorben und was sollte man schon tun wenn man tot war? Das war der Himmel. Der Himmel bestand aus dem was man sich zusammenbastelte. Sie hatte so schön, als wunderhübsche Frau als die sie geheiratet hatte, im Schlossgarten gesessen und gesungen. Sie sang gut, das nahm sie jedenfalls an. Davin hatte ihr Gesang immer gefallen. Aber sie war ja auch seine Mutter, wahrscheinlich gefiel jedem Kind die Stimme der eigenen Mutter. Aber jetzt wusste sie nicht mehr wo sie war! Im Gegenteil! Ihr gefiel diese Einöde überhaupt nicht! War sie hier in einem Alptraum gelandet? Alles war schwarz und düster. Die Landschaft war weit und eben, egal wohin man sah. Die Erde war dürr, ausgetrocknet und gestorben. Am Himmel hingen schwer die dunkelvioletten Wolken. Wer nur konnte sich hier wohl fühlen? Als sie an einem unförmigen und ebenso hässlichen pechschwarzen Steinfels angekommen war, entschloss sie sich eine Pause einzulegen. Und zu überlegen ob sie weiter suchen sollte, nach etwas, von dem sie nicht wusste was es war, oder ob sie diesen Traum einfach wieder verlassen sollte. Mit einem Seufzer, der mehr von der Wut, dass sie hierher gelockt worden war, als von der Erschöpfung des langen Marsches zeugte, setzte sie sich nieder. „Verdammt!“, entfuhr es ihr, wobei sofort ihre Hand auf den Mund schoss. Ach, sie ärgerte sich, dass sie nach so vielen Jahren Ehe dieses schlimme Wort von Link übernommen hatte. Er hatte doch ständig mit diesem Wort geschimpft und geflucht. Und dann hatte es sich auch Davin noch angewöhnt. Hach, das war schlimm. Sie musste schmunzeln als sie in Erinnerungen schwelgte. Das waren Zeiten gewesen, damals. Jetzt war alles ziemlich einsam und langweilig. Aber sie wollte sich ja nicht beschweren, sie hatte ein schönes und erfülltes Leben gehabt. Sie rutschte auf dem Stein hin und her. Etwas ungemütlich, aber naja. Wenigstens eine Abwechslung in dieser Einöde. Aber seltsam war dieses Ding ja schon! Oh, und etwas Glänzendes steckte am Fuß des Felsens. Sie hatte es erst jetzt bemerkt. Sie beugte sich hinunter. Ein Dolch? Seltsam… Gleich darauf packte Zelda, mit gerunzelter Stirn, den Griff. Und zog daran. Keinen Zentimeter bewegte sich die Klinge. Zelda wunderte sich umso mehr. Sie stand vom Felsen auf und stellte sich vor den Dolch. „In Ordnung, spielen wir ein wenig Königin Arthur!“, sagte sie und tat als spucke sie sich in die Hände. Dann schlangen sich ihre Hände fest um den Griff und stemmte ihr ganzes Gewicht nach hinten. Sie zog und zog und zog. „Geh…schon…ab!“, keuchte sie.

Im Turm war es vollkommen still. Hierhinein kam der Lärm von draußen nicht. Die zwei Personen, die sich im Raum befanden, warteten, schon seit zwei Stunden. Sie waren nervös – sehr sogar. Doch die Frau ließ es sich kaum anmerken. Mit gelassener Körperhaltung ruhte sie gegen die Wand gelehnt und starrte unerbittlich auf den Spiegel. Der im Maul der Schlangenstatue steckte. Während der Mann seiner ganzen Nervosität freien Lauf ließ. Mit kleinen Schritten lief er im Gang hin und her. Plötzlich veränderte sich die Oberfläche des Spiegels. „Raik.“, sagte die Frau und erhob sich.
Raik sah auf.
Die Oberfläche begann sich zu wellen. Endlich hatte das Warten ein Ende. Raik deutete der Frau mit einer Handbewegung an sich hinzuknien. Die Frau tat es, er auch. Erst glitten die Fingerspitzen durch die Spiegeloberfläche. Dann die Hände. Dann der Arme. Der Kopf und der Oberkörper. Langsam durchschritt Kim den Spiegel, der ein Portal zwischen diesem und dem Hauptturm war. Ihm fröstelte. Es war nicht sehr angenehm durch Spiegel zu wandern, die Kälte der Oberfläche war jedes Mal deutlich zu spüren. Kim sah auf. Kurz sammelte er sich und versuchte sein schlagendes Herz zu beruhigen. Dann räusperte er sich. Raik kannte er, er war sein bester Mann. Das geschlechtliche Gegenstück zu Dana. Darum vertraute Kim ihm. Aber die Frau kannte er nicht. Wie auch? Das Blut der Gerudo war so weit verstreut, dass es ihm unmöglich war alle seine Untergebenen zu kennen. „Wer bist du?“, fragte Kim. Ohne aufzublicken antwortete die Frau. „Ich bin Kate Waterman, Herr. Ich stehe Euch zu Diensten.“ Der amerikanische Akzent war deutlich herauszuhören. „Gut.“, dann wandte sich Kim dem Mann zu. „Raik, ist das wahr?“ „Ja, Herr.“, antwortete Raik. „Die amerikanische Armee hat sich schon seit gestern um den Turm verbarrikadiert. Mehrere Soldaten sind bereits bis zum Turm vorgedrungen und haben versucht Stücke herauszuschlagen. Jetzt sind sie mit Panzern und Helikoptern angerückt.“ Kim seufzte. Solche Dummköpfe! „Ich verstehe. Dann wird es Zeit.“ Ja, Zeit den Weltmächten ein Emblem zu statuieren. Er schritt voraus. Seine beiden Diener hinter ihm.

„Diese Stadt heißt also New York?“, vergewisserte sich Kim ohne sich umzuwenden.

Ok, ja doch! Ich habe zwar krampfhaft (wie ihr sicher gemerkt habt) versucht Orte zu vermeiden! Aber jetzt muss ich einfach irgendeine Stadt für diese Szene missbrauchen. Tut mir aufrichtig leid. Und auch weil ich New York ausgesucht habe, heißt das ganz und gar nicht, dass ich etwas gegen Amerikaner habe oder diese Stadt nicht mag – ja! Tut mir wirklich leid.

„Ja, Herr.“, entgegnete Kate. „Ich wurde hier geboren.“ „Aber deine Familie ist nicht mehr hier?“ Die Frau schüttelte unmerklich den Kopf. „Nein, kein einziges Mitglied des Gerudostammes ist mehr in dieser Stadt.“ Kim nickte, zum Zeichen seines Verständnisses. Sie waren an der Außenwand angekommen. Kim atmete tief durch. So aufgeregt wie jetzt, so negativ bewegt, war er nur ein einziges Mal gewesen. Das war in einer Nacht vor ein paar Wochen gewesen. Er spürte wie die Nervosität in Übelkeit umschlug. Gleich darauf schwenkte er mit der rechten Hand. Die Wand brach auf. Schließlich bestand sie aus hartem schwarzen Schleim, wie jeder Turm. Der Schleim gehorchte ihm, es war ein Haufen winziger Tropfen, die er mit seinen Gedanken steuern konnte. Gleich darauf wurde er von der Sonne geblendet. Der Turm stand im Central Park und die Sonne war knapp über ihren Köpfen. Als sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, sah er die ganzen Panzer, die sich an den Bäumen vorbeimühten und das Gras unter ihren Ketten zerdrückten. Die Helikopter, die um den Turm surrten, wie die Fliegen um einen Misthaufen. Und die Soldaten, denen der Schreck noch immer in den Gliedern saß. Natürlich waren sie starr vor Entsetzen, dass sich der tür- und fensterlose Turm von einem Moment auf den nächsten geöffnet hatte und nun auch drei Fremde heraustraten. Kim sah sich um.
Die hohen Gebäude, die hinter den Baumkronen herausschossen und nach dem Himmel langten. Sie hatten ihn schon als kleines Kind fasziniert. Dieses Design hatte er sich auch zum Vorbild für seine Türme gemacht. Schließlich hätte er auch einfache Häuser oder gar Tempel oder Pyramiden erschaffen können. Aber er hatte hohe Türme gewollt. Jäh durchschnitt eine Stimme seine Gedanken. Verwundert blickte Kim zu dem Offizier mit dem Megafon in der Hand. Der Mann lugte aus einem der Panzer heraus und schrie auf amerikanisch: „Who are you? Identify you!“ „Herr“, sagte Raik leise. „Was wollt Ihr tun? Weshalb wolltet Ihr hierher kommen? Sie können dem Turm ohnehin nichts anhaben. Weshalb also habt Ihr Euch gezeigt?“ Kim schloss die Augen. Und gab ein leises, aber ebenso böses, Lachen von sich. „Ich werde es dir zeigen, Raik.“ Kim öffnete die Augen. Es waren die Augen eines Dämons. Glutrote Augen. Dann geschah es ganz schnell.
In seiner Hand formte Kim eine winzige Kugel vollgefüllt mit purer Magie. Und lenkte sie, dass sie wie ein Blitz aus seiner Hand schoss und den Panzer frontal traf. Der Mann mit dem Lautsprecher hatte noch Zeit einen kurzen, spitzen Schrei von sich zu geben – ehe der Panzer explodierte. Eine Stichflamme schoss empor. Der Panzer zerschellte wie eine Glaskugel und seine verkohlten Einzelteile verteilten sich auf der Wiese. Die unter der Hitze langsam ausdorrte. Nun brach endgültig die Panik aus.
„Shoot! SHOOT!!!“, brüllten viele Stimmen hysterisch. Die Soldaten, die Waffen schon vorher fest und zielbereit umklammert, schossen, ohne überhaupt richtig zielen zu können. Zu groß war das plötzliche Grauen. Auch die Soldaten in den Panzern schossen. Sogar die Helikopter in der Luft. Es regneten aber und aber tausende von Metallkugeln aller Größen auf sie hernieder. Die Frau, Kate, erschrak und musste sich die Hand vor den Mund halten um nicht um ihr Leben zu schreien. Doch Raik zuckte nicht mit der Wimper. Was Kim beeindruckte. Gewiss, diese Waffen waren nichts. Mit so etwas konnte man ihn nicht besiegen, noch nicht einmal ein Haar krümmen, doch er hätte nicht gedacht, dass es jemanden gab, selbst unter seinem eigenen Gefolge, der so von seiner Macht überzeugt war, ohne sie je mit eigenen Augen gesehen zu haben. Ein magischer Schild, den Kim erschaffen hatte, schütze sie vor dem Kugelhagel. Die Geschosse prallten auf den durchsichtigen Schutzwall – und wurden von ihm verschluckt. Wie ein schwarzes Loch. Der Kugelhagel hatte nicht aufgehört, die Menge war zu aufgebracht um überhaupt zu bemerken, dass ihr Angriff nicht den geringsten Effekt erzielte – da verdunkelte sich der Himmel über New York. Von einem Moment auf den anderen. Blitze schossen aus der Finsternis. Direkt in die ausgestreckte Hand Kims. In die Magiekugel in seiner Hand. Es war eine Kugel aus reiner violetter Magie. Die Soldaten stellten ohne jeglichen Befehl das Feuer ein. Sie konnten nicht fassen, was sie mit eigenen Augen sahen. Dieses Gebilde aus Licht und Dunkelheit. Ein Soldat ließ die Waffe sinken und nahm seinen Helm vom Kopf. Seine Augen waren weit aufgerissen, in seiner Iris spiegelte sich das Licht wieder. „My God!“, sagte er.
Die Kugel brach auf und entließ ihre Kraft. Wie Sternschnuppen schossen die Energiebündel heraus. Doch es war nicht mehr wie vorher. Diese Energie bestand nicht nur aus vier Bündeln, wie bei Ganon, sondern aus unzählbar vielen. Denn Kims Macht war größer. So schön sie war, so vernichtend war die Energie. Jede Kugel, die die Erde berührte, zerstörte, verbrannte, eliminierte alles um sie herum…

Lin erschrak sich fast zu Tode als sie ihr eigenes Bild im Spiegel sah. Nicht wie sie aussah, sie sah erstaunlich normal und gesund aus. Wie immer halt. Aber, dass sie sich im Spiegel der Damentoilette in Luigis Eisdiele sah, dass ließ sie kurz aufschrecken. Aber daran hatte sie sich mittlerweile gewöhnt. Sie wusste nun, dass sie nur träumte. Das konnte auch unmöglich sein – ihr Bauch fehlte! Das große, schreckliche Ding, das an ihr dran klebte! Sie wusch sich sorgfältig die Hände. Ebenso seriös trocknete sie die Hände am elektronischen Trockner ab und trat zur Tür hinaus, jedoch mit einem großen Seufzer, der fast wie der Schrei einer Kriegerin klang. Ganon erwartete sie bereits, an dem Tisch, an dem sie ihn zu letzt gesehen haben. Nachdem er nun schon alle Basissorten gekostet hatte, wandte er sich den Eisbechern zu. Spagettieis, Fruchtbecher, Eiskaffee, Erdbeershake. Ohne jede Begrüßung, noch sonst irgendetwas, setzte sich Lin ihm gegenüber. „Na los! Fang an!“ Verwundert zog Ganon von seinem Erdbeershake. „Ach was? Plötzlich so voller Begeisterung mich zu sehen?“ Lin biss sich auf die Lippe. „Ich weiß doch sowieso wo unsere Zusammenkünfte enden, also fangen wir gleich an mit den Erinnerungen!“ Ganon leerte sein Glas. „Na, ich weiß ja nicht, vielleicht brauchst du eine Pause.“ Er lachte. „Wer angefangen hat nach meinem Beisein zu verlangen, dem ist es nie gut ergangen.“ „Halt die Klappe! Du bist tot! Du kannst mir gar nichts!“, zischte sie ihm entgegen. „Außerdem…will ich…“ Erneut biss sie sich auf die Lippe und beendete den Satz nicht. Sie merkte wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Ganon stützte seinen Kopf auf die Faust. „Lass mich raten.“, sagte er leichthin. „Wo du nun meine Geburt gesehen hast, willst du auch die meines Sohnes sehen. So ist es doch!“ Lin schwieg. Darum fuhr Ganon fort. „Nun gut, aber fangen wir besser erst bei seiner Zeugung an. Nicht wahr?“ Und als er dieses Nicht wahr aussprach, sah er an Lin vorbei, sodass Lin aus Reflex vermutete, hinter ihr stehe jemand und sich natürlich überrascht umdrehte. Doch hinter ihr stand nicht nur jemand, hinter ihr stand eine völlig andere Welt… Früh am Morgen stand Naboru auf. Wie jeden Tag. Und gähnte erst einmal ausgiebig. Der Armreif funkelte an ihrem Unterarm. Sie legte ihn nie ab. Niemals. Seit den letzten vier Jahren nicht mehr, als Ganon ihn ihr geschenkt hatte. Sie legte ihre Tagkleidung an und wusch sich. So sah jeder Morgen aus. Doch plötzlich wurde dieser Morgen gestört – als Ashanti, ihre kleine Schwester, in ihr Zimmer stürzte. „Naboru, hast du den Herrn gesehen?“, fragte sie außer Atem. „Ist er nicht in seinem Gemach?“
Ashanti schüttelte den Kopf. „Ich wollte ihm doch das Frühstück bereiten und ihn also fragen was er heute zu speisen wünscht, aber ich kann ihn nirgends finden.“ „Vielleicht ist er in den Geistertempel gegangen.“, schlug Naboru vor. Abermals schüttelte Ashanti den Kopf. „Risaku und einige Andere waren dort um zu beten und sie haben ihn nicht gesehen.“ Naboru griff nach ihrem weißen Umhang, im Gehen legte sie sich ihn um. „Dann werde ich ihn suchen!“ Ashanti öffnete den Mund, doch sie war schon verschwunden. Sie verließ die Festung und trat ins Tal hinaus.
Es wunderte sie zu sehen, dass sie nicht alleine war.
Dana stand auf der Brücke und starrte in den Abgrund hinunter. Ihren Fuchs hatte sie an den Zügeln neben sich. Und sie starrte und starrte auf den Fluss, tief unter ihr. „Guten Morgen, Dana!“, rief sie der Frau zu. Doch sie erhielt keine Antwort. Also schritt sie neben die Frau und blickte in den Abgrund. Doch sie konnte beim besten Willen nichts Ungewöhnliches entdecken. „Was ist, Dana? Wieso starrst du in den Abgrund hinunter?“ „Er ist gesprungen, einfach gesprungen…“, flüsterte Dana. „Ich…ich bin in der Steppe gewesen und auf dem Rückweg traf ich Ganon. Er stand genau hier, auf der Brücke… Und bevor ich etwas sagen konnte ist er in den Fluss gesprungen.“ „Dann ist er am Hyrulesee?“, erwiderte Naboru. „Der Fluss mündet doch in den See.“ Dana drehte sich erschüttert zu ihr um. „Ich weiß nicht einmal ob er noch lebt! Er kann doch nicht schwimmen!!! Niemand hier kann das!“ Naboru löste sich vom Abgrund und griff nach den Zügeln des Pferdes. Sie entglitten Danas Finger, die noch immer vom Schock gelähmt war. „Ich leihe mir dein Pferd aus.“, sagte Naboru und stieg schon auf. Das ließ auch Dana erwachen. „Wo willst du hin?“ „Zum See.“, äußerte Naboru, im gespielt ernsten Ton. „Ich fische Ganons Leiche aus dem Wasser.“ Doch Dana fand es alles andere als lustig. „Wie kannst du nur darüber lachen? Wenn er nun tot ist! He, Naboru!“ Naboru war jedoch schon davongeritten.

Es war bereits eine Weile her seit sie das letzte Mal in der Steppe gewesen war und noch länger seit ihrem letzten Besuch am See. Die Zugluft peitschte ihr ins Gesicht. Es war herrlich! Nach der brennenden Sonnenhitze. Der See lag vollkommen ruhig vor ihr. Die Raben, die des Nachts in der Gegend herumflogen und Ausschau nach Beute hielten, schliefen nun in ihren Nestern. Auch die Pumpe des Forschungslaboratoriums des verrückten Alten war zu dieser Tageszeit stillgelegt und saugte kein Wasser ins Becken. Auch der Fischer, der sonst kostengünstigen Angelkurs gab, machte Mittagspause. Naboru stieg vom Fuchs ab und band ihn an das Hinweisschild vor dem Labor fest. Zielgerichtet marschierte sie über die beiden Brücken, die zu der kleinen Insel mitten im See führten. Unter der der Wassertempel der Zoras verborgen lag. Was Ganon anging, so hatte sie sich nicht getäuscht. Er saß tatsächlich vor der Steintafel, auf der das Sonnenaufgangsrätsel eingraviert war. Nackt saß er im Schneidersitz davor. Die Augen geschlossen. Seine Kleider hingen, zum Trocknen, über dem Stein, der einem Grab zum Verwechseln ähnlich sah. Sie wusste selbst nicht, warum sie geahnt hatte, dass er nicht ertrunken war obwohl er nicht schwimmen konnte. Es war einfach ein inneres Gefühl, dass es ihr versichert hatte. Naboru schnaufte abfällig um sich bemerkbar zu machen und nahm ihren weißen Umhang ab. „Mein König, du solltest dich bekleiden, wenn du dich schon an so einem öffentlichen Ort befindest.“ Sie legte ihm den Mantel um die Schultern. Ganon öffnete die Augen und sah in die Ferne, mit glasigem Blick. Naboru seufzte laut und ließ sich neben ihm zu Boden. Sie betrachtete Ganon von der Seite, er rührte sich nicht. Sie spielte mit dem Armreif. Er passte ihr endlich und fiel nicht mehr vom Handgelenk. „Weißt du, es ist nun vier Jahre her, seit du ihn mir geschenkt hast.“, durchbrach sie die Stille. Ganon antwortete nicht, er sah weiter zu den Bergen, die weit draußen gen Himmel ragten. „Ich kann mich noch genau an die Jahre davor erinnern. Wie wir gelacht haben und einen Streich nach dem anderen ausgeheckt. Und an die Strafen, die wir dafür bekamen.“ Sie musste kichern. „Es war die schönste Zeit in meinem Leben.“ Nun hielt sie ihm ihren Arm mit dem Armreif direkt vors Gesicht. „Schau mal, er passt endlich! Er rutscht nicht mehr ab…Weißt du warum ich ihn trage?“ Noch immer antwortete Ganon nicht. „Weil er mich an den Tag erinnert, als dieser Junge gestorben ist.“ Noch kurz hielt sie inne, dann, als sie von Ganon keine Reaktion erhielt, senkte sie den Arm wieder. „Was ist bloß mit dir geschehen, Ganon? Sag mir was passiert ist, als du gesagt hast, dass du eine Stimme hörst. Was hat dich so verändert?“ In diesem Augenblick, Naboru registrierte es nicht einmal so schnell, packte er ihren Arm. „Ich brauche einen Nachkommen!“, sagte er ohne den Blick von den Bergen zu nehmen. Naboru war von dem abrupten Themenwechsel vollkommen verwirrt. „Was?“ „Ich brauche einen Sohn!“, wiederholte er.

Sie griff nach seiner Hand und versuchte seine Finger zu lösen. „Du darfst doch gar keine Kinder zeugen, so schreibt es das Gesetz der alten Zeit vor!“, entgegnete sie und zerrte an seinen Fingern. Nun schließlich löste sich sein Blick von der Ferne und sah sie an, sah ihr direkt in die Augen. „Dann breche ich es!“ In ihr explodierte eine Welle purer Panik, doch sie weigerte sich, sich das einzugestehen. Sie hatte vor Ganon nie Angst gehabt! „Mir doch egal!“, fuhr sie ihn an. „Dann such dir doch Eine mit der du deinen Spaß haben kannst! In Hyrule haben sie bestimmt jede Menge Bordelle! Und so willkommen wie du dort bist!“, ironisierte sie. Naboru zog und zerrte um ihren Arm frei zu bekommen. Doch Ganons Finger gaben einfach nicht nach. „Es geht mir nicht um die Befriedigung meiner Gelüste – ich brauche ein Kind – einen Sohn!“ Mit einer Handbewegung riss er sich den Umhang ab und warf sie rücklings auf den Boden. Jetzt brach die Panik aus Naboru heraus! Sie zerrte, schlug, kratze und trat um sich. Und sie schrie mit zitternder und hysterischer Stimme: „Ganon, hör auf mit dem Mist! Ganon hör auf! HÖR AUF!“ Ganon war über ihr und drückte mit einer Hand ihre beiden Handgelenke über ihrem Kopf zu Boden. „Ich habe mir dich ausgesucht! Du sollst meinen Sohn gebären!“ „Nein, Ganon!“ Ihr schossen die Tränen in die Augen. Sie hatte solche Angst. „Ich habe das erlaubte Alter noch nicht erreicht! Ich bin noch keine Frau! Das darfst du nicht, Ganon!“ Sie weinte und schrie und schrie und weinte. „Hör auf dich zu wehren!“ Er befahl es richtig. Mit gefühlsloser Stimme. Panisch versuchte Naboru ihre Hände zu befreien. Und ihre Beine kämpften mit aller Macht. Doch es half nichts, Ganon war der Stärkere von ihnen. Sie hatte nicht genug Kraft ihm etwas entgegenzusetzen. Schon lange nicht mehr war sie die Stärkere. „Bitte nicht!“, flehte sie. „Tu das nicht, Ganon! Bitte!“ Die Tränen flossen ihr über die geröteten Wangen… Und dann war da wieder die Eingangstür zur Eisdiele. So schnell, dass Lin schwindelte. Ihr war speiübel. „Oh, Gott!“, entfuhr es ihr. Sie legte sich die Hand auf den Mund. Wortlos erhob sich Ganon und begann den Tisch abzuräumen. Dieses Mal war sie nicht von selbst aufgewacht, doch sie wünschte, sie wäre es! Es war so schrecklich. Naboru…das…das hatte Lin doch nicht ahnen können! Sie war so durcheinander. „Naboru…sie tut mir so leid!“, schluchzte Lin. Sie versuchte die Tränen zu unterdrücken, die langsam ihre Augen füllten. Ganon klatschte den feuchten Lappen auf den Tisch. Das Wasser spritze, er hatte ihn nicht ausgedrückt. „Spar dir dein Mitleid. Heb es lieber für dich selbst auf.“, sagte er kalt. „Wie konntest du so etwas nur tun?“, warf Lin ihm vor. „Du…du hast sie doch…“ Ihr blieb das Wort in der Kehle stecken. „Ach ja? Was habe ich?“, lachte Ganon. „Ich glaube du lässt diesem Wort zu viel Bedeutung zukommen. Ich habe getan was ich musste und das reicht als Rechtfertigung. Langsam solltest auch du das akzeptieren, dass das was wir tun für dich nicht verständlich sein kann.“ „Du redest wie eine Maschine!“, sagte Lin fassungslos. Ganon ließ den Lappen fallen und fixierte sie mit amüsierten Augen. „Nein. Ich rede wie eine Marionette!“ Lin erhob sich. „Ich verstehe das alles nicht!“ „Das macht nichts. Es ist ohnehin egal. Aber wir sollten fortfahren!“ Mit diesen Worten nickte Ganon ihr zu. Um sich zu beruhigen, schloss Lin die Augen. Nur kurz. Damit sie tief einatmen konnte. Als sie die Augen wieder öffnete, da wusste sie schon, dass sie im Geistertempel war… Ganon stand da.

An der Wand gelehnt und starrte auf die große Tür, die zum Kreissaal führte. Fünf Monate waren vergangen, seit er… Vor elf Stunden hatten die Wehen eingesetzt und nun stand er gegen die Wand gelehnt und schaute zu wie die Geburtenhelferinnen in den Raum hasteten und wieder herausrannten. Es war kein gewöhnlicher Aufruhr, wie es ihn bei jeder Geburt gab, nein. Dieses Mal schien Sará, die Hebamme, regelrecht in Panik geraten zu sein. Ganon konnte sie bis hier hinaus schreien hören. Wobei ihre Schreie von Zeit zu Zeit von Naborus übertönt wurden. Sie musste Höllenqualen durchstehen. Er konnte sich vorstellen was Naboru in diesen Augenblicken durchstehen musste. Schließlich bekam sie sein Kind. Seinen Sohn. Ein Kind, das so mächtig war, dass es sogar seine Kräfte überstieg. Darum hatten auch die Wehen so früh eingesetzt, schon nach fünf Monaten. Das Kind war durch seine gewaltigen magischen Kräfte extrem schnell herangewachsen. Aber an das Kind dachte er im Moment gar nicht. Seine Gedanken – und Gebete – galten allein Naboru. Sie war stark genug um die Geburt zu überleben, das redete er sich immer wieder ein. Er hatte schon die Richtige gewählt! Sie war schon immer ein starkes und furchtloses Mädchen gewesen – und jetzt war sie eine starke Frau, die überlebte! Es musste einfach so sein! Schon wieder rannte eine hysterische Helferin heran. Sie verbeugte sich flüchtig und stürzte durch die Tür. Langsam aber sicher wurde sogar er nervös. Das Schreien Naborus wurde lauter. Er stieß sich von der Wand ab und fing an den Gang auf und abzulaufen. Er brauchte Bewegung um seine überschüssige Energie, die die Nervosität ihm verlieh, aufzubrauchen. Jetzt war es endlich so weit, das nächste Puzzlestück des Planes wurde soeben geboren. Ein weiteres Stück für die Rache der Shjra. Die Schreie erstarben abrupt. Ganon sah auf, zur Tür. Nichts regte sich. Es war absolut leise geworden. Mit pochendem Herzen schritt er den Gang entlang um sich an seinem alten Platz zu gesellen. Um sich gegen die Wand zu lehnen und abzuwarten. Leise ging die Tür auf. Er hatte nicht lange warten müssen. Sará, die Hebamme, trat heraus. Mit einem Bündel, in weißen Tüchern eingewickelt, das sie fest an ihre Brust gedrückt hielt. Erneut stieß er sich von der Wand ab. „Das war die schlimmste Geburt, die ich je erlebt habe!“, stöhnte sie. „Naboru hatte so hohes Fieber, dass ich dachte sie fängt gleich Feuer! Und sie hat so stark geblutet!“ Auch Sará keuchte vor Erschöpfung. „Ich habe schon fest damit gerechnet, dass sie stirbt! Es war…“ „Das interessiert mich nicht!“, zischte er ihr entgegen. Sará starrte ihn mit Entsetzen an. „Wie kannst du so kalt sein! Du bist doch derjenige, der sie geschwängert hat! Hast du nicht einen Funken Reue in dir?“ „Ist das der Säugling?“, überging Ganon sie und deutete auf das weiße Bündel. Jetzt stiegen selbst Sará die Tränen in die Augen. „Ja…es ist ein Junge, wie du sagtest. Er ist genauso leise zur Welt gekommen wie du, nicht einen Laut hat er von sich gegeben. Allerdings scheint er nicht ganz gesund zu sein, ich weiß nicht…er hat eine Krankheit, die ich nicht kenne. “ Sie sah auf das eingewickelte Bündel herab. „Aber ich begreife einfach nicht, wie ein menschliches Kind so früh auf die Welt kommen kann.“ Ganon verschränkte die Arme vor der Brust. „Gib ihn Naboru und richte ihr aus, dass ich ihn in zwei Jahren abholen komme. Solange soll sie sich um ihn kümmern!“ Er wollte gehen, doch Sará hielt ihn zurück. „Du willst gehen? Du hast deinen Sohn nicht einmal angesehen! Nimm ihn nur dieses eine Mal! Zeig, dass in dir noch Gefühle sind! Bitte!“ Sie hielt ihm das Bündel hin. Doch er sprang zurück und hob die Arme schützend vor das Gesicht. „Nein!“, schrie er. Sará erstarrte mitten in der Bewegung. „Hast du Angst, Ganon? Fürchtest du dich vor deinem eigen Fleisch und Blut?“ „Übergib ihn seiner Mutter!“, keuchte Ganon und wandte sich ab. „Und sag es ihr!“ Ohne einen letzten Blick verließ er den Gang und ließ Sará zurück.


Zwei Jahre später – hielt Ganon sein Versprechen. Zwei Jahre war er weg gewesen um sein Vorhaben genau zu planen. Und sich vorzubereiten. Jetzt war er bereit. Er musste nur noch seine Waffe abholen, seinen Ton, den es zu formen galt. Schon als er ins Tal eintrat wehte ein kalter Wind den Weg entlang. Es war früh am Morgen. Nur wenige Frauen hielten vor der Festung Wache. Er lenkte sein Pferd den Pfad hinauf. Als die Frauen ihn sahen zückten sie als erstes ihre Speere, doch als er abfällig die Nase rümpfte und jeder einzelnen in die Augen blickte, erkannten sie ihn und fielen auf die Knie. „Willkommen zurück, Herr!“, riefen sie im Chor. Eine Frau verschwand sofort in der Festung. Mit einer majestätischen Bewegung glitt er vom Rücken seines Rappen herab und drückte einer Kriegerin die Zügel in die Hand. „Versorge das Pferd!“ Die Frau nickte und erhob sich. Ehe er noch etwas sagen konnte stürzte die Frau wieder heraus – gefolgt von Dana. Sie stürzte auf ihn zu und starrte ihn an. „Bist du das, Ganon?“, fragte sie ungläubig. „Bist du zurückgekehrt?“ „Wo ist Naboru?“, entgegnete er mit kalter Stimme. Sie griff nach seiner Hand, doch er befreite sich mit einem Ruck. „Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn du jetzt zu ihr…“ „Wo ist sie?“, fragte er lauter. Dana fuhr zusammen und wich zurück. „In ihrem Zimmer…“ Ganon setzte sich schon in Bewegung. Er wartete gar nicht auf sie. Auch die Gerudos in der Festung fielen auf die Knie als er ihnen begegnete. Es interessierte ihn nicht. Er kannte den Weg zu ihrem Zimmer auswendig. Und er öffnete die Tür ohne anzuklopfen. Er riss sie regelrecht auf. Die junge Frau, Naboru, sprang erschrocken auf die Beine. Und starrte ihn erschrocken an. Den Kamm fest umklammert. Auch Dana erschien im Türrahmen, doch er stieß sie zurück und knallte die Tür hinter sich zu. Naboru blieb wie angewurzelt stehen, unfähig sich zu rühren. „Ganon…“, entwich es schwach ihren Lippen.
Er ließ seinen Blick im Raum schweifen. Es sah aus wie das einfache Schlafgemach eines Mädchens. Nichts wies darauf hin, dass auch ein kleiner Junge hier wohnte. Nur das weiße Tuch, sorgfältig auf das Bett gelegt, verriet es. Er musste darüber grinsen. Langsam, die Solen seiner Stiefel klapperten auf dem Stein, schritt er auf sie zu. Naboru stand noch immer da und starrte ihn an. Sie war schön geworden. Eine richtige Frau. Der Körper wohlgeformt und dennoch schlank. Die Augen von den Schmerzen vor zwei Jahren tiefgründig und ernst. Die feuerroten Haare fielen geschmeidig um ihre Schultern. Sie war anziehender als jemals zuvor. Aber ebenso hatte sie Angst vor ihm. Er konnte es regelrecht riechen. Ganon nahm ihr den Kamm aus der Hand und drückte sie wieder auf den Hocker zurück, auf dem sie noch vor kurzem gesessen hatte. Sie fuhr zusammen als er die Hand hob, doch er ließ nur den Kamm durch ihre Haare gleiten. Er kämmte ihr das Haar. Naboru spielte nervös mit dem Armreif an ihrem Handgelenk. Die Rubine funkelten. „Du trägst ihn also noch.“, sagte Ganon. „Auch nach der ganzen Zeit.“ Sie antwortete nicht also fuhr er fort: „Du bist wunderschön geworden. Ich hatte ganz vergessen wie begehrlich du bist.“ „Spar dir deine Schmeicheleien!“, sagte sie ernst. „Was willst du?“ Ganon lachte. „Nun, ich hätte es vorgezogen wir näherten uns diesem Thema etwas langsamer, aber wenn du keine Geduld mehr hast – ich bin hier um mir meinen Sohn zu nehmen!“ Naboru schwieg, ihre Hände ruhten auf ihren Oberschenkeln. Sie sah nicht auf. „Wo ist er?“, drängte Ganon. „Ich habe ihn nirgendwo in der Festung ausmachen können! Ist er im Geistertempel?“ „…nein…“, antwortete sie langsam.

„Wo ist er dann? Antworte!“, fuhr Ganon ungeduldig fort. Lange schwieg Naboru. Die Stille lag auf ihnen wie ein schwerer Schleier. Er konnte die Unruhe in Naboru fühlen und wurde misstrauisch. Etwas stimmte nicht. Dann sagte sie die Wahrheit. „Er ist nicht mehr im Gerudotal – nicht einmal in Hyrule! Ich habe ihn weggegeben, als er nicht mehr gestillt werden musste!“ Ganon stoppte mitten in der Bewegung. „Ich tat es um ihn vor dir zu beschützen!“, sprach sie weiter. „Ich wollte nicht, dass er dir in die Hände fällt. Mein Sohn soll nicht so werden wie du!“ Für einen kurzen Moment schien die Zeit stillzustehen. Als hätte unsichtbares Eis das Gerudotal eingefroren. Plötzlich knallte Ganon den Kamm auf die Kommode. Der Kamm war zerbrochen. Er packte sie an den Haaren und sie schrie in Panik auf. Er legte seine Hand auf ihren Mund und kam ihrem Gesicht ganz nahe. Seine Lippen flüsterten: „Hab keine Angst vor mir, ich tu dir nicht weh…“ Seine Hand fuhr sachte durch ihre Haarsträhnen. Sie zitterte am ganzen Körper vor Furcht. Er lachte ihr leise ins Ohr und küsste sie auf die Wange. „Aber das war sehr dumm von dir! Du kannst vor mir nichts verbergen was mir von Anfang an gehört. Ich finde ihn und dann werde ich die Leute, denen du meinen Sohn anvertraut hast, für deine Torheit bestrafen!“ Er zog seine Hände zurück und lachte weiter. Naboru war ganz bleich geworden. Sie griff nach seiner Hand. „Nein, Ganon!“ Er legte seine Hand auf ihre Wange. Sie hatte noch immer Angst. „Du warst schon immer ein gutgläubiges und einfältiges Mädchen, Naboru. Es wird zeit, dass auch du dies erkennst!“ Er verließ das Zimmer und spürte ihren Blick in seinem Rücken.


Die Tür wurde aufgerissen. Die Tür zu seinem und Dans Schlafzimmer. „Aufwachen! Ich habe Neuigkeiten!“, rief eine Stimme. Es war Herr Liebgraf. Dan stöhnte vor Gram darüber, dass er beim Schlafen gestört worden war. Doch Benny sprang auf und war hellwach. Sofort war er bei der Sache. „Was ist? Was für Neuigkeiten?“ „Gleich, versammelt euch erst im Wohnzimmer!“ Damit verließ der Mann das Zimmer um auch den Mädchen unsanft auf die Beine zu helfen. Benny zog Dan die Decke weg und befahl ihm regelrecht endlich aufzustehen. Danach schickte er sich sofort an und wusch sein Gesicht mit eiskaltem Wasser. Er war der Erste, der auf dem Sofa saß. Herr Liebgraf stand neben dem Fernseher, während er auf alle wartete, spielte er mit der Fernbedienung in der Hand. Vivi war fast so schnell auf der Couch erschienen wie Benny. Alexa brauchte, doch sobald sie kam stürzte sie gleich auf Benny, fragte ihn wie er geschlafen hatte und hackte sich gleich bei ihm ein. Natürlich gefiel Vivi das nicht, sie saß auf der anderen Seite und schoss ihre Todesblicke auf Alexa nieder. Benny fühlte sich wie ein Tau, dessen Enden von zwei Stieren auseinander gezogen wurden. Dan war der Letzte. Dan kam ohnehin immer nur schwer aus den Federn. Als nun alle auf der Couch saßen und ihm ihre ganze Aufmerksamkeit schenkten, begann Herr Liebgraf zu sprechen. „Erst einmal, guten Morgen! Ich hoffe ihr habt alle gut geschlafen…“ „Herr Liebgraf – die Neuigkeiten!“, erinnerte Benny. Eigentlich hatte Herr Liebgraf ihm schon angeboten ihn persönlich anzureden, doch Benny konnte sich einfach nicht dazu aufraffen. Er zierte sich zu sehr davor. „Jaja, in Ordnung. Also, ich habe einige meiner Bekannten aus aller Welt angerufen. Nun, ich habe eine sehr interessante Information herausgefiltert! Wenn ihr euch bitte die Tafel anseht.“ Tatsächlich, auf der anderen Seite des Fernsehers stand eine kleine Klapptafel. Es war eine Weltkarte daran befestigt. Doch keiner der Jugendlichen hatte der Karte viel Bedeutung zugeschrieben. Denn sie war unübersichtlich – und wie! Nordamerika, Europa und weite Teile Asiens waren geradezu mit roten Stecknadeln zugepflastert. Und auch die restlichen Kontinente schmückten sich mit roten Nadelköpfen. „Und?“, fragte Vivi verständnislos. Herr Liebgraf kratzte sich am Kinn. Er schien angestrengt zu überlegen in welche Worte er seine Neuigkeiten packen sollte. „Ich habe mich umgehört, wo überall diese Türme stehen. Danach habe ich viele unterschiedliche Städte – sie stehen nur in Städten – an allen möglichen Orten verglichen. Ich habe mich gefragt was diese Städte wohl gemeinsam haben, dass ausgerechnet sie ausgesucht worden sind – und nun ratet mal. Alle diese Städte haben mehr als zweihunderttausend Einwohner und sind auf einem industriell hohen Standard. Sie bieten also genug Strom um ordentlich viel Magie herzustellen.“ Den Jugendlichen klappte das Kinn herunter. „Was?“, stieß Vivi hervor. „Das…ist unglaublich!“, entfuhr es Alexa. „Das ist – verdammt noch mal!“, fluchte Benny. „Das sind ziemlich viele.“, untertrieb Dan. „Das ist es ja gerade! Wie sollen wir jetzt den Hauptturm finden?“, fuhr Benny fort. „Wir können doch nicht jeden Turm einzeln abklappern!“ „Oh“, meldete sich Herr Liebgraf zu Wort. „Ich weiß schon genau bei welchem wir anfangen!“ Kaum dass er den Satz beendet hatte, schaltete Herr Liebgraf den Fernseher ein. Die Nachrichten liefen. Liveübertragung. „…von New York übrig geblieben ist.“, sagte der Nachrichtensprecher und deutete nach draußen. Er saß in einem Helikopter, umklammerte krampfhaft sein Mikrophon und versuchte über den Lärm der rotierenden Blätter zu schreien. Die Kamera schwankte und das Blickfeld umfasste nur noch das, was sich unten, am Boden, befand. Nein, was sich nicht befand! Denn außer dem Turm selbst stand dort nichts mehr. Absolut nichts mehr. Nur noch Asche und tote Erde. Man konnten die ausgetrockneten Krusten der Erde sehen. Und die Asche, die der Wind aufbrauste. Es war unfassbar. Wie in einem Film.

„Noch umfliegt die amerikanische Armee mit ihrer Lufteinheit die Millionenstadt. Sie suchen mit Wärmebildkameras nach Überlebenden. Doch es ist anzunehmen, dass kein Bewohner mehr am Leben ist. Es ist als hätte ein schwarzes Loch die Stadt einfach verschluckt…Ich gebe zurück ans Studio.“ Das Bild verschwand, die Nachrichtensprecherin ordnete ihre Blätter. Sie brauchte einen Moment um sich zu sammeln. „Ein Kollege ist vor Ort, in Philadelphia.“ Dann wurde das Bild aus dem Studio kleiner und ein Anderes schob sich auf den Bildschirm. Der neue Reporter seufzte kurz und kaum merklich. „Hier ist zurzeit die Fußeinheit postiert um in Kürze nach Hinweisen zu suchen, die aufklären können, was gestern Mittag um 13 Uhr geschehen ist. Bis jetzt gibt es nichts was Aufschluss über dieses…Drama geben könnte. Es ist wie ein grausames Wunder.“ Ein Offizier wurde von dem Reporter interviewt, doch das war reines Reden um einen heißen Brei, dessen Koch noch – und für immer – anonym bleiben sollte. Ein Dolmetscher übersetzte was der Reporter fragte und der Offizier antwortete. Auch Zivilisten kamen zu Wort. Eine Frau weinte in die Kamera und keuchte, dass sie doch ihren Verlobten besuchen wollte um über die geplante Hochzeit zu sprechen. Der Verlobte wollte doch in ein paar Tagen nach Philadelphia ziehen, in die neue gemeinsame Wohnung. Eine Greisin sagte, dass sie ihre Tochter besuchen wollte um ihr mit den Kindern zu helfen. Ein Mann, Dockarbeiter, war erst kürzlich versetzt worden und wollte bald nach Hause zu seiner Familie fahren. Während sie zuhörten, konnten sie nur verwirrt den Kopf schütteln. Irgendwie war das alles abstrakt, wie ein schlechter Film. „Habt ihr die Bilder von New York gesehen?“, fragte Vivi, mehr verblüfft als entsetzt, weil sie noch nicht im Stande war, zu verstehen was das bedeutete. „Was…was ist da passiert?“ „Als ob es die Stadt nie gegeben hätte!“, schnaufte Dan. „Das ist ja merkwürdig.“ „Nicht nur die Stadt!“, verbesserte Alexa. „Als ob es dort niemals etwas anderes gegeben hätte als diesen beschissenen Turm!“ „Alexandra!“, tadelte Herr Liebgraf. „Keine Kraftausdrücke!“ Alexa gab sich selbst einen Klaps auf den Mund. „Oh, entschuldige Papa.“ „Beschissen ist noch ein Kompliment!“, fügte Vivi hinzu. „Mir fallen da tausend schlimmere Ausdrücke für den Mistkerl und seine Türme ein!“ Die Anwesenden mussten lachen. Gemeinsam stimmten sie in eine Lachsalve ein. Es tat gut. Nur Benny nicht. Wie gebannt starrte er auf die Bilder der verschwundenen Stadt, die sich im Fernsehen wiederholten. Denn er wusste, als einziger, was sich in diesen wenigen Minuten (von dieser Zeit war er ebenso überzeugt) zugetragen haben musste. Vor seinem inneren Auge sah er wie der Himmel sich verdunkelte und Blitze hinabschossen. Keine naturbedingten Blitze, nein, diese Lichterscheinungen waren aus vollkommener Magie und bündelten sich in Kims Hand. Nein, nicht in Kims Hand, sondern in Ganons. Benny war in Hyrule und sah die dunkelviolette Kugel – und spürte sie. Spürte wie vernichtend sie war… Doch eine ganze Stadt damit zu vernichten? Die Lebewesen einer der größten Städte des einundzwanzigsten Jahrhunderts? Das war mehr Macht als Benny jemals gesehen hatte. Kim war mächtig. Mächtiger als alle hätten ahnen können. Und er war böse. „Unfassbar…“, sagte die Nachrichtensprecherin kopfschüttelnd und ließ ihren Kommentar nachklingen. Das riss Benny aus seinen Gedanken und klebte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Fernseher. Ein Bild von ihm, von seinem kleinen Ich, erschien im Hintergrund. Auch die anderen verstummten, sie hatten den bevorstehenden Themenwechsel mitbekommen. Die Nachrichtensprecherin atmete tief durch. „Drei Tage ist es nun her, seit der kleine Benjamin Thelen aus dem örtlichen Krankenhaus verschwunden ist. Noch immer fehlt von ihm jede Spur. Die Polizei hat den Suchradius zwar vergrößert, doch ob der Junge dadurch gefunden wird, muss sich erst zeigen. Auch von seiner großen Schwester Lin fehlt jede Spur. Ein Reporter berichtet.“ Die Nachrichtensprecherin verschwand und auf dem Bildschirm erschien ein Foto. Ein Bild, das seine ganze Familie vor ihrem Haus zeigte. Benny erinnerte sich, Großvater hatte es geschossen. Großvater… Eine leicht traurige Melodie erklang im Hintergrund. „Es ist alles friedlich in dem kleinen Vorort. Nichts verrät die schlimmen Geschehnisse, die sich hier abgespielt haben müssen.“, sagte eine körperlose Stimme im verschwörerischem Ton. Die Kamera schwenkte eine Straße entlang. Dann erkannte Benny sein Haus. An der Hauswand lehnten Blumensträuße und sogar ein Teddy. Mitten umrandet von den bunten Blumen waren zwei Fotos. Fotos, die jeweils ihn und Lin zeigten. Darunter ein gemaltes Bild mit blauen Buchstaben. Wo seid ihr??? „Noch immer sind die beiden Geschwister Thelen wie vom Erdboden verschluckt. Das tragische Schicksal einer Familie…“ Benny hörte sein Herz in den Ohren rauschen. Und in seinem Brustkorb spürte er es schlagen. Er war plötzlich so aufgewühlt. Es machte ihm einfach zu schaffen. Seine Familie war so schrecklich zerrüttelt! Sein Großvater war tot. Seine Schwester war sonst wo und er wusste noch nicht einmal warum. Seine Eltern waren völlig fertig vor lauter Sorge. Und er selbst war nicht mehr er selbst. Er konnte ihnen noch nicht einmal sagen, dass es wenigstens ihm den Umständen entsprechend gut ging. „Benny? Geht es dir gut?“, fragte Alexa besorgt. Benny schreckte auf. Tränen liefen ihm ungeniert über die Wangen, er hatte es gar nicht gemerkt. Peinlich berührt wischte er sie hastig weg und bemühte sich um eine ruhige Stimme. „Ja, klar! Also? Was machen wir jetzt? Wie kommen wir nach New York? Soweit ich weiß liegt das doch in Amerika.“ „Darum habe ich mich schon gekümmert.“, entgegnete Herr Liebgraf. „Unsere Maschine fliegt in zwei Stunden…“ Seine Stimme verlor sich. Dann herrschte peinliche Stille. Und Benny wusste, dass er und seine Weinerei die Ursache dafür waren. Er wollte etwas sagen um von sich abzulenken, doch ihm wollte nichts einfallen. Er hatte nur seine Familie im Kopf. Unerwartet stand Dan auf. Nun ruhten alle Augen auf ihm. Sie beobachteten alle gespannt was er wohl nun tun würde. Tatsächlich nahm er das Telefon um es Benny zu reichen. Der ergriff es nicht sofort. Vorher starrte er erst das schwarze Plastikteil an, danach blickte er Dan verständnislos in die Augen. Was sollte er damit? „Ruf deine Eltern an.“, forderte Dan ihn auf. Mit sanfter und aufmunternder Stimme. „Was?“, fragte Benny, noch immer verständnislos. „Ja genau!“, stimmte auch Herr Liebgraf zu. „Du solltest sie anrufen.“ Benny verschränkte empört die Arme vor der Brust. „Wie? Das kann ich doch nicht! Wie auch? Sie glauben mir doch sowieso nicht, dass ich ihr Sohn bin! Nicht mal, wenn ich vor ihnen stehen würde!“ „Sag ihnen doch nicht, dass du ihr Sohn bist!“ Dieser Einwand kam von Vivi. Alle Anwesenden waren darüber so erstaunt, dass erst einmal niemand im Stande war etwas zu erwidern. Aber nachdem die Worte auf sie eingewirkt hatten fanden alle den Rat genial. Bis auf Benny. „Was soll ich machen?“, fragte Benny nach, als traute er seinen Ohren nicht. „Ja doch! Mach das!“, stimmte Alexa zu. „Sag ihnen einfach, dass es dir – ich meine Benny, ihrem Sohn – gut geht und dann leg einfach auf! So einfach ist das!“ „Deine Eltern glauben das ganz sicher. Sie werden sich an jeden Strohhalm klammern, der ihnen gereicht wird. Und du wirst dich besser fühlen.“, erklärte Herr Liebgraf. Benny sah noch einmal in die Runde, beobachtete die Gesichter, die ihm zunickten. Ehe er das Telefon ergriff. Aber ebenso ehe er die Nummer eintippte, starrte er auf die Tasten. Er musterte die Tasten in der Reihenfolge, in der er sie wählen musste um zu Hause anzurufen. Bei seinen Eltern. Mit einem schweren Seufzer wählte er die Tasten – nur um gleich darauf wieder aufzulegen. Er atmete hektisch. Und sah auf. Wie ein dummes kleines Kind lachte er. „Entschuldigung…“ Dann saugte er so viel Luft in die Lungen, dass man denken musste, er wolle die Luft anhalten. Und tippte erneut. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bevor er das erste Läuten hörte. Brrrrhhh…Brrrrrhhhh…Brrrrrhhhhh…Brrrrrrrhhhhhh… Zwanzig mal ließ er es klingeln (sie hatten keinen Anrufbeantworter) und mit jedem Male wunderte er sich mehr und mehr. Es ging keiner ans Telefon? Was war zu Hause los?

Verwundert aber auch, wofür er sich schämte, erleichtert, legte er auf und ließ das Telefon sinken. Als er dies tat veränderte sich auch der aufgeregte Gesichtsausdruck der anderen. Sie verwischten als hätte man ihnen Toxin ins Antlitz geschüttet. „Was ist los?“, fragte Vivi. „Es ist niemand zu Hause.“, antwortete Benny entgeistert. „Niemand?“, wiederholte Herr Liebgraf ebenso überrascht. „Das ist ja seltsam. Eigentlich sollte in solchen Fällen doch immer jemand zu Hause sein.“ „Vielleicht sind sie gerade bei der Polizei.“, schlug Alexa vor. „Ruf sie übers Handy an!“, setzte Dan nach. „Ihr habt doch eins, oder?“ Benny seufzte die eingesogene Luft wieder aus. „Mein Papa hat eins…“ „Na?“, forderte Herr Liebgraf ihn auf. Erneut stierte Benny eisern auf die Tasten, die es zu drücken galt. Erneut schlug sein Herz wie wild. Eigentlich war er erleichtert gewesen, dass er sich nicht hatte stellen müssen. Denn sein Aufbruch für seine Schwester war gleichzeitig eine Flucht vor seinen Eltern gewesen. Auch wenn er sich dies nicht eingestehen wollte. Wieder legte sich Benny den Hörer ans Ohr. Brrrrhhhh…Brrrrrrrrrrhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh Zwei mal läutete es – Dann gab es ein Klicken. „Ja?“ Bennys Herz gab ein starkes Pochen von sich, dann setzte es aus. „Ja?“, wiederholte die Stimme seines Vaters. „Wer ist da?“ Er öffnete den Mund, doch es kam kein Wort heraus, nicht einmal ein Laut. „Hallo? Wer ist da? Hallo!“ Jäh legte ihm Vivi die Hand auf die Schulter. Benny erschrak, doch das holte ihn in die Realität zurück. „Pa…äh…“, er räusperte sich. „He…Herr Thelen?“, fragte er dümmlich nach. Kurz schwieg die Stimme am anderen Ende. „Wer spricht da?“ „Ähm…das ist nicht wichtig. Herr Thelen, ich…“ Benny holte tief Luft. „Ich wollte dir sagen, dass…dass…“ „Was? Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“ Nie hätte Benny gedacht, dass es ihm einmal so schwer fallen würde mit seinem Vater zu kommunizieren. Es war wie eine einzig sich quälend in die Länge ziehende Tortur. „Ich wollte dir sagen, dass es Benny gut geht. Ich meine, euer Sohn…ihm geht es gut.“ „Wie? Was…? Was wollen Sie? Benny? Haben Sie ihn? Was ist mit meiner Tochter? Haben Sie meine Kinder? Wo sind sie?“, überschüttete sein Vater ihn mit Fragen. Fragen, die ihn überforderten. Benny wollte auflegen, doch seine Hand war wie aus Stein. „Was ist mit meiner Tochter? Was ist mit meinem Sohn? Wo sind sie? Bitte, sagen Sie doch was!“, sprach die Stimme seines Vaters, die nun zu zittern begann. „Ich…“ Benny wusste nicht was er sagen sollte. „Ich…ich kann es dir nicht sagen. Aber ich weiß, dass es ihnen gut geht. Mach dir keine Sorgen…“ „Wie…? Wer spricht da?“ Ein Druck baute sich hinter seinen Augen auf. Ein Druck, den er eisern versuchte zu unterdrücken. „Wie geht es Ma…ich meine…wie geht es Frau Thelen? Geht es ihr gut?“ Die Stimme am anderen Ende verstummte gänzlich. Nur um mit einem Ton wieder mit dem Sprechen zu beginnen, den Benny noch nie bei seinem Vater vernommen hatte. „Was treiben Sie da für ein krankes Spiel mit meiner Familie?“, zischte und winselte sein Vater zugleich. „Was wollen Sie denn von mir? Geld? Nennen Sie mir den Betrag! Ich mache alles! Aber lassen Sie endlich meine Kinder frei! Bitte! Es sind doch nur Kinder! Es sind…“ Benny riss sich den Hörer vom Ohr und legte auf. Er konnte nicht mehr.

„Die Satelliten sind nun bereit, ihre Position in der Umlaufbahn einzunehmen.“ Dieses Gespräch wurde ihm allmählich zu wider. Doch er musste es führen. „Also ist der kaputte Satellit wieder vollständig repariert?“, schlussfolgerte Kim und stützte den Kopf auf die Faust um besonders gelangweilt auszusehen. Einen Moment war der Führer der Elektrizitätsfirma irritiert, schließlich hatte er seine Abneigung, die Kim ihm schenkte, durch seine Feigheit selbst verschuldet. Obwohl Kim sich sicher war, dass er auch ohne diesen Zwischenfall diesen fetten und glatzköpfigen Mann nicht hätte leiden können. Ja, wäre da nicht seine Aufgabe, die es zu erfüllen gab, hätte Kim gar nichts, was diesen Mann mit ihm verband. Noch nicht einmal das gleiche Blut, das durch ihre Adern floss. Doch der Mann fing sich recht schnell wieder. Kurz, mit einem Blinzeln, nahm er den Blick von Kim und musterte Raik. Raik stand neben dem großen Sesselstuhl auf dem Kim saß. Mit eiserner Mine und abfälligem Blick blinzelte Raik zurück. Aber weil er von Raik genau dieselbe Antipathie empfing wie von seinem Herrn selbst fuhr sich der Chef nervös über seine Glatze, die ölig schimmerte. „Äh, ja. So ist es. Sie sind startklar. Wir warten nur auf Euren Befehl die Satelliten starten zu la…“ „Schickt sie ab.“, unterbrach Kim schlicht. „Ähm wie?“, stieß der Mann verwundert hervor. „Ich will endlich beginnen.“, bekräftigte Kim seinen Befehl. „Jetzt sofort?“, fragte der Mann ungläubig. „Sollte sich der Herr falsch ausgedrückt haben, dass du auch noch dumm nachfragen musst?“, zischte nun auch Raik ihm entgegen. Der Mann fuhr erstaunt zusammen. „Uns bleibt noch genau eine halbe Mondrunde!“, fuhr Kim dazwischen. „Noch mehr vergeudete Zeit kann ich mir nicht leisten, also sieh zu, dass du die nötigen Vorkehrungen triffst!“ Der Chef der Firma schluckte seine Gram hinunter, mit äußerster Willensstärke, dass sah man. Schließlich musste Kim für ihn nach nichts mehr als einem unverschämten Jugendlichen aussehen. Nur sein Blut zwang ihn sich ihm zu unterwerfen. Und das musste eine große Schmach für jemanden sein, der reich, mächtig und angesehen war. „Wie Ihr befiehlt…Herr.“, presste der Mann zwischen den Zähnen hervor. „Ich stehe Euch zu…“ Kim gab einen genervten Wink. Sofort schritt Raik ans Pult und löste die Verbindung ebenso sofort auf. Noch ehe der Chef der Elektrizitätsfirma seinen Satz beendet hatte. Dieses Gespräch fand natürlich in reinem und perfekt fehlerfrei gesprochenem English statt ;) Kim massierte sich die Schläfen und lauschte dem Tippen Raiks, dessen geübte Finger auf den Tasten herumschwirrten. Er war müde, Kim. Die Kugel aus reiner Magie, sie überhaupt erst anzusammeln war schon erschöpfend gewesen, doch auch noch eine ganze Stadt dem Erdboden gleich zu machen. Kim war vollkommen ausgelaugt. Er öffnete die Augen wieder und sah Raik zu. Eine ganze Weile. Wirre Gedanken durchtränkten seinen Kopf. Bilder von dunkelviolettem Licht, Blitzen, von blauen Augen und von einer ungeheuren Scham und Enttäuschung, die er sich selbst entgegenbrachte. Ein toller Bösewicht war er. Schon nur das Wort zu denken erschien ihm aufs gröbste lächerlich. Raik tippte noch immer auf der Tastatur herum und verfolgte das Ergebnis aufmerksam auf dem Bildschirm, als Kim seine störenden Gedanken bereits erfolgreich verdrängt hatte. Raik sah ziemlich jung aus, war es aber gar nicht, wie Kim feststellen musste. Raik sah nur so aus. Auf den ersten Blick vermutete man in den mittleren Zwanzigern, dabei hatte Raik bereits das dreißigste Lebensjahr überschritten. Er hielt sich gut, dass musste man ihm lassen. Der Mann war muskulös gebaut und vom kalten Klima, aus dem er stammte, glänzte seine Haut. Die Haare waren von hellem Braun und nur wer genauer hinsah, erkannte die rötlichen Haarstränen, die dazwischen hervorschimmerten. Doch die Art erst, mit der er auf seine Umwelt reagierte, beeindruckte Kim am meisten. Raik schien in jeder Sekunde seines Lebens genau zu wissen was er tat und gab sich nicht der geringsten Sinnlosigkeit hin, die doch so verführerisch lockte. „Raik.“, sagte Kim und richtete sich im Sessel auf. Verwundert wandte sich der Mann zu ihm um. „Als wir beschossen wurden, da wäre die Frau vor Angst fast gestorben, aber du hast nicht einmal mit der Wimper gezuckt.“ „Das ist richtig, mein Herr.“, bestätigte Raik. Kim musterte ihn durchdringend ehe er fortfuhr und die Frage stellte, die ihm schon in dem Augenblick auf der Zunge lag, da die Geschosse die Luft zerschnitten. „Warum vertraust du mir so bedingungslos?“ Raik schien über diese Frage verwundert, denn er zog eine Augenbraue nach oben. „Was ist das für eine Frage, Herr? Warum sollte ich nicht?“ „Du hättest Angst haben müssen, doch die hattest du nicht. Warum?“ „An Eurer Seite hätte ich keinen Grund dazu. Ihr seid mächtiger als solch armselige verwirrte Menschen. Ich habe keinen Zweifel daran.“ Kim lehnte sich nun doch zurück und nuschelte leise, nur für sich. „Du scheinst mehr von mir überzeugt als ich selbst.“ „Was? Sprecht Ihr mit mir, Herr?“, fragte Raik nach, weil er ihn nicht verstanden hatte. „Nichts.“, winkte Kim müde ab. Raik stattdessen lächelte ihm wissend zu. „Ihr solltet Euch mit Eurer Unsicherheit nicht länger herumquälen. Sie vergeht mit der Zeit.“ Unsicherheit? Kim sprang so schnell aus seinem trägen Zustand, dass sein Herz einen kleinen Ausflug in die Kehle gemacht haben musste. „Was meinst du damit?“, fragte er, laut und knurrend hatte er gewollt, aber es klang eher nach einem kranken Vogel. Raik setzte eine Mine auf, die einem Ich-habe-dich-längst-durchschaut förmlich ins Gesicht schrie. „Herr, die Art wie Ihr sprecht, wie Ihr Euch bewegt, ja schon die Art dazusitzen verrät Euch. Ihr schauspielert gut, aber einen Menschenkenner täuscht Ihr nicht so leicht.“ Maulaufreißer, dachte Kim sofort. „Dir macht es nichts aus zu töten, nicht wahr?“ Zum ersten Mal wandte Raik sich ab und sprach zu ihm ohne ihn dabei anzusehen. „Ich war Auftragsmörder. Ich tötete für die russische Regierung.“ Äh, gegen Russland habe ich auch nichts ^^ Erneut lehnte Kim den Kopf auf den Arm. „Warum?“ „Weil ich es für die beste Ausbildung hielt. Ich wusste, dass Ihr kommt, jeder von uns wusste es. Und ich wollte Euch so effektiv wie möglich dienen können.“ „Ich verstehe.“, entgegnete Kim. Nicht weil er wirklich von Raiks Engagement für ihn beeindruckt war, sondern weil er gedachte dem Gespräch ein Ende zu setzen. Mit einem Satz erhob er sich. Erstaunt blickte Raik ihm nach als er sich der Tür zuwandte. „Wo wollt Ihr hin?“ Kim machte schon anstallten die Tür hinter sich zu schließen als er sich kurz wieder umdrehte. „Meine Frau besuchen.“, erwiderte er in einer übertriebenen Heiterkeit und einem unverschämten Grinsen. Dann ließ er mit einem Handzeichen die Tür zufallen ohne sie überhaupt zu berühren. Mit einem letzten Blick fixierte der Mann die Tür hinter der Kim verschwunden war. Dann wandte er sich wieder dem Computer zu, er war im Umgang damit sehr vertraut. Doch er war nicht mehr mit Ernst bei der Sache, ein Lächeln blieb. „Wie ein Kind.“, murmelte Raik.

Währenddessen tauchte Lins rot angelaufenes Gesicht oberhalb des Wassers wieder auf. Sie hatte die Luft so lange wie möglich angehalten und jetzt hechelte sie danach. Gerne hätte sie gewusst wie lange sie durchgehalten hatte. Ihr Rekord lag kurz vor einer Minute. Eine hohe Schaumkrone floss allmählich an ihren Haarstränen hinunter. Sie hatte so viel Badezusatz ins Wasser geschüttet, dass sie nun eher im Schaum als im eigentlichen Wasser ertrinken könnte. Im Badezimmer war es düster, angenehm düster und wunderbar warm. Die Lichtsäulen warfen milchige Schatten in den Raum, die um sie herum tanzten. Leise summte Lin vor sich hin. Sie sang das alte Wiegenlied. Zeldas Wiegenlied. Hach, ja. Sie war so entspannt wie seit Tagen nicht mehr. Schwer seufzte sie und blickte auf eine Säule. Beobachtete die bläuliche Flüssigkeit. In ihrem Zimmer, zu Hause, stand eine kleine Lavalampe auf dem Nachttisch. Oft, wenn sie sich zu Bett gelegt hatte, schaltete sie sie an und beobachtete das langsam wirbelnde Wachs. Das war ihre Variante vom Schäfchenzählen. Diese Säule hatte denselben Effekt. Zum Einschlafen… Langsam öffnete sich die Tür, ein Spalt schwachen Lichts vom Fenster im Hauptzimmer drang in die stickige Düsternis. Davon schreckte Lin so sehr auf, dass sie mit dem Kopf wieder ins Wasser rutschte. Als sie wieder auftauchte schaute sie sich panisch um. Es war Erika. „Erika!“, keuchte sie. „Wie kannst du mich nur so erschrecken?“ Eigentlich war das ja lächerlich, schließlich hatte Erika sich alle Mühe gegeben langsam und leise zu sein. „Entschuldige.“, sagte sie. „Lin, der Herr ist da.“ „Kim?“, fragte Lin erstaunt und starrte zu dem winzigen Lichtspalt. Erika war sichtlich überrascht. „Äh…ich denke schon…wenn du ihn so nennst.“ Die Frau wollte ihr helfen sich fertig zu machen, doch Lin wehrte ab. „Erika, ich bitte dich, geh und lass mich mit ihm alleine.“ Erst zögerte Erika, doch dann nickte sie und entfernte sich wortlos. Als die Frau in den Hauptraum kam und Kim erklärte um was Lin sie gebeten hatte, öffnete sie kommentarlos die Tür und schloss sie hinter sich wieder. Damit besaß sie eine seltene ihr verliehene Macht. Nur drei Leute waren befugt, und damit in der Lage, die Siegel dieses Tores zu öffnen. Sie, da sie die Zofe der Herrin war, natürlich Kim und Raik, der zum Stellvertreter Kims ernannt worden war. Ansonsten hatten Unbefugte noch nicht einmal das Recht diese Räumlichkeiten ohne Begleitung einer Befugperson zu betreten. Und Lin hatte überhaupt nicht die Erlaubnis das Zimmer zu verlassen, unter keinen Umständen. Auf der Bettkante sitzend, blickte Kim der Frau nach und als sie verschwunden war sah er sich im Raum um. Er kam sich vor wie im Wartezimmer einer Arztpraxis, die sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, für ihre wartenden Patienten Zeitschriften zurechtzulegen. Aber das Wartezimmer hatte er ziemlich gut einrichten lassen. Das dachte Kim belustigt. Bevor er aufschreckte. Nicht weil Lin im Raum erschienen war. Sondern weil sie nackt war! Und das Gesicht so zornig, dass man meinen könnte sie wolle ihn gleich mit Haut und Haaren fressen. Sobald sie sah, dass sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit hatte, schritt sie mit stampfendem Gang auf ihn zu. Wobei Kim sichtlich bemüht war sich nur auf ihr Gesicht zu konzentrieren. Als sie sich vor ihm aufgebaut hatte, züngelte sie ihn gleich an. „Schau mich genau an! Und sag mir was jetzt anders an mir ist!“ Er starrte ihr noch immer fest ins Gesicht. „Na los!“, forderte sie wütend. „Sag was!“ Nicht einmal wandte er den Blick von ihren Augen. „Ich schwöre, ich habe dich nicht angesehen. Nicht einmal berührt. Ich habe nur getan was ich musste!“, antwortete er ihr. Lin war über die Antwort erstaunt. Doch sie zeigte es herzlich wenig. „Und das soll ich glauben?“ Sie packte ihn an den Schultern und drückte ihn mit ihrem Gewicht nach hinten, auf das Bett. Ihre Haare waren noch nass. Tropfen perlten an ihren Spitzen herab und ihm ins Gesicht. „Dein Name“, fuhr sie fort. „sollte nicht neugeborenes Kätzchen lauten sondern lügendes Schwein! Du dreckiger…“ „Ich bin dir verfallen, Lin!“, unterbrach er ihren Wutausbruch. Das verwirrte sie. „Was?“ „Ich wünschte es wäre nicht so, dann wäre alles einfach. Aber es ist so.“, sprach er. „Alle um mich herum warnen mich vor meiner Dummheit. Aber ich kann nicht anders, du bist mir eben so wichtig wie meine Aufgabe.“ Lins Augen füllten sich mit Tränen. „Warum nur so wenig, Kim? Warum bin ich dir nicht wichtiger?“ Kim schüttelte lächelnd den Kopf. „Mein Handeln bedeutet mir nichts. Ich muss es eben tun, aber nicht weil ich es will. Doch du bedeutest mir was. Mehr als alles andere!“ Lin seufzte und ließ von ihm ab. Stattdessen plumpste sie neben ihm aufs Bett und raffte die Decke zusammen um sich zu bedecken. Kim drehte sich auf die Seite um sie anzusehen. „Hasst du mich jetzt so sehr?“ „Nein.“, sagte Lin. „Ich habe es versucht, aber es geht nicht!“ Er ergriff ihre Hand, legte seine auf ihre. Sein Gesicht kam ihrem ganz nahe. Seine Absicht war klar –

Aber Lin werte ihn ab. Sie setzte sich auf. „Nein, Kim! Ich kann nicht tun als wäre nichts. Es wird niemals mehr so sein wie früher. Du hast mir einen Menschen genommen, der mir wichtig war. Du kannst nicht erwarten, dass ich das vergesse!“ Nun seufzte Kim. „Du hast Recht. Nichts wird sein wie es war. Aber ob du willst oder nicht, du wirst dich an diese Tatsache gewöhnen müssen. Ich musste das auch.“ Lin schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Ihr tut als sei alles doch so bedeutungslos! Alles nur für die Aufgabe, die unbedingt erledigt werden muss. Dabei zerstört ihr nur euer Leben. Ihr macht alles und jeden um euch herum kaputt. Bis euch nichts mehr bleibt. Du und Ganon – du machst den gleichen Fehler wie er! Du machst alles kaputt!“ „Ich weiß.“, antwortete Kim. „Ich versuche ja so wenig Schaden anzurichten wie möglich, aber…“ Lin merkte wie ihr der Atem stockte. „Schaden?“, kreischte sie und sprang auf. Der Saum der Decke schwappte um ihre Waden wie ein Kleid. „Wie kannst du von Schaden sprechen? Du bist kein Kleptoman – sondern ein Mörder!“ Kim legte sich die Handflächen auf die Augen. „Ja, du hast Recht.“, zum ersten Mal hörte Lin wie Kims Stimme klang, wenn sie zitterte. „Ich…ich weiß nicht…was ich tun soll. Ich bin… so durcheinander. Ich halte diesen Druck nicht mehr aus!“ „Kim!“, seufzte Lin. Sie drückte seine Hände vom Gesicht. Seine Augen glänzten gefährlich, doch weinte er nicht. Erneut seufzte sie. „Ich verstehe das alles nicht und ich werde es wohl nie verstehen.“ Kim versuchte eine Andeutung von Lächeln. „Manchmal habe ich das gleiche Gefühl. Aber es ist egal. Niemand entkommt seinem Schicksal.“ Als sie das hörte wurde Lin ganz ernst. So ernst, dass durch Kim ein kalter Schauder lief, der kaum etwas Gutes verheißen konnte. „Wusstest du, dass Naboru deine Mutter ist?“, fragte sie direkt. „Wie?“ „Du hast mich schon verstanden – also wusstest du es oder nicht?“ Kim wandte den Kopf zur Seite um sie nicht ansehen zu müssen. „Ich weiß mehr als mir manchmal lieb ist.“ Sie ließ ihn los. „Aber…du hast es ihr verheimlicht. Ihr seid in die gleiche Schlacht gezogen! Und trotzdem hast du dich ihr gegenüber wie ein Fremder verhalten.“ Nun musste er sie ansehen. Ihr anklagendes und so melancholisches Gesicht, das gleichzeitig so wunderschön war. Aber umso mehr musste er lachen. „Lin, bitte! Glaubst du etwa sie hat es nicht gewusst? Das ich es bin, den sie geboren hat?“ Ein Schauder fuhr durch Lin. Sie verfluchte ihre eigene Torheit. Wie konnte sie nur so dumm und naiv sein. Natürlich hatte Naboru gewusst, dass Kim ihr Sohn war. Warum hätte sie sonst so reagieren können? Sie hatte ihn doch damals, im Kokiridorf, regelrecht rausekeln wollen. Sie hatte Lin und die anderen so intensiv gewarnt, weil sie gewusst hatte, dass Kim gleichzeitig Ganons Sohn war und welche Gefahr von ihm ausging. Natürlich, natürlich! Und trotzdem hatten beide ihr Schauspiel gespielt und ihre Rollen zu keinem Zeitpunkt abgelegt. „Dann verstehe ich nicht warum ihr beide euch so abweisend benommen habt! Ihr seid doch Mutter und Sohn!“ Kim verzog desinteressiert das Gesicht und zuckte mit den Achseln. „Sie ist nicht wichtig, sie hat ihre Aufgabe erfüllt.“ Lin legte sich die Hand auf den Mund. Sie war so entsetzt, dass sie sich nicht fassen konnte. Kim merkte sofort, dass er einen Fehler begannen hatte. Er hätte seinen Mund halten sollen! Er könnte sich dafür ohrfeigen! Es war so schrecklich! Diese Worte waren so schrecklich, dass ihr das Herz blutete, für Naboru. „Wie kannst du so gleichgültig sein? Wie kannst du nur? Sie ist deine Mutter gewesen – deine Mutter!“ „Wenn sie es nicht gewesen wäre, wäre es eine andere. Sie mag meine Mutter sein, aber sie ist eine Fremde – wie du sagtest. Ich kenne sie nicht, darum habe ich keine Gefühle für sie.“ In ihrem Hals saß ein dicker Klos, der ihr fast die Luft abschnürte. Sie hatte gedacht Ganon wäre grausam, weil er Naboru das angetan hatte. Aber Ganon hatte wenigstens Gefühle für sie gehegt, es bereut und selbst darunter gelitten. Ihm war es nicht scheißegal gewesen. Sie legte sich die Fäuste auf beide Augen. Um ihre Tränen des Entsetzens zu unterdrücken. Denn ihr war in all dem Mitleid für Naboru ihre eigene Lage bewusst. Wie sehr doch ihr Schicksal mit dem der Gerudo glich. Ihre Stimme war dünn. „Wirst du aus mir das gleiche machen?“ Verwundert setzte sich auch Kim auf. „Was?“, fragte er, mehr noch verblüfft als zuvor. Lin schluchzte und versuchte ihre Stimme ruhig zu halten. „Wird unser Kind auch mal so von mir reden? Von irgendeiner Fremden, die ihm nichts bedeutet?“ Jetzt verstand Kim ihren Ausbruch. Er hatte ihn für menschliche Anteilnahme an Naboru gehalten, aber ihm ging auf wie sehr sich Lin selbst an Naborus Stelle fühlen musste. Ihre Gedanken erschreckten ihn, weil es ihm nicht so erging. Er empfand die Parallelen zwischen seinem Schicksal und dem Ganons als nichtig. „Nein! Nein, natürlich nicht Lin!“ Er drückte ihre Arme runter um ihr Gesicht in seine Hände zu nehmen. „Das wird niemals passieren! Du wirst es sehen, wenn ich die Welt erst neu erschaffen habe, dann wird alles gut werden. Wir werden über ein gigantisches Reich regieren, über die ganze Erde, und wir werden eine Familie sein – nicht wie meine sondern wie deine! Wir werden Eltern sein und unser Kind großziehen als Vater und Mutter!“ Während dieser ganze Schwall an Worten aus seinem Mund strömte konnte er sich nicht mehr zurückhalten und musste sie küssen. Und weil sie es zuließ, redete er einige Silben weiter um sie dann wieder zu küssen. Und um wieder zu sprechen und wieder zu küssen. Lin ließ sich von seinen Worten und von ihrer Gier nach seinen Lippen einlullen. Ihre Arme legten sich wie von selbst um seinen Hals und als er sie sanft auf das Bett drückte ließ sie auch das zu. Irgendwann dann hatte er aufgehört zu reden und es gab keine Unterbrechungen mehr zwischen den Küssen. Aus vielen kleinen, nur flüchtig gegebenen, wurde ein einziger sinnlicher Kuss, den beide so vermisst hatten und darum dessen Ende umso mehr hinauszögerten um ihn möglichst lange zu genießen. „Stimmt das wirklich Kim?“, fragte sie. „Versprich es mir!“ „Ich verspreche es!“ Sie klammerte sich an das Glücksgefühl, das sie in diesen Momenten empfand, und wollte ihn an sich ziehen um ihn erneut zu spüren, doch dieses Mal wehrte er ab. Verwundert blickte sie ihn an. „Weil du von unserem Kind sprachst…darf ich mal fühlen? Nur mal kurz, die Hand auf deinen Bauch…“, stotterte er wie ein kleiner Junge beim Lollikauf. Nun war es an ihr zu lachen. „So groß ist mein Bauch nun auch wieder nicht. Du kannst noch nichts fühlen, weil es noch gar nicht treten kann!“ Oh ja! Mit Schwangerschaften kannte sie sich aus. Die Zeit in der die Frau sich ja nicht anstrengen durfte, in der sie nicht auf dem Bauch schlafen konnte und in der sie so viele Chips in sich hineinstopfte wie sonst in ihrem ganzen Leben nicht. Zumindest ihre eigene Mutter als sie mit Benny schwanger gewesen war. Chips war zu der Zeit ihre Leibspeise gewesen, auch wenn sie nur eine Stunde darauf alles wieder herausgekotzt hatte. Jäh grinste Kim spitzbübisch. „Dir scheint immer wieder zu entfallen, dass du kein gewöhnliches Kind gebärst. Du wirst schon sehen!“ Ganz und gar nicht von seinem Zwinkern überzeugt – schließlich wusste sie ganz genau, dass sie Recht hatte – nickte sie. Mit einem übertriebenen Seufzer über seine Dummheit. Aber ebenso wie sie war Kim von sich überzeugt und lächelte schon jetzt triumphal. Er schlug sachte die Decke weg und sah auf ihren blanken Bauch herab. Lin war schlank gewesen, der Bauch straff und sportlich, geschaffen von ihrem jahrelang harten Training. Doch nun war es ein Kochtopf, mit einem Bauchnabel. An den Seiten sah man die Schwangerschaftsstreifen, viele, herausstechend und von kräftigem Weiß. Sie glichen keinen Hautverzierungen sondern regelrechten Narben. Weil ihr Bauch so plötzlich gewachsen war. Mit einer liebevollen Geste streichelte er darüber, weil er es selbst nicht wahrhaben wollte. Aber es war ein Bauch, ein richtiger kleiner und strammer Bauch. Dann legte er seine Hand flach in die Mitte und grinste so unverschämt gebieterisch, dass Lin die Arme unter der Brust verschränkte und es ihm gleichtat. Gerade wollte sie ihn im arroganten Tonfall fragen ob er denn nun immer noch von sich überzeugt wäre – als plötzlich ein dumpfes Pochen durch ihren Körper fuhr. Ein Stoß gegen ihre Bauchdecke, doch von innen und nicht von außen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl. Wie ein Murmeln des Magens und doch ganz anders, stärker, intensiver und von weiter oben. Es war so unbegreiflich, dass ihr der Mund aufklappte. „Mein Gott, was war das?“, stieß sie keuchend hervor. Sie glaubte gleich vor Aufregung zu explodieren. Kim lachte leise. „Das war unser Kind! Es wächst anders als die anderen.“ Mit diesen Worten ergriff er ihre Hand und legte sie unter seiner auf den Bauch um auch sie fühlen zu lassen. Ganz sanft ließ er einen winzigen Schwall seiner Magie frei. Auf der gleichen Stelle, spürten sie beide unter ihrer Hand einen leichten Stoß. „Das Kleine“, erklärte er. „spürt meine Magie und reagiert ebenfalls mit Magie.“ Lin konnte es nicht fassen. Und geglaubt hätte sie es auch nicht, wenn sie es nicht selber spürte, von außen und von innen. Kim führte ihre Hand an eine andere Stelle und wiederholte das Spiel. Und dann wieder und wieder. Damit Lin begreifen konnte, dass es tatsächlich wahr war. Und dass sie tatsächlich ein neues Leben unter ihrem Herzen trug. „Mein Gott! Wenn ich das den Mädchen erzähle!“, pfiff sie zwischen den Zähnen. Sie meinte ihre Freundinnen aus dem Tanzkurs. Denen sie so viel anvertraute – aber das überstieg sogar die Toleranz ihrer Freundinnen, die ihr sonst erlaubten ihren blühenden Hirngespinsten, in ihrer Anwesenheit, freien Lauf zu lassen. Dann legte er sich wieder neben sie und sie hingen wieder aneinander. Ach, könnte nur die Zeit stehen bleiben, für immer! Doch plötzlich sprang sie auf und die romantische Stimmung war dahin. Sie griff nach der Decke und hüllte sich wieder ein, weil ihr ihre Nacktheit ebenso plötzlich peinlich war. Lin strich sich hektisch die zerzausten Haare, die einen Wasserfleck auf dem Bett hinterlassen hatten, aus dem Gesicht. Durch Kim lief ebenfalls ein nervöser Schauder, weil er darauf nicht vorbereitet gewesen war. „Was ist mit Benny?“, fragte Lin unverblümt. Erleichtert lehnte Kim sich wieder nach hinten und stützte sich mit den Ellbogen ab. „Ach so.“, seufzte er. „Erschreck mich doch nicht so!“ „Was ist denn mit ihm? Geht es ihm gut? Ruf doch deinen tollen Computer und lass mich sehen was er macht!“, schlug Lin vor. Doch in keinem Vorschlagton, sondern mit beinahe aggressiver Stimme. „Hör mal!“, fauchte er zurück. „Ich habe ihm doch keine Kamera implantiert!“ „Aber du weißt was er macht, stimmt’s? Bösewichte wissen doch immer was die Helden gerade machen!“ Kim brach in schallendes Gelächter aus. Und auch Lin nötigte sich ein Lächeln ab. „Die Theorie scheinst du schon gut zu kennen.“, lachte Kim. „Natürlich, wäre ich ein gemeiner, niederträchtiger und fieser Schurke würde ich meinen schlimmsten Feind rund um die Uhr beobachten lassen. Sogar wenn er zur Toilette geht! Sonst kann ich mich auch gleich ergeben!“, entgegnete Lin scharf. „Hey Moment! Ich habe nicht gesagt, dass ich nicht über jeden seiner Schritte informiert wäre! Naja, über seine Geschäfte kann ich dir nichts sagen, aber mein Spion bewacht ihn Tag und Nacht!“ „Spion?“, wiederholte Lin verblüfft. „Richtig.“, strotzte Kim vor Stolz über sich selbst. „Stell dir vor, der kleine Benny hat versucht dich auf deinem Handy zu erreichen. Gar nicht mal so blöd, der Wurm.“ „Nenn ihn nicht Wurm!“, zischte Lin ihm ins Gesicht. „Hättest du mein Handy nicht in Stücke ge…gedrückt, könnte ich ihm wenigstens sagen, dass er sich keine…“ „Keine Sorgen zu machen braucht, et cetera, et cetera.“, äffte Kim sie nach. „Stresse dich jetzt nicht damit…“, Kim griff nach der Decke und strich wie abwesend daran herum um die Falten zu glätten. „Er weiß es. Er weiß, dass ich dir niemals etwas antun könnte.“ „Weiß er das? Wenn nicht einmal ich es weiß?“, flüsterte sie. „Lin! Sag mir so etwas nie wieder ins Gesicht! Wenn du so von mir denkst, dann reiß mir gleich das Herz raus. So möchte ich nicht leben!“ Kopfschüttelnd seufzte sie und strich ihm über die Wange. „Tut mir Leid. Ich habe das nur gesagt, weil ich ihn vermisse. Ich vermisse meine Familie.“ Sie wollte die Hand sinken lassen, doch Kim ergriff sie sogleich und ließ es nicht zu. „Eine halbe Mondrunde…ich meine einen halben Monat! Dann wirst du ihn wieder sehen, in Ordnung?“ „Du bringst ihn nicht um? Er ist doch dein Feind.“, sprach Lin skeptisch, weil sie nicht feststellen konnte ob er die Wahrheit sprach oder log. „Das brauche ich nicht.“, versicherte er ihr. „Er ist immer noch ein kleines Kind, das nichts gegen mich ausrichten kann.“ Dass von Benny durchaus eine Gefahr ausging, weil er nicht unerhebliche Gefährten gewonnen hatte und weil er im Besitz des regenerierten Masterschwerts war, verschwieg Kim. Mit einem Ruck entzog Lin ihm ihre Hand und stieß warnend hervor: „Wenn du ihm auch nur ein Haar krümmst, bringe ich dich um!“ „Nicht ein Haar.“ Kim nickte. Dann war seine Hand wieder an der Decke. Seine Finger zupften ihr den Stoff von der rechten Schulter. Sein Kopf legte sich darauf und er schloss die Augen. Um ihren Geruch pur einzuatmen. Lin rührte sich nicht. „Lin“, flüsterte er. „Wenn es darauf ankommt, auf wessen Seite stehst du dann? Auf meiner oder auf seiner?“

Zehnmal hatte er versucht Lin auf ihrem Handy anzurufen. Und jedes Mal hatte die gleiche weiblich klingende aber doch mechanische Stimme geantwortet: Kein Anschluss unter dieser Nummer…kein Anschluss unter dieser Nummer… kein Anschluss unter dieser Nummer… kein Anschluss unter dieser Nummer… kein Anschluss unter dieser Nummer… kein Anschluss… Weitere zehnmal weil er sich immer wieder eingeredet hatte sich vertippt zu haben. Kein Anschluss unter dieser Nummer…kein Anschluss unter dieser Nummer… kein Anschluss unter dieser Nummer… kein Anschluss unter dieser Nummer… kein Anschluss unter dieser Nummer… kein Anschluss… Weitere zehnmal weil er so verzweifelt war. Kein Anschluss unter dieser Nummer…kein Anschluss unter dieser Nummer… kein Anschluss unter dieser Nummer… kein Anschluss unter dieser Nummer… kein Anschluss unter dieser Nummer… kein Anschluss… Auf diese Idee war er gekommen als Dan ihm das Telefon gereicht hatte. Noch bevor er von allen Seiten dazu aufgefordert worden war die Eltern anzurufen, war ihm Lins Handy vor dem inneren Auge erschienen. Das kleine viereckige Ding mit dem blau leuchtenden Bildschirm und dem kleinen Schmuckbändchen. Sofort nach dem Gespräch mit seinem Vater und der darauf folgenden Besprechung wie sie weiter verfahren sollten, hatte er sich mit dem schnurlosen Telefon auf den Balkon verzogen und hatte sie angerufen, angerufen, angerufen – erfolglos, erfolglos, erfolglos. Vielleicht, hatte er gedacht, hat sie ihr Handy zu Hause liegen lassen. Nein! Sie vergaß eher ihren Kopf als ihr Handy. Kein Teenager tat das! Vielleicht, hatte er weiter gedacht, hat sie es mitgenommen aber nicht angeschaltet. Nein! Wenn dem so wäre hätte ihre Mailbox anspringen müssen. Sie sind verbunden mit der Nummer blablabla… Aber das Netz konnte noch nicht einmal ihr Handy orten. Kein Anschluss unter dieser Nummer… Es war zum Haareraufen! Er wollte endlich wissen wo sie war! Diese Ungewissheit war das Schlimmste was er je erlebt hatte. Es machte einen Menschen wahnsinnig! Nun saß er im Flugzeug – nicht Flugzeug sondern Privatjet, dessen Besitzer kein Geringerer war als Herr Liebgraf. Ein „Prototyp der Boeing X-33, HSCT - High Speed Civil Transport, zweihundertfünfzigtausend Kilo schwer, der Rumpf aus reiner Titan-Siliziumcarbit-Matrix, fliegt mit flüssigem Wasserstoff und besitzt ein Schub-Gewichtsverhältnis von zwanzig zu eins!“, hatte Dan runtergeleiert, ohne Punkt und Komma. Mit so einer Begeisterung in der Stimme und mit strahlenden Augen und Tränen in den Augenwinkeln. Wie ein Junge, der gerade Ostern, Weihnachten und Geburtstag zugleich erleben durfte. Er war kurz vor dem Heulen gewesen, so gerührt war er jemals mit diesem Anblick gesegnet worden zu sein. Dem Piloten, der sie herzlich empfangen hatte, ein Amerikaner mit starkem Akzent, waren beinahe die Augen ausgefallen. „That’s right! Schon dafür hast du einen kostenlosen Trip verdient!“ Dan hatte die Arme gen Himmel gerichtet. „Oh Herr! Danke für deine Gabe!“ Doch Vivi blickte eisern zu Boden. Damit man ihr knallrotes Gesicht nicht sah. Ihr Bruder war ihr so peinlich, dass sie ihn am liebsten in die Tiefen der Hölle hinab geschickt hätte. Benny, Alexa und Herr Liebgraf hatten nur daneben gestanden und an Dans Lippen gehangen, obwohl sie rein gar nichts davon verstanden hatten, von was er redete. Wahrscheinlich hatte es sie einfach nur in Erstaunen versetzt, dass ein Mensch so schnell so komplizierte Worte hintereinander sprechen konnte. Unwillkürlich musste er grinsen, während er aus dem Fenster starrte. Den Rucksack und das eingewickelte Masterschwert auf den Oberschenkeln. Er war noch nie geflogen, darum hatte er schon drei Tüten beglückt. Aber nach einer Weile war es ganz angenehm geworden. Der Innenraum war üppig ausgestattet. Mit viel Platz zwischen den sich gegenüberliegenden Sitzen. Weiß und traumhaft bequem. Kleinen Tischen dazwischen, die kleine Häppchen und reichlich zu Trinken trugen. Neben ihm saß Vivi und schlief seelenruhig. Demonstrativ hatte sie sich so weit wie möglich von ihrem Bruder weggesetzt um ihn für seine penible Auflage zu strafen. Was Dan allerdings nicht das geringste ausgemacht hatte, er war die ganze Zeit über damit beschäftigt mit den Händen über die Sitzlehnen zu streichen und sein einmaliges Glück nicht fassen zu können. Und sich zu verfluchen, dass er keinen Fotoapparat mitgenommen hatte. Schlafen war eine gute Idee! Ein wenig dösen, das brauchte er jetzt. Nur für ein paar Minu – „Bitte schnallen Sie sich an. Wir landen in wenigen Sekunden. Over!“, dröhnte die Stimme des Piloten. Vivi fuhr aus ihrem Schlummer. „Was?“ Das ging aber schnell, staunte Benny. Sie waren doch gerade erst gestartet, so kam es ihm vor. Sie landeten relativ geschmeidig, sofern es Benny beurteilen konnte. Und sofern es mit einem zweihundertfünfzigtausend Kilo Brocken überhaupt möglich war. Nachdem sie ausgestiegen waren, übergab sich Benny noch ein viertes Mal, allerdings auf festem Boden. Noch währenddessen fragte er sich wie viel er denn zum Frühstück gegessen hatte. Es mussten ja Unmengen gewesen sein! Alexa fächerte ihm Luft zu um seinem Schwindel entgegen zu wirken und um den säuerlichen Gestank wegzufegen. Herr Liebgraf räusperte sich. „Willkommen in Philadelphia! Jetzt ist es nur noch ein Katzensprung bis nach New York. Unser Wagen wartet schon.“ Der reiche Mann hatte wirklich an alles gedacht. Benny konnte ihn nur bewundern. Er war heilfroh jemanden wie Herr Liebgraf an seiner Seite zu haben, alleine hätte er gar nicht gewusst, was er machen sollte. Geschweige denn hätte er etwas machen können, denn, auch wenn er älter aussah, war und glich er immer noch einem Minderjährigen. Dazu war er noch ohne Papiere unterwegs. Aber Herr Liebgraf half ihm! Sie verließen den privaten Landeplatz. Eine schwarze Limousine erwartete sie bereits. Der Chauffeur hielt ihnen die Tür auf und machte dabei ein so ernstes Gesicht als fuhren sie zu ihrem eigenen Schafott. Herr Liebgraf bedeutete ihnen mit einer Geste einzusteigen, er war der Letzte. Zusammen setzten sie sich auf eine Sitzreihe. Nur Herr Liebgraf setzte sich auf die ihnen gegenüber. Die Sitzbezüge waren aus schwarzem Leder. Der strenge Geruch stieg ihnen in die Nase. Die Tür ging zu. “Stone! My dear old friend!“ “ Librääv!”, erwiderte der Mann neben ihm. Und sie fielen sich in die Arme. „How are you? Since I heart from you so many time has gone!” “I know, I know! Forgive your unfaithful friend.” Der Wagen setzte sich in Bewegung. “It’s already happen.” Der Amerikaner lächelte. Er war wie Liebgraf ein schlanker Mann mittleren Alters, dem jeder seine Eitelkeit ansehen konnte, er färbte sich die Haare um die Anzeichen des Alters zu vertuschen. Ganz im Gegensatz zu Herrn Liebgraf, der seine charmanten grauen Härchen in den Kotletten offen zur Schau stellte. Doch er war ebenso gut gekleidet. In einem adretten und peinlich sauberen Anzug und eine Citizen-Uhr aus Gold und einigen Ringen mit Brillianten an den Händen. Dann kam ein ganzer Schwall von Wörtern aus seinem Mund. Stone wandte sich an Alexa und redete auf sie ein. Sie antwortete ihm freundlich und etwas schüchtern. Er lachte und nickte ihr zu. Dann fragte er die anderen Drei etwas. Dan meldete sich. Auch er redete – allerdings stockend – und zwischen seinen Worten hörte Benny ihre Namen heraus. Mehr verstand er nicht. Lediglich erkannte er, dass Englisch die gesprochene Sprache war, das Problem lag darin, dass er kein Englisch konnte. Wie auch! Er war doch erst in der zweiten Klasse! Natürlich, Worte wie Yes und No und Thank you konnte er. Und mehrere diverse Fäkalwörter, die einem heutzutage schon im Kindergarten zu Ohren kamen, die er aber niemals wagen würde auszusprechen, weil seine Mutter in Ohnmacht fiele. Mehr aber war in seinem Sprachvermögen englischer Hinsicht nicht vorhanden. Der Unbekannte fragte ihn etwas, aber er verstand es nicht. Darum sah er ihn nur verständnislos an. Der Mann war über sein dummes Gesicht erstaunt und fragte ihn etwas anderes. Dann endlich ging Herrn Liebgraf auf, dass Benny ja noch kein Englisch in der Schule hatte. Er sagte es seinem Freund. „Ah“, gab Stone zurück. „What a pity! You said he is the chosen! The hero of time!” Das Auto hielt. Der Verkehr war einfach zu dicht. Wieder redete Stone mit Herrn Liebgraf. Der verzog die Lippen und kratzte sich am Kinn, ehe er antwortete. Stone nickte zustimmend. Dann wandte sich Herr Liebgraf an Benny. „Entschuldige, Benjamin, dass du nichts verstehst. Stone, mein alter Freund, ist ebenfalls ein Liebhaber von Antiquitäten. Er kennt auch die Legende vom Helden der Zeit. Gestern Abend habe ich mit ihm telefoniert und ihm alles Vorgefallene berichtet. Und er mir von New York. Wir haben diesen – nun Ausflug möchte man es nennen – organisiert. Jetzt hat er uns zu sich eingeladen um uns auszuruhen und dann morgen früh nach New York aufzubrechen, aber ich habe vorgeschlagen diese Entscheidung dir zu überlassen.“ Nun ruhten alle Augen auf ihm. Benny musste gar nicht nachdenken. „Wir sollten sofort zum Turm!“ Liebgraf übersetzte. Stone schien überrascht. „Mein guter Freund fragt ob du dir im Klaren darüber bist, dass wir schon ein paar Stunden fahren müssen. Es wäre ihm eine große Ehre dich in sein Haus einladen zu dürfen.“, dolmetschte Liebgraf. Benny wurde nervös und ungeduldig. „Dann sag deinem Freund ich fühle mich auch geehrt, aber ist er sich im Klaren darüber, dass die Welt schon bald untergeht? Vielleicht während wir bei ihm zu Hause sitzen, bei Kaffee und Kuchen?“ Mit einem Schmunzeln übersetzte Liebgraf. Sein Freund hörte aufmerksam zu. Seine Augenbraue zog sich nach oben. Sein kühler Blick ruhte auf Benny, aber Benny stierte ebenso eisern zurück. Kurz darauf begann Stone herzhaft zu lachen. Noch immer lachend sagte er etwas, direkt an Benny gewandt, ungeachtet der Tatsache, dass Benny rein gar nichts verstand. „Er sagt, dass er beeindruckt ist. Dir legt er guten Gewissens sein Leben in die Hände.“ „Danke für Ihre Zuversicht, Herr Stouun.“, entgegnete er nervös.

„Bei den Göttinnen! “, stöhnte Zelda. „Hat es sich den wenigstens schon ein wenig bewegt?“, keuchte Salia. Zelda hatte sich Verstärkung geholt, denn alleine hatte sie schon gar nichts ausrichten können. Darum waren die fünf anderen Weisen ihr zur Hand gegangen. Doch bis jetzt blieb der Erfolg aus. Wie auch? Denn um die Magie vollkommen zu machen, dazu fehlte die Weise der Geister. Naboru war dem Ruf Zeldas nicht gefolgt. „Was wollt Ihr eigentlich mit dem Dolch, Eure Majestät?“, fragte Rauru. „Eigentlich gar nichts!“, entgegnete Zelda. „Aber von ihm geht ein starker schwarzer Zauber aus, den ich unbedingt zu brechen gedenke.“ Als die Weisen eingetroffen waren hatten sie sich beraten. Zu allererst hatten sie gehofft den Zauber mit Muskelkraft bezwingen zu können. Darum hatte Darunia sein Glück versucht. Doch der Dolch hatte seinen starken Armen nicht nachgegeben. Dann jedoch hatten sie ihre Magie zusammengenommen, zu einem einzigen gebündelt. Sie waren nun nicht mehr darauf aus den Dolch aus dem Stein zu ziehen, sondern ihn zu zerschmettern. Ein reiner weißer Strahl umgab den Dolch. „Wirkt es?“, fragte die Zoraprinzessin Ruto unter Aufbringung größter Mühen. „Diese schreckliche Gegend! Ich will hier endlich weg!“, keuchte Salia erneut und verstärkte ihre Magie noch. „Gebt nicht auf!“, sagte Impa. „Wir müssen es schaffen!“, stimmte Darunia zu. „Auch ohne Naboru!“ Plötzlich bewegte sich der Dolch. Ein erschrockenes Aufhorchen ging durch die Runde. Er zitterte wie wild. „Jetzt haben wir es geschafft!“, strahlte Zelda. „Gleich! Gebt alles!“ Der Dolch zitterte und zitterte. Er bewegte sich heftig und wurde glühendheiß. „Ja! Macht weiter!“, spornte Ruto an. „Wir schaffen es!“ Doch jäh schoss ein winziger schwarzer Blitz aus dem Dolch. Die Weisen erstarten augenblicklich. So verwundert waren sie. Dann preschte eine Welle Magie aus dem Dolch, so mächtig, dass sie sogar sichtbar schwarz war – und riss sie alle von den Füßen. Sie wurden förmlich durch die Luft gerissen und landeten einige Schritte entfernt. Wie Steine stürzten sie auf den Boden. Ihre Magie war gebrochen. „Aua!“, heulte Salia. „Ich dachte Tote spüren keinen Schmerz.“ „Sie können sich nicht verletzen, aber Schmerzen spüren sie noch immer.“, stöhnte Rauru unter den seinen. Darunia rappelte sich als erstes wieder auf. Er hatte sich nicht wehgetan. Kurz bevor er auf den Boden aufgeprallt war hatte er sich eingerollt und hatte mit seinem steinernen Rücken eine heftige Furche in den Boden gerissen. „Was war das nur?“ „Jetzt ist es gewiss!“, keuchte Zelda. „Was meint Ihr damit, Eure Hoheit?“, fragte er verwundert und half ihr vorsichtig auf die Beine. Zelda schlug sich den Staub aus ihrem kostbaren Kleid. „Es ist Ganons Magie!“ Sie wusste wovon sie sprach, schließlich hatte sie sie einmal am eigenen Leib zu spüren bekommen. „Er war hier!“ Impa sprang geschmeidig auf die Beine. „Fragt sich nur warum er nicht mehr hier ist, in seinem Traum.“ „Ich glaube nicht, dass es sein Traum ist!“, widersprach Rauru. „Ja, das glaube ich auch nicht.“, erwiderte Salia. Der Goron verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann frage ich mich wem dieser Traum gehört und was Ganon veranlasst hat hier einzudringen…“

Lin war also auf dem Weg zur Schule – und sie war sehr deprimiert. Die Ereignisse in Ganons Erinnerungen spitzten sich zu. Sie hatte die Nase gestrichen voll! Ihr war jetzt so viel klar geworden, sie verstand die ganzen bedauerlichen Zusammenhänge und Verbindungen zwischen diesem und jenem, aber ebenso wusste sie, dass das Gesehene noch längst nicht alles war. Ihre Gedanken galten Naboru. Kims Worte hatten sie hart getroffen. Naboru hatte so viel durchgemacht und das war der Dank dafür. Kim war ein richtiges Arschloch! Genau wie sein Vater! Das dachte sie in dem Augenblick, da sie im tiefsten Schlaf den Bürgersteig entlang trampelte. Mit ihrem Schulranzen auf dem Rücken. „Oh, diese Verfluchten!“, spuckte sie aus. „Ich hoffe sie schmoren bald in der Hölle, wo sie hingehören!“ Sie konnte es gar nicht fassen, dass sie sich von Kim hatte den Verstand benebeln lassen. Jetzt war sie wieder in der richtigen Stimmung ihm kräftig ihre Meinung ins Gesicht zu schreien. Und sie fragte sich zugleich warum denn Naboru nichts dergleichen getan hatte. Warum hatte sich Naboru nicht gewehrt? Ihn nicht vor den Kopf gestoßen wie sie es mit Kim tat? Es war klar! Naboru hatte nichts gegen Ganon ausgerichtet, weil sie Angst vor Ganon gehabt hatte. Zwischen der Liebe und dem Hass, zwischen der gemeinsamen Hassliebe, war da die Angst vor Ganons Macht gewesen. Und um ehrlich zu sein, wer hatte keine Angst vor Ganon? Lin hatte auch Angst vor ihm gehabt. Damals im Thronsaal, dann beim entscheidenden Kampf. Sie waren alle erleichtert gewesen ihn tot zu wissen. Die Weisen, Link, die ganzen anderen Völker – ganz Hyrule! Ja sogar sie und Benny, die ja eigentlich gar nichts mit ihm zu tun haben dürften. Ja, jetzt hatte sie immer noch Angst vor ihm auch wenn sie sie überspielte, jetzt in ihren Träumen wo er sie nur besuchen kam um sich mit Essen zu bedienen. Ganon war wirklich der perfekte Großmeister des Bösen. Er spielte seine Rolle so geschickt und glaubhaft. Ganz anders Kim. Das stimmte! Kim konnte ihm bei weitem noch nicht das Wasser reichen und ob überhaupt jemals, Lin konnte es getrost bezweifeln. Vielleicht nach vielen Jahren, aber jetzt noch nicht. Jedoch, Naboru blieb zurück. Für sie war sein Tod immerhin ein Loch, das sich in ihr gebildet hatte. Lin rieb sich fröstelnd die Arme. Es war frührer morgen und ein kühler Wind pfiff durch die Straßen. Ansonsten bewegte sich nichts. Keine Autos, mit Leuten darin, die pflichtbewusst zur Arbeit fuhren und keine Schuldbusse mit verschlafenen Kindern. Wahrscheinlich hatte Naboru die Hoffnung gehabt, dass mit einem Mal alles wieder so war wie früher. So als ob niemals etwas geschehen wäre, dass Ganon so verändert hatte. Und Lin hätte ihr das Glück gegönnt! Jäh erklang hinter ihr ein Geräusch. Das Klingeln einer Glocke. Lin erschrak sich so sehr, dass ihr schwarz vor Augen wurde. Ihr ganzer Körper zitterte wie unter Strom. Panisch stießen ihre Arme vor um Halt zu finden. An der Wand fanden sie ihn. Dennoch gaben ihre Beine unter ihr nach. „Aus dem Weg!“, lachte eine wohlbekannte Stimme. „Ich bin schwer beschäftigt!“ Das Fahrrad hielt knapp neben ihr an. Mit dem bösesten Gesicht, das sie hatte, sah sie zum Fahrer auf. „Fahrräder fahren auf der Straße, du Idiot!“, zischte sie. „Nicht gleich beleidigend werden!“, lachte er noch lauter und ließ den Ständer nach unten zischen. Dieses Mal trug Ganon die Arbeitskleidung der bekannten Pizzeria im Ort. Sie war sehr beliebt. Wegen ihrem erstklassigen Lieferservices. Die Uniform war rotgelb kariert mit einer Pizza mit Armen und Beinen als Logo, auf Brust und rücken gestickt. Ganon öffnete den Korb, der auf dem Träger hinten befestigt war und holte die fünf Pizzaschachteln heraus. Mit sichtbarer Vorfreude setzte er sich damit einfach am Rand des Bürgersteiges hin und öffnete alle Kartons. Der Dampf der frisch gebackenen und in sechs Teile geschnittenen Pizzas stieg ihm in die Nase. Lüstern seufzte er und hatte von neuem die Qual der Wahl. „Welche willst du?“, fragte er zuvorkommend und holte den kleinen Zettel aus seiner Hosentasche. „Ich habe einmal Hawaii, einmal Magaritha, zweimal Salamispezial und einmal Vegetaria.“ Er drehte sich zu ihr um. Lin war noch immer kreidebleich im Gesicht und außerstande sich zu rühren. Der verjüngte Ganon zuckte die Achseln. „Dann eben nicht.“ Mit der Salamispezial begann er. Er biss einmal hinein und schlemmte vor Wohltat. „Herrlich!“, seufzte er und brachte sich erneut in den Genuss eines großzügigen Stückes. Lin konnte nicht glauben was sie soeben noch gedacht hatte. Ganon und das manifestierte Böse? Niemals! Egal was einmal war, jetzt war er nur noch ein Einbrecher, der, wenn er so weiter machte, bald so dick wie ein Elefant sein musste! Mit zitternden Knien erhob sie sich. Während Ganon in aller Ruhe weiteraß. Als gäbe es nur ihn und die Pizza. „Weißt du wie viele Kalorien du gerade in dich hineinstopfst?“, sprach sie, weil ihr, dumm wie sie war, nichts anderes einfiel. Noch mit dem Pizzastück zwischen den Zähnen sah er sie verwundert an. „Was sind den Kalorien?“, fragte er mit vollem Mund. Dann kaute er hektisch. „So etwas! Ein Wort, das ich noch nicht kenne.“ Er schüttelte über sich selbst den Kopf. „Was bedeutet es?“ Lin kam sich so wahnsinnig blöd vor. Am liebsten wollte sie jetzt auf der Stelle wach werden nur um dem zu entgehen. „Ich möchte jetzt bitte mit den Erinnerungen fortfahren.“ Ihre Stimme zitterte und sie schaffte es nicht den Blick aufrecht zu halten. Sie hatte erwartet, dass Ganon zu lachen begann. Aber er lachte nicht. Stattdessen musterte er sie fragend. Er nahm das letzte Stück aus dem ersten Karton. „Hm…was sollte ich dir zeigen?“ „Zum Beispiel wie es dazu kam, dass ihr beide einen so guten Plan fassen konntet, wo Naboru Kim doch weggegeben hat.“, sagte sie fest. „Ah, eine gute Idee!“, stimmte Ganon ihr zu. „Ein wenig Zerstreuung ist wohl angebracht.“ Mit diesen letzten Worten – warf er Lin doch tatsächlich die Schachtel ins Gesicht. Lin schrie erschrocken auf und hob reflexartig die Arme um ihren Kopf zu schützen. Der Karton prallte ab und sie war rasend vor Wut. Flüche wollte sie aus sich herausschreien. Doch die Schachtel war nicht mehr da. Ebenso wie der Rest ihres kleinen menschenleeren Vorortes. Stattdessen stand sie auf einer Wiese mit hohem Gras. Ein kleiner Hügel. Die Sonne schien auf sie herab, vom klaren Himmel. Und die Luft roch süßlich. Ein junger Mann saß auf seinem schwarzen Rappen und blickte den Hügel hinab. Der Ganon war einige Jahre älter als der, der sie Traum für Traum heimsuchte. Doch dieser beachtete sie nicht, weil er sie nicht sehen, nicht hören, nicht riechen konnte. Lin folgte seinem Blick. Er galt einer kleinen Siedlung von Nomaden. Zelt an Zelt stand im Schatten eines dichten Waldrandes. Kleine Rauchfäden stiegen von dort auf. Und leise Stimmen kamen den Hügel empor… Sein Rappe graste auf einem hohen Hügel mit grünem und saftigem Gras. Ganon aber sah hinunter ins Tal und hielt nach seinem Botschafter Ausschau. Drei Jahre war er nun schon auf der Suche nach diesem verfluchten Bengel! Mittlerweile war er schon auf der anderen Seite der Welt angelangt. In Termina. Nahe am Sumpf, dem Zuhause des Dekuvolkes. Hier herrschte das traumhafteste Klima schlechthin. Die Luft war warm und feucht. Es gab genug klares Wasser und Früchte hingen saftig von Bäumen und Büschen. Auch viele Kräuter, Wild und Insekten boten sich zum Verzehr. Er sah auf eine kleine Horde Zelte herab. Ein Nomadenstamm hatte sich hier niedergelassen und würde wohl für einige Zeit verweilen. Er hatte einen Diener entsendet um auch dort nach seinem Sohn Ausschau zu halten. Nichts bot sich mehr an ein Kind zu verstecken als es einem Nomadenvolk in die Obhut zu geben. Dadurch hatte es nie einen festen Wohnort. Darum hatte er gezielt nach Nomadenstämmen gesucht. Doch bis jetzt hatte er noch keinen Erfolg gehabt. Langsam aber sicher verlor er die Geduld. Das hatten auch Die zu spüren bekommen, die seinen Weg gekreuzt hatten. Seine Klinge war noch immer getränkt von dem letzen Dorf, dass er ausgerottet hatte. Sein Botschafter kam zurückgeflogen. Es war eine kleine schwarze Fledermaus, entstanden aus seiner Magie. Die Fledermaus setze sich auf seiner Hand ab und faltete ihre Flügel. Sie sprach nicht, doch das war nicht nötig. Ganon schloss die Augen und sah in seinen Gedanken was die Fledermaus mit ihren Augen gesehen hatte. Gut, Fledermäuse sind blind, aber das ist ja eine magische Fledermaus ;) Endlich! Endlich! Endlich sah er was er seit vier Jahren sehnlichst gesucht hatte! Er erblickte die Zelte und flitze durch sie hindurch. Er sah zu wie die Frauen nähten, strickten und kochten. Und wie die Männer ihre Waffen schärften und sich mit Späßen bei Laune hielten. Und die tollenden und kreischenden Kinder, die zwischen den Zelten herumrannten. An der Spitze des großen Zeltes in der Mitte, wohl das Zelt des Anführers, wehte eine weiße Flagge. Darauf war ein schwarzes Auge mit einer einzigen fließenden Träne abgebildet. Es war also ein Shiekavolk, ein Stamm des Schattenvolkes, das sich hier niedergelassen hatte. Er hatte viel über die Shieka gehört. Sie waren ein Volk von geschickten Kriegern, die die Kunst der Täuschungen und Illusionen von Generation zu Generation lehrten und lernten. Es war ein mächtiges Volk, dessen Blut aber in den letzen Jahrhunderten sehr dünn geworden war. Dann sah er ihn! Den kleinen Jungen mit dem feuerroten Haar. Ein kleiner dürrer Junge, der mit den anderen Kindern spielte. Der Junge hatte unglaublich weiße Haut. Weißer als alle anderen um ihn herum. Ganon öffnete die Augen und setze sein gnadenloses Lachen auf. „Gute Arbeit!“ Er zerquetschte die Fledermaus in seiner Hand. Sofort löste sie sich in violettem Rauch auf. „Jetzt gehörst du mir!“ Er griff in den kleinen Beutel, der an den Sattel befestigt war und holte kleine Knochensplitter, kleine Steine und Rabenfedern heraus. Und schmiss sie einfach vor sich auf die Erde. Langsam hob er einen Arm in die Höhe. „Erhebt euch, meine Krieger!“ Die Knochen, die Steine und die Federn begannen langsam zu in einem tiefen Schwarz zu strahlen. Mit jedem Atemzug, der verging, verformten sich die ursprünglichen Gegenstände und veränderten sich. Seine Kreaturen wuchsen und formten sich durch seine Magie zu riesigen bewaffneten Ungeheuern. Zu schweren Stalfosen mit Schwert und Schild, zu kreischenden Eidechsenkriegern, deren Zungen aus ihren Mäulern zischten, zu reisenden Wölfen. Alle knieten sie vor ihm nieder. Ein Stalfos, auf dessen Helm eine rote Feder wehte, sprach: „Was befiehlt Ihr, Herr?“ Ganon deutete auf das Zeltdorf unter ihnen. „Karos! Diese Siedlung werden wir jetzt angreifen. Macht was ihr wollt, es ist mir egal – nur eines! Ich will den rothaarigen Jungen, der unter diesen Leuten weilt! Bringt ihn mir – unversehrt!“ Die Kreaturen hoben ihre Waffen in die Höhe und brüllten und jubelten ihm zu. Gleich darauf gab er seinem Pferd die Sporen. Das wurde sicher ein großartiges Spektakel.



Der kleine rothaarige Junge stolperte über einen Stein. „Aua!“, heulte er. Die Frau, die in seiner unmittelbaren Nähe saß, schaute von ihrer Stickarbeit auf. „Ach Ganondorf, stell dich nicht so an! Du bist nicht der Erste, der beim Spielen hinfällt. Außerdem bist du doch so ein kluger Junge, kluge Kinder weinen nicht!“ Der kleine Junge hörte sofort auf zu weinen und stand wieder auf. „Bist du bald fertig, Riha? Mit dem schönen Schal für mich?“ Riha lachte und drückte ihn fest an sich. „Ja, bald. Mein kleiner Süßer!“ Sie küsste ihn auf die Wange. Er umarmte sie und nuschelte ihr ins Ohr. „Hab dich lieb, Riha.“ Sie lächelte und flüsterte zurück: „Ich dich auch!“ Seit er denken konnte war er schon hier, bei den Shieka. Er war bei ihnen aufgewachsen. Auch wenn er anders aussah, sie hatten ihn aufgenommen. Plötzlich erklang die große Warntrommel. Riha und er sahen verwundert auf. Gleichzeitig sahen sie die dunkle Staubwolke, die den Hügel hinuterkam – auf sie zu! Ein Mann lief schreiend durch die Zeltreihen. „Es sind Monster, die kommen! Eine Armee aus Monstern! Bewaffnet euch! Schnell!“ Augenblicklich sprang Riha auf die Beine und packte ihn an der Schulter. Sie packte so stark zu, dass es ihn schmerzte. „Riha! Das tut weh!“ Doch Riha achtete nicht darauf. Sie zog ihn schnell und auch panisch hinter sich her und schob ihn ins Zelt. „Bleib da drinnen, Ganondorf! Du musst unbedingt da drinnen bleiben!“ „Aber Riha, was…?“ Aber sie war schon weg. Er war nervös und er hatte Angst! Mit zitternden Knien saß er im Zelt und starrte durch die kleine Öffnung. Und lauschte wie das Getrampel näher und näher kam. Näher und näher… Bis das Getrampel vor den Zelten allmählich abklang. Er zitterte am ganzen Körper. Doch ihm lief es dann eiskalt über den Rücken, als er eine mächtige Männerstimme schreien hörte. „Volk von Shieka! Ihr habt etwas das mir gehört! Und ich will es zurück!“ Ein Raunen ging durch die Menge draußen. Kurz darauf hörte er den Ältesten, den Anführer, sprechen: „Ich habe viel von Euch gehört, König der Wüste. Ihr sollt ein mächtiger und gefürchteter Mann sein. Ein Mann, der ganz Hyrule tyrannisiert. Umso mehr verwundert es mich, dass Ihr hierher gekommen seit, nach Termina, das weiter weg von Eurer Heimat nicht sein kann!“ „Spar dir deine Reden, alter Mann!“, entgegnete nun der Fremde. „Ich will den rothaarigen Jungen!“ Der Junge im Zelt fuhr zusammen. Rothaariger Junge? Damit war er gemeint! Er war der Einzige dieses Stammes, der rote Haare hatte. Dieser Fremde wollte ihn! Kalter Angstschweiß bildete sich auf seiner Stirn. „Wir sind wahrlich kinderreich, was mich sehr erfreut.“, erwiderte der Älteste. „Doch ein Junge Eures Blutes weilt nicht unter uns.“ Der Fremde schien über diese Worte erzürnt. „Entweder ihr liefert ihn mir freiwillig aus, oder meine Krieger metzeln euch nieder, bis ich ihn gefunden habe!“ Der Junge zuckte zusammen. Einige Atemzüge lang rührte sich nichts da draußen. Als wäre es schwärzeste Nacht. Dann schrie der Fremde, mit seiner dunklen und kalten Stimme: „Tötet als erstes die Frauen und Kinder!“ „Neinnnnnnnnnnnnnnnn!“, schrie er und rannte aus dem Zelt. „Das dürft Ihr nicht!“ Er keuchte vom lauten Schreien. Vor ihm lag das ganze Szenario. Die Frauen drängten ihre Kinder nach hinten, in die hinteren Zelte. Während die Männer und kräftigen Knaben eine menschliche Linie zwischen den Zelten und dem Feind gezogen hatten. Der Feind war ein gigantisches Heer, ein Heer aus Monstern! Aus Kreaturen, die er nie zuvor gesehen hatte. Und an ihrer Spitze war der Fremde, der gesprochen hatte. Ein muskulöser und junger Mann saß auf dem Rappen. Gekleidet in eine glänzende schwarze Rüstung. Ein goldener Stein funkelte auf seiner Stirn, im Schein der Sonne. Und das feuerrote Haar wehte im Wind. Feuerrot wie sein eigenes. Jetzt bereute der Junge seinen Mut aus dem Zelt getreten zu sein. Ganon sah auf als er den kleinen Jungen hatte schreien hören. Tatsächlich – sein Sohn hatte geschrieen. „Nun, alter Mann. Es scheint mir, als wären bei euch die Kinder klüger als die Erwachsenen.“, lachte er. Dann wandte er sich an den kleinen Jungen. Er streckte die Hand aus und winkte ihm zum Herkommen zu. „Komm zu mir, Junge. Dann verschone ich diese Leute!“ Der Junge wusste nicht was er tun sollte. Er stand da, als Mittelpunkt, auf dem aller Augen ruhten. Er war verwirrt und verängstigt. Was sollte er tun? Er wollte nicht zu dem Fremden, er jagte ihm Angst ein. Doch wenn er nicht tat, was der Fremde verlangte, dann… Mit zitternden Beinen tat er einen Schritt nach vorne. „So ist es gut, komm nur her, Junge!“, lachte Ganon weiter. Plötzlich legte jemand die Hände auf seine Schulter. Er erschrak. Es war Riha. „Nein! Du darfst nicht zu ihm. Du musst fliehen!“ Sie ergriff seine Hand und zerrte ihn weiter nach hinten. Noch einen letzten Blick warf der Knabe über die Schulter, zu dem fremden Mann. Dann war auch er überzeugt, dass er weg musste. Er musste fliehen! Er wollte fliehen! Und er tat es auch. Der Junge rannte mit der Frau davon, in entgegen gesetzter Richtung. Ganon bebte vor Wut. „Na gut! Ihr habt es nicht anders gewollt! Wenn ihr mir meinen Sohn nicht freiwillig gebt, dann hole ich ihn mir!“ Er schwang mit der Hand aus. „Greift an!“ Seine Krieger schrieen auf und stürzten sich auf die Mauer aus Shieka. Doch die Shieka waren bereit. Auch sie zuckten ihre Waffen und stellten sich den Stalfosen und Echsenkriegern entgegen. Dafür hatte Ganon keine Zeit. Er war der Erste, der sich in die Menschenmauer stürzte. Er zog sein Schwert und mit einem Schwung zerriss er drei Männer, die sich ihm in den Weg stellten. Thunder wieherte und schnaufte heftig und rannte durch die Männer hindurch. Ganon trieb sein Pferd schneller an. „Er kommt, Riha!“, kreischte der Junge. „Wir müssen in den Wald, dort haben wir eine Chance!“, keuchte Riha. Sie zog ihn mit und er versuchte mit ihrem Tempo mitzuhalten, was ihm schwer fiel. Aber sie hatten das Sumpfgebiet fast erreicht. Ganon reichte es. Er war mehr als wütend über diesen Umstand! In seiner Hand formte er eine strahlende Kugel aus purer Magie. Sie leuchtete und wuchs und wuchs. Die, die es wagten sich mit ihm anzulegen – würden es jetzt bitter bereuen! Er schleuderte die Magiekugel der rennenden Frau in den Rücken. Riha schrie auf vor Schmerz, stürzte zu Boden und schlitterte noch ein paar Schritte auf der Erde. Ihr Kleid war aufgerissen und brachte einen verbrannten und schwarzen Rücken hervor. Der Stoff war an einigen Stellen in die Haut eingebrannt. Blut rann aus den Wunden heraus. „Riha!“, schrie der Junge entsetzt. Er hatte Angst! Die Frau hob den Kopf und stieß mit schmerzverzerrtem Gesicht aus: „Renn weiter! In den Sumpf! Schnell!“ Doch es war zu spät – Das schwarze Pferd zischte an ihnen vorbei und stellte sich ihnen in den Weg. „Ho!“, sagte der Fremde und zog an den Zügeln. Voller Furcht und Erschütterung blickte der Junge hoch zu dem Fremden. Sah in seine kalten Augen. Die Pupillen waren nur zwei schmale Schlitze, die auf ihm ruhten. Er war wie gelähmt. „Lauf!“, kreischte Riha. Das brachte ihn wieder zur Besinnung. Der Knabe stürzte sich zu Boden und rollte sich unter das Pferd hindurch und wieder auf die Beine. Er drehte sich nicht um, rannte weiter. Ganon hielt den Jungen nicht auf. Stattdessen schaute er belustigt zu, wie der Knabe panisch versuchte das dichte Geäst des Moores zu erreichen. Dumm war er, wie seine Mutter! Ganon gab seinem Rappen die Sporen und nahm die Verfolgung auf. Der Junge drehte sich um – und sah wie der Abstand zwischen ihm und dem Fremden dahin schmolz. Seine kurzen Beine konnten mit denen des Pferdes nicht mithalten. Der Fremde holte ihn ein! Mit einem bösen und kalten Grinsen streckte Ganon die Hand aus und, im Vorbeireiten, packte er zu. Der Junge schrie als er ihn am Kragen vom Boden hob und vor sich aufs Pferd setzte. Was für ein triumphaler Tag! Ganon hatte es gewusst! Nun endlich hatte er was er wollte, vor sich auf dem Sattel sitzen. Aber der Junge dachte gar nicht daran still und brav zu sein. Er wehrte sich, schlug auf ihn ein und sträubte sich. Und vor allem brüllte er. „Schweig!“, zischte Ganon und hielt ihm den Mund zu. Auch hielt er den Jungen so fest an sich gedrückt, dass dieser sich nicht mehr rühren konnte. Der Junge fing an zu weinen, die Tränen flossen über seine Finger. Ganon wendete das Pferd und ritt zurück.

Die Frau hatte sich erhoben starrte ihn mit Entsetzen an. Weit hinter ihr kämpfen die Shieka und seine Kreaturen noch immer. Kaum jemand hatte den Vorfall bemerkt. Zu laut war das Gebrüll aus Schmerz und Wut und das Klirren der Waffen. „Stoppt den Kampf!“, befahl er mit schreiender Stimme. Seine Kreaturen erstarrten sofort, sie bewegten sich nicht mehr. Auch wenn sie gerade getroffen, niedergeschlagen wurden oder eine Klinge sich in ihr Fleisch bohrte, sie blieben stehen. Nun waren auch die übrig gebliebenen Männer irritiert und allmählich brachen auch sie den Kampf ab und schauten in die Richtung des Urhebers. Der Anblick verschlug ihnen die Sprache und ließ sie augenblicklich erstarren. Ganon hielt sein Pferd ein paar Schritte von der Frau entfernt an. Mit gleichgültigen Augen blickte er in die Runde aus Menschen. „Ihr seid also diese unwürdigen Menschen, die es gewagt haben mir meinen Sohn vorzuenthalten! Glaubtet ihr wirklich ihr könntet ihn vor mir verstecken? Wie töricht von euch! Dafür haben viele eurer Männer mit dem Leben gezahlt!“ Und hielt seinen Blick schließlich auf der Frau. „Und du, Närrin! Glaubtest ich würde mir nicht nehmen was mir gehört!“ Die Frau sah ihm mit erhobenem Haupt entgegen. Doch die Angst in ihren Augen konnte sie nicht verbergen. „Er gehört Euch nicht! Wie solltet Ihr ihm ein Vater sein, wenn Ihr so grausam und unbarmherzig seid! Er will nicht einmal in Eure Nähe, weil er Angst vor Euch hat!“ Ganon lachte nur. „Albernes Weibstück, solch dumme Worte gibst du von dir? Willst du ihm weiter eine Mutter sein? Welch süßer und amüsanter Gedanke! Nein, ihr habt keinerlei Recht, so minderwertig wie ihr seid, jemanden wie ihn zu erziehen. Er kommt mit mir, dann wird aus ihm der mächtigste Mann! Schon bald werdet ihr vergessen sein!“ Ganon streckte die Hand in ihre Richtung. „Aber das wirst du nicht mehr erleben, jämmerliches Frauenzimmer! Wer sich mir in den Weg stellt, der wird vernichtet!“ Der Himmel verdunkelte sich. Nur eine kleine Energiekugel in Ganons Hand strahlte Licht aus. Plötzlich schossen vier Blitze vom Himmel, genau in die Lichtkugel hinein und ließen sie in einem dunklen Violett scheinen. „Sprich dein letztes Gebet!“ Die Frau schrie beim Anblick der Kugel, die sich bildete. Diese Kugel würde sie töten, in Stücke reißen und ihren Leib verbrennen. Nur Panik und Angst stand ihr im Gesicht geschrieben. Plötzlich regte sich der Junge vor ihm im Sattel. Der Knabe sträubte sich erneut. Er strampelte und zerrte an den Fingern, die auf seinem Mund lagen. Verwundert blickte Ganon zu dem Jungen herab, der sich an sein Hemd klammerte. „Bitte, Sir!“, weinte der Junge. „Bitte tut es nicht! Bitte nicht!“ Die Nase rümpfend blickte er wieder zu der Frau – und ließ die Kugel los. Der Junge schrie. Aus der Magiekugel schossen vier blendende Lichtstrahlen, genau auf Riha zu. Sie schrie und legte die Arme schützend vor ihr Gesicht. Sie sah ihrem Ende nicht in die Augen. Sie konnte es nicht… Die Lichtstrahlen schossen in den Boden und rissen einen großen länglichen Krater in die Erde, genau vor ihren Füßen. Riha starrte in den Erdriss aus dem noch immer Rauch und Brandgeruch austrat. Ihre Beine zitterten und gaben nach, sie fiel hin, wie ein Sack Kartoffeln. Auch die anderen Shieka waren vor Schreck gelähmt. Starrten ihn entsetzt an. „Wie kommst du zu ihm?“, verlangte Ganon von der Frau zu wissen. Mit zitternder Stimme sagte Riha, ohne aufzublicken: „Wir waren auf halbem Wege hierher, als ein Bote zu uns kam. Er übergab den Jungen dem Ältesten und bat darum, dass wir ihn aufnehmen und für ihn sorgen. Er warnte uns auch vor Euch, darum sollten wir so weit wie möglich von Hyrule fern bleiben, zumindest bis der Junge groß genug war. Der Bote sagte, dass sein Herr selbst von der Mutter des Jungen um Hilfe gebeten wurde.“ „Wer ist der Herr? Wer hat den Boten geschickt?“ „Es war der Priester der Zitadelle von Hyrule…“ Also war es Rauru gewesen. Das hätte sich Ganon gleich denken können. Wenn er einmal Hyrule einnahm – dann sollte der Priester der Erste sein, der zur Warnung für die anderen exekutiert werden würde. Damit war es endgültig vorbei. Diese Leute hatten ihre Aufgabe beendet und waren wertlos geworden. Sie langweilten ihn nur noch. „Brennt die Zelte nieder!“, sprach Ganon. „Aber verschont möglichst die Leben dieser bedauerlichen Menschen!“ Seine Krieger taten sofort, wie ihnen befohlen. Und unter den Menschen brach Panik und Geschrei aus. Wieder wandte er das Pferd. „Ha!“, rief er aus und sein Rappe setzte sich in Bewegung. Ganon wandte sich nach Westen, zum Meer von Termina… Den ganzen Ritt über heulte der Junge. Sein Jammern hörte und hörte nicht auf, was Ganon fast wahnsinnig machte. Er hatte große Lust ihn mit Gewalt zum Schweigen zu bringen, aber er hielt sich zurück. Es dauerte Stunden bis sie ankamen. Die Sonne war schon tief mit ihnen gezogen. Das Meer lag ruhig da und die Sonne schien auf das Wasser. Die zwei Boote des Fischers, der in einer kleinen Hütte am Meer hauste, stießen leise aneinander und das Holz knirschte. Weit draußen lag das Forschungslabor des Großvetters des Onkels der Stiefschwester des Bruders des Wissenschaftlers am Hylia-See. Das war Absicht, hehe Ganon ließ seinen Rappen austraben und hielt ihn schließlich an. Dann griff er nach dem jammernden Häufchen und warf es vom Pferd. Der Junge blieb liegen und heulte weiter. Die Augen waren geschwollen, die Wangen gerötet und der Rotz lief ungeniert aus der Nase um sich mit den Salztränen zu vermischen. Auch Ganon stieg ab, schnürte den Wasserbeutel vom Sattel und wandte sich um. Der Junge starrte ängstlich zu ihm hoch und mit jedem Schritt, den er auf ihn zukam, rutschte der Knabe nach hinten. Die Augen des Knaben leuchteten noch und die Pupillen waren noch rund wie bei jedem normalen Menschen. Er verdrehte die Augen und packte den Jungen erneut am Kragen, der ebenso erneut aufschrie. Ganon schüttete dem Jungen Wasser übers Gesicht und wischte mit der Hand immer wieder drüber. Und schüttete wieder Wasser. Bis die Tränen und der Rotz weggewaschen waren. Der Junge hustete und keuchte, ihm war Wasser in den Mund gelaufen und er hatte sich verschluckt. „Bitte, Sir.“, fing der Junge wieder an zu jammern. „Bitte lasst mich wieder nach Hause! Ich will wieder zu Riha…“ „Ruhe!“, befahl Ganon. „Ich will dich nicht mehr jammern hören – ist das klar?“ Der Junge starrte ihn mit großen Augen an und nickte. Endlich herrschte Ruhe! Ganon band den Beutel wieder an den Sattel und blickte auf das Meer, das sich vor ihnen ausbreitete. Er wusste genau, wo er die Nacht verbringen wollte. Darum hob er erneuet die Hand. Der Himmel verdunkelte sich – und ein Blitz zischte aus seiner Hand senkrecht in die Höhe. Es dauerte nur einen Atemzug lang, dann klärte der Himmel auf und die Gegend lag wieder friedlich da. Doch dieser Atemzug reichte um den Knaben wieder vor Angst schreien zu lassen. „Wirst du wohl endlich Ruhe geben!“, fuhr Ganon ihn an. Er schritt auf ihn zu, beugte sich zu ihm herunter und packte ihn am Arm um ihn zu sich heranzuziehen. Der Junge zitterte am ganzen Leib vor Furcht. „Ein kleines, dürres und schwaches Knochengerüst – mehr bist du nicht.“, sagte Ganon und seufzte. „Das wird viel Arbeit, die verlorenen Jahre aufzuholen.“ „Bitte, Sir. Ich verstehe nicht…“, stotterte sein Sohn. „Sir nennst du mich?“ Ganon lachte. „Deinen eigenen Vater redest du so förmlich an?“ Der Junge senkte den Kopf. „…S…Sir…Ihr könnt unmöglich mein Vater sein. Ihr…Ihr seid stark und mächtig. Ich dagegen bin nur klein und dumm…“ „Ach, das denkst du also?“, unterbrach Ganon – und drückte ihn an sich. Den Arm hielt er immer noch fest umklammert. „Ich zeige dir jetzt wozu du in der Lage bist!“ Und er drückte zu. Er drückte den Arm des Jungen fest zu, sodass der Junge Schmerzen haben musste. Der Knabe schrie vor Qual. Doch in seiner Handfläche bildete sich ein winziges Licht. Ein kleines bläuliches Licht. Der Junge machte große Augen vor Erstaunen. Vergessen war der Schmerz. Plötzlich wurde das Licht schwarz. Und gleich darauf schoss daraus eine reine blaue Stichflamme empor. Einen winzigen Augenblick lang, dann erlosch das Licht und nur eine kleine Rauchsäule blieb übrig. „Das war ich?“, fragte sein Sohn ungläubig. Ganon ließ seine Hand los, auf der ein roter Abdruck zurückblieb. „Ja, das war deine Magie, ich habe sie lediglich gelenkt. Weil du dazu noch nicht in der Lage bist.“ Er erhob sich und zerrte auch den Jungen auf die Beine. „Von nun an dulde ich nur noch die Anrede Meister! Und du bleibst an meiner Seite, hast du verstanden?“ „J…ja, Meister.“, antwortete sein Sohn und starrte beeindruckt und neugierig auf seine Handfläche, als wäre sie mit magischen Formeln und Zaubersprüchen bespickt. „Gut so. Doch zu allererst will ich deinen Namen wissen. Wie lautet er? Dein Geburtsname.“ Der Junge sah sich unsicher um, als befürchte er einen Angriff aus dem Hinterhalt. „Ganondorf, Meister. So nenn…nannte man mich im Shiekavolk.“ „Ganondorf?“ Ganon war mehr als verwundert. Doch dann musste er lachen. „Denn Namen kann dir nur deine Mutter gegeben haben! Dann wirst du ihn wohl oder übel behalten! Ich erkenne ihn an.“ Ich hasse diesen Namen – ich hasse ihn >o

Gerade als Ganon seinem Pferd über den Rücken streichelte, sah er mehrere Schatten am Horizont. „Das wurde auch Zeit!“, knurrte er. „Was ist das, Meister?“, fragte sein Sohn unsicher. Auch er hatte die Schemen bemerkt. „Das ist eine Flotte der Gerudos von Termina. Sie leben zu Wasser – auf der Wasserfestung.“ Die Schatten nahmen schnell Gestalt an und wurden scharf. Es waren drei Kanus und eine riesige Gondel. Die Gondel war mit goldenen und silbernen Verzierungen geschmückt und mehrere Kriegerinnen saßen an den zehn Paddeln um sie zu bedienen. Das Boot hielt einige Schritte weit draußen an, doch zwei kleine Kanus ruderten weiter in ihre Richtung. Bis sie in den Sand stießen, dann stiegen die Frauen heraus und zogen die Boote mit vereinten Kräften an Land. „Herr!“, rief eine Frau aus. „Willkommen, Herr!“ Sie war die erste, die auf die Knie fiel. Ihr folgten die anderen Frauen. Er forderte sie mit einer Geste auf sich zu erheben. Doch als eine Frau seinen Sohn erblickte fuhr sie auf und zog den Dolch, den sie an ihren Hüften trug. Sein Sohn aber klammerte sich angsterfüllt an sein Hemd. „Halt!“, befahl Ganon und legte ihm die Hand auf den Kopf. „Steck deine Waffe weg! Er ist kein Feind – er ist mein Sohn!“ Erschrocken und überaus verwirrt atmeten die Gerudos ein. Dennoch verbeugten sich die Frauen und wichen zurück. Sie machten Platz, damit er und der Junge in eines der Kanus steigen konnten. Eine der Frauen ergriff die Zügel des Pferdes um es auf das andere Kanu zu laden. Ganon schritt auf das Kanu zu und wollte bereits hinein steigen. Doch sein Sohn zerrte an seinem Hemd. Verwundert blickte er nach unten. „Meister!“, quiekte sein Sohn. „Fahren wir mit diesen Booten?“ „Natürlich, wenn ich sie schon gerufen habe!“ „Aber, Meister!“, quiekte sein Sohn nun schon panischer. „Ich kann nicht schwimmen!“ Er musste lachen. „Ich auch nicht.“ „Aber was ist wenn wir ins Wasser fallen?“, fragte sein Sohn hysterisch. „Das werden wir schon nicht.“, versicherte er. „Und wenn doch?“
Ganon schüttelte stöhnend den Kopf, ergriff seinen Sohn am Kragen und drückte ihn an seine Brust. „Ich falle nicht ins Wasser. Halt dich an mir fest, dann fällst auch du nicht.“ Als Ganon in das Kanu stieg und es wackelte, schlang der Knabe ängstlich die Arme um seinen Hals. Auch während der Fahrt spürte Ganon die Angst. Der Junge war unruhig und blickte immer wieder nervös aufs Wasser. Doch noch schlimmer wurde es, als sie an der großen Gondel angekommen waren. Als sie im Kanu aufstanden um auf die Gondel über zu steigen wackelte es heftig, was den Jungen so in Panik versetzte, dass er sich an Ganon festkrallte und sich nicht lösen ließ um einer Gerudo übergeben zu werden, die sich über den Gondelrand lehnte um ihn entgegenzunehmen. Ganon gab es schließlich auf und deutete der Frau zurückzutreten, was diese auch sogleich tat. Er konzentrierte sich stark um sich vom Boden zu lösen und als er genug Magie aufgebracht hatte hob er ab und schwebte geschmeidig auf das Deck des großen Wasserfahrzeuges. Die Gerudos ebenso wie der Junge staunten über diese sonderliche Fähigkeit. Die im Übrigen eine enorme Menge an Konzentration und Magie erforderte. „So! Jetzt kann nur noch ein Trottel ins Wasser fallen!“, sagte er zu dem Jungen ab, der noch immer nicht ganz begriff, was da geschehen war. An Deck waren viele Frauen, die sich augenblicklich, sobald sie die Überraschung überwunden hatten, verbeugten. „Ich hasse Wasser!“, keuchte der Knabe mit rasselndem Atem. Auf dem Deck befand sich ein kleines Podest, auf dem ein vergoldeter Thron prahlte. Er ging darauf zu um sich zu setzen. Am Fuße des Podestes wollte er den Jungen absetzen, doch der krallte sich nur noch fester in sein Hemd. „Jetzt kannst du loslassen, wir fallen nicht mehr ins Wasser.“ Er knickte die kleinen Finger um und befreite sich so. Doch kaum war sein Sohn mit den eigenen Füßen auf dem Boden, klammerte er sich an den Zipfel von Ganons Hemd. „Aber das Boot kann kentern!“, gab der Kleine zurück. „Kentern?“ „Ja, wenn es gegen eine Felswand oder Eisberg ;) prallt, oder wenn eine riesige Welle über es hinwegrauscht!“ Ganon musste herzhaft darüber lachen und fuhr seinem Sohn durch die Haare. „Die Fantasien eines Kindes.“, lachte er. Plötzlich gab es einen Knall und schlagartig war es ruhig auf der Gondel. „NEIN, DAS WERDE ICH NICHT!“, brüllte eine Frauenstimme. Das Gitter am Bug des Bootes war aufgeschlagen worden, von der brüllenden Frau. Die jetzt die Stufen an Deck hinaufgetrampelt kam. An Deck blieb die Frau stehen mit hochgezogener Nase. „Nema!“, zischte eine andere Frau wütend, die ihr gleich folgte. Die folgende Frau trug ein giftgrünes Gerudogewand. Um ihren Hals glänzte ein schimmernder Smaragd, der von ihrem hohen Stand zeugte. Nur Frauen, die ihre Stärke bewiesen hatten, durften ein solches Schmuckstück tragen. „Er ist nicht unser König! Ich bin die Königin der Piraten von Termina! Ich! Ich! Ich!“, schrie die Frau weiter. Dann erblickte das hysterische Weib ihn. Ganon, der vor ihrem Thron stand, auf dem sie immer geglänzt hatte. Mit wutverzerrtem Gesicht marschierte die Frau auf ihn zu. Und kaum war sie bei ihm, schrie Nema weiter. „Nie ist der König der Gerudos zu uns gekommen, warum sollten wir dich dann willkommen heißen? Noch dazu, als wärst du unser Herrscher. Verschwinde in die Wüste zurück, in das Drecksloch aus dem du gekrochen bist! Und den grässlichen Zwerg kannst du wieder mitnehmen! Elende Männer, die ihr seid!“ Okay, jedem der Majoras Mask gespielt hat, dem ist mein Missgeschick jetzt aufgefallen. Avil ist von mir aus Versehen mit dem Namen Nema getauft worden. Ich habe es mitlerweile auch mitbekommen. Jedoch behalte ich NEMA bei, da ich den viel passender finde (klingt genauso naiv und arrogant wie die Person selbst). Ich hoffe ihr könnt mir verzeihen, ich bin alles andere als perfekt – aber ich gebe mir Mühe dabei ^^ Sein Sohn ließ sich einschüchtern und vergrub das Gesicht in sein Hemd. Ganon aber zuckte nicht einmal mit der Wimper. Was kümmerte ihn ein wahnsinniges Frauenzimmer, das Angst hatte nicht mehr Königin spielen zu dürfen? Sie interessierte ihn nicht. Doch das hieß nicht, dass er es zuließ, dass eine Dienerin so mit ihm sprach. „Leleo!“, befahl Ganon der anderen Frau, die zu ihnen trat. „Schneide ihr die Kehle durch!“ Sie gehorchte sofort, sie wusste wem sie in aller erster Linie zu gehorchen hatte. Ohne auch nur einen Augenblick untätig verstreichen zu lassen, zog Leleo den Dolch aus der Scheide und ehe Nema begriff wie ihr geschah, hatte Leleo sie an den Haaren gepackt. Nema schrie wie am Spieß. Während Leleo den Dolch hob und mit ausdruckslosem Gesicht zum Schlag ausholte. „Nein, Leleo! Das kannst du nicht machen! LELEO!“ Die Dolchspitze schimmerte in der Sonne. Nema wehrte sich mit Händen und Füßen, doch ihre Gefährtin war stärker und geübter im Nahkampf. Die schreiende Frau hob schützend die Arme vors Gesicht. „Stopp! Das reicht!“, sagte Ganon. Leleo ließ die junge Frau los und steckte den Dolch ebenso schnell wie geschmeidig wieder ein. Aber Nema war keineswegs so elegant. Sie keuchte und tastete panisch an ihrem Hals entlang. Sie saugte die Luft in ihre Lungen, als wäre darin Partikel aus purem Gold. Mit einem abfälligen Blick auf sie setzte Ganon sich auf den Thron der Gondel. „Das soll dir eine Lehre sein, elendes Weib! Wage es nie wieder meine Autorität in Frage zu stellen, erst recht nicht auf so frevelhafte Weise! Sonst erwürge ich dich mit meinen eigenen Händen!“ Die Ältere der beiden stieß die Jüngere zu Boden und verbeugte sich selbst. „Ja…Herr!“, knirschte Nema mit den Zähnen. „Ver…verzeiht…“ „Verschwinde wieder unter Deck und bleib dort! Ich will, dass du mir, während meines Aufenthalts, nicht mehr unter die Augen trittst!“ Mit zitterndem Körper und geballten Fäusten stand Nema auf und ging. Ganon gab einen Wink und die Gondel setzte sich in Bewegung. Der plötzliche Ruck ließ das Boot ausschwenken und der Junge begann wieder zu schreien. Und zwar so laut, dass alle Frauen an Bord erschrocken auffuhren. Ganon lehnte sich seufzend zurück und legte sich die Hand auf die Augen. Wenn er noch einen einzigen Schrei hören musste, dann… Schreie waren fast das Einzige, was seinen Ohren heute vergönnt gewesen war. Er musste das Gejubel seiner willenlosen und ebenso hirnarmen Kreaturen, die er aus Steinen und Knochen geschaffen hatte, ertragen, dann die Beleidigungen zweier niedriger Frauen, die es wagten ihm in die Augen zu sehen. Und jetzt das nicht enden wollende Gekreische eines lächerlich ängstlichen Knaben seines Blutes, dessen Fantasie über den Tod größer war als die eigene Körperlänge. Umso erleichterter war er als Leleo den Jungen übernahm. Sie legte dem Jungen die Hand auf die Schulter und lächelte freundlich. „Warum schreist du so, junger Mann? Es gibt doch keinen Grund.“ Anmerkung: In Teil 1 sagte Leleo, dass sie Kim nicht mehr gesehen hatte, seit er ein Säugling war, sie hatte sich aber versprochen *gg*. Sie wollte eigentlich Kleinkind sagen! „Ich will nicht ertrinken!“, schniefte er.
Die Frau lachte leise. „Von diesem Boot fällst du doch nicht herunter.“ „Das geht schneller als man denkt!“
Nun lachte die Frau nur noch mehr. „Na schön, Kleiner. Dagegen kann man etwas tun. Komm mit!“ Unsicher blickte sein Sohn zurück, zu ihm. Sein Sohn wagte es nicht sich ohne seine Erlaubnis seiner Nähe zu entziehen. Was Ganon erheiterte. Diese grooooße Furcht allem und jedem gegenüber. „Geh nur, dann haben meine Ohren Zeit sich von deinem Geschrei zu erholen.“, sagte Ganon und schwang mit der Hand. Leleo reichte dem Knaben die Hand und er nahm sie. Sie gingen gemeinsam weg, unter Deck. Endlich hatte er Ruhe! Wohlverdiente Ruhe! In Gedanken ging er die nächsten Schritte durch. Das Wichtigste im Augenblick war seinen Sohn in die Wüste zu bringen. Er würde ihn ihm Geistertempel verstecken, bis der Junge kräftig war und seine Magie zu beherrschen gelernt hatte. Aber das Gerudotal durfte sein Sohn auf keinen Fall verlassen – denn seine Existenz musste unter allen Umständen geheim bleiben! Bis es so weit war die Rache in die Tat umzusetzen. Die Gondel schwang sachte in den Wellen des Meeres, das vor sich hin rauschte. Die Fahrt dauerte gar nicht lange, sie mussten nur um die Felskette herumfahren, dort lag, umschlossen von den hohen, steilen Felsen, die Wasserfestung. Eine Frau, die an der Bootsspitze saß, nahm ihr an den Hüften gebundenes Horn – und blies hinein. Ein tiefer Ton durchschnitt das Rauschen des Wassers. Und ehe man sich versah – glitt eine geheime Felswand auf. Nein, eigentlich war es ein altes rostiges Metalltor, das so geschickt getarnt war, dass kein Unwissender es von der Steinwand zu unterscheiden wusste. So fuhren die Kanus und die große goldene Gondel in den Hafen des Gerudostammes von Termina ein. Es war ein großer, ovalförmiger Hafen, in dem die ganzen Boote abgeladen standen und bereit für Fahrten ans Festland um dort den einen oder anderen Überfall der Kriegerinnen zu ermöglichen. Vier kleine Kanus fuhren ihren Kreis um den Wasserplatz, die Wächterinnen darauf gingen ihrer alltäglichen Arbeit nach. Auf der gegenüberliegenden Seite war ein weiteres Tor aus Metall. Doch dieses war nicht wie das andere, es war nicht getarnt – es war majestätisch. Eingehauene Verziehrungen und wasserfeste Farben aus weiß, rot und bronze verliehen ihm eine atemberaubende Pracht und zeugte von den Reichtümern, die hinter ihm verborgen lagen. Das Tor hinter ihnen ging zu und die Gondel wurde an den kleinen, metallenen Steg gelenkt, der die linke Seite des verzierten Tores entlangführte. Das Boot stieß leicht dagegen als es anhielt und das rostige Metall klirrte leise. Ganon schreckte aus seinem leichten Döszustand und erhob sich. Sie waren angekommen. Hier wollte er die Nacht verbringen um morgen früh mit seinem Sohn aufzubrechen. Als das Boot ruhig da lag und die ersten Frauen die Seile herunter auf den Steg kletterten, stieg auch Leleo, den Jungen im Schlepptau, vom Deck heraus. Sein Sohn hatte jetzt einen Lederriemen um die Hüfte gebunden, an dem eine ebenso lederne Scheide baumelte. Der Griff eines Dolches schimmerte daraus hervor. Ein silberner Griff mit einem blutroten Stein am Griffende. Ganon runzelte die Stirn. „Ein Dolch?“ Der Junge löste den Blick vom bedrohlichen Bootsrand und strahlte ihn an. Er zog mit einer flinken Bewegung die Waffe heraus. „Den hat mir Leleo geschenkt, damit ich keine Angst mehr zu haben brauche!“ Noch stärker legte sich Ganons Stirn in Falten. Denn wie lautete ein Sprichwort? Es ist leichter gesagt als getan.

Kaum waren sie am Rand und sah der Junge nach unten in der Tiefe, wo das Wasser zwischen Boot und Steg rauschte – war der Mut verpufft. Die Knie wackelten dem Knaben vor Furcht. „Ich will da nicht runter!“ Ganon hatte die Geduld mit ihm verloren. Nicht besonders sanft packte er den Jungen und warf ihn sich über die Schulter. Der Junge schrie erneut auf. „Wenn du nicht augenblicklich ruhe gibst, schlage ich dich!“, drohte Ganon ihm und das wirkte. Noch mehr als vor dem Wasser hatte der Junge scheinbar vor ihm Angst und verstummte aufs Wort. Auch dieses Mal hoben sie ein wenig vom Boden hoch und landeten leicht auf dem Metallsteg, der unter dem Gewicht ächzte. Doch auch auf festem Boden hatte der Junge noch Angst. So ließ er los, doch der Junge klebte noch immer an ihm. Ganon kümmerte es nicht. Er lief weiter, den schmalen Steg entlang, sogleich eine Anhebung machte und eine Öffnung preisgab. Ganon schritt in den Gang hinein. Einige Frauen eilten an ihm vorbei und voraus, um ihn anzukündigen. Das Erste was der Kleine sah – und was ihn schwer beeindruckte – war der kolossale Wachturm in der Mitte der Festung. Eine hölzerne Hängebrücke verband den Turm mit einem der Baue. Die Gebäude, sie war wie das Tor aus Metall, bildeten einen Kreis um ihn. Auf dem Metall kugelten sich feingemalte Muster und Verschnörkelungen in allen Farben, die es zu bestaunen galt. Doch der Bau, mit dem Wachturm verbunden, war der prächtigste. An der Frontwand fiel ein roter Teppich mit goldenen Stickereien herab. Ein Totenschädel mit zwei gekreuzten Säbeln. Sein Sohn blieb wie gebannt stehen und seine Augen leuchteten vor Ehrfurcht über dieses Bauwerk menschlicher Hände. Was Ganon amüsierte. Er legte dem Jungen die Hand auf den Kopf. Was den Jungen zusammenzucken ließ. „Hier gibt es viele Wunder zu bestaunen. Doch warte erst bis wir in der Wüste sind!“ „Wüste?“, murmelte der Knabe verständnislos. Die Wachen, die ihre Patroulien um den Platz zogen, blieben stehen und verbeugten sich tief. Sie überquerten den Platz und betraten eines der Gebäude durch einen Gang. Die Flure, die sie durchquerten, es waren so viele, waren düster und trübe. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie die Tür erreichten, die zum Thronsaal führte. Es war eine Tür, von einem Goldrahmen umgeben, durch den sich rote Verziehrungen schlängelten. Zur Rechten und zur Linken brannten zwei Fackeln. Darüber hing ein Totenkopf mit blutroten Federn geschmückt. „I…ist das ein echter menschlicher…?“, stockte der Junge. Er beendete den Satz nicht. „Das ist der Schädel eines Mannes, der meinte er schaffe es unsere Schätze zu stehlen.“, antwortete Leleo und kicherte leise dabei. „Er hat es nicht einmal an der Hafenwache vorbeigeschafft, aber es war mutig von ihm uns in unsere Festung zu folgen. Er erhielt einen ehrenvollen Tod und nun soll sein Geist unsere Festung schützen.“ Der Knabe schüttelte sich. Die Tür knarrte, als sie geöffnet wurde. Endlich waren sie im Thronsaal angekommen. Es war ein großer Raum, doch nicht im Mindesten konnte er mit den erhabenen Sälen im Geistertempel mithalten. Auf der rechten Seite brannte ein kleines Feuer im Offen, das dem Raum eine wohlige Wärme spendete. Gegenüber war der Thron. Doch es war kein einfacher gepolsterter Stuhl, es war ein ganzes Sofa! In rot. Kunstvolle Speere verliehen ihm eine Autorität wie es nicht besser hätte sein können. Ein Teppich wie draußen, nur etwas kleiner, nahm die ganze Wand hinter dem Sofa ein. Doch die größte Aufmerksamkeit des Betrachters erhaschte wohl das große Aquarium auf der linken Seite. Besonders die eines Kindes. Der Junge löste sich schließlich doch von seinem Bein und raste in Windeseile zu dem Kasten aus Glas. In dem Wasser bewegten sich sachte ein paar Algen und Wasserpflanzen. Zwei kleine, seltsam deformierte Fische von goldener Farbe schwammen ebenfalls darin. Erneut legte Ganon seinem Sohn die Hand auf den Kopf und fuhr ihm mit einer innigen Geste durch die Haare. „Sie sind schön, nicht wahr?“ „Ja, aber sie sehen nicht aus wie Fische. Was sind das, Meister?“ „Das sind Seepferdchen. Eine sehr seltene Art von Fischen.“, erwiderte Ganon. „Pferde!“, stieß der Junge begeistert hervor. Ganon lachte. Jedoch erstaunte es ihn wie schnell der Kleine die Shieka, die ihn bis jetzt großgezogen hatten, vergessen hatte. Zumindest weiteres Gejammer hätte Ganon erwartet. Oder Traurigkeit – weiß Shjra was – aber der Junge weinte dieser unverschämten Frau keine Träne mehr nach. Umso besser für Ganon! Er konnte ewiges Hängen an der Vergangenheit sowieso nicht ausstehen! Plötzlich sprach sein Sohn: „Die Pferdchen sehen traurig aus. Ich glaube sie vermissen ihr zu Hause…“ Tja, wie schnell man sich täuschen konnte. Ganon seufzte. „Ich vermisse meine Heimat auch, darum will ich so schnell wie möglich wieder dorthin. Und du solltest dich auch ausruhen, statt dich mit dem Schicksal irgendwelcher Fische zu beschäftigen. Wir brechen gleich früh auf.“ Der Junge öffnete den Mund, als wolle er etwas entgegnen, doch sie wurden gestört. Vier Frauen trugen einen langen Holztisch herein und stellten ihn in der Mitte des Raumes auf. Ihnen folgten weitere Frauen, die Schüsseln auf den Armen hatten um sie darauf abzustellen. Auch zwei Krüge mit Wein und Wasser und zwei Becher. Der Krug mit Wein wurde von Leleo hingestellt. „Herr, das Mahl ist für Euch und Euren Sohn vorbereitet.“ Der Knabe sah zu ihm auf und starrte ihn erwartungsvoll an. Sicher hatte der Kleine Hunger, sie waren lange geritten ohne jede Pause. „Geh nur und iss. Aber lass mir was übrig.“, scherzte Ganon und gab ihm einen kleinen Schubs. Der Junge ließ es sich nicht zweimal sagen und stürzte sich auf das Essen. Als erstes auf die Brotschale. Er nahm gleich zwei Scheiben, eine in jede Hand, und biss abwechselnd in die eine und in die andere. Während Leleo einen Becher füllte und den Jungen schmunzelnd beobachtete, setzte Ganon sich auf das rote Sofa. Da muss ich mal sagen, dass das echt bescheuert ist! Ein ROTES SOFA! Wo waren die Entwickler von Majoras Mask gerade mit ihren Gedanken? Tse, tse… Es war nicht gerade komfortabel. Um nicht zu sagen – lachhaft, übertrieben, ungemütlich und das Erzeugnis reinster Dummheit und Faulheit. Aber es erfüllte den Zweck, den Ganon ihm für sich zugewiesen hatte. Immerhin konnte er sich setzen, zurücklehnen und entspannen. „Warum seid Ihr hier, an diesem weit entfernten Ort?“ Leleo, die sich neben ihn gesellt hatte, selbstverständlich stand sie, reichte ihm den Becher. Ganon nahm einen kräftigen Schluck. Die süße Flüssigkeit zerfloss auf seiner Zunge. Ein Nektar, der einen angenehmen schwachen Rausch mit sich brachte. „Er ist der Grund.“, erwiderte Ganon und nickte in die Richtung des Knaben, der mit euphorischem Schwung kleine Brotkrümel ins Wasser warf und beobachtete, wie die Seepferdchen sich an dem willkommenen Fressen labten. Keine Ahnung was Seepferdchen fressen – der Meeresbiologe unter euch möge schweigend den Kopf schütteln ;) Leleo musterte den Jungen. „Nun, er sieht Euch sehr ähnlich und rote Haare hat er auch… Aber Herr…dass er Euer leiblicher Sohn ist, das kann nicht sein…“ Wieder trank Ganon. „Ach? Und warum nicht?“ „Herr, es ist Euch verboten Euer Blut weiterzugeben!“, predigte Leleo. Die Augen verdrehend winkte Ganon ab. „Dieses Gesetz war sowieso schon veraltet. Warum sollte ich mir nicht auch die Freuden des Menschseins gönnen?“ Die Frau erstarrte, das Gesicht verzog sich. Ganon hatte es absichtlich gesagt, umso belustigender fand er es. „Dann will ich mir das Freudenhaus nicht vorstellen, in dem Ihr Euch vergnügt habt.“ Ganon lachte. „Wer sagt, dass es eine Frau fremden Blutes war?“ Schockiert starrte sie Ganon an. „Keine Frau unseres Volkes würde ein Gesetz der alten Zeit brechen. Auch nicht für Euch. Es ist unsere…“ „Ich habe mir genommen, was ich wollte.“, unterbrach Ganon. „Wenn ein Missgeschick passiert, dann war es Shjras Wille, nicht meiner.“ Das verschlug Leleo ganz die Sprache. Leleo war die Farbe aus dem Gesicht gewichen. „Dann ist der Junge wirklich Euer Sohn…?“ „Nichts ist mehr mein Fleisch und Blut als er.“ Plötzlich durchschnitt ein zischendes Geräusch die Luft. Ein starkes Husten und Würgen folgte – und ein ohrenbetäubendes Klirren. Die gesamten Anwesenden im Raum fuhren zusammen und wandten sich der Ursache zu. Der Junge stand entgeistert und erschrocken da und starrte auf den Boden, wo die Scherben des Bechers sich vor ihm ausbreiteten und ihren Inhalt freigaben. Der Wein floss über das Metall. Als sich der Junge zu trinken eingeschüttet hatte, musste er den Krug mit Wein erwischt haben, das sah man an seiner Kleidung, die mit roten Flecken übergossen war. Der Weingeschmack hatte ihm so gegraut, dass er sich erschrocken und verschluckt hatte. Die Anwesenden starrten ihn verwundert an und der Junge sah von den Scherben auf und starrte zu ihm herauf. Zu Ganon, dem zum Lachen zu Mute war – wie den restlichen Gegenwärtigen. Die Augen des Jungen waren auf die doppelte Größe angeschwollen und begannen allmählich zu glänzen. Sie füllten sich mit Tränen. Auch einige der Frauen fingen gleich an zu weinen, vor unterdrücktem Lachen. Man sah ihnen an wie viel Mühe sie hatten es zu unterdrücken. Der Kleine fing an zu heulen. Erst verzog sich sein Gesicht und sein Körper fing an zu zittern. Dann begann das ohrenzerschmetternde und von den Wänden widerhallende Weinen. Leleo schluckte ihr Lachen hinunter und stieß stattdessen heraus: „Ich kümmere mich um ihn. Das Nachtgemach ist für Euch vorbereitet.“ „Gut.“, piff Ganon zwischen den Zähnen heraus und winkte ihr zu gehen. Die Frau verbeugte sich und schritt davon. Im Vorbeigehen ergriff sie den Knaben, hob ihn hoch und trug ihn hinaus. Ganon schickte die anderen Frauen hinaus. Er wartete bis er allein war, ehe er sich erhob und ebenfalls seinen Hunger stillte. Langsamen Schrittes ging er im großen Saal auf und ab. Er ging hin und her. In seinem Kopf arbeitete es auf Hochtouren.

Was also waren die nächsten Schritte? Die Reise nach Hause. Der Geistertempel… Die Erziehung war sicher ein hartes Stück Arbeit. Schon allein wenn der Junge normal gewesen wäre. Aber ein kleiner Jammerlappen – das hatte ihm gerade noch gefehlt. Während er seine Runden lief und nur ab und an am Aquarium stehen blieb um dem Tanz der Seepferde zuzusehen, vergingen die Stunden. Stunde um Stunde. Und auch er spürte allmählich die Müdigkeit, die ihn heimsuchte. Herzhaft gähnte er. Es war Zeit, dass auch er nächtigte. Sonst konnten sie morgen nicht gleich früh aufbrechen – und weitere Vergeudung seiner Zeit konnte er sich nicht mehr leisten! Ganon machte sich auf den Weg durch die Gänge. Er fragte eine vorübergehende Wache wo sein Zimmer lag und sie führte ihn bereitwillig hin. Sie öffnete die Tür. Der Raum war klein aber gemütlich. Eine Kommode trug Waschschüssel, Nachtgewänder und frische Tageskleidung. Und eine Schale mit Obst. Das Fenster war genau darüber und ließ frische Meeresluft herein. Neben dem Bett auf der anderen Seite, auf dem kleinen Nachtisch stand eine eingeglaste Öllampe. Auf dem Bett saßen Leleo und der Junge zusammen, ein Holzbrett mit unterschiedlich großen schwarzen Kreisen und Zahlen darauf. Der Knabe war gerade dabei gewesen einen seiner dunklen Steine auf eine bestimmte Kreislinie zu legen. Ganon kannte das Spiel, es war ein uraltes Spiel, das noch aus der alten Zeit stammte und unter den Gerudos schon immer sehr beliebt gewesen war. Es wurde mit dem Brett, sieben hellen und sieben dunklen Steinen gespielt. Er hatte es in seiner Kindheit selbst häufig gespielt. Naboru war meist seine Gegnerin gewesen – er hatte sie jedes Mal geschlagen. Jedes Mal. Unweigerlich musste er lächeln. Leleo schien es seinem Sohn beigebracht zu haben. Als er herein trat sahen beide auf. „Gut Kleiner, für heute beenden wir das Spiel. Fürs erste hast du dich gar nicht schlecht geschlagen.“, lobte Leleo und sammelte die Steine auf um sie in den Tonkrug zurückzulegen. „Danke.“, nuschelte der Junge verlegen. „Das Spiel macht Spaß!“ Keiner der beiden gab Ganon preis, dass der Junge zwar das erste Spiel, das Testspiel, verloren hatte, jedoch danach nur noch gewonnen hatte. In allen Partien hatte er Leleo geschlagen. Leleo war regelrecht geschockt gewesen und hatte ihn gefragt ob er dieses Spiel schon kannte, der Junge hatte es verneint, aber sie glaubte es nicht, da es doch unmöglich war, dass ein kleiner Junge so klug und begabt war. Die Frau erhob sich lächelnd, mit Brett und Krug. „Wir können es vielleicht morgen noch einmal spielen.“ Der Junge nickte und sie wandte sich ab. Leleo schritt an Ganon vorbei und wünschte ihnen eine gute Nacht. Hinter ihr fiel die Tür in die Angel. Ganon gähnte erneut und griff nach einem Nachtgewand um es sich anzulegen. Sein Sohn war unter die Decke geschlüpft und beobachtete ihn aufmerksam als er sich auf die Nacht vorbereite. Als er seine Kleidung eintauschte und Gesicht und Hände in der Waschschüssel reinigte. Er konnte das Salz auf seiner Haut spüren. „Meister, was ist eine Wüste?“, fragte der Junge auf einmal. Ganon sah verwundert auf. „Eine Wüste? Weißt du das nicht?“ Der Junge blieb stumm. Kopfschüttelnd ging Ganon zum Bett hinüber und legte sich neben seinem Sohn hin. Die Arme hinter dem Kopf begann er zu erklären. „Du erinnerst dich als wir auf dem Sand gestanden haben und das Meer vor uns lag?“ „Ja.“

„Jetzt stell dir vor statt des Wassers gäbe es nur Sand. Das ist eine Wüste.“ „Nur Sand?“, staunte der Junge. „Nichts anderes? Soweit das Auge reicht?“ „Soweit das Auge reicht.“, bestätigte Ganon – und gähnte erneut. Ohne zu schauen tastete er nach der Öllampe und drehte ihr den Hahn ab. Die Flamme erlosch ganz langsam und sachte. Dann war es fast dunkel im Raum. Nur das träge Mondlicht schlich sich durch das Fenster herein. Oh, was war die Dunkelheit für eine Wonne! Entspannung und nichts als Entspannung für Körper und Geist – „Aber wenn die Wüste wie das Meer ist, kann man dann im Sand ertrinken?“, durchschnitt es die vollkommene Ruhe. Ganon fuhr zusammen. „…im Sand? Ach nein, du kannst im Sand nicht untergehen. Es sei denn es ist Treibsand.“, sagte er und fügte hinzu: „Und jetzt schlaf, morgen reden wir weiter…“ Dann war es endlich wieder ruhig. Ganons Augenlider senkten sich leicht wie ein Schleier hernieder. Die Müdigkeit säuselte ihm Verlockungen ins Ohr, wie willkommen er in seinen Träumen doch sei. Träume, die nur gutes ver – „Aber wie sollen wir Treibsand von normalem Sand unterscheiden?“, klagte der Junge. „Sonst ertrinken wir doch!“ Ganon zuckte zusammen. Gereizt entgegnete er: „Wenn du in meiner Wüste immer auf dem Pfad bleibst und den Fahnen folgst, dann wird sie dich schon nicht verschlingen. Außerdem kannst du im Treibsand nicht ertrinken sondern nur ersticken – und jetzt SCHLAF!“ Ganon spürte ein Zucken neben sich – dann war es still und reglos im Raum. Der Shjra sei Dank! Jetzt konnte er getrost schlafen! Sofort lullte ihn die Trägheit wieder ein. Der Schlaf übermannte ihn und ergriff Besitz von ihm. Von seinen Augen, von seinen Beinen und Armen, von seinem gesamten Körper. Er war so müde, dass er nicht einmal mehr das Salz roch. Die Wärme seiner Decke kroch in seine Glieder und machte sie taub. Nicht aber seine Ohren, darum – „Meister!“, flüsterte der Junge. Ganon fuhr erneut zusammen. „Kannst du denn nicht endlich still sein!“, jammerte nun Ganon, wie ein getretener Hund. „Wann gibst du denn endlich Ruhe! Ich habe gesagt wir reden morgen! Also schieb deine Neugier gefälligst für den Tag auf! Wenn ich…“ „Das ist es nicht, Meister.“, erwiderte der Junge und regte sich heftig. „Ich muss dringend zum Abort!“ Ganon drehte sich zu ihm um, obwohl er das Gesicht des Knaben nur als schwachen Umriss erkennen konnte. „Dann geh doch!“, zischte Ganon. „Aber stör mich nicht beim Schlafen!“ „Aber Meister! Du musst mitkommen!“ Als erstes war Ganon gelähmt vor Überraschung. Dann fühlte er sich ins Lächerliche gezogen, von dem Winzling. „Wieso soll ich mitkommen? Ich kann mich selbst erleichtern, dabei muss ich dir nicht zusehen!“ Bevor ihm vor Wut noch die Hand ausrutschte drehte sich Ganon auf die andere Seite und schloss die Augen. „Aber Meister!“, wiederholte der Junge. „Ich kann nicht alleine gehen! Ich habe doch Angst im Dunkeln!“ Das gab Ganon den Rest. Mit einem Ruck drehte er sich wieder um. „Du hast WAS? Das gibt es doch nicht! Du jämmerlicher Angsthase – gibt es auch nur etwas hinter dem du nicht den Tod lauern siehst?“ Der Junge regte sich nicht mehr. Gleich darauf kam ein leises Schluchzen aus der Richtung. Ganon bereute seinen Wutausbruch. „Verzeih, mein Sohn. Das war ein hartes Urteil.“, sagte er mit sanfter Stimme. „Du darfst ruhig Angst haben, du bist noch ein Kind. Komm, ich gehe mit dir zum Abort.“ Er setzte sich auf. Doch der Junge blieb liegen. Mit gerunzelter Stirn fragte er. „Bist du mir noch böse?“ Der Junge schluchzte weiter und sah hoch. „Es ist schon zu spät, Meister.“ Noch tiefer wurden die Falten auf Ganons Gesicht. Er entflammte die Öllampe mit einem Schnips seiner Finger. Sein Sohn starrte ihn aus großen, verheulten Augen an und er zog die Decke zurück. Ein dunkler rundlicher Fleck war auf dem Stoff. Der Knabe fing an bitterlich zu weinen. Ganon war am Rande der Verzweiflung. Aus dem Fenster zu springen und auf dem Asphalt zu zerschellen erschien als wesendlich angenehmer als das! Der Junge heulte mit einer unmenschlichen Ausdauer weiter und es schien sich endlos in die Länge zu ziehen – wenn er nicht endlich eingriff. Also packte er den Kleinen unter den Achseln, das Weinen erstarb augenblicklich, hob ihn hoch und lief zur Tür. Wobei er die Arme gestreckt hielt um das urinierende Bündel so weit wie möglich von sich haben zu können. Es gab kaum Situationen in denen er sich so geekelt hatte. Er hob den Fuß – und stieß eine große Delle ins Metall, sodass die Tür aus den Angeln flog. Sogleich schritt er aus dem Zimmer. Eine Wache, die vom Lärm aufgeschreckt war, eilte herbei. Ihr Mund stand weit offen, als sie die Szene erblickte, trotzdem war sie außer Stande etwas zu sagen. „Ich brauche eine Wanne! Richte ein Bad her – sofort! Beeil dich!“, befahl er mit schärferer Stimme als er beabsichtigt hatte. Die Frau vergas ganz sich zu verbeugen, sie stürzte gleich davon. Während er die Gänge entlang ging und spürte wie seine Arme langsam taub vor Anstrengung wurden, hatte sich der Junge beruhigt. Er schniefte nur noch vor sich hin. Um den Rotz, der aus seiner Nase ran, zurückzuziehen. Ganon wurde langsam übel. So ein schreckliches und stinkendes Kind war er, zu seinem Glück, nie – NIE – gewesen! Die Gerudo kam zurück, nun verbeugte sie sich, und führte ihn. In eine kleine Kammer. Mehrere Gerudos waren um eine Metallschüssel versammelt. Die Müdigkeit stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Einige schütteten Wasser in die niedrige Schüssel. Drei stocherten in der Glut um das Wasser in der Schüssel zu erwärmen, die vom Holz durch ein Gittergestell getrennt wurde. Ganon seufzte schwer und stellte den Knaben neben der Schüssel ab. Auch Leleo war da. Sie tauchte ihre Hand ins Wasser. „Verzeiht, Herr. Das Wasser ist nicht sehr warm, wir waren nicht auf so etwas vorbereitet.“ Genervt gab ihr Ganon ein mehrdeutiges Handzeichen und sagte: „Raus! Alle!“ Die Frauen gehorchten aufs Wort. Nur eine stellte noch frische Kleidung auf einen Tisch in der Ecke, die kleinste Größe, die sie finden konnte. Als die Tür zufiel seufzte Ganon erneut und bewegte seine schmerzenden Arme. Der Junge starrte mit verheulten Augen zu ihm herauf. „Was starrst du mich so an? Zieh dich aus!“

Der Junge zog den Kopf ein und tat wie ihm geheißen. Danach ergriff Ganon ihn erneut und hob ihn in die Wanne. Den Schwamm, der neben der Schüssel lag, drückte er dem Jungen in die Hand. Der Knabe stierte mit gerunzelter Stirn auf den Schwamm, als sähe er ein solches Instrument zum ersten Mal. „Auf was wartest du noch?“, äußerte Ganon mit unterdrücktem Zorn. „Wasch dich endlich!“ Der Junge sah verblüfft auf. „Ich? Ich selbst?“ „Natürlich du! Was stellst du für dumme Fragen!“ Zögerlich drückte der Junge den weichen Schwamm und hielt ihm Ganon wieder entgegen. „Ich kann das nicht. Ich habe das noch nie gemacht.“ Ganons Gesicht lief rot an und verzog sich. „Wie, du hast dich noch nie selbst gewaschen?“ Der Kleine schüttelte den Kopf. „Nein, das hat Riha immer gemacht.“ Ganon hatte keine Lust sich auf eine weitere Diskussion, wie die über die Dunkelheit, einzulassen. Darum gab er nach. Er drehte sich zur Tür. „Dann hole ich eine der Frauen und…“ Hinter seinem Rücken begann ein weiterer Schwall aus Schluchzen. Ganon fasste sich verzagt an den Kopf. „Na gut! Ich mache es! Gibst du dann Ruhe?“ Unterwürfig senkte der Knabe den Kopf und nickte, fast unmerklich. Also nahm Ganon den Schwamm und tauchte ihn ins Wasser. Wie machte man so etwas? Nun runzelte er die Stirn. Wie wusch man ein Kind? Er hatte doch keine Ahnung davon! Ganon drückte den Schwamm aus und ließ das Wasser über den Rücken des Jungen fließen. Pah! „Ist das Wasser nicht zu kalt?“, fragte Ganon. Es erstaunte ihn, dass der Junge nicht einmal zuckte, obwohl das Wasser alles andere als warm war. „Ich weiß nicht…“, murmelte der Kleine. Ganon stockte. „Wie, du weißt nicht? Stehe ich in der Wanne oder du?“ Der Junge senkte den Kopf, darum legte Ganon ihm die Hand unters Kinn und hob es hoch. „Ich habe dich etwas gefragt!“ Der Knabe wich seinem Blick aus und holte tief Luft. „Das macht diese Krankheit…die lässt mich weder Kälte noch Wärme spüren…naja, die die von außen kommt. Aber innere Wärme schon…wie Körperwärme und so und…darum.“ „Krankheit…“, wiederholte Ganon. Er erinnerte sich daran, was Sará am Tag der Geburt gesagt hatte. Sie hatte von einer ihr unbekannten Krankheit gesprochen. Was wohl mit der Verwunderung über die helle Hautfarbe zusammenhing. Dann fing Ganon an den Urin abzuwaschen. Und sich mehr denn je zu ärgern. Was er da tat war – Frauenarbeit! Frauenarbeit! Und nichts für einen Mann – für einen König! Frauen hatten sich um Kinder zu kümmern und nicht die Männer! Eine Frau sollte diesen Bengel jetzt waschen! Eine Frau sollte neben dem Bengel liegen, ihn versorgen, für sein Wohlbefinden sorgen. Aber stattdessen stand er jetzt da und wusch ein kleines Kind! Der Kleine beobachtete ihn, er schien jede seiner Bewegungen genau zu studieren. Der Blick schien sich regelrecht in ihn hinein zu bohren. Und sein Fleisch zu verbrennen, mit den warmen Augen. „Du bist fertig!“, zischte Ganon und zog den Jungen blitzschnell aus der Wanne. Der Kleine wusste gar nicht wie ihm geschah. Ganon griff nach dem Handtuch, das fein gefaltet neben der frischen Kleidung auf dem Tisch lag, und wickelte den kleinen Leib darin ein. Und rubbelte ihn trocken. „Das nächste Mal sagst du früher bescheid! Und ab sofort wäscht du dich selbst!“, sagte Ganon währenddessen. „Hast du das verstanden?“ „…ja…“, nuschelte der Knabe.

Ganon zog ihm das frische Nachtgewand an und nahm ihn auf die Arme. Er wollte so schnell wie möglich wieder in sein Bett. Nur das wollte er! Nichts weiter! Auf dem Weg musste er ununterbrochen Gähnen. Vor seinen Augen war ein leichter Schleier von Schlaftrunkenheit. Es dauerte eine Ewigkeit ehe sie ihr Schlafgemach erreichten. Die zerstörte Tür war entfernt worden, stattdessen war ein Vorhang an den Rahmen angebracht. Ganon trat hindurch. Eine angenehme Wärme blies ihm entgegen. Neben die brennende Öllampe war frische Tageskleidung gelegt. Eine dunkelrote Wildlederhose und ein dunkles Hemd. In einer winzigen Größe. Mit einer bodenlosen Erleichterung setzte er den Jungen auf das Bett ab. Es war frisch bezogen. Shjra sei Dank! Endlich schlafen! Ohne ein einziges Wort drückte er den Knaben mit Gewalt auf die Matte und wickelte ihn in die Decke ein. Der Junge wagte es nicht zu protestieren, geschweige denn sich zu wehren. Dann löschte Ganon die Flamme, legte sich ebenfalls hin und schloss augenblicklich die Augen. „Meister, ich…“, setzte der Junge an. Nein! Das reichte! Ganon hatte keinen Nerv mehr für das Nervenbündel übrig. Er war vollkommen ausgelaugt! Er legte seine Hand auf das Gesicht des Jungen und sagte: „Schlaf!“ Mit einem Schlag war die Kraft aus dem Kleinen gewichen. Die Arme fielen auf die Matte, die Augen schlossen sich, der Atem wurde gleichmäßig. „Endlich!“, knurrte Ganon und drehte sich auf die andere Seite. Zumindest für ein paar Stunden, so lange der Zauber eben hielt, war er sich sicher, dass er seine Ruhe hatte. Um wenigstens etwas Schlaf zu bekommen. Mit einem Seufzer schlief auch Ganon ein. Nur um am nächsten Tag festzustellen, dass sein Sohn verschwunden war! Als die Sonne ihre ersten Strahlen durch das Fenster warf, es war schon später Morgen, schließlich waren sie im Westen, erwachte Ganon. Er erwachte aus zutiefst erholsamem Schlafe. Und gähnte erst einmal ausgiebig und streckte seine schmerzenden Glieder. Als seine Augen sich langsam an die Helligkeit gewöhnten, runzelte er sogleich die Stirn. Es war schon so spät? Eigentlich hatte er nicht so lange hier verweilen wollen, wenn es nach seinen Überlegungen gegangen wäre, hätten sie Termina längst verlassen. Aber scheinbar hatte ihm seine innere Uhr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er sah neben sich, auf das kleine Bündel, das sich ganz unter die Decke verkrochen hatte. Ganon knirschte mit den Zähnen. Er überlegte. Er überlegte angestrengt wie er den Bengel aufwecken konnte, ohne dass dieser vor Schreck gleich ins Gras beißen würde. Eigentlich hatte er Mitleid mit diesem erbärmlichen Häufchen und er wollte nicht einmal so streng mit ihm sein. Doch es lastete enormer Zeitdruck auf Ganon und der Junge erleichterte die Situation nicht gerade. Ganon zwang sich ein Lächeln ab und berührte leicht das Bündel mit dem Vorsatz seinen Sohn sanft wachzurütteln. Jedoch verging ihm das Lächeln gewaltig, als er etwas sehr sehr Weiches spürte. Er drückte sein ganzes Gewicht auf diese Hand – und sank ein. Mit einem wütenden Ruck zog Ganon die Decke zurück. Zum Vorschein kam ein Kopfkissen, eingewickelt in ein Nachtgewand in winziger Größe. Sein Sohn war verschwunden. Ganon verzog das Gesicht, dachte sich aber noch nicht sonderlich viel dabei. Vielleicht hatte er so tief geschlafen, dass er Leleo nicht hereinkommen gehört hatte, jedoch war der Knabe wach geworden und sie hatte sich seiner angenommen. Gemeinsam mussten sie wohl auch diesen kleinen Scherz ausgeheckt haben um ihn schon in aller Frühe wütend zu stimmen. Falls seine Theorie stimmte – würde er dafür sorgen, dass Leleo ein schönes Stelldichein bekam. Erneut gähnend stand er auf um sich fertig zu machen. Als er es auch war verließ er das Zimmer. Um sich in den Thronsaal zu begeben und augenblicklich nach Leleo rufen zu lassen. Auf dem Weg dorthin überlegte er sich die gemeinste seiner Strafen. Er hasste es, wenn man ihm Streiche spielte! Das erinnerte ihn schmerzlich an seine Kindheit. Als er und Naboru die Köpfe zusammengesteckt hatten um neue Pläne zu schmieden wie sie die Wächterinnen verrückt machen konnten. Oder noch besser – ihre Lieblingsopfer – die Gothama. Auf halbem Wege lief ihm Leleo entgegen. Was ihn verwundert stehen bleiben ließ. Leleo verbeugte sich mit einem allmorgendlich müden Lächeln und sagte: „Guten Morgen, Herr! Wie habt Ihr die Nacht verbracht? Ich hoffe es war zu Eurer vollsten Zufriedenheit.“ Ganons Gesicht lief purpurrot an vor Zorn. Im ironischen Tonfall entgegnete er: „Ja natürlich Leleo! Was wünscht man sich mehr als die halbe Nacht wegen eines kleinen Görs nicht schlafen zu können, der im Endeffekt auch noch in die Hosen macht. Nicht genug! Nein ich musste ihn auch noch selber waschen! Ich!“ Dieser Satz übrigens stammt nicht von mir, er ist eine Kreation meiner lieben Freundin Aida ^^, dann legte er endgültig seinen Sarkasmus ab und schrie sie an: „Was denkst du wie gut ich genächtigt habe!“ Während er sie niederbrüllte zog Leleo überrascht den Kopf ein, jedoch keineswegs um sich klein zu machen. „Herr, das wusste ich gar nicht.“, erwiderte sie, als ihm die Luft ausgegangen war. „Warum habt Ihr nicht nach einer Magd schicken lassen, die Euch diese Arbeit abnimmt? Überhaupt hättet Ihr Euch nicht die ganze Nacht mit ihm abplagen müssen, ich hätte ihn in die Obhut einer Amme geben lassen, aber Ihr bestandet darauf, dass…“ „Das interessiert mich nicht, du dumme Pute! Wo ist mein Sohn? Wenn du ihn schon ohne meine Erlaubnis abholst, dann stell dich jetzt nicht auch noch blöd – sonst bestrafe ich dich wie du es noch nie erlebt hast!“ Leleo blickte ihn verständnislos, ja fast schon erschrocken, an. „Der Junge ist nicht bei Euch?“ „Wenn du nicht sofort aufhörst!“, drohte er mit scharfer Stimme. Die Frau sprang einen Schritt zurück. „Ich weiß nicht wo er ist! Ich schwöre Euch bei meinem Leben – ich würde nie etwas ohne Euer Einverständnis tun, wenn es Euch betrifft!“ Ganons Augen weiteten sich vor Erregung. „Was willst du damit sagen? Du weißt nicht wo er ist?“ „Nein!“, rief Leleo aus und verbeugte sich.

„Kann eine der Mägde oder der Wächterinnen ihn gesehen haben?“, fragte er. Ganon hatte das ungute Gefühl, dass hier was nicht stimmte. „Ich lasse ihn sofort in der ganzen Festung suchen!“, verkündete Leleo und rannte davon. Nun wurde er leicht nervös. Diese Gemütsbewegung kannte er gar nicht. Wann war er je so angespannt gewesen? Nie! Er war doch sonst immer sicher und überlegen. Jetzt war der kleine Winzling vor ihm aufgestanden und streunte hier herum – und er wurde nervös! Ganon fing an lautstark zu lachen, als er das Gebäude verließ und in den Hof hinaustrat. Eins war sicher. Wenn der Junge wieder auftauchte, dann würde Ganon ihn übers Knie legen und ihm ordentlich den Hintern versohlen – wie jeder Vater es tat, wenn ihm etwas an seinem Kind nicht passte! Oh ja! Er war viel zu nachsichtig mit seinem Sohn gewesen! Die Gerudofrauen, bis auf drei vereinzelte Wächterinnen, waren verschwunden. Wahrscheinlich suchten sie die Festung ab. Mist!, sagte er sich in seinen Gedanken. Jetzt war es beinahe Sonnenzenit und sie steckten hier noch immer fest! Plötzlich hallte ein gellender Schrei über die Festung hinweg. Ganon und auch die Wächterinnen fuhren zusammen. Gleich darauf setzten sich alle in Bewegung dem Ursprung des Schreis entgegen zu kommen. Ganon war schneller als die Wächterinnen, er rannte ihnen voraus. Den Schrei hatte eine der Frauen ausgestoßen, die draußen auf dem Metallsteg im Hafen standen und wie gebannt vor sich aufs Wasser starrten. Mit kreidebleichen, entsetzten Gesichtern. „Was ist hier los?“, fragte er. Die Frauen erschraken und machten ihm Platz. Sie gaben den Blick frei auf ein unglaubliches Szenario. An einer Stelle war das Metall des Stegs abgebrochen und im Wasser untergegangen, sodass scharfe Kanten rund um das Loch hervorstachen. Und an einer Spitze baumelte ein zerrissener Stofffetzen – von Blut durchtränkt. „Außeinander!“, befahl Leleo, die mit ein paar anderen Gerudos gerade den Steg erreicht hatte, den Frauen, sofort wichen sie zurück. Sie trat neben Ganon und schlug sich die Hand vor den Mund. „Bei Shjra! Oh, nein!“ Ganon beugte sich hinunter um den Fetzen zu untersuchen. „Er ist ertrunken!“, schrie eine Frau. „Der kleine Junge ist ertrunken!“ „Wie konnte das geschehen!“, kreischte eine andere. „Das ist nicht möglich! Wie konnte der Steg nur brechen!“, jammerten sie im Chor. Als Ganon nach dem Fetzen griff, stellte er fest, dass das Metall um den Bruch warm war. Nicht heiß, aber doch etwas warm, was ihn sehr verwunderte. Er fuhr eine kannte entlang und sah sich danach seine Fingerkoppeln an. An ihnen hing schwarzer Ruß. „RUHE!“, brüllte Leleo. „Seid doch still! Beruhigt euch!“ Die Welle von Jammer und Leidensschreie klang langsam ab. Ganon entfaltete den Lumpen und begutachtete ihn. Es war die Hälfte eines Hemdes, zerfetzt und zerschlissen. Und darauf drängten sich dunkelrote Flecken. Mit gerunzelter Stirn roch er an einem und leckte daran. „Das ist so schrecklich!“, schluchzte eine Frau. „Es ist so schrecklich!“ „Der arme kleine Junge! Er war doch so jung!“ „Und so hübsch und süß!“, stöhnte eine andere aus den hinteren Reihen. „Verdammt noch mal – haltet eure Münder!“, kreischte Leleo. Ihre Stimme zitterte, sie war den Tränen nahe. Auch sie hatte den kleinen zerbrechlichen Jungen ins Herz geschlossen. Er war doch so ängstlich! Wie hatten sie ihn nur aus den Augen lassen können! Wieso hatte er nur versucht zu fliehen – In diesem Moment – Fing Ganon an zu lachen. Er lachte so laut, dass es an den Felswänden herabprallte und die Echos verwandelten sich in ein Heer aus Ganons, die lachten. Er lachte so sehr, dass ihm die Tränen über die Wangen flossen. Die Frauen zuckten zusammen, ein Schauder, eiskalt, fuhr durch ihre Adern. Sie waren entsetzt über seine Reaktion. Ganon erhob sich und wandte sich den Frauen zu. Sie traten Schritte zurück, so groß war ihr Entsetzen. „Du da!“, sagte er und zeigte auf eine Frau. Die Frau zitterte am ganzen Leib. „Geh und sieh nach ob sich die Seepferde noch im Glasbecken befinden“, dann sah er von einem erschrockenen Frauengesicht ins andere, ehe er fortfuhr. „Und hol mir ein Hemd und einen Krug mit Wein!“ Die Frauen verstanden gar nichts. Ganz und gar nichts! Das belustigte Ganon. Er lachte in sich hinein über die Dummheit dieser Frauen. Doch zugleich war er rasend vor Wut und Scham über seine eigene. „Wird’s bald!“, zischte er die Frau an, als diese sich nicht regte. Sofort sprang sie auf und eilte davon. Ganon verschränkte die Arme vor der Brust, den Lappen noch immer in der Hand, und wartete ab. Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen und er schüttelte den Kopf. „Herr, was hat das zu bedeuten?“, versuchte es Leleo vorsichtig. „Seit Ihr sicher, dass der Verlust Eures Sohnes nicht auch noch Euren Verstand eingenommen hat? Wollt Ihr Euch nicht lieber ausruhen. Ich lasse Euch…“ „Halt dein Schandmaul!“, fuhr er ihr ins Gesicht. „Mein Verstand ist nie klarer gewesen, du Idiotin!“ Leleo biss sich auf die Lippen und verstummte. Auch die anderen Frauen wagten es nicht mehr etwas zu erwidern. Schweigen legte sich über den Hafen. Noch immer konnte Ganon es nicht fassen. Er wollte seinen Augen nicht trauen. Es war schier unmöglich und doch… Die Frau kam zurück, ganz außer Atem, doch ein altes, ausgedehntes Hemd und einem Krug Wein, wobei sie aus Versehen etwas davon verschüttete. Sie trat vor. „Und? Was ist? Sprich schon!“, befahl Ganon ungeduldig. „Nei…n“, keuchte sie. „Die See…pferde sind verschwunden!“ Ein verstörtes Raunen und Tuscheln ging durch die Menge. „Es ist seltsam! Alles ist wie zuvor, nur die Seepferde schwimmen nicht mehr im Glasbecken. Ich kann es mir nicht erklären.“ „Aber ich!“, verkündete Ganon und warf Leleo den getränkten Lappen in die Hände. Leleos Stirn legte sich nun noch mehr in Falten. „Was…?“ „Schweig!“, befahl Ganon. „Schweigt alle!“ Augenblicklich wurde es totenstill. Ganon rümpfte zufrieden die Nase und erwiderte: „Ich werde euch jetzt vor Augen führen, was vor kurzem erst hier geschehen ist.“ Mit diesen Worten entriss Ganon der Frau das Hemd – und riss es in zwei. Die Frauen machten große Augen. Dann nahm er den Krug – und schüttete fast den gesamten Wein über das Hemd. Aus dem einst hellen Stoff war ein nasser, tropfender Fetzen geworden. Es sah einem blutigem Stoffrest zum verwechseln ähnlich. „Das ist…was…“ Leleo begann den Satz, jedoch beendete sie ihn nicht. Sie war, wie alle anderen Anwesenden auch, gänzlich verwirrt und ratlos. Ganon lachte erneut. Dabei streckte er einen Arm aus, einem Stück noch heilen Steg zu, und ließ seine Magie frei – Eine gewaltige Stichflamme aus heißem Feuer, das so rein war, dass es kristallblau leuchtete, schoss aus seiner Handfläche. Die Frauen kreischten auf und hielten sich schützend die Hand vor die Augen. Es dauerte nur einen halben Atemzug, dann war es vorbei. Die Frauen beruhigten sich und öffneten langsam die irritierten Augen. Das Stück Steg, das Ganon in die reine Flamme getaucht hatte, glühte rot. Ganon schnaufte aus, hob den Fuß. Und trat mit voller Wucht auf das glühende Metall. Es gab ein klirrendes und ächzendes Geräusch von sich – und brach am kalten Rand entlang ab um in der Tiefe des Wassers unterzugehen. Dann hängte Ganon noch die Hemdhälfte an den scharfen Rand und schüttete den restlichen Wein wahllos über das Metall rund um den Bruch. Den Frauenzimmern fielen die Kinnladen herunter. Sie trauten ihren Augen nicht. Leleo konnte es nicht fassen. Ihre Augen hatten es gesehen, doch ihr Verstand war außerstande das Gesehene zu begreifen. Ganon wandte sich den Frauen zu. „Tja, meine lieben Untergebenen. Wir haben uns alle von meinem Gör an der Nase herum führen lassen. Dieser elende Bengel hat uns die ganze Zeit etwas vorgespielt – dieser schwache und so ängstliche Knabe ist in Wirklichkeit das gerissenste und schauspielbegabteste Balg, das mir je unter die Augen getreten ist!“ Erneut fuhr ein Aufatmen und ein Tuscheln durch die Menge der Anwesenden. Es war unglaublich! Leleo hatte wieder die Hand vorm Mund. Doch dieses Mal aus einer ganz anderen Art von Entsetzen. „Das ist unmöglich! Dieser kleine Junge…er ist doch so klein und zerbrechlich…ich glaube das nicht…“ Ganon legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Ärgere dich nicht all zu sehr, selbst ich habe mich auf solch naive Weise täuschen lassen. Er hat seine Rolle wirklich perfekt gespielt. Ja…das ist mein Sohn!“ Die Frau sah ihn an, noch immer fassungslos. „Ich kann das nicht verstehen. Das ist unmöglich! Dieser kleine Junge ist doch erst acht oder neun Jahre alt. Wie kann er nur so denken…“ „Wenn ich richtig rechne“, fiel Ganon ihm ins Wort. „ist er erst fünf.“ Leleo öffnete den Mund, doch es kam kein Wort heraus. „Sattel mein Pferd und bereite das Gepäck vor, ich reise sofort ab.“, sagte Ganon ihr. „Aber vorher gönne ich mir noch einen kleinen Abstecher in die Sümpfe!“

Die Stadt war voll belebt. Es herrschte Vollbetrieb, da bald der Karneval beginnen sollte. Die Arbeiter rannten kopflos über den Marktplatz. Die Verkäufer brüllten sich die Kehlen aus dem Leib um für ihre Waren zu werben. Die Kunden überfüllten die Stände und stritten und feixten mit den Verkäufern um den Preis. An den Ecken standen die Waschweiber, die Köpfe zusammengesteckt, und tratschten und lästerten über jeden, der ihren Weg kreuzte. Die Kinder spielten mit dem Hund des Baumeisters, der ihnen schwanzwedelnd und bellend hinterherlief. Kim lief über den Marktplatz, sein Blick wanderte neugierig von einem Fleck zum anderen. An dem Turm, auf dem ein Arbeiter gerade eine Girlande mit bunten Fahnen befestigte, blieb er stehen, von hier aus konnte er den ganzen Platz (zumindest einigermaßen) überblicken. Und biss herzhaft in den roten Apfel, den er von einer älteren Frau geschenkt bekommen hatte, der er wieder eine seiner hab-Mitleid-mit-mir-ich-bin-doch-so-klein-Szene vorgespielt hatte. In seinem Inneren hatte er so gelacht über ihren gerührten Blick und wie sie ihn in den Arm genommen hatte. Mit Tränen in den Augen hatte sie ihm den Apfel regelrecht aufgedrängt und auch ein Hemd (er hatte ja keines mehr, da er es hatte zerreisen müssen), das ihrem Sohn gehört hatte. Oh, wie die Frau ihm die Ohren voll gejammert hatte, über ihren kleinen Jungen, der vor Jahren der Schwindsucht erlegen war. Er sah dem Sohn ja so ähnlich et cetera. Sie hatte ihn aufgefordert zu seiner Mutter zu rennen und sie zu umarmen und ihr zu sahen wie sehr er sie doch liebte… Die gigantische Uhr des Uhrturmes drehte sich ein letztes Mal – dann schlug es zwölf. Der Hall der Glocke schallte durch die Gassen und ließen alle Bewohner verstummen. Kim blickte nach oben, in den Himmel und lächelte. Es war ein wunderschöner Tag. Die Sonne schien heiß und gnadenlos auf die Leute herunter. Die Menschen um ihn herum stöhnten und wischten sich die nasse Stirn ab. Gestank von heißem Kot und fließendem Schweiß wanderte über den Platz. Die Leute bewegten sich nur schwerfällig und mit einer schleppenden Trägheit. Die Sonne schien sie regelrecht zu quälen. Doch Kim störte sie nicht. Nein, er hob das Gesicht, ließ die Strahlen auf sein Gesicht fallen und genoss das Licht, das durch seine Lieder schien. Fühlen tat er nichts, aber dafür litt er weder an Trägheit noch an stinkende Nässe, die seine Kleidung an den Körper klebte. Aber die Sonne war nicht der einzige Grund warum er lachte… Ein Hund fing an zu knurren. Kim öffnete die Augen und sah nach unten. Der weiße Hund stand vor ihn und bellte zu ihm herauf. Die Kinder waren verschwunden, es war schließlich Mittagszeit, heiß und die Mütter riefen nach ihnen. Der Hund knurrte und bellte und sprang um ihn herum. Verstohlen schaute sich Kim nach allen Seiten um. Niemand sah zu ihm her, nahm keinerlei Notiz von ihm. Mit einem hämischen Grinsen sah er auf den Hund herunter. „Wollen wir doch mal sehen wie gut ich mich mache!“, flüsterte er dem Hund zu. Dieser knurrte umso mehr. Kim streckte die Handfläche vor seinem Gesicht aus und konzentrierte sich mit aller Macht. Gleich darauf spross ein winziger Funken aus weißem Licht heraus. Der Hund verstummte vor Schreck. Dieser Funken wuchs und wuchs heran, zu einer murmelgroßen Kugel aus reiner Magie – mit dem Zeigefinger der anderen Hand schoss er die Kugel dem Hund auf die Schnauze. Die glutheiße Kugel. Der Hund jammerte und heulte auf. Da drehten die Bauarbeiter verwundert die Köpfe. „Oh, Hündchen, hast du dich verletzt?“, sagte Kim mit erschrockener, fast weinerlicher, Stimme. „Entschuldige, das wollte ich nicht!“ Er beugte sich zu dem Hund herunter um ihn zu streicheln, doch der Hund jaulte nur noch mehr und rannte von Angst getrieben davon. Nicht schlecht. Gar nicht schlecht hatte er sich gemacht! Doch anmerken ließ er sich nichts. Im Gegenteil, er spielte den verwunderten, dümmlichen Jungen. Der Bauherr, der vorher beim großen Aushang aus Holz geweilt und ein riesiges Plakat über den Karneval gelesen hatte, kam mit überraschter Miene auf ihn zu. „Was hast du mit meinem Hund gemacht, kleines Balg?“, fragte er ärgerlich. In seinem Kopf räusperte sich Kim lächelnd und begann mit seiner Darbietung. Mit ängstlicher Stimme stotterte er: „Ich? Oh, ich…ich…“ „Ich was?“, raunzte ihn der breite, dickbäuchige Mann an und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich…“, dann fing er an zu weinen. „Ich wollte es nicht, ich schwöre ich habe ihn nicht gesehen! Die Kirchturmuhr hat Mittag geschlagen und ich habe mich so erschrocken, dass ich hochgeschaut hab…“ Kim schluchzte und wischte sich den Rotz am Ärmel ab. „Ich bin ihm auf die Pfote getreten. Ich habe ihn nicht gesehen, weil ich doch hochgeschaut hab, weil doch die Glocke so laut war, dass ich mich erschrocken hab!“ Der Mann trat einen Schritt näher – vor vorgespielter Furcht heulte er noch lauter und begann eine Entschuldigung nach der anderen hinunterzuleiern. Mittlerweile hatten sich alle nach ihnen umgedreht, das Weinen war so laut, dass es sogar die schreienden Verkäufer überbot, und blickten die Beiden an. Dem Bauherrn wurde es peinlich, denn manche Leute blickten ihn abfällig und böse an. Die Weiber hatten bereits erneut ihre Köpfe zusammengesteckt und lästerten darüber wie kalt und Kinder verachtend doch die Leute vom Bau waren. Dass ein Hund in dieser Stadt schon mehr wert war als ein armer kleiner Junge. „Ist ja schon gut! Schon gut!“, winkte der Bauherr eilig ab und errötete. „Das macht nichts. Hör auf zu heulen, bitte! Das ist nicht schlimm, du hast es ja nicht mit Absicht gemacht.“ Eilends griff er in seine Tasche und holte ein paar grüne Rubine heraus, die er Kim in die Hand drückte. „Da, jetzt geh und kauf dir etwas Süßes in der Backstube, ja? Wir sind doch Freunde!“ Mit zu einem heuchlerischen Lachen verzerrtem Gesicht klopfte er Kim auf die Schulter. Er lachte der Menge zu und drückte den Jungen an sich. Kim wurde fast übel vom Gestank, der jetzt über ihn hereinbrach. „Und jetzt geh schon!“, zischte ihm der Mann aus zusammengekniffenen Zähnen zu. Kim machte riesige Augen und starrte auf die grünen Rubine in seiner Hand. „Danke, Herr! Vielen vielen vielen Dank! Danke!“ „Jaja, geh jetzt spielen!“, sagte der Mann wieder unfreundlich, obwohl sein Gesicht noch lächelte. Pah, du Idiot! Dachte Kim. Sei froh, dass ich dir nicht noch eine viel größere Szene gemacht habe! Aber, womit Kim nicht gerechnet hatte, der Bauherr hatte sich von ihm und der Peinlichkeit freigekauft. Jetzt hatte Kim Geld in der Hand. Acht grüne Rubine. Was konnte er sich damit kaufen? Etwas zu essen? Nein, das war eigentlich nicht nötig, er hatte sich bei diesen komischen Gerudos sattgegessen. Allerdings wusste er nicht wie weit er für seine Reise brauchte, daher wäre Proviant nicht schlecht. Denn er wollte zurück zu dem Shiekavolk – seiner Familie. Dort wo er hingehörte. Und zu seiner Ziehmutter Riha. Als er davonging, weg vom lauten Marktplatz mit all den vielen Fremden und sich vor seinem geistigen Auge die Frau vorstellte, die ihn seit er denken konnte umsorgt und erzogen hatte, überkam ihn eine lähmende Sehnsucht. Er unterdrückte seine Tränen und auch die plötzliche Panik, er würde sie nicht mehr finden. Kim fand sie ganz bestimmt! Er hatte sich, während er seinen Entführer mit falschen Tränen und Jammern abgelenkt hatte, den Weg genau eingeprägt. Und er war dem Sonnenlauf genau gefolgt, er war schließlich klug, er wusste, dass die Sonne im Westen unterging. Also lagen die Sümpfe im Süden. Ja, Kim musste nach Süden. Rasch und zügig ging er auf das Stadttor zu. Um diese Stadt schließlich zu verlassen. „Hey, Junge!“, brüllte eine verschlafene und erschöpfte Stimme. Kim reagierte schnell. Er sah den Soldaten, der sich von einem Mädchen am Stand Wein in einen Becher schütten ließ um sich zu erfrischen. „Bleib stehen! Außerhalb der Stadt ist es gefährlich! Ein Kind hat in den Sümpfen nichts zu suchen! Bleib stehen, hörst du nicht!“ Kim rannte so schnell er konnte. Nichts und niemanden konnte ihn daran hindern wieder zu Riha zu gehen. Dieser Soldat nicht – und dieser Fremde mit den roten Haaren erst recht nicht! Er verließ das Tor und rannte in die Steppe hinaus. Der Soldat blieb vor dem Tore stehen und sah zu wie der Junge kleiner und kleiner wurde, zu einem Punkt. „Du dummer Knabe!“, seufzte er… Kim aber rannte eisern weiter.

Ha! Niemand hielt ihn auf! Er war viel zu klug um sich aufhalten zu lassen! Das hatte der fremde und böse Mann am eigenen Leib zu spüren bekommen! Kim hatte ihn reingelegt. Schon als er die kalte und befehlende Stimme des Mannes gehört hatte, ohne ihn überhaupt zu sehen (er war ja im Zelt gewesen), da hatte er schon gewusst wie es sich zu verhalten galt. Und es war ihm gelungen. Kim hustete um nicht laut auflachen zu müssen. Er hatte den Mann von Anfang an, an der Nase herumgeführt. Er hatte den schwachen, ängstlichen und erbärmlichen Winzling perfekt gespielt. Nein, er hatte sich sogar noch übertroffen! Ins Bett zu machen – war ihm spontan eingefallen, er hatte sich schließlich etwas einfallen lassen müssen um den Mann ja nicht einschlafen zu lassen. Nun hatte er gemerkt, dass die ständigen Fragen und die geheuchelte kindliche Neugier nicht mehr lange wirkten. Das Bett mit seinem Urin zu rühmen, indem schließlich auch der Mann hatte nächtigen müssen, war wirklich ein genialer Einfall seinerseits gewesen. Der Mann war am Rande des Wahnsinns gestanden und es hätte, nachdem er wieder sauber im Bett gelegen war, nur noch ein bisschen gefehlt um ihn in den Abgrund zu stürzten. Jedoch hatte der Mann ihn tatsächlich ausgeschaltet, irgendwie! Kim hatte noch nicht begriffen wie der Mann das geschafft hatte. Schade eigentlich, denn als der Mann ihm gezeigt hatte was er alles konnte und was er können würde, wenn er noch mehr Zeit zu lernen gehabt hätte, war seine Neugierde geweckt worden. Diese neue Macht in ihm ermöglichte so viel! Er konnte jetzt in nur zwei Atemzügen Feuer machen! Von nun an brauchten sie sich nicht mehr mit Feuersteinen oder das Aneinanderreiben von Stöcken herumzuschlagen. Und er konnte schweben! Zumindest eine kurze Zeit lang. So war er schließlich auch geflohen, denn übers Wasser hatte er sich nicht getraut. Schwimmen konnte er wirklich nicht und lebensmüde war er nun auch nicht gerade. Jedenfalls konnte er durchs Schweben die Früchte hoher Bäume problemlos pflücken. Nun mussten die Kinder nicht mehr klettern und die Väter unten stehen und aufmerksam das Geschehen in der Krone verfolgen, dass ja kein Kind auf die Erde fiel und sich verletzte. Aber das Wichtigste im Augenblick war sowieso, dass sein Plan aufgegangen war. Gleich als sie im Thronsaal angekommen waren, hatte er angefangen seine Flucht zu planen. Zum Beispiel hatte er den Wein genauestens studiert. Darum hatte er so getan als hätte er Wasser mit Wein verwechselt und sich dann auch noch verschluckt. In Wahrheit hatte er nur herausfinden wollen, ob Weinflecken auf Stoff Blutsflecken gleichkam, darum hatte er sich so bekleckert. Wenn er dann noch die ganzen Anwesenden von seiner Dummheit und Tollpatschigkeit hatte überzeugen können, umso besser. Er hatte nicht viel Zeit gehabt sich etwas Originelleres auszudenken als den vorgetäuschten Tod auf diese Art und Weise, jedoch, es hatte geklappt und das war der Sinn der Sache. Nur tat es ihm leid, dass er die Gerudofrau, Leleo hieß sie, nie wieder sah. Sie war ihm sympathisch gewesen. Aber dafür war er nicht nur selbst geflohen, er hatte auch den beiden Seepferdchen geholfen, die so trostlos in ihrem Gefängnis dahinvegetiert waren. Er hatte Mitleid gehabt und sie in einer Flasche transportiert, die er anschließend im Wasser des Hafens ausgeschüttet hatte. Wie sie sich gefreut hatten! Gleich darauf waren sie in den Tiefen verschwunden. Kim hatte viele Rollen parat, die er zu spielen beherrschte. Doch er tat es nicht, weil er ein zwielichtiger und falscher Mensch war – sondern einfach aus purer Faulheit. Ja, Kim war faul. Er scheute jede körperliche Tätigkeit, von Arbeit ganz zu schweigen, was man an seinem schmächtigen, dünnen Körper nicht verkennen konnte. Ihm war die Mühe einfach nicht wert. Jedoch war körperliche Faulheit nicht mit der Faulheit gleichzustellen, die den Geist betraf. Denn diese traf ganz und gar nicht auf Kim zu. Schließlich musste er den Schwachen und Ängstlichen und Schüchternen perfekt spielen um sich nicht zu entlarven. Er musste auf jede Kleinigkeit achten, auf jede Bewegung, jedes Wort, jede Geste, damit er sich nicht selbst verriet. Er musste stets aufmerksam und wachsam sein. Er war schon immer ein Meister im Herumdrucksen gewesen. Er hatte ungeliebte Aufgaben und Pflichten stets geschickt umgangen. Aber so gefährlich wie jetzt war es noch nie gewesen. Trotz seiner Perfektion und seiner Überlegenheit gegenüber dem fremden Mann und seinem Frauenvolk war er sehr angespannt gewesen. Er wusste, wäre er entlarvt worden hätte ihn sicher eine härtere Strafe erwartet als eine einfache Ohrfeige. Mittlerweile hatte er den kurzen Tunnel erreicht, aus einem alten und gigantischen ausgehöhlten Baumstamm, in der Mitte halbiert und aufgestellt. Das war wohl der Eingang zu den Sümpfen. Endlich war er da! Er musste sich schließlich beeilen, denn die Shieka waren ein Nomadenvolk und blieben nie lange an einem Ort. Jetzt rannte Kim. Er sah Riha schon vor sich. Ihr dummes und ungläubiges und überglückliches Gesicht! Und wie er ihr erzählen würde wie er diesen blöden Mann hereingelegt hatte. Oh, wie gerne hätte Kim ihn noch bestraft! Dafür, dass er sie angegriffen hatte und dadurch so viele Männer gestorben waren. Dafür, dass die Zelte abgebrannt wurden. Dafür, dass er Riha verletzt hatte! Aber das war jetzt egal. Er musste seine Wut herunterschlucken. Er war doch gleich wieder dort wo er hingehörte. Er rannte in Windeseile durch den Tunnel. Das Sonnenlicht wurde von dem Holz ausgesperrt, die Luft war feuchter und frischer als in der Stadt. Er leckte sich über die Lippen. Die Sonne erwartete ihn am anderen Ende des Tunnels. Kim freute sich wie verrückt. Seine Beine konnten gar nicht aufhören zu rennen. Gleich hatte er das Ende erreicht. Gleich, gleich war er wieder an der Sonne. Gleich… Zwei große und kräftige Hände schossen von oben auf ihn herab. Er erschrak sich so sehr, dass er schrie wie noch nie in seinem Leben. Eine Hand legte sich auf seinen Mund, dass er nicht mehr schrie. Die Andere packte ihn im Rücken am Hemd und zog ihn hinauf. Die Hände schmissen ihn auf das Dach des Baumstumpfes. Er fiel hart, was ihn, durch den augenblicklichen Schmerz, verstummen ließ. Benommen sah er auf. Zu dem Mann in der glänzenden pechschwarzen Rüstung. Das Gesicht so ernst und zornig auf ihn gerichtet, dass es ihn eiskalt traf. Der goldene Stein auf der Stirn des Mannes blendete und ließ das Gesicht noch dunkler erscheinen. Es war wie ein Stein, mit dem man ihn am Kopf getroffen hatte. Das konnte nicht sein…das durfte nicht sein! Sein Fluchtplan war doch unfehlbar gewesen! Rücklings auf allen Vieren kroch er weg, weg von dem Mann. Ganon lachte. „Ach was? Plötzlich so entsetzt?“ Der Junge starrte ihn noch immer mit aufgerissenen Augen an. Ganon trat einen Schritt auf ihn zu und je näher er kam desto weiter zurück wich der Junge. Während diesem Spiel lachte Ganon und fing an zu reden: „Du gerissenes Gör, dass dir gelungen ist mich so hereinzulegen! Allerdings gibt es doch ein paar Mängel an deinem Plan. Die Seepferde hättest du dort lassen sollen wo sie waren. Das hat deinen scharfen Verstand verraten. Und du hättest das Metall schnell abkühlen sollen, warum sollte es bei einem Unfall sonst heiß sein? Und das Hemd war auch nicht gut genug bedacht. Jeder mit halbwegs gesundem Menschenverstand wäre auf die Idee gekommen zu prüfen ob die Flecken darauf wirklich Blut sind. Besser hättest du einen kleineren Stofffetzen benutzt und ihn stattdessen mit deinem eigenen Blut befleckt. Aber alles in allem nicht schlecht für den Anfang. Gar nicht schlecht! Die Feinheiten erarbeiten wir uns noch!“ Kims Hand griff ins Leere, er war am Ende angelangt, wo er noch vor wenigen Minuten darunter hineingerannt war. Was sollte er nur tun? Der Mann werde ihn sicher wieder mit sich nehmen. Dann sah er Riha und die anderen nie wieder! Dieser Gedanke war für ihn unerträglich. Er war entlarvt, warum sollte er nicht für seine Freiheit kämpfen? Kim sprang auf die Beine und zog den kleinen Dolch, den er unter dem Hemd versteckt mit sich trug. Den, den er von der Gerudofrau Leleo bekommen hatte. Er stellte sich vor den Mann auf und hielt den Dolch drohend auf dessen Kehle gerichtet. „Lass mich in Ruhe!“, schrie er. „Sonst steche ich zu!“ Die falsche Maske aus Ängstlichkeit und Zurückgezogenheit war von dem Knaben abgefallen. Der Blick war fest und ohne jede Furcht. Erstaunt und zugleich amüsiert zog Ganon eine Augenbraue hoch. „Du drohst mir? Du unverschämter Winzling drohst mir?“ Mit einer schnellen Bewegung, der Junge hatte den Arm gar nicht kommen sehen, stieß Ganon ihm die Waffe aus der Hand. Kim taumelte zurück, nur war er bereits am Rand. Er kippte nach hinten, fiel vom Holztunnel. Mit einem Schrei – und mit letzter Kraft krallte sich seine rechte Hand an die Kante. Sein Leib baumelte über dem Boden, am Tunneleingang. Ganon stellte sich an den Rand, mit vor der Brust verschränkten Armen, und blickte auf das hängende Kind. Mit Mühe, und wild zappelnden Beinen, griff auch die linke Hand an die Kante. Plötzlich legte sich ein schwerer Stiefel aus schwarzem Wildleder auf die rechte Hand Kims. Tiefschluckend sah er auf, in das höhnisch lächelnde und gebräunte Gesicht Ganons. „Mich, deinen Vater, so anzuschwindeln war sehr ungezogen von dir. Aber wer nicht hören kann muss eben fühlen!“ Mit diesen Worten legte Ganon sein Gewicht auf das Bein und quetschte die winzigen Finger unter seinem Fuß. Der Junge schrie erneut auf, diesmal vor Schmerz. Und ließ los. Sehr tief fiel Kim nicht. Aber der Schmerz durchfuhr seinen ganzen Körper. Er war nicht sportlich und hatte keine Ahnung wie man einen Sturz geschickt abfing. Ganz anders Ganon. Mit einer flüssigen Bewegung sprang er von dem Baumstamm herunter und blieb einfach stehen. Kims Mut war um ein beachtliches Stück geschrumpft. Jetzt hatte er keine Möglichkeit mehr zu entkommen. Ganon setzte sich in Bewegung und kam näher. Mit eiskalter Stimme erwiderte er: „Eigentlich sollte ich dich übers Knie legen und dich ordentlich durchprügeln, wie jeder Vater es mit seinem Balg tut! Soll ich das? Soll ich dich grün und blau schlagen bis du endlich gehorchst?“ Der Junge gab ein leises genuscheltes Geräusch von sich und senkte den Blick. „Ich höre dich nicht!“, zischte Ganon.
„Nein...“, murrte Kim.
„Nein und weiter?“, forderte Ganon.
Der Junge blinzelte ihn wütend und verstohlen an, aus lauernden Augen. Dann senkte er schnell wieder den Blick. „Nein, Meister…“ Ganon beugte sich herunter und packte den Kiefer des Jungen um sich sein Gesicht nun genauer anzusehen. „Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!“ Kim schnaufte abfällig aus und blickte ihm direkt in die Augen. Die Augen des Jungen hatten sich verändert. Sie glänzten nicht mehr, doch sie strahlten die Kraft aus, die im Inneren verborgen lag. Die Pupillen hatten sich leicht zusammengezogen, sie waren nicht so sichelförmig wie die seinen, doch auch nicht mehr ganz rund. „Jetzt hör mir gut zu – ich habe Großes mit dir vor! Du bist das wichtigste Glied in meinem Plan. Doch du bist noch unfertig. Sicher, deine Qualitäten hast du mir mehr als bewiesen, du hast mit deinen mickrigen Lebensjahren mehr Klugheit und Intelligenz als ein alter Greis hat und noch im Tod bekommen wird, jedoch muss an dir noch viel geformt werden. Und meine Hände allein können dies vollbringen. Du bist der Ton und ich der Töpfer!“ Mit seiner Hand fuhr er seinem Sohn durch das feuerrote Haar. „Darum verlange ich bedingungslosen Gehorsam! Wirst du ihn mir bereitwillig geben oder muss ich von Gewalt gebrauch machen?“ Kim knirschte mit den Zähnen. „Nein, Meister. Ich…bin gehorsam…“ „Nun gut.“, sagte Ganon und erhob sich. „Für dieses eine Mal werde ich dich nicht strafen. Und jetzt komm! Wir sind schon spät genug dran!“ Er packte den Unterarm des Jungen und zog ihn gnadenlos mit sich. Der Junge, noch immer benommen, torkelte und stolperte ihm hinterher. Sein Rappe Thunder graste gut versteckt zwischen dem Buschwerk, das vor dem Eingang in die Romani-Ranch wucherte. Ganon streichelte seinem Pferd über den Hals, dann wollte er den Jungen hochheben und auf den Rücken des Tieres hieven. Doch der Junge klammerte sich an seinen Arm. Verwundert blickte er auf ihn hinunter. Kim hatte den Kopf gesenkt. „Meister, ich…ich möchte…“ „Sieh mich an, wenn du mit mir redest!“, wiederholte Ganon. „Nur niedere Menschen senken den Kopf!“ Langsam und zögerlich blickte Kim auf. „Was ist?“ „Ich möchte dich um etwas bitten.“, begann Kim. „So? Und das wäre?“ Kim atmete tief durch und ließ seine Stimme leiser und ruhiger klingen. „Wenn ich jetzt mit dir gehe, dann werde ich…ich werde die Shieka nie wieder sehen, nicht wahr?“ Ganon nickte. „Dann erlaube mir bitte mich wenigstens zu verabschieden. Ich möchte Riha sagen, dass es mir gut geht und sie sich keine Sorgen zu machen braucht.“ Misstrauisch rümpfte Ganon die Nase. „Das soll ich dir erlauben? Und wenn du wieder versuchst zu entkommen?“ Eilends schüttelte Kim den Kopf. „Das tue ich ganz bestimmt nicht! Ich schwöre es…ich gehorche dir!“ Von oben herab schaute Ganon auf den Knaben. Kim hielt dem Blick nicht mehr stand und senkte den Kopf. Zwei Finger legten sich unter sein Kinn und hoben es an. „Schau nicht nach unten. Ein König schaut seinem Gegenüber stets mit Stolz und ohne Furcht in die Augen.“
***

Es war alles zerstört. Alles! Die Zelte waren niedergebrannt, die Ausrüstung zerstört. Die Kinder weinten vor Hunger, die Alten waren gequält von der unruhigen Nacht. Wer arbeiten konnte arbeitete. Sie mussten im Sumpf nach Essbarem suchen, aufräumen und noch Bräuchliches aus den verbrannten Überresten aussortieren. Und vor allem mussten sie die Leichen ihrer eigenen Männer schnell bestatten, bevor Seuchen ausbrechen konnten. Damit waren sie heute Nacht fertig geworden. Sie hatten ein Massengrab ausgehoben und die Leichen begraben. Ein Dreieck, mit der Spitze nach oben, markierte die Ruhestätte. Das Dreieck zum Zeichen des Mutes und der Kraft der gefallenen Männer. Riha saß bei den Kleinkindern und beruhigte sie. Sie konnte wegen ihren schlimmen Wunden auf dem Rücken nicht mithelfen. Notdürftig hatte die Heilerin des Stammes ihre Brandwunden versorgt und abgedeckt. Mit allem was zu finden war, denn auch ihr Krankenzelt war abgebrannt. Zumindest einen Vorteil hatte das Feuer. Das Pech war heiß geworden und die Heilerin hatte die schlimmsten Wunden gleich einschmieren können. Alle hatten Hunger – und auch Angst! Denn die Monster, die die Väter und Brüder, Neffen und Vettern getötet und die ganzen Zelte niedergebrannt hatten, standen noch immer hier. Sie standen abseits und schauten dem Treiben der Shieka zu. Als das letzte Zelt niedergebrannt war, hatten sie sich abseits aufgestellt und sich nicht mehr gerührt. Gar nicht mehr. Egal was man sagte, egal ob man sie mit Steinen und Stöcken bewarf, sie rührten sich nicht mehr. Seit sie ihren Befehl ausgeführt hatten. Die Kreaturen standen da wie Statuen. „Warum stehen die Monster noch da? Warum gehen sie nicht?“, weinte eines der größeren Mädchen. „Sie gehen bestimmt bald weg. Sie tun uns nichts mehr, also werden sie bald weggehen.“, antwortete Riha und streichelte dem Mädchen über die Wange. „Ganondorf!“, piepste ein Junge. „Wo ist Ganondorf? Warum kommt er denn nicht zurück?“ Riha fuhr auf und blickte den Jungen an. Mit verheultem Gesicht stand er da. Und ihr war auch zum Heulen zu Mute. „Ja, wo ist Ganondorf?“, fragte nun auch das Mädchen. „Ihr dummen Nüsse!“, zischte einer der großen Jungen, die zum Wegtragen der Holzreste eingeteilt worden waren. Malik hieß er, vierzehn Winter hatte er schon erlebt. Früher hatten er und die Großen Kim immer mit zum Angeln genommen. Nur aus einem Grund – ihn zu ärgern. Kim konnten sie gut ärgern. Er ließ sich immer einschüchtern. Er hatte sie nie verraten, wenn sie ihn ins Wasser geworfen hatten, oder ihm gar einen Fisch in die Hose gesteckt hatten. Ok, jetzt übertreibe ich ein bisschen ;) Ja, gern hatten sie ihn geärgert, aber sie hatten ihn alle gern. Keinen gab es, der Kim nicht gern hatte. Und jetzt, da er weg war. Da bereute Malik diese Streiche, die sie Kim gespielt hatten. Warum waren sie nur so dumme Jungen gewesen? Warum waren sie so gemein zu Kim gewesen? Malik blieb stehen und stemmte sich die verkohlten Äste, die sie als Grundgerüst für eines ihrer Zelte benutzt hatten, von den Schultern um sich auszuruhen. Die Kinder blickten ihn mit großen Augen an und er funkelte sie verächtlich an. „Wie bescheuert seit ihr eigentlich? Ganondorf ist entführt worden! Von diesem Mann! Er kommt nicht zurück – wir werden ihn nie mehr wieder sehen! Wer weiß, vielleicht ist er sogar schon tot!“ Augenblicklich kreischten die Kinder auf. Das holte Riha aus ihrer tranceartigen Sorge. Sie stand auf und hob drohend die Hand. Malik zog den Kopf ein. „Wie kannst du so etwas nur sagen, Malik? Geh wieder an die Arbeit!“ „Jaja…“, murmelte Malik und bückte sich um das Holz aufzuheben. Das Mädchen zupfte an Rihas Rock. „Riha! Ganondorf ist doch nicht wirklich tot, stimmts?“ „Nein…nein, er lebt…bestimmt…“ Tränen flossen Riha übers Gesicht, doch die Frau wischte sie eilends weg, damit die Kinder sie nicht sahen. „Er kommt doch zurück, stimmts?“, fragte das Mädchen weiter. Riha sah zu ihr herunter. Auch die Augen des Mädchens waren voller Tränen. Sie beugte sich zu ihr herunter und nahm sie in den Arm. „Ich weiß es nicht, Kleines. Ich weiß es nicht.“ Plötzlich gab es ein Gewitter aus tiefen und doch unüberhörbaren Trommelschlägen. Die Warntrommel!

Es begann von neuem! Es war genau wie gestern! Genauso schrecklich! Eine dunkle Staubwolke kündigte die Gefahr an, die mit rasender Geschwindigkeit den Hügel hinunter geschossen kam. Direkt auf die zerstörte Siedlung zu! „Die Gerudos greifen an! Die Gerudos kommen!“, kreischte es durch die Menge. Die Kinder um Riha herum fingen an panisch zu schreien und zu weinen. Selbst Malik konnte sich nicht mehr zurückhalten. Er schrie ebenfalls vor Angst. Sie drängte die Kinder zurück, hinter sich und drückte jedes beruhigend an sich. Auch Riha hatte große Angst. Wen gab es, der das Gerudovolk nicht fürchtete? Das Wüstenvolk, das immer dort lebte, wo der Sand kein Ende nahm? Ob am Meer oder gar in einer Wüste selbst? Jedoch war es äußerst ungewöhnlich, dass die Kriegerinnen sich diesen, in den schäbigen Sümpfen, liegenden Ort als Jagdrevier ausgesucht hatten. Ein Ort an dem es nicht die geringste Beute zu rauben gab. Oder wussten die Kriegerinnen von ihnen? Der fremde Mann! König der Wüste! So hatte der Älteste ihn doch genannt? Er war der König der Gerudos. Auch der Gerudos von Termina. Er musste ihnen ihren Aufenthaltsort verraten haben und sie geschickt um die Shieka allesamt zu töten. Er hatte ja bekommen was er wollte. Wahrscheinlich wusste Kim gar nichts davon! Der Mann hatte ihn nur weggebracht um sich an allen Shieka zu rächen, ohne dass Kim das Blutbad mit ansehen musste! Riha kamen die Tränen. Sie drückte die Kinder fest an sich. Sie weinten noch immer. Auch ihr fiel es schwer sich zu beruhigen. Die Gerudos waren viele. Man konnte sie mit den Augen nicht abzählen, zu viel und zu schnell waren sie. Die Männer, die hier geblieben waren, als Sammler und auch als Wachen, stellten sich auf und machten sich zum Kampf bereit. Auch die Frauen gesellten sich zu ihnen und stellten sich. Zu groß war die Lücke an Kriegern, die gefallen oder schlimm verwundet waren. Das Pferdegetrampel wurde lauter und lauter. Es war von Anfang an aussichtslos, doch sie wollten kämpfen! Sie machten sich bereit, bewaffnet mit allem was ihnen zur Hand war. Äste, Holz- und Metallreste, verrostete Waffen. Die Gerudos kamen auf sie zugeritten – Doch sie griffen nicht an! Stattdessen gliederte sich jede von ihnen in eine Linie aus Pferden mit Reitern ein. Die Shieka wichen erstaunt einige Schritte zurück. Kurz vor der Linie aus Shiekas riss die vorderste Gerudo ihr Pferd herum und machte eine scharfe Kurve. Noch im selben Augenblick schnitt sie geschickt die beiden Befestigungen aus Leder durch, die zwei große Säcke an den Sattel gehalten hatten. Die Säcke fielen klimpernd zu Boden. Sie kehrte um und ritt in die Richtung zurück, aus der sie kam. Auf sie folgte die Zweite und riss ebenfalls das Pferd herum. Geschickt löste sie mitten im Ritt die Lederriemen und hinterließ nichts als die schweren Säcke und ein paar Hufspuren auf der Erde. Auch die Dritte tat es ihr nach und die Vierte und die Fünfte und die dreiundzwanzig folgenden Reiterinnen. Bis sich zwei Berge aus Säcken gebildet hatten. Vor den verwirrten Shieka – Dann plötzlich rührte sich das Heer aus Monstern, das starr in ihrer dunklen Ecke gestanden hatte. Die Männer und Frauen fuhren zusammen, an sie hatte keiner mehr gedacht. Die Echsen und Skelette vielen auf die Knie. Der Vorderste, mit der roten Feder auf dem Helm, hob die Knochenhände. „Seid gegrüßt, Herr! Wir haben getan was Ihr befahlt!“ Dann, von einem Augenblick auf den nächsten, zerfielen sie zu Staub. Der Staub wurde aufgewirbelt und vom Wind in alle Richtungen zerstreut. Das einzige was von ihnen zurückblieb waren Knochen, Steine und Federn. Allmählich begannen die Überreste in einem tiefen Schwarz zu strahlen – und die Menge aus Gerudokriegerinnen teilte sich und gab den Blick frei. Frei auf einen Mann, mitten unter ihnen, ein junger Mann mit dem Dracontias auf der Stirn, den Stein, den allein die Könige des Volkes der Wüste auf der Stirn trugen. Der rote Mantel umhüllte seine ganze Gestalt. Nur die eine Hand war zu sehen, die einen Lederbeutel in die Höhe hielt. Die Knochen, Steine und Federn glühten plötzlich glutrot. Und hoben vom Boden ab. Ein kalter Schauder purer Mystik rauschte über den Platz. Wie eine tanzende Flamme flogen die Knochen, Steine und Federn in den Beutel und verschwanden in seinen Tiefen. Die Hand verschwand unter dem Mantel, mitsamt dem Beutel. Niemand rührte sich. Weder die Gerudo noch die Shieka. Nur Ganon setzte sein Pferd in Bewegung und trat auf den niedergebrannten Platz zu, auf dem sich die bedauerlichen Gestalten ängstlich zu verstecken versuchten. Kurz vor der Mauer der kampfbereiten Shieka hielt er an und ließ seinen Blick über den Platz schweifen. Er erblickte das vorlaute Frauenzimmer weiter hinten. Sie versuchte die wimmernden Gören, die an ihrem Rockzipfel zogen, zu beruhigen. Er lachte. Das war der Tropf, der das Fass zum Überlaufen brachte. Riha war der Verzweiflung nahe. Mit schnellen, aber nicht minder wütenden Schritten trat sie ihm entgegen. „Was wollt Ihr noch?“, schrie sie, den Tränen nahe. „Ihr habt uns doch schon ein Kind gestohlen! Seid Ihr gekommen um noch eines zu rauben?“ Ganon sah zu wie die dumme Gans wild mit den Armen herumwirbelte. Und ihr schmerzverzerrtes Gesicht. Er hatte sie schlimm getroffen, das wusste er. Es war ihm ein Rätsel, das sie überhaupt überlebt hatte. Sie mussten eine qualifizierte Heilerin im Stamm haben, denn die Wunde hätte sich ohne gute Versorgung sicher entzündet und die Verletzte elendig zu Grunde gerichtet. „Eure Bälger interessieren mich nicht!“, sagte Ganon abfällig. „Ich habe mein eigenes, ich brauche keine anderen. Jedoch ist wohl genau dies der Grund unserer zweiten Begegnung.“ Er schlug den Mantel zurück. Ein kleiner Junge saß vor ihm im Sattel. Die Augen suchten hastig in der Menge. Ganon hob seinen Sohn aus dem Sattel und stellte ihn auf dem Boden ab. Das Volk der Shieka traute seinen Augen nicht. „Riha!“, schrie Kim und setzte sich in Bewegung. Er rannte an der Kriegerlinie vorbei, die ihm verdutzt hinterher starrte. „Riha!“ Die Frau konnte es nicht fassen. Sie dachte sie bilde sich die Stimme und die rennende Gestalt nur ein. Bis die kleine Gestalt sie fast von den Füßen riss und sie umklammerte. „Riha!“ Sie fiel auf die Knie. „Bist du das? Ganondorf?“ Kim nickte heftig. Riha fiel ihm um den Hals und drückte ihn an sich. „Du bist zurück! Du…mein Kleiner!“ Nun konnte sie ihre Tränen nicht zurückhalten. Auch die anderen Kinder nicht.

Malik fiel ihm, was ihn verwunderte, um den Hals und heulte ihm in die Schulter. „Es tut mir leid! Bitte, lass uns die doofen Streiche vergessen. Komm zurück und wir werden dich nie nie nie wieder ärgern! Okay?“ „Ja, du bist wieder da!“, weinte ein Mädchen und zog ihm am Ärmel. Kim musste über so viel unverhoffte Zuneigung lächeln. Er hätte am liebsten auch angefangen zu weinen. Selbst der ach so große Malik hatte ihn vermisst. Doch ihm lief die Zeit davon. Er bewegte sich und versuchte die ganzen Arme mit sanfter Gewalt von sich zu nehmen. „Riha“, begann er aufgeregt. „Es tut mir so leid! Es ist alles meine Schuld! Wäre ich nicht so feige und hätte mich von Anfang an meinem Schicksal gestellt, dann hättet ihr mich nicht beschützten müssen!“ Riha blickte ihn perplex an. Sie verstand nicht ganz. „Meinetwegen ist euch so viel Schlimmes passiert – bitte verzeih mir!“ Riha wollte den Mund aufmachen und etwas erwidern, doch Kim ließ sich nicht unterbrechen. „Ich kann es nicht wieder gut machen, aber ich hoffe, dass es euch bald wieder etwas besser geht. Mit dem Geld könnt ihr euch wieder Zelte und Essen kaufen.“ Dann fing er wirklich an zu weinen und klammerte sich an seine Ziehmutter. „Es tut mir so leid, Riha. Es ist alles meine Schuld!“ Riha nahm sein verheultes Gesicht in ihre Hände und sagte sanft: „Nein, Ganondorf. Du bist nicht Schuld. Du bist nur ein kleines Kind – und ein Mutiges! Und jetzt bist du wieder hier! Du hast es geschafft, mein Kleiner. Jetzt wird alles gut.“ Sie schluchzte erleichtert. „Ich bin so froh, dass du wieder da bist, dass ich gar nicht wissen will warum dich dieser Mann hat gehen la…“ „Nein, Riha.“, unterbrach sie Kim mit trauriger Stimme. „Ich muss mit ihm gehen.“ Das war wie ein Faustschlag ins Gesicht, für alle Beteiligten. „Was…?“, stockte Riha. Vorsichtig lugte Kim über die Schulter. Ganon saß im Sattel und blickte dem Szenario gelangweilt entgegen. Die Ungeduld war ihm in jeder Geste anzusehen. „Ich kann nicht mehr bei euch bleiben, Riha. Ich bin nur gekommen um euch um Verzeihung zu bitten und mich zu verabschieden.“ „Nein!“, sagte Riha entschlossen. „Das lasse ich nicht zu! Dieses Mal nicht! Und wenn es mich mein Leben kostet!“ Kim lächelte schwach. „Sag nicht so dummes Zeug, Riha. Es gibt keine Möglichkeit meinem Schicksal zu entkommen. Ich wusste, dass dieser Tag einmal kommt. Ich gehöre nicht zu euch, das kann ich einfach nicht. Ihr habt eure Welt und ich halte mich schon zu lange darin auf.“ Riha drückte ihn an sich. „Aber du bist mein Junge! Ich habe dich aufgezogen und dich in mein Herz geschlossen. Und jetzt soll ich dich hergeben? Dass kann niemand von einer Mutter verlangen!“ Kim schloss kurz die Augen und genoss diesen Moment so lange wie es möglich war. Dann schälte er sich aus Rihas Armen. „Ich hab dich lieb, Riha! Mehr als alles andere! Aber es geht nicht. Er ist mein Vater und ich bin an ihn gebunden. Für eure Sicherheit musste ich ihm im Gegenzug völligen Gehorsam schwören.“ Einen Augenblick war Riha wie gelähmt. So erstaunt war sie über die über-weisen Worte eines kleinen Jungen von gerade einmal fünf Jahren. Sie konnte ihn nur anstarren und seine Worte auf sich wirken lassen. Kim missverstand das. Er ergriff besorgt ihre Hand. „Riha, verzeih mir. Bitte, ich könnte mir niemals verzeihen, wenn du mich verstößt.“ Riha kam zur Besinnung und lachte leise, ebenso wie bekümmert. „Was hast du nur mit meinem Ganondorf gemacht. Vor mir sehe ich einen so tapferen und klugen Jungen, dass ich glaube meine Sinne täuschen mich.“ Kim gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Leb wohl, Riha. Lebt alle wohl!“ Er wandte sich um und wollte gehen. Es wurde Zeit. Wenn sein Vater zu ungeduldig wurde, vielleicht würde er wütend werden und das war jetzt alles andere als gut. „Nein, Ganondorf! Du darfst nicht gehen! Ich lasse dich nicht!“, weinte ein Mädchen und klammerte sich an seinen Arm. „Ich auch nicht!“, stimmte Malik zu. „Hört auf!“, sagte Riha bestimmt. Die Kinder blickten sie erschrocken an. Dass sie das zulassen konnte! Als Kims Ziehmutter selbst! Sie erhob sich und lächelte. „Ganondorf, versprich mir nur Eines – sobald du alt genug bist, sobald aus dir ein junger und starker Mann geworden ist, besuchst du mich wieder! Komm zurück sobald du kannst!“ Kim seufzte, doch gleich darauf lächelte er zurück. „Ja, Riha. Ich verspreche es dir! Wir werden uns wieder sehen!“ „Schwöre es bei deinem Leben und deiner Seele!“, forderte Riha. Er legte sich die Hand aufs Herz. „Ich schwöre es bei meinem Leben und meiner Seele!“ Rihas Augen glitzerten erneut. Doch sie nickte ihm zu. „Und jetzt geh, bevor ich dich nicht mehr loslassen kann!“ Auch Kim nickte. Dann drehte er sich um und rannte, bevor auch er sich nicht mehr losgelassen werden wollte. Vor allem, weil er wusste, dass er sein Versprechen nicht hielt, dass er Riha und die Nomaden nie wieder sah. Er wusste es, dass nun ein Leben begann, in dem für so etwas kein Platz mehr war. Und diesen Gedanken konnte er nicht mehr lange ertragen. Darum musste er hier weg. Kim hatte schon jetzt Sehnsucht. „Hast du dich nun von aller Liebkosung gesättigt?“, fragte Ganon spöttisch, als Kim ihn erreicht hatte. Kim ließ die Schultern hängen. Ganon streckte ihm den Arm entgegen und er umfasste ihn, um sich auf das Pferd hieven zu lassen. Als er wieder im Sattel saß, wurde Kim wirklich bewusst, dass er Riha jetzt nur noch für ein paar Atemzüge sah. Sein Blick haftete sich an ihre Gestalt und er versuchte sich ihren Anblick einzuprägen so gut es ihm möglich war. Er wollte sich an ihr Gesicht erinnern, für immer. Damit er einen Strohhalm hatte, an den er sich in den bevorstehenden dunklen Jahren seines Lebens klammern konnte. Riha lächelte ihm aufmunternd zu und winkte ihm zum Abschied. Sein Gesicht hellte sich trotz seiner Gedanken auf und euphorisch winkte er zurück, mit beiden Händen. Abfällig schnalzte Ganon mit der Zunge und drückte seinem Sohn die Arme nach unten. Ihm war der Geduldsfaden gerissen. Er zog den Mantel wieder um sich und schenkte den Shieka keinen einzigen letzten Blick. Sogleich gab er Thunder die Sporen und wandte sein Pferd um. Sie verließen die Sümpfe, bevor Kim sich Rihas Gesicht fest einprägen konnte. Ganon hatte ihn einfach aus seinem vorherigen Leben gerissen. So kam es Kim vor. *** Es war spät, die Finsternis hatte sich bereits über das Land niedergelassen, als sie immer noch unterwegs waren. Das Pferd trabte langsam den Pfad entlang. Kim versuchte zu schlafen, weil er so schrecklich müde war von der ganzen Anstrengung des Tages, außerdem war er auch sehr früh, noch vor Sonnenaufgang, aufgestanden. Jetzt zahlte ihm sein Körper den Schlafmangel heim. Aber er konnte nicht einschlafen, weil es im Sattel so unbequem war. Wenigstens war ihm nicht kalt, Ganons Mantel, in dem er eingewickelt war, wärmte ihn. Kurz sahen seine müden Augen auf zu ihm. Ganon stierte stur geradeaus. Kim ließ den Blick wieder sinken. Es war Stunden her, seit sie sich von den Gerudos verabschiedet und sich auf den Weg nach Hyrule gemacht hatten. Mittlerweile hatten sie auch den Canyon hinter sich gebracht und waren nahe an der Grenze zum nächsten Reich. Termina war ein winziges Reich, darum waren sie schon so weit gekommen. Es war so klein, dass es noch nicht einmal von einem menschlichen König regiert wurde. Ein einfacher aber reicher Fürst war der oberste Mann. Zumindest über das Zentrum. Denn der Sumpf wurde vom Dekukönig, das Meer vom Zorahäuptling und die Berge vom Goronenältesten regiert. Und der Canyon von den Geistern. Nachts suchten Mumien, Skelette Irrlichter und ………… das Felsgeflecht heim. Das hatte Kim mit eigenen Augen gesehen. Da hatte er auch verstanden warum nur ein Dieb, ein Grabwächter und ein Geisterforscher mit seiner Tochter hier lebten. Er war eigentlich kein Angsthase und Angst hatte er auch nicht gehabt. Doch alleine, ohne seinen Vater, hätte er den Canyon lieber umgangen. Die Monster hatten sie nämlich angegriffen. Doch Ganon war es ein leichtes gewesen sie zu vertreiben. Ganon war wirklich stark und mächtig. Kim wusste jetzt, dass er es noch lange nicht mit ihm aufnehmen konnte und dass es gesunder für ihn war ihm zu gehorchen. Kim musste sich mit seinem Schicksal abfinden, je eher desto besser… „Kannst du nicht schlafen?“, zerstreute Ganons Stimme seine Gedanken. Kim hob überrascht den Blick. „Es geht schon.“, sagte er verschlafen. „Aber wenn wir…“ „Nein, wir halten nicht an!“, sagte Ganon streng und ohne ihn anzusehen. „Eine Rast für die Nacht kostet zu viel Zeit. Du bist doch selbst Schuld, also jammere nicht!“ Kim zog den Kopf ein und nuschelte demütig. „In Ordnung.“ Erneut unternahm er einen zwecklosen Versuch es sich im Sattel möglichst bequem zu machen. Seufzend schloss Kim die Augen und versuchte wieder einzuschlafen. Doch schon im nächsten Moment wurde er auf sehr unsanfte Weise geweckt. Durch ein ohrenbetäubendes Geräusch hinter ihnen. Der Schreck zuckte durch seinen ganzen Leib, er erschrak wie eh und je. Es war ein zischelnder unmenschlicher Schrei, dem ein Pochen folgte. Dann brannte der Himmel. Kim fuhr auf und starrte nach oben. „Der Himmel brennt? Was kann das sein?“ „Das Feuerwerk.“, antwortete Ganon ungehalten. „Heute ist Neujahr.“ Kim riss die Augen auf. „Heute?“ Das hatte er in all der Aufregung ganz vergessen. Heute – jetzt – begann das neue Jahr. In Termina wurde Neujahr immer mit einem riesigen Fest gefeiert, schließlich war es zwar ein kleines aber umso reicheres Land. Und am Ende des Festes folgte – das Feuerwerk. Ein Specktakel aus wunderschönen Farben. Weil der Junge im Sattel sich ständig neugierig umdrehte und von einer Seite auf die andere blickte und nicht stillhalten wollte, hielt Ganon das Pferd an und wandte es um, damit der Knabe sich das Feuerwerk ansehen konnte. Es war ein atemberaubender Anblick. Darum atmete Kim auch gar nicht, obwohl seine Kinnlade heruntergefallen war. Ein explodierendes Feuerwerk hatte er noch nie gesehen. Das Zischen flog gen Himmel und zerriss sich in viele bunte und aberbunte Funken, die den Himmel färbten und nur allmählich verblassten um den neuen, frischen Funken Platz zu machen. „Schön, nicht wahr?“, sagte Ganon sanft und klappte das heruntergefallene Kinn des Kleinen wieder zu. Kim presste die Hand weg, ohne sich von den Farben lösen zu können. „Es ist ein Gemisch aus Schwarzpulver und Kräutern, die für die Farbe sorgen. Eingewickelt in einem Schilfsgeflecht und Wachs.“ Ganon zog überrascht die Augenbrauen hoch und starrte auf den wuseligen Hinterkopf unter ihm. Er war erstaunt. „Das weißt du?“ Kim sackte traurig in sich zusammen. „Riha wollte mit mir und den anderen Kindern zum Fest in die Stadt gehen.“ Ganon schnaufte. „Ich will diesen Namen nicht mehr hören! Ab jetzt gibt es weder einen Shiekastamm noch eine Frau namens Riha, wenn ich dich noch einmal darüber sprechen höre…“ „Ja, schon gut!“, unterbrach Kim laut und gereizt. Kaum dass er das gesagt hatte, da war Kim klar, dass er seine Frechheit bereuen werde. Aber es war einfach aus ihm herausgeplatzt. Erneut war Ganon überrascht, doch nicht minder wütend. „Wiederhol doch bitte, mutiger und schlauer Jüngling, was du eben sagtest und mit bitte demselben Tonfall!“ Sofort erstarrte Kim, er merkte, dass es ein großer Fehler gewesen war seinem Zorn Luft zu machen. Er hätte sich zurückhalten und nur gehorsam nicken sollen. Ohne Gnade warf Ganon ihn vom Pferd. Kreischend landete er bäuchlings auf dem Boden. Es war sein Glück, dass das Gras so hoch und dicht war, dass es seinen Aufprall dämpfte. „Ab jetzt läufst du!“, knurrte Ganon. „Und wehe du liegst zurück!“ Kim erhob sich wie vom Blitz getroffen. „Laufen? Aber Meister, ich…ich bin viel zu müde und ich bin einen so langen Marsch nicht gewohnt!“ „Ach zu müde?“, erwiderte Ganon zynisch. „Aber um mir gegenüber frech zu werden, dafür warst du nicht zu müde! Du unverschämter und vorlauter Bengel, dir bringe ich schon noch Manieren bei! Und was den langen Marsch angeht, so wirst du wohl oder übel lernen müssen, dass man sich auf keine anderen Beine besser verlassen kann als auf seine eigenen!“ Mit diesen letzten Worten gab Ganon seinem Pferd die Sporen. „Warte Meister!“, rief Kim mit heißer Stimme. Ganon hielt nicht an, er drehte sich nicht einmal mehr zu ihm um. Kim blieb nichts anderes übrig als endlich seinen Hintern in Bewegung zu setzten. „Bitte Meister, bleib stehen! Ich werde nie wieder ungezogen sein. Bitte, ich kann nicht mehr!“ „Ach was, du bist gerade mal fünf Schritte gegangen.“, lachte Ganon im Sattel. „Ein paar tausend Schritte mehr können nicht schaden.“ Ab den nächsten zehn Schritten fing Kim an zu weinen. Und dieses Mal waren es keine Krokodilstränen. Er weinte, weil ihm nach fünfzehn Schritten voll erfolgloser Bettelei klar wurde, dass Ganon es ernst meinte. Er würde ihn die ganze Reise über laufen lassen. Kim war Anstrengungen nicht gewöhnt und tausend Schritte bedeuteten Anstrengung. Wenn er nur daran dachte wurde ihm übel. Ganon hingegen kam gar köstlich auf seine Kosten. Er trieb sein Pferd an, dass es nicht zu schnell trabte und er seinen Sohn noch gut im Auge hatte, jedoch wiederum auch schnell genug, dass er seinem Sohn immer knapp zwei Armlängen voran ritt und somit unerreichbar war. Kim weinte und weinte den ganzen Weg über, den er laufen musste. Noch wusste er nicht, dass Ganon noch einmal Gnade vor Recht ergehen ließ. Nur hundert Schritt hatte er vor sich, dann werde Ganon ihn wieder aufs Pferd holen und er so schnell einschlafen wie noch nie in seinem Leben.


„STOP!“, dröhnte die Stimme durch den Megafon.
Inzwischen waren etliche Stunden, Fahrt, Warten und Stau vergangen. Doch endlich trennten nur noch wenige Kilometer sie von der ausgelöschten Stadt. Sie waren alle müde und verschwitzt und ungeduldig. Darum stöhnten sie über den Ausruf des Polizisten, denn sie sahen wieder einer beträchtlichen Wartezeit entgegen. Je näher sie New York kamen desto mehr Polizeistreifen waren sie begegnet. Sogar einen Panzer und einige Legionen an Infanteristen hatten sie überholt. Nun wurde ihnen das Ausmaß wirklich bewusst. Im Fernsehen waren ihnen die Bilder wie ein schlechter Katastrophenfilm vorgekommen, aber nun… Die Herren Stone und Liebgraf stiegen gemeinsam aus und gingen dem Polizisten entgegen um sich mit ihm zu unterhalten. „Ob wir wohl durchkommen?“, murmelte Dan geistesabwesend und starrte durch die getönte Scheibe. „Hm? Wo durchkommen?“, fragte Vivi ihn. Dan sah seine kleine Schwester mit einem Blick an, der ihr ihre Dummheit an den Kopf warf. „Die haben doch die ganze Stadt ringsum abgeriegelt, Schwesterlein. Warum denkst du sonst sind da nur Polizisten und die Army?“

Zeitgleich geschah im Hauptturm folgendes: „Herr, es ist wie Euer Spion berichtet hat. Der Feind ist mit seinen Verbündeten auf dem Weg zum Turm in New York. Sie haben noch genau 18,34 Kilometer bis zum Fuß des Turmes Nr. 23.“, sagte Matthew. „Wie soll ich vorgehen?“ „Du gar nicht!“, knurrte Kim dem Gesicht im Bildschirm des Hauptcomputers entgegen. „Verlasse den Turm, das ist alles.“ „Aber…“ „Das war ein Befehl!“ Dem jungen Mann im Computer gefiel das gar nicht. „Herr, ich habe Euch verärgert, aber ich kann nicht mehr tun als noch einmal zutiefst um Verzeihung zu bitten. Was kann ich nur tun um Euch wieder gütig zu stimmen?“ „Spar dir deine Schleimereien!“, fuhr ihn Kim an. „Im Augenblick sieh nur zu, dass du mir so selten wie möglich unter die Augen trittst! Und jetzt verlasse den Turm! Ich werde mir Leute heraussuchen, die besser für diesen Auftrag geeignet sind als du.“ Zerknirschte nickte der junge Mann. „Ja, Herr.“ Dann brach die Verbindung ab. „Was gedenkt Ihr nun zu tun?“, fragte Raik, der an der Wand lehnte. Kim drehte den Stuhl, damit er ihn im Blick hatte. „Nun, erst einmal sollte ich unsere teuren Feinde einladen, findest du nicht?“

Herr Liebgraf klopfte an ihr Fenster. Alexa drückte auf den Knopf und die getönte Scheibe fuhr automatisch und lautlos herunter. „Es wird leider noch etwas dauern. Sie wollen uns nicht passieren lassen. Steigt aus und vertretet euch ein wenig die Beine.“ Energisch stieg Benny aus, den Rucksack und das eingewickelte Schwert ließ er zurück. „Warum nicht? Ich muss zu diesem Turm!“ „Das wissen wir und sie wissen es auch.“, Herr Liebgraf deutete mit dem Kopf in die Richtung wo sein Freund Stone stand und ein intensives Gespräch mit dem Offizier führte. „Aber sie lassen uns trotzdem nicht. Du musst gestehen, dass wir nur wie gewöhnliche Zivilisten aussehen, Minderjährige darunter.“ Auch die anderen stiegen aus und seufzten vor Wohltat endlich ihre Glieder dehnen zu können. Vivi hielt das eingewickelte Schwert eisern umklammert. „Wenn wir ihnen das unter die Nase halten werden sie uns garantiert durchfahren lassen!“, knurrte sie. „Natürlich werden sie uns durchlassen.“, entgegnete Alexa ironisch. „Nachdem sie uns ein paar hübsche Löcher in den Kopf gepustet haben!“ Vivi wandte sich wütend an sie. „Benny muss doch nur mal kurz einen kleinen Zaubertrick vorführen und dann werden ihnen schon allen die Augen ausfallen!“ „Das halte ich für keine gute Idee.“, widersprach Dan. „Du kannst nicht vorhersagen wie sie reagieren werden, Vivi. Vielleicht eröffnen sie auch das Feuer.“ „Aber es muss doch eine Möglichkeit…“, setzte Vivi an, wurde aber unterbrochen. „Märijus!“, brüllte Herr Stone zu ihnen herüber. Herr Liebgraf sah auf und folgte der Aufforderung Stons, der ihn wieder zu sich winkte. Die Jugendlichen blieben ungeduldig wartend zurück. Benny, Vivi und Alexa sahen gebannt der Auseinandersetzung der beiden Männer mit dem Offizier zu, der ab und zu böse Schimpfwörter von sich gab. Es war hoffnungslos. Dan sah das als erster ein. Kopfschüttelnd griff er in die Hosentasche, in der er sorgfältig ein Päckchen Zigaretten aufbewahrte. Eigentlich rauchte er nicht. Er hatte es von Flo bekommen und hatte es eigentlich nur halten sollen, als Flo mal wieder an irgendetwas Eigenes gebastelt hatte. Aber irgendwie war es dann in seiner Tasche gelandet und dort geblieben. Dan beschloss jetzt und hier mit dem Rauchen anzufangen. Schließlich war es sein gutes Recht, bei all den Nerven, die die letzten Tage ihn gekostet hatten und bei all den seltsamen Geschehnissen, die er immer noch nicht glauben wollte und bei der heiligen Jungfrau Maria! Er fummelte daran herum, so lange, bis sie ihm aus der Hand fiel. Leise fluchend bückte er sich um sie aufzuheben. „Mann…das musste jetzt wieder sein…“ Gereizt, sicherlich auch von der langen Fahrt, ergriff er sie – und hielt abrupt mitten in der Bewegung inne. Denn die Schachtel war in einem frischen Scheißhaufen gelandet. „Shit!“, nuschelte er. Die Scheiße, die auf der Rückseite der Schachtel klebte, tropfte an den Ecken herunter und wieder auf den Boden, wo die schwarze Scheißpfütze lag. Dann bemerkte er, dass die Scheiße tatsächlich pechschwarz und flüssig wie schlecht gekochter Griesbrei war. Erschrocken keuchte er: „Was ist das denn?“ Verwundert drehten sich Benny, Vivi und Alexa gleichzeitig um. Benny erkannte die Gefahr sofort. „WEG DA!“, kreischte er und packte die völlig verwirrte Alexa um sie nach vorne zu schieben. Vivi stand zu weit weg. Dan ließ irritiert die Packung fallen und sprang auf die Beine. Die Packung wurde augenblicklich vom schwarzen Schleim verschluckt. Durch Bennys Schreien waren alle Umstehen aufgeschreckt worden. Herr Liebgraf, sein Freund Stone und der Offizier blickten erschrocken zu ihnen herüber. Die Rekruten, die patrouilliert oder in der Sonne gedöst hatten, griffen sofort nach ihren Waffen. Jäh schossen aus der kleinen, nur handflächengroßen, Pfütze, etliche Schleimarme. Die schlangenartigen Viecher packten blitzschnell zu. Dan hatte überhaupt keine Chance, er wurde so deftig gepackt, dass er sich nicht rühren konnte. Die anderen Schleimarme holten weiträumig aus und legten sich um Vivi, die wie zu Stein erstarrt und mit aufgerissenen Augen dastand. Benny schob Alexa weiter und machte kehrt um Vivi zu befreien. „Vivi! Das Schwert! Schlag sie ab!“, brüllte er, während er fünf Schleimranken auf sich selbst zurasen sah. Einen scharfen Pfiff stieß er aus und sofort hüllte ihn ein leicht silbern schimmernder Schutzschild ein. Wie Geschosse prallte der Schleim an ihm ab. Die Soldaten hatten angefangen zu schießen. Sie schossen mit ihren Gewehren auf die Ranken ein, was dem Schleim nicht das Geringste ausmachte. „Stop!“, schrie Herr Liebgraf panisch. „The children!“ Der Offizier brüllte einen Befehl, der Kugelhagel wurde eingestellt. Der Offizier brüllte, sie sollten mit ihren Messern gegen den Schleim kämpfen, rührte sich aus lauter Furcht aber nicht. Auch seine Rekruten näherten sich dem Schleim nicht. Keiner wagte es und so konnten sie nichts ausrichten. Herr Liebgraf wollte selbst eingreifen. Seine Tochter rannte auf ihn zu und er rannte ihr entgegen um ihr notfalls Rückendeckung zu verschaffen. Dan war verschwunden. Denn die Pfütze wuchs nun, unglaublich schnell. Benny kämpfte sich bis zu Vivi vor. Er musste sie schnell wegziehen, denn die Pfütze hatte sie fast erreicht und auch die Ranken zogen sie in Richtung der Pfütze. Die Schleimarme hämmerten und schlugen nun auf seinen Schild ein, versuchten so mittels Gewalt an Benny heranzukommen. Vivi versuchte sich gegen den Zug zu stemmen und war damit beschäftigt panisch das Schwert zu befreien. Es gelang ihr nicht, denn die Ranken hatten es bereits fester im Griff als sie. Sie hatte ja schon mühe es sich nicht entreißen zu lassen. „Das kriegt ihr nicht! Das kriegt ihr nicht!“, schrie sie immer wieder. Denn die Ranken waren tatsächlich, so schien es, dabei, das Schwert an sich zu nehmen. Benny hatte sie erreicht, doch nun gab es ein weiteres Problem. Er musste den Schild aufgeben, sonst konnte er sie nicht anfassen. Doch sobald er es täte, würden sich die Schleimranken auf ihn stürzten. Trotzdem, er ließ den Schutzschild fallen. Gleich darauf, wie er es vorhergesehen hatte, wurde er von den Schleimarmen gepackt. „Lasst mich!“, schrie er und schlug mit den Fäusten und aus ihnen schossen winzige magische Blitze. Es hatte eine effektive Wirkung, zu seiner übergroßen Überraschung. Seine Magie wirkte der des Schleimes entgegen und so zog er sich zurück. Wie groß war das freudige Erstaunen darüber. Benny packte Vivi und zerrte an ihr. Die Schleimpfütze war nur noch wenige Zentimeter von ihnen entfernt. Mit voller Kraft entsannte Benny seine magischen Wellen, der Schleim hatte keine andere Möglichkeit, die Ranken verloren ihre Kraft und Vivi entglitt ihnen Stück für Stück. Herr Liebgraf hatte seine Tochter erreicht und schützte sie mit seinem Rücken. Unsicher blickte er zu den beiden Jugendlichen zurück. „Ich schaffe das schon!“, brüllte Benny, der gefährlich zuversichtlich geworden war.

So war das nicht geplant, dachte Kim ärgerlich. Normalerweise konnte die schwache und unausgereifte Magie von Benny seiner nichts entgegensetzen. Aber es war nun einmal eben nicht Bennys Magie, die Benny einsetzte. Sondern seine eigene. Denn Kim hatte sie ihm doch gegeben, aber er war nicht weitsichtig genug gewesen um vorauszusehen, dass Benny ihm so in die Quere kommen konnte. Schließlich musste er mindestes eines der beiden Mädchen in die Finger bekommen. „So, du willst also den Helden spielen?“, lachte Kim. „Wir werden ja sehen!“

Von ihm hatten sie abgelassen, doch die Ranken wollten Vivi nicht hergeben. Aber Benny kämpfte weiter, noch waren seine magischen Reserven nicht aufgebraucht. Stück für Stück zog er Vivi von der Pfütze weg, die aufgehört hatte zu wachsen, als er seine Magie eingesetzt hatte. Sobald er Vivi von dem Schleim befreit haben würde, hätte er ein Schutzschild um sie beide errichtet und dann wären sie in Sicherheit gewesen. Ganz recht – würde, hätte und wäre! Wenn nicht plötzlich zwei schwarze Ranken aus der Schleimpfütze geschossen wären. Benny war vorbereitet um sie abzuwehren, doch sie schossen an ihm vorbei. Die eine schlug Herrn Liebgraf mit voller Wucht in den Rücken, dass er sogar über seine Tochter hinweg flog und auf den Boden krachte. Die andere schlang sich um Alexas Knöchel und riss auch sie von den Füßen. Ein gellender Schrei entglitt ihrer Kehle. Benny ließ sich davon ablenken – und das war ein fataler Fehler! Denn sofort schlugen die Ranken wieder zu und legten sich wieder um Vivi und sogar um ihn. Um sie wieder zurückzustoßen wandte er sich um und wollte seine Magie wieder in Gang setzten. Doch da war diese eine Ranke, genau vor seinem Gesicht – Und aus der Spitze spritzte schwarze Flüssigkeit. Direkt in seine Augen. Vor Schmerz schrie er auf, es brannte wie Feuer. Sofort ließ er Vivi los und legte seine Hände aufs Gesicht, als brächte dies etwas. Damit waren sie alle drei verloren. „Nicht loslassen!“, kreischte Vivi und versuchte sich an ihn zu klammern. Doch die Ranken hatten sie fest umschlungen. Währendessen kreischte Alexa und ihre Fingernägel krallten sich in den festen Boden. Gnadenlos wurde sie über die Straße geschliffen, an Benny vorbei und in die Pfütze, die von neuem anfing zu wachsen. Auch Vivi fiel in die Pfütze. Das Einzige, an was sie sich klammerte, war das Schwert, nur halb ausgewickelt. Beide schrieen wie am Spieß um Hilfe und wanden sich in ihrer Verzweiflung. Die Ranken verschwanden in der Pfütze, denn sie hatten die Beute ins Netz getrieben. Noch immer wischte Benny sich über die Augen. Immer und immer wieder. Es brannte. Er versuchte die Augen zu öffnen, doch sobald er auch nur ansatzweise seine Lieder nicht mehr krampfhaft zusammenpresste brannte es noch stärker. Dann verlor er das Gleichgewicht und fiel auf alle Viere, weil die Pfütze ihn erreicht hatte. Er spürte, wie er langsam in dem Schleim versank. „Tut doch was!“, schrie Herr Liebgraf, als er sich wieder gefangen hatte. Dabei merkte er gar nicht, dass er nicht englisch sprach. „So tut doch was!“ Aber jeder verstand was er wollte. Nun, da die Ranken verschwunden waren, trauten sich die Soldaten näher zu kommen. Auch der Offizier meldete sich. Doch Herr Liebgraf war von allen der Tollkühnste. „Haltet durch!“, schrie er und rannte auf sie zu. „Ich ziehe euch raus!“ Sofort rissen Alexa und Vivi die Arme hoch und flehten, dass jede von ihnen die erste sei. Aber Benny durchschnitt ihre Schreie. „NEIN! Bitte komm nicht näher! Sonst wirst du auch eingesogen.“ „Aber wie sollen wir dann rauskommen?“, kreischte Alexa. Blind hörte er die Stimmen und Geräusche von überall herkommen und das Brennen raubte ihn fast den letzen Nerv. „Wir können uns nicht befreien. Hört mir zu! Sobald euch der Schleim verschluckt haltet Mund und Nase zu, damit er euch nicht in die Lungen läuft.“ „Was?“, jammerte Vivi schockiert. „Wir werden sterben! Wir werden ersticken!“ Alexa fing an zu weinen. Vivi stimmte mit ein. „Wir sterben nicht! Wir werden nur wo anders hingebracht, glaubt mir, ich kenne das! Tut was ich sage!“, versuchte er sie zu beruhigen. Sie versuchten sich beruhigen zu lassen. Und Vivi griff sich bereits an die Nase. „Das kann ich nicht zulassen!“, sagte Liebgraf. Seine Stimme war ganz nahe, auch wenn Benny nicht sah wie nahe. „Bitte, Herr Liebgraf! Bleib weg! Du hast es doch am eigenen Leib gespürt. Wenn er uns haben will, dann kriegt er uns.“ Herr Liebgraf blieb stehen. „Keine Sorge, ich passe auf sie auf!“ Dann verschwand er im Schleim. Vivi holte mit angeekeltem Gesicht tief Luft und tauchte auch ab. Nur Alexa schlug immer noch wie wild um sich und kreischte weiter vor Panik. Sie verschwand im Schleim mit offenem Mund. Die vier Jugendlichen waren verschluckt worden. Vor seinen Augen und vor den Augen einer ganzen Armee. Der Schleim vibrierte und zog sich zusammen, wie ein Blutegel, wenn es berührt wurde. Die Pfütze wurde kleiner und kleiner und löste sich schließlich ganz auf. Noch immer starrte Herr Liebgraf auf die Stelle, auf der seine Tochter als Letzte verschwunden war. „Der Turm!“, sagte er auf Englisch. „Wir müssen zum Turm!“

Kim war zufrieden mit sich. Nun hatte er sie alle vier auf dem Bildschirm. „Perfekt! Jetzt sind die Gäste eingetroffen!“, lachte Kim. „Was habt Ihr vor, Herr?“, fragte Raik. „Weshalb riskiert Ihr einen weiteren Turm?“ „Wozu soll ich einen Turm behalten, der mitten in der Einöde steht?“ „Immerhin ist der Chip noch im Zentrum.“, konterte Raik. Kim winkte ab. „Den bekommen wir. Ebenso wie das Schwert!“ „Welches Schwert?“ Raik runzelte die Stirn. „Etwa das…?“ Kim rieb sich die Hände. „Beginnen wir mit dem tödlichen Spiel!“

Alexa hörte nicht auf sich zu übergeben. Und zwischen ihren verdauten Resten an Marmeladenbrot und Milch erbrach sie unentwegt schwarzen Schleim. „Benny hat uns doch gesagt wir sollen uns Mund und Nase zuhalten!“, tadelte Vivi sie. „Du hast selbst Schuld!“ Allerdings musste Vivi zugeben, dass es wirklich ein Horrortrip gewesen war. Sie hatte so etwas zwar schon einmal erlebt, aber damals war alles viel schneller gegangen und sie war relativ rasch bewusstlos geworden. Dieses Mal war sie es nicht geworden. „Wo sind wir?“, jammerte Alexa und hatte einen widerwärtigen Geschmack im Mund. Vivi blickte sich professorisch um. „Ich würde schätzen, in einem der schwarzen Türme. Vielleicht sogar…in dem von New York?“ Alexa war mit Kotzen fertig und stieg in einem erneuten Weinkrampf ein. „Seht mich nur an! Ich bin schmutzig, meine Kleider sind dreckig und zerrissen, meine Fingernägel abgebrochen und meine Knie aufgeschürft!“ Vivi rollte die Augen. „Meinst du jetzt lässt uns der große böse Mann gehen, nur weil du unbedingt ein Bad brauchst?“ „Und außerdem neue Kleider und einen Arzt!“, zischte Alexa ihr entgegen und stieß ihr ihren Ellbogen in die Seite. Ein Aufstöhnen verhinderte einen Zank zwischen den beiden Mädchen. „Hör auf dir die Augen zu reiben, Benny! Du machst sie noch ganz wund!“, sagte Dan, der sich über Benny beugte. „Aber es brennt so und ich kann nichts sehen!“, entgegnete Benny. Dan drückte seine Arme runter und Benny fühlte wie eine fremde Hand bei seinem rechten Auge war. Reflexartig wehrte er sie ab. „Das tut weh!“ „Ich muss aber sehen was mit deinen Augen ist!“, erklärte Dan und setzte seine Hände erneut an. Benny biss die Zähne zusammen und ließ ihn gewähren. Dan drückte sein Auge auf. Es brannte so stark und sehen konnte er trotzdem nichts als leere Schwärze. „Mein Gott!“, stieß Dan hervor. „Was ist?“, fragten Vivi und Alexa wie aus einem Munde und krochen zu ihnen herüber. „Das Zeug hat sich auf deine Augen gelegt, kein Wunder, dass es höllisch brennt.“ „Was sollen wir tun?“, fragte Vivi. „Er wird noch blind!“ Dan überlegte angestrengt. „Wenn wir nur Wasser hätten, dann könnte ich es vielleicht ausspülen… Eine Flasche Mineralwasser wäre sogar genug.“ „Ja oder auch nur ne Cola!“, äffte Alexa. „Oder einen Tetrapack Apfelsaft oder Orangensaft. Oder wie wäre es mit Spezi oder Sprite?“ Sie begann leicht zu hyperventilieren. „Hör auf, Alexa!“ Vivi schupste sie. Doch Alexa kam nicht zur Besinnung. Sie stieß Vivi zurück. „Wir werden hier sterben!“ Sie weinte wieder. „Das wird unser Grab!“ „Kim will uns nicht umbringen!“, mischte sich Benny ein. „Er hatte schon einmal eine Gelegenheit und hat mich am Leben gelassen. Obwohl ich von uns allen am gefährlichsten für ihn bin.“ „Und was will er dann? Wozu sind wir hier?“, drängte Vivi zu erfahren. Benny rieb sich wieder über die Augen. „Ich weiß es nicht. Vielleicht will er mich hier einsperren und mich so unschädlich machen. Ihr standet vielleicht einfach nur im Weg.“ „Das glaube ich nicht.“, sagte Vivi. „Er schien es auch auf uns abgesehen zu haben.“ Alexa, die ihren Atem beruhigt hatte, stimmte ihr zu. „Ja, der Schleim hat mich gepackt obwohl ich schon so weit entfernt war und hat mich bis in die Pfütze geschliffen!“ „Was sollte er denn von uns wollen?“, argwöhnte Dan. „Ich meine, ich kenne ihn nicht, aber wenn er so was alles kann, dann sind wir doch wie kleine Mäuschen für ihn, oder?“ Vivi erhob sich. „Vielleicht will er sich an uns rächen, weil wir den Turm zerstört haben. Und er hat euch beide gesehen, als ihr in der Nähe standet.“ Alexa sprang ebenfalls auf die Beine. „Mir doch egal! Ich will hier ra…“ Ein lautes Klickgeräusch ließ sie alle sich fast zu Tode erschrecken. Alexa kreischte laut und klammerte sich an Vivi, die Einzige, die in Reichweite war. „Was zum Teufel…“
„Ihre Bestellung ist eingetroffen.“, ertönte eine mechanische Stimme, wie bei einer Bandansage. Gleich darauf öffnete sich ein kleines Quadrat in der Wand und eine Art Platte schob sich automatisch heraus. Darauf standen jeweils eine volle Flasche Mineralwasser, eine Cola, eine Spezi, eine Sprite und jeweils ein Tetrapack Apel- und Orangensaft. Und ein Plastikbecher mit destilliertem Wasser. Die drei kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ihre Münder standen offen. „Was ist das?“, fragte Benny beunruhigt. „Was ist das für ein Geräusch?“ Die drei sahen sich an.
„Was ist denn los? Ist das ein Feind?“, fragte Benny nun nervös. Es machte ihn fertig, dass er blind war. „Ich nehme die Cock!“, beschloss Vivi gleich und rannte zu der Anlage. „Warte!“, kreischte Alexa. „Du kannst das doch nicht einfach trinken!“ „Warum nicht?“, fragte Vivi verständnislos. „Ich habe echt durst!“ „Was trinken? Was ist denn?“, versuchte Benny sich verzweifelt bemerkbar zu machen. „Das Zeug ist bestimmt vergiftet!“, erklärte Alexa hysterisch. Vivi stemmte die Hände in die Hüften und lachte lauthals. „Ja klar! Wir hätten ja auch in dem Schleim ersticken können, aber viel besser ist es natürlich uns eine vergiftete Cola zu servieren.“ „Und wenn es wirklich so ist?“ Alexa fuchtelte wild mit den Armen. „Was machen wir…“ „Ich möchte bitte noch zehn weitere Becher Wasser, Desinfektionsmittel und ein Verbandset.“, unterbrach Dan, unbeeindruckt des Gefechts der beiden Mädchen. Relativ gleich darauf gab es einen erneuten Klick und die Stimme: „Ihre Bestellung ist eingetroffen.“ Ein Quadrat daneben schob sich auf und vor ihnen erschien Dans Bestellung. Vivi und Alexa waren noch immer schreckhaft, doch Dan nahm es schon hin als sei es das Normalste der Welt. „Bringt mir die Becher, danach, Vivi, kümmere dich um Alexas Schürfwunden. Macht schon! Beieilt euch!“ Vivi und Alexa sprangen auf und taten wie ihnen geheißen. „Willst du ihm wirklich den Schleim auswaschen?“ Vivi reichte ihm den ersten Becher. „Wenn du einen Arzt besorgen kannst, dann lasse ich es.“, gab Dan ihr patzig zur Antwort und nahm ihr den Becher mit ruhiger Hand ab. „Soll ich es versuchen, Benny?“ Benny überlegte keinen Augenblick. „Ja! Ich brauche meine Augen!“ Mit vollkommen ruhigen Händen, die er sich schon seit seiner Kindheit durch ständiges Bauen und Basteln antrainiert hatte, wusch Dan ihm erst die Augenlieder sauber, bis der Schleim nur noch im Auge festsaß. „Ok, ich werde jetzt deine Augen öffnen.“, warnte Dan ihn vor. Dann wurde sein erstes Auge aufgedrückt und das Wasser ihm direkt ins Auge geschüttet. Er schrie als ginge die Welt unter. „Verflucht, tut das weh!“ Während Dan mit seiner Operation beschäftigt war, versorgten die beiden Mädchen auch Alexas Verletzungen. Als sie über den Betonboden der Straße geschleift worden war hatte sie sich an den Knien, den Oberarmen und den Handflächen hässliche Schürfwunden zugezogen, aus denen Staub, Steinchen und Betonreste stachen. Zusammen wischten sie sie sauber und desinfizierten sie. Vivi die Cola, Alexa die Orangensaftpackung neben sich. Sie hatten sich längst dazu überwunden. Abermals öffnete Dan ein Auge Bennys. Doch dieses Mal starrte ihm nicht schwarzer Schleim entgegen sondern ein normaler weißer Augapfel mit einer dunkelblauen Iris und einem Tupfer Schwarz als Pupille. Nun ja, etwas gerötet waren sie, als hätte Benny gleich eine ganze Woche nicht geschlafen. „Der Schleim ist weg.“, sagte Dan erleichtert. „Kannst du jetzt wieder sehen?“ „Nur verschwommen.“, nuschelte Benny und fing wieder an seine Augen zu reiben. Sie juckten und schmerzten. Aber wenigsten kehrte langsam sein Sehvermögen zurück. Er erkannte Licht und Schatten und Bewegungen. Mit einem Pflaster klebte Vivi den letzten Verband fest. „So, fertig!“ Sie tranken alle noch gierig und ratschlagten darüber was sie nun tun sollten. Benny setzte sich auf und während er unentwegt Mineralwasser in sich hineinkippte tränten ebenso unentwegt seine Augen. Nun konnte er Umrisse gut erkennen. Es war so als ob er weinte und durch diesen Salztränenschleier blickte. „…aber zuallererst müssen wir erst aus diesem Raum herauskommen!“, schlussfolgerte Dan. „Stimmt!“ Vivi war Feuer und Flamme. „Dann verpassen wir diesem Kim eine schöne Abreibung!“ Benny lächelte vor sich hin. Du arme Unwissende, Vivi, dachte er. Du hast doch keine Ahnung mit wem wir uns da angelegt haben. Ich bin nicht einmal sicher ob ich irgendwas ausrichten kann, wie willst du dann dem Großmeister des Bösen eine Abreibung verpassen? Vivi stand auf. „Es müsste hier nur eine Tür aufgehen und wir könnten zum oberen Raum gelangen und den Turm zerstören. Wie beim letzten Mal.“ „Ja, nur sehe ich hier nicht die geringste Türklinke.“, setzte Alexa nach. Erneut ein Klick, alle vier fuhren zusammen, und aus der Wand hob sich ein zwei Meter großes Viereck heraus. Dahinter lag ein neuer Raum. Sie starrten verdutzt darauf. Dann kniff Vivi die Augen zusammen und faltete die Hände zum Gebet. „Es soll Hundert-Euro-Scheine von der Decke regnen. Es soll Hundert-Euro-Scheine von der Decke regnen.“ Sie öffnete die Augen und wartete. Nichts geschah. „Ist ja klar! So was passiert mir nicht!“, beschwerte sich Vivi. Dan half Benny auf die Beine. „Wenn du Geld willst, geh arbeiten! Aber jetzt sollten wir weiter.“ Mit grimmigem Gesicht folgte Vivi. Dan legte sich Bennys Arm um die Schultern. „Hey, meine Beine sind noch intakt!“, sagte Benny. „Ich will dich damit nicht stützen, sondern lenken, bis du wieder sehen kannst.“, erklärte Dan. Hintereinander traten sie durch die Tür. Hinter ihnen ging sie zu, was ihre Aufregung steigerte. Der Raum war rund und klein und zwei Gänge führten davon weg. Zwei Gänge. „Ist ja genau wie im anderen Turm.“, sagte Vivi. „Was sollen wir jetzt tun?“, fragte Alexa. „Was ist denn los?“, fragte Benny. „Was ist da vorn? Ein Gang?“ „Zwei!“, antwortete ihm Alexa. Dan blickte sich um. „Am besten wir nehmen jetzt den rechten Gang und wenn wir ihn erkundet haben kommen wir zurück und probieren den linken…“ „Das dauert zu lang!“, mischte sich Vivi ein. „Wir sollten uns aufteilen, in zwei Gruppen.“ „Was?“, kreischte Alexa.

„Ja, so sparen wir Zeit! Beim letzten Mal hat es doch auch super geklappt!“ „Aber das kann gefährlich werden, wenn wir uns…“, versuchte Dan anzusetzen. Doch Benny mischte sich nun ebenfalls ein. „Wir sind so oder so in Gefahr. Ich halte es auch für richtig uns zu teilen. Vivi, gib mir das Schwert.“ Vivi gab es ihm. „Dann gehe ich mit Benny!“, sprach Alexa mit einer Stimme, die keine Widerworte duldete und klammerte sich an seinen Arm. Vivi lachte. „Geh doch mit deinem blinden Huhn! Vielleicht findet er tatsächlich ein Korn!“ „Ich halte das immer noch für einen Fehler.“, sagte Dan besorgt. „Keine Sorge, Bruderherz. Ich bin ja bei dir!“ Vivi holte ihr Taschenmesser heraus. „Und bewaffnet bin ich auch!“ „In Ordnung, dann ist es also beschlossen!“ Benny wandte sich schwankend um. „Gehen wir los!“ Gemeinsam, jeweils zu zweit, gingen sie zu ihrem zugeteilten Gang. Benny und Alexa den linken, Vivi und Dan den rechten Gang. Noch ein letztes Mal teilten sie Mut machende Worte und wünschten sich Hals und Beinbruch, dann trennten sie sich endgültig. Dan folgte seiner übermütigen Schwester, doch noch immer hatte er kein gutes Gefühl bei der Sache. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass das genauso geplant gewesen war. Dass sie sich aufteilten. Aber was konnte dieser Kim wohl vorhaben? Ob er Benny so schwächen wollte? Oder…noch schlimmer…ob Kim sie, seine Schwester und ihn, angriff?

„So eine törichte Idee sich zu trennen! Herr, sagtet Ihr nicht, dass der Held der Zeit klug ist?“, sagte Raik voller Abscheu dem Feind gegenüber. „Das ist er, aber er ist immerhin noch acht Jahre alt. Ich würde mich eher über die Dummheit der anderen drei beschweren.“, gab Kim zurück. Raik war nicht überzeugt, er schnaufte aus. „Wenn Ihr das sagt. Mit wem von ihnen soll ich mich beschäftigen?“ „Mit keinem, ich habe bereits jemanden geschickt.“ Raik war verwundert. „Wen?“ „Jemanden, der um einiges ungeschickter ist als du.“, entgegnete Kim. Raik verstand die Welt nicht mehr. „Was? Was habt Ihr vor?“ „Ich will das Schwert!“ „Und Ihr schickt irgendjemanden? Schickt mich und ich bringe Euch noch die Hand, die es festhält.“, stieß Raik aus. Und er meinte es wie er es sagte. Eben das befürchtete Kim. Eine Hand war weitaus schlimmer als ein Haar zu krümmen und dazu noch unübersehbar. „Raik, mit dem Speer kennst du dich nicht aus, aber mit modernen Waffen schon zu gut. In diesem Fall aber verzichte ich auf Tote.“ Raik verstand jetzt zwar, dass Kim nicht wollte, dass dem Blonden etwas geschah, aber er konnte es nicht begreifen, dass Kim mehr Angst um den Feind hatte als um den Turm. Wäre er an der Stelle seines Herrn, läge Benny längst unter der Erde, egal wie alt er sein mochte. Doch er hatte Kims Entscheidung zu akzeptieren. „Und was ist mit den anderen Beiden?“ Kim erhob sich. Mit lauerndem Grinsen sah er zu dem Spiegel im steinernen Schlangenmaul. „Um die kümmere ich mich persönlich! Jetzt geh und lass mich allein!“ Noch immer war Raik nicht überzeugt, doch er gehorchte und verschwand aus dem Raum. Kim schritt hinüber zum Spiegel und lachte seinem Spiegelbild entgegen. Das Spiegelbild aber verschränkte ohne ihn die Arme vor der Brust. Denn es war nicht ganz sein Spiegelbild. Was hast du vor? „Weißt du das denn nicht, Meister? Wer die beiden Mädchen sind?“ Natürlich ist es mir aufgegangen. Es gibt nur ganz bestimmte Personen, die das Masterschwert läutern können, entgegnete Ganon. Aber ich kann deine Gedanken nicht lesen. „Diese beiden Mädchen sind für den Helden der Zeit unverzichtbar, wenn er mich besiegen wollte – was er nicht einmal mit zehn von ihnen schafft – dann bräuchte er sie unbedingt. Folglich, beseitige ich eine von ihnen, ist er absolut machtlos!“, erklärte Kim. Ganon lachte. Und deswegen diese ganze Mühe? Aus Kims Gesicht wich das Lachen. Ganon hob gespielt den Zeigefinger. Ach ja! Ich vergas! Kein Haar, nicht wahr mein Sohn? Nicht eines! „Deine Scherze auf meine Kosten fangen an mich zu nerven!“, zischte Kim. Gespielt verwundert sah Ganon auf. Ach wirklich? Ich amüsiere mich köstlich. Mit einem dunklen Lachen bewegte sich die Spiegeloberfläche. Dann war das Bild im Spiegel tatsächlich Kims Spiegelbild. Und Kim blieb zurück, mit wutverzerrtem Gesicht.

Hilflos tastete Benny sich die Wand entlang. Es war zu dunkel für ihn, er konnte kaum etwas sehen in diesem Gang. Alexa ergriff seine Hand und zog ihn mit sich, doch er schien ihr nicht genug zu trauen um sich ganz ihrer Führung zu überlassen. Tatsächlich war es so, dass Benny sich mit Vivi viel wohler gefühlt hätte. Immerhin war sie schon einmal in einem der Türme gewesen, war sie mutiger als Alexa und kreischte nicht. Aber das war jetzt auch egal! Er war blind wie ein…ein…verdammt noch mal! Was für ein Tier konnte nicht sehen? Die Schlange? Nein, die hörte nicht! Äh…mhm… Ein Maulwurf? Nein, der hatte nur schlechte Augen, war aber nicht vollkommen blind. Das hatten sie doch erst vor kurzem in der Schule durchgenommen. Ich hab nen kleinen Bruder ^^ Aber die Fledermaus! Die war blind! Allerdings war er immerhin nicht mehr ganz blind. Also doch der Maulwurf? „Benny? Ist dir nicht gut?“, riss Alexa ihn aus seinen kindlichen Gedanken. „Äh…was? Ach, nein…ich meine doch! Ich habe nur nachgedacht!“ „Worüber?“, bohrte Alexa nach. „Ähm…was…wo sind wir?“, versuchte er sich aus der Affäre zu ziehen. Ihm war es jetzt peinlich in einer solchen Gefahrensituation wie dieser an irgendwelche Tiere und irgendwelchen Schulstoff zu denken. Verdammt! Er war doch der Held! Er musste einen klaren Kopf bewahren! „Da vorn ist eine Tür!“, rief Alexa aus. Benny blieb stehen und löste sich aus ihrem Griff. Um sich die Augen zu reiben, die aufgehört hatten zu tränen. „Gott sei Dank! Ich kann wieder sehen!“ Euphorisch hob er die Hände. Alexa, die direkt neben ihm stand, sah er jetzt ganz scharf. Die Tür allerdings etwas verschwommen, als sei er leicht kurzsichtig. Nun packte er sie. „Lass uns gehen!“ Sie wurde förmlich mitgerissen. Benny riss die Tür auf, er war fest entschlossen bis zum Letzten zu kämpfen! Das Schwert fest umklammert – Nur um festzustellen, dass der Raum dahinter klein und leer war. Nichts, gar nichts! „Was ist das hier? Wollen die uns hinters Licht führen?“, beschwerte sich Alexa. „Hier ist nichts!“ „Hier ist sehr wohl etwas!“, entgegnete eine Stimme patzig. Erschrocken zuckten sie zusammen und wandten sich langsam um. Die Tür fiel zu. Ein Mädchen stand da. Nicht viel älter als Alexa. Das kupferrote Haar zu einem Strang geflochten und nervös das Gewicht von einem Bein aufs andere verlagernd. Benny riss sofort das Schwert aus der Scheide und hob es drohend über seinen Kopf. „Wer sind Sie?“, fragte er. Das Mädchen schien erschrocken über die ungewohnt förmliche Anrede, doch nur kurz, dann hatte sie sich wieder gefangen und rümpfte die Nase. „Ich bin eine Gerudo! Ich habe Befehl dem Helden der Zeit das Masterschwert abzunehmen – also her damit!“ Eigentlich hätte Benny erst recht Raik gegenüber so höflich sein müssen, neh? *überflieg* Benny kniff die Augen zusammen um die Feindin genauer sehen zu können. Alexa runzelte nur die Stirn. War das der Feind? Davor fürchtete Benny sich? Vor dieser blöden Ziege? Wie das Mädchen da stand. So unbeholfen, mit nervösem Blick und einer Hand hinter dem Rücken versteckt. Ganz ängstlich und überfordert. „Das können Sie vergessen!“, setzte Benny nach und machte sich kampfbereit. Da zog das Mädchen die Hand hinter ihrem Rücken hervor und hielt sie Benny entgegen. Ein leises Klick und die Waffe war scharf. Alexa erstarrte augenblicklich. Auch Benny. „Ist das eine Pistole?“, fragte er erstaunt, er war sich nicht sicher, ob er seinen schwachen Augen trauen konnte. Das fremde Mädchen grinste breit. „Genau genommen eine Magnum 60! Also her mit dem Schwert! Sofort!“ Trotzig lehnte Benny sich zurück. „Sonst erschießen Sie mich?“, entgegnete er wie ein kleiner Junge, der er übrigens auch war. Noch breiter wurde das Grinsen des Mädchens. Langsam, ganz langsam, drehte sie die Waffe. Bis sie auf Alexa gerichtet war. „Nein, sonst erschieße ich sie!“ Alexa war fassungslos vor Angst. Ihr Mund klappte auf und ihre Augen füllten sich mit Entsetzen.

Das Taschenmesser gelassen raus- und reinschiebend stolzierte Vivi voraus. Eigentlich war sie gar nicht so selbstsicher wie sie sich gab. Eigentlich wollte sie hier so schnell wie möglich heraus, doch das wollte sie niemals zugeben! Sie überspielte ihre Furcht vor dem Ungewissen mit übertriebenem Selbstvertrauen und utopischem Optimismus. Dan dagegen gab sich ganz seinem Unbehagen hin. Noch immer hatte er das Gefühl, dass der Feind nur darauf gewartet hatte sie zu trennen um sie sich einzeln vorzunehmen. Es war wie in einem Fuchsbau. Am einen Ausgang des Tunnels brannte das Feuer und der erstickende Rauch drang zu ihnen durch, am anderen Ausgang lauerte der Jäger voller Erwartung auf seine Beute. Er wusste nur nicht wer die Beute war. Dafür kannte er den Jäger zu wenig. Dan fröstelte und sah sich aufmerksam im Gang um. Niemand war zu sehen, außer seiner kleinen Schwester, der er am liebsten den Mund zukleben würde. Noch nie war ihm Vivi so sehr auf die Nerven gegangen wie in diesem Moment. Der Tunnel war lang und düster. Es war schwer die Hand vor Augen zu sehen. Ein Paradies für eine Taschenlampe. Wohin er wohl führte? „Wir müssen ganz nach oben.“, sagte Vivi aufgeregt. „Dann können wir den Turm zerstören.“ „Und wo siehst du hier eine Treppe? Oder einen Aufzug?“, sagte Dan zynisch. Vivi stieß ihm den Ellbogen in die Seite. „Jetzt hör aber auf! Wir werden das schon durchstehen!“ „Wir hätten uns nicht trennen dürfen!“, behaarte Dan auf seinem Unbehagen. „Ich sage dir – wir werden es noch bereuen!“ Erst wollte sie etwas entgegnen, doch dann war da dieses Licht. Das Ende des Ganges! „Wir haben es geschafft!“, frohlockte Vivi und begann zu rennen. „He!“, stieß Dan hervor und folgte ihr aufgebracht. „Jetzt lauf du nicht auch noch davon!“ Vivi war flink und er war nie ein besonders guter Sprinter gewesen. Deshalb hatte er Mühe ihr zu folgen. Doch das war gar nicht lange nötig. Abrupt blieb sie stehen und blickte ins Licht, in den Saal, der sich ihr offenbart hatte. „Zum Teufel noch mal! Vivi, wie kannst du…“ Dan verstummte. Denn was vor ihnen lag, war unfassbar. Ein riesiger Saal, dessen Decke so hoch war, das man sie im Dunkeln nur erahnen konnte. Die Wände so weit, dass sein Echo zurückhalte. Und vor ihnen standen gleich mehrere verdutzter Vivis und Dans. „Ein Spiegelkabinett!“, staunte Vivi. Dan war überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken sich in ein Labyrinth zu wagen. „Drehen wir lieber um…“ Doch Vivi ignorierte ihn. Stattdessen tastete sie schon die silbernen Flächen ab um nach einen Eingang zu suchen. „Hier, Dan! Komm!“ „Vivi!“, seufzte Dan. „Ich glaube nicht, dass…“ Vivi war verschwunden. Dan fuhr auf und tauchte eilig, hinter ihr her, ebenfalls in diese Welt der Spiegel ein. „Jetzt warte doch, Vivi!“ Blitzschnell erfassten ihre Finger einen freien Weg. Denn die Spiegel waren so geschickt und fließend aneinander gereiht, dass man mit den Fingern statt mit den Augen sehen musste, wollte man nicht mit der Nase gegen einen Spiegel donnern. „Komm schon, Dan! Wir haben nicht den ganzen Tag zeit!“ Dan war dicht hinter ihr. Er hatte große Angst davor sie zu verlieren. Wenn auch sie beide getrennt wurden, dann waren sie verloren. Aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie hier sowieso nicht mehr lebend herauskamen. Sie verirrten sich bestimmt in diesem Wirrwarr aus ihnen gleichenden Gesichtern, die ihnen entgegen starrten… Wie eine Ewigkeit kam es ihm vor, die sie hier schon herumliefen, langsam, Stück für Stück nur. Seit sie dieses Labyrinth betreten hatten war seine Sorge stetig gewachsen. Seine Schwester führte sie beide einen Weg entlang, dessen Ende sie nicht kannten. „Dan! Hier!“, sagte Vivi schon zum fünften Male und tastete sich weiter vor. Seine Antwort war ein erneutes Stöhnen. Was er dann tat, gewiss er ahnte es nicht, doch er begann einen gewaltigen Fehler. Er blickte nach hinten um zu sehen wie tief sie schon im Irrgarten der Spiegel steckten, obgleich dies festzustellen unmöglich war. Die Spiegel verdeckten die Sicht und machten jedes Schätzen zum reinen Glücksspiel. Nervös wandte er sich wieder nach vorne – und knallte gegen einen Spiegel. Erschrocken sah er auf. Gerade eben war seine Schwester noch hier gestanden, war der Weg noch frei gewesen. Dan tat einen Schritt zurück. Zu seinem Entsetzen war da nur noch sein Spiegelbild, keines der tastenden Vivi. Sein Herz begann zu rasen. Mit zitternden Händen tastet nun er die Spiegel ab. Hier musste doch ein Weg um die Ecke führen! Gerade war da doch Vivi gestanden! Seine Finger stießen nur auf die silbern schimmernde Oberfläche. Nur auf Spiegel. Nur auf Spiegel! Da war kein Pfad mehr! Nur Spiegel! Verzweifelt hämmerte Dan gegen einen Spiegel. „VIVI!“, schrie er aus vollen Leibeskräften. Es war eine Falle gewesen! Dieses ganze Spiegelkabinett war eine Falle! Wie die Fliegen waren sie ins Netz geflogen. Hier kamen sie nie wieder heraus. Niemals!

„Das Schwert, schieb es über den Boden zu mir herüber!“, befahl das Mädchen. Benny stand reglos da. In seinem Kopf arbeitete es. Was sollte er nur tun? Ihr das Schwert geben? Dann konnte er Kim nie besiegen! Sich weigern? Dann…daran mochte er gar nicht denken! Was also sollte er tun? Er brauchte Zeit, nein – er brauchte einen Fluchtplan. Irgendwie musste er die Frau überwältigen und ihr die Waffe entreißen, aber wie? „Gib mir das Schwert, ich meine es ernst!“, verdeutlichte das Mädchen noch einmal. Was tun? Was tun? Was würde Link tun? Wenn er doch nur hier wäre! Oder Großvater! Großvater hätte bestimmt einen Rat gewusst! Jetzt war er tot! Weil er sich Kim in den Weg gestellt hatte! Und sie waren es gleich auch – wenn er nicht endlich einen Ausweg fand. „Gib ihr das Schwert!“, kreischte Alexa hysterisch. „Sie bringt mich um!“ Er sah auf die Klinge in seiner Hand. Großvater hatte immer gesagt, das Masterschwert sei die heilige Klinge, die ultimative Waffe des Guten, so mächtig, dass nur wer reinen Herzens war sie berühren konn… Nur wer reinen Herzens war! Genau! Er erinnerte sich an damals, als er das Schwert berührt hatte. „Was ist jetzt?“, zischte das Mädchen gereizt, die Nervosität machte sie ungeduldig. „Ja, in Ordnung!“, sagte Benny ruhig. „Ich gebe es Ihnen, aber bitte schießen Sie nicht! Lassen Sie die Waffe sinken!“ „Wenn ich das Schwert habe werde ich die Waffe senken!“ Benny nickte zum Zeichen und bückte sich langsam. Das Mädchen folgte jeder seiner Bewegungen. Sachte legte er es auf dem Boden ab und hob gleich danach die Hände, ließ sie auch beim Aufstehen erhoben. „Gut so! Schieb es mit dem Fuß rüber zu mir!“ Benny tat wie ihm geheißen. Die Klinge schlitterte laut über den Stein. Bis vor die Füße des Mädchens. Voller Stolz über sich selbst, ihrem Gebieter eine große Hilfe zu sein, lächelte das Mädchen abwesend und glitt langsam in die Hocke. Doch ließ sie weder Benny noch Alexa aus den Augen. „Keiner rührt sich vom Fleck!“ Als hätte er einen Besen verschluckt blieb Benny stehen. Doch seine Augen weiteten sich je näher die Finger der Frau dem Schwert kamen. Ja! Mach es! Berühr das Schwert! So schrieen seine Gedanken. Die geschlossene Hand der Frau näherte sich nicht dem Griff sondern direkt der Schneide. Als wolle sie sich ihrer Schärfe vergewissern. Ihre Hand öffnete sich leicht, kam dem Schwert immer näher. Bennys Augen leuchteten ungeduldig. Noch ein bisschen! Die Finger der Frau berührten das Metall. Das reichte! Sofort schossen schwarze Blitze aus dem Schwert. Ein Inferno reiner Magie. Das Mädchen war darauf absolut nicht vorbereitet. Gelähmt war sie vor Entsetzen. Dann bohrte sich die Magie in ihre Hand und riss sie blutig. Sie schrie auf. Darauf hatte Benny nur gewartet. Hatte er herbeigesehnt. Dafür bereitgehalten. Er stürzte vor, mit einem Kampfesschrei stürzte er sich auf das Mädchen. Das Mädchen war ihm wehrlos ausgeliefert. Mit dem schweren Körper eines fast ausgewachsenen Menschen drückte er sie nieder und entriss ihr die Pistole. Sie hatte noch nicht einmal Zeit zur Gegenwehr anzusetzen. Gleich setzte er sich auf und hielt ihr die Waffe direkt an den Kopf. „Keine Bewegung!“, schrie er. Das Mädchen blieb überrascht liegen, ohne einen Finger zu rühren.

Oh Gott, oh Gott, oh Gott! Was machte sie nur? Wo war sie? Dan war nicht mehr hinter ihr. Ganz plötzlich war er verschwunden, an seiner Stelle starrte ihr jetzt ein Spiegel entgegen. Panisch hatte sie herumgetastet, auf der Suche nach einem Pfad durch das Labyrinth, doch da war keiner mehr! Die Spiegel hatten einen Kreis um sie gebildet, sie eingesperrt. Zige von Ebenbildern schauten sich hilflos um. Genau wie sie. „Okay!“, ermahnte sie sich laut. „Gerate jetzt nicht in Panik, Vivi! Such noch mal, da muss doch ein Weg sein!“ Zitternd huschten ihre Hände erneut über die glatten spiegelnden Oberflächen. Wie blöd sich getrennt zu haben! Wie blöd die Mutige gespielt zu haben! Wie blöd! Plötzlich taten ihr alle Entscheidungen leid. Warum hatten sie nicht auf Dan gehört? Er war doch der Älteste und schon erwachsen! Er hatte sie doch gewarnt! Warum hatte sie überhaupt ihren Mund aufgemacht und so etwas Bescheuertes vorgeschlagen? Sie verstand sich selbst nicht mehr. Jäh waren da zwei gelblich schimmernde Augen im Spiegel, die sie belustigt anstarrten. Vivi schrie auf, hob reflexartig das Taschenmesser und stemmte sich nach hinten. Sie schlug gegen einen Spiegel. Ihr Herz raste wie wild. Wie gebannt starrte sie auf die Stelle. Krampfhaft krallten sich ihre Hände um den Plastikgriff. Doch da war nichts. Nur ihr entsetztes Spiegelbild. Noch immer mit klopfendem Herzen ließ sie langsam das Waffchen sinken. „Mann! Jetzt fängst du schon an zu fantasieren.“ Nervös kicherte sie.

Kim verlagerte das Gewicht auf das andere Bein. Noch immer stierte er konzentriert in den Spiegel, der gerade gar kein Spiegel war, sondern ein Portal. Der Rücken des Mädchens presste sich dagegen. Er hatte es geschafft. Eines der beiden Mädchen war isoliert und gefangen. „Viktoria Elisabeth Mühlden…“, murmelte er und staunte von neuem über die Unpässlichkeit zwischen Besitzerin und Name. Flach legte er seine Hände auf die Scheibe, die sie voneinander trennte. „Zeit für dich zu sterben!“ Er spannte die Finger – und sie tauchten in die Scheibe ein, drangen durch sie hindurch…

Als Vivi die Hände sah, die aus dem Spiegel heraus glitten, erstarrte sie vor Entsetzen. Sie war gelähmt. Widerliche unmenschliche Arme, leichenblass und mit langen schwarzen Fingernägeln, wie Krallen eines wilden Tieres. Voller Angst sah sie im Spiegel, wie sich die Hände um ihren Hals legten. Und konnte sich doch nicht bewegen. Das Messer lag in ihrer verkrampften Faust, doch es war nutzlos. Ihr Kopf war leer. Doch als sie die eiskalten Hände auf ihrer Haut spürte, diese Hände, die zu keinem lebenden Wesen zu gehören schienen, da schrie sie einen Todesschrei aus, der sich über die ganze Halle erstreckte. Ehe er erstickte…als die Hände zudrückten…

Das Licht schien stark in die düstere Trostlosigkeit hinein. Erneut hatten sich die Weisen zusammengetan um die Macht Ganons zu brechen. Denn in einem waren sich alle sicher: In diesem Stein musste etwas Wertvolles sein, denn sonst hätte Ganon wohl kaum seine Magie darüber gelegt. Dann aber folgte eine erneute Welle reiner schwarzer Magie und riss sie wieder von den Füßen. „Bei den Göttinnen!“, schrie Ruto aus. „Warum geht denn das nicht? Sind wir denn wirklich so viel schwächer als der Gerudokönig?“ „Du vergisst“, beschwichtigte Darunia sie. „dass die Gerudos direkt von einer Göttin abstammen. Erst recht ihr König!“ „Aber was sollen wir nur machen?“ Salia war verzweifelt. „Warum geben wir nicht einfach auf. Ich will hier nicht länger verweilen!“ „Das können wir nicht!“, widersprach Zelda energisch. „Ich weiß, dass da etwas ist!“ „Ohne Naboru können wir sowieso nichts ausrichten!“, winkte nun auch Ruto ab. „Es wäre aber töricht einfach aufzugeben.“ Impa unterstützte ihren früheren Zögling im vollen Maße. „Schließlich sind wir tot, wir haben alle Zeit der Welt!“ „Aber was nützt uns Zeit, wenn wir nicht genug Kraft haben?“, erwiderte Rauru. „Wir müssen die Weise der Geister erneut dazu verpflichten uns zu...“ „Weshalb sollte ich?“ Alle Weisen fuhren erschrocken auf und wandten sich um. Naboru war erschienen. „Naboru! Den Göttinnen sei Dank, du hast uns erhört!“ Zelda fiel ein Stein vom Herzen. Sie rannte auf die Gerudofrau zu und fiel ihr um den Hals. Doch Naboru erwiderte ihre Begrüßung nicht, sie blieb steif stehen. Zelda sah sie verständnislos an. Naboru stieß die hyrulianische Prinzessin von sich. „Lasst mich in Ruhe! Ich bin dem Kreis der Weisen von Hyrule nicht mehr verpflichtet!“ „Aber…aber, Naboru! Wie kannst du so etwas sagen? Wir müssen das Böse bekämpfen!“, sagte Zelda schockiert. Naboru hatte Tränen in den Augen. „Für euch ist es das Böse!“ Rauru räusperte sich. „Weise der Geister! Wie kannst du derlei von dir geben? Du kennst den Feind so gut wie wir – wenn nicht sogar noch besser!“ „Ich werde euch nicht helfen!“ Impa, die sich im Schatten der anderen aufgehalten und ihren Protesten Naboru gegenüber gelauscht hatte, trat hervor. „Weise der Geister! Höre, wir wollen dir nicht vorschreiben was du zu tun hast!“ Die Weisen sahen auf und richteten ihre Aufmerksamkeit auf sie. „Du hast an unserer Seite gekämpft, als eine von uns! Jetzt aber sind wir alle nicht mehr, jeder ist für sich und die Welt ist sich selbst überlassen. Darum verstehen wir dich, wenn du dich aus dem Bündnis der Weisen lösen möchtest.“ „Impa!“, sagte Rauru und strafte sie mit einem scharfen Blick. „Nein, Rauru! Es ist ihr gutes Recht! Ohnehin – wir können nichts mehr ausrichten. Auch wenn noch so große Gefahr drohte!“ Zelda seufzte und legte Naboru die Hände auf die Schultern. „Impa hat Recht! Tu was immer du für richtig hältst, dennoch bitten wir dich um Hilfe, denn wir schaffen es nicht ohne dich.“ Zelda sah ihr tief in die Augen, suchte nach einem Zeichen der Naboru, die sie einst gekannt hatte. Naboru seufzte. „Aber ich mische mich nirgends mehr ein!“ „Nein!“, frohlockte Zelda. „Nur die Magie im Dolch!“ Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Naboru war wieder unter ihnen. Sie waren erneut zusammengekommen. Gemeinsam setzten sie ihre Magie frei. Die Magie des Waldes, die Magie des Feuers, die Magie des Wassers, die Magie der Schatten, die Magie des Lichts, die Magie der Geister und die Magie verborgen im Blut von Hyrule. Die Lichter vereinigten sich zu einem strahlenden ganzen. Das Licht war so weiß und rein, dass sie ihre Augen abwenden mussten. Die Magie prallte auf die pechschwarze Magie des Großmeisters des Bösen. Die schwarzen Blitze schossen wie ein endloses Gewitter aus dem Dolch. Das Schwarze wollte aus dem Weißen herausbrechen, doch es umschloss die schwarze Magie wie zwei große Arme und sog sie auf. Weiß und Schwarz vermischten sich, vermehrten sich, lösten sich auf. Dann gab es einen Knall, ein starker Wind fegte über ihre Köpfe hinweg. Darunia packte die kleine Salia, die gedroht hatte vom Wind mitgerissen zu werden, und drückte sie fest an sich. Kurz darauf war alles wieder wie zuvor. Still und düster lag die Einöde da. Mitten darin der seltsame Stein in dem der Dolch steckte. Zelda sprang verzweifelt auf. „Hat nicht einmal das etwas gebracht?“ Die anderen Weisen sahen sich fragend an. Ihre Magie hatte tatsächlich nichts gebracht?!? Plötzlich gab es ein klirrendes Geräusch. Die Klinge des Dolches hatte einen Sprung bekommen. Die Weisen erschraken. Denn der Stein bewegte sich. Er wurde weich und schmolz wie Eis in der prallen Sonne. Der Fels schrumpfte und wurde zu einer Pfütze. Ein schwarzes Etwas bewegte sich darin. Das zitternd am Boden lag, würgend und hustend. „Was ist das?“, fragte Ruto angeekelt. „Sieht aus wie eine Nacktschnecke!“ „Link!“, schrie Zelda und rannte zu ihm. Sie half dem kleinen Link sich aufzusetzen und wischte ihm das Gesicht mit ihrem Kleid sauber. „Was ist nur passiert, Link?“ Link war erst gar nicht in der Lage zu sprechen. Unentwegt lief ihm Schleim aus dem Mund. Seine Lungen brannten. „Z…Zel…da…?“ Er hustete erneut. „Link! Du bist es wirklich!“, sagte Darunia. „Dann ist das hier dein Traum?“ Link öffnete die Augen. „Das war…Ganon.“ „Ganon ist in deinen Traum eingedrungen? Das ist gegen das Gesetz!“, erwiderte Rauru. „Was willst du jetzt machen? Ihn zum Tode verurteilen?“, meinte Ruto sarkastisch. „Weise des Wassers! Nimm die Situation ernster!“ „Ach, seit wann kann einer Prinzessin Befehle erteilt werden?“ „Hört auf zu streiten!“, fuhr Zelda ihnen dazwischen. Denn Link öffnete den Mund. „Wir müssen…ihn…aufhalten!“, keuchte Link. Dann wurde er bewusstlos. „Was, Link?“ Zelda war am Rande ihrer Kraft. „Wenn müssen wir aufhalten? Link!“ Dann erbrach Link einen Schwall schwarzen Schleimes, der noch mit Magie angefüllt war. Kleine Ranken stiegen daraus hervor und klammerten sich an Links Gesicht und suchten den erneuten Weg über seine Nasenlöcher in sein Inneres. Zelda schrie entsetzt auf, so laut wie selten in ihrem Leben zuvor. Sofort stürzte Darunia vor und verbrannte den Schleim mit seiner Feuermagie. Die Ranken kräuselten sich, der Schleim wurde dunkelrot und löste sich auf. Link hustete trocken. Aber befreit. Er betätigte seine Lungen so heftig, als wäre überall um ihn herum tatsächlich Luft. Erschöpft lehnte Link sich in Zeldas Armen zurück. „Zelda…“ Sie streichelte ihm über die Wange und kam sich recht albern vor. Sie streichelte ihrem Geliebten, ihrem Ehemann, über die Wange, der ihr einen Sohn geschenkt hatte, und doch, für einen unwissenden Zuschauer müsste es wirken als sei er selbst ihr Sohn. „Zelda…“, setzte Link ein weiteres Mal an. „Ich habe versagt!“ „Nein, Link! Wir haben alles richtig gemacht!“, beschwichtigte Zelda. „Es ist alles gut, Ganon will sich seine Niederlage nur nicht eingestehen – du hast ihn doch selbst getötet und er…“ „Zelda!“, unterbrach er sie nun lauter. „Es ist nicht so wie es zu sein scheint!“ Die Weisen blickten ihn verdutzt an. Bis auf Naboru. Rot vor Scham war ihr Gesicht. Sie wandte sich ab, die Abtrünnige wandte sich ab. Und Link begann zu erzählen. Von Ganon und der Unterredung mit ihm, was er ihm alles offenbart hatte. Die Weisen hörten aufmerksam und schweigend zu. Doch als er erzählte, was Lin geschehen war, da konnte sich Zelda nicht zurückhalten. Sie stieß einen entsetzten Laut aus. Ihre Hand fuhr an den Mund. „Nein! Das ist…das ist…“ „Ich verstehe nicht.“, sagte Salia. Sie erinnerte sich an die Lin, die so tapfer gegen den Feind gekämpft hatte. Und an den großen Jungen, wie er allein ohne Lin, die auf dem Weg nach Kakeriko gewesen war, so völlig unsicher und substanzlos gewirkt hatte. Sie konnte es nicht glauben. „Das kann nicht wahr sein!“ „Sie erwartet ein Kind von ihm?“ Auch Darunia wollte es nicht wahrhaben. „Aber…selbst wenn Kim uns seinen Seitenwechsel nur vorgespielt hat, Lin hätte sich niemals auf die Seite des Bösen ziehen lassen! Es ist unmöglich, dass sie nun auf seiner Seite ist! Folglich kann sie niemals ein Kind von ihm haben!“ Link senkte den Kopf und blickte auf seine verdreckten Arme. „Ich weiß es nicht… Zu Benny kann ich Kontakt aufnehmen, aber nicht zu ihr. Das Feindesblut in ihr verhindert es.“ „Nein, niemals! Lin ist nicht zum Feind übergelaufen! Sie ist unsere Nachfahrin! Keiner von uns sollte jemals daran zweifeln!“, sagte Zelda entschieden. „Genau!“, stimmte auch Salia zu. „Das ist einfach unmöglich.“ „Aber was ist mit dem ungeborenen Kind?“, fragte Darunia. „Wie sonst…“ „Seid ihr wirklich so dumm?“, stieß Naboru giftig heraus. „Muss Lin denn die Seite gewechselt haben um schwanger zu sein?“ Zelda erstarte augenblicklich. „Du meinst sie…sie wurde…“ „Kannst du es noch nicht einmal aussprechen? Bist du reine und brave Prinzessin nicht in der Lage so ein niederträchtiges Wort zu verstehen?“, lachte Naboru. „Vergewaltigung!“ Die Weisen waren wie vor den Kopf gestoßen. Link sah auf. „Aber du kannst es – weil du selbst es erlebt hast!“ Jäh verfinsterte sich Naborus Gesicht. „Ganon hat dir das angetan.“ Dann brach Naboru zusammen. Ihre Hände verbargen ihr weinendes und schluchzendes Gesicht. „Verzeiht mir! Ich bin eine Verräterin! Ich…“ Ihre Beine gaben unter ihr nach. „Ich habe von allem gewusst und habe geschwiegen! Meinetwegen muss Lin jetzt so leiden! Ich bin an allem Schuld! Ich habe einfach zugesehen obwohl ich wusste, dass er Lin ausgesucht hat! Ich habe nichts unternommen! Ich bin so feige!“ Link erhob sich. „Naboru, es ist nicht deine Schuld! Wie hättest du denn anders handeln können?“ „Es ist meine Schuld!“, weinte Naboru. „Ich habe zugelassen, dass Lin das gleiche angetan wird wie mir! Ich war die Einzige, die sie hätte davor bewahren können und ich habe nichts getan!“ Unvermittelt schloss Link sie ihn seine Kinderarme und verschmierte sie mit dem Schleim. Erstaunt verstummte sie. „Du liebst ihn, nicht wahr? Du hast ihn immer geliebt, obwohl er so grausam geworden ist, du hast die Hoffnung nie aufgegeben.“ Die Tränen flossen über Naborus erstauntes Gesicht. Tränen der Rührung. „Und Lin liebt deinen Sohn. Auch sie wird tapfer sein und die Hoffnung nicht aufgeben! Sie hat unseren Schutz nie gebraucht, denn sie wird allein damit fertig – genau wie du!“ Nun lächelte Naboru traurig und schlang auch ihre Arme um ihn. Des Drecks ungeachtet. „Danke! Ja, Lin ist stark!“

Das fremde Mädchen machte anstallten sich aufzusetzen. Benny drückte die Waffe noch näher an ihr Gesicht. „Ich sagte keine Bewegung!“ Überrascht über seine heftige Reaktion blickte ihn das Mädchen an als sei er nicht ganz bei Sinnen. „Die Waffe ist nicht geladen.“, sprach sie schlicht. Benny fiel aus allen Wolken. „Was…? Du lügst!“ „Drück doch ab.“, entgegnete das Mädchen schnippisch. „Dann siehst du es!“ Er ließ die Waffe sinken. „Wer bist du und was willst du?“ Das Mädchen erhob sich, er ließ sie. „Ich heiße Melissa. Ich bin vom Herrn geschickt worden um dir das Masterschwert abzunehmen! Du bist der Held der Zeit, nicht wahr?“ Alexa, die neuen Mut geschöpft hatte, wagte sich heran. „Mann, wie blöd musst du denn sein um mit einer ungeladenen Waffe zu drohen!“, zischte sie. Das Mädchen verengte die Augen zu Schlitzen. „Wie blöd müsste ich denn sein um mit einer geladenen Waffe zu drohen!“ Durch Benny fuhr ein Schauder, ein Zuck plötzlichen Verdachts. „Warum nicht? Warum ist die Waffe ungeladen?“ Das Mädchen blickte ihm direkt in die Augen. „Weil der Herr auf Todesstrafe angeordnet hat, dass dir nicht ein Haar gekrümmt werden darf! So hat er es gesagt.“ Plötzlich fiel es Benny wie Schuppen von den Haaren. „Es ist alles ein Ablenkungsmanöver! Wir sollten uns trennen, damit er die anderen beiden töten kann, ohne dass ich ihm dabei in die Quere komme!“ „Was? Wie?“ Alexa war irritiert. Doch Benny verschwendete keine Sekunde mehr, denn jede zählte! Mit einem Ruck packte er das Schwert und Alexa am Oberarm – und riss sie mit sich. Die Tür stieß er auf und rannte hinaus. Ohne sich irgend noch einmal umzudrehen. Er rannte den Gang entlang, so schnell ihn seine Beine trugen. Seine Augen waren so klar wie sein Verstand. Er hatte Kopfschmerzen, weil er seine misshandelten Augen so beanspruchten musste. Doch Alexa war zu langsam, immer wieder stolperte sie über ihre eigenen Beine und er musste langsamer werden. Am liebsten hätte er sie einfach stehen gelassen, doch das hätte sie zur Beute gemacht. Er musste bei ihr bleiben und er musste so schnell wie möglich zu Vivi und Dan! Den Bogen von einem Gang zum Anderen nahm er so scharf, dass er sich seine Schulter an der Wand stieß. Doch er ignorierte den Schmerz. Wie hatte er nur so dumm sein können! Er hätte es doch besser wissen müssen! Die Wände schienen mit jedem Schritt zu wachsen, sie schienen ebenfalls zu laufen, damit er niemals das Ende des Ganges erreichen konnte. So kam es ihm vor. Bis er endlich vor dem Eingang des Spiegellabyrinthes stand. „Ein Spiegelkabinett?“, äußerte die abgehetzte Alexa. Entschlossen hob Benny das Schwert – und hieb mit voller Wucht auf die Spiegel ein. Klirrend und funkelnd zerbrachen sie. Alexa schrie: „Was machst du?“
Benny beachtete sie nicht. Wie verrückt geworden schlug er auf die Spiegel ein, zerschlug sie mühelos. So arbeitete er sich voran. Und gleichzeitig ließ er seiner Wut und seiner Verzweiflung freien Lauf. Er hasste Kim! Er wollte, dass sein Großvater wieder lebte! Er wollte, dass seine Schwester wieder da war! Er wollte, dass er wieder acht Jahre war, zu Hause – dass einfach alles wieder so war wie vor dieser einen Nacht! Als seine Mutter und sein Großvater ins Koma fielen! Er zerschlug den letzten Spiegel und stützte sich erschöpft auf das Schwert. Dan fuhr herum. Auch Alexa trat über die knirschenden Scherben. „Was ist…?“ „Benny!“, kreischte er. „Vivi! Sie ist da drin! Sie hat geschrieen!“ Sofort schwang Benny wieder das Masterschwert. Der Spiegel sprang in tausend Splitter. Was sich ihnen für ein Anblick bot, ließ sie alle wie zu Stein erstarren. Vivi stand da, ganz schwach. Und zwei Hände durch den Spiegel würgten sie. Zwei Hände wie die einer Bestie. Mit einem letzten Schrei, der vor letzter Kraft strotzte, holte Benny aus, die Klinge über seinen Kopf. Sie blitzte auf, er spürte die Kraft durch seine Arme fließen und stieß zu – Die durchschnitt die Hände und trennte sie ab. Augenblicklich war Vivi aus dem Würgegriff befreit und kippte ohne Bewusstsein nach vorne um. Benny ließ das Schwert los und fing sie auf. Gleich darauf drang das laute mechanische Geräusch, als hätte es genau darauf gewartet. ERROR…ERROR…ERROR…ERROR…ERROR… Das rote Licht erstrahlte im Raum. Doch das war jetzt egal. „Vivi!“, schrie Benny. „Vivi!“ Neben ihnen zerflossen die sauber abgetrennten Armstummel. Eine blutige schwarze Schleimmasse. Dan fiel vor ihnen auf die Knie, der Scherben nicht achtend. Sein Gesicht war kreidebleich. Er packte Vivi und riss sie an sich. „Vivi!“, schrie er noch lauter als Benny zuvor. Und schüttelte sie durch. Wie tot schleuderte ihr Kopf hin und her. „Ihr Puls!“ Alexa war die Einzige, die noch einen klaren Kopf bewahrt hatte, weil sie die Hände nicht gesehen hatte. Sie packte Vivis Hand und fühlte den Puls. Schwach, aber dennoch vorhanden. „Sie lebt noch!“ Wie auf Kommando zuckten Vivis Augenlieder. „Vivi!“ Ganz allmählich öffneten sich die Augen. „D…Da…nnnn?“ „Gott sei Dank!“, stieß Dan hervor und drückte seine kleine Schwester an sich. Um sie herum fing es von den Wänden und von der Decke zu bröseln. „Ich habe euch doch gesagt wir sollen uns nicht trennen!“, flüsterte Dan, schwach vor Schrecken und Erleichterung. „Tut mir Leid, es war meine Schuld!“, zitterte Bennys Stimme. Krampfhaft versuchte er die Tränen zu unterdrücken, die in ihm aufkamen. Er wollte so sehr weinen um sich zu erleichtern, doch das konnte er nicht, nicht als Held der Zeit vor aller Augen. „Es tut mir so Leid! Meinetwegen wärst du fast gestorben!“ Vivi suchte seinen Blick. Als sie ihn fand lächelte sie schwach, während ihr die Schweißperlen das Gesicht hinunterliefen. Sie übte sich in einem Lächeln. „D…umm wa…ren wir…“ Über ihnen stürzte der Turm zusammen, doch keiner der Vier war sonderlich beeindruckt, denn sie wussten, dass das Einzige was auf sie hernieder stürzen werde eine antimaterielle Staubwolke war. Der Staub reizte Vivis gereizte Lungen und sie bekam einen Hustenanfall. Alle waren erschöpft und ausgelaugt. Mitten im nirgendwo. Der Turm war zerstört und um sie herum die ebenmäßige Einöde, die einst eine der größten und modernsten Städte der Neuzeit gewesen war. Ein Wagen fuhr an. Eine schwarze Limousine. Laut hallte ihr Hupen durch die Luft. Sie waren in Sicherheit…

Die Schmerzen waren stark. Kim sah auf seine Armstummel herab. Es blutete ein wenig. Das war unvorsichtig von ihm gewesen, er hätte es vermeiden können. Ach, naja. Nächstes Mal. Fehler waren dazu da um aus ihnen zu lernen. Er bekam schon eine andere Gelegenheit die beiden Mädchen zu beseitigen. Und wenn nicht, war das auch nicht mehr gefährlich. Aus den Wunden trat Schleim heraus. Er war in seinem ganzen Körper. Der Schleim verwuchs mit seiner Wunde und formte sich zu zwei neuen Händen, färbte sich hautfarben, die Fingernägel härteten sich. Die Haut wurde empfindsam. Die neuen Hände waren so gut wie die, mit denen er geboren worden war. Er zog ein Tuch hervor und war gerade dabei das restliche Blut abzuwischen. Da trat die Dienerin durch den Spiegel, die er gesandt hatte. Sie war schrecklich nervös ihm persönlich gegenüber zu stehen. „Herr, ich…ich habe…“ In diesem Moment sah sie seine blutigen Hände. „Herr!“, stieß sie entsetzt aus. „Ihr seid verletzt! Ihr braucht einen Arzt!“ Kim legte die Stirn in Falten ob solch dummer Worte. „Hast du getan was ich dir befohlen habe?“ Nur mit Mühe konnte sie sich von dem Anblick lösen. „Ja…ich…ich habe den Fluch heimlich in das Schwert gesetzt, genauso wie Ihr es mir aufgetragen habt. Ich…ich habe ihn aufgehalten solange ich konnte.“ „Hast du ihn?“ Sie nickte. Also streckte er die Hand aus um den winzigen Magiespeicher entgegen zu nehmen. Doch da sah sie wieder das allmählich trocknende Blut an seinen frischen Händen. Die Furcht und der Ekel ließen sie zurückweichen. „Herr…Ihr…Was ist geschehen?“ Gespielt empört – um sie endlich loszuwerden – zischte er ihr entgegen: „Bist du fertig mit deinen Beleidigungen?“ Entsetzt, dass er ihr ihren Ekel angesehen hatte wurde sie nur noch ängstlicher. „Nein…ich wollte Euch bestimmt nicht…“ „Leg ihn einfach auf den Tisch und verschwinde!“ Untröstlich tat sie wie ihr geheißen. Als er wieder allein war trat er an den Schalttisch. Der Speicher lag vor ihm und funkelte im schwachen Licht. Gut, bald war es so weit. „Computer! Verbinde mich mit der Satellitenzentrale!“


„Nein! Nein, bitte! Nein!“, heulte der kleine Junge unentwegt. Ganon riss die kleinen Hände von sich, deren Fingernägel sich in seine Haut krallten. „Jetzt hör auf!“, schrie er den Jungen an. Aber es half nichts. Kim wehrte sich noch immer, strampelte und kratze und trat nach ihm. „Ich will nicht, ich will nicht!“ Er versuchte sich mit dem Bündel voranzuarbeiten, was schwerer war als er gedacht hatte. Sie befanden sich kurz vor dem Gerudotal, dort wo aus einem Sprung in der großen Felswand die Quelle herausfloss, die einen winzigen Teich nährte. Der schmale Holzsteg führte nach oben, zu der massiven Brücke über dem Abgrund. Man konnte den reißenden Fluss tief unten im Abgrund bis hierher hören. Thunder stand angebunden an dem Holzsteg. Ab und zu hob er vom Trinken den Kopf und verfolgte das Geschehen, blieb aber trotz der Schreie gelassen. Ganon, nur im Lendenschurz bekleidet, stand mit einem Bein bereits im Wasser. Es war schon schlimm genug gewesen seinen Sohn gewaltsam ausziehen zu müssen, aber jetzt weigerte sich der Bengel strikt sich zu waschen. „Das Wasser ist nicht tief, verflucht noch mal!“ Er hatte sich schon bis zur tiefsten Stelle hineinbegeben, gerade einmal bis knapp über den Bauchnabel, um Kim davon zu überzeugen, dass er nicht in Gefahr geriet zu ertrinken. Aber das Balg wollte einfach nicht wie er wollte! In diesem Moment packte er den nackten Kim unter den Achseln und zerrte ihn ins Wasser. Kim schrie wie am Spieß und trat und zappelte, wie ein Fisch es getan hätte, wenn er an Land gezogen worden wäre. Doch nur bis Ganon so tief ins Wasser gewatet war, dass es keine Aussicht mehr gab dem Wasser zu entkommen. Ganon, dem allmählich der Schmerz in den Gliedern pochte wollte so gutmütig sein und ihn ganz langsam in das eiskalte Wasser (was im Übrigen ja eigentlich völlig bedeutungslos war) herabzulassen. Doch Mit jedem Zentimeter, den Ganon ihn hinunterließ, zog er sich noch enger zusammen, er zog die Beine fest an sich, damit sie das Wasser nicht berührten. Ganon kochte vor Wut. „Kinder sind kein Geschenk – sondern eine Plage!“, spuckte er aus. Kim funkelte ihn beleidigt an. „Dich zum Vater zu haben ist nicht besser!“ Ebenfalls beleidigt warf Ganon ihn von sich und ließ ihn haushoch ins kalte Nass plumpsen. Panisch ruderte Kim mit den Armen und als er ins Wasser tauchte strampelte er panisch an die Luft. Seine Beine berührten den Boden und er bemerkte, dass er stehen konnte. Wenn ihm auch das Wasser bis zum Kinn reichte. Den Schock hatte er noch nicht verarbeitet. Genau aus diesem Grunde fing er von neuem an zu weinen. Entnervt verdrehte Ganon die Augen. „Hör auf zu Jammern!“ Gleich darauf wurde Kims Kopf unter Wasser gedrückt. Panisch schlug er mit den Armen. Sein Kopf wurde wieder nach oben gezogen. „Na? Hast du dich jetzt beruhigt?“, spottete Ganon. Kim riss sich los und stolperte wieder ins Wasser und wieder an die Luft, keuchend und hustend, und kämpfte sich ins seichtere Wasser und hinaus, ins Trockene. Ganon lachte ihm in den Rücken ehe er sich ins Wasser stürzte. Es war erfrischend und die erste echte Wohltat seit ihrer Reise. Eineinhalb Jahre waren sie unterwegs gewesen, recht zügig. Eineinhalb Jahre voller Unbequemlichkeit, Muskelkater, Kälte, Hitze, Schweiß und Dreck. Doch nun hatte alles ein Ende! Endlich! Eigentlich konnte Ganon es kaum erwarten sein Reich zu betreten. In sein Gemach, im heißen Wasser zu baden, sich Wein bringen zu lassen und dann in seinem sauberen Bett einzuschlafen. Vielleicht zuvor noch eine kleine Massage? Trotzdem hatte er seine Sehnsucht unterdrückt um hier Rast zu machen. Er konnte einfach nicht so stinkend, verschwitzt und verdreckt wie er war vor sein Volk treten, sein Stolz verbot es ihm. Er musste Haltung annehmen! Dazu gehörte ganz sicher Sauberkeit. Erfrischt stieg auch er aus dem Wasser und griff nach dem Mantel, mit dem er sich abtrocknete. Kim stand noch immer reglos da, mit vor der Brust verschränken Armen, und beobachtete ihn gallig. Das Wasser tropfte kontinuierlich an ihm herab. „Jetzt sieh mich nicht so an!“ Ganon fuhr ihm durchs Haar. Er hatte es selbst geschnitten. „Du kannst nicht verschwitzt und verdreckt vor all die Frauen treten!“ „Lass mich!“, zischte Kim. Ganon legte ihm den schweren Mantel um die Schultern und ging in die Hocke um mit ihm auf einer Augenhöhe zu sein. Kim war um ein großzügiges Stück gewachsen und sein Körper hatte rasch an Masse zugenommen. An Muskelmasse. Was seinen Wachstumsschub verursacht hatte. Das tägliche Training zahlte sich aus. „Jetzt hör mir mal zu! Wenn wir uns vertragen sollen, dann verlange ich von dir, dass du mir aufs Wort gehorchst!“ Kim stöhnte. „Langweilen dich meine Worte?“, äußerte Ganon verärgert. Kim antwortete nicht. Darum gab ihm Ganon eine Ohrfeige. „Ich habe dich gefragt ob dich meine Worte langweilen!“ Kim rieb sich mit giftigem Blick die Wange. „Nein, deine Worte langweilen mich nicht, mir ist nur aufgefallen, dass es immer die gleichen sind!“ Ganon zog eine Augenbraue nach oben. „So?“ Jetzt hatte Kims Frust ein Ventil gefunden. „Immer willst du was von mir! Ich soll dies machen und jenes und ich soll absolut gehorchen!“ „Und dir passt das nicht.“, paraphrasierte Ganon. „Ich muss immer geben, geben, geben! Ich will auch mal etwas bekommen!“ „Zum Beispiel?“ „Mehr Freiheit! Ich will nicht gezwungen werden! Wenn du willst, dass ich etwas für dich mache, dann frage mich! Außerdem will ich mehr Bewegungsraum! Ich darf mich gerade einmal zehn Schritte von dir entfernen ohne, dass du mich zurückpfeifst!“, sprudelten die Worte aus Kims Mund. „Mein Verstand ist genauso gut entwickelt wie deiner! Darum verlange ich unser beider Kompromissbereitschaft!“ Ganons Stirn legte sich in Falten. „Hm… Ich muss sagen, dass deine Worte außerordentlich klug sind.“ Er kratzte sich am Kinn. „Sehr einleuchtend.“ Kims Augen strahlten voller Hoffnung. Plötzlich erhob sich Ganon. „Leider hat dein Begehr einen Hacken!“ Kims Hoffnungen zerplatzten wie die kleinen Bläschen einer Schaumkrone, von denen es so viele an den Rändern der Seen gab. „Ich bin dein Vater! Erst das Zutun meines Freudensaftes hat dir die Ehre ermöglicht zu leben. Durch deine Adern fließt mein Blut – also gehörst du mir!“ Mit herrscherischem Gesicht zeigte er auf ihr Gepäck. „Und jetzt marsch und zieh dich an!“ Kim sah ihm mit bitterem Gesicht in die Augen, ehe er ohne weiteres Zögern gehorchte. Wütend aber ohne Widerworte. Währenddessen machte auch Ganon sich fertig und sattelte den Rappen. Kim war die restlichen hundert Schritte über ganz übellaunig. Wie eine leblose Puppe saß er im Sattel, die Arme vor der Brust, der Kopf gesenkt. Zu keiner Konversation mehr bereit. Nun, Ganon störte es herzlich wenig. Mit jedem Schritt stieg mehr und mehr Aufregung in ihm auf und eine unbändige Vorfreude machte sich in ihm breit. Endlich, endlich, endlich! Sie passierten das Eingangstor zu seinem Reich, ein einfacher Rahmen aus Holzbalken, mit dem Wappen des Wüstenvolkes darauf. Dann stieg er ab und ließ auch seinen Sohn absteigen, damit sie Seite an Seite den schmalen Pfad zur Festung hinaufstiegen. Noch immer trotzte Kim, aber das war nicht weiter schlimm. Kompromissbereitschaft, pah! Wer war er denn, dass er sich von einem Kind etwas vorschreiben ließ, wo ihm ein ganzes Volk unterstand. Er sorgte schon dafür, dass der Bengel ihm gehorchte! Als sie aber auf die erste Wache stießen war die skurrile Feindseeligkeit zwischen ihnen vergessen. Es war eine einfache Wächterin, in der rosanen Kleidung der Wächterinnen und mit dem Speer in der Hand. Sie erschrak sich nicht minderer als Kim sich erschrak. „Herr! Gebieter!“, rief sie aus. „Ihr seid zurück! Willkommen!“ Als sie Kim erblickte ließ sie vor Schreck ihre Waffe fallen. „Bei der ehrerbietigen Shjra! Das ist…das ist…“ „Hör auf zu stottern und kündige unsere Ankunft an!“ Ihr ganzer Körper zitterte. „Natürlich, verzeiht mir, Herr!“ Auf den Absätzen machte sie kehrt und rannte den Weg voraus. Den Speer hatte sie vergessen. Sie traten über die Waffe hinweg ohne sie zu beachten. Auf halbem Wege kam eine Dienerin, die sich ebenfalls ehrfürchtig verneigte und sie willkommen hieß. Sie war geeilt um ihm das Pferd abzunehmen und sich dann zu entfernen. Als sie den großen Platz vor der Festung erreichten, erwartete sie ein Empfang von dutzenden von Gerudofrauen, die ihre Tätigkeiten unterbrochen und sich an den Seiten aufgestellt hatten. Als Ganon an den Reihen entlang schritt fielen die meisten von ihnen auf die Knie und legten sich in den Staub. Bei den ganz Kleinen unter den Kindern, die es nicht richtig wussten, musste nachgeholfen und der Kopf hinuntergedrückt werden, sanft aber mit Nachdruck. Nur die ganz hoch gestellten Kriegerinnen unter ihnen wagten es sich lediglich tief zu verneigen ohne den Boden mit der Stirn zu berühren. Jedoch bei allen zeigte sich das gleiche Gesicht. Von Neugierde gepackt beobachteten sie den kleinen Menschen. Leise Tuscheleien schwängerten die warmfeuchte Luft. Kim kannte die Blicke schon, die auf ihm ruhten. Bei den anderen Gerudos in Termina war es genauso gewesen. Als ob sie so etwas wie ihn noch nie in ihrem Leben gesehen hätten. Nun ja, tatsächlich war es bei vielen so. Die Kinder und jungen Mädchen, die das Gerudotal noch nie verlassen hatten, hatten tatsächlich noch nie einen kleinen Jungen gesehen. Ganon, ihr König, war überhaupt der einzige Mensch männlichen Geschlechts, den sie je zu Gesicht bekommen hatten. Das Gefühl regelrecht exponiert zu werden schüchterte Kim ein. Auch wenn er keine Angst hatte, wohl fühlte er sich jedenfalls nicht. Die Festung war, ganz anders als in der Wasserfestung, direkt in den Stein gesprengt. Die Festung wurde nicht vom Canyon eingeschlossen, sie war der Canyon. Sie hatten den Eingang in die Festung nicht erreicht, da trat ein Trupp aus genau diesem Tor heraus. Eine Frau mittleren Alters, doch muskulös und anmutig, an der Spitze. Im Gegensatz zu den meisten der Gerudos, die ihr rotes Haar zu langen Pferdeschwänzen trugen, hatte sie kurz geschnittene Haare. Ihre Kleidung war weiß mit bronzenen Fäden bestickt. Auch sie trug den grünen Smaragd, wie Leleo, sie war auch von besonderem Stand. Hinter ihr her schritten vier Wachen, sechs Dienerinnen. Und ein Mädchen genau neben ihr. „Herr!“, sagte sie und blieb stehen. Die anderen Frauen und das Mädchen verbeugten sich tief. Sie auch, jedoch nicht so tief. „Es ist lange her. Ich bin froh, dass Ihr zu uns zurückgekehrt seid.“ Ganon sagte nichts darauf, darum wandte sich ihre Aufmerksamkeit Kim zu. Kurz war sie verwirrt, doch gleich wieder gefangen. „Ist er das?“, fragte sie ohne den Blick von ihm zu nehmen. „Ja, Dana.“, antwortete Ganon.

Dana verbeugte sich also vor Kim. „Dann heiße ich auch dich willkommen, kleiner Herr.“ Durch Kim fuhr ein Schauder. Er sah sich um, um ganz sicher zu gehen, dass nicht jemand anders gemeint war. Ganon packte ihn von hinten und schob ihn Dana entgegen. „Sorg dafür, dass er verpflegt wird. Er bekommt ein Gemach im obersten Stockwerk.“ „In Ordnung. Wenn ihr mir bitte folgt, ich lasse sofort Essen und Trinken auftragen…“ „Nein, ich bin zu müde! Ich will ein Bad.“ Erneut nickte Dana und wandte sich zwei Dienerinnen zu. „Geht!“ Sie verbeugten sich und verschwanden in der Festung. Dann wandte sie sich an das Mädchen. „Ashanti, du kümmerst dich um den kleinen Herrn!“ Sofort war das Mädchen Feuer und Flamme. Euphorisch verbeugte sie sich vor Ganon. „Wenn Ihr gestattet, Euer Gnaden.“ Eine Antwort wartete sie gar nicht ab sondern griff nach Kims Hand. „Folgt mir, ich zeige Euch die Festung.“ Kim war misstrauisch, nur zögerlich gab er nach. Sein Blick haftete an dem gigantischen Bauwerk, das tausenden von Jahren getrotzt hatte. Sie verschwanden im inneren des Felsens. Schweigend blickten sie den beiden Kindern nach. Bis sie nicht mehr zu sehen waren. Dann brüllte er: „Geht wieder an die Arbeit!“ Und die Menge stob auseinander, aufgeregt und verängstigt. Nur Dana blieb gelassen neben ihm und wartete ab. Als sie alleine waren und keinen Mitlauscher hatten, fragte er ernst: „Wo ist Naboru?“ Dana sah ihn ebenso ernst an. „Sie ist auf die Jagd gegangen, allein. Sie wird wohl erst bei Sonnenuntergang wiederkommen.“ „Gut.“ Ganon blickte die Felswand entlang. „Schick sie dann in das Gemach, das mein Sohn bekommt, ich erwarte sie dort bei Sonnenuntergang.“ Wie erschrocken erstarrte Dana. „Was ist?“, knurrte er. „Warum sagst du mein Sohn und nicht unser?“ „Weil ich sie verstoßen werde.“ Er setzte sich in Bewegung und trat ebenfalls in die Festung ein. Dana blickte ihm traurig hinterher. Diese Worte bedeuteten das Ende für Naboru.

Erst jetzt, da er sich entspannen konnte, spürte Ganon die Strapazen der Reise. Das Bad hatte unglaublich gut getan. Und eine alte Dienerin hatte ihn massiert. Er fühlte sich wie neu geboren. Wunderbar! Danach hatte er sich noch etwas von dem leichten Wein gegönnt, den sie selbst herstellten. Bevor er die restlichen Stunden über geschlafen hatte. Die letzten Stufen der großen Treppe stieg er empor. Im Gang hier oben waren keine Wohnquartiere, dafür war es zu heiß. Nur Waffenlager und Laderäume waren hier deponiert. Er öffnete die Tür ganz hinten im Korridor. Die untergehende Sonne durchflutete das kleine Zimmer. Gerade noch war dies ein Arbeitszimmer gewesen, da es hier oben besonders warm und trocken war. Ideal zur Konservierung von Pergamenten und Büchern. Darum standen hier viele Regale mit Büchern vollgestopft, Kisten mit Dokumenten und anderen Pergamenten. Ein Schreibtisch ruhte unterm Fenster. An die Wand hatte man ein einfaches Bett aufgestellt, ein provisorisches Gestell. Es war vorübergehend noch ein Abstellraum, doch die Arbeiten das Zimmer zu einem hochwertigen Gemach umzufunktionieren sollten ab morgen beginnen. Kim lag ausgestreckt auf dem Bett. Ein dickes Buch in der Hand. Nur einen kurzen Blick warf Kim ihm zu und konzentrierte sich wieder auf das Buch. Auch er war gebadet worden und hatte Kleidung aus leichterem Stoff erhalten. Ganon trat ans Fenster. Die Sonne war bis zur Hälfte hinter dem Horizont versunken. „Was sind das für seltsame Symbole?“, fragte Kim als er sich aufgesetzt hatte. Ganon setzte sich auf den steinernen Fensterrahmen. Als er antwortete drehte er sich nicht um, seine Augen überflogen noch immer den Platz. „Alle Bücher sind in der alten Sprache geschrieben. Ich werde sie dir schon noch beibringen.“ Kim klappte das Buch geräuschvoll zu. Eine Staubwolke schoss wie eine Stichflamme empor. Das weckte Kims Spiellust. Erneut klappte er das Buch auf und schlug es zu. Eine weitere Staubwelle flog auf. Doch dieses Mal hob er den Finger und wirbelte in dem Staub. Er setzte seine Magie frei und schloss den Staub in eine unsichtbare Magiekugel ein. Der Staub legte sich auf den Boden der Kugel und er schüttelte sie. Der Staub wirbelte auf in der Kugel. Kim kicherte. Natürlich hatte er gelernt mit seiner Magie umzugehen, wenn sie auch noch nicht sonderlich stark war. Aber sie entfaltete sich rasch. Im Schatten auf dem Platz sah Ganon eine Gestalt. Zügig kam sie auf die Festung zu. Er erkannte sie schon aus solcher Entfernung. Naboru. Er erhob sich vom Fensterbrett und nahm Kim das Buch vom Schoß. Kurz überlegte Kim sich zu wehren um seinen Meister zu ärgern und sich für heute Morgen zu rächen, doch er unterließ es lieber. Er wollte heute keinen Streit mehr und schon gar keinen bei dem er den Kürzeren zog. Ganon legte es beiseite. „Ich glaube du solltest dich jetzt ausruhen.“, sagte er mit der sanftesten Stimme, die er aufbringen konnte und streichelte dem Jungen über die Wange. Kim wurde sofort misstrauisch. Das kannte er von Ganon nicht. „Ich habe schon genug geschlafen.“, sagte er patzig und machte anstallten vom Bett zu springen. Aber Ganon hielt ihn fest und legte ihm die Hand auf die Stirn. „Schlaf.“, sprach er. Die magische Kugel löste sich auf und der Staub breitete sich in Kims Hand aus. Seine Augenlider fielen nach unten. Jegliche Kraft wich aus dem kleinen Körper. Ganon fing ihn auf, bevor er wegklappen konnte und legte das schlafende Kind behutsam aufs Kissen und deckte es zu. Dann trat er wieder ans Fenster und wandte dem Zimmer den Rücken zu. Der Abend war warm wie jeder Abend auch. Der Sand war noch nicht ausgekühlt. Doch schon bald kam die Nacht und mit ihr die eisigen Winde. Es wurde an der Tür geklopft. „Herein!“, sagte er. Dana öffnete die Tür. „Herr, Naboru ist jetzt da.“ „Sie soll eintreten. Und lass uns allein!“ Mit einem Nicken bedeutete Dana der Gestalt am Ende des Korridors herüber zu kommen. Gleichzeitig verbeugte sie sich ein letztes Mal und wollte gehen, doch er hielt sie noch einmal auf. „Ich habe es mir anders überlegt. Er bekommt ein Zimmer im Geistertempel.“ Irritiert war Dana. Keiner aus dem Gerudovolk lebte im Tempel, ja hatte überhaupt nicht die Erlaubnis sich länger als nötig dort aufzuhalten. Als ob überhaupt jemand dort leben wollte. Der Tempel lag inmitten der Wüste und wurde von den Geistern und Irrlichtern gehütet. Die ganz jungen Gerudos durften deshalb noch nicht allein zum Tempel laufen, denn die Geister schickten jeden, den sie nicht passieren lassen wollten in den sicheren und qualvollen Tod. Jahre dauerte es, bis sie eine Gerudo endlich ziehen ließen. Der Tempel war nicht anders. Auch dort spukten die Geister und er lag so abgeschottet vom Rest der Welt. Und dort sollte ein kleiner Junge leben? Wie ein Gefangener… Doch sie wusste, dass das jetzt nicht zur Diskussion stand und so verließ sie schweigend das Stockwerk. Naboru schloss die Tür hinter sich. Gleich darauf sog sie erschrocken die Luft ein. „Es ist also wahr!“, flüsterte sie aufgezehrt. Sie stürzte ans Bett. Ein kleiner Junge lag eingekringelt und schlief. Naboru erkannte ihn und ihr wurde das Herz schwer. Und doch musste sie sich die Sehnsucht eingestehen, nach ihrem Sohn. Und war so glücklich ihn wieder zu sehen. Liebevoll streichelte sie ihm über die Wange und flüsterte auf ihn ein. Ganon schaute ihr eine Weile zu. „Er wird nicht aufwachen.“, sagte er schließlich. „Ich habe ihn mit Magie betäubt.“ Erschrocken sah Naboru auf. „Was? Warum?“ Ohne auf ihre Frage einzugehen erhob sich Ganon. „Schau ihn dir gut an.“, sagte er. „Denn es ist das letzte Mal, dass du ihn siehst!“ Naboru erhob sich. „Was meinst du damit?“ „Ich werde morgen verkünden, dass du verbannt worden bist. Du hast diese Nacht Zeit mein Reich zu verlassen.“ In diesem Augenblick verschwand die Sonne ganz hinter dem Horizont. Der Sonnenstreifen, der auf der einen Hälfte von Naborus Gesicht geruht hatte, verschwand und das Gesicht legte sich ganz in die Finsternis. Nur die grünen Augen schimmerten leicht. Naboru verstand nichts. „Ich… Du…du verbannst mich? Ich verstehe das nicht. Warum?“ Ganon schritt zur Tür und seine Hand legte sich auf die Klinge. „Ich muss mich nicht rechtfertigen – geh!“ Die Verzweiflung brach auf sie ein. Denn Ganon meinte es ernst. „Aber…wo soll ich denn hin?“ Tränen flossen über ihre Wangen. „Das ist mir egal!“ „Warum, Ganon? Warum? Ich verstehe nicht. Du hast den Shiekastamm gefunden und du hast doch bekommen was du wolltest! Wozu richtet sich deine Wut noch gegen mich?“ „Ich kann dich nicht dulden! Du wirst dich gegen mich stellen und mich verraten!“, entgegnete er eiskalt. „Nein! Das stimmt nicht! Niemals!“, protestierte Naboru. „Ach ja? Und warum hast du dann unseren Sohn weggegeben?“ Naborus Mund zog sich zusammen. Sie wusste einfach nicht was sie machen sollte. Sie spürte wie sie am ganzen Leib zitterte. Sie war außerstande etwas darauf zu erwidern. Stattdessen sprach sie voller Verzagtheit: „Ich werde mich nie gegen dich stellen!“ „Doch! Du wirst mich verraten und zu meinem Feind überlaufen!“ „Nein!“ Nun begann Naboru wirklich zu weinen. Sie fiel vor Ganon auf die Knie. „Glaub mir! Ich…ich werde nie wieder ungehorsam sein. Bitte, Ganon! Schick mich nicht weg! Bitte werde wieder der als den ich dich kennen gelernt habe! Ganon!“ Und für diesen winzigen Moment sah sie ein Leuchten in seinen Augen. Ein warmes Leuchten, wie damals, als sie noch Kinder gewesen waren. Sie dachte wirklich sie hätte es geschafft. Sie dachte wirklich ihre Liebe war stark genug ihn wieder zu dem zu machen was er einst war. Jetzt, in diesem Augenblick, hätte er ihr Flehen erhört. Ganon beugte sich nach vorne. Seine Finger berührten ihr Gesicht und es war ganz warm. Ihre Lippen berührten sich, ganz kurz. Es war ihr erster Kuss und es sollte ihr letzter sein. Er riss die Tür auf. „Wenn du mein Reich nicht vor Sonnenaufgang verlässt werde ich dich zum Tode verurteilen!“ Ihre Ohren hörten, doch ihr Verstand nicht. Sie suchte nach diesem warmen Leuchten in seinen Augen. Es war nicht mehr da. Nur noch die gelbe Kälte. Da wusste sie, dass ihre Hoffnungen umsonst gewesen waren, dass die Vergangenheit für immer vergangen war und dass ihr nichts mehr blieb. Er sah weg, um sie zu demütigen. Naboru legte sich die Hände aufs Gesicht um so viel wie möglich noch davon zu wahren. Im Raum war es eiskalt geworden. Der Wind pfiff durch die Festung und sang sein Lied. Sie sprang auf die Beine und lief davon. Außerstande noch weiter zu ertragen was sie ertragen musste und ertrug. Die Nacht verschlang sie. Dann war es wieder vollkommen still. Als hielte ganz Hyrule den Atem an. Ja, selbst die Zeit. Etwas rührte sich. Es war der Junge, der mit beiden Händen das Kissen umklammerte. Auf seinen Lippen ein Lächeln. Weil er nicht wusste, dass er nicht nur eine sondern zwei Mütter für immer verloren hatte. Ganon schloss leise die Tür und setzt sich an den Tisch. Der Mond schien hell über der Wüste. Dann tat er etwas, dass er seit vielen Jahren nicht mehr getan hatte. Er weinte, reglos und still.

Das war eine blöde Idee gewesen! Eine blöde, blöde, blöde – sehr blöde – Idee! Welcher Teufel hatte sie geritten, so etwas Dummes zu machen? Mit beiden Händen und blanken Füßen klammerte sie sich an das Kabel. Der Wind blies ihr unters Kleid. Ihr war eiskalt. Sie hatte es einfach nicht mehr ausgehalten. So eingesperrt und abgeschottet. Ohne irgendeine Nachricht von außerhalb. Aus dieser Verzweiflung heraus hatte sie sich zu dieser blöden Idee hinreißen lassen. Sie hatte also Erika nach Schaumkugeln geschickt, weil sie angeblich ein Bad nehmen wollte und weil sie angeblich Hunger hatte sollte die gleich noch etwas zum Essen mitbringen. Naja, Hunger hatte sie wirklich. Sie hatte ja ständig Hunger. Sie kannte das Sättigungsgefühl gar nicht mehr. Darum hatte sie jetzt auch so einen Bauch. Dieses Baby! Als ob es alles was sie zu sich nahm aufaß und ihr nichts übrig ließ. Das war doch nicht normal, oder? Wenn sie doch nur mit jemandem reden könnte! Mit ihrer Mutter! Das wäre ihr am liebsten! Ihre Mutter könnte sie gewiss beruhigen, wo sie doch so eine riesige Angst hatte! Sie wurde regelrecht verrück, wenn sie nur daran dachte, dass das Kind bald kam. Sie hatte ihre Mutter mal gefragt ob es in ihrem Leben was Schlimmeres gegeben hätte als ihre Geburt – ihre Mutter hatte verneint. Und bei diesem Gedanken sollte sie sich beruhigen? Sie war ja nicht mal volljährig! Aber eine einfache Gynäkologin würde ihr reichen. Ganz sicher! Doch während der Tage in diesem goldenen Käfig hatte sie nicht eine Ärztin zu Gesicht bekommen. Warum nicht? Kim war sich so sicher, dass alles glatt verlaufen würde, dass es nicht einer medizinischen Voruntersuchung bedarf? Himmel und Hölle tut euch auf! Jedenfalls war sie aus dem Fenster geklettert und an dem Kabeln hatte sie sich nach unten gehangelt. Nicht einmal weit. Gerade einmal drei Handlängen vom Fenster entfernt. Sie hatte ja nicht einmal vorgehabt zu fliehen! Das war unmöglich! Wo sie doch nicht den Boden sehen konnte! Sie wollte nur einen kleinen Ausflug machen. Nur ganz kurz. Ach, sie wusste selbst nicht mehr warum sie das getan hatte. Denn nun war ihr die Kraft ausgegangen. Nach dem kurzen Stück nach unten hatten plötzlich die Bauchschmerzen und die Übelkeit wieder angefangen. Darum hatte sie zurückklettern wollen. Aber aus ihrem Körper war alle Kraft gewichen. Lin hatte gerade genug sich festzuhalten. Doch auch dafür begann sie zu schwächeln. Diese Anfälle hatte sie in letzter Zeit sehr häufig. Manchmal wurde sie sogar bewusstlos. Und wenn sie jetzt bewusstlos wurde, es wäre ihr sicherer Tod. Während ihr Schweiß und Tränen das Gesicht hinunterperlten, suchten ihre Füße sicheren Halt. Sie musste irgendwie wieder nach oben gelangen. Ihre Hand zitterte. Lin wusste, dass sie es nicht schaffte. Sie war sich so sicher. Gleich gaben ihre Hände nach. Es war eine so blöde Idee gewesen! Aber wenigstens…Kim konnte seine Aufgabe nicht mehr erfüllen, weil mit ihr ein wichtiger Teil starb – das Kind. Ja, sie gab auf. Das erste mal in ihrem Leben. Ihre Hände gaben nach. Ihr Körper löste sich vom Turm und fiel in die Tiefe. Schmerzlich kam ihr ihr letzter Fall wieder in den Sinn. Damals, als sie über die Brüstung gefallen war. Das war vor hundert Jahren gewesen, wenn man es pingelig genau nahm. Das war ihr zweiter Fall, genauso tief. Damals hatte sie eine riesige Eule gerettet. Heute nicht. Damals hatte sie die Schläge der Flügel so unbeschreiblich laut gehört. Heute nicht. Heute hörte sie ein gänzlich anderes Geräusch. Ein widerliches Geräusch, als schlänge sich eine riesige Schlage durch den feuchten Matsch. Ehe sie sich versah, saß sie im schwarzen Schleim. Eine Ranke war aus dem Turm geschossen. Wie in einem Rettungstuch wurde sie aufgefangen, der Schleim gab nach und ihr Schwung wurde abgefangen. Sie saß in einem Netz. Nur über ihr gab er den Himmel frei. Oh, verdammt! „Ah, was für ein Vögelchen haben wir denn gefangen?“, lachte eine Stimme über ihr. Sie fuhr zusammen und sah auf. Ein kantiges Männergesicht war in der Öffnung erschienen. Eine Fliegerbrille auf die Augen gedrückt und eine Kappe auf dem Kopf. Leichter Bartwuchs. Der Misch aus Alt und Jung war albern. Als er sie erkannte, erschrak sich auch der Mann. Das Grinsen verging ihm gewaltig. „H…Herrin? Was…? Ich bringe Euch zum Herrn!“ Lin sprang auf. „N…“ Der Schleim zog sich zusammen, sie war eingeschlossen. „…ein…“ Schwach klappte sie in sich zusammen. „Nein, verdammt! Nein!“ Sie legte sich die Hände auf die Augen. Jetzt brachte dieser Mann sie zu Kim. Und was würde dann geschehen? Es würde nicht ausreichen Kim zu sagen, dass sie, als sie ihr Versprechen ablegte, die Finger überkreuzt hatte. Ganz gewiss nicht. Was sollte sie denn nur tun? Dieses verdammte Baby! „Du blödes Kind!“, fluchte sie. „Kriegst du nie genug? Warum hast du nicht noch etwas warten können!“ Danach tat es ihr schon leid. Sie streichelte sich über den Bauch. „Ich habe es ja nicht so gemeint.“, sagte sie sanft. „Aber du hast mich jetzt in große Schwierigkeiten gebracht!“ Nein, Lin. Das stimmt nicht! Du hast dich selbst in Schwierigkeiten gebracht. Du hättest gar nicht erst aus dem Fenster steigen sollen! Dumm, dumm, dumm! Sie lehnte sich seufzend zurück. Jetzt konnte sie nur noch abwarten was passierte. Aber wie könnte Kim ihr böse sein? Schließlich hatte er nicht nur ein kleines Versprechen gebrochen, er hatte sie verraten, betrogen, für seine Zwecke missbraucht! Gerade er hatte kein Recht jetzt auszurasten! Ja, genau! Bewegung kam in den Schleim. Also setzte sich Lin mit voller Würde auf. Vorbereitet auf alles! Der Schleim wich und gab den Blick frei. Auf einen einfachen kleinen leeren Raum. Kim stand vor ihr. Die Hände vor der Brust verschränkt, die Schultern hängend und das Gesicht ausdruckslos. „…hierher gebracht.“, beendete der komische Mann seinen Bericht. Lin wandte sich zu ihm um. „Was soll das? Wer bist du?“ Mit einem Grinsen, das gleiche wie zuvor, nahm er die Kappe vom Kopf und verbeugte sich. „Tom Salmann, Herrin. Ich bin für den Fluss der Magie im Hauptturm zuständig. Es ist mir eine Ehre!“ „Gut, du kannst jetzt gehen.“, sagte Kim noch immer ausdruckslos. „Jawohl, Herr.“ Der Mann schenkte ihr ein letztes Lächeln – und sprang tatsächlich aus dem Fenster. Schockiert stürzte Lin zum Fenster. War der Mann lebensmüde? Doch als sie nach unten blickte, stand da der Mann auf einem Vorsprung, der direkt aus dem Turm herausstach. Gerade zog er ein Instrument aus seinem Gürtel als er ihren Blick sah und fröhlich winkte. Dann ging er einfach davon. Unter jedem seiner Schritte bewegte sich die Außenwand, sie trat hervor, als bilde sich direkt ein Weg für ihn. Und er trat nach vorne als sei es selbstverständlich. Er verschwand aus ihren Augen. Irritiert wandte sie sich ab. „Ich bin wirklich dumm.“, lachte Kim. „Wie habe ich nur eine Sekunde glauben können, dass du es tatsächlich ernst meintest als du mir dein Versprechen gabst. Ausgerechnet ich hätte so einem Versprechen doch nicht trauen dürfen!“ „Kim, ich…“, versuchte sie sich zu rechtfertigen. „SCHWEIGGGGG!“, brüllte er und in diesem Moment entstand ein Wind so mächtig, dass sie einfach von den Füßen gerissen wurde. Und unter seinen Füßen konzentrierte sich die Magie seiner Wut so stark, dass der Marmor zerbrach und die Risse, klaffenden Wunden gleich, sich den Boden und die Wände entlang schlängelten und bis zur Decke, und das Licht anfing zu flimmern. Ein Stück von der Außenwand am Fenster brach heraus und stürzte in die Tiefe. Doch Lin konnte es nicht einmal sehen weil der Wind ihr wild in die Ohren blies und sie ihr Gesicht vor dem Staub und dem Bröckeln der Wände schützen musste. Sie hatte so furchtbare Angst. Der Wind ließ nach und erstarb allmählich. Und Lin wagte es aufzublicken. Doch sie wünschte sich sie hätte es nicht getan. Kim stand über ihr und sah sie aus kalten Augen an. Aus diesen glühend roten Augen. „Ich habe dir vertraut und du hast mich hinter meinem Rücken bloßgestellt! Aber wenn du es nicht anders willst – ich bringe dir schon noch Gehorsam bei! Du wirst mir gehorchen und wenn ich dir dafür Schmerzen zufügen muss werde ich das tun!“ Sie öffnete den Mund, doch er wartete nicht ab. Er packte sie am Unterarm. Ein Schmerz pulsierte sofort auf. Kim zerrte sie auf die Beine und mit sich hinaus. Lin wurde grob den Gang entlang gezerrt, sie hatte mühe mitzuhalten. Aber das war nicht das was sie schockierte. Es war seine Hand, die ihre Haut berührte. Sie konnte ihn genau sehen, den Fluss der Magie. Kim war es nicht bewusst, aber er war so aufgebracht, dass er nicht merkte wie ihm seine Magie entzogen wurde. Aber Lin sah und spürte es, wie die Magie aus seinem Arm gezogen und in ihren überging, durch ihren Leib, bis sie sich in ihrem Bauch konzentrierte. Das ungeborene Kind sog alles auf und durch seine Magie wurde es angeregt. Sie fühlte wie es aufgeregt trat und sich wand. Und an ihrer Lebenskraft zog wie an einem Schnuller. Stärker als jemals zuvor und stärker als sie ertragen konnte. „Kim!“, versuchte sie. „Warte…bitte bleib stehen!“ Doch er hörte ihr nicht zu. Er ignorierte sie und zog sie weiter. Auf dem Flur kamen ihnen drei Gestalten entgegen. Zwei Männer und eine Frau. Als die Leute sie entgegenkommen sahen wollten sie ausweichen, doch es war schon zu spät. Kims freie Hand fuhr nach vorne und ein magischer Wind stieß durch den Gang. Nur einer der Männer schaffte es rechtzeitig zur Seite zu springen. Die anderen beiden wurden in die Luft gehoben und gegen die Wand geschleudert. Mit schmerzverzerrten Gesichtern und großer Angst zwängten sie sich gegen die Wand um ihnen Platz zu machen. Mit einer zitternden Verbeugung und gesenktem Kopf. Nur der eine Mann sah nicht weg. Es war Raik, der ihr direkt in die Augen blickte. Ohne Mitleid. Sie traten in einen runden Raum, hell erleuchtet. Hier blieb Kim abrupt stehen. Die Tür ging zu und der Raum setzte sich in Bewegung, nach oben. Es war ein Aufzug. Während sie warten mussten versuchte sie Kims Hand von sich zu lösen. Denn langsam entglitten ihr alle ihre Kräfte. Sie konnte schon nicht mehr klar denken. Schwindel war in ihrem Kopf. Und Übelkeit. „Kim, hör mir doch zu!“, versuchte sie ein weiteres Mal an seine Aufmerksamkeit zu gelangen. „Bitte, lass mich los. Kim…“ „Sei still!“, zischte er sie bitter an. „Aber, hör mir…“ „Sei endlich still! Ab jetzt wirst du nur noch reden wenn ich es erlaube, wie jeder mir Unterstehende! Du magst eine bevorzugte Stellung haben, aber ich bin dein Herr und du hast mir zu gehorchen!“ Sie verstand seine zornigen Worte kaum. Ihr Blick haftete noch immer auf seiner Hand aus der unentwegt Magie in sie überfloss. Sie war so schwach. Der Aufzug blieb stehen. Vor einem großen Tor. Ein Siegelkonstrukt wand sich darum. Mit einer Handbewegung Kims setzte es sich in Bewegung. Die Zahnräder drehten sich, die Metallriegel verschoben sich, die Drähte klickten sich ein. Das Tor schwang auf. Eine völlig aufgelöste Erika kam ihnen entgegen. Das Netz mit frischen Schaumkugeln in der Hand. Sie wirkte, als sei sie aus lauter Sorge beinahe dem Wahnsinn verfallen. „Herr! Oh, Herr! Ich…ich war nur kurz…und dann war sie nicht…ich habe überall gesucht…aber sie…“ Kim achtete nicht auf sie. Stattdessen stieß er Lin in den Raum hinein. Lin hätte beinahe das Gleichgewicht verloren und wäre gestürzt. Vor ihren Augen zerfloss das Bild wie ein Ölgemälde, das man mit Toxin übergossen hatte. Ihr Bauch! Sie hatte so wahnsinnige Schmerzen! Erika erfasste ihren körperlichen Zustand sofort. „Oh nein, Lin!“, sagte sie, Kim hatte sie fast vergessen. Sie wollte auf Lin zueilen um sie zu stützen. „Lin, geht es dir nicht gut?“ Da stockte Kim und sah sie verwundert an. Für einen kurzen Moment verschwand das Rot aus seinen Augen. Wie angewurzelt blieb nun Erika stehen und wagte es nicht zu atmen. „Habe ich richtig gehört? Hast du meine Frau gerade geduzt? Hast du sie angeredet wie irgendein Mädchen auf der Straße?“ Dann war das Rot wieder in seinem Antlitz und er war zorniger denn je. „Wie kannst du es wagen! Sie ist deine Gebieterin!“ Damit streckte er ihr seine Hand hervor und der Wind fegte sie vom Boden gegen die gegenüberliegende Wand. Die Kugeln entglitten ihrer Hand und zerbrachen. „Ihr seid beide das Respektloseste was mir je unter die Augen getreten ist und darum werde ich euch strafen!“ Damit hob er die beiden Arme. Seine glutroten Augen durchdrangen den gesamten Raum. Im Zimmer wütete der Wind. Die Flammen der Kerzen wurden erstickt, die Asche in den Räucherschalen aufgeweht, so manches empfindliche Fläschchen wurde von der Kommode gerissen und zerschellte am Boden. Die Wände im Zimmer gerieten in Bewegung. Am Fenster und an der Tür. Der Schleim fiel über Fenster und Tür her – und verschlang sie, gnadenlos. Bis kein Loch in der Wand mehr übrig war, keine Luke zur Außenwelt. Keine Hoffnung. „Keine von euch wird diesen Raum verlassen ehe das Kind geboren ist! Und du!“, seine Stimme war eiskalt vor Zorn, als er ein letztes Mal zu Lin blickte. Er sprach es schließlich im Zorn. „Du wirst diesen Raum nie mehr verlassen!“ Mit Genugtuung wurde sein Körper pechschwarz. Und war verschwunden. Von einem Moment auf den anderen. Sie hatten das Schlimmste überstanden. Das glaubte Erika. Aber Lin wusste es besser. Das Kind hatte sich nicht beruhigt. Und tat es nie mehr. Es war so aufgebracht. Lin presste sich die Hände auf den Bauch. Die Schmerzen klangen nicht ab. Erika hatte sich inzwischen aufgerappelt und schweigend begonnen die Scherben aufzusammeln. „Erika!“, hauchte Lin. „Erika…es…tut mir…leid.“ „Herrin, Ihr solltet Euch hinlegen und ausruhen. Die Flucht muss sehr ermüdend für Euch gewesen sein.“, sagte sie kalt und sachlich. Man hörte den Schmerz in ihrem Rücken durch das leichte Zittern ihrer Stimme. „Erika! Ich bitte dich!“, keuchte Lin. „Herrin, bitte legt Euch hin, dann könnt Ihr uns wenigstens nicht in Schwierigkeiten bringen!“ „Eri…k…“ Doch Lin brach zusammen bevor sie hatte sprechen können. Aus ihrem Mund rann Blut. Als Erika sie sah, da ließ sie entsetzt die Scherben wieder fallen. „Lin! Oh mein Gott!“ Sie rannte zu ihr. „Lin! Es tut mir leid! Verzeih mir, ich hätte auf dich aufpassen sollen! Es ist meine Schuld! Du kannst nichts dafür, du wolltest schließlich nur deine Freiheit zurück. Es ist alles meine…“ „Ich…kriege…keine Lu…“ Die Frau legte sie hin, ihren Kopf im Arm. „Sprich nicht und amte ganz langsam.“ Erika war in Panik, sie war Krankenschwester, aber einen solchen Zusammenbruch hatte sie noch nie erlebt. Sie fasste Lin an die schweißnasse Stirn. „Du hast Fieber!“ Die Stimme kam aus weiter Ferne. „Diese Schmer…zen…“ „Lin! Du musst dich ins Bett legen! Lin, hörst du mich? Bleib wach! Bleich wach, Lin!“ Dann wurde alles schwarz…

Fast zwei Wochen waren sie außer Gefecht gesetzt. Denn Vivi war zu schwach gewesen überhaupt aufzustehen. Und dann war da noch das hohe Fieber gekommen. Sie hatten wirklich gedacht, dass Vivi sterben würde. Und das Problem mit dem Arzt! Herr Stone, in dessen Haus sie Einzug genommen hatten, musste einen Arzt auftreiben, der nicht allzu viele Fragen stellte. Wer würde ihnen schließlich ihre Story abkaufen, auch wenn es der Wahrheit entsprach? Doch nach zehn Tagen Bettruhe war das Fieber abgeklungen und Vivi stetig stärker geworden. Und sie hatten sich beruhigen können. Besonders Dan, der wie im Wahn war. Die verlorenen Tage setzten Benny jedoch stark unter Druck. Er spürte, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Und an diesem Tag sollte er es sicher wissen. Gerade saßen sie am Tisch. Auch Vivi hatte sich dazugesetzt. Sie wirkte noch etwas müde, doch sonst war sie wieder die Alte. Herr Stone hatte ihnen Kakao und Kekse bringen lassen und bis auf Benny, der sich wie bei seiner Oma fühlte und kräftig zuschlug, kamen sich alle veräppelt vor. „Also“, begann Herr Liebgraf die Runde. „Ich habe mir so manchen Gedanken über das fremde Mädchen gemacht, dass ihr beide gesehen habt.“ „Über das blauhaarige Mädchen?“, versicherte sich Vivi mit schwankender Stimme. Liebgraf lächelte. „Ja. Was hat sie noch einmal gesagt?“ Vivi öffnete den Mund, doch Alexa kam ihr zuvor: „Dass wir als das erwachen müssen was wir sind und dass die Göttin unsere Hilfe braucht.“ „Genau! Ich habe mir Gedanken über diese Göttin gemacht.“, fuhr Herr Liebgraf fort. „Und die wären?“ „Nun, wir suchen eine Göttin, ja? So etwas wie Aphrodite, Artemis oder Athene?“ Benny kratzte sich am Kopf. „Wie?“ „Das sind Göttinnen der Griechen.“, erklärte Dan ihm. Benny schüttelte den Kopf. „Nein! Im alten Hyrule gab es nur drei Göttinnen.“ „Ja“, erwiderte Alexa. „Din, die Göttin der Kraft; Nayru, die Göttin der Weisheit und Farore, die Göttin des Mutes.“ „Aber das blaue Mädchen sprach nur von einer.“, wandte Vivi ein. „Woher sollen wir wissen welche gemeint ist?“ „Das ist es, worauf ich hinaus wollte.“, sagte Liebgraf. „Vielleicht suchen wir gar keinen Gott.“ Die Drei rissen die Augen auf. „Was?“ „Nunja…“ Herr Liebgraf legte sich die Worte zurecht. „Vielleicht suchen wir nach einem weiblichen Herkules.“ „Herkules?“, fragten Vivi und Alexa gleichzeitig. Dan nickte verständig. „Herkules war der Sohn von Zeus und einer einfachen Menschenfrau, dass heißt er hatte zwar göttliche Kraft, war aber sterblich.“ „Und was soll das jetzt heißen?“, bohrte Vivi nach. Dan verschränkte die Arme. „Wir suchen einen Menschen, der zwar keine Göttin aber gottgleich ist!“ Vivi und Alexa sahen sich irritiert an. „Oh mein Gott!“ Geräuschvoll fiel der Stuhl nach hinten um. Benny war auf die Beine gesprungen. „Lin!“ Herr Stone, der ja von alldem nichts verstand, erschrak sich fast zu Tode über seine heftige Reaktion. „Deine Schwester?“, fragte Vivi erstaunt. „Sie…sie…“, stotterte Benny fassungslos. „Sie hat doch das Triforce in ihrem Körper! Das Triforce ist das Relikt der drei Göttinnen…“ „Und jeder der es besitzt, dem werden alle seine Wünsche erfüllt.“, fuhr Liebgraf fort. „Damit ist der Besitzer so mächtig wie ein Gott!“ „Dann ist Lin also die Göttin nach der wir gesucht haben?“, fragte Alexa nach. „Aber das ist ja schrecklich!“, krächzte Vivi. „Sie ist doch in der Hand des Feindes! Wenn er das Triforce durch sie jetzt…“ „Nein, keine Sorge.“, entgegnete Benny. „Sie kann nicht mit Magie umgehen. Das Triforce nützt ihm nichts.“ Plötzlich fiel Alexa was ein. „Aber wozu braucht dieser Kim deine Schwester dann?“ Benny erstarrte mitten in der Bewegung. Ja, wozu eigentlich? „Ich habe keine Ahnung… Er…“ „Ich meine, Liebe allein reicht nicht. Er ist doch der Böse. Und wir wissen ja alle was aus der Affäre zwischen Paris und Helena hervorgegangen ist. Troja ist untergegangen!“ „Vielleicht hat er ja eine Möglichkeit gefunden das Triforce zu bekommen.“, überlegte Dan. „Vielleicht lässt er es ihr herausoperieren. Wie eine Niere oder so.“ „Igitt!“, fuhr Vivi auf. „Musst du so was jetzt sagen!“ „Nein! Das geht nicht!“, schlug Benny ab. „So kann man Magie nicht aus einem Körper herausbekommen.“ „Und wie dann?“ Benny zuckte die Achseln. „Keine Ahnung.“ „Keine Ahnung, keine Ahnung.“, äffte Vivi. „Weißt du überhaupt etwas?“ Das saß. Benny schrumpfte auf seinem Stuhl zusammen. Er wusste tatsächlich nichts. Er hatte ja nicht mal gewusst was für ein falscher Hochstapler Kim war. Und dass er es auf Lin abgesehen hatte. Und dass er alles geplant hatte. Und, und, und. Die Liste konnte ewig so weitergehen. Von einem Moment auf den anderen – fing Benny an zu heulen. Hemmungslos und laut. „Du hast Recht! *heul* Ich bin zu überhaupt nichts zu gebrauchen! *wein* Ich wünschte ich wäre tot!“ Die Anwesenden fuhren schockiert auf. „What’s happen?“, fragte Stone, ganz erstaunt über Bennys Ausbruch. „Vivi!“, klagte Dan seine Schwester an. Während Alexa den Arm um Benny legte und ihn tröstete, sie böse anfunkelnd. Trotzig lehnte Vivi sich zurück. „Ist doch wahr! Wir haben nicht einen Anhaltspunkt! Wir wissen weder wo das blaue Mädchen ist noch wo dieser Hauptturm sein soll. Was können wir schon ausrich…“ Jäh verdunkelte sich der Himmel. Von einen Moment auf den anderen. „Eine Sonnenfinsternis?“, staunte Dan. „Niemals!“ Sie stürmten ans Fenster. Man sah gar nichts. Von draußen hörten sie mehrere knallende Geräusche und laute Schreie. Ganz in ihrer Nähe hatte es mehrere Unfälle gegeben, verursacht von dieser plötzlichen Finsternis. Mühsam gingen die Straßenlaternen an. Mitten am Tag hatte sich die Sonne verdunkelt… In diesem Moment, da alle erschrocken zum Himmel hinaufblickten und die Wetterexperten und Astronomen ratlos auf ihre empfindlichen Instrumente starrten – erglühte in der Spitze des hiesigen schwarzen Turmes, der so nahe war, dass sie ihn hier, im ersten Stock, im Fenster sehen konnten, in einem gleißenden Licht. Nur die Spitze glühte, dort wo sich der Chip befand. „Mein Gott!“, keuchte Vivi. „Was passiert…?“ Plötzlich erstrahlte der ganze Turm. Die Magie schoss aus dem Chip heraus und davon, durch den Turm und in die Finsternis der Erde. In Bahnen dorthin, wo sie erwartet wurde… Dann war es so schlagartig wieder Tag, dass ihre Augen schmerzten. Es war alles wie zuvor, als ob nichts geschehen wäre. Halt! Nicht ganz alles! Der Turm selbst war in sich zusammengebrochen und hatte sich in eine dicke Rauchwolke aufgelöst. „Wow!“, stieß Dan hervor. „Was war denn das?“ Alle staunten – alle bis auf Benny. „Nein!“, schrie er. „Nein, das darf nicht sein!“ Die Selbstvorwürfe waren vergessen, die Tränen getrocknet. „Was ist?“, fragten Vivi und Alexa wie aus einem Munde. „Er hat begonnen!“, stieß Benny hervor. „Uns bleibt keine Zeit mehr!“ „Wie?“, auch Herr Liebgraf drohte die Fassung zu verlieren. „Wie viel bleibt uns noch?“ „Vielleicht ein paar Tage, aber ich kann das nicht schätzen.“ Benny schuppste sie aus dem Weg und eilte zu seinem Rucksack. Seine Hände kramten brutal darin herum. „Was machst du, Benny?“, fragte Vivi. Benny schlug das Tagebuch auf und kritzelte unruhig in irgendeiner willkürlich ausgewählten Seite herum. LINK! LINK, ANTWORTE! „Ich brauche doch Hilfe…“, murmelte er. Benny! Zum Glück!, schrieb seine Hand. Er hätte gleich wieder Heulen können vor Glück. Link! Warum hast du nicht… Doch dieses t ging gleich in ein anderes Wort über. Das ist jetzt unwichtig. Es bleibt nicht mehr viel Zeit! Aber was soll ich tun? Hilf mir! Ich kann dir nicht helfen! Das ist nicht mehr unser Kampf, weder meiner noch Ganons. Aber was soll ich machen? Ich habe gar nichts! Wie soll ich ihn besiegen? „Benny? Geht’s dir gut?“, fragte Dan. „Halt die Klappe!“, brüllte Benny ihn an. Dan erschrak. „Oh, he is concentrated on!”, stellte Stone fest. Ich habe Ganon mit den Lichtpfeilen besiegt! Du brauchst sie! Woher bekomme ich sie?
In der Zitatelle der Zeit…
Wo ist sie?
Diese Zitatelle gibt es nicht mehr!
Aber…
Halte dich an den Helden des Windes! Er weiß wo sie ist!
Wer?
Benny, ich kann mich nicht mehr einmischen. Tut mir leid.
Aber Link!
Die Spitze des Kugelschreibers stach in seinen Handrücken. Er schrie auf und kippte nach hinten um. Die losen Blätter des Buches verstreuten sich um ihn herum. „Gott, Benny!“, stieß Alexa besorgt hervor. Doch Benny rappelte sich eilends auf. „Wir brauchen die Lichtpfeile!“ „Die was?“, stieß Dan verblüfft hervor. „Wir müssen zur Zitadelle der Zeit! Jetzt!“ „Der was?“ „Sag mal bist du taub?“, brüllte Vivi ihren Bruder an. Zu Benny sagte sie: „Und wo ist die?“ Benny stockte. „Ich…weiß es nicht. Wir sollen uns an den Helden des Windes halten…“ „Held des Windes?“, staunte Herr Liebgraf. Bennys Hoffnung schwang. Er war sich sicher gewesen, dass Herr Liebgraf auch ihn kannte. „Hast du noch nie davon gehört?“ „Doch, ich glaube ich habe einmal irgendwo von ihm gelesen. Aber…ich kann mich nicht entsinnen. Stone, my friend, has you ever heard from the ‘hero of wind’?“ „Hero of wind? My friend – of course!”, antwortete Herr Stone. „You can say he is the American vision of the hero of time!“ Stone lachte. Dann begann er eifrig zu erzählen. Seine Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. Herr Liebgraf und die anderen lauschten interessiert. Nur Benny sah ungeduldig von einem Gesicht zum anderen. Er verstand kein Wort. Als Stone geendet hatte, war endlich er an der Reihe. „Mein Freund erzählt“, begann Liebgraf zu übersetzen. „Es war viele Jahre nach der Regierungszeit des Helden der Zeit. Damals gab es eine neue Bedrohung, eine dunkle Macht, die ganz Hyrule bedrohte. Es war eine Hexe aus Termina, die sich der schwarzen Magie der Majoramaske – du weißt was das ist? – bedient hatte. Weil die Leute wussten, dass Link die Maske schon einmal besiegt hat, gingen sie dagegen vor. Das Problem war nur – Link war seit Jahren tot und auch seine Kinder und deren Kinder. Darum war das Wissen um die Maske verloren gegangen und die Übermacht der Hexe bedrohte bald auch die Nachbarländer Hyrules. Deshalb beteten die Priester zu den Göttinnen sie mögen das Böse für immer vernichten. Sie erhörten Hyrule. Doch es hatte seinen Preis – Hyrule ging mit dem Bösen unter. Dazu musst du wissen, zu dieser Zeit war die Welt ein einziger großer Kontinent. Dieser Kontinent wurde zerschlagen, nein, nicht in unsere fünf Kontinente, in viele tausend kleine Inseln. So wurde das Übel der Majoramaske für immer verbannt. Nur war die Welt zerstückelt. Darum erschufen die Göttinnen den Turm der Götter! Einer, der sich als würdiger Held erweisen würde, sollte die Prüfungen in diesem Turm absolvieren und wenn er sie besteht, so sollte sich auch die Welt wieder zusammenfügen. Und hier kommt der Held des Windes ins Spiel. Es war ein kleiner Junge in grüner Kleidung, der diese Prüfungen meisterte. Als er die Glocke auf der Turmspitze läutete fügten sich die winzigen Inseln zu unseren heutigen Kontinenten zusammen.“ „Dann war es also Links Nachfahre aus früherer Zeit?“ „Nein, dieser Junge hatte nichts mit dem Helden der Zeit zu tun. Sie waren nicht verwandt.“ „Und weiter? Wie sollen wir uns an diesen Helden halten, wenn er nichts mit Hyrule zu tun hatte?“ Bennys Arme fuchtelten wild in der Luft herum. Liebgraf gab die Frage weiter. Stone antwortete ihm noch euphorischer. „Stone meint hier an der Küste gibt es eine alte Ruine, die ’Tempel des Windes’ heißt. Es ist ein Denkmal, das der Held des Windes zu Ehren seines Vorbildes, den Helden der Zeit, hat errichten lassen. Es heißt, dort stand einmal eine alte Kirche, in der das Masterschwert seinen Sitz hatte.“ „Die Zitadelle der Zeit! Das ist sie!“, stieß Benny aus. Das war es! Eine Spur! Endlich konnten sie etwas unternehmen! „Lasst uns sofort aufbrechen!“ Vivi und Alexa sahen sich an… Versteckt, ganz in ihrer Nähe, beobachtete der Spion sie noch immer. Die Spiegelscherbe hatte er auf Benny gerichtet. Wäre es eine einfache Spiegelscherbe gewesen, hätte sie ihn verraten. Schließlich reflektierte Spiegelglas. Doch es war ja keine gewöhnliche Spiegelscherbe. Der Spion schüttelte den Kopf. „Was hast du nun wieder vor…“

Die Schulglocke klingelte. Sie war an der Schule angelangt. Den Schulranzen auf dem Rücken. Lin wusste, dass sie wieder träumte. Sie war froh darüber. Denn in ihren Träumen hatte sie keine Schmerzen, kein Fieber, keine Atemnot, keine Übelkeit und vor allem keinen Bauch, der so schwer aus ihr heraushing. Es war schwer gewesen unter diesen Schmerzen einzuschlafen. Sie war seit Tagen im Dämmerzustand. Nicht einmal mehr aufstehen konnte sie. Die arme Erika. So oft war Lin wach geworden und hatte sie erschöpft vorm Bett knien sehen. Ihr die Stirn mit einem feuchten Tuch abtupfend, ihr Tee einflößend oder weinend vor Besorgnis. Auch eine Ärztin war gekommen. Endlich. Aber sie war nie lange genug wach gewesen um zu verstehen was die Ärztin zu Erika sagte. Doch lange genug um das verzweifelte Gesicht der Ärztin zu sehen. Sie hatte zu hohes Fieber hieß es. Aber hier war es egal. Hier, im Traum, fühlte sie sich gesund. Sie war auf der Suche nach Ganon. Irgendwo hier im Gebäude war er. Das wusste sie längst. Im Klassenzimmer der Parallelklasse fand sie ihn vor. In der Klasse, in die Kim gegangen war. Als er ihr noch heile Welt vorgespielt hatte. Ganon stand vor der Tafel und schmierte sie mit Kreide voll. In der anderen natürlich – wie konnte es auch anders sein – ein Pausenbrot mit Leberkäse. In das er herzhaft hineinbiss. „Was machst du da?“, fragte sie erstaunt. War das etwa… Nein! Das konnte doch nicht wahr sein! „Integralrechnung. Die Fläche zwischen dem Grafen Gf und der x-Achse.“ „Aber… Das ist unmöglich! Du dürftest gar nicht wissen was das ist! Du…du lebst doch im Mittelalter!“ Mit erstaunt aufgerissenen Augen drehte sich Ganon um. Dann lachte er. „Meine Güte, Mädchen. Du müsstest dich hören können.“ Lin verstand die Welt nicht mehr. „Was…“ Mit einer Handbewegung brachte er sie zum Schweigen. „Dafür ist keine Zeit mehr. Es kostet mich bereits zu viel Mühe hierher zu gelangen. Bald ist es vorbei.“ Das konnte nur eines bedeuten – das Kind war bereit. „Du fragst dich sicher was das hier soll.“, er klopfte auf die Tafel. „Nun, ich zeige es dir.“ Dieses Mal sah sie wie der Traum sich veränderte. Sie spürte den Sog und wie er von Ganon ausging. Wie sich Farbe mit Farbe vermischte und Form mit Form. Und wie eine tiefe Finsternis sie fraß und nur ein fahles Licht übrig ließ. Das runde Zimmer war klein und niedrig und auch nur notdürftig eingerichtet. Durch das Fenster fiel fades Licht von unten herauf. Es wurde vom riesigen Lavasee abgegeben, über dem die Burg schwebte. Etwas seitlich des Fensters stand ein überladener tiefer Tisch, zu dem man sich hinknien musste. Verschiedene dicke Bücher stapelten sich über die hölzerne Fläche, dazwischen durcheinander gefegte Pergamente, allesamt vollgekritzelt. An einer Wand war auch eine Matte aus Baumwolle auf einer alten Holzkiste, zum Bett umfunktioniert, auf der sich Kim im Schlaf wälzte. Ja, es war der große, jugendhafte Kim, den sie kennen gelernt hatte. Es war mitten in der Nacht, er schlief tief und fest. Und dieses Mal gab es sogar zwei Ganons. Ein Traumbild, des erwachsenen Ganons, der am Tisch kniete und ein Buch durchblätterte und der junge, gerade erwachsen gewordene und doch schon seit langer Zeit tote Ganon. Dieses Mal war Ganon nicht verschwunden um sie allein in der Erinnerung wandeln zu lassen. „Komm! Ich zeige es dir. Ich beantworte dir deine Frage!“, sagte der junge Ganon und winkte sie zum Tisch. Wie ihr geheißen trat Lin an den Tisch. Und nur einen Blick warf sie in das Buch in dem Ganons Trugbild blätterte. Ein Blick, der daran kleben blieb, dass sie sich nicht davon lösen konnte. „Das…das…das kann nicht wahr sein!“, stockte sie. Es war ein Buch in dem alles Mögliche stand. Die physikalischen Formeln um eine Zugkraft zu errechnen. Die Größe des Eifelturmes. Eine Kritzelei vom Inneren eines Vier-Otto-Motors, sogar beschriftet und daneben eine saubere Zeichnung des gleichen Motors mit Beschriftung. Ein paar Sprichwörter, nicht nur in ihrer Sprache sondern auch in Englisch und Französisch und Latein. Die Namen der Fußballspieler der Nationalmannschaft. Das ökonomische Prinzip der Wirtschaft mit den Erklärungen des Minimal- und des Maximalprinzipes und deren Konflikte, die sich daraus ergaben. Eine Vollkostenrechnung und der chemische Aufbau der Dissimilation. Eine Tabelle der mendelschen Regeln und die verschiedenen Symbiosearten mit deren Erläuterung. Und schließlich ein sauber gezeichnetes Periodensystem. „Mein Sohn hat schon immer von seltsamen Dingen erzählt.“, begann Ganon zu erklären. „Schon als er klein war hat er mich und die Gerudofrauen mit Erklärung von so Vielem vollgeredet, von dem wir keine Ahnung haben. Von da an wusste ich, dass er für die Zeit nicht geschaffen war, in der er lebte. Das er – wie soll ich sagen…zu Höherem bestimmt war? Ich verbot ihm mit irgendjemandem außer mir oder seinen stellvertretenden Vormunden über derlei zu reden, ich gab ihm leere Bücher um sein Wissen heraussprudeln zu lassen und ich unterrichtete ihn wiederum um seinen enormen Wissensdrang zu stillen. Er hat es verschlungen, alles Wissen was es gibt. Schon viele Male habe ich mich gefragt ob es wirklich ein Mensch ist was ich da gezeugt habe. Ich weiß es nicht.“ Ganon lachte. „Das…das weiß er von selbst? Einfach so?“ Ganon nickte. „Ich habe keine Ahnung woher er das weiß. Es ist für mich genauso unverständlich wie für dich. Aber weil er davon sprach bin ich erst überhaupt auf die Idee gekommen ihn in die Zukunft bringen zu lassen. Das war genial, nicht wahr? In der Zukunft – wer glaubt da schon noch an Magie und wer weiß da noch von den Göttinnen und dem mächtigen Triforce, das sie hinterließen? Die Menschen der Zukunft mögen meinen sie hätten sich in all den vergangenen Jahrhunderten ernorm zivilisiert und wären den Menschen von früher viel überlegener, doch was sehe ich? Ihre Entwicklung ist bestimmt nicht besser, im Gegenteil, mein Sohn hat leichtes Spiel mit den Menschen deiner Zeit. Mir haben sich der Held der Zeit und seine Anhänger in den Weg gestellt, sie waren stark und ich habe mich oft grämen müssen. Aber wen gibt es, der sich meinem Sohn in den Weg stellen könnte? Dein Bruder? Er ist nichts als ein kleines hilfloses Kind, damals konnte er nicht kämpfen und heute kann er es auch nicht, was will er schon machen?“ „Wir werden einen Weg finden!“, sagte Lin trotzig. „Ihr werdet einen Weg finden?“ Ganon lachte nur noch lauter. „Welchen? Es gibt keinen! Ich habe lückenlos die Überführung meines Sohnes in die Zukunft geplant und er lückenlos die Rache der Shjra! Also, sag mir, Mädchen, was gibt es noch was du tun kannst?“ Lin biss sich auf die Lippen. „Na siehst du, Mädchen. Gib endlich auf und schließ dich uns an! Das macht es für uns alle leichter. Früher oder später musst du es sowieso.“ Wie ein begossener Pudel verschränkte Lin die Arme. „Warum gebt ihr nicht auf und lasst eure Aufgabe endlich fallen! Diese Shjra ist nicht mehr da, warum also hängt ihr so an ihr?“ Ganon seufzte. „Ob du es glaubst oder nicht, manchmal wünschte ich es wäre so einfach.“ Dann löste sich seine Gestalt vor ihren Augen auf und er ließ sie allein… Die beiden alten Weiber stürzten unangemeldet in sein dunkles Schloss. Ganon befand sich in einem der Privatgemächer – das oberste Zimmer im Turm. Niemandem war der Zugang hierher gewährt bis auf ihm und wenigen anderen. Es war das Schlafzimmer Kims. Ganon sortierte kopfschüttelnd die Bücher und zwar ordentlich, wie es sich für solch kostbare Bücher gehörte. Und überflog jede einzelne Notiz auf den Papieren. Er las von merkwürdigen Dingen von denen er nicht allzu viel verstand. Wobei die Handschrift seines Sohnes ihm nicht recht half. Schon allein mit dem Entziffern einzelner Wörter tat er sich schwer. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie so ein Geschmier gesehen. Kim war der miserabelste und untalentierteste Zeichner, den es gab. Darum zeichnete Ganon, der auf diesem Gebiet ein wahrer Meister war, nach seinen Notizen und Anweisungen die Skizzen für ihn. „Warum?“, fragte Kim und Ganon sah zu ihm auf. Kim schlief noch immer, er sprach im Schlaf. Er runzelte die Stirn und drehte sich auf die andere Seite. Die Decke war ihm zu kurz. Sie war ihm zwar bis zum Hals gezogen, aber seine Beine lugten bis zu den Knien heraus. Weshalb Kim überhaupt eine Decke benutzte, vermochte sich wohl niemand zu erklären. Er merkte es nicht einmal, wenn es im Zimmer kalt war. Ganon legte das letzte Blatt zurück und schritt zum Bett hinüber. Kim kratzte sich leise murmelnd an der Nase und gab einen Seufzer von sich. Belustigt setzte sich Ganon auf die Kante und beobachtete wie sich die Brust seines Sohnes hob und senkte. Viel zu rasch für einen ruhigen Schlaf. Seine Augen bewegten sich heftig unter den Liedern. Er schien wild zu träumen. Was er wohl träumte? Ganon legte ihm die Hand auf den Kopf und unvermittelt zuckte Kim zusammen. Leise lachend fuhr Ganon durch den schwarzen Haarschopf. Er spürte wie sich die Haare zwischen seinen Fingern bogen. Gleich entspannte sich Kim wieder und schnaufte. Freundlich klang es nicht. Ganon legte ihm die Hand auf die Augen und schloss die seinen. Sofort erschien ein verschwommenes Bild in seinem Geiste. Sobald es sich klärte würde er den Traum seines Sohnes selbst sehen können – Doch dazu kam es nicht mehr. Er öffnete die Augen wieder. Es erwartete ihn jemand am Fuße der Tür, durch die man nach einer schmalen Spiraltreppe hierher gelangte. Er zog die Hand zurück und stand auf. Dieses Mal wurde Kim wach. Mit einem langen Gähnen streckte er sich und sah verschlafen um sich. „Meister…“ Kim wollte sich aufsetzen, doch Ganon winkte ab. „Schlaf weiter.“ Kim nickte müde, legte sich wieder hin und zog die Decke über den Kopf. Das Licht der Lava störte ihn regelmäßig beim Einschlafen. Mit letztem Blick auf ihn öffnete Ganon die Tür und lief die Treppe hinunter. Karos verbeugte sich als er das Tor hinter sich schloss. „Was hast du zu berichten?“ „Verzeiht die Störung, Herr. Aber die beiden ehrenwerten Hexen warten auf Euch.“ Der Stalfos zögerte etwas. „Sie erbitten Zugang über den Lavasee.“ Ganon blickte skeptisch. „Und dafür hast du mich gestört?“ Karos räusperte sich. „Es scheint als seien sie…ihrer magischen Kräfte beraubt.“ Ganon stöhnte und massierte seine Schläfen. „Meinetwegen, ich erwarte sie im Thronsaal.“ Als er so auf seinem Thron saß und versuchte sich seine Müdigkeit und Desinteresse nicht anmerken zu lassen, dachte er an den Armreif. Nur kurz, dann war die Erinnerung verschwunden. Die beiden Hexen stürmten aufgebraucht gagernd in den Raum. Sie gestikulierten hastig mit ihren Besen, die sie in der Hand hielten. Ein ungewöhnlicher Anblick, sonst hockten sie darauf, hatten nicht einmal die Füße am Boden. Sie hechelten und hielten sich eisern an den Wachen fest, die sie begleitet hatten. Den Skeletten war es unangenehm und sie versuchten die alten Weiber möglichst unauffällig ab zu schütteln. Die Hexen konnten sich kaum auf den Beinen halten. „Also, was wollt ihr von mir, mitten in der Nacht?“ „Herr…“, keuchte Kotake. „Wir sind den ganzen mühsamen Weg hierher gelaufen!“ „Wir mussten auf Maultieren reiten!“, meldete sich auch Koume zu Wort. „Ich weiß bereits bescheid. Der Held der Zeit ist in den Tempel eingedrungen und eure Magie gebrochen.“ „Und Ihr habt niemanden geschickt uns abzuholen?“, quiekte Koume empört. Er stützte seinen Ellbogen auf die Armlehne und legte den Kopf auf die Faust. „Wozu sollte ich? Ich belohnte Versagen nicht. Außerdem tut frische Luft euren alten – sehr alten – Knochen gut.“ Amüsiert spürte er die Entrüstung und die Scham, die die beiden Weiber zu unterdrücken versuchten. „Aber wir haben noch eine schlechte Nachricht für Euch, Herr!“, japste Kotake und ihre Schwester stimmt zu: „Oh ja, ich fürchte eine sehr Schlechte!“ „Ach wirklich?“, fragte Ganon gespielt dramatisch. „Nicht nur der Geistertempel ist gefallen, auch Naboru unterliegt nicht mehr Euren Befehlen…“ Es dauerte einige Atemzüge bis Ganon den Sinn dieser Worte verstand. „Was?“ Wenn man aus der eigenen Haut fahren konnte, dann tat er es jetzt. Er fühlte eine zerreisende Explosion in sich. Blitzartig sprang Ganon auf. „Was habt ihr gesagt?“ Erschrocken machten nicht nur die Hexen einen Satz zurück. „Ähm…“, wagte Koume zu erwidern. „Wir haben Naboru an die Weisen verloren.“ „Wieso verloren?“ Ganon setzte ein falsches Gesicht auf und versuchte ruhig zu bleiben. Aber seine Arme vibrierten, seine Fingernägel bohrten sich in die Innenflächen. „Die Gerudo stand nie in meinem Dienst!“ Vorsichtig sahen sich die Hexen an und rangen mit sich. „Um ehrlich zu sein…“, fing Koume an zu erklären, brach jedoch ab, sodass Kotake fortfuhr: „Wir hielten es für eine gute Idee sie zu manipulieren. Sie ist eine vorzügliche Kriegerin…“ Ein Blitz zerschnitt die Stille. Doch er kam nicht vom Himmel, er kam aus Ganons rechter Hand. Der Stalfos sah an seinen Brustkorb herunter, wo die gewaltige Magie ihn getroffen hatte. Die Knochen waren zerrissen worden. Paralysiert blickte er zu seinem Herren – und zerbrach. Die Knochen gingen sofort in reine blaue Flammen auf und zerfielen zu Asche. Mit Entsetzen und panischer Angst starrten die Anwesenden auf die Stelle wo eben noch ein bewaffneter Krieger gestanden hatte. Doch damit nicht genug! Es fing leicht an. Lediglich ein gedämpftes Vibrieren des Bodens. Von den Wänden und der Decke rieselte grober Staub herab. Dann erzitterte und bebte das gesamte Schloss. Kreischend verloren die Hexen das Gleichgewicht und legten sich flach auf den Boden. Das Gemäuer erbebte und die Stützpfosten knirschten unter der gewaltigen Kraft, die sie zum Einsturz zu bringen drohte. Ganons Zorn war unermesslich. Jedoch, nach einer Weile klang das Beben ab. Die alten Weiber sahen zu ihm empor. „Verschwindet dorthin von woher ihr gekrochen kamt! Tretet mir nie wieder unter die Augen!“, zischte Ganon ihnen in die verängstigten Gesichter. „Solltet ihr es noch einmal wagen etwas ohne mein Wissen zu unternehmen – sterbt ihr eines grausamen Todes!“ Er gab der Wache ein Zeichen und der Knochenkrieger streckte den Hexen sein Schwert entgegen. „A…aber Herr…“, setzte Koume an. Weitere Wachen eilten herbei um die beiden alten Weiber zu entfernen. Sie protestierten und bettelten, doch Ganon schenkte ihnen nicht einen letzen abfälligen Blick. Ganon setzte sich wieder und atmete tief durch. Wie konnte so etwas passiert sein? Wie hatte er nur so unvorsichtig sein können? Diese Hexen waren ihm nur im Weg, sein ganzes Leben lang schon! Aber es wäre töricht sie jetzt schon zu beseitigen, nein, noch waren sie nützlich. Etwas Geduld, dann konnte er sie für immer vernichten. Und was hatten sie gesagt? Er hätte Naboru an die Weisen verloren? Stimmt… Im Siegel hatte er deutlich die Magie der Wüste gespürt. Er hatte es geahnt, schon seit Jahren. Doch Naboru die Weise der Geister? Es half nichts, er konnte sich nicht beruhigen. Wutentbrannt stapfte er durch die Gänge. Die Leute in der Burg waren klug genug ihm aus dem Weg zu gehen. Nur als er um die Ecke bog stieß er fast mit Ashanti zusammen. Mit eiskalten Augen musterte er sie. Sie machte ängstlich einen Schritt zurück und verneigte sich. „Verzeiht, Herr!“ Dann ergriff sie eilig die Flucht, in die Richtung aus der sie kam. Ganon machte einen Umweg um an der Tür vorbei zu kommen, die in den höchsten Raum führte. Davor blieb er stehen und fixierte das dunkle Holz. „Geh zurück in dein Zimmer!“, zischte er. Erschrocken zog Kim die Hand zurück mit der er beinahe die Klinge berührt hatte. Wie erstarrt blieb er stehen und rührte sich nicht. Was war denn nun schon wieder? Er war durch das Beben geweckt worden und hatte vorgehabt nachzusehen was der Grund dafür war. „Muss ich mich wiederholen?“ „Nein.“, murmelte Kim als Antwort und begann den Treppenaufstieg. Was war nur los? Warum war Ganon so aufgebracht? Nicht das das so selten vorkam. Aber Kim hasste es immer als Letzter aufgeklärt zu werden – wenn überhaupt! Kaum war die Tür hinter ihm in die Angeln gefallen, hörte er von draußen lautes Geschrei. „Ah…wie könnt ihr es wagen uns so zu behandeln?“ Das war unverkennbar Kotakes Stimme. Die Gothama? Was wollten die hier? Die beiden Hexen waren hier unerwünscht. Worüber Kim auch froh war. Er konnte die alten Weiber genauso wenig leiden wie Ganon und der Rest der Gerudos. Er ging zum Fenster hinüber. Der Eingang der Burg lag auf der anderen Seite, aber wenn er auf die Fensterbank stieg, konnte er knapp um die Ecke spähen. Doch als er sich nach vorn beugte – knallte er mit voller Wucht gegen etwas. Ungläubig streckte er die Hand durch Fenster und berührte etwas Glattes. Eine unsichtbare Wand! Von der Erkenntnis überrumpelt rannt er zur Tür und drückt die Klinge herunter. Nichts. Er rüttelte daran, aber sie ließ sich nicht öffnen. Es machte auch keinen Sinn sie einzutreten, dahinter war ebenfalls eine magische Barriere. Kim schlug einmal mit der Faust gegen das Holz. „Was habe ich jetzt schon wieder verbrochen? Woran bin schon wieder ich schuld, du seniler Bluthund! Du…“ Es folgte ein ganzer Schwall von bitteren Flüchen, bis er heißer wurde. Gekränkt setzte Kim sich auf den Kasten, sein improvisiertes Bett, und zog die Beine an die Brust. Tief im Keller klangen Töne einer Orgel bis hier herauf. Er wusste genau was war. Ganon hatte ihn eingesperrt! Und jetzt musste er so lange hier drin bleiben, bis Ganons Zorn verflogen war. Auch wenn es den ganzen nächsten Tag dauerte. Eigentlich war Kims Macht so stark geworden, dass niemand mehr sich mit ihm messen konnte. Nicht einmal Ganon, nein, er war längst mächtiger als Ganon. Doch Ganon war sich dem mehr als bewusst. Darum hatte er das Schloss so konstruiert, dass es vollgefüllt war mit Bannen, die Kims Magie unterdrückten. Damit er ihn unter Kontrolle halten konnte. Kim legte sich hin, obwohl er gewiss nicht wieder einschlafen konnte. Immer lässt er seine Wut an mir aus, dachte Kim. Ich hasse ihn! Ich hasse sie alle! Er stopfte sich die Decke in die Ohren um der schrecklichen Melodie nicht mehr ausgesetzt zu sein… Es klopfte an die Tür. Erschrocken setzte er sich auf und stieß mit dem Knie gegen das Tischbein. Aus lauter Frust hatte er die Nacht damit verbracht sich durch seine Bücher zu walzen. Irgendwann musste er doch eingenickt sein. Kim rieb sich die Augen und sah aus dem Fenster. Die Sonne ging gerade auf. Die sanften, hellen Strahlen streiften sein Fenster. Ein wunderbarer Morgen. „Hey, ich weiß, dass du da drin bist. Mach auf!“, sagte eine ihm wohl vertraute Stimme. „Ich kann nicht, ich bin eingesperrt!“, gab er zurück. „Der Herr hat den Bann aufgehoben und wünscht dich zu sehen.“ Eilig schritt er zur Tür und drückte die Klinke herunter. Tatsächlich! Mühelos ging sie auf und dahinter erwartete ihn Dana. Mit einer Waschschüssel in den Händen. „Warum?“, fragte er.

Mit einer Hand packte sie ihn an der Gurgel, dabei verschüttete sie etwas von dem Wasser. „Wenn du mich das jemals wieder fragst…“ Beide mussten lachen. „Ich komme schon.“, verkündete er, überglücklich über seine zurück gewonnene Freiheit. Sie überreichte ihm mit kritischem Blick die Schüssel. „Ich glaube nicht, dass deine Kleidung angemessen ist.“ Kim sah an sich herab. Im kniehohen Nachthemd stand er da. Er nahm die Schüssel entgegen und schob die Tür mit dem Fuß zu. Auf der anderen Seite lachte Dana: „Also bitte! Ich habe dich schon bei deiner Geburt nackt gesehen!“ „Aber nicht mit stolzen sechzehn Jahren!“ „Hast du Angst ich könnte dich vernaschen, du Früchtchen?“ Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen, als sie schon die Treppe herunterging. Sofort wurde Kim wieder ernst. Eigentlich wollte er lieber weiter in seinem Zimmer schmollen, er war noch immer säuerlich. Aber es half nichts, es ging nicht nach seinem Willen. Er streifte sich das Baumwollnachthemd ab und formte mit den Händen eine Schale um sich das Gesicht zu säubern. Mitten in der Bewegung hielt er inne. Mit beiden Armen hob er die Waschschüssel über den Kopf und drehte sie um. Klares Wasser fiel über ihn her. Es floss in vielen Adern über seinen Körper. Er spürte wie die letzen Tropfen seine Brust hinab flossen. Unweigerlich fuhr er mit den Fingern über die lange Erhebung, seine Narbe. Seufzend hob er den Deckel des Holzkastens an und holte seine Kleider hervor. Eilig zog er sich an. Langsam stieg er die Treppe herunter und zählte die Stufen. Es waren sechshundertsechsundsechzig. „Hast du es schon gehört?“, vernahm er auf der anderen Seite der Tür. „Ja, natürlich! Die Gefangene soll sich im Keller befinden…“ Er öffnete und schloss die Tür geräuschlos. „Was für eine Gefangene?“ Die zwei Gerudofrauen fuhren zusammen und gestikulierten durcheinander. „Bei der Shjra, erschreck uns doch nicht so!“ Risaku hob mahnend den Finger. Augenrollend drückte er ihren Arm wieder nach unten. „Was für eine Gefangene?“ „Das wissen wir nicht. Der Herr hat sie angeblich letzte Nacht gefangen genommen und in einen rosanen Kristall gesperrt.“, antwortete die andere. Natürlich wussten diese Frauen es nicht. Wer wusste denn schon was sein Meister wieder ausbrütete? Manchmal hatte Kim das Gefühl Ganon wusste es selbst nicht. Ohne ein weiteres Wort lief er an ihnen vorbei zum Thronsaal. Als er das Tor öffnete und eintrat, knieten Dana, Ashanti und drei weitere hohe Gerudos bereits. Mit vor der Brust verschränkten Armen lief Ganon vor dem Thron auf und ab. Er schien abwesend. Kim kniete sich neben Ashanti hin, die ihn nervös anlächelte. Ganon blieb stehen und sah von einem Gesicht zum anderen. Seine Stirn war in Falten gelegt. Nach einer Weile war er seinen Plan noch einmal bis zum Ende durchgegangen. Es lief alles zu seiner vollsten Zufriedenheit. Bis jetzt jedenfalls. Trotzdem überdachte er ihn immer und immer wieder und erwiderte kein einziges Wort. „Verzeih meine Frage, Meister.“, durchbrach Kim das Schweigen, weil ihm seine Unwissenheit auf die Nerven ging. Dass Ganon sie alle im Unwissen ließ. „Wer ist die Gefangene im Keller?“ Ganon sah ihm in die Augen. Noch eben hatte Kim gemeint Ganon wäre schrecklich konzentriert, aber bei seiner Stimme erwachte Ganon aus seinem Dämmer. „Seit wann habe ich dir Rede und Antwort über meine Tätigkeiten zu stellen?“ Sofort senkte Kim den Blick, auf den dunklen Stein des Bodens. Ganon hatte ihn gedemütigt – vor den Frauen! Er drückte seinen Kiefer aufeinander, er wollte gelassen wirken und darum schluckte er seine Wut herunter. Ganon setzte sich auf seinen Thron und baute sich darauf zu seiner ganzen Majestät auf, die er aufbrachte. „Nun, der Held der Zeit ist auf dem Weg hierher…“ Ganon brach ab um ein paar Mal einzuatmen. Eine Spannungspause. „Hör, was du zu tun hast, Dana! Ich übertrage dir die volle Befehlsmacht. Reite mit allen Gerudos nach Termina. Leleo wird euch aufnehmen. Bleibt dort und wartet auf ein Zeichen von mir!“ „Jawohl!“, erwiderte sie seufzend. Es war ein weiter Weg, der ihnen bevorstand. Er fuhr fort: „Ashanti nimm ihn mit in die hyrulianische Steppe und versteckt euch irgendwo in der Nähe!“ „Ja, He…“
„Aber“ Kim war aufgesprungen. „Ich will mich nicht irgendwo verkriechen! Ich will auch kämpfen! Bitte, Meister! Es wird mich niemand erkennen...“ Auch Ganon stand auf. „Sei still! Ich entscheide wie zu handeln ist und nicht du!“ Diesmal sah er Ganon eisern in die Augen und wandte den Blick nicht ab. Seine Muskeln zogen sich zusammen vor Anspannung. „Was stehst du da wie angewurzelt?“, meinte Ganon kalt. Dieses Mal beherrschte sich Kim nicht. In ihm zerbrach etwas – die hauchdünn gewordene Wand, die seine Wut zurück gehalten hatte. „ICH GEH JA SCHON! ICH MACHE DOCH IMMER WAS DU SAGST!“ Kim hatte die Worte geschrieen. Mit kochendem Kopf drehte er sich um und stampfte davon. Am Tor angelangt riss Kim es auf. Erschrocken rappelte sich Ashanti auf und rannte ihm nach. „Wartet auf mich, junger Herr!“ Er dachte nicht daran auch nur noch einen Atemzug zu verharren und knallte es mit voller Wucht zu. Und mit voller Absicht setzte er Magie frei, der das Tor nicht standhielt. Vor der ahnungslosen Ashanti barst die Tür in unzählig viele Holzsplitter, die sie unter sich begruben. Entsetzt und panisch kreischte die junge Frau. Ganon und die anderen Frauen starrten sie an, während sie sich beschämt die Splitter aus den Haaren und der Kleidung zupfte und eilends die Verfolgung wieder aufnahm. Dana drehte sich zu ihm um. „Hättest du ihm nicht einfach sagen können, dass dein väterlicher Impuls dir einfach verbietet ihn frühzeitig in eine Gefahr stürzen zu lassen?“ Ganon rümpfte die Nase und sah auf sie herab. „Erzähl du mir nicht wie ich ihn zu erziehen habe!“ Dana erhob sich und schüttelte augenrollend den Kopf. „Gut, wie du meinst.“ Sie machte auf den Absätzen kehrt und, geschmeidig zwischen den Überresten des Tores hinweg springend, verließ das Schloss. Kim hatte sich bereits sein Schwert umgebunden und den schwarzen Mantel übergestreift. Gerade war er dabei mit Ashanti Sattel und Saumzeug auf die Pferde zu binden, als Dana sie erreichte. „Proviant für euch“, sagte sie und hielt Ashanti den ersten Beutel hin. Dankend nahm diese ihn entgegen. Den Zweiten streckte sie Kim entgegen. Aber er unterbrach seine Tätigkeit nicht. Sie seufzte: „Er hat es nicht so gemeint!“ „Ich weiß genau wie er es gemeint hat!“, entgegnete Kim. Er überprüfte die Schnalle des Sattels und stieg auf Thunder, der aufgeregt schnaufte. „Jetzt hör doch mal zu…“, begann sie, aber er zischte sie an: „Hör auf dich ständig einzumischen!“ Dana ließ abrupt den Arm sinken. „Du reagierst schon genau wie er!“ Die Worte kränkten ihn zutiefst. „Halt die Klappe! Ich bin überhaupt nicht wie er!“ Er ergriff die Zügel. „Und ich hoffe er krepiert endlich!“ Damit gab er dem Rappen die Sporen und ritt davon. Mit ganz entsetztem Gesicht starrte Ashanti ihm nach. „Wie kann er nur so etwas Schreckliches sagen!“ „Er ist wütend, aber er fängt sich schon wieder.“, erwiderte Dana. „Also ich habe den Herrn als gütigen und stets abwägenden König kennen gelernt.“, sagte Ashanti, fast etwas trotzig. Dana musste lachen. „Na wenn das so ist, dann sage ich dir lieber nicht was ich von ihm halte, um nicht an deinem Weltbild zu kratzen.“ Ashanti verzog eine Miene. „Und jetzt los, sonst holst du ihn nicht mehr ein…“

Nach langer Fahrt waren sie endlich angekommen. Die Ruine, nahe Boston, lag friedlich vor ihnen, als sie aus der Limousine stiegen. Es war wirklich kaum noch etwas übrig. Nur vereinzelte rissige Mauerstücke standen verloren im hohen Gras. Steinbrocken lagen herum. Jedoch, genau in deren Mitte, hatte ein kleiner Schrein überlebt. Ein Gestell aus Stein, das spitze Dach von vier Säulen gehalten, die einmal mit kunstvollen Gravuren bestückt gewesen waren, jetzt jedoch längst verblasst. Sie waren mutterseelenallein. Niemand anders war in Sicht. Stone und Liebgraf unterhielten sich angeregt. Alexa und Dan hörten interessiert zu und brachten sich einige Male ein. Doch Vivi und natürlich Benny wunderten sich lieber über das viele Unkraut und das kniehohe Gras. Nur ein gewöhnlicher Weg führte hier herauf. „Diese Ruine ist nicht sehr bekannt und bei Touristen unbeliebt. Darum kommen nur selten Leute hierher um sie zu besichtigen. Für einen Geschäftsmann lohnt es sich nicht hier Führungen anzubieten.“, übersetzte Liebgraf für Benny. „Aha.“ Jetzt war alles klar. Warum auch nicht? Er selbst, schließlich, hatte nie vom Helden des Windes gehört und das wo er doch der Nachfahre eines berühmten Helden war. Und wenn hier niemand außer ihnen war – konnte auch niemand sie stören! „Warum ist diese Ruine nicht bekannt? Und ist das hier nicht ein Tempel? Warum sind hier keine wertvollen Dinge?“, fragte Vivi skeptisch. „Das war vom Helden des Windes mit Absicht so bewerkstelligt. Er wollte die Legende um Hyrule und den Helden der Zeit schützen, indem er ihn möglichst bedeutungslos machte. Nur sehr wenige kennen die alten Geschichten. Außer den direkten Nachfahren natürlich.“ Sie versammelten sich alle um die kleine Erhebung in der Mitte, dem Triforcewappen. In der Mitte der drei Dreiecke war ein kleiner länglicher Schlitz. Dan stieß einen Pfiff aus. „Ich wette meine Unterhose darauf, dass da das Masterschwert rein muss!“ „Du hast keine Gruppis!“, zischte Vivi ihm zu. Benny umklammerte den Schwertgriff noch ärger. „Meinst du wirklich?“ Zugegeben, die Öffnung erinnerte ihn an Opas Erzählungen. Der Held der Zeit zog die legendäre Klinge aus einem massiven Brocken, den heiligen Stein der Zeit. Und als die Spitze aus dem Stein glitt, da öffnete sich das Tor zum Heiligen Reich. Ohne weiteres Zögern wickelte Benny das Schwert aus dem Tuch, der provisorischen Scheide. Und als die Spitze in den Stein glitt, da öffnete sich das Tor zum Heiligen Reich nicht. Denn das existierte nicht mehr, es war unnötig geworden als Lin alle Magie in sich aufgenommen hatte. Dafür aber öffnete sich etwas anderes. Es gab ein knirschendes Geräusch. Wie zwei Steine, die aneinander rieben. Aufgeschreckt sprangen sie vom Stein herunter. Ohne zu atmen warteten sie was geschehen werde. Erst einmal geschah gar nichts. Das Geräusch verschwand so schnell wie es gekommen war. Sie warteten noch eine geschlagene halbe Stunde. Ehe es der ersten Person zu viel wurde. Vivi war diese Person. Von der Warterei angepisst sprang sie auf die Plattform und trampelte darauf herum. „Toll! Und was jetzt? Da ist gar nichts! Da sind bloß ein paar alte blöde Steine!“ „Vivi!“, stieß Dan hervor. Entsetzt über die Szene seiner kleinen Schwester. Auch Herr Liebgraf und Herr Stone wurden kreidebleich. Als Kunstliebhaber war dies das schlimmste Vergehen, das sie je mit ansehen mussten. Selbst den Diebstahl des „Schreis“ hatten sie besser verkraftet. Doch Benny und Alexa, der Warterei ebenfalls überdrüssig, hatten mühe ihr Kichern zu unterdrücken. „Und die haben das hier…“ Mit einem Ruck zog sie das Schwert aus dem Stein. „…nicht verdient!“ Nun wurden die Anwesenden allesamt gleichzeitig bleich. „Vivi, spinnst du!?!“, kreischte Alexa und sprang im vollendeten Hechtsprung zu ihr und entriss ihr das Schwert. „Was ist in dich gefahren?“ In Rage gebracht riss Vivi das Schwert wieder an sich. „Halt die Klappe!“, fauchte sie. „Ich weiß was ich tue!“ „Ach ja?“ Alexa riss es ihr erneut aus den Händen. „Dann tu lieber das was du nicht weißt! Das ist gesünder für uns alle!“ Rot wie eine Tomate öffnete Vivi den Mund und versuchte das Schwert wieder an sich zu reißen. Die beiden Mädchen stritten lautstark darum. Doch Benny, Dan und die beiden reichen Männer waren so gelähmt vor Erstaunen, dass sie nur zuschauen konnten. Plötzlich war das Geräusch wieder da. Die beiden Mädchen erstarrten augenblicklich. Unter ihren Füßen knirschte es. Beide mit beiden Händen am Schwertgriff, blickten sie gleichzeitig auf ihre Füße. Dann gab der Boden unter ihnen nach. Sie schrieen, als würden sie sogleich bis zur Hölle fahren. Tatsächlich verschwand ein Stück Boden und mit ihm die beiden Mädchen. Denn sie hatten auf einer geheimen Falltür gestanden. „Oh Gott, Alexandra! Viktoria!“, stieß Herr Liebgraf heraus. Benny war der Erste, der am Rand hinkniete und in die Düsternis hineinblickte. „Vivi? Alexa?“, schrie er in das Loch. „Uns geht es gut!“, kam es von unten. „Gut?“, kreischte Alexa nach. „GUT??? Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen und wir stecken hier fest! Außerdem bin ich schmutzig!“ „Halt die Klappe!“, zischte Vivi. „Benny, wir…was ist das?“ „Was ist was?“, fragte nun Dan, dessen Kopf ebenfalls über der Öffnung hing. „Eine Treppe! Hier führt eine Treppe nach unten!“, schrie Vivi freudig nach oben. „Eine Treppe nach unten?“, staunte Herr Liebgraf. „Dann ist dieses Gebäude nur eine Tarnung! Der eigentliche Tempel liegt unter der Erde!“ „Unbelievable!“, staunte auch Herr Stone. „Ich brauche eine Taschenlampe! Ich steige auch nach unten!“, entschied Benny. „Wir werden alle nach unten steigen.“, verbesserte Herr Liebgraf und lachte. „Den ganzen Spaß können wir dir doch nicht alleine überlassen!“ „Ich hab ne kleine Taschenlampe!“, sagte Dan und zog seinen Schlüsselbund aus der Tasche. Eine winzige Taschenlampe, ein Werbegeschenk, baumelte ebenfalls daran. „Ich habe auch eine! In meinem Rucksack.“, erwiderte auch Benny. Als sie bereit waren, begannen sie den Abstieg. Benny ließen sie als erstes hinunter. Dann kam auch Herr Liebgraf und Herr Stone folgte. Dan, der zu eitel für die Hilfestellung des Chauffeurs war, dem im Übrigen für die ganzen Umstände eine Gehaltserhöhung versprochen worden war, sprang hinunter. Die Grube war nicht tief. Drei Meter, nicht mehr. Naja, nicht tief für Dan. Der sich geschickt abzurollen wusste. Danach hatten sie alle schmutzige Kleidung und Schweißperlen auf der Stirn. Aber ein triumphales Lächeln im Gesicht. Die Kegel der Taschenlampen waren auf die ersten Stufen gerichtet. Es roch etwas streng. „Müssen wir da wirklich runter?“, fragte Alexa verzweifelt nach. Vivi packte sie grob am Arm. „Jetzt komm schon!“ Sie eilte voraus. „Warte, Vivi!“, rief Dan ihr hinterher. „Sonst passiert wieder was!“ Sie rannten die Treppe regelrecht hinunter. Die Aufregung war zu groß um gelassen zu bleiben. Doch nur die ersten Stufen. Denn es waren hunderte an der Zahl. Irgendwann war die Euphorie von dem vielen ungewollten Sport verdrängt worden. „Wann hört denn diese verdammte Treppe auf?“, fluchte Benny. „Anscheinend gehen wir sehr tief in die Erde hinein.“ „Ja, schon. Aber wenn wir noch weit hinunter gehen, dann explodieren meine Ohren gleich!“ Herr Liebgraf lachte. „Das ist der Unterdruck, Benny. Der geht auf die Ohren wenn man zu tief oder zu hoch steigt.“ „Wir sind unten!“, stieß Vivi heraus. Sie war die Erste, die das Ende erreicht hatte. „Na endlich!“ Mit den beiden Taschenlampen suchten sie den Raum ab. Es war eine Höhle, die vor ihnen lag. Die Decke war zu hoch um sie mit dem Licht zu erfassen und der Gang war breit. Was dahinter lag, lag noch immer in völliger Finsternis. Die Luft roch feucht und salzig. Dan pfiff. „Wow!“ Ow…ow…kam das Echo zurück. „Da hinten!“ Vivi zeigte mit dem Finger. „Dort ist etwas!“ Sie rannten in die Richtung. Das Licht zitterte. „Wenn hier wieder nichts ist, dann…“, keuchte Alexa, die ungeduldig geworden war. Doch im nächsten Augenblick fiel das Licht auf etwas. Etwas Hartes und Weißes. Alexa schrie ein weiteres Mal auf. Vor Angst und vor Ekel. „Was ist das? Ist das ein Schädel?“ Das Licht ruhte auf dem Etwas. Zwei Hörner ragten aus dem Oval heraus. Das Gebiss mit den spitzen Zähnen lag frei und die leeren Augenhöhlen schienen sie anzustarren. Der Schädel war dreißigmal so groß wie ein menschlicher Schädel. „Oh, Mann! Was ist das denn?“, fragte auch Dan erschrocken. Doch von allen war Benny wohl am meisten erstaunt. „Das…das kann doch nicht…“ Er ließ das Schwert fallen. Die Taschenlampe schwenkte er hastig weiter, über ein weiteres Knochengebilde. Die Wirbel der Wirbelsäule waren riesig, wie drei Menschenfäuste zusammen. Die einzelnen Knochen des Brustkorbes erstreckten sich wie gebogene Säulen in die Höhe. Die Pranken des Skelettes streckten sich nach vorne. Die dicken Krallen schimmerten leicht. „Du bist es!“ Benny kamen die Tränen. „Du bist es wirklich! Valoo!“ „Valoo?“ Vivi wurde hellhörig. „Doch nicht etwa dieses Drachenbaby!“ Gerührt von dem unvorstellbaren Wiedersehen legte Benny die Arme um den Schädel. „Ich hätte nie gedacht, dass ich dich jemals wieder sehe!“ „Benny!“, sagte Alexa in einem Ton, der verriet, dass sie glaubte er sei wahnsinnig geworden. „Das Ding ist tot!“ Doch ihn störte das nicht, sollten sie ihn ruhig schräg anschauen. Auch Vivi gesellte sich zu dem Haupt der Langzeitleiche. „Hast du nicht gesagt, dass der Drache winzig war?“ „Ja schon! Aber Valoo war doch damals nur ein Baby! Der ist sicher über die Jahre gewachsen!“ „Und schon längst gestorben!“, setzte Alexa nach. „Oh, the legend includes a dragon!“, fiel Herrn Stone wieder ein und erzählte eifrig. Herr Liebgraf übersetze. „Damals, als das Land zerschlagen worden war, gab es einen Drachen, der sich auf einer Insel mit einem hohen Berg niederließ, dort wo sich ein Volk angesiedelt hatte. Zum Dank, dass die Bewohner ihn aufnahmen, schenkte er jedem einzelnen von ihnen eine seiner Schuppen. Durch diese Schuppen wuchsen ihnen Flügel und durch diese neue Fortbewegungsmöglichkeit gelangte das Volk zu Wohlstand und Frieden und der Drache wurde von ihnen verehrt, als heiliger Schutzpatron von Drakonia, wie die Insel hieß. Einmal fiel eine Plage über die Insel. Ein Monsterkäfer fraß sich durch den Schweif des Drachen, sodass der Drache nur noch zornig Feuer spuckte und es den Kindern der Bewohner nicht möglich war zu ihm hinaufzusteigen und die Drachenschuppe zu erhalten, die sie so dringend brauchten. Das fliegende Volk war verzweifelt, weil sie befürchteten, dass die nächsten Generationen niemals mehr fliegen könnten, doch dann kam plötzlich ein fremder Junge in grüner Kleidung, der den Käfer besiegte und den ehrenwerten Drachen erlöste. Dafür half der Drache dem Jungen, dem Helden des Windes, seine Prüfungen zu bestehen.“ „Das war bestimmt Valoo!“, strotzte Benny vor Stolz. „Ich habe mit ihm trainiert! Ashanti hat ihm ganz bestimmt das Fliegen beigebracht!“ „Echt?“ Vivi runzelte die Stirn. „Aber hier muss es doch noch mehr geben!“, meinte Dan. „Wozu sonst solcher Aufwand?“ „Naja.“, entgegnete Herr Liebgraf. „Immerhin war dieser Drache heilig und um ehrlich zu sein, ich würde mir dieses Skelett ein kleines Vermögen kosten lassen! Das ist der Beweis für die Existenz von Drachen und dafür, dass die Legende um die Helden der Zeit und des Windes nicht nur ein Mythos ist!“ Benny sprang auf. „Aber das darf nicht geschehen! Valoo darf nicht an die Öffentlichkeit!“ Herr Liebgraf sah ihn erstaunt an. Dann lachte er. „Darüber können wir später diskutieren. Erst gilt es eine Welt zu retten!“ Plötzlich erstrahlte ein Licht. Sie wurden geblendet. Dan schreckte auf und verlor das Gleichgewicht. Im Durcheinander um den Drachen hatte er sich nach vorne gewagt, auf den Platz über den das Skelett wie ein kuppelartiges Gebilde ragte. Als er sich mit seiner kleinen Taschenlampe neugierig umgesehen hatte – war plötzlich dieses Licht erstrahlt. Eine kleine Lichtkugel schwebte in der Mitte und tauchte den kleinen Fleck, auf dem das Skelett sich ausbreitete in Licht. Jetzt kam das ganze Ausmaß des Drachen zum Vorschein. Er war riesig! Die Wirbelsäule spaltete sich unter dem Hals und zwei Flügelknochen ragten heraus. Die Hinterläufe erstreckten sich mitsamt dem mächtigen Schwanz weiter nach hinten, wo das Licht schwächer wurde. „So etwas gibt es eigentlich nicht! Ein Wirbeltier mit mehr als vier Gliedern!“, stieß Herr Liebgraf weiter heraus. „Das ist doch jetzt egal! Was ist das für ein Licht!“, fragte Vivi. „Dan! Was hast du wieder angestellt!“ „Gar nichts!“, verteidigte sich Dan. „Gar nichts habe ich gemacht!“ Die Anwesenden versammelten sich um das Licht. „Was glaubt ihr was das ist?“, fragte Alexa zitternd. Nicht nur aus reiner Nervosität, es war auch bitterkalt hier unten. Benny, der das Schwert wieder an sich genommen hatte, hob die Spitze. „Ich weiß es nicht. Aber wir müssen das herausfinden!“ Er tauchte die Metallspitze in die Lichtkugel. Plötzlich erklang eine helle Stimme, die alle zusammenfahren ließ: „Seid gegrüßt! Endlich habt ihr euch hier einbefunden, im Denkmal der Zitadelle der Zeit!“ „Wer bist du?“, fragte Vivi. „Habt Geduld! Erst – tritt näher junger Nachkomme des Helden des Windes und erwecke die Magie, die hier ruht.“ „Hey! Sag mal rede ich chinesisch? Wir machen gar nichts ohne zu wissen wer was von uns will!“ „Vivi, halt die Klappe!“, zischte Dan. „Wer ist dieser Nachfahre?“, fragte Alexa überrascht. „Wir haben hier nur den Nachfahren des Helden der Zeit!“ „Das stimmt nicht.“, entgegnete die körperlose Stimme. „Der Nachfahre weiß nur nichts davon. Bitte, erwecke die Magie, die hier ruht mit dem Lied des Windes und eure Fragen werden beantwortet. Schnell! Die Zeit drängt!“ „Welches Lied?“, fragte Herr Liebgraf. „What it talk about?“, fragte Herr Stone. In der Hoffnung er könnte es wissen wandte Herr Liebgraf sich ihm zu. Doch Herr Stone zuckte nur mit den Achseln. Er wisse zwar von einem Lied, das dem Helden des Windes ermöglicht hatte den Wind zu kontrollieren, aber die Melodie sei nicht überliefert worden. Auch die anderen waren ratlos. Was sollten sie tun? Wovon sprach diese Stimme? Nur Vivi! Die wurde ganz nachdenklich. „Was ist, Vivi?“, fragte Alexa.
Doch Vivi wandte sich gleich an ihren Bruder. „Was summst du immer, wenn du an deinem Mottorad rumbastelst? Oder unter der Dusche?“ Dan lief knallrot an. „Äh…ach das…das ist nur so…so was mir durch den Kopf geht. Das gehört hier nicht her!“ Herr Liebgraf begriff worauf Vivi hinaus wollte. „Du glaubst eure Familie stammt vom Helden des Windes ab?“ „Entweder unsere oder eure oder Herr Stone. Aber ich glaube Herr Stone entfällt, weil die Stimme uns in unserer Sprache und nicht seiner angesprochen hat.“ „Und einer von uns kennt das Lied? Einfach so?“, mischte sich auch Alexa ein. „Der Held des Windes war unbedeutend, vielleicht sogar so sehr, dass in seiner eigenen Familie seine Geschichte in Vergessenheit geraten ist. Nur das Lied ist vielleicht unbewusst weitergegeben worden. Vielleicht hat es unsere Mutter uns vorgesungen, oder deine Frau hat es Alexa vorgesungen als sie noch klein war. Jedenfalls vielleicht.“ „Also meine Mutter war es nicht. Die hat mir nur Märchen vorgelesen.“, meinte Alexa übellaunig, weil sie an den hässlichen Tag erinnert wurde, da sich ihre Eltern hatten scheiden lassen. „Eben! Dan was singst du immer unter der Dusche?“ „Hey! Jetzt reicht…“ „Ja genau! Ich will es auch wissen!“, kicherte Alexa. „Danilein, sing uns doch was vor!“ „Ich finde das nicht lustig!“ Vivi rollte die Augen. „Tu es einfach! Mach schon!“ „Äh…ich kann aber gar nicht singen!“
„Pfeif einfach!“, schlug Benny vor.
„Na gut! Aber ich habe euch gewarnt.“ Dan räusperte sich kräftig. „Aber wenn es nun doch nicht…“ „Dan!“, stießen Vivi, Alexa und Benny gleichzeitig hervor. Also begann Dan zu pfeifen. Das Lied, das er einmal aus Langeweile gesummt hatte, als er noch jung war. Ganz leise, im Matheunterricht. Danach war es ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Und je mehr er pfiff, desto mehr fiel von ihm ab und desto lauter wurde er. Und mit seiner Melodie nahm eine leichte Brise Einzug, in die sonst windstille Höhle. Und je lauter er wurde, desto stärker wurde er. Bis ihnen ihre Haare um die Ohren flogen. Und je stärker der Wind wurde, desto heller erstrahlte das Licht. „Was passiert hier?“, schrie Herr Liebgraf über den Wind hinweg. „Wird jetzt die Magie frei?“ „Ich glaube schon!“, antwortete Benny. „Ich spüre eine fremde Magie erwachen!“ Der Wind wurde zu stark. Sie wurden zurück geblasen, von der Lichtquelle. Selbst Dan war verstummt. Stattdessen hielt er sich eisern an einer Rippe fest. Auch Benny stemmte sich gegen den Wind, im Schutz der Knochen. Mit brennenden Augen sah er auf. Und erstarrte. „Vivi! Alexa!“ Die beiden Mädchen standen als einziges noch da und starrten ins Licht. Als könne ihnen der Wind nichts, als säßen sie im Auge des Tornados. „Kommt, meine Schwestern!“, sprach die Stimme. „Lasst uns unsere Kräfte vereinen!“ Vivi und Alexa waren wie in einem Bann gerissen. Das Licht über ihnen erstrahlte, wie ein Stern in der Dunkelheit. Es war so warm und so leicht. Ihre Stirn begann zu leuchten. Es war ein weißes Licht, das auf Vivis Stirn leuchtete und auf der Stirn Alexas. „Kommt!“ Wie Federn im Wind hoben sie vom Boden ab. Ihre Füße verloren den Halt. Die Kugel, um die sie schwebten, tauchte sie in ihr Licht und ihr ganzer Körper strahlte. Und begann sich zu färben. Die Anwesenden sahen wie gebannt zu. Sie starrten mit offenen Mündern. Es war ein atemberaubender Anblick. Vivis Körper erstrahlte in einem leuchtenden Grün und Alexas Körper in einem leuchtenden Rot. Sie drehten sich um die strahlende Kugel. Doch sie bildeten auch eine Lücke. Diese Lücke wurde gefüllt. Denn von dem weißen Licht löste sich eine kleine Lichtkugel in leuchtendem Blau. Sie gesellte sich zum Tanz der beiden Mädchen. Das Licht in Vivi und das in Alexa bündelte sich. In ihren Stirnen. Es wurde zu einem kleinen Dreieck inmitten der Stirn. Ein Grünes und ein Rotes. Dann sanken sie leicht zu Boden. Mit einem Schlag verschwand der Wind und mit ihm alle Magie. Die weiße Lichtkugel lag ruhig und friedlich da, ganz wie zuvor. Überhaupt war alles wie zuvor. Nur das blaue Lichtlein schwirrte verloren umher. „Vivi! Alexa!“, rief Benny aus und eilte zu ihnen. „Geht es euch gut?“ Die beiden Mädchen sahen einander an. „Was war das gerade eben?“, fragte Alexa perplex. Auch Dan trat heran. „Woher sollen wir das wissen! Ihr wart es doch, die…die…“ Doch Vivi klatschte übermütig in die Hände. „Dann ist es also wahr? Wir stammen auch von einem Helden ab! Cool! Wir sind die Nachfahren eines berühmten Helden!“ Herr Liebgraf klopfte sich den aufgewirbelten Staub aus der Kleidung und schlug auch seinem Freund scherzhaft auf die Schulter. „It was fantastically!“, stieß Herr Stone hervor. Wie alle anderen konnte er seinen Augen kaum trauen. „Oh, yeah!“, stimmte Herr Liebgraf ein. Ehe er sich an die beiden Mädchen wandte. „Aber was ist das für ein Symbol auf eurer Stirn? Ein Dreieck?“ Gleichzeitig betasteten die Mädchen ihre Stirn. „Ich weiß nicht. Ich hatte plötzlich dieses Gefühl von Wärme und Glück. Ich musste einfach zu diesem Licht!“, versuchte Vivi sich zu erklären. „Genau!“, stimmte Alexa zu. „Aber ist nicht irgendwas jetzt anders? Ich meine, so eine Szene für nichts und wieder nichts? Das kann doch nicht sein!“, entgegnete Dan. „Vielleicht habt ihr tatsächlich die Magie in dieser heiligen Stätte erweckt!“, überlegte Herr Liebgraf. „Wir sind nur nicht aufmerksam genug sie zu sehen.“ „Aber wo sind dann die Lichtpfeile? Sie müssen hier irgendwo sein!“, erinnerte Benny sie an den Grund ihrer Expedition. Er hatte sein momentanes Ziel nicht vergessen – die Lichtpfeile. Die Gruppe verfiel wieder in ungeduldiges Schweigen. Jeder für sich überlegte. „Vielleicht“ Dan kratzte sich am Kinn. „Sind die Lichtpfeile hier drin!“ Er zeigte auf die strahlende Kugel, der Quelle, die ihnen Licht spendete. „In dieser komischen Kugel!“ „Die Lichtpfeile werdet ihr nicht finden! Sie sind nicht von Menschenhand geschaffen sondern aus der Magie der Erde entstanden. Folglich sind sie zerstört worden. Es gibt sie nicht!“ Überrascht von der fremden Stimme fuhr die kleine Gruppe auf und suchte nach dem Ursprung. Nur Benny nicht. Seine Finger legten sich noch fester um den Schwertgriff und sein Gesicht nahm eine ungesunde Farbe an. Denn er hatte die Stimme erkannt. „Zeig dich, du…du…“
Die Stimme lachte.
Dann trat die Gestalt aus dem Schatten ins Licht. „Du solltest lieber deine schwachen Nerven schonen, Benny!“, sagte Kim gehässig. Die anderen erschraken, ob des Unbekannten, der wie aus dem Nichts erschienen war. „Halt die Klappe!“, schrie Benny, mit zitternden Händen und wutverzerrtem Gesicht hob er das Schwert über seinen Kopf. „Ich bringe dich um!“ Mit einem Kampfesschrei stürzte Benny nach vorne, auf ihn zu. Entschlossen zuzuschlagen, komme was da wolle! Und wenn er selbst dabei draufging! Aber Kim wich nicht einen Millimeter. Er blieb gelangweilt stehen, erwartete ihn regelrecht. Das entging Benny nicht und er bereitete sich auf einen mächtigen Gegenschlag vor, aber den Angriff brach er niemals ab! Schließlich hatte er nicht mit dem rechnen können, was tatsächlich geschah. Sein gesamtes Gewicht steckte Benny in den Angriff und war bereit zuzuschlagen. Doch stattdessen – fiel er einfach durch Kim hindurch. Wie durch Luft. Davon wurde Benny so überrascht, dass er sein Gleichgewicht verlor und sein eigener Schwung ihn zu Boden riss, über den er noch einige Meter purzelte, mitsamt seinem Schwert. Natürlich hatten es auch die Anderen mitbekommen. „Ein Hologramm!“, sagte Herr Liebgraf verblüfft. Ermutigt von der Tatsache, dass der Feind nur ein Abziehbild war und nicht echt anwesend, hob Vivi drohend die Faust. „Du bist also dieser Kim? Genieß deine Zeit als Bösewicht solange du noch kannst! Denn schon bald werden wir dir kräftig in den Hintern treten!“ Kim verzog herablassend eine Miene. „Ganz schön frech für ein so unbedeutendes Gör!“ Er hob die Hand in ihre Richtung. „Aber ich verzeihe dir, du wirst genug Zeit haben es zu bereuen – wenn ich euch erst getötet habe!“ Die Gruppe atmete entsetzt auf. Aus Kims Hand schoss ein Strudel aus dunkelvioletter Magie. Der Wind blies auf und die Magie brannte auf ihrer Haut. Und auf der der anderen. Allesamt fielen sie auf die Knie und schrieen. Es war so heiß. „Nein!“, schrie auch Benny. Er packte das Schwert und sprang auf die Beine. Wie sollte er Kim aufhalten? Wenn er ihn nicht berühren konnte? Und ein magisches Schild aufzubauen nützte auch nichts, die Magie Kims war zu stark, sie würde seinen Schild mühelos durchbrechen. Benny konnte nichts tun, nur zusehen wie seine Freunde starben. Jäh schoss die leuchtende blaue Kugel zwischen Kim und der Gruppe. Ihr Licht erstrahlte und das Blau umschloss sie schützend, wie eine Barriere. So mächtig, dass Kims Magie sie nicht durchdringen konnte, sondern nur daran abprallte. Kim ließ es geschehen, obwohl er den Schild hätte brechen können. Also war nun auch die Dritte erschienen – und diese konnte mit ihrer Magie umgehen. Sicher er war mächtiger, auch als Diese. Er war gar nicht gekommen um irgendjemanden zu töten. Er hatte sich nur vergewissern wollen, ob hier wirklich die Dritte geruht hatte. Es war nicht nötig sich die Hände schmutzig zu machen, nicht mehr. So oder so – Benny hatte keine Chance! Trotzdem, er konnte es sich nicht erlauben durchschaut zu werden. Kim zog seine Hand zurück. „Was fällt dir ein? Wer bist du?“ Auch der Schild verschwand. Und das Licht formte sich, nahm Gestalt an. Zu einem Mädchen. Ein Mädchen mit lockigem blauem Haar und in einem weißen Kleid. Ein blaues Dreieck leuchtete auf ihrer Stirn. „Oh, Ihr kennt mich, junger Großmeister des Bösen. Wir sind uns bereits einmal begegnet!“, sprach das Mädchen mit ihrer hellen Stimme. Misstrauisch musterte Kim sie. „Ja, jetzt erinnere ich mich.“ „Verzeiht meine Unhöflichkeit, aber ich muss Euch auffordern augenblicklich zu gehen! Diese heiligen Hallen sind dem Bösen verwehrt!“, setzte das Mädchen nachdrücklich hinzu. Kim lachte. „Ich werde hinausgeworfen?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber eines solltet ihr wissen!“ Drei Finger hob er in die Höhe. „Drei Tage habt ihr um euch von eurem Leben zu verabschieden!“ Mit diesen Worten war das Hologramm verschwunden. Das blaue Mädchen atmete tief durch. Es schien anstrengend für sie gewesen zu sein. Die Gruppe rappelte sich wieder auf. „Du bist das blaue Mädchen!“, stieß Alexa erstaunt heraus. Das Mädchen drehte sich zu ihr um und lächelte. „Es freut mich euch endlich kennen zu lernen, Schwestern!“ „Aber wer bist du?“, fragte Benny und trat auf sie zu. Strahlend vor Glück verbeugte sich das blaue Mädchen. „Mein Name ist Navi!“ „Navi?“ Benny konnte es nicht fassen. „Du bist…Links kleine Fee? Aber das kann doch nicht sein! Du bist tot!“ „Doch, die bin ich.“, lächelte das Mädchen. „Ich war so gut wie tot, denn ich war zwischen den Zeiten gefangen und konnte nicht in die Welt zurückkehren. Doch du“ Damit wandte sie sich an Dan. „der jüngste männliche Nachkomme des Helden des Windes, hast es mir ermöglicht wiedergeboren zu werden. Als eine der drei Weisen – die Weise der Weisheit!“ „Ei…eine Weise?“, wiederholte Dan verständnislos. „Eine der drei Weisen!“ Sie packte Vivi und Alexa bei der Hand. „Und ihr seid die anderen Beiden! Alexandra, die Weise der Kraft und Viktoria, die Weise des Mutes!“ „Wir sind Weise?“, fragte Vivi überwältigt. Navi nickte. „Wir müssen der Göttin helfen! Unbedingt! Aber zuerst müssen wir dem Masterschwert die Macht zurückgeben das Böse vom Antlitz der Welt zu verbannen!“ „A…aber wie sollen wir das denn machen? Nur weil du weißt wie man das macht heißt das nicht, dass wir das können!“, entgegnete Alexa. „Ihr könnt es!“, versicherte Navi. „Ihr wisst es noch nicht, aber ihr könnt es! Bitte, Held der Zeit, komm her und halte das heilige Schwert vor dir und wir legen unsere Hände auf deine, damit unsere Kraft auf dein Schwert übergehen kann!“ Benny tat wie ihm geheißen und wartete ab. Aber Vivi und Alexa waren absolut nicht überzeugt. „Bitte! Glaubt an euch! Wir sind auserwählt worden dem Held der Zeit zu helfen!“ Vivi sprang auf. „Du hast Recht, Navi! Wir haben nur noch drei Tage! Wir sollten es versuchen!“ Sie legte Benny ihre Hand auf die seine. „Na schön! Lieber klappt es nicht als wenn ich mich von dem töten lasse!“, entschloss sich auch Alexa und legte ihre Hand auf Bennys andere Hand. Navi, die neue Hoffnung geschöpft hatte, legte als letztes ihre Hand auf Bennys. Es passierte rein gar nichts. Benny kam sich so albern vor. Gerade eben hatte er gedacht er könnte Kim besiegen, weil er die Lichtpfeile erhalten würde. Dann hatte er gedacht er könnte Kim besiegen, weil Navi so überzeugend reden konnte. Aber jetzt? Plötzlich durchströmte ihn eine seltsame Wärme. Als hebe er gleich vom Boden ab. Das Triforcewappen des Schwertes leuchtete auf. „Göttinnen, wir rufen euch!“, betete Navi. Es war als ginge ein Licht in ihren Köpfen auf. Gemeinsam, wie mit einer Stimme, beteten sie alle drei weiter. „Schenkt dem Helden der Zeit eure Kraft, damit das Böse für immer vom Antlitz der Welt verbannt wird!“ Ein leichtes Vibrieren, die Klinge leuchtete auf. Dieses Leuchten, Benny spürte es, wie es in ihm aufging. Benny merkte es nicht, aber der schwarze Strich in seinem Gesicht wurde allmählich geläutert. Er verschwand keineswegs, doch er verlor ein wenig an Kraft. Hauchdünner schwarzer Dampf stieg davon auf und der Strich wurde kleiner. Plötzlich durchdrang ihn das Licht nicht nur, es formte sich, wie zu einem Panzer, einer Rüstung für ihn. Doch nur einen kleinen Augenblick, kaum erkennbar. Dann war es ganz erloschen. Die Lichtkugel, die über ihren Köpfen geschwebt hatte, senkte sich nur auf das Schwert herab. Es umschloss die leuchtende Klinge und wurde hart und glänzend. Eine Scheide für das Masterschwert. Es war aus blaugefärbtem Metall, bespickt mit goldenen Verziehrungen und eingegossenen Saphiren. Dann war der Zauber verflogen, die Gebete vollbracht. Und um diesen Schluss zu vervollständigen – rutschte Benny die Hose hinunter. Doch er hatte gar keine Zeit rot vor Scham zu werden. Denn in diesem Augenblick erlosch das Licht und es war wieder stockdunkel in der Höhle…

Sie war in ihrem Haus. Lin war wieder zu Hause. In diesem Trugbild ihres Hauses. An ihrem Schreibtisch. Vor ihr das Mathebuch ausgebreitet. Ohne jedes Zögern, als wäre es ganz normal, was schon lang nicht mehr der Fall war, schlug sie es zu und erhob sich. Ganz sicher war Ganon irgendwo im Haus. In der Küche vermutete sie ihn als erstes, aber, es war unglaublich, da war er nicht! Der Kühlschrank schien gar unangetastet! Stirnrunzelnd durchsuchte sie das ganze Haus. Nichts. Lin merkte erstmals wie erschöpft sie war. Der ganze Wirbel und erst recht der rasch anschwellende Bauch! Wahnsinnige Schmerzen durchdrangen sie wenn sie wach war. Und wenn sie schlief war sie unruhig. Sie wollte nur noch Ruhe. Stille. Orangerote Sonnenstrahlen durchdrangen das Wohnzimmerfenster. Die Sonne ging unter. Bewusst hatten sie sich ein Haus auf dieser Straßenseite ausgesucht. Denn hier lag der Garten im Westen. Nachmittags wärmte die Sonne und abends konnten sie den Sonnenuntergang genießen. Großvater hatte das immer geliebt. Während sie seinen Geschichten über den Helden der Zeit gelauscht hatten. Lautlos öffnete sie die weiße Verandatür. Und trat hinaus auf die gepflasterte Veranda. Es war so schön warm, dass sie die Augen schloss und sich ihr Haar vom Winde aufbrausen ließ. „Ach ja! Den Sonnenuntergang können sogar Feinde gemeinsam genießen.“, seufzte da jemand. Lin wandte sich um. Auf dem alten Liegestuhl aus Holz lag er. Schwerfällig. Mit geschlossenen Augen. „Der Sonnenuntergang ist immer das Schönste in der Wüste gewesen! Auch der Sonnenaufgang hat etwas, aber es ist kein Vergleich zum Sonnenuntergang! Wenn der Sand abkühlt, noch heiß, aber man kann bereits barfüßig darauf laufen. Wenn die Sonne an Kraft verliert und die kühlen Winde die Hitze verdrängen ohne einen frösteln zu lassen.“ Lin biss auf ihrer Unterlippe herum. Sie rang mit sich. „Ich…“, begann sie mit ihrem Satz. „Ich muss mit dir reden!“ „Nein, das musst du nicht.“, unterbrach sie Ganon. „Es ist alles gesagt worden was es zu sagen gab. Das ist unser letztes Beisammensein. Nun bin ich bald für immer verschwunden, da will ich nicht reden. Mach einfach die Augen zu und genieße den Sonnenuntergang…“ Sie tat wie ihr geheißen. Dann redete Ganon doch. „Eine Frage ist noch nicht geklärt, das stimmt. Du möchtest wissen warum gerade du ausgewählt worden bist.“ Er legte die Arme hinter den Kopf. „Ich werde dir nun zeigen, was in jener Nacht geschah von dem du nichts weißt…“ Nachdem der Großmeister des Bösen gefallen war, der Held der Zeit in die Vergangenheit zurückkehren wollte, das Siegel aber brach, als der König der Gerudos den Erretter Hyrules gefangen genommen hatte und sich das Land erneut in Finsternis hüllte, schwebte die schwarze Burg von neuem und dennoch in alter Pracht über dem tobenden Lavasee, im Zentrum des Reiches und doch abgeschirmt von allen Feinden. Und er war mit Ashanti zurückgekehrt… Die Nacht brach inzwischen herein und die ersten Sterne stahlen sich aufs Firmament. Kim stand vor dem Fenster, mit einem dicken, aufgeschlagenen Buch in der Hand. Aber er las nicht darin. Keineswegs. Wieder riss er eine Seite heraus und knüllte sie zusammen. Er streckte die Hand aus und öffnete sie. Das Papier flog nach unten, in die Tiefe, und er beobachtete den sachten Fall. Und wie das Pergament verglomm noch ehe es die heiße Flüssigkeit überhaupt berührte. Gelangweilt wiederholte er das Spiel. Gerade streckte er den Arm zum Fenster hinaus. „Findest du es gut Gegenstände von solchem Wert zu vernichten?“ Die Tür fiel in die Angeln. Er hatte Ganon ins Zimmer kommen hören. „Es ist mir egal!“, entgegnete er trotzig. „Wenn du die Hand öffnest werde ich dich bestrafen!“ Kim wandte ihm den Kopf zu. Sein ausgestreckter Arm zitterte für einen Augenblick, dann öffnete er sowohl die Hand als auch warf er das ganze Buch mit voller Wucht hinterher. Kim hatte nicht die Zeit sich zu verteidigen, geschweige denn auszuweichen. Er spürte eine Hand, die ihn packte und gegen die Wand schleuderte. Er spürte einen Schlag, der ihn zu Boden riss, seine linke Wange brannte. Aus seiner Nase quoll Blut und im Mund hatte er einen ekligen Geschmack. „Solange ich am Leben bin, befolgst du jeden meiner Befehle, jeden!“ „Ich bete jeden Tag, es möge nicht mehr lange dauern!“, entgegnete Kim und hielt sich die Hand unters Kinn, weil er beim Reden Blut spuckte. Ganon ging darauf nicht ein. „Komm mit!“ Nur äußerst widerwillig folgte Kim ihm durch die dunklen Gänge. Sie waren am Tag genauso dunkel wie bei Nacht, sie schienen das Licht regelrecht zu absorbieren. Sie gelangten in einen kleinen Raum, der von vielen Fackeln an den Wänden erleuchtet wurde. In der Mitte stand eine Schlangenkopffigur. In ihrem Maul trug sie eine glänzende Fläche. „Ein Spiegel.“, stellte Kim unbeeindruckt fest. „Und?“ „Hast du unseren Plan schon vergessen? Es fehlt noch – die Frau!“ Kim rollte die Augen. „Na und? Irgendeine lässt sich schon finden.“ „Rede nicht so naiv! Wir suchen kein gewöhnliches Mädchen!“ Kim verschränkte die Arme vor der Brust. „Na gut! Und du meinst es bringt etwas wenn wir hier herumstehen und in einen Spiegel starren? Während sie da draußen rumläuft?“ Nun grinste Ganon breit. „Wer sagt denn, dass sie hier herumläuft? Schließlich wirst du deine Aufgabe auch nicht in dieser Zeit erfüllen!“ Kim fiel die Kinnlade herunter. „Du meinst das Mädchen kommt…und wir…“ „…werfen einen Blick in die Zukunft!“, beendete Ganon den Satz. Kim nickte und stellte sich vor den Spiegel, Ganon hinter ihm, damit sie beide genug Platz hatten. Sie sahen ihre eigenen Spiegelbilder. Ganon zeigte mit dem Finger auf einen Punkt der glatten Fläche und sprach einen Vers in der alten Sprache. Dort wo sein Finger hindeutete geriet sie in Bewegung. Die Wellen breiteten sich über den Spiegel aus, wie wenn man einen Stein ins Wasser warf. Die Spiegelbilder verschwanden und an ihre Stelle traten andere Bilder. Formen von hohen, gigantischen Häusern, von fahrenden Autos mit Schweinwerfern, von Schaufenstern mit allen möglichen Gegenständen und vielen weiteren Dingen. Alles durch moderne Spiegel, Fenster, ja sogar durch Wasserpfützen. Die Zukunft war beeindruckend und interessant und so neu! Es war fast unmöglich sich ein Leben dort vorstellen zu können. Ganon legte seinem Sohn die Hand auf den Kopf und flüsterte dicht an seinem Ohr: „Und nun – schlaf!“ Schon spürte Kim wie die Müdigkeit ihn übermannte. Seine Knie zitterten und seine Lieder wurden schwer. „Warum lässt du mich jetzt…“ Weg war er. Bevor er nach vorne fallen konnte, fing Ganon ihn und lehnte ihn an seinen eigenen Körper. Er hielt Kims Kopf gerade. „Wir werden jetzt die Frau suchen, die die Ehre hat, dein Kind austragen zu dürfen.“, lachte Ganon. „Die Welt ist groß, aber wir haben Zeit. Also wähle weise, mein Sohn!“ Die Flammen im Saal färbten sich reinblau und es wurde kalt. Ganon konnte seinen Atem sehen. Die Magie seines Sohnes war aktiv. Und schon erschien im Spiegel ein Zimmer. Auf dem Bett lag ein junges Mädchen, in Kims Alter, das ohne Arg ein Buch las. Keine Reaktion! Das Bild verschwamm und ein anderer Raum erschien. Ein Mädchen saß auf einer Couch und küsste sich mit einem Jungen. Wieder keine Reaktion! Ein neues Zimmer entstand. Ein Mädchen starrte sich im Spiegel an und fuhr sich mit einem Stift über die Lippen, der rosa Farbe darauf hinterließ. Noch immer keine Reaktion! Ein noch größerer Raum entstand und in diesem versammelten sich gar haufenweise junger Leute, die saßen und tranken und sich zu lauter Musik unterhielten. Viele Mädchen standen zur Auswahl, doch es gab keine Reaktion. Dann wieder erschien ein weiteres Zimmer, in dem zwei sich sehr ähnlich aussehende Mädchen befanden und die auf dem Bett tanzten und laut dazu sangen. Doch nichts geschah! So vergingen etliche Stunden, ohne Erfolg! Aber Ganon wollte – durfte – unter keinen Umständen aufgeben. Ihm entwich ein verzweifeltes Seufzen, als schon das unzähligste Bild verschwand, auf das es nicht die geringste Reaktion gegeben hatte. Es war wirklich zum Verzweifeln! Es konnte noch Jahre so weitergehen! Nein, Jahre sicher nicht, dass redete er sich nur ein, weil er die Geduld verloren hatte. Sie hatten ja noch viel Zeit, also konnten sie sich auch Zeit lassen. Es war ermüdend, doch notwendig! Es gab eben mal nur ein einziges Mädchen, das auserwählt werden konnte! Aber…vielleicht war es genug für heute… Ein nächster Blick gab sich frei und wäre er nicht höchst merkwürdig gewesen, so hätte Ganon führ heute aufgegeben. Und vielleicht hätte er sie dann nie gefunden… Es war eine kleine dunkle Küche. Ein Schatten bewegte sich und ein Geräusch von plätschernder Flüssigkeit war zu vernehmen. Die Gestalt lief auf sie zu und wandte sich zur Tür. Zuerst hielt Ganon sie für einen Jungen, denn der große, dicke Pullover versteckte die Weiblichkeit. Doch es war ein Mädchen, ihr weicher Gang verriet es. Mit einem Glas in der Hand bemerkte sie den Spiegel und stellte sich davor. Sie hatte feine weibliche Züge und Augen von dunklem Blau und langes blondes Haar. Ein sehr hübsches Gesicht. „Sehen meine Haare schrecklich aus!“, stöhnte das Mädchen und zupfte mit der freien Hand an einer Strähne herum. Plötzlich öffnete Kim die Augen. Sie leuchteten auf. Ganon war sicher, dass er nicht wach war, dass nur die Macht in ihm nun endlich reagierte. Also hatte sie gewählt! Er richtete sich auf und trat einen Schritt auf den Spiegel zu. Noch immer blickte er auf das Mädchen, seine Augen schienen selbst die Luft zu durchschneiden. Die Flammen schossen in die Höhe und brannten bis zur Decke. Ein Wind fegte durch den Saal und ließ Haar und Kleidung wehen. Und in diesem Augenblick erstarrte das Mädchen auf der anderen Seite. Das Glas fiel ihr aus der Hand und zerschellte klirrend auf dem Fließen. Sie starrte Kim angsterfüllt in die Augen. Seine wurden rot, leuchtend rot, und seine Pupillen verengten sich noch mehr. An den Wänden zerplatzten einzelne der aufgeschichteten Steine. Der Staub rieselte. Ganon konnte es nicht vermeiden, ein kalter Schauder lief ihm über den Rücken. Die Lieder des Mädchens sanken bis zur Hälfte herab und die Augen wurden leer. Sie war in Trance, sie stand unter Kims absoluter Kontrolle. Kim streckte den Arm aus und legte die Handfläche auf den Spiegel. Sofort hob auch das Mädchen die Hand, als ob sie erwartete, dass er ihr etwas überreichte. Was Ganon dann sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Er hatte gewusst, dass die Macht seines Sohnes gigantisch war, doch nicht, dass er in der Lage war selbst Raum und Zeit zu durchbrechen! Erst durchdrangen die Finger den Spiegel, dann die ganze Hand. Das Mädchen nahm die Hand entgegen und umschloss sie mit den ihren. Seine Augen strahlten intensiver. Sie fiel auf die Knie und küsste seine Hand. „Mein König…“, wisperte das Mädchen. Er legte ihr die Hand auf die Wange und sie sah hoch zu ihm. Ihre Hände fielen schlaff in den Schoß – Dann entstand der Sog! Blitzschnell zog er die Hand zurück. Seine Iris geriet in Bewegung und färbte sich wieder gelblich. Dann war die Magie verschwunden und er verfiel in wirklichem Schlaf… Lin sprang auf die Füße und riss die Augen auf. Sie konnte sich nur an gelbe Augen im Spiegel erinnern. Panisch sah sie nach hinten, da war nichts. Sie drehte sich wieder zum Spiegel, aber nichts… Mit einem Schlag erwachte Kim. Er atmete schnell und stoßweise. Sein Blick irrte umher, bis er feststellte, dass er am Boden lag. Ganon stand über ihm und starrte in den Spiegel, der kein Spiegel mehr war. Ein Loch war ins Netz der Zeit gerissen worden. Ein Portal in die Zukunft. In seinem Kopf pochte es wie wild, als er sich aufsetzte. „Was ist passiert?“, murmelte Kim. Er konnte sich an rein gar nichts mehr erinnern. Doch Ganon rieb sich vergnügt die Hände. „Dass es so leicht ist hätte ich mir gar nicht erträumen können!“ Mit gefährlich schwankenden Knien erhob sich Kim ganz. „Was meinst du? Was ist hier los, Meister?“ Er war vollkommen irritiert. Nun wandte Ganon sich an ihn. „Es gibt ein paar Planänderungen. Geh in dein Zimmer und schau aus dem Fenster!“ Kim, so wie er es sich angelernt hatte, wurde sofort misstrauisch. „Warum?“ „Frag nicht! Tu einfach was ich sage. Schon bald wird etwas geschehen und das solltest du unter keinen Umständen verpassen!“ „Werde ich nicht eingeweiht?“ „Nein.“, winkte Ganon ab. „Zumindest jetzt noch nicht.“ Lustlos zuckte Kim die Achseln und verließ den Raum. Es hatte keinen Sinn zu Trotzen, das hatte bei Ganon noch nie einen Sinn gehabt. Gähnend machte er sich auf den Weg ins oberste Zimmer. Eigentlich konnte er sich noch ein wenig hinlegen. Er fühlte sich plötzlich so müde. Ein Schrei ließ ihn aufhorchen. „Versammelt euch, Männer!“, brüllte Karos. Dann hörte er lautes Getrampel der Skelett-Krieger. Kim konnte Karos nicht ausstehen, zumal Karos nichts weiter war als ein zum Leben erweckter Knochenrest eines toten Menschen! Und die anderen Monster, von denen die Burg verseucht war, auch nicht. Ihm waren die Gerudos in ihrer Festung lieber, als eine rabenschwarze Burg mit Monstern. Weil er seiner Abscheu Luft verschaffen wollte stellte sich Kim einfach in den Weg und blieb mitten im Gang stehen, als die Krieger angerannt kamen. Karos führte die Stalfostruppe an, die gerade zu einem Einsatz gerufen worden war. Wozu, das wusste keiner, nur Ganon. Doch als sie Kim bemerkten und sahen, wie er absichtlich den Weg versperrte, da verstummten sie und blieben stehen. Unsicher warteten sie ab. Karos starrte ihn mit seinen roten Augen an. Kim hielt dem Blick locker stand. Und Karos blieb nichts anderes übrig als nachzugeben. Er winkte nach hinten. „Nehmt den anderen Gang!“, befahl er. Seine Leute gehorchten ohne Murren. Denn in ihren Köpfen war es leer und hohl. Sie waren nur dazu da Befehlen zu gehorchen. Karos jedoch hatte einen eigenen Willen bekommen um als Oberkommandant zu fungieren. Seine Wut unterdrückend zischte er: „Wenn du nicht der Sohn des Herrn wärst, ich würde dir auf der Stelle den Kopf von den Schultern schlagen!“ „Und wenn ich nur aus Hundefutter bestünde, würde ich mein Maul nicht so aufreißen!“, gab Kim arrogant zurück und schritt einfach an Karos vorbei, ihm den Rücken zuwendend. Um ihn zu demütigen. Er konnte riechen wie wütend Karos war und fast schon spüren, wie die Knochenhand auf dem Schwertgriff ruhte und zitterte. Wie sie das Schwert am liebsten benutzen würde. Kim war äußerst amüsiert. Erheitert betrat er sein Zimmer und verschanzte sich vor dem Fenster. Er war ja sehr gespannt darauf was da geschehen werde, dass er es sich nicht erlauben konnte es zu verpassen. Aber etwas Interessantes musste es schon sein, sonst würde Ganon nicht eine ganze handvoll von kostbaren Stalfosen schicken, wo es doch so viele unbedeutende und verzichtbare Echsenkrieger, Wolfsheimer, Irrlichter und andere Sorten an Ungeziefer gab…


„Das tut guuuuuuuuut!“, seufzte Navi. Navi war über einen vollen Teller gebeugt, mit Nudeln und Bolognesesauce. Sie waren wieder zurück in Herrn Stones Villa und hatten sich ausgeruht und gegessen. Beziehungsweise, Navi aß noch immer. Ihr sechster Teller. Die anderen konnten nicht anders als zu staunen. „Ah, herrlich! Ich hatte schon eine ganze Weile dieses komische Gefühl und habe es nicht losbekommen. Aber jetzt, wo ich das hier in mich aufnehme…endlich geht dieses unangenehme Gefühl weg!“ Alexa musterte sie auf eine Weise, die ihre wahren Gedanken verrieten. „Das nennt man Hunger. Und weil du jetzt isst befriedigst du dieses Gefühl. Wir müssen essen, sonst sterben wir!“ „Achso?“ Nun staunte Navi. „Ach darum! Darum musste sich Link immer irgendwas in den Mund stopften. Und ich Dummerchen habe ihn ständig getadelt, weil er so trödelte.“ Vivi ließ ihre Hand vor dem Gesicht winken, um allen zu verdeutlichen was sie von Navi hielt. „Wisst ihr“, fuhr Navi fröhlich fort. „Ich bin eine Fee gewesen, Feen brauchen das alles nicht. Sie essen nicht, sie trinken nicht, sie schlafen nicht. Aber jetzt bin ich ein Mensch. Ach, es ist so schwer ein Mensch zu sein! So viel laufen! Früher bin ich nur geflogen. Es ist schlimm so an die Erde gebunden zu sein!“ Die Anwesenden sahen ihr interessiert zu, mit aufgerissenen Augen. Nur Benny saß am anderen Ende des langen Tisches. Das Schwert in der Scheide vor ihm, musterte er es und strich mit den Fingerspitzen über die Verziehrungen aus reinem Gold. Vivi gesellte sich zu ihm, er saß so einsam da. „He, Benny? Geht’s dir gut?“ Benny sah auf. „Äh? Ach, jaja, mir geht’s gut.“ Vivi fixierte ihn ganz genau. Mit zusammengekniffenen Augen. „Was?“, fragte er. „Sag mal, kann es sein, dass du jünger geworden bist?“, stellte sie erstaunt fest. „Du siehst jetzt aus als seihst du nur noch dreizehn. Außerdem ist der schwarze Strich kleiner geworden!“ „Echt?“, staunte Benny. Und wurde rot, als er an den Fall seiner Hose dachte. Na wenigstens nicht noch das darunter! Er hatte gleich, noch bevor Dan seine Taschenlampe herausgeholt hatte, seine Hose hochgezogen und den Gürtel enger gemacht. Jetzt schlabberten ihm die Kleider um den Leib. Vivi seufzte. „Jetzt sag schon, Benny! Was ist los? Was macht dir Sorgen?“ Benny legte die Arme auf den Tisch und bettete seinen Kopf darauf. „Drei Tage! Nur noch drei Tage, dann geht die Welt unter!“ „Vielleicht blufft er nur um uns Angst zu machen.“, schlug Vivi tröstend vor. „Das war kein Bluff! Er meint es ernst! Und wir haben immer noch keine Spur! Wir wissen nicht wo Kim ist! Was sollen…“ „Oh, ich weiß es!“, rief Navi ihnen über den Tisch zu. Beide erschraken darüber, sie hatten doch extra geflüstert. Navi hatte wirklich gute Ohren. „Du weißt wo er ist?“ Benny traute dem einfach nicht. So oft hatte er gedacht jetzt endlich den Hauptturm gefunden zu haben und genauso oft wurde er enttäuscht. „Nun ja, nicht genau, aber vielleicht hilft es dir weiter.“, verbesserte Navi sich. Benny rutschte auf den Tisch zurück. „Ach das hilft uns doch auch nicht!“ „Und wo glaubst du?“, hackte Dan nach. Navi riss die Serviette an sich und wischte sich den Mund ab. Dann hatte sie ein Gesicht aufgesetzt wie eine Geschäftsfrau. „Es gibt nur einen einzigen Ort, der infrage kommt! Schließlich braucht der Großmeister des Bösen einen Ort, der vor den Augen der Menschheit verborgen bleibt, an den man nicht gelangen kann!“ „Und der ist?“, fragte Alexa ungeduldig. „Jetzt mach es nicht so spannend!“ „Der Turm der Götter!“ „Der Turm der Götter?“, fragten alle im Chor. „Den gibt es noch?“ „Natürlich!“, bestätigte Navi. „Nachdem das Triforce, die Verbindung der Erde zu den Schöpferinnen, verschwunden war – schließlich war die Trägerin ja noch nicht geboren – musste ein anderes Symbol als Vermittlung dienen! Darum erschufen die Göttinnen den Götterturm. Dieser war zwar nur eine Stätte, die die Menschen besuchen konnten um dort zu beten und ihre Bitten vorzutragen und nicht um Macht zu erhalten wie bei der heiligen Reliquie, doch immerhin konnten die Menschen dort zu den Göttinnen beten. Und vor allem waren sie dort alle gleich und behütet vor allem Bösen! Die Stätte ist so heilig wie damals nur die Zitadelle der Zeit!“ „Und Kim soll sich dort aufhalten?“, fragte Benny skeptisch. „Ich bin mir sogar sehr sicher! Solange er dort ist kann ihn niemand aufspüren, denn die Magie in dem Turm der Götter schützt ihn vor allem. Sogar vor den Augen der mächtigsten Menschen! Darum auch habt ihr ihn noch nicht gefunden!“ „Aber du sagtest doch, dass der Turm erbaut wurde um die Menschen in ihm vor allem Bösen zu schützen!“, erinnerte Dan sie an ihre eigenen Worte. „Wie also sollte er in eine heilige Stätte eindringen, die eigens dafür geschaffen wurde ihn draußen zu halten?“ Traurig schüttelte Navi den Kopf. „Du vergisst eine Tatsache – die Göttin ist in seiner Gewalt!“ „Die Göttin?“, hauchte Vivi. Nun nickte Navi, ebenso traurig und niedergeschlagen. „Ja, richtig! Das Triforce ruht in ihr, sie ist das mächtigste Wesen dieser Welt! Natürlich konnte er sich durch sie Zugang zum Turm verschaffen! Durch sie konnte er auch die Welt mit seinen schwarzen Türmen besetzen und mit ihrer Hilfe wird er auch die Welt neu ordnen können!“ „NEIN! NIEMALS!“ Benny war aufgesprungen. „Lin würde das niemals zulassen! Sie würde Kim niemals helfen! Niemals! Sie ist eine von uns!“ „Natürlich ist sie das!“, beschwichtige Navi ihn. „Aber was spielt das für eine Rolle? Sie weiß nichts von ihrer Macht und so lange sie hilflos ist, ist ihre Macht dem Großmeister des Bösen völlig ausgeliefert. Er kann sie nach belieben gebrauchen – oder denkt ihr er hat die schwarzen Türme ganz alleine errichtet?“ Die Anwesenden sogen entsetzt die Luft ein. „Hat er nicht?“, stieß nun Herr Liebgraf hervor. „Nun, die Türme schon – aber nicht die Speicher!“, antwortete Navi. „Zu so etwas wäre der Großmeister des Bösen nicht in der Lage! Er kann keine Speicher herstellen, die so viel Magie in sich aufnehmen! Es gibt nichts, das unbegrenzt ist! Selbst die magischsten Wesen, wie wir Feen zum Beispiel, können nur eine bestimmte Menge an Magie in uns tragen. Und diese winzigen Plastikteilchen könnten schon gar keine Magie aufnehmen! Er muss zur Herstellung etwas von der Göttin benutzt haben, vielleicht ein Haar oder ein Blutstropfen. Der Leib der Göttin ist der Einzige, der unbegrenzt ist. Sie hat bereits die gesamte Magie der Erde in sich aufgenommen, sie könnte alle Magie aufsaugen! Und diese kleinen Speicher nehmen doch die ganze Magie auf, die der Turm als Strom von den Menschen stielt und in Magie umwandelt. Oder nicht?“ So langsam lichtete sich der Nebel und Benny wurde das ganze Ausmaß von Kims Plan bewusst. Laut schlug er mit der Faust auf den Tisch. „Dieser Blödmann! Wie kann er Lin nur…“ Vivi schlug noch lauter mit der Faust auf den Tisch. „Diese Schwuchtel!“ „Vivi!“ Auch Dan schlug auf den Tisch. „Ist doch wahr! Angeblich ist dieser Kim doch der Freund von Bennys Schwester, oder? Und jetzt missbraucht er ohne schlechten Gewissens ihre Kraft und das noch ohne dass sie etwas dagegen tun kann!“ „Aber wir wissen nicht wo dieser Turm der Götter liegt!“, führte Herr Liebgraf sie ins wichtigere Thema ein. „Wenn ich richtig verstanden habe, dann gibt es keine Möglichkeit diesen Turm zu orten. Weder mit der Karte noch mit Radar noch mit Satellit noch mit sonst etwas.“ Navi zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht wo der Turm liegt. Tut mir leid!“ „What is the topic?“, fragte Herr Stone. Herr Liebgraf sagte es ihm. Das brachte Herrn Stone ins Grübeln. Dann redete er mit seinem Freund. Herr Liebgraf wirkte erstaunt, eifrig fragte er nach und eine hitzige Diskussion war die Folge. „Was? Um was geht es?“, fragte Vivi ungeduldig. „Mein Freund hat mir soeben von dem Standpunkt des Turmes in der damaligen Zeit erzählt. Als die Welt noch zerschlagen war.“ „Und wo ist dieser Ort gewesen?“, fragte Dan. „Der Götterturm lag inmitten dreier Inseln, den Triangelinseln. Auf diesen kleinen Inseln waren drei Statuen, zu Ehren der Göttinnen. Sie bildeten ein perfektes gleichschenkliges Dreieck und in dessen Mitte erschien der Turm der Götter.“ „Ein gleichwas?“, fragte Benny verwirrt. „Aber was bringt das?“, fragte Vivi skeptisch. „Die Erde hat sich doch dann wieder zusammenge…“ Sie brach ab. Denn ihr war die Lösung eingefallen. Ebenso wie den anderen Anwesenden. Außer natürlich Navi, die von Geometrie evolutionsbedingt nichts verstand und Benny, dessen Schulstoff dieses Fach noch nicht beinhaltete. „Was? Was wolltest du sagen? Vivi, was denn?“, bohrte Benny nervös nach. Ihm gefiel es nicht, dass sich alle jetzt so intensiv anblickten, als führten sie ein telepatisches Gespräch, von dem er ausgeschlossen war. „Aber das ist doch undurchführbar!“, sagte Alexa laut ohne ihn zu beachten. „Es gäbe viel zu viele Möglichkeiten! Wir würden hundert Jahre brauchen um alle Koordinaten zu überprüfen! Wir wissen ja nicht einmal ob wir im Atlantik oder im Pazifik suchen müssen!“ „Wovon redet ihr?“, fragte Benny. „Da stimme ich Alexa zu.“, mischte sich auch Dan ein ohne ihn zu beachten. „Und wir wissen nicht von welchen Kontinenten wir ausgehen müssen.“ „Wir müssten einen Anhaltspunkt haben, nur ein einziger würde reichen.“, sagte Herr Liebgraf. „Verdammt noch mal! Ich will auch was verstehen!“, fluchte Benny laut. Von seinem Ausbruch überrascht wandte sich ihre Aufmerksamkeit nun ihm zu. „In Ordnung, Benny. Entschuldige, du weißt ja nicht was wir meinen.“, beschwichtigte Herr Liebgraf ihn. „Es geht um dieses gleichschenklige Dreieck. Gleichschenklig bedeutet, dass die Seiten des Dreiecks alle gleichlang sind. Und wir glauben nun, dass der Götterturm noch immer in einem solchen Dreieck ist, das die Kontinente über eines der beiden großen Meere miteinander bilden. Das Problem ist nur, wir könnten zwar dieses Dreieck von einem Computer berechnen lassen, nur gäbe es da zigtausende Dreiecke, die er ausspucken würde.“ „Aber wenn wir nur eine Spitze hätten, dann gäbe es wesentlich weniger Dreiecke, die infrage kämen.“, fuhr Dan fort. „Eine Spitze?“ Navi wurde hellhörig. „Von dem Dreieck um den Turm der Götter? Aber die haben wir doch schon!“ „Was?“, schoss es aus allen Mündern. Navi freute sich riesig, dass sie wieder weiterhelfen konnte. „Natürlich! Der Tempel in dem ihr mich gefunden habt! Obendrüber ist doch ein kleiner Schrein gebaut! Das ist ein Eckpunkt, ein Schrein der Weisen – genauer gesagt der Schrein der Weisheit! Jede einzelne von uns Weisen wird sich in ihrem Schrein befinden, wenn die Göttin uns ruft. Damit wir ihr helfen ein letztes Mal das Tor zum Hades zu öffnen. Diese Schreine waren einmal die Triangelinseln. Und sie änderten ihre Position auch nicht, sie wurden so verschoben, dass sie weiterhin ein Dreieck bildeten, damit die bedürftigen Menschen jederzeit den Turm der Götter finden konnten. Was jetzt natürlich nicht mehr geht. Jetzt muss erst der Zauber gebrochen werden, der ihn umgibt und ihn unsichtbar macht.“ Alexa packte sie an der Gurgel. „Und das sagst du uns erst jetzt?“ „E…entschuldigung, ich…ich…“ „Das ist doch jetzt egal! Wir müssen sofort herausfinden wo die anderen Schreine sind!“, sagte Dan. „Wir haben schließlich nur noch drei Tage und die nicht mal mehr ganz! Wir müssen die infrage kommenden Dreiecke finden und herausbekommen bei welchem Dreieck alle Spitzen eine Ruine oder einen Tempel oder so was aufweißen.“ Herr Liebgraf rieb sich die Hände. „Gebt mir und meinem Freund Herrn Stone drei Stunden! Wir werden alles organisieren, danach bringen wir euch drei zu euren Schreinen und dann brechen wir auf zum Turm der Götter!“ „Aber“, protestierte Vivi. „Wenn ich dann in diesem Schrein des Mutes warten muss, wie soll ich Benny da unterstützen? Ich will mit zum Götterturm!“ Doch Benny packte sie am Ärmel. „Nein, Vivi! Keiner geht mit – ich mache das allein!“ „Aber allein schaffst du das nicht!“ „Ich muss es versuchen! Nur ich kann ihn aufhalten, ich bin doch schließlich der Held der Zeit! Und du bist eine Weise! Wenn du mir helfen willst, dann musst du in dem Schrein sein und Lin helfen dieses Tor zu öffnen! So wie die Weisen es für Link getan haben!“ Vivi wollte noch einmal den Mund öffnen um Widerwort einzulegen, doch dann nickte sie resignierend. „Du hast Recht, Benny. Ich bin eine Weise und habe nur einen Nutzen, wenn ich meine Bestimmung erfülle.“

Nur noch drei Tage, schoss es ihm durch den Kopf. Er hatte es selbst gesagt. Immerhin, es war alles vorbereitet. Alles! Die Magie in den Speichern der Türme war gesammelt, die Türme zerstört. Die magischen Satelliten waren in der Umlaufbahn und bereits getestet, dass ihre Wellen ja auch den kleinsten Winkel des Planeten erreichen. Ja! Es war alles vorbereitet. Bis auf das Kind. Vielleicht waren drei Tage doch zu wenig? Was war, wenn diese Tage umgingen und Lin nicht gebar? Das konnte er sich nicht leisten, dann müsste er eingreifen und das wäre ihr sicherer Tod. Verzweifelt fuhr Kim sich durch die Haare. Es drängte alles, die Zeit lag ihm im Nacken. Noch dazu ging es Lin sehr schlecht. Die Ärztin, die er hatte schicken lassen, hatte ihm von ihrem Zustand berichtet. Aus törichtem Stolz, um sein Gesicht gegenüber seinen Untertanen zu wahren und aus Verletzung darüber, dass sie ihr Wort gebrochen hatte, hatte er Lin in den letzten Tagen nicht einmal besucht. Warum nur? Warum ging es ihr auf einmal so schlecht? Ihr Zustand war doch die ganze Zeit über stabil gewesen, aber seit ihrer Flucht, seitdem er sie zurück in ihr Zimmer gebracht hatte, war ihr Wohl drastisch gesunken. Kim saß in seinem Sessel, zusammengesunken, und starrte in Gedanken versunken auf den schwarzen Bildschirm. Es klopfte an der Tür. Er antwortete nicht. Er wollte allein sein. Dennoch ging sie auf und die Person trat herein. Ohne sich umzudrehen, zischte er wütend: „Du wagst es mich ohne meine Erlaubnis zu stören?“ „Verzeiht, Herr.“, erwiderte Raik unbeeindruckt. „Aber Erika schickt mich. Die Herrin wünscht Euch sehen zu dürfen!“ „Lin?“ Erstaunt drehte er sich doch um. „Es sei sehr dringend, sagte sie.“ Kim erhob sich. War es so weit? Er ahnte nichts Gutes. Deshalb machte er sich unverzüglich auf den Weg. In dem Stockwerk, in dem der Fahrstuhl hielt gab es keine Tür mehr. Darum war nur noch er in der Lage die Wand zu öffnen um einen Durchgang zu schaffen. Allein er entschied über Ein- und Ausgang der Leute im Raum. Die Wand wich, damit sie den Raum betreten konnten. Um das Bett standen erschöpfte und ebenso verzweifelte Frauen, die hin und her hetzten um Wasser oder wohlduftende Tücher oder sonstiges zu bringen. Im Bett, fast verschlungen von den Kissen und Decken, lag Lin so reglos, dass man meinte sie sei tot. Erika saß zu ihrer linken und hörte nicht auf ihr weinend die Stirn abzutupfen. Zu ihrer rechten war die Ärztin gerade dabei ihren Puls an der Halsschlagader zu messen. Mit Blick auf ihre Uhr. Als er, mit Raik hinter sich, das Zimmer betrat unterbrachen sich alle Anwesenden und verbeugten sich. Er ignorierte alle bis auf die Ärztin. „Wie geht es ihr?“, fragte Kim. Die Ärztin rückte ihre Brille gerade und sprach im geschäftlichen Tonfall. „Ich würde sagen, dass sie mit achtundvierzig Grad Fieber tot ist. Seltsamerweise ist sie das nicht. Ich kann nichts machen. Ich habe noch keinen Patienten gehabt, dessen Körpertemperatur über dreiundvierzig Grad hinausgegangen wäre.“ Kim winkte sie aus dem Weg und auch Erika, die es nicht mehr wagte in seiner Gegenwart auch nur den Mund zu öffnen. Er setzte sich aufs Bett. Lin atmete sehr schwer. Der Schweiß rann ihr am Gesicht hinunter. Ihre Wangen waren rot vor Schwäche, sonst war sie kreideweiß. Der Bauch stach aus der Decke heraus. Es wirkte, als gehöre er gar nicht zu ihr, so schnell war er gewachsen. Er war groß, wie der einer Schwangeren kurz vor der Geburt. Er strich ihr eine klebrige Haarsträhne von der Wange. Mühsam öffneten sich ihre Augen. „Kim…?“, hauchte ihre dünne Stimme. Er nahm ihre Hand in die seinen und küsste ihre Finger. „Verzeih mir, dass ich so gemein zu dir war. Wie geht es dir?“ Ihre Augen suchten seinen Blick. „Nicht gut. Ich kann nicht mehr!“ Sie wusste genau was sie zu tun hatte. Sie konnte einfach nicht mehr, darum musste es jetzt so weit sein. Ihr Körper konnte das Kind nicht mehr tragen, das spürte sie. Sanft legte sich ihre zweite Hand auf seine. Das Triforce glänzte leicht vor sich hin. Kim hatte gedacht, es wäre eine Geste der Zuneigung gewesen. Bis er merkte was da wirklich vor sich ging. „Was tust du da, Lin?“, stieß er entsetzt hervor als er spürte wie die Kraft aus ihm gesogen wurde. Der Sog war so stark, dass es nur wenige Sekunden bedurfte als er seine Hand nicht mehr spürte. Sie saugte ihm tatsächlich die Magie aus dem Körper. Er versuchte sich aus ihrem Griff zu befreien – es ging nicht. „Lin! Das wird dich umbringen!“, keuchte er. Lin achtete nicht darauf. Es brannte in ihrem ganzen Leib. Die Schmerzen stiegen ins Unermessliche und ihr Bauch schien Feuer zu fangen. Tränen schossen ihr in die Augen. Aber sie musste es aushalten! Dann leuchtete das Triforce auf ihrem Handrücken auf. Es erstrahlte und tauchte das ganze Zimmer in einen goldenen Schein. Da wurde auch Kim klar, dass er ein Idiot gewesen war. Lin konnte gar nicht sterben, nicht solange das Triforce sie beschützte! Auch wenn das Kind ihr jetzt alle Lebenskraft raubte, so war sie noch immer im Besitz des Triforce! Auch er durchstand unsägliche Schmerzen. Das ging zu schnell. Er fühlte sich wie ein Tier, das ausgestopft werden sollte und gerade ausgenommen wurde. Eiskalt wurde es ihm. Und er konnte sich einfach nicht aus ihrem Griff befreien! Das Triforce strahlte immer intensiver und nahm allen Anwesenden das Sehvermögen. Sie wurden geblendet. Mit letzter Kraft packte Kim die Hand mit dem Triforce und riss sie sich ab. Damit war der Bann gelöst und das Licht explodierte in einem Schwall, der alle Anwesenden von den Füßen riss. Einschließlich Kim, der vom Bett geschleudert wurde. Dann war das Licht erloschen und das Triforce blinkte nur noch leicht. Zitternd und mit wahnsinnigen Kopfschmerzen stand Kim auf. Er war ausgelaugt und ihm war übel. „Herr, seid Ihr in Ordnung?“ Raik war an seiner Seite erschienen. Kalt sah er ihn an. „Mir geht es gut! Hör auf mich zu bevormunden!“ Um seine unheimliche Gemütsbewegung zu verschleiern drehte er sich um, machte zwei Schritte auf den wartenden Lift zu – und krachte bewusstlos zu Boden. Die Anwesenden waren vor Schreck so starr, dass keiner sich auch nur rührte. „Das habe ich mir schon gedacht.“, murmelte Raik. Die Ärztin machte anstallten sich auf ihn zu zu bewegen. „Warte! Ich kümmere mich um ihn. Du solltest bei der Herrin bleiben.“ Die Ärztin nickte. „Ist gut. Ich glaube…“ Ein herzzerreißender Schrei kam vom Bett her. Lin wand sich unter den Krämpfen. „Die…die Fruchtblase ist geplatzt!“, stotterte Erika. „Dann muss es jetzt schnell gehen! Kate, helfen Sie Raik bitte sich um den Herrn zu kümmern.“ „Yeah.“, antwortete die Angesprochene und half Raik sich den Bewusstlosen auf den Rücken zu hieven. Währenddessen gab die Ärztin die letzten Anweisungen und ehe die Wehen einsetzen war alles vorbereitet.

Benny saß auf einem Sitzstein im Garten. Der Garten des Anwesens Stone war im traditionell japanischen Stiel. Die Felsen waren genau platziert und die Kieselsteine frisch gerecht. So sah ein japanischer Garten eben aus. Kein Gras, keine Blumen. Stattdessen sauber in einem Linienmuster angeordnete weiße Kieselsteine, mittendrin Steinplatten über die man treten musste (nichts, absolut nichts, durfte die Kiesel berühren um das Muster nicht zu beschädigen) um zu den Felsen zu gelangen, auf die man sitzen konnte und dem kleinen künstlich angelegten Wasserfall genießen, der am Westende leise platschte. Der alte Gärtner, ein gebürtiger Japaner, kam täglich hierher um den Garten zu inspizieren und notfalls mit einer langen Griffstange nach alten Blättern oder anderen Verunreinigungen zu greifen und sie aus dem Garten zu entfernen. Er genoss den Ausblick. Es war später Nachmittag. Sein Herz schlug schnell und in seinem Kopf hörte er immer wieder: Drei Tage…drei Tage…drei Tage… Zwei schwere Hände legten sich auf seine Schultern. „He! Rutsch mal rüber!“ Er tat es und Vivi setzte sich neben ihn. „Und wie geht’s?“ Sie war die Einzige, die von den Weisen noch hier war. Nach schon zweieinhalb Stunden waren sie startklar gewesen. Während sich die vier Jugendlichen ausgeruht und geschlafen hatten, waren Herr Liebgraf, Herr Stone, Dan und eigens für die Berechnungen eingeladene Fachspezialisten ans Werk gegangen. Mit Computerprogrammen hatten sie nicht nur die Dreiecke errechnen lassen, sondern noch herausgefunden wo die beiden anderen Schreine standen und sie hatten durch die Winkelhalbierenden im Dreieck die Koordinaten der Mitte und somit des Turm der Götter mitten im Atlantik errechnet. Dann hatten sie die Reisen organisiert. Herr Stone den Transport und Herr Liebgraf das Personal, das die Mädchen am Landeplatz erwarten und sie sicher zum Schrein bringen sollte. Alsbald war Navi mit einem Betreuer zur Ruine zurückgefahren, damit sie sich dort postieren konnte. Eigentlich hatten sie vorgeschlagen sie erst als Letzte in ihren Schrein zu bringen, da noch einige Stunden vergingen werden, bis die andern beiden Weisen den ihren erreichten. Doch sie hatte darauf bestanden so früh wie möglich bereit zu sein. Dann war für Alexa der Jet gekommen. Der Düsenjet, der sie nach Afrika befördern sollte, wo an einer Küste der Schrein der Kraft stand. Ein alter Masaistamm hatte dort sein Dorf errichtet und der Schrein diente dem Oberhaupt als Behausung. Es war sicher eine Herausforderung den Stamm dazu zu bewegen ihnen ihr Dorf für einige Tage zu überlassen, doch Herr Liebgraf war vom Erfolg überzeugt. Alexas Betreuer war ein eingefleischter dunkelhäutiger Reiseführer und ein sehr guter Freund von ihnen. Außerdem war er der Neffe des Häuptlings eines anderen Stammes. Salif hieß er. Irgendwie konnte Salif für Alexa alles zurechtbiegen. Das musste er einfach! Der Schrein des Mutes, Vivis Schrein, war da weniger ein Problem. Er lag an der Westküste Islands. Zwar war er eine Sehenswürdigkeit, doch mit etwas Geld ließ sich da gewiss etwas arrangieren. Vivi und Dan, der sie unbedingt begleiten wollte, was ja auch verständlich war, mussten noch etwas warten. Ihr Jet war eingetroffen und die letzten Vorkehrungen waren getroffen. Sie war auch schon bestens ausgerüstet, für die weniger sonnigen Temperaturen dort oben. Benny selbst sollte mit einer speziell für Geschwindigkeiten angefertigten Privatyacht Richtung Turm der Götter fahren. Herr Liebgraf wollte ihn begleiten. Der zweitreichste Mann der Welt wollte sich diesen Anblick einfach nicht entgehen lassen. „Na sag schon! Bist du aufgeregt?“ Benny sah sie entgeistert an. „Wir gehen doch nicht in den Zirkus!“ Vivi lachte. „Das weiß ich doch. Das Schicksal der Welt hängt von uns ab… Aber ein wenig aufgeregt bin ich schon. Es ist wie Joe gesagt hat – es kommt einen vor als sei man die Heldenfigur in einem Computerspiel.“ Sie kicherten beide. Ja, irgendwie wirkte alles so unglaublich unecht! Dann wurde plötzlich Vivi ernst. „Was ist?“, fragte Benny verwundert. Sie rang mit sich. „Weißt du, Benny…seit ich aufgewacht bin…habe ich so ein Gefühl, dass wir uns nie wieder sehen werden…vielleicht ist es ja magische Intuition, die ich als eine Weise habe…“ „Unsinn!“, winkte Benny ab. Er ergriff ihre Hand. „Wir werden uns wieder sehen, Vivi! Das verspreche ich dir! Ich werde – nein, wir werden das Böse besiegen und dann kommen wir beide hierher zurück und werden unseren Sieg feiern und soviel Cola trinken, dass wir Karies bekommen!“ Seine Worte brachten sie zum Schmunzeln und er war froh darüber. Er hatte Vivi noch nie ernst und resigniert erlebt und das wollte er nie. Jetzt schon gar nicht! „Versprichst du es mir? Wirklich?“ „Du kannst mir vertrauen, ich halte mein Versprechen! Wir sind doch Freunde, Vivi!“ Dann loderte erneut der Mut in ihren Augen. Die Unerschrockenheit der Weisen des Mutes. „Ja, Benny. Wir werden uns wieder sehen, weil wir Freunde sind!“ Ihr gutes Zureden aufeinander brachten sie zum Lachen. Sie wussten beide, dass sie nur so naiv daherredeten und dass Vivi mit ihrer Ahnung durchaus Recht haben konnte, doch das war ihnen in diesem Moment egal. Jäh, ohne jegliche Vorwarnung, schloss sie ihre Augen und ihr Mund war ganz nahe. Sein Herz klopfte wie wild, schlimmer als jemals in seinem Leben und Adrenalin schoss durch sein Blut, dass er glaubte gleich verrückt zu werden. Warme Lippen spürte er auf seinen. Der Moment war so schnell vorbei wie er gekommen war. Vivis Wangen liefen leicht rosa an. „Mein Gott, ich habe einen Achtjährigen geküsst! Ich bin pervers!“ „Ich…äh…“ Benny fehlten die Worte. „Es…war schön…“ Vor Verlegenheit lachten sie. Nervös. Sie erschraken sich als plötzlich die Verandatür aufgeschoben wurde. „Vivi?“, rief Dan ihnen zu. „Wir können los!“ „Ähm...ja…ich komme gleich.“ Dan verschwand. Aber sie blieben noch sitzen. „Jetzt ist es also wirklich so weit…“, seufzte Vivi. Sie wollte sich erheben, doch er hielt sie zurück. „Ich will dir etwas geben.“ Benny kramte in dem Rucksack herum und übergab ihr sein Geschenk. Vivi starrte auf den grünen Stoff in ihrer Hand. „Was ist das?“ „Das ist die Mütze des Helden der Zeit, des Ersten, sie wurde in unserer Familie von Generation zu Generation weitergegeben.“ „Das willst du mir schenken?“ Benny nickte. „Nein, tut mir leid. Das kann ich nicht annehmen. Das ist doch so etwas wie ein Erbstück!“ „Ab jetzt nicht mehr. Ab jetzt ist es das Siegel unseres Versprechens! Dass wir uns wieder sehen!“, entgegnete Benny. „Na gut. Danke, Benny!“ Vivi umarmte ihn. „Pass auf dich auf!“ „Mach ich.“ Mit diesen Worten erhoben sie sich und sprangen spielerisch die Trittsteine zur Veranda zurück und gingen ins Haus. Noch ein letztes Mal ging Herr Liebgraf das Vorhaben mit ihnen durch. Dann verabschiedeten sie sich voneinander. Es war ein Abschied für immer, doch das wussten sie nicht. Sie verließen das Haus in verschiedenen Richtungen. Dan und Vivi gingen mit Herrn Stone, der sie nach Island begleitete, zum hauseigenen Landeplatz um in den Jet zu steigen. Vivi hatte die Mütze aufgesetzt und winkte ihm ein letztes Mal. Benny und Herr Liebgraf stiegen in die Limousine, die sie zum Hafen brachte und gemeinsam stiegen sie an Bord der Yacht. Die Sonne lag tief im Westen, das Wasser schimmerte atemberaubend unter den letzten Strahlen, die es kaum noch berühren konnten. „Na, Benny? Wie geht es dir?“, fragte Herr Liebgraf und legte ihm einen Arm um die Schultern. Benny grinste, so oft wie er diese Frage heute schon gehört hatte. „Den Umständen entsprechend.“, äußerte Benny. „Sind das die beiden Motorboote?“ „Ja.“, antwortete Herr Liebgraf. „Mit einem wirst du zum Turm gelangen…willst du wirklich ganz allein gehen? Soll ich dich nicht begleiten? Oder jemand, der…ich weiß nicht… vielleicht ein Bodygard oder dergleichen?“ Benny schüttelte aufmunternd lächelnd den Kopf. „Nein, das ist nicht nötig. Ich hab doch das!“ Er wackelte mit der Scheide, die hinten auf seinem Rücken gebunden war und in der der Griff des Masterschwertes heraushing. „Außerdem kann nur ich etwas ausrichten, es ist nicht nötig noch andere in Gefahr zu bringen.“ Herrn Liebgraf gefiel das gar nicht, aber er verstand Benny. „Das stimmt. Aber bitte sei vorsichtig, Benny! Ich habe am eigenen Leib zu spüren bekommen wie stark der Feind ist… Ich wüsste nicht was ich deinen Eltern sagen sollte, wenn du nicht zurückkommst.“ Benny blickte auf das Wasser, das leichte Wellen setzte, als die Yacht langsam in See stach. „Wenn ich versage ist das sowieso nicht nötig. Dann sind wir alle tot!“ Herr Liebgraf nickte und ließ ihn allein um mit dem Kapitän zu sprechen. Sie hatten vereinbart fünf Meilen vor den errechneten Koordinaten anzuhalten und Benny in einem der Motorboote abzusetzen, ein Spezialist sollte ihm den Umgang erklären. Alleine sollte er dann Richtung Turm fahren, denn sie hofften, dass die Koordinaten wirklich stimmten und der Turm sich vor ihnen erheben werde. Nun, da er allein war und auf die stille See blickte, hatte Benny zeit zum Nachdenken. Aber er dachte weder an die Freunde, die ihm beigestanden hatten, noch daran, dass er die ganze Zeit über mehr Glück als Verstand gehabt hatte, noch an den ihm bevorstehenden Kampf, er dachte an dieses…Lippe-auf-Lippe-Pressen, das man einen Kuss nannte. Er hatte ein Mädchen geküsst – er hatte ein Mädchen geküsst. Dabei konnte er Mädchen nicht einmal ausstehen! Nicht die in seiner Klasse, nicht die in seinen Nachmittagskursen…aber doch…Vivi konnte er ausstehen! Sogar ganz gut! Benny berührte seine Lippen. Sie fühlten sich normal an, aber irgendwie hatte er erwartet, dass sie sich nicht normal anfühlten… Was hatte er denn geglaubt wie sich ein Kuss anfühlte? Damals, als er Ashanti mitgeschleift hatte und sie heimlich beobachtet hatten wie Lin und Kim sich geküsst hatten, da hatte er angewidert das Gesicht verzogen. Mann, war das eklig gewesen! Das hatte er gedacht. So etwas Feuchtes und Nasses und der Speichel des anderen im eigenen Mund! Aber ein Kuss war doch etwas anderes. Ein wenig feucht vielleicht, aber auch warm und…schön… Er beschloss, sollte er tatsächlich sein Versprechen halten können und Vivi wieder sehen, so würde er sie fragen, ob sie das noch mal machten, dieses küssen. Aber dann ganz langsam, damit er feststellen konnte wie es sich genau anfühlte. Mit hochrotem Kopf blickte er da ins Wasser hinunter. Ja, er wollte das bald wieder machen und er schämte sich, weil es sich in seinem Alter nicht gehörte, so etwas zu mögen. Wo man doch schon die Wangenküsse der Großmutter zu verschmähen hatte! Ach egal! Dann war er eben frühreif! Der Gedanke brachte ihn zum Grinsen. Doch plötzlich, inmitten der heiteren Gedanken, drängte sich da diese eine beunruhigende Erinnerung auf. Die Erinnerung an die letzte Stunde. Als sie sich hingelegt und ein wenig geschlafen hatten. Als er aufgewacht war, weil die Blase ihr Recht einfordern wollte. Also war er brummend den lichtgedämpften Flur entlang geschlichen, auf der Suche nach dem Klo. Da war er fast mit Navi zusammengestoßen. Sie könnte es nicht mehr aushalten, hatte sie gejammert. Mit verheultem Gesicht. Sie wisse nicht was sie tun sollte, aber sie hatte so schreckliche Krämpfe im Bauch. Schlaftrunken hatte er die Stirn gerunzelt und sie gefragt ob sie denn schon auf dem Klo gewesen war und sie hatte ihn mit gerunzelter Stirn gefragt was ein Klo war. Da war die Sache klar gewesen. Nicht ohne verlegenes Stocken hatte er sie zur Toilette geführt und ihr erklärt wofür sie da war. Eingeleuchtet hatte es ihr, weil Link das auch hatte machen müssen (eine weitere Trödelei, wofür sie ihn getadelt hatte und ihr nun ein schlechtes Gewissen bereitete) und unbekümmert – hatte sie sich doch tatsächlich breitbeinig hingestellt und anstallten gemacht sich das Nachhemd hochzuziehen. Ganz schockiert hatte er sie aufgehalten um das Schlimmste zu verhindern. Sie hatte ihm erzählt wie oft sie Link beobachtet hatte wie er das machte und dass sie seinen Einwand jetzt nicht verstand. Noch verlegener hatte er ihr den Unterschied zwischen Männlein und Weiblein erklärt, dass Männer das eben im Stehen konnten, Frauen aber leider nicht, weil ihnen etwas Entscheidendes fehlte und sie somit alles vollsauen würde. Schulterzuckend hatte sie sich also überreden lassen sich hinzusetzen und er hatte geduldig gewartet bis sie fertig war, auch wenn er dachte gleich sterben zu müssen. Dann endlich war er an der Reihe gewesen und hatte sich, frohlockend, erleichtern können. Das aber war nicht das Beunruhigende gewesen, was ihn nun beschäftigte. Es waren Navis Worte gewesen, auf dem Rückweg zu den Schlafzimmern. „Ich verstehe nicht wie der junge Großmeister des Bösen in die heilige Zitadelle der Zeit eindringen konnte!“ Benny, im Gegensatz zu ihr, hatte daran keinen einzigen Gedanken verschwendet. Ihm war es nicht verwunderlich. „Kim ist eben sehr stark! Außerdem hat die Zitadelle der Zeit keine Magie mehr. Lin hat sie damals aufgesaugt, mit all der anderen magischen Kraft aus der Erde!“ Navi schüttelte rätselnd den Kopf. „Das hat damit nichts zu tun! Der Held des Windes wusste davon. Darum hat er den unterirdischen Tempel, den er kurz nach dem Tod des heiligen Drachen errichtet hatte, neu geweiht! Mit Hilfe des Zephirweisen und der Terraweisen. Dazu noch die Heiligkeit des gnädigen Drachen – es hätte den Großmeister des Bösen, Kim, wie du ihn nennst, fernhalten müssen!“ Noch immer wunderte Benny sich nicht. Darum zuckte er nur mit den Achseln. „Ich verstehe nicht warum du so erstaunt bist.“ Abrupt blieb Navi stehen. „Held der Zeit, verstehst du denn nicht? Es hat mit der Größe der magischen Kraft nichts zu tun!“ Benny verzog fragend das Gesicht. „Was? Wie…was meinst du?“ Navi seufzte bedrückt. „Das ist das Gesetz von Gut und Böse! Die Fechter der schwarzen Magie dürfen nicht in die Heiligen Hallen der Tempel der Göttinnen eindringen und die Verbreiter des Guten wiederum können die Mauern des Bösen nicht überwinden! Nicht, wenn sie nicht geladen sind! Sonst hätte auch Link nicht in den Teufelsturm eindringen können, auch wenn er die Siegel brach. Nur weil der alte Großmeister des Bösen an sein Triforsfragment gelangen wollte hat er es zugelassen. Ebenso wie Zelda.“ „Das kann nicht sein! Bei Ganon war es doch genauso!“, versuchte Benny zu widerlegen. „Er ist sogar in die Zitadelle der Zeit eingedrungen, als sie noch magisch war und hat Zelda entführt, nachdem sie Link die Lichtpfeile…“ „Das stimmt nicht! Ganon hat niemals auch nur einen Fuß in die Zitadelle der Zeit setzen können!“ Nun wurde Benny doch stutzig. „Aber wie hat er…zum Beispiel das Fragment der Kraft! Wie hat er es dann in die Hände bekommen?“ Navi schüttelte den Kopf. „Das war alles nur ein Trick. Sowohl die Sache mit dem Fragment als auch die Entführung Zeldas! Mit einem Trick hat er bekommen was er wollte. Aber er selbst war nicht anwesend! Zu keiner Zeit! Ich kann es bezeugen, ich war dabei!“ „Dann ist Ganon nie in die Zitadelle der Zeit gelangt?“, staunte Benny. „Nein!“, bestätigte Navi felsenfest. „Niemals!“ „Aber wieso kann Kim es dann? Er ist doch böse und dürfte gar nicht in diesen Tempel gekommen sein! Auch nicht als Hologramm!“ „Nun, der Schutz der magischen Kraft der Guten hat ihn akzeptiert, aber er ist auf der Seite des Bösen - dafür gibt es nur eine logische Erklärung!“, schlussfolgerte Navi. „Kim ist kein Mensch!“ „Kein Mensch?“ Nun wurde es Benny doch zu bunt. Bei allem Schrecklichen, was er an Kim schon gesehen hatte, einschließlich dieser unheimlichen Metamorphose, die er im Geistertempel miterlebt hatte, so war Kim doch ein Mensch. Ein merkwürdiger Mensch, mit unvorstellbar starken magischen Kräften zwar, aber ein Mensch. „Wenn du es so siehst, dann ist Ganon auch kein Mensch gewesen.“, lachte er leise. Doch Navi war noch immer todernst. „Ich meine es ernst, Held der Zeit! Kim ist kein Mensch! Er ist nicht an das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse gebunden und somit der Macht der drei heiligen Göttinnen überlegen!“ Benny verstand nichts mehr. „Hä? Was redest du da? Was ist er dann?“ Nun stockte Navi. Ihre Stirn lag in Falten. „Ich weiß es nicht…“

Als Kim die Augen öffnete saß da eine Gestalt auf dem Stuhl neben dem Bett, in dem er lag. Einen kurzen Augenblick lang hatte er gedacht es wäre Ganon. Und für einen kurzen Moment dachte er, er wäre im Geistertempel und wieder ein kleiner Junge. War er schon wieder über seinen Aufgaben eingeschlafen? Ganon sah das überhaupt nicht gerne und er sah nicht gerne, wenn Ganon ihn erwischte. Denn das hieß, dass er ihn wieder ganz besonders hart ran nahm um ihm seine Müdigkeit schon noch auszutreiben. Aber dann erkannte er Raik und ihm fiel ein, dass diese Zeit längst Vergangenheit war. Mühsam erhob er sich und blickte sich um. Es war ein winziger Raum, mit einem winzigen Fenster. Ein einfaches Bett, ein Tisch und ein Schrank standen darin. Dunkel und armselig. „Wo bin ich?“ „In meinem Schlafzimmer, Herr. Im elften Stock.“, antwortete Raik. „Was ist geschehen?“ „Ihr seid ohnmächtig geworden.“ Kim blickte sich um. Er erinnerte sich. „Wie lange war ich weggetreten? Was ist mit meiner Frau?“ „Die ganze Nacht. Ihr scheint gefroren zu haben, darum ließ ich mehrere Decken…“ „Was ist mit Lin?“, unterbrach Kim. Raik ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. „…bringen. Ich erhielt vor kurzem Nachricht. Die Herrin ist noch schwach, aber ihr geht es gut.“ Dann ließ er mit Absicht eine Künstlerpause vergehen ehe er fortfuhr: „Das Kind ist bei ihr!“ Kim schlug die Decken zurück, sprang aus dem Bett und eilte zur Tür. Raik sah ihm grinsend nach. Plötzlich jedoch blieb Kim zwischen Tür und Angel stehen. Mit herrscherischer Mine ließ er seinen Blick noch einmal durch den Raum schweifen. „Raik, treffe alle Vorkehrungen für den Umbau dieses Zimmers, wir werden hier einen Gast beherbergen. Du wirst in Matthews Zimmer verlegt, er kann meinetwegen auf dem Boden schlafen.“ Und noch während er dies sagte, wuchsen aus dem Fensterrahmen Schleimranken, die sich gerade nach oben schlängelten und als sie starr wurden, da glich das Fenster einem Fenster im Gefängnis. Raik wusste nun wer hier Gast sein werde. „Und sag meinem Spion, dass er seinen Auftrag zu meiner Zufriedenheit erfüllt und Befehl hat umgehend hierher zurückzukehren!“ Dann knallte die Tür zu. Vor Aufregung wollte Kim schier das Herz platzen. Seine Hände zitterten unaufhörlich und er rief sich Raiks Worte immer wieder in Erinnerung. War es wirklich wahr? War er schon Vater geworden? Während er bewusstlos war? Kim war so nervös, dass er kurz vor dem Lift über seine eigenen Füße stolperte. Noch bevor der Lift sich in Bewegung setzte rappelte er sich schwer atmend wieder auf und richtete sich. Strich über seine schwarze Tunika und fuhr mit der zitternden Hand durch die Haare. Krampfhaft versuchte er seinen Atem zu beruhigen. Er könnte sich ohrfeigen, dass er die Geburt verpasst hatte! An die Peinlichkeit, vor den Augen seiner Untergebenen, zusammengebrochen zu sein – daran mochte er gar nicht denken! Der Lift blieb stehen. Bis auf Erika und die Ärztin waren alle Frauen gegangen. Erika war damit beschäftigt ständig zwischen den Räumen hin und her zu hetzen. Sie war dabei ein Bad anzurichten und eilte immer wieder ans Bett um Fragen nach Temperatur, Aroma, Licht und sonstigem zu stellen, doch nur, weil sie sich nicht satt sehen konnte. Sie schien so überglücklich, als wäre sie selbst Mutter geworden. Tatsächlich aber war sie noch nicht einmal verheiratet. Ihr Verlobter dachte sie wäre in einem Auslandseinsatz, der ein halbes Jahr andauerte. Die Ärztin schien sich jedoch von ihren stetigen Unterbrechungen gestört zu fühlen. Denn sie sprach ausgiebig mit Lin. Lin wiederum lag erschöpft in den Kissen, in einem frischen und neu bezogenen Bett und in einem frisch gewaschenen schwarzen Seidenkleid mit Verziehrungen aus reinen Silberfäden. Die Haare zu einem Flechtzopf gebunden. Sie antwortete der Ärztin, doch schaute sie sie dabei nicht an. Nein, ihr Blick ruhte auf etwas neben ihr, das auf der Bettdecke saß, mit ihrem Armreif in der Hand und sich versuchte das Schmuckstück in den Mund zu schieben. Als er das Gemach betrat verstummten sie. Auch sein Blick blieb an dem Etwas kleben. An der kleinen Gestalt. Mit großen Augen trat er ans Bett und mit noch größeren setzte er sich darauf. Es war ein kleines Mädchen, das da saß. In einem rosafarbenen Kleid eingehüllt. Ein süßes Kleines mit buschigen hellblonden Haaren und rosiger Haut. Neugierig betrachtete es sein Nähertreten, ohne jedoch mit dem Lutschen am Armreif aufzuhören. Es hatte keine blauen Augen, wie es bei Kleinkindern üblich war, es hatte seine. Honigfarben. Doch die Pupillen waren rund. „Ich kann es nicht glauben!“, stieß Kim aus und streckte die Arme nach dem Bündel aus um es in die Arme zu nehmen. Die Ärztin wusste, dass sie fehl am Platz war – Erika war bereits ganz im Bad verschwunden – darum entfernte sie sich auch. Kim hielt das kleine Mädchen, das gerade vor wenigen Stunden geboren worden war, jedoch aussah als zählte sie bereits zwei, drei Jahre, über seinen Kopf. „Du bist ja so süß!“, lallte er ihr zu. Dem Mädchen schien das gar nicht zu gefallen, denn es verzog gefährlich das Gesicht. „Du hast das Beste verpasst.“, sagte Lin. „Innerhalb von zwei Stunden ist sie drei Jahre alt geworden. Oder sogar vier?“ Ohne das Mädchen aus den Augen zu lassen antwortete Kim. „Sie wird noch ein wenig weiter wachsen. Sie hat viel Magie abgesaugt, darum wächst sie so schnell. Aber das legt sich wieder.“ Das kleine Mädchen begann zu weinen und mit den Füßen zu strampeln. Kim war ganz erstaunt. „Oh, was hast du denn?“ Er ließ es sachte hinunter und kaum, dass es festen Boden unter den Füßen spürte, da krabbelte es schon zu Lin hinüber um sich in ihrer Seite einzukuscheln. Ganz genießerisch ließ es sich von Lin liebkosen. Kim war gekränkt. „Sie mag mich nicht!“, stellte er fest. Lin sah arrogant auf. „Das macht doch nichts, ich mag dich auch nicht!“ Kim lachte. „Das war jetzt aber sehr gemein von dir!“ Ungeniert legte er sich dazu und streichelte dem Mädchen, ihrer Tochter, über das kleine Ärmchen. „Weißt du, ich habe mich sehr gewundert, dass Erika gleich nach der Geburt mit einer rosanen Decke und rosa Kleidchen und Schleifchen und dergleichen ankam! Als ob sie regelrecht auf ein Mädchen gewartet hätte!“, zischte Lin, nicht unfreundlich, aber gefährlich nahe dran. „Oh, ich habe gewusst, dass es ein Mädchen wird.“, antwortete Kim ihr leichthin. „Du hast es gewusst?“ Lin traute ihren Ohren nicht. „Natürlich ein Mädchen, Lin! Schließlich hat sie die Magie der Erde, also die Magie, die die Göttinnen der Welt eingeflösst haben um Leben darauf entstehen lassen zu können. Wem sonst sollten die Göttinnen diese Macht vermachen? Einem Mann?“ Sie brachen so laut in Gelächter aus, dass ihre kleine Tochter, gerade im Dämmerzustand versunken gewesen, aufschrak und heulte. Lin wandte die Aufmerksamkeit sofort ihr zu. „Nicht weinen. Ist ja alles gut, Riha!“ In Kims Herz explodierte etwas und er spürte einen Stich so tief wie zehn Wespenstacheln aneinander. „Was hast du gesagt?“ Ganz unschuldig musterte Lin ihn. „Ich möchte sie Riha nennen!“ Aber sie hatte es schon beschlossen als sie das nackte, Blut und Fruchtwasser verschmierte Bündel gesehen hatte, als sie noch mit dem Bündel verbunden war. Sie wollte Kim Schmerz zufügen, genauso wie er ihr Schmerz zugefügt hatte. Sie wollte ihn bestrafen und doch gleichzeitig ihm von dem Leid erlösen sein Versprechen nicht eingehalten zu haben. Lin nahm ihre Tochter auf den Arm und drückte sie an ihre Brust. Sie war entsetzt und doch fasziniert von dieser Tatsache. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich ein Kind habe! Mein Gott!“ Von einem seltsamen Glücksgefühl gepackt küsste Lin ihre Tochter auf die Stirn. Kim setzte sich auf. „Da bin ich aber erleichtert!“ „Warum?“ „Naja…ich habe befürchtet, dass du sie ver…verstößt…weil…“ „Nein!“, winkte Lin abfällig ab. „Dass du ein Mistkerl bist, dafür kann Riha nichts!“ Kim seufzte. „Wenn du so gut mit dem Schwert umgehen könntest wie mit deiner Zunge, hättest du Kriege gewonnen!“ Er beugte sich vor und streichelte dem Mädchen über den Kopf, über die blonden Haare. „Dann heißt du also Riha? Was für ein schöner Name!“

Der Aufruhr hatte sich gelegt und Benny hatte versucht wieder einzuschlafen, doch es ging nicht mehr. Er konnte nur an diese Gestalt denken! Ein paar Stunden war es nun her, seit ihrer Flucht. Keiner hatte von dem blinden Passagier gewusst, bis zu jenem Zeitpunkt mitten in der Nacht, da er die Schicht habenden Wachen niederschlug. Ein Mann hatte rechtzeitig Alarm geben könnten, bevor er niedergeschlagen worden war. Das hatte sie alle an Bord getrieben um zuzusehen wie die Gestalt, die sich einer der beiden Motorboote bemächtigt hatte, in der dichten Finsternis verschwand. Sie war in einem schwarzen Kapuzenmantel eingehüllt, sie verschmolz vollkommen mit der Dunkelheit. Nur ein leichtes Funkeln hatte in ihrer Hand gelegen. Wie ein winziger Spiegel. Sie hatten nicht das Geringste dagegen tun können. Und Benny war der Moment am Balkon des Hotels eingefallen. Auf dem Dach, die Gestalt, er hatte sie sich also doch nicht nur eingebildet. Darum auch hatte Kim zu jeder Zeit über ihre Pläne und ihren Aufenthaltsort bescheid gewusst – die Gestalt war ein Spion! Er könnte sich grün und blau ärgern, über seine Unvorsichtigkeit. Egal! Dass der Spion geflohen war, konnte nur bedeuten, dass sie kurz vorm Turm der Götter waren! Wie also sollte er da noch ruhig schlafen können? Nun tagte es allmählich. Im Osten tauchte der Himmel bereits in ein leichtes Oranges ein. Herr Liebgraf lehnte sich neben ihm über die Brüstung. „Herrlich, diese frische und salzige Luft!“ Er wusste, dass Herr Liebgraf ihn nur zu beruhigen suchte. „Was ist nun? Sind wir bald da?“ Herr Liebgraf sah ihm in die Augen. „Benny, wir sind schon da!“ Benny schreckte auf und sah sich um. „Was? Wo? Ich sehe nichts, nichts als Meer!“ „Das ist der Schutz, der den Turm umgibt. Nur du kannst ihn brechen.“ Entschlossen nickte Benny und zog das Schwert heraus, das in der Scheide auf seinem Rücken geruht hatte. „Ja, ich werde es tun! Ich werde den Großmeister des Bösen bezwingen!“ Mit einem Schrei schwang er sein Schwert und zerschnitt die Luft. Gen Osten, der Sonne entgegen. Einen Moment geschah gar nichts. Nichts… Dann verdichtete sich die Luft. Es war wie ein plötzlicher Nebel, der aufzog. Der so dicht war, dass man die Hand vor Augen nicht sah. Doch so schnell wie er gekommen war, verschwand er. Aber was nun zum Vorschein kam, war nicht mehr das einfache Morgengrauen! Genau vor dem Horizont, dort wo gerade die Sonne heraus kroch, erhob sich ein mächtiges Gebilde. Ein pechschwarzer Turm, dessen Boden vom Wasser noch verschlungen war und dessen Spitze in den Wolken verborgen lag. Hässlich ebenso sehr wie beeindruckend. „Das war es schon?“ Benny war enttäuscht. Er hatte sich ein spektakuläreres Ereignis vorgestellt. „Wie langweilig!“ Herr Liebgraf lachte. „Der Turm macht doch wohl alles wett, oder?“ Benny wurde wieder ernst. „Ich werde jetzt ins Boot steigen, ihr solltet nicht mehr weiterfahren. Kehrt um und fahrt erst in fünf Tagen wieder hierher.“ „In fünf Tagen?“, Herr Liebgraf war erstaunt. „Ist das dein Ernst?“ Benny nickte. „Hier ist es zu gefährlich! Und noch etwas“ Er reichte dem Mann seinen Rucksack. „Bitte bewahre das für mich auf.“ Lächelnd nahm Herr Liebgraf ihn entgegen. „Natürlich. Viel Glück, Benny. Rette uns alle!“ Wie im Traum war es ihm vorgekommen. Wie er ins Boot gestiegen und ins Wasser herabgelassen worden war, wie das Schiff immer kleiner geworden war, wie der Turm immer näher kam. Er achtete kaum darauf. Im monotonen Summen des Motors war er ganz in Konzentration verfallen. Er spürte das Schwert auf seinem Rücken, doch im Geiste hatte er es bereits in der Hand. Jetzt waren es nur noch ein paar Augenblicke. Dann begann der Kampf zwischen Gut und Böse… Sacht stieß das angeschwemmte Boot auf dem Sand. Benny setzte den ersten Fuß auf den sandigen Kiesboden. Der Turm erhob sich vor ihm wie ein böses Omen. So gewaltig, so schwarz und doch so prächtig. Die Kabel drangen aus der Erde wie die Wurzeln einer uralten Weide und schlangen sich den schwarzen Stein empor. Ja, es war der Turm auf der Zeichnung. Der Hauptturm. Schon lange nicht mehr der Turm der Götter – es war der neue Teufelsturm. Denn das gewaltige Einganstor hielt ein monströser Schädel im Maul. Ein gehörntes Tier mit reißenden Kalkzähnen. Es war der gleiche Eingang wie damals, in Ganons Schloss. Benny schluckte tief. Er spürte die Furcht, wie sie sein Bein hinaufkroch um an seinem Mut zu lecken. Er schüttelte heftig den Kopf um sie zu vertreiben. „Ich schaffe das! Ich habe es versprochen, also werde ich die Welt retten!“ Mit eiserner Faust zog er das Schwert und fühlte das kalte Metall in seiner Hand. Mit ruhigen Schritten verschwand er im Maul des Bestienschädels. Es war finster und kalt. Ein seichter Wind pfiff durch das Gemäuer. Es war nur der Gang, der einer feuchten Höhle glich. Am Ende dieses Ganges trat er in eine Empfangshalle. Die Decke spendete langweiliges Neonlicht. Sonst waren die Wände und der Boden vom schwarzen Marmor. Am anderen Ende des Raumes eine Tür aus schwerem Metall. Keine Tür, die aufschwang. Zwei Metallhälften, die noch aneinander klebten und ihr Geheimnis hüteten. Aber nicht mehr lange, dachte Benny und hob das Schwert. Kurz noch überlegte er wie er am besten vorgehen sollte. Großartig lärmen? Oder möglichst lange unentdeckt bleiben? Nein, Benny war sich fast sicher, dass bereits jeder in diesem Turm von seinem Eindringen wusste. Aber trotzdem? Ach… Ein Räuspern in seinem Rücken und er fuhr zusammen. Mit fahler Visage machte er auf den Absätzen kehrt. Das Schwert schwang in seiner Hand wild herum. Eine Gestalt hob sich im Dämmer des Ganges ab. Eingehüllt in einen pechschwarzen Mantel. Das Gesicht tief in der Kapuze verborgen. „Du!“, zischte Benny. „Du hast uns die ganze Zeit ausspioniert!“ Benny spürte sein Herz mit doppelter Geschwindigkeit schlagen. Sein erster Feind! Ob er jetzt kämpfen musste? Bestimmt! „Du Feigling! Zeig dein Gesicht und kämpfe wie ein Mann!“ Benny wartete nicht ab und stürzte vor, mit einem – etwas zittrigen – Kampfesschrei! Jäh rührte sich die Gestalt und Benny blieb erstaunt stehen. Die Hände der Gestalt hoben sich empor…ergriffen die Kapuze… Wie ein fließender Bach glitt der Stoff herab und gab das Gesicht frei. Die Klinge des Schwertes schlug auf den Boden. Bennys Arme waren schwer geworden, wie sein ganzer Körper. Die Augen vor Entsetzen geweitet. „Nein! Nein! Das…das ist nicht wahr… NEIN!“


Ganon lag ausgestreckt auf dem Leinentuch, das zwischen zwei toten Bäumen gespannt war. In einer Hängematte. Wobei, es war noch nicht einmal eine moderne Erfindung! Schon zu seiner Zeit hatten die Gerudos alte Felle und Leinen zwischen die Gitter gebunden um sich so eine Schaukel zu schaffen. Bei den kleinen Kindern sehr beliebt. Es war ja so schrecklich düster! Furchtbar! Und doch so angenehm! Von der Sonne hatte er genug. Sein Leben lang hatte er sich an der Sonne sattgesehen. Ja, wenn es blitzte und Donner vom Himmel grollte. Herrlich! Regen! Wie sehr das Volk der Wüste ihn missen musste. Darum war wunderschönes saftiges Gras unter seinen Füßen. Und Blümlein und Bienchen und der ganze Kitsch. Nur schien eben die Sonne nicht. Die dunklen Wolken hingen dick und schwer am Himmel. Leicht schaukelte er hin und her. Mit dem linken Fuß, der heraushing, gab er sich Antrieb. Er dachte an nichts. Ach, naja…vielleicht doch…wenn er ganz ehrlich war. Er dachte an das kleine niedliche Mädchen, das gerade geboren worden war. Natürlich hatte er der Geburt beigewohnt. Durch den Spiegel, der im Zimmer aufgestellt war. Durch diese magischen Spiegel konnte er wandeln, obwohl er tot war. Sie waren die für ihn angefertigte letzte Verbindung zur Welt der Lebenden. Aber schon bald waren sie nicht mehr nötig. Denn wenn die Welt erst einmal ihre Wiedergeburt erlebte, wie es Shjras Wille war, dann, DANN konnte er endlich wirklich sterben. Dann war er von seiner Pflicht erlöst und wieder der als der er geboren worden war! Die Hängematte kam zum Stillstand. Traurig hob er den Blick zum dunklen Himmel. Aber nichts konnte mehr so sein wie früher. Nichts! Lin hatte recht, er hatte sich alles kaputt gemacht und sein Sohn auch. Das war nun einmal ihr Los. Die ersten seichten Tropfen Regen fielen vom Himmel. Es waren ungeweinte Tränen. Er gab sich erneut Anstoß und das Leinen schwang hin und her. Es ist nicht unser Wunsch, dachte er, es ist unser Schicksal! „Ganon!“, erklang die Stimme. Die Trauer wandelte sich in Belustigung und jetzt, als er sich aufsetzte, grinste er hämisch. „Sieh mal an. Haben es deine teuren Gefährten also doch noch geschafft dich zu befreien.“ Link, der jugendliche Link, der ihn das erste Mal besiegte – von dem er sich besiegen ließ –, lief den Weg entlang. Hinter ihm die sieben Weisen. „Ganon, du Bluthund!“, spuckte Link aus. „Hast du noch nicht genug? Du bist tot und noch immer ist die Welt vor deiner dunklen Macht nicht sicher!“ Gelangweilt lehnte sich Ganon wieder nach hinten. „Geh und beschwere dich bei jemand anderem!“ „Ganon!“ Dieses Mal fuhr ihm ein eiskalter Hauch durch den Körper. Ein weiteres Mal setzte er sich auf. Naboru trat einen einzigen Schritt auf ihn zu. Ihr Gesicht war so unendlich enttäuscht, dass es ihm vorkam als sei es sein eigenes, das ihn ansah. „Was hast du getan, Ganon?“ Ein Blitz durchschnitt die Luft und schoss auf die Erde und ließ sie brennen. Ganon erhob sich. „Ihr könnt nichts tun – es ist vorbei! Schon bald wird die Rache der Shjra erfüllt werden und ihr seid machtlos. Aber was rede ich noch? Ich bin der vielen Erläuterungen vor langer Zeit überdrüssig geworden.“ Er wandte ihnen allen den Rücken zu. „Das stimmt nicht!“, rief Salia ihm in den Rücken. „Wir haben dich damals besiegt und die neuen Weisen werden deinen Sohn besiegen!“ Abrupt blieb er stehen. „Dumme Kokiri!“, spottete er. „Aber aus deinem Munde kommt selten etwas anderes als Dummheit.“ „Dummheit mag keine Tugend sein, doch Bösartigkeit ist es noch weniger!“, sprach Impa. Ganon lachte lauthals. „Uh, jetzt habe ich aber Angst. Meint ihr ich komme noch in die Hölle?“ „Du hast zwei unschuldige Kinder mit in unseren Krieg gezogen!“, zischte Link. „Glaubst du ich lasse zu, dass ihr meine Nachfahrin für eure Zwecke benutzt?“ Nun wandte sich Ganon so schlagartig herum wie das späte Donnergrollen, das vom Himmel erschall. „Deine Nachfahrin? Ihr scheint wirklich so lächerlich töricht wie ich euch in Erinnerung habe! Es könnte einem schlecht werden vor Unwissenheit, die ihr besitzt!“ „Was meinst du damit?“, fragte Zelda ungut überrascht. Der Himmel tobte nun. Die Blitze zischten lautlos durch die Wolken und der Donner rollte mit lautem Getöse heran. „Ich bitte dich, Link! Denk doch nach! Dir muss es doch aufgefallen sein!“, lachte Ganon. „Was soll ihm aufgefallen sein? Von was redest du?“, giftete nun auch Ruto, die Zoraprinzessin. Links Gesichtszüge wurden schwer. Natürlich wusste er was es bedeutete. „Lins Fähigkeit! Es gibt nur eine einzige Erklärung dafür, nicht wahr Link? Du weißt es doch, aber du verdrängst die Realität noch immer!“ Ganon war nun wie ein einziger Schatten, der sie alle verschlang. „Sie besitzt keinen einzigen Funken Magie in sich. Nein, sie ist wie ein bodenloser Abgrund, der die Magie aufsaugt, ob gut oder schlecht. Das kann nur eines bedeuten – in ihrem Blute steckt sowohl die reine als auch die schwarze Magie. Diese Magien heben sich gegenseitig auf, darum ist sie frei von jeder eigenen Magie!“ Vor Entsetzen legte Zelda sich die Hand auf den Mund. „Was hat das zu bedeuten. Link, was heißt das?“ Ganon antwortete für ihn. „Durch ihre Adern und die des Jungen fließt auch das Blut der Gerudo! Mein Blut! Sie sind Nachfahren von Ashanti!“ Durch die Reihen der Weisen fuhr ein erschüttertes Aufstöhnen. „Das kann doch nicht wahr sein!“, stieß Darunia aus. „Wie ist das möglich? Wir…wir haben nichts bemerkt!“, protestierte Rauru. „Der kleine Held der Zeit, er hatte keine Verunreinigungen in sich!“ „Weil das Blut der Königsfamilie Hyrules nicht so dünn ist wie das der Gerudos.“, erklärte nun Naboru. „Benny ist ein männlicher Nachkomme des Helden der Zeit, natürlich ist die gute Magie stärker und er ist rein. Aber Lin ist eine Frau…“ Zufrieden mit sich verschränkte Ganon die Arme vor der Brust. „Ihr habt keine Chance!“ Resignierend fiel Link auf die Knie. Seine Hände zitterten. „Link!“ Zeldas Hand legte sich auf seine Schulter. „Er hat Recht.“, stotterte Link. „Es gibt keine Rettung!“

Sein Vater machte einen Schritt auf ihn zu. Sofort kam wieder Leben in Benny und er hob drohend das Schwert. „Keinen Schritt weiter, du…was bist du? Bist du ein Trugbild?“ „Benny, gib mir das Schwert.“, sagte Herr Thelen. Ganz sanft. Er machte noch einen Schritt auf ihn zu. Doch Benny wich zurück. „Nein! Bleib stehen! Ich habe dich durchschaut! Du willst mich täuschen! Nimm deine wahre Gestalt an und kämpfe!“ „Ich bin es, Benny. Gib mir das Schwert.“, versuchte Herr Thelen noch einmal ihn zu beschwichtigen. „Nein!“ Tränen flossen Benny über die Wangen und er schüttelte so heftig den Kopf, dass es ihm Schmerzen bereitete. „Das stimmt nicht! Papa ist zu Hause! Er wartet darauf, dass wir wieder nach Hause kommen! Ich und Lin!“ Herr Thelen machte den Mund auf, doch ehe er etwas sagen konnte, öffnete sich laut die Stahltür und Raik und zwei weitere Männer traten heraus. „Sehr gut! Dann ist der Held der Zeit jetzt endlich gefangen genommen.“ Ohne Zögern trat Raik heran. Er hatte eine Waffe in der Hand, die er erfahren auf Bennys Kopf gerichtet hielt. Ein Schuss und der Held der Zeit wäre tot. Er war ein vorzüglicher Schütze. „Lass das Schwert fallen, oder du bist tot!“ Empört über diese unverschämte Grobheit und weil er Raik nicht mochte, zischte Herr Thelen: „Stecken Sie sofort die Waffe weg!“ Raik, der wiederum Herrn Thelen nicht leiden konnte, musterte ihn kurz. „Erst wenn der Held der Zeit unbewaffnet ist! Sie müssen verstehen, dass die Sicherheit ihren väterlichen Gefühlen vorangehen!“ Herr Thelen wurde lauter. „Sofort!“ „Ich habe meine Befehle…“ „Ich bin der Vater der Herrin!“ Raik sah ihm direkt in die Augen. Herr Thelen hielt dem Blick mühelos stand. Er wusste, dass Raik letztendlich nachgeben musste. Denn er war von höherem Stand als Raik, auch wenn er der Stellvertreter des Herrn war. Das wusste auch Raik. Darum gehorchte er und steckte die Waffe wieder in seinen Gürtel. „Dann nehmen Sie ihm das Schwert weg!“ Herr Thelen warf ihm einen kalten und missbilligenden Blick zu, ehe sich seine Aufmerksamkeit wieder Benny zuwandte. Benny stattdessen sah nichts als ihn. Als hätte er die anderen drei nicht einmal bemerkt. Mit zitternden Händen hielt er das Schwert hoch erhoben und war doch außerstande sich zu rühren. „Benny! Bitte, gib mir das Schwert.“, wiederholte Herr Thelen. Benny wich weiter zurück. „Nein! Nein, lass mich!“ „Gib mir das Schwert!“, sagte Herr Thelen mit Nachdruck. „Nein!“ Herr Thelen schritt auf ihn zu. „Komm nicht näher!“, drohte Benny, doch sein Vater blieb nicht stehen. „Lass mich!“, schrie Benny und das Schwert zischte durch die Luft. Einen Augenblick waren alle wie gelähmt. In den Ohren rauschte das Herz. Raik war der Erste, der reagierte. Er zog seine Waffe. Die beiden anderen Männer taten es ihm nach. Doch Herr Thelen bedeutete ihnen ihre Waffen wieder verschwinden zu lassen. Widerwillig taten sie es. Der Mantel war zerrissen. An seinem linken Oberarm lief das Blut herunter. Doch die Wunde war nicht sehr tief. Er hatte Glück gehabt, es war nur ein Streifschlag. Benny selbst war gelähmt vor Entsetzen. Das Schwert zitterte in seinen Händen. Er hatte tatsächlich zugeschlagen. Er hätte ihn vielleicht sogar getötet. „Ist schon gut, Benny.“ Herr Thelen nahm ihn in den Arm. „Das macht nichts. Du bist nur durcheinander.“ „Geh weg von mir!“, weinte Benny. Sein ganzer Körper bebte. „Geh weg!“ Mit sanfter Gewalt löste Herr Thelen Bennys Finger vom Schwertgriff, ebenso band er ihm die Schwertscheide vom Rücken. Und gab beides an Raik weiter. Schnaufend steckte Raik das Schwert in die Scheide. Benny jedoch war zu aufgewühlt um überhaupt klar zu denken. Er sah mit seinen Augen, wie Raik mit dem Schwert in der Hand voranging. Aber er registrierte es nicht. Er registrierte nicht einmal, dass Raik das Schwert in Händen hielt ohne abgewehrt zu werden. Das Masterschwert akzeptierte die Hand eines Feindes und Benny registrierte es nicht. Die Tür ging auf und der Teufelsturm gab sein Innerstes preis. Sie mussten sich sputen, sie wurden erwartet. „Komm, Benny. Lass uns gehen.“ Herr Thelens Stimme war ganz ruhig. Er schob Benny vor sich hin, ohne Zwang aber bestimmt. Dabei ließ er immer seine Hände auf den Schultern seines Sohnes ruhen. Benny konnte sich nicht mehr fassen. Er war auf so vieles vorbereitet gewesen, so vieles! Aber auf das nicht! Nicht auf ein…ein Trugbild! Eine Täuschung! Es konnte nur eine Täuschung sein! Um ihn schwach zu machen! Ja! Das war nie und nimmer sein Vater! Sein Vater hätte das nicht zugelassen! Niemals! Nicht, wenn er es hätte verhindern können! Und doch, im Aussehen, in jedem Zug, in jeder Geste, in jedem Gefühl erkannte er seinen Vater wieder. Der Mann, der ihn abends ins Bett brachte, der am Wochenende im Park mit ihm Basketball spielte und der ihm am ersten Schultag die Gummibärchen aus der Schultüte geklaut hatte um ihn etwas von seiner Angst vor der Schule zu nehmen. Irgendetwas stimmte hier nicht! Irgendetwas war hier ganz falsch! Das war doch nicht wahr! Träumte er? Vielleicht war er noch auf dem Schiff, in seiner Kajüte, und schlief und vor lauter Aufregung hatte er diesen Albtraum? Nein, selbst ein Albtraum wäre nicht so grausam gewesen! Das war und konnte nur die Realität sein! Benny versuchte tapfer zu sein. Aber er schaffte es nicht. Er war verraten worden – er und Lin waren verraten worden – vom eigenen Vater! Wie sollte er da noch stark sein? Ein lauter Schluchzer entfuhr ihm und er konnte die Tränen nicht aufhalten, die ihm erneut die Wangen hinunterliefen. Raik und die beiden Männer, die jeweils einer an jeder Seite von ihm liefen, wandten sich kurz zu ihm um. Benny schämte sich so sehr. Tröstend streichelte Herr Thelen ihn über den Kopf. „Es wird alles gut…“, flüsterte er. Mit einem Mal schlug Verzweiflung in Wut um. So kräftig wie er konnte schlug Benny die Hand weg. „Fass mich nicht an, du Verräter!“, schrie Benny seinem Vater ins Gesicht. Die drei Männer – besonders Raik – waren stark in Versuchung ein weiteres Mal ihre Waffen zu zücken und dieses Mal das unliebsame Problem einfach zu beseitigen. Doch stattdessen blieben sie nur stehen. „Du hast uns alle betrogen! Du hast uns im Stich gelassen und bist zum Feind übergegangen. Du hast uns ausspioniert! Und du hast zugelassen, dass das alles passiert!“ Weil Herr Thelen wusste, dass es seinem Stand schadete, wenn er sich von jemandem in aller Öffentlichkeit beleidigen ließ, und dass ihn die Anwesenden nicht mehr den nötigen Respekt entgegenbringen würden, den er brauchte um überhaupt eine Überlebenschance für sich und Benny zu erheischen (denn noch war nicht sicher ob der Herr sie als Überlebende auserwählte), musste er Benny zum Schweigen bringen. Zerknirscht unterbrach er Benny in seiner Tobsucht. „Benny! Nicht in diesem Ton!“ Doch Benny ließ sich nicht beruhigen, zu tief saßen der Schock und die Entrüstung über den Verrat. „Du bist nicht mehr mein Vater! Ich hasse dich! Ich…“ Raik gab ein leises Räuspern von sich, es war ein vorgespieltes unterdrücktes Lachen und er grinste vergnügt. Er wusste, dass er somit Herrn Thelen in Verlegenheit brachte und die anderen beiden Männer mit auf seine Seite zog. Auch ihre anfängliche Verwunderung wandelte sich in einen amüsierten Zustand um. Herr Thelen konnte das nicht zulassen! Es war für sie zu lebensnotwendig keine Infragestellung seines Standes aufkommen zu lassen, zumal er sich durch das Lob des Herrn vor kurzem erst seine Rechte als Gerudo verdient hatte. Also tat er etwas was er nicht tun wollte, doch gezwungen war nun doch zu tun. Er gab Benny eine Ohrfeige. Aber keine leichte Ohrfeige, sie war hart und kraftvoll. Wie es sein musste. Benny verstummte augenblicklich. Seine Augen waren groß. In seinem ganzen Leben war er noch nie geohrfeigt worden. Er war von seinen Eltern stets sozialintegrativ erzogen worden und diese partnerschaftliche Art der Erziehung lehnte körperliche Bestrafungen jeden Grades ab. Er kannte das gar nicht. Eine brennende Wange zu haben, auf der sich der leichte Abdruck einer Hand abzeichnete. „Wir reden später darüber, Benny!“, sagte Herr Thelen streng. „Oder haben Sie dem noch etwas hinzuzufügen?“ Raik ließ sich nicht provozieren. „Aber ganz und gar nicht!“, sagte er, mit einem belustigten Unterton. „Wir sollten uns sputen, der Herr ist von Natur aus ungeduldig.“ „So? Sie scheinen ihn ja sehr gut zu kennen, wenn Sie dauernd in seinem Namen sprechen.“, gab Herr Thelen zurück. „Man könnte fast meinen Sie und er seien alte Freunde.“ Das Grinsen verschwand aus Raiks Gesicht. Nun hatte Herr Thelen ein Lächeln übrig. „Aber ich – der zukünftige Schwiegervater des Herrn, wie ich hoffe – kenne den Herrn gut genug um zu wissen wie groß seine Geduld ist. Zumindest will ich das meinen, wo er doch so oft mein Haus betreten hat.“ Tatsächlich hatte Herr Thelen es geschafft Raik auszuspielen. Raiks Ohren wurden glühendheiß, doch in seinem Gesicht zeigte sich nichts von seiner Rage über diesen Mann und seiner eigenen Unvorsichtigkeit. Mit einem abfälligen Blick wandte Raik sich um und schritt weiter. Auch den beiden Männern schenkte Herr Thelen ein freundliches Lächeln, wie erwartet senkten sie beschämt den Kopf, er hatte seine Würde wiedererlangt. Benny jedoch hatte von alldem nichts verstanden. Überhaupt nichts. Nicht, dass er nicht zugehört hatte, das Problem bestand vielmehr darin, dass er nicht wusste was ein Schwiegervater war. Sein Vater wurde, wie er hoffte, Schwiegervater? Hatte das was mit Kim zu tun? Oder sogar mit Lin? Mit gar nicht mal mehr so sanfter Gewalt ergriff sein Vater ihn und schob ihn noch zielstrebiger als zuvor weiter. Sie betraten einen kleinen runden Raum und blieben einfach stehen. Warum, das wusste Benny erst, als sich der Boden unter seinen Füßen bewegte. Durch den unerwarteten Ruck erschrak er sich und schwankte um sein Gleichgewicht. Sein Vater war ihm eine Stütze und er klammerte sich daran, bis er merkte, dass sie sich in einer Art Aufzug befinden mussten. Der jedoch ungewöhnlich schnell fuhr. Natürlich, Benny wusste es nicht, doch schließlich mussten sie in eines der höheren Stockwerke. Die beiden anderen Männer lachten dieses Mal nicht. Sie hatten ihre Lektion gehörig gelernt. Sie waren unbedeutend und nur von geringem Stande, es stand ihnen nicht zu sich über Höhergestellte lustig zu machen. Was, wenn Herr Thelen dem Herrn nun davon berichtete? Sicher war das nicht einmal nötig, der Herr hatte sie gewiss beobachtet. Aber wenn Herr Thelen um sein Gesicht zu wahren ihren Tod forderte? Mit gegenseitigen Blicken gestanden sie sich zu wie dumm sie gewesen waren sich von Raik so in die Affäre ziehen zu lassen. Schließlich war Raik nur der Stellvertreter des Herrn. Schwer zu ersetzen, doch immerhin ersetzbar. Der Vater der Herrin jedoch war es nicht. Und der Knirps war zwar der Held der Zeit, doch war er schließlich auch der Bruder der Herrin… Und sie selbst? Sie waren einfache Diener. Sie waren jederzeit ersetzbar. Geschmeidiger als beim Start hielt der Lift an. Die Tür glitt auf, für einen schmalen Gang. Sie schritten ihn entlang. Wobei Benny ja nicht gar so blöd war. Er wusste, dass er Kim gleich begegnete. Dass er ihm vorgeführt wurde. Jetzt stieg Angst in ihm auf. Nicht, dass er nicht schon vorher Angst gehabt hatte, Angst vor diesem Moment. Doch nun, da er erfahren musste, dass sogar sein Vater sich gegen ihn gestellt hatte. Was sollte er noch tun? Was sagen? Wie reagieren? Ein weiteres Mal wandelte sich Verzweiflung in Wut um. Vielleicht war es seine Art mit der Situation fertig zu werden. Jedenfalls lagen tausend Flüche griffbereit auf seiner Zunge. Er ließ sich nicht auf die Knie zwingen! Niemals! Selbst wenn sich alle gegen ihn stellten und er der Einzige auf Seiten des Guten war. Niemals! Viele Schimpfwörter versammelten sich in seiner Kehle. Allen voran dieses – Schwuchtel! Benny wusste zwar nicht was das war, aber wenn Vivi das gesagt hatte, dann musste Kim so etwas sein. Ein böser Mensch! Er legte sich das Wort bereit um es im richtigen Augenblick hinauszuspucken. Oh ja! Das würde er machen! Er hatte so viel Speichel im Mund, dass er ihn runterschlucken musste. Sie gingen auf eine Tür zu. Bennys Herz schlug schneller. Er hatte Vivis Stimme im Kopf, die immer wieder dieses eine Schimpfwort fluchte. Die Tür ging auf. Sie betraten einen hell erleuchteten Raum. Durch die Fenster flutete die Morgenluft hinein. An den Wänden standen Leute, Gerudoabkömmlinge. Sie musterten ihn mit teils neugierigem teils argwöhnischem Blick. Auf der gegenüberliegenden Seite war ein Schaltpult. Ein üppiges, das Hundertfache einer normalen Schreibtischtastatur. Aber beeindruckender war ohnehin der Bildschirm gigantischen Ausmaßes. Wenn Benny es nicht besser gewusst hätte, ein Gefühl von Kino hätte er gehabt. „Der Held der Zeit ist eingetroffen, wie Ihr es sagtet, Herr.“, verkündete Raik Dann trat er beiseite und auch die beiden Männer traten zurück, wenn sie auch ganz nahe blieben. Herr Thelen jedoch blieb dicht bei ihm. Jetzt lag das Schimpfwort auf der Zunge. Benny konnte es ja sogar schmecken! Mit hochnäsigem Blick betrachtete er die Feinde im Raum. Raik schenkte er einen besonders angewiderten Blick. Raik sah ihn. Man konnte ihm ansehen was er dachte. Elendes Pack! Am liebsten würde ich die gesamte Familie eigenhändig ins Jenseits schicken. Elender Widerling! Das dachte Benny. Warum fällst du nicht tot um? Übrigens dachte auch Herr Thelen das. Ja, ihre Gesichter waren die gleichen. Vater und Sohn. Abfällig rümpfte Raik die Nase und wandte sich ab. „In Ordnung.“ Es war Kims Stimme. Sofort waren Bennys Augen auf den Drehsessel, der vor dem Schaltpult stand. „Held der Zeit“ Er sagte es satirisch. „darf ich dich im neuen Teufelsturm willkommen heißen?“ Benny spürte einen Schwall von Wut in sich. Er wollte voranstürzten und ihn umbringen! Der Sessel schwang um und da saß nun sein Feind. Da saß Kim, der Großmeister des Bösen. Aber plötzlich war das nebensächlich. Der Feind war nebensächlich. Denn da war etwas anderes, das Benny in den Bann zog. Im ersten Moment war er wirklich überzeugt auf Kims Schoss saß seine Schwester. Saß Lin. Er hatte es wirklich geglaubt und hätte man ihm noch so innig das Gegenteil eingeredet, er hätte es abgestritten, so sehr glaubte er. Er merkte, wie er vergaß was er sagen und tun wollte und wozu er gekommen war. Wo er sich befand und wer da um ihn herumstand. Das war alles nichtig geworden. Denn Benny sah das kleine Mädchen da sitzen. Es gab nur ein Wort dafür. Engel…
Es mochte so alt sein wie er, wie er in seiner wahren Gestalt. Ihre Haut war weiß und schien zu leuchten. Sie schimmerte als sei sie selbst ein Lichtpunkt in der primitiven Welt, die Licht nur reflektieren konnte. Das blonde Haar fiel an ihr herunter, ein Bach aus Gold, der durch eine steinige Landschaft floss, so bewegte es sich. Die Hände und Füße ganz nach dem Bild ihres Körpers gezeichnet, zierlich, ja schon zerbrechlich wie ein Porzellanpüppchen in einem weißen Kleid, schlicht, doch das störte nicht im Geringsten. Denn das Mädchen war so von einer Aura umgeben, die unbeschreiblich war. Wie konnte man es ausdrücken? Engel… Richtig, Engel. Denn da waren noch die Flügel. Schillernd weiß und silbern, wogten sie sich leicht in der Luft. Nur einen winzigen Augenblick lang. Dann waren sie verschwunden. Denn dann öffnete das Mädchen die Augen – und Benny erkannte, dass es nicht Lin war. Gewiss, es war Lins Gesicht, das ihn ansah, so gleichgültig. Aber es waren nicht Lins Augen. Es waren Augen wie Honig, ja schon so hell wie ihr Haar. Es war nicht Lin. Jäh spürte Benny eine Macht an sich, nein, in sich, fremd und doch vertraut. Diese Macht lähmte ihn. Nein, sie erdrückte ihn nicht, sie zwang ihn nicht, sie berührte ihn nicht einmal. Es war nur einfach, dass er durch ihr Spüren träge wurde. Zu träge um sich zu rühren. Zu träge um zu denken. Zu träge um zu atmen. Er bekam keine Luft mehr. Weil sich seine Lungen einfach nicht bewegten. Als seien sie aus lauter Trägheit eingeschlafen. Da kam Panik in ihm auf. Weil er merkte wie er sterben würde. Einfach so. Weil sie ihn ansah. Kim gab seiner Tochter einen Kuss auf die Stirn. „Das macht man nicht, Riha.“, sagte er ganz weich und leise. Und weil das Mädchen ihren Blick von ihm nahm, kehrte das Bewusstsein seines Körpers in Benny zurück. Er konnte sich bewegen, er konnte atmen. Er konnte auch wieder schwitzen und vor lauter Aufregung und Anstrengung kam ihm der Schweiß auf die Stirn. Er keuchte nach Luft. Es war zu anstrengend. Denn sein Bewusstsein war zu schwach um sich zu halten. Benny merkte noch wie seine Beine einknickten und er nach hinten umkippte. Zwei Arme fingen ihn auf. Und weil sein Kopf ebenfalls kraftlos zurückfiel, war das Gesicht seines Vaters das letzte, das er sah…bevor ihn die Dunkelheit verschlang…

Vivi saß auf der flachen Steinplatte und ließ die Fersen gegen den Stein tippen. In ihrem Hintern hatte sie kein Gefühl mehr, die eisige Kälte drang sogar durch ihren dicken Mantel. Die Sonne schien nicht. Drohende Wolken hingen am Himmel. Sie saß im Schrein. Er sah genauso aus wie der, unter dem die heilige Höhle lag. Nur eben ohne die unterirdische Höhle. Das Triforce ruhte in der Trittplatte graviert, doch der Schlitz für das Masterschwert fehlte. Natürlich lag er an der Küste, mit wunderbarem Blick hinaus aufs Meer. Es war ruhig. Aber nicht nur das Wasser sondern alles hier. Herr Stone hatte einen Beitrag zum Wohle des Landes Island gespendet, der ihnen, ihr und Dan, Schwindel bereitet hatte. Die Zahl hatte so viele Nullen vor dem Komma gehabt, dass sie davon Kopfschmerzen hätte bekommen können. Als Dank hatten die Sponsoren ihnen tatsächlich die heilige Stätte überlassen, für drei Tage. Wegen Renovierung geschlossen. Haha. Aber bis jetzt war noch nichts geschehen. Nicht, dass sie wusste auf was sie wartete, doch Navi hatte ihr und Alexa versichert, dass sie von selbst wissen werden, was zu tun war, wenn das Erwartete, von dem sie nicht wussten was es war, endlich eintraf. „He, Vivi!“ Dan klopfte ihr auf den Kopf und setzte sich neben sie. „Sag mal, was hast du da Albernes auf dem Kopf?“ „Das ist nicht albern!“, schnauzte Vivi ihn an und drückte Bennys Geschenk an sich. „Das ist die Mütze des ersten Helden der Zeit! Sie ist ein Erbstück und schon seit vielen Generationen in Bennys Familie!“ Dan hob lachend die Hände, wie zur Abwehr. „Ist schon gut! Dann ist es eben nichts Albernes.“ Vivi seufzte. „Ich bin so aufgeregt.“ Dan legte ihr seinen Arm um die Schultern. „He, Schwesterherz! Wird schon alles gut! Du wirst sehen.“ „Nenn mich nicht so! Ich kann es Mum und Dad schon nicht verzeihen, dass sie mich Viktoria Elisabeth genannt haben!“ Dan lachte erneut auf. Sie beide lachten. Doch gleich darauf wechselte ihr großer Bruder plötzlich das Thema. „Sag mal, wir haben bis jetzt keine Zeit gehabt ausgiebig darüber zu sprechen, aber hast du geglaubt, dass wir von einem Helden abstammen, der die Welt gerettet hat? Und dass du so etwas Besonderes bist…eine magische Weise?“ Vivi schaukelte leicht hin und her. „Ich hätte noch nicht einmal geglaubt, dass es so etwas gibt! Als ich Benny das erste Mal getroffen hab und er uns erzählt hat wer er ist, hab ich echt gedacht der hat nen Schuss. Auch die Sache mit der Cola, ich hab gedacht das ist ein Trick. Aber als der Turm im Park aufgetaucht ist und als er uns gepackt hat…“ Sie sprach nicht weiter. Dan blickte aufs Meer. Er schaute in die Richtung in der viele Kilometer voraus der Turm der Götter sein musste. Wenn sie tatsächlich recht hatten. Und wenn nicht? Seit sie hier waren hatten sie keinerlei Nachricht erhalten. Sie wussten nichts. „Was meinst du was Benny gerade macht? Glaubst du er kämpft in diesem Moment mit diesem Kim?“ Vivi folgte seinem Blick. „Ich weiß nicht, glaube nicht. Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube wir sind alle in Gefahr.“ „Das sind wir schon die ganze Zeit.“, schmunzelte Dan um sie aufzuheitern. Doch es gelang nicht. Vivi bettete ihren Kopf auf die Knie. „Dan! Ich glaube wir werden in einer Welt erwachen, die nicht mehr so ist wie jetzt!“ „Glaubst du…die Welt wird zerstört?“ Vivi schloss die Augen. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Benny vor sich, wie er sein Versprechen gab und wie sie nur auf seine Lippen starren konnte. Ihre Wangen wurden warm als sie daran zurückdachte. Oh Gott! Sie hatte gar nicht nachgedacht was sie da tat. Sie hatte Benny einfach geküsst. Hatte sie sich verliebt? Nein, das glaubte sie nicht. Oder doch? Das war absurd. Benny war ein kleiner Junge. Erst acht Jahre alt. Aber wenn, nahm sie sich vor, Benny siegte und sie sich wieder trafen, würde sie ihn wieder küssen. Ja, ganz sicher. Trotzdem, sie konnte sich selbst versprechen was sie wollte, sie werde Benny nie wieder sehen, das fühlte sie.

Durch den Gang erklangen Schritte. Es klimperte metallisch. Dann drehte sich der Schlüssel im Schloss um und der Riegel wurde zurückgezogen. Die Tür ging auf. Mit einem kleinen Tablett in der Hand betrat Raik den Raum. Es war ein wenig zu düster im Raum. Die Sonne drang nur schwach hierher, zumal vor dem Fenster noch die Gitterstäbe ruhten. Hinter der Tür bewegte sich der Schatten. Er wollte sich auf Raik stürzen, Raik sah es, ob nun rechtzeitig oder nicht, es war ohnehin gleich. Denn wie von unsichtbarer Hand wurde Bennys Angriff abgefangen und gegen ihn selbst gerichtet. Er war nach vorne gestürzt, doch nun brannte sein Gesicht und er wurde zurückgeschleudert, gegen die Wand. Vor Schmerz brach er zusammen und kauerte in der Ecke. Als hätte er nichts gemerkt stellte Raik das Tablett mit Essen auf den Tisch. „Wenn ich mich in der Höhle des Löwen befände, wäre ich nicht so kühn!“, zischte Raik ohne ihn anzusehen. Benny durchbohrte ihn mit hasserfüllten Blicken. Dann wandte Raik sich zur Tür. „Du hast Besuch.“ Ironisch fügte er hinzu. „Ein kleines Gespräch zwischen Vater und Sohn, Herr Thelen? Mir scheint das bitter nötig zu sein.“ „Sind Sie sicher, dass Sie das richtig einschätzen können? Wie ich hörte haben Sie keine Kinder.“, antwortete Herr Thelen zwischen Tür und Angel. Dieses Mal ließ sich Raik nicht beeindrucken. Er schnaufte vergnügt. „Nun, einen lachhaften Schreihals, der mich in aller Öffentlichkeit bloßstellt, wäre mir auch nur ein Klotz am Bein. Und meinen Stand nur durch meine Tochter erhalten zu haben, mit dieser Schande könnte ich nicht leben. Sie müssen wirklich starke Nerven besitzen.“ Herr Thelen erwiderte nichts. Doch er ging auch nicht aus dem Weg, sodass Raik sich an ihm vorbeizwängen musste. Was Raik nichts ausmachte, denn diese Runde war an ihn gegangen. Lachend entfernte sich Raik und verschwand im Fahrstuhl. Wieder hatte Benny nichts verstanden. Sie redeten andauernd über Dinge, die er nicht kapierte! Ärgerlich schloss Herr Thelen die Tür. „Was für eine schreckliche Person!“, sagte er kopfschüttelnd. Mit schuldbewusstem Gesicht machte er einen Schritt auf Benny zu. „Nein! Geh weg!“, schrie Benny ihn an. Herr Thelen seufzte. „Na gut, Benny. Ich setze mich auf den Bettrand und wenn du dazu bereit bist dann kannst du dich neben mich setzen und wir reden. In Ordnung?“ Herr Thelen schritt zum durchgewühlten Bett und setzte sich darauf. Benny hatte die ganze Nacht und einen halben Tag darin geschlafen. Hierher war er gebracht worden, als er in diesen magisch erzeugten traumlosen Schlaf gefallen war und als er aufgewacht war, hatte er festgestellt, dass er eingesperrt war und alle Magie hatte nichts genützt. „Ich will nicht mit dir reden!“, brüllte Benny. „Ich rede nie nie nie wieder mit dir! Du bist ein böser Mensch!“ Herr Thelen lächelte. „Das machst du dir aber ganz schön leicht, Benny. Nur weil ich nicht auf der Seite des Helden der Zeit stehe heißt das nicht gleich, dass ich böse bin. Das gleiche gilt für uns alle und auch für Kim!“ Energisch sprang Benny auf die Beine. „Das ist eine Lüge! Kim will die Welt zerstören und du hast ihm auch noch dabei geholfen!“ „Die Welt wird nicht zerstört! Kim erfüllt nur seine Aufgabe und die verlangt lediglich eine neue Weltordnung. Wir müssen es tun, so verlangt es unser Schicksal!“ „Aber ich verstehe das nicht? Wir stammen doch vom Helden der Zeit ab? Warum bist du plötzlich zum Feind übergelaufen?“ Herr Thelen lachte. „Benny, ich war nie auf eurer Seite, auf der Seite des Helden der Zeit. Ich war schon seit meiner Geburt ein Anhänger des Großmeisters des Bösen.“ Benny wollte gar nichts mehr hören. Trotzig setzte er sich wieder in seine Ecke. „Und warum?“ „Weil ich ein Gerudo bin!“, sprach Herr Thelen eisern und stolz. Hätte Benny es nicht mit eigenen Ohren gehört, er hätte es niemals – niemals – für möglich gehalten. Auch jetzt tat er es nicht. „A…aber das…das geht nicht! Alle Gerudos haben rote…“ Sofort fiel ihm Kim ein. „Nein, ein Scheinzauber hätte mich nicht getäuscht!“ „So kompliziert habe ich gar nicht gedacht.“, lachte Herr Thelen und fuhr sich durch sein blauschwarzes Haar. „Ich habe es einfach gefärbt. So wie es Oma in ihrer Jugendzeit getan hat. Sie ist auch eine Gerudo. Damit haben wir uns hervorragend getarnt.“ Benny wurde regelrecht schlecht, als er das hörte.

„Und du bist auch ein Gerudo!“ Ein weiteres Mal sprang Benny auf. „Nein, das bin ich nicht! Ich stamme von der königlichen Familie Hyrules ab! Ich trage königliches Blut in mir!“, trotzte er. Herr Thelen seufzte und rollte mit den Augen. „Wie ich es gehasst habe, wenn Großvater euch von den albernen Abenteuern Links erzählt hat!“ Nun meinte er Großvater, den Vater seiner Ehefrau. Den, den er teilweise auch auf dem Gewissen hatte. Benny erinnerte sich jetzt, wie oft sich sein Vater darüber beklagt hatte. Es seien nur alte Legenden. Märchen. Sie seien aus dem Alter raus sich die immer und immer wieder anzuhören. „Sie sind nicht albern!“, protestierte Benny. „Ob albern oder nicht, der Held der Zeit hat verloren. Je eher du das einsiehst desto besser für uns beide.“ „Du bist genauso ein Betrüger wie Kim! Du hast dich auch in Mamas Vertrauen eingeschlichen! Du hast genau gewusst, dass sie die Nachfahrin von Link ist und dann hast du Mama deswegen geheiratet!“ Benny sah so klar wie noch nie. „Sogar das war alles geplant!“ Herr Thelen war bestürzt, diese Worte aus Bennys Mund zu hören. „Aber nein, Benny! Das war es nicht! Ich habe mich schon in deine Mutter verliebt als ich noch gar nicht wusste, dass ihre Familie der Feind ist. Und wenn es doch geplant war, dann vom Schicksal und nicht von mir.“ Er erhob sich und schritt zu Benny hinüber. „Und ich bereue es nicht eine Sekunde!“ Liebevoll strich er Benny über die Wange und nahm ihn in den Arm. „Schließlich hat sie mir zwei wunderbare Kinder geschenkt.“ Benny machte gar nichts. Weder erwiderte er die Umarmung noch wehrte er sie ab. Herr Thelen war sein Feind, aber er war auch sein Vater. Was sollte Benny denn nur machen? Was nur? „Wo ist Lin?“, fragte Benny. Herr Thelen horchte auf. „Ah! Eine gute Idee. Gehen wir Lin besuchen.“ Benny schrak auf. „Lin ist hier?“ „Natürlich ist sie hier, Benny. Wo sollte sie denn sonst sein? Komm, gehen wir.“ Herr Thelen reichte ihm die Hand, doch Benny erhob sich ohne seine Hilfe anzunehmen. Achselzuckend richtete Herr Thelen sich auf und verschwand aus der Tür. Nur langsam traute sich Benny aus dem Zimmer. Er vermutete eine Falle. Allerdings saß er doch schon längst in der Falle. Mit finsterem Gesicht trat Benny aus seinem Gefängnis und ebenso finster musterte er seinen Vater, der wiederum lächelte als sei alles in Ordnung. „Wir müssen mit dem Lift fahren.“, warnte ihn Herr Thelen. „Sogar recht hoch hinauf.“ Benny folgte, doch er lief eiskalt neben seinem Vater her. Herr Thelen fiel es offensichtlich schwer sich in der Missgunst seines Sohnes zu sehen. Natürlich, für sie alle war es nicht leicht. Nicht mehr. Er hatte Kims Worte im Kopf. Ich hatte nicht gedacht, dass du kommst… Ja, das hatte er auch nicht gedacht. Herr Thelen hatte wirklich mit dem Gedanken gespielt sich zu weigern. Er erinnerte sich an diesen einen fatalen Tag, an dem für ihn sein Leben geendet hatte. Als er von der Arbeit nach Hause gekommen war, frühzeitig. Es war schließlich ein Freitag gewesen. Mit riesigem Hunger war er in die Küche gewatet, eigentlich um sich ordentlich den Magen zu füllen. Doch als er Kim erblickt hatte, wie er bei seiner Familie am Küchentisch gesessen war und seelenruhig Zitronenkuchen gegessen hatte, da war ihm ein pechschwarzer Schock durch den Leib gefahren. Und als er dann die Augen auf ihn hatte ruhen sehen, diese stechenden gelben Augen mit den langen Pupillen. Da hatte er gewusst, dass sich sein Schicksal erfüllte. Dass sein Herr nun angekommen war, wo er doch, seitdem er erfahren hatte wen er da ehelichen wollte, gebetet und gefleht hatte, dieser Tag möge niemals kommen. So viele Generationen von Gerudos waren geboren und gestorben, ohne dass der Herr jemals ihnen die Ehre erwiesen hätte ihm dienen zu können. Warum hatte es ausgerechnet seine treffen müssen? Denn wäre er gestorben, oder zumindest ein alter Mann und seine beiden Kinder erwachsen, hätte das Blut des Gerudovolkes ihm nichts mehr anhaben können. Sein Blut hatte sich mit dem der Königsfamilie Hyrules vermischt und das war stärker, somit waren Lin und Benny frei von der bedingungslosen Folgsamkeit gegenüber dem König. Sie wären in Sicherheit gewesen. Doch sie waren beide noch Kinder. Noch schlimmer. Benny spielte den Helden und stürzte sich von einer Todesgefahr in die nächste. Und Lin… Lin hatte es auch noch getroffen! Lin war die auserwählte Frau! Woher hätte er wissen sollen, dass ausgerechnet seine Tochter auserwählt worden war? Beinahe verrückt war er während all der Warterei geworden. In der Nacht hatte er nicht schlafen können, im Büro sich nicht auf die Arbeit konzentriert. Ständig hatte er sich vorgestellt, dass Kim gerade seine Tochter… Es war so schrecklich unerträglich gewesen. Er hatte gebetet, jede Minute, Kim möge verschwinden, sich in Luft auflösen, von einem Auto überrollt werden, egal was! Er hatte sogar Mordgedanken mit sich in den Alltag getragen. Und hätte es die geringste Chance gegeben, so wäre er wirklich zum Mörder geworden! Für seine Familie! Aber es gab keine, hatte es nie gegeben! So hatte er Lin dem Herrn überlassen müssen… Und danach? Danach war die verzweifelte Angst gewesen, die er mit Kim geteilt hatte. Darüber, dass Lin bei der Geburt, oder sogar schon während der Schwangerschaft sterben könnte. Wer konnte sich schon vorstellen wie unendlich erleichtert er gewesen war, als dieses Mädchen, Melissa hieß sie, ihn kontaktiert hatte um ihm freudestrahlend mitzuteilen, dass alles glatt verlaufen war und beide, Mutter und Kind, wohlauf waren. Er hatte danach über eine Stunde nur geheult, wie ein kleiner Junge – Dann war da noch die schreckliche Sache mit seinem Schwiegervater. So hätte es nicht enden dürfen! Er hatte gewusst wie gefährlich Großvater für sie gewesen war. Er hatte gewusst, dass es das Beste war ihn irgendwie aus dem Haus zu schaffen. Alles hatte er bedacht und eine Seniorenkreuzfahrt organisiert. Aber verflucht! Großvater hatte abgelehnt. Natürlich aus eigenen Gründen, denn auch Großvater hatte gewusst wenn sich Lin ins Haus geholt hatte und sich strickt geweigert auch nur für länger als fünf Minuten das Haus zu verlassen. Was hatte er da noch tun können? Hätte er zu sehr gedrängt, hätte er sich verraten. Denn im Gegensatz zu Kim war seine wahre Identität verborgen geblieben. Aber Großvaters Tod hatte er nicht gewollt! Bennys Kopf war von ganz anderen Gedanken getrübt. Er hatte wieder dieses Mädchen vor Augen. Wer, verdammt noch mal, war sie? Was sollte ein kleines Mädchen hier? War sie auch eine Gerudo? Bestimmt, aber warum sah sie aus wie Lin? Benny kannte Lin in diesem Alter von früheren Kinderfotos. Und dieses Mädchen glich diesen Bildern aufs Haar… Bis auf die Augen – Wenn er nur daran dachte, spürte er schon diese gewaltige Kraft. Ja, dieses Mädchen strahlte vor Magie. Wenn sie schon so mächtig war, dass sie ihn nur mit einem Blick töten konnte, was konnte sie dann auf der Welt anrichten. Woher kam sie? Sie war ein Feind, aber das war schon alles was er über sie wusste. Jäh blieb Benny stehen. Herr Thelen, der nicht so empfindlich war, wandte sich fragend um. Und blickte in Bennys entsetztes Gesicht. Denn Benny spürte sie ganz deutlich, diese Macht, in seinem Rücken. „Ach, Riha!“, lachte Herr Thelen überrascht. „Bist du uns gefolgt?“ Das kleine Mädchen stand im Gang und strahlte. In ein hellroten Kleid mit flackerndem Saum und an den ärmellosen Schultersäumen flatternde Streifen Pergamentstoffes in Blütenform. Auf dem Kopf ein breitrandiger Sommerhut aus geflochtenem Stroh und einem roten Samtband. Um den Hals ein silbernes Medallion, das Triforce eingraviert. Ihre Hände spielten damit. Mit ihren Augen starrte sie Benny an, ohne mit der Wimper zu zucken. Angsterfüllt wich Benny zur Wand zurück. Ja, er hatte Angst vor diesem Mädchen, große Angst! Weil er die große Menge an Magie in ihr fühlte. Sie sprühte und strahlte regelrecht davor. Wie ein Stern in der Nacht…Nein! Sie alle waren Sterne in der Nacht – das Mädchen war die Sonne am Tag! Größer, mächtiger, strahlender. „Magst du mit uns kommen?“, fragte Herr Thelen mit sanfter Stimme. Da veränderte sich ihr Gesicht. Nun lächelte das Mädchen kindlich schüchtern und wandte den Blick ab. Sie nickte. Herr Thelen streckte ihr seine Hand entgegen und sie ergriff diese. Ihre feine und reine Hand lag so zerbrechlich in der groben Männerhand. Dann tat das Mädchen etwas, was Benny nicht erwartet hatte. Sie reichte ihm die zweite Hand. Ganz freundlich und wie ein unschuldiges Kind. Benny zögerte. Er starrte auf die kleine weiße Hand vor ihm. Das Mädchen musterte ihn und runzelte die Stirn. Dann ließ sie die Hand sinken und beachtete ihn nicht mehr. Sie schien nicht mehr warten zu wollen. Benny folgte ihnen. Ihm war mulmig zu mute. Gemeinsam stiegen sie in den Lift. Er fuhr an. Während sie warten mussten (nun da sich Benny an den Fahrdruck gewöhnt hatte, hatte er auch keine Gleichgewichtsschwierigkeiten mehr) spielte das Mädchen wieder mit ihrer Kette. Riha hieß sie. Es war so warm in ihrer Gegenwart. Sie war von einer seltsamen Aura umgeben, eine Magie ruhte in ihr, die er noch nie in seinem Leben gespürt hatte. Oder doch? Einmal hatte er diese Magie gespürt, sogar in gleicher Konzentration. Nur – eben nicht in einem Menschen! Denn es war die Magie der Erde! Als sie sich gebündelt hatte um sich in Lin zu versiegeln. Damals, in der Vergangenheit. Aber warum spürte er diese Magie jetzt in einem kleinen Mädchen? Irrte er sich etwa? Rihas Finger spielten noch immer mit dem Medallion. Der Hut flatterte bei jeder ihrer Bewegungen. Sie strahlte so hell. Immer wieder schielte Benny zu ihr herüber. Für einen winzigen Moment sah Benny die Flügel wieder. Silbern schimmerten sie, ganz fein Feder an Feder. Dann bemerkte das Mädchen seinen Blick und sah auf. Starr vor Schreck konnte sich Benny nicht rühren. Riha lächelte, doch ihren Lippen entschwand kein Wort. Unangenehm berührt schaute Benny weg. Nach einer kleinen Ewigkeit hielt der Lift inne. Vor ihnen teilte sich die Wand. Für einen großzügigen runden Raum. Durch zahlreiche breite Fenster im Barockstil schien die schwere Nachmittagssonne herein und tauchte das Zimmer in Wärme. Die vielen Gläser und Schmuckstücke auf den Kommoden glitzerten in den schönsten Farben wider. In der Mitte zog ein großes Bett die Aufmerksamkeit auf sich. Allerdings war es leer. Am mittleren Fenster saß auf einem gepolsterten Stuhl – Lin! Die die frische Luft genoss, die ununterbrochen durch das Fenster einlieb nahm. Sie trug einen goldenen Kimono mit langem Saum. Das Haar fiel ihr in Locken an den Schultern herab. Benny wusste es nicht, aber es war beim alten Stamm der Gerudos Brauch während und nach der Geburt Kleider bestimmter Farbe zu tragen. Wobei dunkel einen niederen und hell einen hohen Stand symbolisierte. So trugen damals einfache Arbeiterinnen oder Wächterinnen ein braunes Gewand, Kriegerinnen bereits graue Gewänder und Frauen von besonderem Stand, wie etwa Ratsmitglieder und Priesterinnen, trugen brozefarbene Kleider. Lin jedoch nahm, freiwillig oder nicht, den höchsten Stand ein, den eine Frau zu erreichen imstande war. Somit hatte man für sie ein Kleid in reinem Gold gewählt. Eine Frau stand hinter ihr und wirkte überaus nervös. Verwunderlich war es nicht, denn Raik war ebenfalls neben dem Stuhl, die Hände auf dem Fensterbrett. Er redete mit Lin. Für einen Moment traute Benny seinen Augen nicht. Aus zwei Tatsachen: Erstens, er hatte Lin seit vielen Tagen nicht gesehen. Er war so überwältigt von ihrem Wiedersehen, wo er sie doch hatte entbehren müssen, obwohl sie Geschwister waren und sich frührer tagtäglich auf der Pelle gehockt hatten. Zweitens, Lin saß einfach da und unterhielt sich als sei nichts. Als wäre alles gut. Dabei waren das doch die Feinde! Warum also – Oder war sie auch einer? War sie, wie ihr Vater, ebenfalls zum Feind übergelaufen? Ja! Dann war die Entführung vielleicht keine Entführung – sie hatte ihm auch sein Leben lang etwas vorgespielt! Oder es war doch eine Entführung und sie hatte sich in der Zeit der Gefangenschaft einer Gehirnwäsche unterziehen müssen und wusste jetzt nicht mehr was gut und was böse war! Das hieße…er war wirklich der Einzige, der noch gegen Kim stand. Der Einzige! Nein, das konnte alles nicht sein! Niemals Lin! Sie war doch dabei gewesen, als sie in der Vergangenheit gegen das Böse gekämpft hatten! „Lin!“, rief Benny um auf sich aufmerksam zu machen (es war höchst verwunderlich warum die Anwesenden ihr Eintreffen nicht ohnehin schon bemerkt hatten) und wollte zu ihr laufen. Doch sein Vater hielt ihn zurück. „Nein, Benny. Du kannst nicht zu ihr!“ „Was? Warum nicht?“ Benny stieß den Arm weg und wollte ihn schon einfach übergehen. Doch Herr Thelen fuhr fort: „Lin ist noch zu schwach, darum wünscht der Herr keine Beeinflussung durch uns, die sie nur unnötig aufregen könnte. Er hat einen magischen Bannkreis im Raum errichtet, um uns fern zu halten.“ Benny traute seinen Ohren nicht. Ärgerlich dachte er, sein Vater belog ihn, jedoch war er vorsichtig genug langsam mit ausgestreckten Händen voranzuschreiten. Bis er wirklich gegen etwas stieß. Gegen eine unsichtbare Barriere. Als seine Hände sie berührten entstanden fließende Kreise, wie es sie gab, wenn man Steine ins Wasser warf. Als sie sich legten war da wieder nichts, zumindest nichts was man mit bloßem Auge sehen konnte. Die Drei hinter der Barriere schienen nichts, absolut gar nichts!, mitbekommen zu haben. Nichts! Aus lauter Frustration schlug Benny mit den Fäusten gegen die Barriere, schlug mit seiner Magie um sich, doch es half nichts. Kopfschüttelnd seufzte Herr Thelen. Riha verfolgte das Schauspiel der Verzweiflung, schweigend aber interessiert. Da regte sich Raik. Verwundert sah er auf. Mitten in der Bewegung hielt Benny inne. Endlich hatte man Notiz von ihm genommen… Lin folgte dem Blick des Mannes – den sie auf den Tod nicht ausstehen konnte, den sie aber in ihrer Nähe dulden musste. „Was habt Ihr, Hauptmann?“ Sie hatte sich die Sprachweise angewöhnt, die ihr bereits in der Vergangenheit zu Ohren gekommen war, mit der sie von allen hier angeredet wurde und von der Erika ihr geraten hatte sie zu gebrauchen. „Nichts, Herrin. Jedoch scheint mir Ihr bekommt Besuch, der Eurer würdig ist!“ Lin sah ihn kommen. Benny dachte tatsächlich nun würde die Barriere weichen, weil sie ihn bemerkt hatte. Doch dann erkannte er, dass Lin und die anderen nicht ihn anschauten, sondern an ihm vorbei sahen. „Herr…“, murmelte Herr Thelen und verbeugte sich. Mit einer möglichst unauffälligen Geste bedeutete er seinem Sohn aus dem Weg zu gehen, doch natürlich dachte Benny nicht daran. Seine Hand fuhr zu seinem Nacken. Er war felsenfest entschlossen! Doch da war kein Metall, das er sonst in seinem Rücken spürte. Ihm fiel ein, dass ihm das Masterschwert abgenommen worden war und fragte sich wo es sich nun befand. Während er vollkommen bewegungslos dastand um sich Gedanken um sein Schwert um den Kampf und um Kim zu machen, der immer mehr auf ihn zukam, beachtete ihn Kim nicht im Geringsten. Das bekam Benny schon im nächsten Augenblick am ganzen Leib zu spüren. Ein Wink Kims und er spürte ein weiteres Mal diesen erdrückenden schwarzen Schwall an Magie. Ein Druck, der ihn zu zerquetschen drohte. Er wurde von nichts zur Seite geschleudert. Rollte noch einige Meter über den Boden ehe er zum Erliegen kam. Ein zweites Mal spürte er jeden einzelnen Knochen schmerzlichst, den er besaß. Das kleine Mädchen sprang Kim freudig entgegen. „Riha! Da steckst du also.“, sagte Kim liebevoll. Riha schloss sich ihm an, als er durch die Barriere lief als existiere sie nicht. Raik verneigte sich und wich etwas zurück um nicht im Wege zu stehen. Auch Erika verbeugte sich und wich. Riha rannte ihr entgegen und setzte sich arglos auf ihren Schoß. Lin schaukelte sie hin und her und sie kicherten wie Kleinkinder. Kim schaute eine Weile zu ehe er sich am Fenster hinauslehnte. „Was für ein herrliches Wetter!“ Keiner antwortete ihm. Weil keiner wusste an wen es gerichtet war. Darum wandte er sich zu Lin um. Diese stöhnte theatralisch. „Wenn ich eine alte Frau wäre, dann würde ich dir antworten.“ Kim lachte. „Wie geht es dir?“ „Besser als gestern. Ich erhole mich langsam… Also, du hast was du wolltest, warum bin ich dann immer noch hier eingesperrt?“ „Du bist nicht eingesperrt!“ Er schwang aus um die Fenster zu umfassen. „Du sollst dich nur etwas ausruhen. Wenn du wieder gesund bist kannst du gehen wohin du willst. Natürlich erhoffe ich mir, dass du hier bleibst.“ Lin strich ihrer Tochter über die Wange. Es war ohnehin kaum zu glauben – sie war Mutter! Die Schwangerschaft, wenn man es einfach Schwangerschaft nennen konnte, war zu kurz verlaufen um zu realisieren was da geschah. „Du willst natürlich auch, dass ich bleibe, oder?“ Riha nickte breit grinsend. „Na gut, vorerst werde ich das tun.“ Riha schlang die Arme um ihren Hals und kuschelte sich bei ihr ein. Sie dagegen lehnte sich entspannt zurück und begann Riha in den Schlaf zu streicheln. Der Hut rutschte vom Kopf und flog, einer Feder gleich, zu Boden. Sein Vater reichte ihm die Hand. „Komm, Benny. Wir sollten gehen.“ Benny blieb wie erstarrt wo er war. Er konnte es nicht fassen! So viele Sorgen hatte er sich um Lin gemacht, so Schlimmes sich ausgemalt – aber Lin tat als wäre das alles ein kleiner Ausflug gewesen! Sie schien gar nicht gefangen gewesen zu sein! Sie war hier, weil sie es gewollt hatte – sie hatte sich Kim angeschlossen! Sie hatte sich gegen den Helden der Zeit und damit gegen ihn selbst gestellt! Genau wie ihr Vater! Sie war eine Verräterin! Umringt im Nest des Feindes. Für einen winzigen Moment drehte Kim den Kopf und warf ihm einen Blick zu. Benny wusste, dass, wenn es auch für alle anderen nicht zutraf, er ihn durch die Barriere sehen konnte. Es war ein überlegener, gehässiger und überaus gemeiner Blick! Benny hasste ihn mehr als er jemals im Stande gewesen war zu hassen! Herr Thelen hob ihn auf die Beine. „Komm, wir gehen!“, sagte er streng und bestimmt. Benny ließ sich mitschleifen. Doch er hörte nicht auf, auf den Stuhl zu starren, auf dem Lin saß, das seltsame Mädchen im Schoß. Bis der Lift sich in Gang setze und der Raum verschwand… Nun war Benny ganz allein… Seine Verbündete, seine Freunde, waren so weit weg und er fühlte sich einsamer denn je. Ihm war zum Heulen zumute. Wenn doch nur Vivi und Alexa und Dan und Herr Liebgraf hier wären! Er vermisste sie so schrecklich! Er war so einsam! Herr Thelen legte ihm den Arm um die Schultern. „Nimm es nicht so schwer.“, sagte er mitfühlend. Sie waren bereits im Gang mit der Gefängniszelle. „Du wirst sehen morgen sieht es schon ganz anders aus.“ Wie vom Blitz getroffen verzog Benny eine eiskalte Miene. „Klar. Du musst es ja wissen!“ Er riss sich den Arm von den Schultern und lief voraus. Doch gleich darauf lagen Herr Thelens Hände auf seinen Schultern um ihn sicher in sein Gefängnis zu geleiten, denn er hatte tatsächlich vorgehabt einfach daran vorbeizustolzieren. Ordentlich schloss Herr Thelen die Tür hinter ihnen. Betrübt ließ sich Benny auf das Bett sinken. Herr Thelen setzte sich genau neben ihm nieder, also rutschte Benny bis an den Rand um möglichst entfernt von ihm zu sein. „Was soll das, Benny? Womit habe ich das verdient?“, fragte Herr Thelen traurig. „Womit habe ich verdient, dass du mich ausspioniert und verraten hast? Und dass du mich ohrfeigst während du dich vor Kim verbeugst?“, fauchte Benny zurück. „Du wirst dich auch bald vor Kim verbeugen.“, gab Herr Thelen streng zurück. „NEIN!“, zischte Benny wütend. „NIEMALS! Eher sterbe ich!“ „Dann bist nicht nur ein besiegter Held der Zeit, sondern ein dummer obendrein!“, sagte sein Vater im noch strengen Tonfall. Verbittert kehrte er seinem Vater den Rücken zu und lehnte sich über das Breitbrett am Kopfende des Bettes. Herr Thelen hatte vollstes Verständnis für die schwere Situation, die sein Sohn durchzustehen hatte, und es zerriss ihm schier das Herz, als er Benny weinen hörte. Herr Thelen rutschte hinüber zu ihm. „Ach, Benny!“, seufzte er, legte die Arme um seinen kleinen Sohn und drückte ihn an seine Brust. Benny weinte weiter, es dauerte einige Zeit, bis Herr Thelen ihn so beruhigt hatte, dass er sich fassen konnte. Herr Thelen zog ein Taschen-tuch hervor und wischte ihm die Tränen weg. „Jetzt reden wir, in Ordnung Benny? Wie es dieser Raik gesagt hat, ein kleines Gespräch zwischen Vater und Sohn.“ Er lachte. Und auch Benny sah auf und lächelte ein wenig, ehe er sich laut schnäuzte. „Ich mag den Mann überhaupt nicht! Er ist genauso gemein wie Kim!“, meinte Benny. „Ich mag ihn auch nicht.“, stimmte Herr Thelen zu. „Und er ist noch schlimmer als Kim, weil er sich, im Gegensatz zu Kim, gar kein so arrogantes Auftreten erlauben dürfte!“ „Was heißt arragant?“ „Arrogant, Benny. Wenn jemand arrogant ist, ist er…wie soll ich das erklären…“ Herr Thelen kratzte sich am Hinterkopf, wo sein Haar bereits schütter wurde. „…eingebildet, er ist ein Angeber.“ „Das ist der Markus aus meiner Klasse auch!“, erzählte Benny. „Mein Chef auch.“, entgegnete auch Herr Thelen. Sie grinsten sich beide zu. Die Spannung zwischen ihnen hatte sich gelegt, darüber waren beide erleichtert. Es war für sie schwer gewesen, für Benny, dass sein Vater nicht auf seiner Seite stand und für Herrn Thelen ihn so verzweifelt und in Gefahr zu sehen. Darum tat es gut, dass sie nun gemeinsam lachen konnten. Auch wenn es nur kurz war, denn Benny wurde ernst. „Wer ist dieses Mädchen?“ „Mädchen?...Ah, du meinst Riha!“, beantwortete Herr Thelen seine eigene Frage. Benny nickte. „Genau, du hast sie Riha genannt, und Kim auch!“ Herr Thelen lehnte sich vor und schien zu überlegen. Wie er sich ausdrücken sollte. „Nun, sie ist meine Enkelin und deine Nichte!“ „Nichte?“, fragte Benny stirnrunzelnd. „Ja, Lins Kinder sind deine Nichten und Neffen.“, erklärte Herr Thelen. Benny war völlig verwirrt. „Wieso Lins Kinder? Hä?“ „Du hast schon richtig gehört, Riha ist Lins Tochter!“ Eifrig schüttelte Benny den Kopf. „Das geht nicht! Lin ist doch noch nicht verheiratet!“ Herr Thelen lachte. „Benny, weißt du, zum Kinderkriegen muss man nicht verheiratet sein. Deine Mutter und ich waren auch noch nicht verheiratet, als sie Lin schon in ihrem Bauch hatte.“ Ja, das war eine furchtbare Zeit gewesen. Sie hatten schon heiraten wollen, bevor seine Frau mit Lin schwanger war. Doch ausgerechnet zwei Tage vor der Hochzeit war seine Schwiegermutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ihr früher Tod hatte sie alle stark mitgenommen. Fast zwei Jahre hatte es gedauert bis sie dann den zweiten Heiratstermin festgelegt und geheiratet hatten. Da war seine Frau bereits im siebten Monat gewesen. Füllig und kugelrund, aber munter und glücklich und voller Vorfreude auf das Kind. Und statt sich mit Alkohol, wie er, zuzuschütten hatte sie eine Schüssel Chips nach der anderen verputzt (wie sie es übrigens später auch bei Benny tun sollte) um am nächsten Tag nur über der Kloschüssel zu hängen. Aus lauter Schadenfreude hatte er ein Foto nach dem anderen geschossen und sie war so schrecklich sauer auf ihn gewesen. „Aber wieso? Lin kann doch keine Kinder –“ Dann kam Benny ein schrecklicher Gedanke und sein Gesicht verfinsterte sich. „Wer ist der Vater? Doch nicht etwa…“ „Ich fürchte doch, Benny.“, seufzte Herr Thelen. Weil er nicht mehr sitzen konnte erhob sich Benny. Seine Beine zuckten nervös, darum lief er im Raum hin und her. „Das geht nicht! Das kann nicht sein! Du lügst! Du redest Blödsinn…Ihr wollt mich nur unsicher machen, weil ich euch in Wirklichkeit noch schlagen kann!“ „Welchen Grund hätte ich denn zu lügen? Und nein, es gibt nichts mehr was du tun kannst.“ Trotzig blieb Benny stehen. „Nein! Die kann nicht Lins Kind sein! Die ist so alt wie ich! Sie könnte meine Zwillingsschwester sein!“ „Die heißt Riha und steht über dir, also pass auf wie du dich ihr gegenüber benimmst. Schlechte Manieren könnten dich den Kopf kosten! Es stimmt, sie sieht älter aus als sie ist, sie ist erst ein paar Tage alt.“, entgegnete Herr Thelen. Benny sprang freudig auf. „Ha! Du lügst! Wenn die…wenn Riha“, er sagte es so übertrieben, dass es bereits abfällig klang. „erst ein paar Tage alt wäre, dann könnte sie niemals so groß sein! Sie ist bestimmt irgendeine blöde Gerudo, wie ihr alle!“ „Pass auf was du sagst!“, warnte ihn Herr Thelen. „Und wenn du meinst Riha wäre irgendeine Gerudo, dann erklär mir mal diese verblüffende Ähnlichkeit mit Lin.“ Wie mit kaltem Wasser übergossen blieb Benny stehen, die Augen aufgerissen. „Und warum sie diese einmaligen Augen besitzt wie sie nur Kim hat.“, fuhr Herr Thelen fort. Stimmt…das hatte Benny gar nicht bedacht. Langsam fing er an, an allem zu zweifeln, was er kannte. Er hatte sie doch selbst erst für Lin gehalten, diese Riha. Sie sah aus wie Lin, das stimmte, und sie hatte diese Augen, wie er sie nur von Ganon und Kim kannte, auch das stimmte. „Aber…aber…“ Benny wusste gar nicht wie er sich ausdrücken sollte. „Wie…Lin ist doch viel zu jung! Man muss doch erwachsen sein um ein Kind zu bekommen!“ Benny verstand die Welt nicht mehr. „Und verheiratet und ein großes Haus haben und arbeiten und…“ „Ich weiß wie schwierig das für dich ist.“, tröstete ihn Herr Thelen. „Aber jetzt bist du noch zu klein. Ich werde dir alles später einmal erklären, wenn du älter bist. Vorerst reicht es aus was ich dir gesagt habe.“ Dann sah er hinaus. Die Sonne hing knapp über dem Horizont. Das Meer glitzerte sanft wie kleine Kristalle. Man konnte es von hier aus sehen, wenn man sich ans Gitter lehnte. „Es wird zeit zu gehen.“, stellte er fest und erhob sich. „Du solltest dich für morgen ausruhen und früh schlafen gehen.“ Sofort war Benny misstrauisch. „Warum?“ Herr Thelen lächelte so übertrieben freundlich. „Na weil morgen der große Tag ist! Oder hast du nicht aufgepasst? Deine drei Tage sind um!“ Benny traf der Blitz. „Wie? Was… Morgen wird die Welt zerstört…“ „Morgen wird die Welt neu geordnet, Benny! Gleich bei Sonnenaufgang.“ „Oh nein! Ich…ich…“ Benny sprang herum wie ein aufgescheuchtes Huhn. Herr Thelen ergriff ihn augenrollend und drückte ihn auf den Stuhl am Tisch. „So, jetzt wird sich beruhigt, gegessen und geschlafen! Morgen hast du genug Zeit dich aufzuregen. Ich komme dann morgen früh wieder.“ Er kramte in seiner Tasche und wunderte sich, dass Benny artig am Tisch sitzen blieb und ihn nur anstarrte. Herr Thelen zog den Schlüssel heraus. „Kannst du die Tür nicht offen lassen?“, bettelte Benny. Verwundert wandte Herr Thelen sich um. Traurig schüttelte er den Kopf. „Nein, Benny. Das ist Anweisung von Oben, ich kann mich nicht widersetzen.“ „Aber ich kann es doch auch!“ „Aber du bist ja auch der Held der Zeit… Zerbrich dir nicht so viel den Kopf, Benny. Morgen…morgen wenn…wenn alles vorbei ist, dann sehen wir weiter. Schlaf schön…“ Damit fiel die Tür zu und das verräterische Klicken des Riegels erklang. Schritte, die sich langsam entfernten. Benny seufzte und wandte den Blick ab. Auf dem Tablett stand eine Plastikflasche mit stillem Mineralwasser und zwei Scheiben Brot mit Nutella. Na toll! Jetzt kam er sich erst recht wie im Gefängnis vor. Bei Wasser und Brot! Na toll! Weil er Hunger hatte musste er sich damit begnügen. Doch während er lustlos aß und trank gingen ihm tausend Gedanken durch den Kopf. Über alles was passiert war und nicht nur seitdem er hier war, sondern seitdem diese beiden Skelette so plötzlich vor ihm erschienen waren. Damals in Lins Zimmer, als sie ihm was zu Trinken hatte holen wollen. Hach… Was hatte er nur falsch gemacht? Wie hatte sich Kim so in ihrer aller Vertrauen schleichen können? Warum hatte ihn nicht einmal Link durchschaut? Link hätte ihn doch durchschauen müssen! Link war doch der einzige, der wahre Held der Zeit! Stöhnend lehnte Benny sich zurück. Es war alles so schrecklich falsch, falsch, falsch! Jäh verlor er das Gleichgewicht und kippte schreiend nach hinten um. Aber es war ihm egal. Nachdem er sich vom ersten Schock erholt hatte und der Schmerz langsam einzog, blieb er einfach liegen und starrte an die Decke. Er war nicht der Held der Zeit! Er war nicht der Retter! Denn…es gab keine Rettung…

Ganon lachte. „Hast du es jetzt endlich eingesehen, Held der Zeit. Du hast versagt, wie alle deine Vorgänger und alle deine Nachfolger!“ „Nein! Das darf nicht sein!“, keuchte Zelda. „Du lügst!“ Abfällig winkte Ganon ab. „Nur zu, verdrängt die Realität. Die ganze Zeit über hat es auch geklappt, warum sollte es jetzt nicht mehr so sein? Geht und genießt eure Totenruhe, ihr seid so oder so machtlos!“ „Das stimmt nicht!“, knurrte Darunia. „Wir haben dich bereits zweimal aufgehalten, es wird auch ein drittes Mal geben!“ Salia faste neuen Mut. „Genau!“ In ihren Händen bündelte sie ihre Magie. Die schillernd grüne Magie des Waldes. Darunia und Ruto schlossen sich ihr an. Feuer und Wasser. Impa fürchtete nichts Gutes. „Wartet!“ Doch es war schon zu spät. Mit einem Aufschrei vereinten sich ihre Magien zu einem einzigen weißen Strahl. Ein Kopf bildete sich am Ende, der Kopf eines Ungetüms. Das Wesen aus Magie öffnete sein Mal weit um Ganon in einem Stück zu verschlingen. Ganon hatte nur ein bemitleidenswertes Lächeln für die Weisen übrig. „Wie lachhaft!“ Seine Hand veränderte ihre Form. Aus der kräftigen Menschenhand wurde eine Pranke, gewaltig und schwarz. Mit einem Hieb zerriss er den Magiestrahl und schoss seine eigene, schwarze Magie ihnen entgegen. Natürlich waren die Weisen zu schwach, sie wurden von der Gewalt einfach hinweggefegt. Impa sah die drei schreienden Weisen auf sich zufliegen. Geschmeidig wich sie aus und sah Ganon kalt und unbeeindruckt entgegen. Was sie allerdings keineswegs war. Immer wieder von neuem konnte man sich vor dieser gewaltigen Macht fürchten, die der Großmeister des Bösen besaß, sogar noch bis in den Tod. Stöhnend blieben die Verletzten liegen. „Pah, jämmerliche Spielfiguren!“, stieß Ganon angewidert aus. „Dass ihr es wagt mich anzugreifen. Aber das ist jetzt egal – das Kind ist bereits geboren worden!“ „Was?“, schoss es aus allen Mündern. „Oh ja! Bekommt ihr denn gar nichts mit? Ein süßes kleines Mädchen, ich muss sagen, es hat die Schönheit seiner Mutter geerbt!“ Erneut lachte er. „Ihre Magie der Erde übrigens auch!“ „Noch gibt es Hoffnung!“, stieß Zelda aus. „Natürlich, die gibt es doch immer. Bis sie ausgelöscht wird! Genauso wie bei dem Helden der Zeit!“ Mit dem Finger deutete er auf Link. „Er ist schon hoffnungslos.“ Zelda beugte sich zu ihm herunter. „Nein, Link! Sag, dass es nicht wahr ist! Wir müssen sie aufhalten!“ Links Gesicht war eingefallen. Die Augen schwarz. Er konnte nicht aufsehen… Weil er sich das Grinsen verkneifen musste… Seine zitternde Stimme erklang. „Wir…wir haben verloren…“

Da Benny ein kleiner aufgeweckter Junge von doch nur acht Jahren war, hatte er auch den gesunden Schlaf eines kleinen aufgeweckten Jungen, der doch nur acht Jahre zählte. Also tief und fest. „Benny…“ Eine Hand rüttelte an ihm. Seine Mutter? Nein, die war nicht so ungeschickt und unsanft. Vivi? Nein, die hätte ihm doch glatt ins Ohr geschrieen. Alexa? Nein, die hätte es genauso gemacht wie Vivi. Herr Liebgraf? Nein, der schrie wirklich, man denke nur an damals im Hotelzimmer. Großvater? Nein, der war tot……TOT!!! Mit einem Schlag war Benny hellwach und starrte in das verdutzte Gesicht seines Vaters. „Guten Morgen, Benny. Endlich bist du wach.“ Denn Herr Thelen war schon satte zehn Minuten damit beschäftigt gewesen. Benny setzte sich auf und rieb sich die Augen. „Ist es schon Morgen?“ Die ersten verschlafenen Sonnenstrahlen blinzelten bereits über dem Horizont hervor, aber das konnte man von hieraus nicht erkennen, da das Fenster auf der Westseite lag. „Ja, schon eine ganze Weile…hier!“ Mit vor Unwohlsein zitternden Händen legte Herr Thelen seinem Sohn ein Schwert mitsamt der Scheide in die Hand. Benny staunte nicht schlecht. „Das Masterschwert! Aber warum…?“ „Der Herr…ach was solls – Kim schickt dir das als kleine Aufmerksamkeit.“ „Hä? Wollt ihr mich veralbern?“ „Nein. Ganz und gar nicht.“, sagte Herr Thelen.

„Im Gegenteil, du wirst als Einziger die Ehre haben der Welterneuerungszeremonie hach, klingt des nach Tales of Symphonia? Zu meiner Verteidigung: Es ist halbeins! *gähnnnnnn* persönlich beizuwohnen. Kim will dir eine Chance geben dich zu beweisen um zu sehen ob du würdig bist als Überlebender auserwählt zu werden.“ Das stimmte so nicht ganz, Kim hatte es zwar so gesagt, doch er hatte noch etwas hinzugefügt. Wie hatte er gemeint? Er wolle noch etwas Zerstreuung bevor es an die Arbeit ging…Genau das war sein Wort gewesen. Zerstreuung… Aber davon erzählte Herr Thelen Benny nichts. Trübsinnig ließ Benny das Schwert sinken. „Wozu denn? Es hat doch sowieso alles keinen Sinn mehr…“ Er gab verzweifelt auf, wie jedes Kind in seinem Alter das tun würde. „Aber…was meinst du mit als Einziger? Du und die anderen seit nicht dabei?“ Herr Thelen schüttelte den Kopf. „Nein, Kim will uns nicht einmal im Turm haben. Nur du und Riha und Lin dürft hier bleiben. Alle anderen haben ihn bereits verlassen und ich muss jetzt auch los. Da drüben steht dein Frühstück, iss und lass dir Zeit so viel du brauchst. Danach steig in den Fahrstuhl, er bringt dich genau zum Gipfel des Turmes, dort wo Kim auf dich wartet.“ Sein Vater machte anstallten aufzustehen, doch Benny hielt ihn noch ein letztes Mal zurück. „Ich hab darüber nachgedacht. Gibt es wirklich ein paar Menschen, die nicht getötet werden?“ Leise lachend setzte sich Herr Thelen wieder nieder. „Natürlich, Benny! Was für einen Sinn hat Neuordnung, wenn man alles zerstört?“ „Was ist mit Mama?“, drängte Benny. „Und Opa und Oma?“ Stolz es ihm sagen zu können, schließlich hatte Herr Thelen hart dafür kämpfen müssen, verkündete er: „Unsere ganze Familie ist auserwählt. Sogar Mama! Wir werden in der neuen Welt eine glückliche…“ „Und was ist mit Vivi?“, fiel Benny ihm ins Wort. „Und Alexa und Dan und Herr Liebgraf und Navi? Mit allein meinen Freunden? Du hast sie doch gesehen!“ Da wurde Herr Thelens Gesicht trübe. „Ich fürchte, Benny…“ Setzte er langsam an. „…keiner von ihnen wurde auserwählt.“ Benny stieß mit der Faust gegen die Wand. „Nein!“, brüllte er. „Das lasse ich nicht zu!“ Sein Trübsinn war vergessen. „Ich will sie nicht verlieren nur weil Kim meint die Welt zerstören zu müssen!“ „Neu zu ordnen!“, verbesserte Herr Thelen. „Benny, für eine höhere Aufgabe müssen nun einmal Opfer gebracht werden.“ „Nein, müssen sie nicht!“ Benny sprang auf und zog das Schwert aus der Scheide. Die Klinge glitzerte im fahlen Licht der Decke. „Ich werde es verhindern!“ Herr Thelen erhob sich. Väterlich und mit einem letzten Lächeln, das Mitleid aber auch unglaublichen Stolz in sich barg, legte Herr Thelen seinem Sohn die Hände auf die Schultern. „Ja Benny, tu dein Bestes!“ Herr Thelen wusste, dass Benny nicht den Hauch einer Chance hatte, aber Benny war stark und wenn er konnte sollte er Kim richtig beeindrucken. Er nahm ihn in den Arm und drückte ihn ein letztes Mal fest an sich. Dass Benny fast keine Luft bekam. „Auch wenn ich dein Feind bin, Benny – ich wünsche dir viel Glück!“ Benny befreite sich aus seinem Würgegriff.

„Und weil ich dein Feind bin, Papa, entschuldige ich mich schon jetzt dafür, dass ich deinen Herrn besiegen werde!“ Herr Thelen fiel in ein Lachen ein, kein Hohnlachen, sondern ein heiteres und zuversichtliches Lachen. So sehr, dass ihm die Tränen kamen. Oder war es doch aus einem anderen Grund? Er zerwuselte Bennys, ohnehin schon wuseliges, Haar. „Bis dann, Benny.“ Mit einem allerletzten Lächeln, das sie sich gegenseitig schenkten, verschwand sein Vater aus seiner Sicht, für immer… Doch die Tür blieb weit offen. Nicht aus Hunger sondern aus Nervosität verschlang er die beiden Nutellabrote und trank die lauwarme Milch. Langsam aber sicher hasste er Nutella! Weil er in den letzten beiden Tagen seines Lebens nur schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Nie wieder Nutella, schwor er sich. Das hat ohnehin so viel Fett und Kalorien. Das zumindest predigte seine Mutter immer wieder seinem Vater vor, wenn dieser mal wieder Pausenbrote mit eben diesem verruchten Belag für ihn bestrich. Entschlossen band sich Benny das Schwert auf den Rücken, strich sich die Haare glatt und leckte sich die Nutellaflecken um den Mund weg. Er war bereit! Er war mutig! Er war stark! Er war entschlossen! Er war bereit! Sein größtes Abenteuer endlich zu einem Ende zu bringen. Und was für ein Ende es sein sollte, dass wusste er allerdings noch nicht… Die leichte Vibration des Lifts, als dieser sich in Bewegung setzte, läutete das Schicksal der ganzen Welt ein. Der Fahrstuhl fuhr und fuhr und fuhr und Benny kamen die Sekunden vor wie Stunden und die Minuten wie Tage. Das Masterschwert lag ruhig auf seinem Rücken. Es kam ihm vor als wäre es um das Doppelte schwerer geworden war. Die Warterei war unerträglich. Er war so nervös, dass er Lin imitierte. Er kaute zum ersten Mal auf seiner Unterlippe herum. Und zwar ordentlich. Benny zog die Hose hoch und schnallte den Gürtel noch enger, rollte auch die Ärmel etwas hoch. Die Klamotten waren einfach zu groß geworden. Weil er doch in die falsche Richtung gewachsen war. Er war geschrumpft. Eigentlich hatte er neue, ihm besser passende, Kleidung angeboten bekommen, aber er hatte sofort und heißer abgelehnt – schließlich waren die Klamotten geklaut! Er hatte mächtig Bange davor gehabt, sie könnten dahinter kommen. Wo es doch nur aus reiner Not geschehen war! Auf alle Fälle musste er aufpassen, dass sie nicht zerrissen, er wollte sie unbedingt dem Laden zurückbringen, er war doch kein Dieb! Aber die Klamotten waren jetzt nebensächlich! Mit Schwung zog er das Masterschwert aus der Scheide. „Ich werde die Welt retten und wenn es mich mein Leben kostet!“ Genau! Die Decke riss auf und er stand im Freien. Über den Wolken, auf dem Dach des Teufelturms. Doch seltsamerweise war es hier weder windig, noch kalt, noch war die Luft überdünn. Nun, seltsam war es nur, wenn man nicht wusste, dass um den Turm ein durchsichtiger Schutzfilm lag, der sie alle von den Luftdruckbegebenheiten bewahrte. Kim wartete bereits auf ihn. Eine schwarze Tracht angelegt, das goldene Diadem leuchtend in der aufgehenden Sonne. Das Schwert wie ein Todesengel vor sich, mit ruhigen Händen umklammert. Auch Riha war da. Sie saß am Rand und ließ die Beine ins Leere baumeln. Sie hatte ihr schlichtes weißes Kleid wieder an, doch der Sommerhut thronte auf ihrem Kopf. Aber Benny beachtete sie nicht. Denn jetzt war sie nebensächlich. Kim bewegte sich nicht. Er wartete ab. Selbstbewusst hob Benny das Masterschwert. Die heilige Klinge schimmerte im sanften Licht der aufgehenden Sonne. Es war ein herrlicher, ein verheißungsvoller und doch so schicksalhafter Tag! „Ich werde dich besiegen! Wie Link Ganon besiegt hat!“, schrie Benny. Mit fließender Geste hob auch Kim nun das Schwert. „Ich werde dem falschen Ruhm um den Helden der Zeit ein für alle mal ein Ende setzen!“, entgegnete Kim ruhig. „Aber komm nur, je mehr du dich wehrst desto amüsanter für mich!“ Mit stolzem Zorn hob Benny das Schwert über seinen Kopf und schrie einen Kampfesschrei. Er stürzte vor und Kim wartete auf ihn. Die Klingen prallten aufeinander und das Geräusch lechzte nach der vollkommenen Stille. Von all dem machte Riha keine Notiz. Gewiss, sie verfolgte den Kampf mit neugierigen Kinderaugen, doch ihr Körper und ihr Geist waren erfüllt von der Magie der Erde, der Vereinigung der drei Schöpferinnen, zu dem das Gegenstück das heilige Triforce selbst war. Die Klingen schmiedeten sich aneinander, Metall rieb an Metall. Seine Hände schmerzten, so viel Kraft wandte er auf, so mächtig stemmte Benny sich in sein Schwert. Die Feinde standen sich so nahe, dass jeder den Atem des anderen auf dem eigenen Gesicht spürte. „Ist das schon alles, Bennylein?“, spottete Kim. „Da musst du dich aber schon etwas mehr anstrengen, wenn du mich besiegen willst.“ Benny kämpfte mit aller Kraft, doch er konnte dem Druck nicht mehr standhalten und wich als Erster zurück. Dann sah er auch schon das schwarze Schwert auf sich zukommen. Schreiend sprang er zurück und verlor dabei sein Gleichgewicht. Wie ein kleines Kind fiel er auf seine zwei Buchstaben. Mit einem Hieb hätte Kim ihn jetzt töten können, doch stattdessen reichte er ihm lachend die Hand.

Ja, schon freundschaftlich. „Das war aber ein ganz feiger Angstschrei!“ Blind vor Wut schlug Benny mit dem Schwert aus. Ungehalten wich Kim zurück und bereitete sich auf den nächsten Angriff vor. Benny sprang auf die Beine. In der Hektik hatte sich ein Ärmel seines Pullovers aufgerollt. Benny war so schrecklich wütend, dass er platzen könnte. Erneut schrie er sich in die nächste Attacke. Die Schwerter prallten aufeinander und aneinander vorbei. Benny spürte, wie er von der geschickten Abwehr Kims durch seinen eigenen Schwung erneut zu Boden gerissen wurde. Dieses Mal auf den Bauch. „Mein Gott, Benny! Du kämpfst ja miserabel! Da ist ja Lin noch besser!“ Noch zornentbrannter erhob sich Benny und kaum war er ganz aufgerichtet stürzte er sich wieder auf Kim. Kim beschränkte sich vollends aufs Parieren. Ein Angriff war nicht nötig, Benny setzte sich selbst ins Aus. Kim dachte nur an die möglichen Angriffe. Hier, da hätte ich jetzt zustechen können…oder jetzt…jetzt hat er die Seite frei…und jetzt könnte ich ihm den Kopf abschlagen…da, jetzt dreht er mir auch noch den Rücken zu…und jetzt stolpert er auch noch über seine eigenen Füße… Kim faste sich an den Kopf. „Wie hast du es nur geschafft Raik so in Atem zu halten. Das ist ja eine Schande! Ich werde ihn nach der Zeremonie umgehend seines Standes entheben!“ und ihn auffordern Seppuku zu begehen? Ne, so streng wollen wir mal nicht sein ;) obwohl er es verdient hätte! Und da! Da als sich Kim an den Kopf faste und kurz abgelenkt war, da erkannte Benny seine Chance! Seine Einzige! Er sprang auf die Beine und holte ein letztes Mal aus. Mit einem vibrierenden Schrei. Doch Kim hatte genug von diesem Schauspiel! Es geschah in wenigen Sekunden, doch es kam Benny vor wie in Zeitlupe. Als sei jede Sekunde eine Ewigkeit… Noch während seine Arme nach vorne schwangen um seinen Gegner zu treffen er führt es übrigens, im Gegensatz zu Link, mit beiden Händen, hat sie ja auch beide frei ^^ fühlte er diese Veränderung in der heiligen Klinge… Eine schwarze Veränderung… Eine Magie, die die Heiligkeit verdarb und dem Schwert alle Macht nahm… Der winzige Fluch, den das Mädchen Melissa genau in die Klinge des Masterschwertes gab, war wie ein schwarzer Fleck auf dem Reinen. Und er breitete sich in dieser Sekunde aus, wie ein Tintenfisch seine schwarze Tinte verbreitete… Die Klinge wurde schwarz…die Klinge wurde stumpf und rostig… Und noch als Benny mit entsetzt aufgerissenen Augen das Verfärben des Metalls betrachtete – schlug Kim zu. Die schwarze Klinge des Großmeisters des Bösen traf auf die stumpfe Klinge des Masterschwertes… Und glitt durch sie hindurch wie durch Butter… Die heilige Klinge zersprang in tausend Stücke. Vor den Augen Bennys…

Navi träumte mit offenen Augen.
Navi sah die drei Lichter.
Navi führte sie mit ihrer Stimme.
Navi fiel vor der Heiligkeit auf die Knie.
Navi hatte Wunderliches zu berichten.

„Komm schon, komm schon, komm schon!“, kreischte der winzige Lichtfleck. „Link! Trödel doch nicht immer so!“ Der Junge zog sich entnervt die Hosen hoch. „Mann, Navi! Ich musste mal! Bei so viel wie ich getrunken habe!“ „Das kommt davon“, belehrte Navi ihn zum millionsten Mal. „Wenn man so viel Lon-Lon-Milch trinkt!“ „Aber Navi!“ Der Junge war schier am Durchdrehen. „Wir sind hier in der Wüste! In der WÜSTE!“ Die kleine Fee beachtete ihn nicht einmal. Sie flog hektisch Richtung des Tempeleingangs. „Jetzt komm schon!“, rief sie ihm zu. Link stöhnte ob diesen unerträglichen Temperaturen. „Jaja!“ Verdammt noch mal! Niemals hatte er seine Ruhe! Vor ein paar Atemzügen war er noch als Erwachsener hier gewesen. Nachdem er so unfreundlich von den Gerudos in den Kerker geworfen worden war, ausgebrochen und sich den Gerudopass verdient hatte, war er sogleich in die Wüste gelaufen – bis er gemerkt hatte, dass er den Geist nicht rufen konnte, der als einziger Führer den Weg zum Tempel kannte. Also gleich noch mal nach Hyrule und rumfragen wo man das „Auge der Wahrheit“ ergattern konnte. Ein alter Akkordeonspieler in der Mühle hatte es ihm verraten. Also mal kurz in die Vergangenheit zurück, durch den Morast im feuchtkalten Gewölbe unterm Brunnen waten (Ekel empfand er schon lange nicht mehr, spätestens nach dem schleimigen Ding in Jabu-Jabus Bauch, das ihn, als es explodierte, mit dem verschleimten Innereien übergossen hatte) und mal kurz diesen Hirnfresser zur Strecke bringen, ist ja sowieso ein Kinderspiel, dann zurück in die Zitadelle hetzen, in die Zukunft reisen und noch einmal den Weg zur und dann durch die Wüste. Dann kamen diese Viecher und machten ihm das Leben schwer. Diese rotierenden grünen Haufen! Diese widerlichen Sandkiller! Jedenfalls hatte er endlich Fuß im Tempel gefasst – nur um festzustellen, dass ein riesiger Quadratstein den Eingang versperrte und sich nicht schieben ließ. Am Rande der Verzweiflung war er im Raum rumgehetzt, auf der Suche nach einer Lösung, als ihm diese eine Steintafel an der Wand ins Auge gefallen war. Dort stand geschrieben: Wer in die Zukunft reist, der möge aus der Vergangenheit kommen und die Kraft des Silbers tragen. Und weil er nach all dem vielen Pausen- und Schlafmangel schwer von Begriff war, stand – zum Glück – die Erläuterung drunter: Komme in der Vergangenheit hierher mit dem reinen Herzen eines Kindes. Aha…
Na toll! Toll!
Wie sollte er das denn bewerkstelligen? Die Gerudos ließen ihn jetzt grade mal frei gewähren, weil die Stellvertreterin der Stellvertreterin ihres Königs so schwer von ihm beeindruckt gewesen war als er alle fünf gefangenen Zimmermänner befreit hatte. Aber wenn er nun als zwölfjähriger Bengel antanzte? Die ließen ihn doch niemals durch! Noch nicht einmal in die Nähe des Tores zur Wüste! „Wie soll ich das denn machen?“, hatte Link geflucht und sich die Haare gerauft. „Nun, vielleicht kann ich dir helfen.“, hatte da eine Stimme in seinem Rücken gesagt. Shiek!
Der gute Freund Shiek (damals wusste Link noch nichts von der Frau ;), die in ihm steckte) hatte ihm das Requiem der Geister beigebracht und nun stand er da. Als zwölfjähriger Bengel im Wüstentempel.
Endlich!
Leider war er immer noch nicht klüger als vorher. Wie sollte er denn den Stein aus dem Weg schieben? Die Kraft des Silbers tragen. Was war wohl damit gemeint? Plötzlich entdeckte er die Frau auf der anderen Seite der Halle. Die Haut kräftig braungebrannt, die feuerroten Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. In weißer Wüstenkleidung und mit roten Schuhen aus leichtem Stoff. Eindeutig eine Gerudo. Die konnte er doch fragen! Aber er hatte den Gerudopass nicht, noch nicht. Und trotzdem! Er war schließlich in die Wüste gelangt und wie sollte er das geschafft haben ohne Pass? Wo er war? Keine Ahnung, er musste ihn wohl auf dem Weg hierher verloren haben, in den Weiten des heißen Sandmeeres. Ja, das war ein guter Plan… Naboru war am Rande der Verzweiflung. Musste sie sich wirklich da durchquetschen? Sie war inzwischen doch zu groß und seit der Schwangerschaft hatte sie so schlimme breite Hüften! Allerdings war dieses Loch der einzige Weg ins Innere des Tempels, seit dieser Stein den richtigen Eingang versperrte. Seufzend gab sie ihrer Niedergeschlagenheit freien Lauf. Immer wieder maß sie die kleine Öffnung mit ihren Händen. Nie und nimmer passte da ein Erwachsener… „Hey, Ihr da!“ Es traf sie wie ein Schlag in die Magengrube. Sie war entdeckt worden! Oh, Shjra! Womit hatte sie das verdient! Jetzt war sie des Todes! Dabei hatte sie doch die Krafthandschuhe nur gewollt um einen Weg zu finden Ganon wieder zur Besinnung zu bringen. Wie? Das wusste sie selbst nicht, doch nun war es ohnehin vorbei. Aber kampflos gab sie sich nicht geschlagen! Mit einem Schwung stand sie nicht nur mit einer geschmeidigen Drehung auf, sondern zog auch ihren Säbel und hielt ihn an die Kehle ihres Entdeckers. Da erst registrierte sie, dass ein kleiner Junge vor ihr stand. Hellhäutig, blond und in grüner Kleidung. Wie bitte? Schockiert rührte der Junge keinen Finger. Zu nah war das Metall an seinem Leben. „Was? Wer bist du denn?“, fragte Naboru erstaunt. „Äh…“ Link schluckte schwer. Weil sie merkte, dass der Junge nur Augen für ihre Waffe hatte, ließ sie sie sinken, doch behielt sie sie auch in der Hand. „Also?“ Aufatmend erwiderte er: „Ich bin Link!“ „Link?“ Naboru lachte. „Etwa von links und rechts? Was ist das denn für ein dämlicher Name?“ „Danke für das nette Kompliment!“, zischte Link. „Und wer seid Ihr?“ Naboru stellte sich zu ihrer vollen Überlegenheit auf. „Ich bin Naboru, vom stolzen Stamm der Gerudo!“ „Dann…dann bist du die Stellvertreterin von Ganon?“, staunte Link – und hätte sich am liebsten gleich die Zunge abgebissen. Naboru schreckte auf. „Was? Woher weißt du das?“ Link schwieg. Naboru bedrohte ihn erneut mit dem Säbel. „Hör mal zu! Ich und Ganon sind vielleicht vom gleichen Stamm aber wir sind von Grund auf verschieden! Ganon ist grausam! Er tötet sogar Frauen und Kinder! Und ich will ihn aufhalten…“ Bedrohlich nahe schwebte die Schneide wieder am Hals. „Du bist doch nicht einer von Ganons Leuten, oder?!“ Für einen kurzen Moment hätte Link, aus lauter Trotz, noch gefragt: „Und wenn es so wäre?“ Aber natürlich tat er das nicht! Dafür hasste er Ganon zu sehr um auch nur für einen Moment den Gedanken zu fassen er wäre einer seiner Handlanger! „Ich hasse Ganon!“ Ja, den hasse ich auch, sagte Naboru sich in ihren Gedanken. Den grausamen Ganon. Und ich tue alles dafür um den alten Ganon wieder zu bekommen! Doch davon verriet sie nichts, nicht mal in ihren Gesten. „Dann haben wir etwas gemeinsam, Kurzer!“ Plötzlich, ganz plötzlich, schoss dieser Geistesblitz durch ihren Kopf. „Hey Kurzer!“ Sie zog ihn zu sich heran. „Sag mal, jetzt wo wir doch auf derselben Seite stehen, kannst du mir nicht einen Gefallen tun?“ „Wie?“ Link war ganz benommen von dem exotischen Duft nach Karambole an ihr. „Siehst du dieses Loch da? Der Tunnel führt direkt ins Innere des Tempels.“ Links Augen leuchteten auf. „Wirklich?“ „Meinst du, du kannst dich da durchzwängen?“ „Aber sicher! Natürlich!“ Naboru zerwuselte seine Haare unter der Mütze und rieb ihm fast die Kopfhaut wund. „Sehr schön! Dann wirst du mir jetzt die Krafthandschuhe bringen!“ Das kam ganz plötzlich, wie der Schlag auf den Hinterkopf. „Kraftwas?“, staunte Link. Eigentlich war er ja gekommen um den schlafenden Weisen darin zu erwecken. Doch das konnte er natürlich erst in der Zukunft. Allerdings versperrte auch in der Zukunft der große Stein den Weg in den Tempel. Darum sollte es sein aktuelles Ziel sein den Weg freizubekommen. Die junge Naboru stemmte die Hände in die Hüften. „Die Krafthandschuhe sind ein magisches Relikt, die die körperliche Kraft des Trägers verzehnfacht!“ Link klappte der Mund auf, das brachte Naboru zum Lachen. „Aber denk gar nicht daran sie dir selbst zu schnappen! Sie werden dir ohnehin nicht passen!“ Mit verführerischem Blick beugte sie sich zu ihm herunter und mit dem Zeigefinger schloss sie seinen Mund. „Aber wenn du das für mich tust, werde ich mich ausgiebig bei dir revanchieren. Ist das nicht ein Angebot?“ Link war von ihrer leidenschaftlichen Autorität so eingeschüchtert, dass er nicht antworten konnte, sondern mit hochrotem Gesicht dastand. „Na also, sind wir uns einig!“ Sehr undiskret schob sie ihn vors Loch. „Und nun rein da, Kurzer!“ „Hey, du kannst ihn doch nicht rumkommandieren wie es dir passt!“, beschwerte sich Navi. Erschrocken wandte Naboru sich um. „Wer ist da?“ „Wie wer ist da?“ beschwerte Navi sich weiter und flog empört vor ihrem Gesicht herum. „Ich bin die ganze Zeit da gewesen!“ „Oh, ein leuchtendes Staubkorn?“ Naboru war ganz fasziniert. „Staubkorn!“ Navis ganzer Körper zitterte. „Staubkorn hast du mich genannt, du…du elende Gerudo!“ „Ein sprechendes Staubkorn, so etwas!“ Das Leuchten wurde intensiver. „Ich bin kein Staubkorn! Verstanden?“ „Äh…äh…“, versuchte Link eine Erklärung. „Sie…sie ist eine Fee…aus den verlorenen Wäldern…“ „Eine Fee? So etwas gibt es?“, staunte Naboru nicht schlecht. „Sind das nicht Verwandte von Irrlichtern?“ Navi lief dunkelrot an. „WAS?“ Navi setzte zum Schlag an – Doch Naboru war flinker. Sie packte das Leuchtding an den dünnen Flügeln. „Du bist also die Begleiterin von dem süßen Kleinen, ja? Das ist ja praktisch! Wenn du so hübsch leuchtest, kannst du ihm gleich den Weg leuchten!“ Mit einer schwungvollen Handbewegung schleuderte Naboru die kleine Fee in das Loch. Ein schriller Schrei verlor sich. Nun war Link kreidebleich. „Navi!“ Zwei Hände legten sich auf seine Schultern. „So und jetzt schnell, schnell!“ Und schupsten ihn. Rasch tat er wie ihm geheißen, nur um von dieser Person loszukommen. Die war ja schlimmer als Navi, Rauru, Shiek und die labernde Eule zusammen! Am anderen Ende des Tunnels standen sie im Licht der Fackeln, in einem runden Raum aus dem zwei Türen führten. Dazwischen war ein weiteres Tunnelloch. So…und nun? „Warum hast du das getan? Warum machst du was diese Gerudo dir sagt?“, entgegnete Navi bissig. Ihre Flügel waren zerknittert, sie hatte Glück gehabt, dass sie nicht zerrissen waren. Gelassen klopfte Link sich den Staub aus der Kleidung. „Du hast doch gehört was sie gesagt hat! Die Krafthandschuhe verzehnfachen die Kraft! Ich werde sie bitten den Stein zu entfernen und in der Zukunft können wir dann einfach in den Tempel hineinspazieren!“ „Du glaubst das einfach so? Sie ist eine Gerudo! Ganon ist ihr König!“ „Aber sie hasst Ganon und ich auch!“ Navi bekam einen Knick. „Sag mal, wie leichtgläubig bist du eigentlich?!?“


Zur selben Zeit, dreißig Stockwerke höher: „Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort…Erlkönigs Töchter am düsteren Ort?... Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’es genau…Es scheinen…“ Der kleine Junge unterbrach sich, weil ihm die Lösung des mathematischen Problems, vor ihm, eingefallen war. „Also, hat man zwei gekennzeichnete Schnittstellen des Graphen, sagen wir x1 und x2, und liegen diese in den senkrecht aufeinander liegenden Quadranten, so gibt es zwischen ihnen eine Nullstelle, natürlich auf der x-Achse…wenn ich nun also eine tabellarische Analyse der Strecke dieser Schnittstellen erstelle, nehmen wir nur natürliche Zahlen zwischen ihnen, so nähern sich die Werte an und tendieren natürlich zu Null, was eine Nullstelle begründet. Allerdings kann es nicht nur eine geben, dass heißt ich muss erst die Anzahl und dann die Koordinaten berechnen…“ Während er das sprach, zu sich selbst, schrieb er kunterbunt Zahlen auf ein Pergament. Die junge Frau neben ihm, mehr noch ein Mädchen, das gerade heranreifte, hatte längst aufgegeben ihn zu verstehen. Sie staunte schon nicht mehr, weil sie davon nur Kopfschmerzen bekam. Kim beendete nebenbei noch die Strophe des Gedichtes. Der Erlkönig von Johann Wolfgang von Goethe. „…die alten Weiden so grau.“ Dann warf er den Kohlestift hin und stöhnte. „Ich mag nicht mehr!“ Er lehnte sich zurück, auf den Rücken. Ashanti erhob sich um die Bücher und Blätter wegzuräumen, damit er genug Platz hatte. Der Stein war angenehm kühl. Sein Hirn kochte. Schon den ganzen Tag saß er an seinen Arbeiten. „Wo holt Ihr Euch nur das alles her was Ihr da immer von Euch gebt? Wenn wir das nur wüssten.“, sagte Ashanti kopfschüttelnd. „Wenn ich nur wüsste wie ich mich umbringen könnte!“, zischte Kim zurück. Ashanti war unbeeindruckt. Das kannte sie schon. Jetzt folgte wieder ein seeehr langes Klagegespräch. Deshalb unterbrach sie ihre Tätigkeit auch nicht. Sie schüttete ihm Wasser ein. „Ihr solltet mehr trinken, das kalte Wasser wird Euch gut tun.“ Trotzig wandte sich Kim um, ihr den Rücken zudrehend. „Ich will nicht Wasser – ich will hier raus!“ Ashanti seufzte. „Ihr habt schon sechsundneunzig erfolglose Fluchtversuche hinter Euch, ich bitte Euch, erspart Euch den Siebenundneunzigsten!“ Blitzartig sprang Kim auf. „Du hast auch noch mitgezählt?“ Ashanti lächelte. „Natürlich! Wobei Euer Erster der Beste war!“ Verdrossen blinzelte er sie an. „Du meinst wohl du hast dich bei dieser Strafe am köstlichsten amüsiert!“ Nun lachte sie auf. Sogar ein wenig schadenfroh. „Ihr müsst zugeben, dass Ihr zuckersüß aussaht, als Ihr da überm Knie des Herrn lagt. Mit blankem Hintern.“ Kim rieb sich sein Gesäß. „Die nächsten zwei Tage konnte ich nicht sitzen!“ „Aber es war lustig!“ Kim war so richtig in Rage. „Weißt du wie er mich letztes Mal bestraft hat?“ „Nein, kleiner Herr. Eure letzte Flucht war vor acht Tagen und da war Dana zur Aufsicht bei Euch.“ „Ich musste fünfhundertmal ’Ich muss meinem Meister gehorchen’ schreiben – in allen Sprachen, die ich beherrsche! Und das sind immerhin sechs!“ Kim fuchtelte wild mit den Armen. „Er stand die ganze Zeit hinter mir, ich bekam nichts zu essen und zu trinken, durfte nicht zum Abtritt; und jedes Mal wenn ich mich verschrieben habe, hat er mir über die Finger gedroschen!“ „Ich will Euch nicht betrüben, aber das geschieht Euch recht! Ihr habt ihm zu gehorchen, wie alle hier. Und wenn er will, dass Ihr hier bleibt, Ihr Euch jedoch widersetzt, dann ist es sein Recht Euch nach seinem Willen zu strafen.“ Abfällig schnaufte Kim. „Artikel 5 der, in der ’Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte’ im Dezember 1948 Jahre nach Christus beschlossenen, Allgemeinen Menschenrechte, besagt, dass niemand der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlungen oder Strafe unterworfen werden darf! Und das was er mit mir macht ist mehr als grausam, unmenschlich und erniedrigend! Er hält mich gefangen wie einen Schwerverbrecher in Alcatraz und missbraucht mich für seine Zwecke! Findest du das in Ordnung? Er handelt rechtswidrig!“ Ashanti starrte ihn an, als sähe sie einen Übermenschen vor sich und da fiel ihm ein, dass er von ihr keine Antwort erwarten konnte. „Neunzehnwas und mit Krißtos?“ Das hatte sich einfach am interessantesten für sie angehört. Weil die Zahl so lang war. „Es heißt neunzehnhundertachtundvierzig nach Christus! Das ist in schätzungsweise siebenhundert Jah…“ Er schlug sich auf den Mund. „So ein Mist! Die Menschenrechte gibt es ja noch gar nicht!“ „Und was heißt das?“, fragte Ashanti, die den Faden nicht verloren hatte, weil sie ihn nie besaß. Deprimiert setzte sich Kim wieder hin. „Dass hier noch undemokratische Gesetze herrschen und es doch das Recht des Meisters ist mich so zu behandeln!“ Belehrend hob Ashanti den Finger. „Das hätte ich Euch auch sagen können, junger Herr! Als Mann und als König ist es von Geburt an sein Recht, jeden in seinem Lande so zu behandeln wie es ihm beliebt. Und wenn er jetzt hier wäre und uns beide zu Tode prügeln würde, er läge zu keinster Zeit im Unrecht! Gerade Ihr solltet das verstehen – und jetzt Schluss mit der Diskussion über Recht und Unrecht! Trinkt, damit Ihr einen kühleren Kopf bekommt, ich werde Euch eine Früchteplatte anrichten, mit leerem Magen lässt sich nicht viel anfangen.“ Als sie ihm den Rücken zuwandte streckte er ihr dreist die Zunge heraus. Aber ihm verging bald das Vergnügen an seiner Frechheit. Eigentlich hatte Ashanti recht, wieder mal, und er mochte sie sehr. Es war ihm um so vieles angenehmer wenn sie auf ihn aufpasste als Dana. Dana glich seinem Meister einfach fiel zu sehr. Sie ließ sich nicht auf Diskussionen ein, forderte unaufhörlich, prüfte ihn jede paar Atemzüge ganz sachlich und analytisch, wertete und schätzte seine Leistungen und hach…sie konnte bei ihm stehen und er fühlte sich trotzdem allein! Aber Ashanti war noch jung und er konnte mit ihr reden, zanken und lachen. Dann war der Alltag schon etwas weniger grau. Er hatte noch so viel Arbeit vor sich, die er erledigt haben musste bis Ganon kam, er besuchte ihn täglich, und dann war wieder Training an der Reihe. Ganon war alles andere als ein guter Lehrer. Ungeduldig, forderte zu viel auf einmal, dominant und ohne jede Empathie im Blut. Aber man musste sich abnötigen, dass er sich – in der Rolle des Vaters – ernsthaft Mühe gab. „Ich lieb dich, mich reizt deine schöne Gestalt…“, fuhr er mit seinem Gedicht fort. Ashanti wandte sich kurz fragend zu ihm um. „und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt…“ Kim sah an die Decke und ließ sich diese Strophe noch einmal durch den Kopf gehen. „…und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt…das könnte glatt von Ganon kommen!“, sagte er mit böser Stimme. Erschrocken wandte Ashanti sich um. „Wie könnt Ihr so etwas sagen? Seht Ihr das wirklich so?“ „Ach ich weiß nicht, Ashanti. Er ist so seltsam. Fast die ganze Zeit über ist er gemein und böse! Er schreit rum und droht und man hat das Gefühl er hat Spaß am Leid der anderen…und dann wiederum…manchmal ist er richtig nett. Da kann ich mir dann wirklich vorstellen, dass er mein Vater ist. Aber ich weiß nie wann diese Momente kommen und wie lange sie anhalten.“ Ashanti schnitt die Sternenfrucht in Scheiben. „Glaubt mir, der Herr liebt Euch. Und er liebt sein Volk!“ Doch nur in Gedanken fügte sie noch etwas hinzu. Zumindest liebte er es einmal, dachte Ashanti betrübt und erinnerte sich an diesen einen Tag, als er aus der Wüste zurückkehrte. Wie er Naboru damals weggestoßen hatte. Wie Dreck… An jenem Tag hatte sie zum ersten Mal Angst empfunden. Und diese war bis heute geblieben. „Was ist das?“, kreischte Kim plötzlich hocherfreut auf. Ashanti fuhr zusammen. Kim stand vor dem Schlangenkopfspiegel, der hier aufgestellt war. „Was ist was, kleiner Herr?“ Unaufhörlich und mit großen strahlenden Augen starrte Kim in den Spiegel. „Das ist…ein Eindringling! Ein Hyrulianer!“ Ashanti wurde kreidebleich. „Ein Hyrulianer? Hier? Das ist unmöglich!“ Sie sprang auf die Beine und blickte ebenfalls in den Spiegel, der auch als Portal diente um den Tempel zu überwachen. Sie sah den Eindringling. Sie sah seine fremde, viel zu schwere Kleidung. Sie sah seine helle Haut. Sie sah seine nicht roten Haare. Ihr blieb die Luft weg. „Das…ein…ein hyrulianischer Junge! Das…Wie kann das sein? Wie ist er hier hereingekommen? Der Herr hat doch alle Zugänge sorgfältig versperrt!“ Kim rollte mit den Augen, weil er den folgenden Satz inn- und auswendig kannte. „Er ließ alle Zugänge verriegeln und stellte überall Wachen auf – nur zu Eurem Schutz!“ „Du meinst, damit mich ja niemand sieht! Er hat ja schreckliche Angst davor, dass ich mit fremden Humanen in Kontakt komme!“ „Kleiner Herr!“, beklagte Ashanti. „Ja, ist ja schon gut!“ „Aber wie ist dieser Junge dann hier hereingelangt?“ „Das ist ja wohl nicht schwer!“, gab Kim arrogant von sich. „Durch das Loch im linken Flügel des Tempels. Das habe ich auch immer benutzt, wenn ich geflo…wenn ich versucht habe zu fliehen.“ Ashanti war geschockt. „Ein Loch in der Wand?“ Kim nickte. „Der ist zwar größer als ich, aber immer noch klein genug für das Loch.“ Ashanti bekreuzigte sich, in einem alten Heidenzeichen, dass die fünf Zacken der Fruchtbarkeit darstellte, ein Zeichen aus der alten Sprache. „Bei der Shjra, wie konnte das geschehen?“ Dann wandte sie sich säuerlich an Kim. „Ihr hättet die Pflicht gehabt dem Herrn über diese Öffnung zu informieren!“ Ebenso zischte er zurück. „Dann hätte es keine weiteren fünfundneunzig Fluchten gegeben!“ Ohne ein weiteres Wort machte er auf den Fersen kehrt und rannte zur Tür. „Kleiner Herr! Wo wollt Ihr hin?“, kreischte Ashanti ihm hysterisch in den Rücken. Die Tür ließ er schon aufschnellen. „Ich will mit ihm spielen.“ Ashanti wäre fast in Ohnmacht gefallen. „Ihr wollt was? Aber…aber das dürft Ihr nicht! Ihr könnt doch nicht einfach mit diesem Eindringling spielen!“ „Keine Sorge, Ashanti! Ich werde mich im Verborgenen halten. Mit Spielen meinte ich, dass ich ihn töten werde, aber ich lasse mir dabei Zeit – viel Zeit.“ „Aber kleiner Herr! Das ist nichts für Euch! Überlasst das lieber den Wachen im Tempel und widmet Euch Euren Studien. Es ist unter Eurer Würde Euch die Hände schmutzig zu machen.“ „Es ist auch unter meiner Würde mich zu Tode zu langweilen! Außerdem werde ich mir die Hände ganz bestimmt nicht beflecken! Ich habe gelernt zu töten ohne meinen Feind zu berühren. Als ich das letzte Mal mit dem Meister in der hyrulianischen Steppe war, da habe ich einen vorbeikommenden Wanderer mit magischen Blitzen getötet.“ Die Art wie er sprach, stimmte Ashanti sehr betrübt. „Es ist nicht fein zu töten. Das wird getan weil man es muss und nicht weil man es will!“ „Und wenn man es muss warum sollte man es nicht auch noch wollen?“, gab er patzig zurück. Natürlich verstand Ashanti nicht, warum sie das machten. Nicht weil es lustig war und weil sie darüber lachten, sondern weil er es einmal können musste und zwar ohne Hemmungen. Hey – keine Experimente mit den kleinen Geschwistern! Im Grunde genommen hasste er es und Ganon hasste es auch. Es war Arbeit, es war eine schmutzige Arbeit, die alles andere als Endorphine ausstreute und wem Morden gefiel, der war nicht ganz dicht! Die falsche Antwort hatte er einfach von Ganon übernommen und sich angewöhnt. Lügen war schnell und wirksam. Aber auf eine kleine Zerstreuung wollte er nicht verzichten! Er hatte, außer Dana und Ashanti – und natürlich Ganon – seit Jahren keinen Menschen mehr gesehen. Gewiss war er aufgeregt und neugierig. Außerdem, wenn er ihn nicht beseitigte, dann tat es sowieso irgendein Echsenkrieger, Raubschleim oder Stalfos. Der ganze Tempel wimmelte nur von ihnen. Da fiel ihm ein – wenn nun der Junge getötet wurde, bevor er ihn überhaupt zu Gesicht bekam? Naja, Kim entschied, dass er ihn im großen Saal, dort wo die Statue der Göttin Shjra den Raum einnahm, erwartete, denn dort musste, wenn er tatsächlich überlebte, der Junge so oder so auftauchen. Alle Korridore dieses Tempels mündeten in diesen Saal. Kim versteckte sich auf dem linken hohen Podest neben der Statue. Es gab nichts, dass hierher führte, man konnte es nur fliegend erreichen. Das perfekte Versteck! Er musste gar nicht lange warten und rieb sich freudig die Hände. Kim war gar nicht aufs Morden aus sondern auf die Unterhaltung. Er hatte so geringe soziale Kontakte, dass ihm sogar das genug war. Die Tür ging auf und Link sprang herein. Es war so seine Art. Er sprang mitten ins Unbekannte und nutzte seinen Überraschungsmoment. Navi allerdings wäre es lieber er schleiche ganz langsam, wenn sie überzeugt waren, dass die Luft rein war. Sie hasste Überraschungen. Geübt sah sich Link nach allen Seiten um. Er sah schon etwas mitgenommen aus. Aus einigen Kratz- und Schürfwunden rann das Blut, seine Kleidung war an den Beinen und vor der Brust etwas zerschlissen. Über und über war er mit glitschigen Überresten bedeckt. Von diesem Raubschleim, der ihn überrascht hatte. Sie waren ja ständig, überall und immer auf Monster gestoßen. Es war wie in einem richtigen Nest, hier! Nur Monster, so weit das Auge reichte! Diese Krafthandschuhe mussten ja wirklich überaus wertvoll sein, so schwer wie sie überwacht wurden. Oder ging es gar um den Weisen? Wusste Ganon davon? Dass er den oder die Weise(n) der Geister suchte? Nein! Auch wenn der Ganon in sieben Jahren es wusste, der heutige Ganon konnte es nicht wissen, weil die Erweckung der Weisen noch gar nicht von Nöten war. Jedenfalls war es umso mehr verwunderlich, dass in diesem mächtigen, gewaltigen Saal nicht ein einziger Feind wachte. Nichts und niemand war hier. Nur sie beide.
„Ist hier jemand?“, rief er in die Weite hinein.
„…mand…mand…mand…“, erscholl das Echo.
Sonst geschah nichts.
„Komm raus und zeig dich, du Feigling!“, brüllte er noch lauter.
„…ing…ing…ing…“, gab das Echo erneut zurück.
Link hatte gar nicht gewusst wie viel Spaß das machte. Bei so viel Kampf und Rätseln und anderer Ablenkung hatte er kaum Zeit gehabt für die kleinen Freuden des Lebens. „Hallo!“
„…lo…lo…lo…“
„Blablablablabla!“
„…la…la…la…“
Ganz im Stillen, ohne bemerkt zu werden, war da dieser Hauch von Magie, der sich in einen Krug am Rande der Treppe nistete. Lachend öffnete Link erneut den Mund. „Sag mal, geht es dir noch gut!“, kreischte Navi. „Was machst du da?“ Schuldbewusst senkte Link deutlich die Stimme. „Ich…naja das Echo…“ „Willst du uns alle Feinde auf den Hals hetzen?“ Noch kleiner wurde Link. „Nein…ich…“ „Wir sind hier nicht nur in einem monsterverseuchten Tempel“, hackte die kleine Fee auf ihn ein. „dieser Tempel steht mitten in Ganons Reich! Also ich frage dich: willst du wirklich so früh sterben?“ „Nein…“, gab Link kleinlaut von sich. „Aber Navi, hier ist doch…“ „PASS AUF!“, schrie Navi panisch. Es passierte so schnell, dass Link keine Zeit zum Denken hatte und nur aus Reflex reagierte. Er versteckte sich hinter seinem Schild. Der Krug zerbrach in Scherben. „Was war denn das?“, staunte Link nicht schlecht. „Ein schwebender Krug!“ „Der hätte dir beinahe den Schädel eingeschlagen!“ Navi war außer sich. Link lachte. „Ach komm, es war nur ein einfacher Tonkrug. Das war doch halb so…“ Navi schrie erneut. Der nächste Krug flog heran. Wieder reflexartig sprang Link in die Höhe, der Krug zerschellt unter seinen Füßen. „Das war knapp…“, seufzte Link, doch er hatte keine Zeit zu ruhen. Denn was sich ihm nun bot, das…das war unfassbar! Sie konnten sehen wie die Krüge in den Ecken, die mit Öl und Leinentüchern für die Fackeln gefüllt waren, sich vom Boden erhoben und alle auf einmal auf ihn zuflogen. „Aaaaahhhh!“, schrie nun auch Link. Und wich dem ersten Krug aus. „Was soll…“ Der Zweite flog über ihn hinweg. „Die Krüge, sie greifen an!“ „Das sehe ich auch!“, zischte Link. Einen Krug zerschmetterte er mit dem Schwert, doch der nächste Krug traf ihn im Rücken, er flog der Länge nach hin. „Link! Vor dir!“ Zwar schmerzte sein Rücken höllisch, doch dem Krug, der auf sein Gesicht zugeflogen kam, war es verdammt egal. Link sprang auf und riss sein Schwert herum. Der Krug zersprang und verspritzte das Öl in ihm, als wäre es sein Blut. Dunkel lag es auf dem ganzen Boden, zwischen den Leinen und auf dem nackten Stein. Und auf Links Kleidung. Durchtränkte den Stoff. Doch es war vorbei. Schwer atmend stand Link da und starrte. Auch Navi war nicht in der Lage sich zu rühren. „Bei den Göttinnen, das war das Schlimmste, das ich je erlebt habe!“, keuchte Link. Navi zitterte am ganzen Körper. „Wem sagst du das! Hier werden wir sogar von leblosen Dingen angegriffen! Dieser Ort ist verflucht!“ Link war bemüht seinen Atem zu beruhigen. Sein Rücken schmerzte immer noch höllisch. Aber der kleine Junge, gut versteckt, hoch über ihnen, lachte in sich hinein. Das war sehr lustig! Dieser Fremde war wirklich ein guter Kämpfer! Trotz seines Alters, nur ein paar Jahre älter als er selbst. Er dagegen war nicht sonderlich gut, aber das lag daran, dass er mit einem Erwachsenenschwert üben musste! Der fremde Junge hatte ein kürzeres und viel leichteres Schwert, ideal für eine Kinderhand. Wenn er eins hätte, könnte er auch viel besser werden, aber Ganon ließ in diesen Dingen nicht mit sich reden. Sein Meister wollte, dass er gleich an die Schwere eines richtigen Schwertes gewöhnt war um sich später die Zeit des Überganges zu sparen, die ja ohnehin anderweitig verplant war. Allerdings…wenn Kim diesem Eindringling nun sein Schwert wegnahm? Der Junge starb ja sowieso und seine Überreste, mitsamt seiner Ausrüstung, würden bestimmt einfach in den Treibsandgraben in der Wüste geworfen werden, wo alle Abfälle landeten. Das wäre doch schade um das schöne Schwert. Wenn er es nun stahl, dann könnte er heimlich damit üben. Dann verging Dana das Lachen! „Bäh! Ich bin total vollgesaut!“, fluchte Link. „Das ist ja widerlich!“ Mit den Nerven am Ende ließ Navi sich schwerfällig auf seinen Kopf plumpsen. „Ich bin so erschöpft!“ „Du? Du hast doch gar nichts gemacht!“, beschwerte sich Link. „PASS AUF!“, kreischte Navi. Aufgescheucht drehte Link sich um, nur um zu sehen, wie die beiden Fackeln in den Fackelhaltern vor den Füßen dieser seltsamen gigantischen Statue sich wie von unsichtbarer Hand geführt erhoben und auf ihn zuflogen. Fackeln – die brannten! Vor seinen Füßen schlugen sie auf den Boden. Einen winzigen Augenblick war Link erleichtert – und zwar, weil er nicht an das verschüttete Öl und die durchtränkte Kleidung gedacht hatte. Einer Explosion gleich schoss eine Stichflamme auf und breitete sich über den Boden aus. Link schrie wie am Spieß. Die Flammen sprangen auf seine Kleider über. Link brannte!!! Er hatte seine Goronen-Rüstung, die ihn vor Feuer und Hitze schützte, noch nicht! Wie ein Wahnsinniger sprang er im Raum herum und schrie um sein Leben. „Wirf dich zu Boden! Wirf dich zu Boden!“, wies Navi ihn verzweifelt an, doch Link hörte nichts als dieses Knistern. „Link! Link!“ Navi war so verzweifelt. Sie war doch seine Gefährtin und wusste nicht was…Genau! „Link! Nayrus Umarmung! Schnell!“ Link verstand sofort. In aller Panik schaffte er es doch den kleinen blauen Kristall herauszuholen und er hielt ihn in die Höhe um ihn zu aktivieren. „Große Göttin der Weisheit, Nayru! Hilf mir!“ Der Kristall leuchtete in einem atemberaubend intensiven Blau. Ein Hauch von diesem Blau hüllte ihn ein. Zu einer schützenden Umarmung. Nayrus Umarmung behütete ihn immer. Und löschte die Flammen. Als der Kristall sich auflöste quommen nur noch vereinzelte Rauchschwaden herauf. Es war endgültig vorbei! Nun auch fertig mit den Nerven ließ sich Link zu Boden sinken. „Das war das Schlimmste, das ich je erlebt habe! Ich wäre beinahe verbrannt!“ Er legte sich flach auf den Steinboden. „Weißt du was, Navi. Langsam hasse ich es ein Held zu sein!“ „Ja, ich hasse es langsam auch die Gefährtin eines Helden zu sein!“ Kim fiel die Kinnlade herunter. Was war das gewesen? Dieser Kristall. Den wollte er auch! Das Schwert und den Kristall! Aber mit versteckter Magie konnte er da anscheinend recht wenig anfangen. Er musste offensiv angreifen! Er musste sich zeigen! Aber wenn ihn nun jemand erwischte? An sich nichts schlimmes, aber wenn jemand ihn dabei entdeckte, dass er sich einem Feind zeigte, dann bekam Ganon auch bald Wind davon. An die Konsequenzen, die das nach sich zog, daran wollte er gar nicht denken. Also musste er schnell und präzise handeln! Kim erhob sich auf dem hohen Podest und wollte sich von Oben auf den fremden Jungen stürzen – Doch da wurde die Mitteltür aufgeschmettert. Kim warf sich erschrocken wieder in Deckung, während Link erschrocken aufsprang. Was da hereinkam war eine Flut aus hundert Feinden! Monstern wie Echsen und Skelette. Eine Echse schrie: „Da isssssscht der Einnnnnndrinnnnngling!“ An der Spitze stand ein Stalfos, der eine rote Feder am Helm trug. Der Hauptmann der Monster, Karos. „Tatsächlich! Ein Eindringling!“, stieß er entsetzt hervor. „Tötet ihn! Er darf nicht an den Schatz herankommen!“ Link war ganz erstaunt. Huch? Diese Krafthandschuhe mussten aber unglaublich wertvoll sein. Na gut! Die schnappte er sich! Mit einem Schrei warf er ihnen einen kleinen roten Stein entgegen. Dins Inferno. Das magische Feuer schlug den Monstern entgegen. Das gab Link Zeit eine Fluchtmöglichkeit zu finden. Er musste dafür sorgen, dass nicht so viele Monster auf einmal sich auf ihn stürzen konnten, sonst ging es ihm schlecht. Karos wich zurück, weil er spürte wie die Flammen an seinem Kalk leckten. „Schützt den Schatz! Macht schon! Euer Leben ist unwichtig!“ Die Monster stemmten sich voran. Viele von ihnen gingen zu Boden und lösten sich in blauen Flammen auf. „Ich schnappe mir euren Schatz!“, kicherte Link vor sich hin und rannte zur Tür auf der rechten Seite. Auch Kim sprang auf. Denn er wusste was es wirklich mit dem Schatz auf sich hatte. Schatz war ein Codewort – und zwar für ihn! Er war der Schatz und wenn man von ihm sprach, dann sprach man von dem Schatz. Nun musste es ihm gelingen von allen unbemerkt wieder in sein Versteck ganz oben im Geistertempel zu gelangen. Nicht einmal die eigenen Leute, diese hässlichen Monster, durften ihn hier sehen, denn, sie waren zwar nicht in der Lage eins und eins zusammenzuzählen, doch Karos schon! Er könnte ihn durchschauen und ihn dann bei Ganon anschwärzen, was Karos mit größter Freude tat. Kim und Karos konnten sich nicht ausstehen. Kim konnte kein Monster ausstehen. Und dazu zählten auch die Gothama! Die waren besonders übel. Doch zum Glück waren sie ausgegangen ne, nicht in die Disko – pfui ^^. Jedenfalls schwang sich Kim besonders vorsichtig und im Dunkeln verborgen auf die andere Seite rüber. Und wollte durch die obere Tür auf der linken Seite verschwinden. Leider ging sein Plan nicht auf. Denn im Eifer des Gefechts – sah Navi diesen Schatten! „Dann ist das also der Angreifer! Dachte ich es mir doch, dass die Krüge nicht von allein fliegen können! Na warte!“ Mit bahnbrechender Geschwindigkeit sauste sie durch die Luft. Link, der zwischen Tür und Angel stand, rief ihr verwundert hinterher: „Wo willst du hin, Navi?“ Doch die Magie des Kristalls erlosch und die Monster drängten. Er hatte keine Zeit mehr, er musste weg. Sie trafen sich schon irgendwo im Tempel wieder. Link lief davon. Navi allerdings folgte dem Schatten in den Gang, beinahe wäre die Tür vor ihrer Nase zugefallen, doch sie war so klein, dass sie noch hindurchflutschen konnte. Und dem Schatten gegenüberstand. „Was…?“ Ein kleiner Junge? Ein kleiner Bengel? Gerade einmal etwas mehr als halb so alt wie Link und noch ganz grün hinter den Ohren. Seltsam… Was hatte dieser Junge hier zu suchen? Er passte gar nicht hierher, mit seiner blassen Haut und den pechschwarzen Haaren. „Wer bist du denn?“, fragte Navi, so überrascht wie noch nie in ihrem langen Leben. Kim war kreidebleich, wenn das überhaupt noch ging. Die kleine Fee! Sie hatte ihn entdeckt! Nein! Was sollte er tun? Er war entdeckt worden! Warum war er nicht schön artig bei Ashanti geblieben? Warum, warum, warum? „Du hast uns also mit Krügen beworfen? Und das Öl angezündet?“ Navi war rasend. „Weißt du denn nicht, dass man so Leute verletzt oder sogar umbringen kann? Das war sehr gefährlich! In deinem Alter darf man nicht mit Feuer spielen!“ Sie war so in ihren Belehrungen vertieft, dass sie die Hand nicht sah, die nach ihr schlug. Erschrocken knallte sie auf den harten Boden und war ganz benommen. Sie hatte noch nicht einmal schreien können, da sah sie schon viele bunte Pünktchen vor ihren Augen. Aua! Ihr tat alles im Leibe weh! So ein unverschämtes Kind! Allmählich klärte sich ihr Blick und der Schwindel, zwar blieb er, nahm aber doch deutlich ab. Ihr brummte der Schädel. Sie schaute auf und sah, dass der Junge sich über sie beugte. Und sah wie er langsam den Fuß hob und wie die Sohle seines Stiefels sich über sie hob. WAS? In Todesangst rollte sie sich zur Seite ab. Der Fuß stieß so fest auf den Stein, dass sie meinte, der Boden unter ihr vibrierte. Der Schwindel war vergessen. Blitzschnell flog sie auf. „Sag mal, was soll das?“, brüllte sie dem Jungen ins Gesicht. „Wolltest du mich eben zertreten? Du kleiner Teufel! Wenn ich deine Mutter wäre, dann hätte ich dir den Hintern grün und blau geschlagen!“ Mit der Hand schnappte der Junge nach ihr, doch sie wich erschrocken aus. „Ich töte dich!“, zischte der Junge und hob die Hand. Ein gleißender Blitz schoss aus seiner Handfläche. Navi schrie erneut. „Du bist ja irre!“, kreischte sie panisch, während der Blitz dicht neben ihr in die Wand einschlug und ein Loch so groß wie sie selbst hineinriss. Ein zweiter Blitz folgte und noch einer. Sie musste weg! Schnell! Dieses Gör hatte tatsächlich vor sie umzubringen! Als ein weiterer Blitz sie weiter nach oben trieb, entdeckte sie den faustgroßen Lufttunnel. Ihre Fluchtmöglichkeit! Voller Furcht flog sie hinein und war verschwunden. Kim wurde noch übler. Die Fee war ihm entkommen! Er flog hoch zu dem Luftloch und schoss seine Blitze hinein, doch der Tunnel machte eine Biegung und von der Fee war schon nichts mehr zu sehen. Sie war ihm wirklich entkommen! Oh nein! Jetzt war es aus mit ihm! Das war schlimmer noch, als bei einem Fluchtversuch entdeckt zu werden! Was hatte sein Meister ihm angedroht, wenn jemals jemand ohne seines Meisters Zutun von ihm erfuhr? Hinter dem Gesicht der Steingöttin im großen Saal gab es einen Raum, erfüllt von einem Schutzzauber der beiden alten Hexen. Von dort kam man ohne ihre Erlaubnis weder rein noch raus. Dort, hatte Ganon ihm gedroht, würde er ihn einsperren und er durfte niemals mehr heraus. Noch nicht einmal um zu pissen! Dann war sein Gefängnis nicht mehr so groß wie ein Tempel, sondern wie ein kleines Zimmer! Kim musste die Fee unbedingt vernichten! Und den Jungen auch! Denn wenn die Fee auf ihren Gefährten traf, dann, Kim war sich sicher, würde sie ihm von der Begegnung mit diesem Jungen erzählen. Nicht in Panik geraten, ermahnte er sich selbst. Denk nach! Warum waren die Fremden hier? Es gab hier nichts was von Bedeutung wäre… Vielleicht bis auf das Spiegelschild und die Krafthandschuhe. Aber der Junge hatte bereits ein Schild. War er also auf die Krafthandschuhe aus? Die waren ihm doch viel zu groß! Die waren für einen Erwachsenen angefertigt. Aber vielleicht wusste der Junge das nicht. Ja genau! Karos hatte doch das Codewort benutzt! Der Eindringling hatte es sicher falsch aufgefasst und sich in seiner Vermutung um die Krafthandschuhe bestätigt gefühlt! Dann wusste Kim wo er zu lauern hatte! Er rannte die Treppe nach oben, denn er kannte eine Abkürzung. Im Gang traf er auf Ashanti. Sie war außer sich. „Kleiner Herr! Es herrscht regelrechter Aufruhr im Tempel! Der Eindringling soll bis in die obersten Räumen vorgedrungen sein und jetzt…“ Er ließ sie gar nicht zu Ende reden und packte sie gleich am Arm um sie mitzuschleifen. „Aber was…“ „Komm mit, ich weiß wo der Junge hin will!“, sagte er kurz und bündig.

Vollkommen in Panik flog Navi den windigen Tunnel entlang. Sie sah nicht zurück, denn sie hatte die Blitze gespürt, die durch den Tunnel gejagt waren. Dieser Bengel wollte sie tatsächlich zur Strecke bringen! Was war das nur für ein abtrünniger Knabe? Was machte er mitten in der Wüste? In einem alten Gemäuer? Ob er auch hinter den Krafthandschuhen her war? Womöglich hatte diese schreckliche Frau auch ihn auf diese Wunderwaffe angesetzt! Vielleicht war das ja auch alles eine Falle! Schließlich war diese Frau eine Gerudo! Ein Luftzug kündigte das Ende des Tunnels an. Mehr noch, der Druck presste sie heraus und sie flog im hohen Bogen – gegen eine Säule. Platt wie eine Flunder! Ein tiefes Klagen und ein Flammenmeer aus reinem Blau. Dann war der Eisenprinz verschwunden. Link keuchte erleichtert aus. Das war ein harter Brocken gewesen. „Navi!“, keuchte er und fing sie auf bevor sie zu Boden gefallen wäre. „Navi, den Göttinnen sei Dank!“ Navi war noch ganz weggetreten. „Ich…ich…ich mag…nicht mehr!“ „Ist schon gut, Navi! Jetzt ruh dich aus, wir sind am Ziel!“ Darin war sich Link sicher. Er ließ sie zu ihrem vertrauten Platz kriechen, unter sein Schild. Dann trat er aus der Tür ins Freie. Heftiger Wind, gemischt mit Sandkörnern, schlug ihm ins Gesicht. Kurz war er geblendet, von der heiß glühenden Sonne. Die angenehme Kühle der Steinwände war verschwunden. Ersetzt durch die unerträgliche Hitze des Tages. Aber das war egal. Denn vor ihm stand die Schatztruhe! „Juhu!“, jubelte er und klopfte sich selbst auf die Schulter. „Ich bin ja so gut!“ Kräftig spuckte er in die Hände und hob den Deckel an. Tatsächlich! Da lagen sie, zwei Handschuhe aus bestem Leder. Mit offenen Fingern. Die obere Seite der Handschuhe war mit Schuppenplatten aus Silber besprenkelt. Seltsame Zeichen waren darin eingraviert, aber er konnte sie nicht lesen, es waren Runen der alten Sprache… Kim und Ashanti standen nur zwei Stockwerke weiter oben, im Mittelteil des Tempels und beugten sich behutsam über den Rand. Sie beobachteten den komischen grünen Jungen. Ashanti wollte sich gar nicht mehr einkriegen. „So ein mieser Dieb! Der stielt tatsächlich die silbernen Krafthandschuhe des Herrn! Was fällt ihm ein!“ Kim allerdings fand es noch lustiger als am Anfang. „Ist doch nicht so schlimm. Mein Meister hat doch noch die goldenen Krafthandschuhe und die verzwanzigfachen die Kraft!“ Wutverzerrt verzog Ashanti das Gesicht. „Es geht nicht um den Wert des gestohlenen Gegenstandes, kleiner Herr! Es geht darum, dass jemand überhaupt stielt! Er bestielt den Herrn und lässt uns alle in Schande geraten! Der Herr hat uns den Tempel anvertraut, damit wir alle Kostbarkeiten in dieser heiligen Stätte bewahren und nun das!“ Kim rollte die Augen. Ashanti allerdings zog ihr Wurfmesser hervor. „Ich werde diesen dreckigen Langfinger ins Jenseits…“ „Nein.“, wehrte Kim ab. „Ich mache das!“ Erstaunt ließ Ashanti die Waffe sinken. „Aber junger Herr…“ „Keine Widerrede! Ich bin der junge Herr und ich befehle dir, dich da raus zu halten!“, sagte er im gebieterischen Ton. Ashanti resignierte und nickte. Durchaus hätte Kim ihr das überlassen, sie war eine geschickte Werferin, um einiges geschickter als mit dem Säbel (darin war sie mies), doch es ging ihm weniger darum den Jungen als viel mehr die Fee tot zu sehen! Und die war wegen ihrer Winzigkeit und Schnelligkeit mit dem Wurfmesser kaum zu treffen. Er musste nun zum ersten Mal eine magische Energiekugel erzeugen. Bis jetzt waren ihm nur Faustgroße gelungen, die reichten sicher gerade um den Jungen zu kitzeln, doch er hatte Ganon so oft dabei zugesehen; heute musste ihm eine große gelingen, mit der er die beiden Eindringlinge tödlich treffen konnte! Es musste einfach klappen! Der Junge wandte ihm so schön den Rücken zu. Die perfekte Möglichkeit! Kim erhob sich. In seiner kleinen Hand sprühten Funken –
AAAAAAAHHHHHHHHHHHHHHHHHHHRRRRRRRRRRRRGGGGGGGGGGGG!“, schrie eine Stimme. „Link!“, rief Navi. „Schau! Da!“ Link wandte sich um und erstarrte. Da war die Frau, die ihn in den Tempel geführt hatte. Bereits zur Hälfte versunken, in einer lilafarbenen Pfütze aus Magie. Drohend und fluchend hob sie ihre Faust und schrie: „Ihr hässlichen alten Weiber! Was macht ihr mit mir?“ Ashanti atmete entsetzt auf. „Nabo…ru…“ Kim sah zu ihr und runzelte die Stirn, ehe er sich wieder interessiert dem Szenario zuwandte. Ebenso wie Link, dessen Augen aufgerissen waren. Seine Hand fuhr zu seinem Schwert. „Nein!“, flüsterte Navi. „Sie sind zu stark! Wir dürfen uns nicht verraten!“ Links ganzer Körper vibrierte, doch er wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte, wenn sie von einem offensiven Kampf abriet. Die zwei Hexen, die sie umflogen, kicherten bösartig und herablassend. Es waren zwei grässliche uralte Weiber. Widerwärtig und runzlig saßen sie auf ihren Besen. „Hihihihi, Kotake schau nur! Wer sich trotz Verbannung hier im Tempel herumschleicht!“, lachte die rot gekleidete Hexe. „Hihihihi, ganz recht liebe Koume! Ob sie wohl Wind von dem Schatz bekommen hat?“, lachte auch die blaue Hexe. „Nun, wer weiß, Schwester. Aber solche Gesetzesbrecher sollten bestraft werden, findest du nicht?“ Naboru stampfte und trampelte und zappelte und wehrte sich mit aller Macht, gegen den Sog, der sie in die Magie zog. „Lasst mich! Lasst mich in Frieden, ihr hässlichen alten Schachteln! Ihr dreckiger Abschaum!“ Die Hexen waren kurz erstaunt, doch dann grinsten sie sich hämisch zu. „Schau nur, Koume. So wehrlos ist sie und dennoch übt sich ihre spitze Zunge früh!“ „Ja, Kotake. Man könnte meinen sie sei eine mächtige Königin! Hihihi.“ Naboru war fast vollständig in der Pfütze verschwunden. „Nein!“, schrie sie verzweifelt. „Nein! Ihr hässlichen Weiber! Ich werde…Link, flieh!“, stieß sie noch aus bevor ihr Kopf verschwand. Ihr rechter Arm wedelte hilflos in der Leere, ehe auch er von der Magie vollständig eingesogen wurde. Naboru war verschwunden. Auch die Magie verschwand und der Tempel lag so ruhig da wie zuvor, in der heißen Nachmittagssonne. „Hihihihihi.“, kicherten die alten Weiber. Mit einem letzten Tänzchen der Freude über ihre Boshaftigkeit flogen sie in den Tempel hinein und waren verschwunden. „Oh nein!“ Link war außer sich. „Die arme Frau! Wir müssen ihr helfen!“ „Nein, Link! Das können wir jetzt noch nicht!“ „Aber was sollen wir denn dann tun?“ Navi überlegte. „Lass uns zur Zitadelle zurückkehren. Wir können nur in der Zukunft etwas ausrichten, ohne das Masterschwert haben wir nicht die geringste Chance gegen diese Hexen!“ Link ließ verzweifelt die Schultern hängen. „Du hast Recht. Aber was mache ich damit?“ Er hielt ihr die Handschuhe hin. „Du Dummkopf! Nimm sie für dich!“ „Für mich? Aber die passen mir doch gar nicht! Siehst du?“ Demonstrativ zog er sie sich über. Viel zu groß waren sie für seine kleinen plumpen Hände. Navi viel aus allen Wolken, so schmerzhaft war Links Begriffsstutzigkeit. „Link! In der Zukunft bist du groß!“ „Achso! Stimmt ja, in der Zukunft!“ Nun dämmerte es Link und er nickte. „Genau! Ich werde gleich hierher zurückkehren!“ Damit setzte er die Okarina der Zeit an die Lippen. Eine sachte Melodie erfüllte die stille Luft. Ein Schleier sanften Wogens aus Magie. Dann löste sich der Held in strahlend gelbem Licht auf und das Licht flog davon, in die weite Ferne… Kim erhob sich. „Was war das?“ Doch Ashanti verbarg beschämt ihr Gesicht. Er war verblüfft darüber. „Ashanti? Weinst du?“ „N…nein…“, zitterte ihre Stimme. „Mir…mir ist ein Sandkorn ins Auge geflogen…“ Er ließ die Faust in die Hand sausen. „Was haben diese Gothama nun schon wieder gemacht? Was wollen sie von dieser Gerudo? Warum haben sie sie gefangen genommen?“ Ashanti sprang auf. „Gefangen…? Sie…sie haben sie nur gefangen genommen? Nicht getötet?“ Kim zeigte ihr den Vogel gabs das damals schon?. „Ne, das war nur ein Fangzauber.“ So unendlich erleichtert war Ashanti, dass aus ihr alle Kraft wich und sie auf den Boden zurücksackte. „Der Shjra sei Dank!“ „Diese grässliche Gothama! Denen werde ich es zeigen!“ Erneut wurde Ashanti unsanft gepackt und mitgerissen. „Komm mit!“ Lächelnd musste Ashanti feststellen, dass er sich den unverschämt höhnischen Befehlston seines Vaters angewöhnt hatte. Sie liefen durch die Gänge, schnell, schnell mussten sie sein. Sonst verschwanden die Hexen noch in ihrem Zimmer hoch oben im Gesicht der Statue. Die Flammen der Fackeln schlugen aus, als sie an ihnen vorbei brausten. Aufgescheuchte Wachen, noch ganz im Nebel des Kampfes mit dem Eindringling, sprangen ihm erschrocken aus dem Weg und hatten kaum die Zeit sich zu verbeugen. Sie erreichten den großen Saal und Ashanti war ganz außer Atem. Kim allerdings, es schien als hätte er sich rein gar nicht bewegt, so ruhig war seine Haltung. Im Saal unten waren niedere Monster damit beschäftigt den Boden zu säubern. Von den Tonscherben, Stofffetzen und dem Öl. Die beiden Hexen flogen langsam ihre Kreise und gaben dem Hauptmann der Monster ein paar letzte Anweisungen. „…und wir wollen nicht gestört werden!“, sprach Koume. „Erst recht nicht von…“ Sie begann zu kichern. „unserem neugierigen kleinen Schatz!“ „Gothama!“, brüllte der neugierige kleine Schatz und sie alle fuhren zusammen. Mit herrscherischer Haltung und eiskaltem Gesicht flog Kim geschmeidig zu Boden und er sprach nicht, ehe er nicht unten war. Um seinem Prestige noch mehr Fülle zu verleihen. Die niederen Monster bebten vor Furcht. Sie hatten alle Angst vor ihm, weil sie wussten, dass er sie gerne als Zielscheibe seiner Übungen benutzte. Sie waren ja auch so schwach und bedeutungslos. „Gothama!“ Kim rümpfte die Nase. „Was fällt euch ein!“ Die Hexen sahen zu ihm herunter. Aus lauernden Augen. Und auch Karos hätte es getan, hätte er wahre Augen besessen. Hatten sie sonst nichts gemeinsam, so war es doch so, dass Koume, Kotake und Karos sich vereinten in ihrer Abneigung gegen den Sohn ihres Herren. Ein aufdringliches, unverschämtes, prüdes und viel zu kluges und mächtiges Balg. „Was fällt uns Eurer Meinung nach denn ein, junger Herr?“, fragte Kotake und bemühte sich um eine ruhige und freundliche Stimme. Ärgerlich verschränkte Kim die Arme vor der Brust. „Warum habt ihr die Gerudofrau gefangen genommen? Was habt ihr mit ihr vor?“ Karos fuhr auf. „Was? Eine Gerudofrau? Gefangen genommen?“ Mitten in ihrem Flug hielten die zwei Weiber inne. Das kleine Gör hatte sie tatsächlich beobachtet! Unfassbar! Das verhieß überhaupt nichts Gutes. Trotzdem stellten sie sich unwissend. „Wir sollen eine Gerudofrau gefangen genommen haben?“, wiederholte Koume und lachte schrill, dass es ihnen in den Ohren wehtat. „Junger Herr, Ihr müsst Euch irren. Vielleicht solltet Ihr Euch etwas hinlegen. Man wird ganz wirr, wenn man sein kleines süßes Köpflein überanstrengt. Ich werde Euch einen Schlaftrank zubereiten, dann wird es Euch…“ „Ich irre mich nicht! Ich irre mich nie!“, schrie Kim. „Ich weiß genau was ich gesehen habe!“ Nun mischte sich auch Kotake ein. „Junger Herr, ich versichere Euch, dass wir nur einen kleinen Spaziergang unternommen haben. Wir sind schon vierhundert Jahre alt, da lernt man erst die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen. Aber wir nehmen doch keine Gerudos gefan…“ „Und ob!“, wurde sie unterbrochen. Von Ashanti. Ashanti konnte nicht schweben. Sie hatte die ganze Treppe hinunterlaufen müssen. Doch nun stellte sie sich neben Kim um ihn zu unterstützen. „Ich war dabei! Wir haben euch gesehen wie ihr Naboru gefangen genommen habt!“ „Naboru?“ Trotz seiner steifen Mimik war Karos doch der Schock anzusehen. „Naboru?“, murmelte auch Kim und leckte sich nachdenklich über die Unterlippe. „Doch nicht etwa…“, stockte der Stalfoshauptmann weiter. „Das ist doch nicht wahr!“ „Natürlich ist es nicht wahr!“, stimmte Kotake zu. „Was fällt euch ein!“ Ashanti kochte vor Wut. Sie war zwar nur ein Gerudomädchen, ein Kindermädchen, doch sie ließ ihrer Wut freien Lauf. „Wie konntet ihr das wagen? Ich werde den Herrn davon unterrichten! Verlasst euch darauf!“ „Das wirst du ganz sicher nicht tun, du dummes Mädchen!“, zischte Koume sie zornig an. „Dann ist es also doch wahr?“, stammelte Karos. „Ihr habt die Frau…die verbannte Gerudofrau gefangen genommen?“ Nun kicherten die Hexen wieder. „Aber sicher! Naboru ist eine vorzügliche Kriegerin! Sie wird dem Herrn eine nützliche Dienerin sein, wenn wir sie erst einmal einer Gehirnwäsche unterzogen haben!“ Karos schwang sein Schwert. „Nein! Als Hauptmann aller unhumanen Legionen des Herrn sage ich euch, es ist Unrecht! Der Herr hat die Frau verbannt und sie ist und wird verbannt bleiben! Soll der Herr entscheiden was er mit ihr macht, da sie unerlaubt sein Reich betreten hat! Aber ihr habt gewiss nicht das Recht dazu!“ Die Hexen kicherten nun wieder. „Hör nur, Kotake. Mit welcher Überzeugung sie sprechen.“ „Ja, Koume. Hihihihi, es ist wirklich erstaunlich.“ Beide streckten sie die Hände aus. „Allerdings gibt es da ein Problem.“, kicherte Koume nun an die Drei gewand. „Was wollt ihr dem Herrn berichten – wenn ihr vergesst was ihr gesehen und gehört habt?“ In ihren Händen formten sich Lichter aus reiner Magie. In Koumes Hand rot wie Feuer, in Kotakes Hand blau wie Eis. „Hier!“, schrieen sie gemeinsam und schleuderten ihre Magie auf die drei Gestalten unter ihnen. Ashanti und Karos waren geblendet, das Licht stach in ihre Körper. Doch Kim war es ein leichtes den Zauber abzuwehren, er war viel zu schwach als dass er ihm nicht widerstehen konnte. Er musste noch nicht einmal mit der Wimper zucken. Das Licht verging noch ehe es den ganzen Raum erfüllte. Und das eklige Kichern der Hexen erfüllte den Saal. Kim sah auf, zu Ashanti. Doch ihr Gesicht war so starr. Ihre Augen starrten ins Leere. Da wusste er, dass bei ihnen der Zauber gewirkt hatte. Dass er der Einzige war, der sein Gedächtnis behalten hatte. Kim seufzte.

Die Hexen kicherten ob ihres geglaubten Triumphes. „Hauptmann, habt Ihr nicht zugehört?“, fragte Kotake scheinheilig. Karos schreckte aus seiner Trance. „Was? Wie?“ „Hauptmann, wir baten Euch die Wachen zu verstärken. Es kommen schlimme Zeiten auf uns zu, wenn der Herr so viel zu tun hat!“, setzte Koume kichernd nach. „Ach ja…“, murmelte Karos. „Das werde ich tun.“ Auch Ashanti war erwacht. Sie legte ihm den Arm um die Schulter. „Kleiner Herr, lasst uns wieder hinaufgehen. Ich werde Euch eine Früchteplatte anrichten und Ihr ruht Euch etwas aus.“ Unwillig verzog er das Gesicht. Doch sie murmelte abwesend wie verwundert sie war, dass sie sich nicht erinnern konnte wie sie hierher gekommen waren. Jäh öffnete sich die Tür und da erzitterten alle, wegen der Kälte, die Einzug in den Raum nahm. „Herr!“, kreischten die Gothama im Chor. Frohlockend. „Wir haben Euch gar nicht so früh erwartet!“ Die Anwesenden, besser gesagt die niederen Monster, fielen auf die Knie. Und auch Karos und Ashanti verbeugten sich tief. Nicht ohne einen Schauder über die Kälte. Auch die Hexen senkten den Kopf, wenn das auch eine sehr dezente Geste war und ihren hohen Stand unterstrich. Die Monster, die ihn geleitet hatten, kehrten nun entweder um oder nahmen neue Posten in anderen Räumen ein. Es war ein Getümmel wie in einem Ameisenhaufen. Kim aber schritt Ganon entgegen, nahm seine Hand, beugte sich vor und presste sie kurz an seine Stirn. Das war zu dieser Zeit Anstand, dass Kinder, Söhne wie Töchter, ihren Vätern zur Begrüßung die Stirn an die Hand legten oder die Hand gar küssten. Kim allerdings tat dies nur, wenn er Ganon gütig stimmen wollte. Mit anderen Worten, wenn er etwas ausgefressen hatte. Sicher, das wusste auch Ganon. Darum blickte er verwundert auf ihn herab. „Was hast du nun schon wieder angestellt?“, fragte er. „Nichts, Meister.“, erwiderte Kim heiter. Es war ausnahmsweise die Wahrheit. Weil das aber alles andere als gewöhnlich war, funkelte Ganon ihn misstrauisch an. Kim hielt dem Blick stand, was er niemals geschafft hatte, wenn er log, und lächelte ganz arglos. Karos, der ebenfalls um die unzähligen Strafen wusste, die auf seine Fluchten folgten (jeder im Gerudoreich, der Hirn besaß wusste davon und es wurde allseits darüber gesprochen, gewitzelt und gelacht, eben das Thema Nummer eins bei den Gerudos, die nur sehnsüchtig auf die nächste heiße Neuigkeit warteten) erkannte seine Chance. „Der junge Herr hat erneut versucht zu fliehen!“, sprach Karos. Kim starrte entsetzt zu ihm herüber. Innerlich war Karos erfüllt von Schadenfreude. „Wir haben ihn abgefangen und zurückgebracht.“ Nie – niemals – hatte Kim Karos mehr gehasst als in diesem Moment. Da er ihn so schamlos und ohne Ehrlichkeit in die Missgunst bringen wollte. Am liebsten hätte er ihn mit seiner Magie in seine ursprüngliche Form zurückgeschickt und einem der niederen Wolfsheimer zum Fraß vorgeworfen. „Das stimmt nicht!“, wehrte Kim sich aufgeregt. „Er lügt! Meister, er lügt!“ Ganon sah ihn hart an. Das wiederum stimmte Kim bitter. Wo doch einmal nichts – wirklich nichts – auf seine Kosten ging! „Das ist nicht wahr! Ich habe überhaupt nicht versucht zu fliehen! Dieser stinkende Knochen lügt wie gedruckt!“ Ganz überrascht verfolgte Ganon den ungezügelten Ausbruch seines Sohnes. „Das ist gelogen!“, unterstrich Kim erneut. „Das ist gelogen!“ Plötzlich brach Ganon in schallendes Gelächter aus. Die Anwesenden waren so erschrocken, es war ja gar schon abnormal, dass sie ihren Herrn lachen hörten, sie wichen zurück. Ganon fuhr seinem Sohn durch die Haare. „Natürlich ist es gelogen! Wie kommst du darauf, dass ich auch nur einen Augenblick an Karos Worte geglaubt hätte.“ Das kam natürlich so überraschend, dass alle für einen Moment verstummten. Dana durchschnitt den Überraschungsmoment. „Verschwindet ihr Viecher!“, zischte sie. Auf einem Bein sprang sie herum. Denn an dem Bein in der Luft hatten sich kleine lebende Russbüschel gehaftet, ein ungewolltes Nebenprodukt der gewaltigen Magie in diesem Tempel. Mit der Hand konnte sie sie nicht vertreiben, denn sie trug Pergamentrollen unter ihrem Arm. Heftig schüttelte sie ihr Bein. Bis alle abgefallen waren. „Hach! Warum muss diese heilige Stätte nur so von Unrat wimmeln!“, klagte sie ärgerlich. „Es sieht so aus als hausten deine Uhrahnen hier, nicht Dana?“, gab Ganon hämisch zurück. Dana funkelte ihn an, dann strich sie sich würdevoll eine Strähne aus dem verschwitzten Gesicht. „Deine wohnen ja unter der Erde, wie!“ Ganon lachte erneut. „Wenn du nicht so nützlich wärst, würde ich dich eigenhändig erdrosseln. Nur für deine dreisten Blicke!“ Sie schüttelte unstimmig den Kopf. „Ach ja, Karos!“, kam Ganon aufs Thema zurück. Karos erstarrte zu Stein. „Mir scheint du hast vergessen wem du zu dienen hast, oder warum lügst du mich so dreist an? Wäre mein Sohn geflohen, hättest du ihn sicher nicht zu fassen bekommen. Das ist euch ganze sechsundneunzig Mal nicht gelungen, also ist es mehr als fragwürdig was du da von dir gibst! Vielleicht bist du deiner Aufgaben ja überdrüssig geworden und ziehst es vor dein Dasein wieder als Überrest eines ehemaligen Menschenarmes zu fristen?“ Karos fiel auf die Knie. „N…nein, Herr! Ich…“ „Entschuldige dich augenblicklich!“, befahl Ganon. „Ver…verzeiht mir, junger Herr. Dass ich Euch betrogen habe! Vergebt mir, ich flehe Euch an!“, winselte Karos unterwürfig. Aber Kim war gar nicht daran interessiert. „Du hast auch mitgezählt, Meister?“ „Sicher“, witzelte Ganon. „Ich warte auf das hundertige Jubiläum.“ Kims Erleichterung bekam einen Dämpfer. „Das ist nicht witzig.“ „Finde ich auch.“, stimmte Ganon zu. „Mir gehen langsam die Ideen aus dich zu bestrafen.“ Kim war beruhigt. Ganon war guter Laune. Wunderbar. Dann wurden seine Ohren und Nerven geschont. Erneut tätschelte Ganon seinen Kopf. „Um dem ein Ende zu setzen habe ich eine Überraschung für dich.“ Nun war es an Kim misstrauisch zu sein. Das war auch alles andere als gewöhnlich. „Was für eine Überraschung?“ „Ich bin der Einzige, der hier die Fragen stellt!“, entgegnete Ganon und dann richtete er sich an die Anwesenden. „Was ist hier geschehen? Warum der ganze Aufruhr im Tempel? Ashanti! Antworte du mir!“ Ashanti schreckte auf. „Äh…ich…ähm…“ Das Mädchen war sichtlich peinlich berührt, wegen der Gedächtnislücke. „Ashanti!“, zischte Dana und Ashanti kniff furchtvoll die Augen zusammen. „Hast du den Herrn nicht verstanden, oder was?“ Die Hexen kicherten schrill. „Das junge Ding ist nur etwas durcheinander.“, kicherte Koume. „Herr, wenn Ihr erlaubt, so werde ich Euch sagen was geschehen ist.“ Ganon nickte ihr zu. „Ein Eindringling war hier!“ Kims Herz klopfte. Was? Warum fing Koume damit an? Sie hatten ihnen doch extra das Gedächtnis gelöscht und dann wollten sie von Naboru berichten? Oder – Kim graute es noch mehr – hatten sie den hyrulianischen Jungen und die Fee entdeckt? Hatten die Weiber sie tatsächlich gesehen? „Einer dieser Sandkiller ist hierhinein gedrungen!“, fuhr Kotake fort. Kim wäre beinahe zusammengebrochen, so erleichtert war er. „Er hat den Tempel verwüstet, doch wir haben ihn rasch vernichtet.“ Ganon zog eine Augenbraue hoch. „Ein Sandkiller? Sind sie nicht an den Sand gebunden?“ Nun lachte Koume. „Es gibt immer wieder Wunder, die geschehen. Wenn Ihr uns dann entschuldigt.“ Beide Hexen flogen ihren Kreis und lachten dabei so laut, dass es in ihre Ohren schnitt. Wild drehten sie sich um sich selbst und lachten und lachten. Bis sie ihre Form verloren und zu einer roten und einer blauen Leuchtkugel wurden, die durch die Decke verschwanden. Die Anwesenden sahen ihnen nach. Kim sah mit zusammengekniffenen Augen zur hohen Decke. Und rümpfte die Nase. Hättest du mal mich gefragt, Meister, dachte er. Ich weiß genau was hier geschehen ist! Wer dir treu dient und wer nicht! Doch er wagte nicht etwas preiszugeben. Erstens hatte er nun einen Vorteil, die Hexen hielten ihn tatsächlich für ein dummes, schwaches Kind. Zweitens, sollte Ganon den Jungen mit seiner Fee begegnen und die Fee reden… Und was war, wenn sie redete? Vielleicht nicht zu Ganon aber zu ihrem Gefährten? Darüber mochte er gar nicht nachdenken. Vielleicht sollte er doch reden. Nein! Das war doch all zu dumm dieses Aas im Ärmel frühzeitig zu verspielen! Hehe! „Was zitterst du so?“, fragte Ganon. Dieses Mal log er. Er log sehr geschickt. „Ich hasse Überraschungen! Vor allem deine!“ „Oh, na wenn du nicht willst.“, gab Ganon zurück. „Ich dachte du wärst so versessen darauf den Tempel endlich zu verlassen, aber anscheinend hast du dich nun doch so blendend integriert.“ Kim horchte auf. „Was? Den Tempel verlassen? Wozu?“ „Als Zeichen meiner Güte, wozu sonst?“ Ganon nahm Dana eine Schriftrolle aus der Hand und zwar absichtlich so grob, dass ihr alle Pergamente aus der Hand fielen. Zornig funkelte sie ihn an, doch gleich darauf winkte sie Ashanti zu sich und gemeinsam lasen sie sie wieder auf. Währenddessen entrollte Ganon die Schriftrolle und hielt sie ihm vor die Nase. Es war eine Karte vom Gerudotal. „Ich habe mir gedacht, wir könnten die Grenze deiner Bewegungsfreiheit auf das Gerudotal ausweiten, ich finde du bist alt genug dir etwas mehr zu vertrauen.“ Kim blickte unverwandt auf die Karte. Darum bemerkte er die Hand zu spät, die sein Kinn packte und Ganon zog ihn dicht zu sich heran. „Aber eines solltest du dir merken!“, wisperte Ganon. „Solltest du das Gerudotal jemals ohne meine Anordnung verlassen, und sei es nur ein Schritt, dann bete zur Shjra, dass sie dir gnädig ist, denn ich werde es nicht sein! Hast du das verstanden, mein Sohn?“ Eingeschüchtert stotterte Kim: „J…ja…Meister.“ „Dann ist es ja gut.“, meinte Ganon zufrieden und ließ ihn los. Die Karte warf er über seine Schulter den Frauen vor die Füße. Zähneknirschend aber gelassen hob Dana auch diese Karte auf. Kim rieb sich seinen schmerzenden Kiefer. „I…ist das wirklich wahr? Ist das nicht wieder ein Trick um mich zu testen?“ „Nein, das ist mein voller Ernst. Aber wenn du nicht willst…“ „Doch, doch! Natürlich!!!“ Kim trat von einem Fuß auf das andere. „Darf ich wirklich hier weg? Darf ich mich frei im Tal bewegen?“ Dann verbeugte er sich ehrvoll und führte einen Freudentanz auf. Dana richtete sich auf. „Ach, der arme Junge.“, sagte sie sarkastisch. „Er ist so was von anspruchslos, dass er sich sogar darüber freut wie über den Eintritt ins Paradies.“ „Sei lieber nicht so zynisch, Dana. Sonst tauscht du mit ihm den Platz!“, entgegnete Ganon. Dana lachte… Dann war alles ruhig… Vollkommen still und starr… Alle Anwesenden erstarrten, der Staub erstarrte, die Luft erstarrte… Es war wie in einem gemalten Bild… Ihr Atem ging rasend und sie kam sich vor wie eine Einbrecherin. Kein Wunder, Lin war ja auch eine Einbrecherin, nicht in physischer Hinsicht, aber doch in mentaler. Sie hatte es Ganon einfach gleichgetan. Sie hatte sich in seine…seinen…hm…Kopf geschlichen! Ohne sein Wissen hatte sie sich in diese Erinnerung geschlichen. Die Zeit drängte! Sie musste die Lösung finden! Besser gesagt – sie hatte da schon so eine Vermutung, doch vorher wollte sie sich versichern. Sie musste! Denn schließlich war sie die Einzige! Bis jetzt hatte sie sich im Verborgenen gehalten, damit niemand verdacht schöpfte, was fatal gewesen wäre, doch nun, nun musste sie kämpfen! Sie wusste was sie zu tun hatte, sie musste etwas überprüfen… Allerdings konnte sie es nicht vermeiden, dass sie sich kurz ablenken ließ. Lin konnte einfach nicht anders als den kleinen Kim von allen Seiten zu betrachten. Er war ja so süß ^^! Sie konnte nur schwärmen. „Ach, Kim…“, seufzte sie. „Es tut mir so leid, aber ich kann nicht zulassen, dass du deine Aufgabe erfüllst. Ich werde dich besiegen!“ Sie nahm das kleine Gesicht in ihre Hände. Eigentlich hatte sie vorgehabt ihn auf den Mund zu küssen, aber das brachte sie nicht über sich. Dieser Kim war einfach zu klein dafür. Darum gab sie ihm den Kuss auf die Stirn. Was aber geschah, das hatte sie nicht, nie im Leben nicht, erwartet. Ja, es war gar schockierend! Kim, besser gesagt die Erinnerung seiner Gestalt, erwachte! Kim tanzte hin und her – bis er feststellte, dass etwas nicht stimmte. Es war so ruhig. „Meister?“, fragte er in die Leere. Ganon bewegte sich nicht. „Dana? Ashanti?“ Aber keiner bewegte sich, selbst die Monster nicht. Sie waren wie zu Stein erstarrt. „Was…? Was ist das?“, fragte er sich. „Das wüsste ich auch gerne!“, antwortete Lin. „Wie ist das nur möglich?“ Kim fuhr zusammen und drehte sich so schnell um, dass er um sein Gleichgewicht schwankte. Da sah er das fremde große Mädchen. In einem goldenen Kleid, die Haut so rein und leuchtend. Die tiefblauen Augen lächelten ihm warm zu. Doch sie hatte keine roten Haare! Ihr Haar war blond! Wie das von dem Eindringling! Sofort machte Kim sich kampfbereit. „Wer bist du? Was hast du mit ihnen gemacht?“ Das Mädchen lächelte ihm immer noch freundlich zu. „Ich heiße Lin! Ich habe gar nichts mit ihnen gemacht.“ „Du hast sie verflucht! Du hast sie in Stein verwandelt, nicht wahr?“ „Nein, das habe ich nicht.“ Kim baute sich vor ihr auf und funkelte ihr in die Augen. Lin war ganz verwirrt und doch belustigt von dem kleinen süßen Kim. „Bist du der Feind des Meisters?“ „Du meinst von Ganon?“, fragte Lin nach. „Ja! Vom großen König der Wüste!“ Augenrollend stimmte sie zu. „Ja, das bin ich.“ Kim sprang zurück und schrie ihr zu. „Dann bist du auch mein Feind! Ich töte dich!“ Eilig, bevor diese Feindin ihn auch in Stein verwandeln konnte, lief er zu seinem erstarrten Meister und griff an die Scheide. Mit einem Zischen glitt das Schwert heraus. Das schwarze Schwert. Mit beiden Händen hielt Kim es der Feindin entgegen. Ehrvoll und unerschrocken, wie es ihm stets eingetrichtert worden war. „Kämpfe! Ich habe keine Angst vor dir! Ich werde dich töten!“ Er machte zwei Schritte auf sie zu. Und Lin wurden die Augen groß. Der kleine Junge mit dem großen Schwert, das so lang war wie er groß. Damit wollte er sie umbringen? Es war erstaunlich, dass er es überhaupt halten konnte! Wie auf Kommando zitterten dem kleinen Jungen Arme und Beine. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn und seine Muskeln schrieen nach Gnade. So viel Training für die Katz! Kim versuchte eisern zu bleiben…doch schließlich konnte er nicht mehr. Das Schwert fiel klirrend zu Boden und er rieb sich seine schmerzenden Muskeln. Lin prustete vor Lachen.

„Mach dich nicht lustig über mich!“, kreischte das angekratzte Ego des Jungen. „Ich töte dich!“ „Ist schon gut, Kim!“, winkte Lin strahlend ab. „Du bist halt noch so klein.“ Kim funkelte sie wütend an. „Kim? Wer ist das?“ Da fiel es ihr ein. „Stimmt ja! Wir sind uns ja noch nicht begegnet! Entschuldige… Ganondorf.“ Kim erschrak bis ins Mark. „Woher kennst du meinen Namen?“ Sie schüttelte lachend den Kopf. „Dumme Frage! Weil du ihn mir gesagt hast!“ „Ich soll ihn dir gesagt haben?“ Kim war nun völlig überzeugt, dass das eine Feindin war, die ein falsches Spiel mit ihm zu spielen versuchte. „Pah! Ich bin doch nicht blöd! Ich habe ihn dir ganz sicher nicht gesagt! Daran würde ich mich erinnern!“ „Das kannst du natürlich nicht.“ Lin holte tief Luft, eine Künstlerpause, die ihre Wirkung nicht verfehlte. „Weil du ihn mir noch nicht gesagt hast. Das kommt noch, in ein paar Jahren.“ Kims Augen strahlten. „Dann kommst du aus der Zukunft?“ Lin war total irritiert. „Du weißt schon darüber bescheid?“ „Bin ich in der Zukunft stark und mächtig? So wie es der Meister immer predigt?“, überging Kim sie. „Ähm…“ Sie überlegte was sie jetzt sagen sollte. Dann entschied sie sich für die Wahrheit. „Jaaa…das kann man schon sagen.“ „Und habe ich auch eine Frau?“, drängte Kim. Er kam jetzt ganz vertraulich näher, wie es ein Kind eben tat. Nun bekam Lin ganz rosige Wangen und ein abwesendes Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen. „Hm…joah, das hast du.“ Kim stellte sich breitbeinig hin, zufrieden mit sich. „Natürlich ist sie die schönste Frau der ganzen Welt.“ Nun verschwand das Lächeln auf Lins Gesicht. „Sie ist bestimmt zierlich wie eine Blume!“, fuhr Kim ungeniert fort. „Und ihre Haut ist so weich wie kostbare Seide. Ihr Haar glänzt wie Diamant.“ Lins Mundwinkel wanderten immer weiter nach unten. „Und sie hat so einen großen Busen wie Dana!“ Lins Wangen liefen knallrot an und sie blickte an sich herab. Um seinen Worten Ausdruck zu verleihen, zeigte Kim noch gleich an sich selbst wie üppig er sich das vorstellte. „So gefällt es mir!“ Prompt bekam er eine saftige Ohrfeige von der Feindin. Seine Wange, besser gesagt der Abdruck auf seiner Wange, wurde knallrot. „Hey! Was soll das? Was fällt dir…“ Lin funkelte ihn scharf an. „So, deine Frau hat dir also zu kleine Brüste! Gut, dass sie jetzt bescheid weiß!“ Beleidigt rieb Kim sich seine Wange „Was regst du dich so auf, Feindin?“ Lin schüttelte verdrossen den Kopf. „Ich habe es den Mädels doch immer gesagt – alle Männer denken nur an das eine! Ausnahmslos!“ Doch Kim war zu neugierig geworden. „Los, sag schon! Welche Gerudo ist es? Welche werde ich später mal heiraten?“ Lin verschlug es die Sprache. „Gerudo? Eine Gerudofrau?“ Kim sah sie an als hielte er sie für geistig verwirrt. „Natürlich eine Gerudo! Ich binde mich doch nicht an irgendein unwürdiges Weib! Oder glaubst du auch noch ich nehme mir ein dreckiges Stück aus Hyrule? Pfui, niemals!“ Kim wischte diese Vorstellung angewidert beiseite. „Also? Wer ist es?“ Lin war nicht im Stande etwas zu erwidern. Doch das war gar nicht nötig. Kim war bereits genug mit sich selbst beschäftigt. „Aber doch nicht so eine wie Miram, die jüngere Schwester von Risaku, oder? Die ist dumm wie Stroh! Ich hasse dumme Frauen! Meine Frau muss klug und mutig sein! Sonst kann ich genauso gut ein Bild von einer Frau heiraten! Sie muss stark und anmutig sein und mächtig! Sie muss an meiner Seite stehen und wenn es sein muss für mich mit ihrem Leben kämpfen!“ Das Herz wurde Lin schwer. Denn sie wusste wie das alles enden werde. „Und ich will, dass…“ Lin legte ihm sachte ihren Finger auf die Lippen. Kim verstummte. Dann strich sie ihm so zärtlich über die Wange, dass sich seine Nackenhaare aufstellten. Er konnte ihr nur in die Augen starren. „Das wirst du, Kim! Ganz sicher!“ Dann konnte sie sich doch nicht mehr zurückhalten. Sie vergas einfach, das dieser Kim noch nicht der Kim war, in den sie sich verliebt hatte. Sie küsste ihn auf die Lippen. Es war ein langer Kuss. „Entschuldige, ich konnte einfach nicht anders.“, sagte sie leicht verlegen. Der Junge blieb wie angewurzelt stehen. Er konnte es sogar jetzt noch schmecken, spüren, fühlen. Nun aber musste Lin tun wozu sie gekommen war. Auf dem Absatz machte sie kehrt. Da stand also die erstarrte Gestalt Ganons, aus einer Erinnerung. Da war das ungute Gefühl wieder da und sie zögerte. Über die Schulter sah sie, an der großen Statue herauf. Die Frau, die im Schneidersitz die Hände empor hielt und die Schlange, die sich um ihren schlanken Körper wand. Ein Kristall hing in der Brust und einer auf der Stirn. Ja, das war es! Der Fluch! Lin wandte sich wieder um und stampfte entschlossen auf den starren König der Gerudos zu. Er trug eine glänzende schwarze Rüstung. Lin stöhnte. „Oh nein! Auch das noch!“ Aber es half nichts. Sie durfte sich keine Fehler erlauben also musste sie sich vergewissern! Lin fummelte am Saum der Rüstung um sie anzuheben. Da kam auch Kim wieder zu Besinnung. „Halt!“, kreischte er. „Du kannst doch den Meister nicht einfach anfassen!“ Ganz komisch sah sie ihn an. „Na sicher! Dir wäre es lieber ich würde dich anfassen, wie?“ Kim wurde rot. „Stimmt gar nicht!“ Lin fixierte ihn belehrend. „Jetzt vielleicht noch nicht.“ Verständnislos runzelte der Junge die Stirn, hielt sich aber zurück. Lin konnte gar nicht hinsehen. Das war noch schlimmer als den Müll raus zu tragen. Sie schob ihre Hand unter die Rüstung. Kurz hielt sie inne um tief zu schlucken. Zum Glück war das Leinenhemd darunter hauchdünn. Lin konnte sie durch den Stoff hindurchfühlen. Die Narbe. Sie hatte die identischen Ausmaße von Kims Narbe. So schnell sie konnte zog sie ihren Arm wieder zurück. Ein Schauder fuhr durch ihren Körper. „Es ist also wirklich so!“, staunte sie, dann gab sie ein Lachen von sich, so dunkel und böse, dass man meinen könnte sie hätte tatsächlich die Seiten gewechselt. „Was ist so?“, mischte sich Kim ein. „Was hast du da gemacht?“ Lin tätschelte überlegen seinen Kopf. „Ich weiß nun endlich wie ich dich besiegen kann!“ Bis in sein tiefstes Mark erschrak Kim und sprang zurück. „Mich besiegen?“ „Natürlich! Schon vergessen, Dummerchen? Ich bin dein Feind!“ Dann wandte sie sich mit giftigem Blick um, zum Gesicht der Statue hinauf. „Aber keine Sorge, ich bin hinter jemand anderem her!“ Kim verstand gar nichts mehr, er war komplett verwirrt. Lin klopfte sich die Hände aus und wandte sich zufrieden um. Sie konnte diesen Ort nun – Die Augen des erstarrten Ganon funkelten ihr direkt in ihre Augen. Lin war starr vor Schreck. Sie wollte ausweichen, doch es war zu spät. Ganon packte ihren Arm. Denn es war keine Figur aus der Erinnerung mehr. „Du hast dich also tatsächlich hierher geschlichen! Du kleine Schlange!“ Lin wehrte sich. „Lass mich los!“ Mit ihrer freien Hand schlug und kratzte sie auf Ganons Hand ein, doch dann packte er auch diesen Arm. „Nein!“ „Ich hätte daran denken müssen, dass dir das gelingen könnte! Dumm von mir so unvorsichtig gewesen zu sein!“, zischte Ganon. „Du bist eine Gefahr für uns alle und wenn mein Sohn dich nicht töten kann, dann werde ich es jetzt tun!“ Lin wurde kreidebleich. Ohne den Blick von ihr zu wenden, griff er schnell an sein Schwert, um ebenso schnell festzustellen, dass es nicht in seiner Scheide war. Aus dem Augenwinkel sah er es am Boden liegen. Deshalb befahl er: „Reich mir das Schwert!“ Der kleine Kim fuhr zusammen. Er rührte sich nicht. „Meister! Ich…ich kann alles erklären…sie ist keine Feindin! Wirklich! Sie…“ „Hast du nicht gehört, du jämmerliche Erinnerung? Gib mir das Schwert!“ Da riss Kim die Augen auf. „Er…erinnerung?“ Nun da Ganon wusste, dass er keine Hilfe von dieser unechten Gestalt erwarten konnte, musste er anders vorgehen. „Na schön! Dann bringe ich zu Ende was ich damals nicht zu Ende brachte!“ Er packte Lin am Hals und drückte zu. Lins Augen waren groß vor Entsetzen. Auch Kims. „Warte, Meister!“ Er zog Ganon am Hemd. „Ich kann alles erklären…“ Wütend stieß Ganon ihn mit dem Fuß weg. Mit voller Wucht. Sodass der kleine Junge mehrere Meter über den Stein schliff. Dann wandte er sich wieder Lin zu. „Du gerissenes Biest! Du hast uns reingelegt! Dafür wirst du mit deinem Leben bezahlen!“ Lin bekam zwar kaum noch Luft, doch sie wollte sich nicht einfach so geschlagen geben! Nicht jetzt! Deshalb hob sie ihre Hand nicht um einen sinnlosen Versuch zu starten, die Finger von ihrem Hals zu lösen. Nein, ihre Finger sausten auf Ganons Augen zu. Aber Ganon war schneller. Kurz vor seinem Gesicht fing er die Hand mit seiner Freien ab. Und drückte sie zusammen. Es tat so unglaublich weh und sie hätte geschrieen, wenn sie gekonnt hätte. „Du bist verloren, Lin!“, lachte Ganon. Und wirklich, sie merkte wie sich ihre Lungen aufbäumten. Und ihr Herz raste. „NEINNN!“, schrie der kleine Junge. Kim eilte auf sie beide zu – Doch es war nicht Kim. Denn die Gestalt des kleinen Jungen veränderte sich. In einem fließenden Schein wuchs die Gestalt, der Schrei wurde tiefer, die Haare heller. Es war der erwachsene Link! Ganon war so erstaunt darüber, dass er kurz wie gelähmt war. Zeit genug, dass Link ihm einen geübten Kinnhacken verpasste. Ganon wurde zurückgeschleudert und musste Lin loslassen. Lin plumpste zu Boden und keuchte. Die Erinnerung verblasste und verschwamm. Alle Figuren lösten sich auf. Die Monster, Karos, der Kotzbrocken, Dana und Ashanti. Und auch der große Saal. Ganon rieb sich das schmerzende Kinn. „Du Elender! Dann werde ich euch beide beseitigen!“ Link lachte. „Hast du vergessen, ich bin schon tot!“, schrie er. „Jetzt!“ Von allen Seiten strömten Strahlen der Magie der Weisen auf Ganon ein. Ein gleißender Schmerz durchzuckte ihn. Schreiend verlor er das Gleichgewicht. „Los! Bannen wir ihn gemeinsam!“, rief Zelda. Link beugte sich zu Lin herunter und half ihr behutsam hoch. Ihr Hals tat weh. Ernst legte Link ihr die schweren Hände auf die Schultern. „Lin! Du musst fliehen, jetzt kannst du es noch!“ Irritiert blickte sie ihren Ahnen an. „Lin!“, rief nun Darunia. „Mach schon!“ „Aber ich muss Kim aufhalten!“ „Das kannst du nicht mehr!“, sprach Zelda verzweifelt. „Rette wenigstens dein Leben!“ Lin war felsenfest entschlossen. „Nein! Ich werde es schaffen.“ Sie schloss fest die Augen. „Ich muss aufwachen und kämpfen! Ich werde uns alle retten! Ich muss aufwachen!“ „Lin…Lin…“, rief Link ihr zu. „Lin…“ Und als Lin aufsah – Da lag sie wach. In dem Raum in dem sie die vielen letzten Tage gelegen war. Die frühe Sonne schien herein. Ganz schwach, hauchzart. Lin setzte sich auf. Ihr Atem ging noch schwer. Jetzt sah sie es. Verwundert konnte sie nicht anders als zu staunen. Sie griff in ihre Haare und zupfte sich dieses eine Haar aus. Es war kupferrot…


16. Kapitel

 

Die Zeit selbst schien still zu stehen. Ganz so als würde sie tief einatmen, so entsetzt war auch sie.
Benny starrte auf den Griff in seinen Händen und auf den rostigen Metallrest, der daraus hervorragte. Die Scherben lagen vor ihm, zerstreut auf dem Boden.
Das…das Masterschwert war zerbrochen…
Eine Hand packte ihn am Hals.
„Schade, dass es dir nicht gelungen ist mich zu zerstreuen.“, erklang die Stimme aus weiter Ferne. So kam es ihm vor. „Ich hatte mir mehr Spaß erhofft. Aber da du nun endgültig versagt hast, wird es Zeit mir meine geliehene Magie zurückzugeben.“
Benny konnte es fühlen.
Das Brennen in seinem Gesicht. Wie Feuer…
Doch dieses Mal schrie er nicht, wehrte er sich nicht.
Er ließ es einfach geschehen. Weil es keinen Grund mehr gab wofür er sich wehren sollte. Wofür er kämpfen sollte. Weil es hoffnungslos war.
Benny fühlte wie sich sein ganzer Körper zusammenzog. Seine Haut, seine Knochen, seine Organe. Alles.


Der schwarze Strich in seinem Gesicht wurde immer kleiner und je kleiner er wurde desto kleiner wurde Benny selbst. Er schrumpfte.
Seine Kleider wurden zu groß.
Seine Füße entglitten den Schuhen. Die Hose fiel ihm von den Beinen. Der Pullover wurde zu einem Zelt.
Benny verlor den Boden gänzlich unter seinen Füßen. Er baumelte in der Luft, nur gehalten von Kims Arm.
Der Strich war verschwunden. Die Magie war verschwunden.
Seine alte Gestalt hatte er wieder. Der kleine achtjährige Benny.
Die kleinen Händchen waren nicht mehr in der Lage die Schwere der zerbrochenen Waffe zu halten und ließen den Griff des Masterschwertes fallen.
Nach einer Ewigkeit erklang das Klirren des Aufschlags.
„Naja“, sprach Kim. „Aber immerhin hast du mir so gut gefallen, dass ich beschlossen habe dich am Leben zu lassen.“ Er lachte. „Ja, du hast es dir verdient auserwählt zu werden. Aus dir wird mal ein guter Diener.“
Kim ließ los und Benny sackte auf den Boden. Aus ihm war alle Hoffnung gewichen und er lag da wie eine leblose Puppe. In den Scherben der einst mächtigsten Waffe des Guten.
Die Spitze des schwarzen Schwertes bohrte sich in den Boden, ganz nahe an seinem Kopf. Damit war das Ende gekommen.
Kim konzentrierte sich nun ganz auf die Mitte. Er schritt über den Boden. Ganz langsam, denn er hatte Zeit.


Eigentlich war der Boden unter seinen Füßen kein gewöhnlicher Boden.
Denn sah man genauer hin, so erkannte man, dass, eingelassen in den schwarzen Marmorboden, die Energiespeicher ruhten, die Zwillinge der Speicher, die in den vielen Türmen eingepflanzt gewesen waren. Die Türme waren alle zerstört, bis auf der Teufelsturm.
Das war auch egal, denn Kim brauchte die Türme nicht mehr. Die Speicher hatten ihre Magie an die mit ihnen verbundenen Speicher hier, im Boden, abgegeben. Er hatte genug Magie gesammelt! Sie hatten genug Strom abgesogen und in Magie umgewandelt.
Wozu er diese viele Magie brauchte?
Sicher nicht um die Welt zu erneuern. Nein, er war mächtig, so mächtig, dass er die Welt mit einem Schlag zerstören konnte.
Eben das war ja auch das Problem! Seine Magie musste gleichmäßig verteilt werden, damit genug aber nicht alles getötet wurde. Deshalb die Magie aus dem Strom. Und auch die Satteliten. Die Satteliten sollten die Magie gleichmäßig verteilen und die Magie aus den Türmen sollte seine Magie umschließen und sicher in die Satteliten leiten.


Genau in der Mitte blieb er stehen und starrte senkrecht nach oben, der Weite entgegen.
Genau über ihnen befand sich der Sammelsatellit.
Jetzt war es also gekommen…das Ende vom Ende und zugleich das Ende eines neuen Anfangs…
Er hob die Arme zum Himmel empor. Und sprach in der alten Sprache.
Die Iris seiner Augen geriet in rasende Bewegung und ein glühender Funken Rot nahm Überhand.
Da fuhr auch Leben in den Boden. Jeder einzelne Speicher leuchtete auf. Von weit oben im Universum musste es aussehen, als seien die Sterne vom Himmel auf diesen einen Fleck Erde gefallen. Ein Wind kam auf. Es war eine Böe, nein, dieser Wind schien viele Winde zu sein, aus allen Richtungen kamen sie um sich hier zu vereinen. Sie wanden sich um ihr Zentrum, um die schwarze Gestalt in der Mitte des Turmes. Um Kim. Er war wie das Auge eines Tornados.
Kim beschleunigte seine Verse. Und mit seiner Stimme wurde auch der Wind immer heftiger. Ein Hauch von schwarzer Luft mischte sich darunter, die Magie in den Winden färbte sie. Die Winde schlangen sich ineinander und das Schwarz breitete sich aus.


Benny konnte es nicht fassen. Sie hatten wirklich verloren. Link, die Weisen, seine Freunde und er. Sie waren verloren.
Er legte sich die Hände aufs Gesicht, weil er nicht mehr ertragen konnte wie ihm die Tränen über die Wangen liefen. Das Masterschwert war zerbrochen, wie hatte das geschehen können? Benny war hoffnungslos.
Wie sich eine Gestalt über ihn beugte sah er.
Es war Riha, die sich erhoben hatte.
„Geh weg!“, krächzte er sie an. „Lass mich in Ruhe!“
Neugierig beugte sie sich zu ihm herunter und berührte seine Wange.
Sie war ganz warm, die Hand. Wie sie selbst. Sie war immer warm, angenehm warm und leuchtend. Sogar der Boden, auf dem sie stand und die Luft, die sie umgab.
Sie wischte ihm eine Träne weg. Die Träne lag leicht vibrierend auf ihrer Fingerspitze und sie sah sie sich an. Dann leckte sie die Träne weg um zu sehen wie sie schmeckte.


Nun erhob sich Benny doch. Zwischen all den rostigen Scherben. Und herrschte Riha, mit der er nun gleichgroß war, zornig an: „Was willst du? Willst du noch über mich lachen, oder warum lässt du mich nicht in Frieden?“ Doch Riha lächelte ihn nur kindlich an. Als würde sie ihn gar nicht verstehen.
Nun war Kim ganz in einer gewaltigen schwarzen Säule aus Magie verschwunden. Benny konnte sie regelrecht auf seiner Haut spüren, die gewaltige magische Kraft. Es war die gleiche, die ihn damals in Lins Zimmer, widerfahren war. Sie drückte einen nieder.
Doch dieses Mal richtete sie sich nicht auf ihn und das Freie war viel größer als ein Schlafzimmer. Trotzdem war das gewaltige Ausmaß der schwarzen Säule schwer zu spüren, Benny zitterte am ganzen Körper.
Er sprang auf die Füße. „Nein! So darf das nicht enden! Nein! Nein! Nein! Ich muss etwas tun!“ Mit einem Schrei rannte er auf die schwarze Säule zu. Und zugleich setzte er seine jämmerlich kleine Magie frei. Trotzdem! Es musste gelingen!
Es gewannen doch immer die Guten! Es durfte jetzt nicht anders sein! Niemals!
Er rannte und war bereit sogar sein Leben zu opfern!
Jedoch – es schossen schwarze Blitze aus der Säule – noch ehe er überhaupt in ihrer Nähe war – und schleuderten ihn schmerzhaft dorthin zurück, woher er gerannt kam. Schreiend vor Entsetzen krachte Benny auf den harten Boden. Alles tat ihm weh.
Er war auf dem Griff mit der zerbrochenen Masterklinge gelandet. Diese hatte seinen Oberschenkel zerschnitten. Erst bemerkte Benny das nicht, doch als er sich erneut erheben wollte, war da dieser Schmerz und er sah an sich herab. Und auf die Schnittwunde, aus der das Blut nur so floss. Noch schriller schrie er. Und weinte.
Mit gerunzelter Stirn beugte Riha sich über ihn.
„Nein!“, weinte er. „Geh weg!“
Sie streckte den Arm nach ihm aus.
„Was machst du da? Nein! Lass das!“, brüllte er sie vor Schmerz an.
Doch Riha ignorierte seine Proteste. Als gäbe es nichts um sie herum.
Mit den Fingerspitzen berührte sie seine Wunde. Ihre Hand war ganz warm.


Schlagartig verstummte Benny. Aus Erstaunen. Er fühlte keinen Schmerz mehr. Nur diese Wärme.
Noch größer wurden seine Augen. Als die Wunde sich wie von selbst schloss. Die Haut zog sich zusammen, sie heilte. Von einer Sekunde auf die andere.
Und schließlich blieb nur ein wenig trocknendes Blut übrig.
Riha strich darüber und steckte sich dann den Finger in den Mund. Um zu sehen wie das schmeckte. Dann verzog sie angewidert das Gesicht. Es schmeckte nicht.
Benny starrte weiter ausgiebig auf die verschwundene Wunde. Ohne jegliche Narbe zu hinterlassen, als hätte er sich gar nicht erst verletzt.
Riha hatte ihr Interesse verloren, es blieb nie lange auf einen Punkt fixiert, und wandte sich ab, doch Benny packte sie am Handgelenk. „Warte mal!“ Er erhob sich. „Du heißt doch Riha, gell?“ Erst jetzt, da er vor ihr stand, merkte er, wie klein er wieder geworden war. „Du bist ganz stark! Du musst was für mich tun!“ Er deutete auf die schwarze Säule aus Magie. „Du kannst sie mit deiner Magie durchbrechen, das weiß ich! Bitte! Mach das für mich! Ab dann komme ich schon selbst klar!“
Riha stellte den Kopf schräg und starrte ihn mit ihren honigfarbenen Augen an.
„Ich weiß, dass wir Feinde sind und dass du mir damit hilfst, aber verstehst du denn nicht – die Welt wird zerstört! Willst du das? Dass alles kaputt geht? Bitte, Riha! Du musst die Magie durchbrechen!“
Er flehte sie an, er bettelte. Weil er so hilflos war und sie war stark genug. Er musste doch nur durch diesen magischen Wall kommen!
Doch Riha lächelte ihn nur an. Sie tat nichts. Gar nichts.
Benny konnte keine Hilfe von ihr erwarten. Sie war einfach der Feind! Es gab keinen Grund, keinen einzigen, warum sie ihm helfen sollte. Natürlich half sie ihm da nicht.
Benny ließ von ihr ab und wandte sich der schwarzen Säule zu. „Na gut! Dann muss ich das allein schaffen!“ Er musste es einfach schaffen! Er musste die Säule durchbrechen! Auch wenn er noch hundertmal verletzt werden würde. Er musste.
Benny setzte zum erneuten Sprint an. Ich schaffe das, redete er sich eifrig ein. Sonst kann ich mein Versprechen nicht halten!
Er rannte los, bereit den neuen Aufprall entgegenzuschreiten…


Mit Blick voraus…
Sein Herz raste…
Entschlossen…
Da kam dieses Zischen an sein Ohr.
Als trüge der Wind eine Stimme mit sich, die ihm etwas ins Ohr zu flüstern gesuchte…
Dann war da dieses Licht…
Wie ein Blitz zischte es an ihm vorbei – und in die schwarze Säule aus Magie hinein –
Im nächsten Augenblick zerriss die Magie.
Die Winde verklangen. Die schwarze Säule zersplitterte. Und löste sich auf…
Vor Schmerz war Kim auf die Knie gesunken. Er war noch völlig durcheinander. Es war so, dass er in Trance versunken gewesen war, willenlos. So war es schon immer gewesen, wenn er seine Magie frei ließ.
Umso erschrockener war er jetzt.
Da er sah wie ein Pfeil aus purem Licht seinen linken Oberarm durchbohrt hatte. Fein säuberlich. Als sich der Pfeil auflöste, blieb nichts zurück, keine Wunde.
Doch seine Magie war gebrochen. Und er keuchte vor Erschöpfung.
Der Pfeil hatte ihm einfach seine Kraft geraubt.
Benny war erschrocken. Was war das gewesen?
Er drehte sich um –
„Lin!“, schrie er überrascht.
Lin stand da. Im goldenen Kleid. Und…


Mit einem Bogen aus warmem Licht! Aus Licht!
Doch ihr Blick war auf Kim gerichtet. Und sein Blick entsetzt auf ihr.
Benny konnte es nicht fassen. Sie hatte Kim angegriffen! Sie hatte ihn besiegt! „Lin! Du…du…“
„Benny!“, unterbrach sie sein Gestammel. Ernst und ohne Gefühl. Benny fuhr zusammen. „Nimm Riha und geht in Deckung!“
Benny verstand nicht. „Wie? Lin, ich…“
„Mach schon!“
Er verstummte und nahm Riha an die Hand. „Aber Lin! Was…“
„Ich sehe dich!“, zischte Lin. Doch nicht zu Benny. Sondern zu Kim…
Oder vielmehr zu dem, was in ihm war!
„Du Brut des Hasses! Du hast dich lange genug versteckt!“, schrie Lin. „Zeig dich!“
Kim verstand nicht wovon sie sprach. Das tat wohl niemand.
„Lin?“, keuchte er. Und versuchte sich zu erheben. Es ging nicht, er war so schwach. „Was soll das? Was –“
Da erklang die Stimme. Die lachte.
Du hast mich also entdeckt! Du kleines unverschämtes Ding!
Und mit einem Male – fühlte sich Kims Körper merkwürdig an. Besser gesagt, er fühlte ihn gar nicht! Da war nur dieser schreckliche Schmerz in ihm, ganz tief in seinem Körper. Er spürte wie etwas sich in ihm bewegte. In seinem gesamten Körper. Wie ein Wurm, der sich durch seine Eingeweide fraß.
Aus seinen Ohren, seiner Nase und seinem Mund rann Blut.


Kim fasste sich keuchend an die Brust. Die brannte, als fließe Magma durch sein Herz.
Es war ganz nass. Denn er blutete – aus der Narbe.
Es brannte alles in ihm. Er hatte das Gefühl als könne er dieses Etwas in ihm nicht mehr festhalten. Als zerreiße es ihn um ans Tageslicht zu gelangen.
Er konnte nicht mehr. Er musste nachgeben. Er gab nach.
Da floss es heraus.
Es war der Schleim, der in seinem Körper genistet hatte. Aus der Narbe floss er.
Bis nichts mehr in ihm war.
Vor seinen Augen verschwamm das Bild.
Das Diadem fiel ihm vom Kopf und schlug in den Schleim auf. Von dem es verschluckt wurde.
Kim fühlte sich miserabel.
Und doch so unendlich erleichtert.
Du kleines Gör! Wie kannst du es wagen mir in die Quere zu kommen! Du schmutziges niederes Wesen!, wütete die Stimme.
Im nächsten Augenblick kam Bewegung in die Pfütze aus schwarzem Schleim.
Dann – dann – mussten sie alle mit ansehen – wie sich die Göttin der Rache vor ihnen erhob. Shjras Gestalt war gewaltig. Sie erhob sich über alle.
Es war ihr eine menschliche Gestalt gegeben (nun, es war eher so, dass die Göttinnen, die die Erde schufen, die Menschen nach ihrem Bilde formten), doch die Schlange, war ein Teil ihres Körpers. Wo sie sich schlängelte, da war die Haut aus Schuppen. Und wo Haare hätten sein sollen, da umschloss das Schlangenmaul ihren Kopf.


Das Diadem mit dem Dracontias ruhte nun auf ihrer Stirn. Wie ein kleiner Fleck.
Ihre glühenden roten Augen blickten herrscherisch und kalt auf alles hernieder.
Die Statue, nach ihrem Abbild, im Geistertempel war nicht im Geringsten übertrieben gewesen. Und sie war fast so groß.
Niemand konnte begreifen, dass eine leibhafte Göttin vor ihnen stand. Über ihnen stand.
Benny verstand nun, was Lin gemeint hatte.
Die Angst im Blut packte er Riha an der Hand und lief mit ihr zum Rand.
Aber entkommen konnten sie nicht. Es blieb ihm nichts anderes übrig.
Benny drückte sie nach unten. „Mach dich ganz klein!“ Und beugte sich schützend über sie. Ein leiser Pfiff und er erschuf einen kleinen, unauffälligen Schutzschild. Sicher, er war nicht besonders stark, aber er war besser als gar nichts.
Kim dagegen, war viel zu gelähmt, über dessen, was sich all die Jahre in ihm befunden hatte. Ohne, dass er etwas von ihr gefühlt hätte. Die Anwesenheit einer Göttin in seinem eigenen Körper!


Die glühendroten Augen der Rachegöttin sahen kalt auf sie herab.
Lin sah ebenso kalt zu ihr herauf.
Du Menschenweib! Du unverschämtes Gör! Du hast es gewagt dich mit mir anzulegen!
„Du hast es gewagt dich mit den drei Göttinnen anzulegen!“, gab Lin zurück. „Diese Welt ist ihre Schöpfung – und sie wollen dich hier nicht!“
Die Göttin warf abfällig ihren Kopf zurück. Meine Schwestern haben mich mit der Schaffung dieser jämmerlichen Welt eingeladen! Dass du, sterblicher Dreck, es wagst mich zu beleidigen! Ich werde euch alle vernichten! Dann drehte sich ihr Kopf. Die Schlange funkelte auf. Kim fuhr zusammen, als er den herrscherischen Blick der Göttin auf sich ruhen sah. Und du! Du bist eine schandhafte Enttäuschung! Du hast versagt! So etwas hat in meiner Blutlinie keinen Platz!
Ihre Hand hob sich. Sie war groß, leichenblass, mit langen dürren Fingern. Giftgrüne Nägel.
Wie die Hand einer Toten…
Es war nur ein winziges Fünkchen Magie. Doch die Magie einer Göttin war so mächtig, dass die Erde unter ihren Füßen vibrierte.
Kim wollte wegkriechen, doch es war zu spät. Er entkam Shjra nicht.
Als die Magie ihn traf, da wurde er regelrecht vom Boden gerissen. Über den Bodon geschliffen, bis er zur Ruhe kam. Und in seinem eigenen Blut dalag, wie ein totes Tier.


Streifen seines Blutes zeichneten seinen Weg dorthin, wo das Blut langsam aus ihm heraussickerte.
Um sein Leben keuchend und röchelnd.
*An alle, die Kim zum Teufel gewünscht haben – na? Seid ihr zufrieden? Hat er genug gelitten? ^^*
Zufrieden schallte Shjras lautes Lachen. Ehe ihre glühenden Augen belustigt aufleuchteten.
Und nun zu dir, Menschenmädchen! Du wirst die Erste sein, die meiner Rache zum Opfer fällt! Beide, der langen und leichengräßlichen Arme hoben sich empor. Gewaltig und mächtig war die Magie in ihnen. Das Diadem auf ihrer Stirn erstrahlte. Nun sollst du meine Macht zu spüren bekommen.
Ihre Handflächen färbten sich dunkellila. Es war nur Hass in ihrer Magie. Und jetzt – stirb!!!
Aus ihrer Hand schossen gleißende Strahlen violetter Magie. Die sich umeinander wanden wie ein feines Geflecht.
„Lin!“, schrie Benny. „Lin, weich aus!“
Doch Lin stand da und erwartete die Magie. Eine kleine Brise kam auf und ließ ihr Haar wehen. Sonst rührte sich nichts.
Und das Auge der Magie verschlang Lin wie nichts. Gnadenlos prasselte die Magie hernieder.
„NEIN! LIN!“, schrie Benny. „LIN!“


Erneut erschall Shjras Lachen. Tief und laut.
Benny erstarrte, als er der großen Göttin genau in die Augen blickte.
Schrei nur, menschliches Balg! Ihr seid die nächsten! Sie lachte und lachte. Ich hatte Recht! Ein unwürdiges Wesen, bleibt unwürdig! Auch wenn es im Besitz eines göttlichen Relikts ist! Jetzt ist das Menschengör endlich…
Doch da stockte Shjra und sprach nicht weiter. Denn etwas stimmte nicht.
Nein! Das…das ist nicht möglich! Das ist nicht…
Lin kämpfte gegen die dunkle Macht an. Mit ganzer Kraft stemmte sie sich dagegen. Ein hauchdünner Goldschimmer bildete den Schild, der sie vor der tödlichen Magie schützte.


Das Triforce, auf ihrer Hand, erstrahlte in Gold.
Nein! Das kann nicht sein! Du bist nur ein Mensch! Ich bin eine Göttin!, schrie Shjra.
Noch dunkler wurde die Magie. Sie schrie ihren Hass hinaus.
Der Strudel der Magie wurde noch stärker.
Unter der gewaltigen Last knickte Lin ein. Kurz. Dann rappelte sie sich wieder auf die Beine. Lin konnte die Göttin besiegen! Sie hatte den Segen der drei Göttinnen, sie musste Shjra einfach besiegen!
Mit aller Macht griff sie sich an die linke Hand. Genau in das freie Dreieck, das die drei Goldenen des Triforcesymbols bildeten.
Und was Benny sah, das ließ ihm sprichwörtlich die Kinnlade herabfallen.
Lin zog das gleißende Licht heraus. Es war dünn und lang. Mit leuchtenden Federn und strahlender Spitze. Ein Lichtpfeil!?!
Natürlich! Lin hatte alle Magie aufgesogen! Somit auch die Lichtpfeile! Die heiligen Pfeile waren in ihrem Körper!
Geschickt setzte Lin den Pfeil auf ihren Bogen aus Licht.


Dieses eine rote Haar, das sie sich selbst herausgezupft hatte. Es war die Sehne des Bogens.
Fein lag der Pfeil auf dem Haar. Fein spannte Lin ihren Bogen.
Eine wahre Kalligraphie…
Es war ein vollendeter Zug…
Der Pfeil schnellte von der Sehne. Er zischte durch die Luft.
Das Licht des Pfeils glitzerte in der aufgehenden Sonne…
Und als der Pfeil sein Ziel traf, da glitzerte die Luft wie Firmament in der Nacht.
Die Splitter rieselten zu Boden wie feiner Sand.
Es war der Dracontiasstein, der zerbrochen war.
Die rachsüchtige Göttin der Rache konnte es nicht fassen…
Mit entsetztem Blick und erhobenen Armen, sah sie zu ihrer Stirn. Das Diadem war leer.
Lin ließ den Bogen sinken. „Du hast alle Gerudokönige für deine eigenen Zwecke missbraucht! Ich weiß bescheid! Alle Gerudokönige hatten eine Narbe auf der Brust, nicht wahr?“
Voller Hass sah die Göttin auf sie herab.


„Du bringst sie dadurch unter deine Kontrolle, indem du dich durch ihre Narbe auf der Brust in ihre Körper schleichst und sie von innen abtötest! Dann können sie gar nicht anders als zu gehorchen, weil sie durch dich leben! Alle haben sie ihr Leben für dich aufgegeben! Auch Ganon! Aber Kim wollte das nicht! Seine Widerspenstigkeit war ein Dorn im Auge! Darum musste alles schnell gehen! Damit niemand dir dazwischenfunken kann! Und schon gar nicht die drei Göttinnen! So ist es doch!“
Einen Moment herrschte Stille…
Überall…
Auch im Reich des Jenseits…
Ganon stand wie erstarrt da.
Durch die Reihen der Weisen zog sich ein beunruhigtes Raunen.
„Was war das?“, fragte Darunia.
Zelda hielt sich entsetzt die Hand vor den Mund. „Das…das…ist das eine Göttin? Wir haben die ganze Zeit gegen eine Göttin gekämpft?“
„Was ist da jetzt los?“ Ruto verstand rein gar nichts mehr.


„Dieses Mädchen! Ich habe gewusst, dass sie etwas Besonderes ist, aber jetzt…sie hat uns alle übertroffen!“, mischte sich auch Impa ein. „Sie ist eine wahre und unerschrockene Heldin!“
Naboru aber, hatte sie alle vergessen. Es gab nur noch sie und ihn.
„Ganon!“, sagte sie. „Ganon, war sie die Stimme, die du damals gehört hast? War sie es? Hast du dich wegen ihr so verändert?“ Naboru machte einen Schritt auf ihn zu.
„Bleib weg!“, krächzte Ganon. Seine Stimme war rau. Als krieche etwas durch seine Kehle. „Bleib weg!“
Aber sie hörte nicht. „Ganon, bitte! Sag es mir!
„Bleib weg!“
Sie machte noch einen Schritt.
Ganon griff sich an die Kehle. Es war so ein unglaublicher Schmerz. „Bitte! Bl…ei…b… w….“
Nun rührte sich auch Link. Er sprang auf und stellte sich Naboru in den Weg.
„Bleib weg von ihm, Naboru!“ Link war vollkommen ernst.
Das machte Naboru wütend vor Verwirrung und Verzweiflung. Sie stieß ihn gegen die Brust. „Warum? Reicht es nicht schon? Geh aus dem Weg!“
Sie wollte an ihm vorbei, doch er packte sie am Handgelenk. „Nein, Naboru!“
Sie wurden unterbrochen. Von hässlichen Würggeräuschen, die Ganon von sich gab.
Ganon viel auf die Knie.


Erst jetzt wurde auch Naboru klar, was da geschah.
Wie pechschwarze Tränen, floss der Fluch der Göttin aus Ganons Augen.
Dann begann er zu schreien…
Nur Schmerz…da war nur Schmerz…
Und jemand anderes schrie auch.
Jedoch nicht vor Schmerz – sondern aus Wut, aus unendlicher Wut und unendlichem Hass…
„NEIN! DAS DARF NICHT SEIN! ICH BIN EINE GÖTTIN!“, schrie Shjra. Sie fasste sich an die Stirn und versuchte sie zurück zu halten.
Die Seelen! Die Seelen aller Könige des Wüstenvolkes!
Die aus ihr geboren worden waren und die sie getötet und wiedergeboren hatte. Die sie an sich gebunden hatte. Um sie zu besitzen, um sie wie Schachfiguren in ihrem Rachespiel zu benutzen.
Sie verlor die Seelen.
Wie eine Fontäne aus silbernen Funken schossen die Seelen heraus, die in dem Dracontias gefangen gewesen waren.
Die Sonne trat ganz aus ihrem Horizont hervor. Die Strahlen tauchten sie in goldenes Licht. Und mit ihnen erstrahlten die tausende von Seelen. Es war wie ein unruhiges Meer am Himmel. Wunderschön und schmerzvoll.
Ihre Schreie, so voll von Wut und Schmerz. Und Trauer über ihr gestohlenes Leben.
Ihre silbernen Lichter, ihre Gestalten aus Rauch und Leere, schrieen aus Schmerz und erfüllten die Luft, den Himmel.
Gemeinsam starrten die beiden Kinder gen Himmel. Benny und Riha.
Die Schreie klangen in ihren Ohren. Ihre Augen blickten ins Licht.
Auch Lin betrachtete das Trauerspiel.


Die Seelen hatten ihre Freiheit wieder. Wenn ihre Körper längst tot waren, so fand ihr Leid in diesem Moment doch ein Ende…
Sie verschwanden in den Weiten, auf dem Weg in ihre ewige Ruhe…
Zurück in die Körper, in das Leben, das weiterexistierte, im Reich der Toten…
Auch eine Seele fand zurück, zu ihrem wahren Besitzer…
Das Licht kam plötzlich zu ihnen.
Und es schrie. Mit der gleichen Stimme wie Ganon.
Ganon fasste sich an den Kopf, er schien zu zerplatzen. Alles in ihm schien zu zerplatzen.
Als das Licht ihn traf. Als es sich in ihn bohrte.
Es war so kalt. Seine eigene Seele empfand er als kalt und unangenehm, gar schmerzvoll. Weil er sie so lange nicht mehr in sich gehabt hatte.
Es drang durch seine Augen in ihn ein. Sie erstrahlen in dem silbernen Schein.
Und als es ganz in ihm war. Da blickte Ganon auf…
Seine Pupillen schienen zu platzen. Seine schmalen Pupillen, sie platzen.
Zu einem Tupfer. Zu einer runden Pupille.
Wie sie einst waren.
Dann erstarb das Licht. Dann erstarb das Schreien…


Ganon war so von Erschöpfung und Furcht gepackt, dass er am ganzen Leib erzitterte…
Noch jemand anders zitterte…
Die Augen brannten ihm.
Auch aus Kim war der Fluch geflossen, der ihn gebunden hatte. Und als er aufsah, da waren auch seine Pupillen rund. Ihm war eiskalt und die Tatsache, dass er wie ein Häufchen Elend am Boden lag und ausblutete, konnte ihn ganz und gar nicht warme Gedanken bescheren.
Zumal bei solch einer Gefahr.
Eine Göttin – rasend vor Wut.
Das Diadem war zerbrochen.
Noch immer ruhten Shjras Hände darauf, als könne sie so das Schmuckstück wieder herstellen. Dass sie einst aus einer goldenen Kralle geschmiedet hatte…
„Nun sind sie frei!“, sprach Lin. „Niemals mehr wird jemand gezwungen sein dir zu dienen! Wir Menschen sind nun von dir befreit!“
Voller Hass stierte Shjra hinunter. Auf die Gestalt eines einfachen und niederen Menschen. Einem Gör, einem Menschenweib!
Ich werde mich nicht von einem Menschen besiegen lassen!, zischte die Göttin, leise und lüstern. Wie das Zischeln einer Schlange. Ich werde diese Welt, mit allen ihren jämmerlichen Wesen, vernichten! Ein für alle Male! Dann hob sie die Hände, langsam, ganz langsam. Umso lauter und erregter wurde ihr Lachen. Ich werde die Magie – die ursprünglich dafür gedacht war einige von euch niederen Wesen übrig zu lassen – in meiner Macht tränken und sie wird so mächtig sein, dass sie den Planeten in Stücke reißt. Die Erde wird sterben – und ihr mit ihr! Sie lachte so laut und dunkel. Und meine drei missratenen Schwestern werden euch nicht schützen können!
Ihre Handflächen klatschten aufeinander…


Es war als verdunkle sich mit einem Schlag das ganze Universum…
Ein gleißender tiefvioletter Blitz, mächtiger als alles was es jemals auf Erden gab, schoss gen Himmel…zerriss den Himmel…zerriss die Erdatmosphäre und zerriss das Firmament…
Der Blitz traf den Satteliten, der direkt über den Teufelsturm angebracht worden war – und zerschmetterte ihn…
Die Magie kam wie ein Regenschauer auf die Erde hernieder.
Wie giftiger, saurer Regen, der sich durch alles fraß, was er berührte…
***
„Ne, ich geb es jetzt ganz auf! Die sind sowieso nicht zu Hause! Und in der Werkstatt auch nicht!“, betonte Joe. „Die sind nirgendwo! Verstehst du? Nirgendwo!“
„Aber Mann!“, gab Gummy wütend zurück. „Die können doch nicht wie vom Erdboden verschluckt sein!“
„Doch das geht!“, kreischte Jessi. „Wir sind schon mal von einem Turm verschluckt worden, warum sollen sie nicht vom Erdboden verschluckt worden sein?“
Gummy drehte sich besserwisserisch zu ihr um. „Ich sagte wie vom Erdboden verschluckt!“
„Vielleicht haben sie es ja geschafft. Vielleicht hat dieser Benny, der sich für einen kleinen Ausreißer hält, ja wirklich das geschafft…was…naja was er halt vorgehabt hat.“, schlug Google vor und rückt sich die Brille auf der Nase zurecht.
„Ach was!“, feixte Joe. „Du meinst, er hat einen auf Superman gemacht und uns vor dem riesengroßen bösen Meteoriten gerettet?“
Google gab kleinbei. „Immerhin sind die schwarzen Türme weg…“
„Und das an ihm was dran ist hat er ja bewiesen!“, setzte sich nun Jessi ein. „Denk mal an die Sache mit der Cola! Er hat magische Kräfte!“
Joe winkte ab. „Ach kommt, Leute!“ Er seufzte, als wäre er der große Gelehrte, der sich über sein Schicksal, sich nur mit dummen Individuen abgeben zu müssen, nur beklagen konnte. „Und in wenigen Minuten steht da Game Over und wir werden erkennen, dass wir alle nur Figuren in einem Videospiel sind – oder noch besser – irgendwelche Charaktere in einer beschissenen Geschichte von irgendeiner Irren, die sonst nichts zu tun hat!“
*Ach, ein bisschen Selbstironie muss schon sein, oder? ^^*


„Hey, Leute…“, beschwichtigte Google. Zumindest versuchte er es.
Es misslang – weil Jessi auf Joes Provokation ansprang.
„Ach ja? Und warum gerade eine SIE? Warum erfahren wir nicht gleich, dass sich ein ER das alles ausgedacht hat?“
„Na weil sich nur Mädchen so was ausdenken!“, fluchte Joe. Er blinzelte in ihre Richtung mit den Wimpern und spitze die Lippen. „Eine holde Jungfrau wird vom bösen schwarzen Mann entführt und ein strahlender Ritter – natürlich blond und blauäugig, wie immer halt – macht sich auf sie zu retten. Am Ende gibt es Friede, Freude und billigen Kuchen aus dem Supermarkt!“
Jessi wurde pupurrot im Gesicht. Sie wollte sich auf Joe stürzten und ihm kräftig dorthin treten, wo es besonders wehtat –
Doch dazu kam es nicht mehr –
Denn ein Blitz zerriss die Luft.
Von überall auf der Welt konnte man ihn sehen – selbst die Blinden konnten ihn sehen. Die Tauben konnten ihn hören, die Toten ihn fühlen…
Es war ein Blitz in tiefstem Violett.
Er war nur für eine Sekunde da…
Dann, in den nächsten Sekunden, geschah gar nichts…
„Was war das?“, kreischte Jessi.
Das war der letzte Satz, der jemals auf der Welt gesprochen wurde…


Ab dann – waren nur noch Schreie zu hören. Schreie aus Verwirrtheit, Angst, Panik, Entsetzen, Schmerz, Verzweiflung.
Denn die Erde brach auf.
Genau zu ihren Füßen.
Die Jugendlichen, die gerade noch im Park unter einer großen Weide mit schweren Ästen gestanden hatten, spürten nur noch das Aufbrechen des Bodens. Das Vibrierende und Glühendheiße, das zu ihnen emporstieg und die Erde fraß.
Überall brach die Erde auf und spuckte ihr Innerstes heraus. Ihr Blut, überschäumendes flüssiges Gestein, ihre Organe, bestehend aus Steinbrocken, die die Welt zerschlugen, ihren Atem, das giftige Gas, das alles verdorrte und erstickte.
Schreiend rannten die vier Jugendlichen auseinander. Keiner achtete auf den anderen. Jeder für sich und sein eigenes Leben.
Darum interessierte es keinen, dass Jessis Begeisterung für High Heels ihr zum Verhängnis wurde. Ihr Absatz brach, sie knickte um und der zerbrösselnde Boden nahm sie mit in die Tiefe der Erde. Wo weit unten das Magma einen Weg ins Freie suchte.
Ihr Körper kam gar nicht unten an.
Schon im Flug fingen ihre Haare und ihre Kleidung Feuer und schlug bald auf ihre Haut nieder und auf alles was sie war. In Sekunden fraß sich das Feuer durch ihren Körper und verbrannte die Stimmbänder. Dann erstarb ihr Todesschrei.


Es war nur ihre Asche, die in das glühende Meer eintauchte.
*Boah…So was wollte ich immer schon mal schreiben ^^ nicht, dass ich brutal bin! Neeeee…*
Jessi teilte ihr Schicksal mit Millionen von Menschen. Die anderen Millionen von Menschen starben wohl einen anderen Tod. Erschlagen, zerdrückt, erstickt, ertrunken, zerrissen, verblutet, jeder erdenkliche Tod suchte die Welt heim.
Auch die Tiere und Pflanzen starben. Im Flammenmeer, im Steinhagel, im Giftnebel oder weil die Angst sie quälte.
Nicht einmal mehr ein toter, leerer Erdball sollte übrig bleiben. Nichts…
Nicht einmal ein Fleck im dunklen, stillen Kosmos, der Welt der Götter…
***
So dachte es sich Shjra.
Hier, im Turm der Götter, der nun ein schwarzer Teufelsturm war, bekam niemand etwas von dem Schrecken mit, der auf der Welt wütete.
Nur das Meer war unruhig. Die Wellen bäumten sich auf und spuckten den Schaum ihrer Tobsucht. Sie glitzerten blutrot. Weil die aufgehende Sonne blutrot zu sein schien. Rot wie das Blut, das floss wie ein Fluss, der sich um die Erde wand.
Shjra konnte es fühlen, wie die Erde starb.


Und es war so wohltuend, so überaus befriedigend…
Sie konnte nur lachen, vor Wolllust.
So, was nun, Menschengör? Mit gebieterischen Augen starrte sie auf Lin hinab, die so winzig und unbedeutend zu sein schien. Was willst du jetzt noch ausrichten? Um uns herum stirbt alles und bald seid auch ihr an der Reihe! Du kannst mich nicht aufhalten!
Doch zu ihrer unbeschreiblichen Verwunderung – hatte Lin nur ein Lächeln für sie übrig.
„Bist du dir da sicher, große Göttin?“, fragte Lin spielerisch.
Was…nein! Ihr habt verloren – ihr seid verloren! Niemand kann den Untergang jetzt noch aufhalten!, schrie die Göttin. Niemand ist in der Lage meine Magie aufzuhalten! Hörst du – niemand!
Lin trat einen Schritt nach vorne. Zum Zeichen, dass sie nicht die geringste Angst hatte. Nicht den geringsten Zweifel!
„Ich werde dich jetzt mit eben dieser meiner Waffen schlagen, welche Ganon und Kim sich zu nutze gemacht haben!“, sagte Lin selbstsicher.
Das Lachen verschwand Shjra aus dem Gesicht. Nein…es gibt nichts was mich besiegen kann!
Lin hob die linke Hand. An der auch der Armreif hing und im Schimmer leuchtete.
Das Triforcewappen schimmerte und funkelte verheißungsvoll.


„Ich werde dich mit der einzigen Magie bannen, mit der man dich, Göttin, bannen kann!“, führ Lin fort. „Deine Eigene! Ich werde sie in mich aufnehmen und sie gegen dich verwenden!“
Und kaum waren ihre Worte ihrem Munde entglitten, da erstrahlte das Relikt der Schöpferinnen im neuen Glanz, mächtiger, heller und prächtiger als jemals zuvor.
Nein!, schrie die Göttin. Das…das ist unmöglich! Ich bin eine Göttin! Ich bin eine Göttin!
Die Magie Shjras – wurde angesaugt. Das Triforce verstärkte den Sog, sogar die Luft färbte sich durch die starke Magie, die sich in Lins Hand drängte. Gleißend weiß.
Es gab einen heftigen Wind, da sich von der ganzen Welt die Magie zu diesem einen Punkt drängte. Es war unmöglich Lin zu stoppen.
Das Blatt hatte sich gewendet…
Da war der Augenblick gekommen! Der Moment an dem sich ein allerletztes Mal die Weisen zusammentun sollten…
Lin blickte zum Himmel empor. „Und nun ihr Weisen, schenkt mir eure Kraft! Öffnet das Tor zum Hades um den Hass für immer vom Antlitz der Welt zu verbannen!“
…nen…nen…nen…nen…
Das Echo erschall über die zerrüttelte Welt…
Die drei Wesen, die Mädchen, die geboren worden waren, um ihren Teil zur Errettung der Welt zu tragen, erhörten sie…
Navi sprang auf. Sie war verschont geblieben, vom Untergang der Welt. Alle drei Schreine waren heilig und somit verschont worden.
Bis jetzt hatte sie auf dem Schrein meditiert.
Dafür – für diesen Augenblick – da sie die Stimme der Göttin – ihrer Göttin – hörte. Wie ein Flüstern, das das Meer zu ihr brachte.
„Nun ist es so weit!“, flüsterte Navi dem Meer zu.


Dann fiel sie auf die Knie und schloss die Augen. Die Hände wie zum Gebet gefaltet. Das blaue Dreieck auf ihrer Stirn schimmerte.
„Nayru, Göttin der Weisheit, schenk uns deine Macht…“
Ein Funken sprühte – ein gleißender blauer Strahl schoss aus dem Dreieck. Weg, weit weg, über das Meer. Das Meer trug in der salzigen Luft die Magie weiter…
Nach Afrika. Wo Alexa sich mit allen Mitgliedern aus dem Massaistamm im und um den Schrein gerettet hatte. Das Erdbeben war schrecklich gewesen, doch der Schrein hatte sie geschützt und so hatte es bei ihnen keine Toten gegeben.
Doch als Alexa den blauen Funken, weit draußen auf dem Meer sah…da wusste sie was zu tun war, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Sie fiel auf die Knie und schloss die Augen.
Erschrocken wichen die Eingeborenen zurück.
Der Häuptling hackte aufgeregt auf Salif ein. Der ebenso verdutzt war.
„Alesandá? Was du…hast du? Schlimm? Hast du Schmerzen?“
Dann sahen auch sie den blauen Stahl.
Schreiend vor Furcht stob die Menge auseinander.
Der Strahl traf ihr rotes Dreieck und es begann zu leuchten.
„Din, Göttin der Kraft, schenk uns deine Macht…“
Aus ihrer Stirn riss sich ein gleißendroter Strahl und schoss davon…
Island war größtenteils verschont geblieben. Es war zu klein und weit abgelegen gewesen um es so kurzfristig zerstören zu können. Dennoch hatte auch auf dieser kleinen Insel die Erde gebebt und die Geysire hatten Gift und Galle gespuckt.
Nun war es glühendheiß auf der Insel.


„Wir müssen hier weg!“, schrie Dan und packte seine kleine Schwester am Arm. Um sie wegzuzerren.
„Nein!“, schrie Vivi zurück und riss sich los. „Ich muss bleiben!“
„Vivi, hier ist es zu gefäh…“
„Sie ruft mich!“, entgegnete Vivi. „Ich kann sie hören!“
Verdutzt ließ Dan los.
Vivi nutzte ihre Freiheit.
Warum, wusste sie nicht, aber sie wusste was zu tun war!
Dan wusste es nicht und er wusste auch nicht, dass sie es wusste.
Noch mehr misstraute er dem ganzen, als Vivi auch noch stolperte und der Länge nach auf den Boden klatschte. Und sich das Kinn blutig schlug.
„Vivi! Was…“
„Halt die Klappe!“, kreischte Vivi. „Ich muss mich konzentrieren!“
„Aber du blutest!“
Sie sank im Schrein auf die Knie.
„Vivi, was soll das?“


„Kannst du nicht endlich die Klappe halten?“, zischte sie während sie die Augen schloss und sich konzentrierte. Dann atmete sie tief durch.
Dan wusste immer noch nicht was er mit sich anfangen sollte. Er hatte Angst.
Dann war da der gleißende rote Strahl. Der auf sie zuraste. Auf Vivi zu!
„VIVI!“, schrie Dan entsetzt.
Er traf in das grüne Dreieck…
„Farore, Göttin des Mutes, schenk uns deine Macht…“
Damit war das letzte Wort gefallen.
Denn der letzte, grüne, Strahl schloss das Dreieck.
Gleichzeitig streckten die Weisen die Arme hin, zum Mittelpunkt, zum Turm der Götter. Wo das Tor zum Hades geöffnet werden sollte.
Ein anderes Dreieck löste sich von den farbigen Linien. Es war milchigweiß.
Es wurde kleiner und kleiner, Sekunde um Sekunde…
Und drehte sich…
Während es kleiner wurde…
Das gleißende Licht des Triforcesymboles blendete sie noch immer.
„Jetzt bist du die, die verloren ist – Shjra!“
Das Dreieck öffnete sich genau in der Mitte. Unter den Füßen der Göttin.


Nein!, schrie Shjra. Ich bin eine Göttin! Keine Sterbliche kann mich besiegen!
Die Göttin war rasend vor Wut. Ihre grässlichen Arme hob sie. Mit einem letzten Schwall aus Hass entließ sie ihre Magie. Es war der gleißendviolette Strahl.
Doch dieses Mal hatte Lin genug.
Geschmeidig, als hätte sie nie etwas anderes getan, zog sie aus ihrer Hand einen Lichtpfeil und setzte ihn an den Bogen. Es war ein Lichtpfeil aus der Magie des Triforce und auch aus der Magie der Göttin selbst.
„Du wirst niemals mehr jemandem wehtun!“, schrie sie – und schoss!
Der Pfeil zerriss die Luft, und dann durchschlug der Pfeil die dunkle Macht Shjras.
Ja, er glitt einfach durch die Magie hindurch, wie durch Butter.
Für einen Moment waren diese wenigen Sekunden wie Stunden. Die Zeit schien sich unendlich zu verlangsamen…
Nein! Nein, das kann nicht sein…
Der Pfeil aus purem Licht bohrte sich in Shjras Brust.
Die gleißende Spitze bohrte sich in ihren göttlichen Körper, als wäre er nur sterbliches Fleisch…
Und kam nur ein winziges Stück vor ihrem göttlichen Herzen zum Stillstand.
NEEEEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIIIINNNNNNNNNNNNN
In diesem Augenblick der Erkenntnis, dass ein einfaches Menschenmädchen ihre Macht gebrochen hatte, da war der Boden unter ihren Füßen ein weiß leuchtendes Dreieck.
Das Tor zum Hades öffnete sich. Das Licht strahlte heraus.


Ich bin eine Göttin!, fluchte Shjra aus Unfassbarkeit. Das Licht schlängelte sich um sie, nahm sie fest in sich. Nein! Das Licht nahm sie gefangen. Ich bin eine Göttinnnnn!
Das Licht zog sie mit sich, ins Innere, in die Tiefe des Hades.
Die Göttin merkte, dass sie nicht entkommen konnte. Obwohl sie doch eines der stärksten Kinder des Mächtigsten war! Sie konnte nichts tun! Sie wehrte sich, aber dieses Licht, diese vereinigte Kraft ihrer drei Schwestern, übertrumpfte die ihre.
NEIN! Ich werde niemals…niemals…
Ihre Gestalt wurde hinabgezogen. Tief hinab.
Und dann bewegte sich das Licht.
Es war wie ein Strudel.
Ein starker Wind kam auf und riss Staub und Steinbrösel mit sich in die Tiefe des Lichtes. Und auch die am Boden liegenden Klamotten und die Scherben des Masterschwertes…
Der Wirbel aus Licht geriet immer schneller in Wallung.
Und wurde kleiner und kleiner.
Das magische Tor schloss sich…
Die Gefahr war für immer gebannt!
Trotz des starken Windes wagte Benny doch aufzusehen.
Noch immer saß er, Riha schützend unter sich, zusammengekauert am Rand.
Doch als er Lin dastehen sah, mit wehenden Haaren und einem erschöpften Lächeln auf dem Gesicht, da sprang er auf.
„Lin!“, schrie er.


Lin sah verwundert zu ihm herüber. Umso breiter wurde ihr Lächeln. „Benny! Das hast du gut gemacht!“
Wie er so dastand, in dem riesigen Pullover, liefen ihm die Tränen übers Gesicht. Nur um vom Wind mitgetragen zu werden und im gleißenden Licht einzutauchen.
„Lin! Du warst nie auf der Seite des Bösen, nicht wahr? Du warst schon immer eine von uns!“
Schelmisch schüttelte Lin den Kopf. „Natürlich, Benny! Was denkst du denn von mir!“
Die Tränen flossen Benny so ungeniert, dass er sie eilig mit dem Ärmel wegwischen musste. Er konnte es immer noch nicht glauben. Lin! Sie hatte alles nur vorgespielt! Dass sie die Seiten gewechselt hatte, das war gar nicht wahr! Und jetzt war sie es, die die Welt gerettet hat!
Etwas berührte ihn an der Schulter.
Es war Riha.
Mit dem ausgestreckten Finger zeigte sie auf etwas…
Auf das sich schließende Tor –
Das sich gar nicht schloss!
Plötzlich war da der Schatten! Ein Schatten schoss aus dem Licht…
Entsetzt schrie Benny: „LIN! PASS AUF!“
Erschrocken wandte sich Lin um –
Es war zu spät!


Die grässlich bleiche Hand packte sie am Fußgelenk.
Du wirst mit mir untergehen, Menschengör!
Die grünen Fingernägel bohrten sich ihn ihre Haut wie Dolchklingen. Vor Furcht, vor Schmerz und vor Ekel schrie Lin auf –
Dann wurde sie mitgerissen, zu dem Licht und in das Licht!
Lin schrie, lauter als jemals zuvor, als sie den Boden unter sich verlor. Ihre Hände griffen panisch hin und her. Ziellos, gar nicht konnte sie entkommen…
Sie wurde ins Tor zum Hades gerissen. Ins Innere der Verbannung.
Lin war verloren, das wusste sie. Niemand konnte ihr mehr helfen.
Und ihre Ohren waren erfüllt vom grausamen Lachen der Göttin der Rache…
Sie spürte etwas. Eine warme Hand, die ihre umfasste, die zupackte –
Und dann kamen sie zum Stillstand. Sie wurde nicht weiter ins Tiefe gezogen!
Es war Kim.
Mit Schweiß und Blut auf der Stirn krallte er sich am Rand des Loches fest und mit der anderen Hand hielt er ihre eisern fest.
„Kim…“, flüsterte sie erstaunt.
„Ich…wer…de das…nicht zulassen!“, keuchte er.
Mit letzter Kraft, die er aufbringen konnte, versuchte Kim sich an den Rand zu klammern.
„Wachse! Bitte wachse…“, murmelte er. Er brauchte seine Kralle! Um sich besser festhalten zu können. Noch war sein Oberkörper über dem Rand, doch er merkte wie sein Halt nachließ. Rausziehen konnte er Lin auch nicht, der Gegenzug war zu stark.
Aber es geschah einfach nichts! Er konnte seinen Körper nicht mehr verformen! Weil sein Körper nur noch ein normaler Menschenkörper war!
Er…er rutschte ab!


Vor Schreck über den Ruck kreischte Lin auf.
Doch Kim packte blitzschnell nach dem Rand.
Die Göttin war rasend vor Wut.
Du kannst sie nicht retten! Lass sie los, oder du wirst mit ihr gerissen!
Der Zug wurde noch stärker. Es war eine Belastung für Kim, die er kaum ertragen konnte.
Das Blut aus seiner Wunde floss über seinen Arm und über Lins Hand.
„Sie hat Recht, Kim! Lass mich los! Rette wenigstens dein Leben!“, sagte Lin. Und schloss innerlich mit sich ab.
„Nein!“, entgegnete er. Als er zu ihr sah, da lag zwischen der Anstrengung ein warmer Blick. „Lieber sterbe ich mit dir als dich zu verlieren!“
Lin schüttelte den Kopf. „Nein, Kim! Wirf dein Leben nicht weg!“
Ein Lächeln und Tränen, die auf sie herabtropften. „Du bist mein Leben, Lin!“
Seine Worte trafen sie wie ein warmer Hauch.
Doch die Stimme Shjras ließ sie sich daran erinnern in welcher Gefahr sie sich befanden.
Gut! Wenn du es so willst, dann sterbt ihr beide!
Eine zweite Hand schoss aus der Tiefe empor und bohrte ihre Fingernägel in Kims Hand, um sie vom Rand zu lösen. Kim schrie auf vor Schmerz.
Benny musste etwas tun! Irgendwas! Hauptsache schnell!


Dann fiel das schwarze Schwert in sein Blickfeld!
Es war seine einzige Chance!
Das Masterschwert war zerbrochen, also blieb nur das schwarze Schwert übrig!
Für einen Moment war er wie gelähmt. Er hatte Angst, wahnsinnige Angst!
Aber er konnte Lin nicht einfach im Stich lassen! Sie hatte die Welt gerettet! Sie hatte ihn schon das zweite Mal gerettet – jetzt war es an der Zeit, dass er sie rettete!
Ja, der Mut keimte in ihm auf!
Zum ersten Mal in seinem Leben war er sich eines sicher! Er war der Held der Zeit! Er musste kämpfen und wenn er sein Leben dabei verlor!
„Bleib da, Riha. Klar?“, sagte er und drängte sie zurück.
Ehe er entschlossenen Schrittes auf das schwarze Schwert zuschritt.
Er musste jetzt ganz stark sein! Er konnte es schaffen!
Fest entschlossen legte Benny die Hände um den Griff.
Sofort reagierte das Schwert auf ihn – es wurde glühendheiß. Kleine violette Blitze zischten aus der Klinge und rissen ihm die Hände blutig. Aber Benny wollte und wollte nicht nachgeben!
Eisern zog er an dem Schwert. Es bewegte sich!
Je mehr es sich lockerte, desto stärker wurde die Abwehr.
Ein heißer Blitz traf ihn an der linken Wange und fügte ihm einen Schnitt zu.
„Nein! Ich lasse nicht los! Niemals!“, schrie er…


Dann, mit einem Gleiten, hob sich das Schwert aus dem Boden…
Die Schwertklinge schimmerte…
Es tat nicht mehr weh!
Die Symbole auf der Klinge – begannen sich zu verändern! Sie formten sich neu! Zur heiligen Klinge. Der schwarze Schwertgriff tauchte in Licht ein, in reines weißes Licht.
Das auf Bennys Hände überging und sich über seinen Körper ausbreitete. Das Licht umhüllte ihn, ja, wie eine Rüstung. Eine Rüstung aus reinem Licht.
Das Masterschwert war wiedergeboren!
Denn, auch wenn diese uralte Weissagung über die vielen Jahrtausende verloren gegangen war, so war sie noch lange nicht ungültig. Es hieß:
Nicht das Schwert sucht sich seinen Meister, der Meister sucht sich sein Schwert
So machte das Masterschwert den Helden der Zeit auch nicht zum Helden der Zeit, sondern der Held der Zeit machte das Masterschwert zum Masterschwert.
Benny fühlte die Macht, die ihn umgab. So etwas hatte er noch nie erlebt!
Mit einem Kampfesschrei preschte er davon – zum Loch aus Licht – und stürzte hinein. Ohne nur einen Gedanken an sein eigenes Leben zu verschwenden.
Kim und Lin sahen nur ein strahlendes Licht, das ins Loch fiel…


Die heilige Klinge zerschnitt Shjras Arme, sofort lösten sie sich in schwarzen Schleim auf…
Nein!!!
Der Rand bewegte sich. Das Tor schloss sich nun…
Kim sah seine Chance gekommen. Mit letzter Kraft zog er erst Lin hoch und dann sich selbst.
Währendessen hob Benny das Schwert. „Komm nie wieder zurück!“, schrie er.
Rück…rück…rück… Hallten seine letzten Worte…
Dann warf er das Masterschwert direkt in die leuchtende Tiefe.
Die Klinge bohrte sich in Shjras Brust…
Das Metall drang in ihren Körper…
An die Stelle, wo bereits der gleißende Pfeil saß.
Das Metall zerschnitt den Schaft des Pfeiles, doch die Spitze der Klinge, presste die Pfeilspitze weiter, tiefer in den Götterleib –
Er drang direkt in Shjras Herz…


Ein schmerzerfüllter Schrei erfüllte den Hades…
Ein Schrei aus Schmerz, Wut, Verbitterung.
Schwestern wie konntet ihr nur? Wie konntet ihr das zulassen? In eurer Eifersucht auf mich, da ich die Lieblingstochter unseres Vaters war, habt ihr zugelassen, dass ein einfaches sterbliches Wesen, aus eurer Schöpfung, unseren Vater und Herren tötete! Ich war seine Lieblingstochter, er gab mir seine linke Kralle zum Geschenk! Versteht ihr? Ihr habt unseren Vater auf dem Gewissen! Denkt für immer daran! Ihr habt ihn getötet!
Dann starb ihr Herz und sie starb mit…
Denn auch Götter konnten sterben…
Für immer nun war ihr Hass auf die drei Göttinnen verbannt…
FÜR IMMER…
„Neeeeeeeeeeiiiiinnnnnn! Benny!“, schrie Lin und wollte sich in das sich schließende Loch stürzen.
Doch zwei Arme legten sich um ihre Hüften und hielten sie fest.


„Lass mich!“, kreischte sie und schlug auf ihn ein. „Lass mich!“
Kim drückte sie zurück. „Es ist zu spät, Lin! Er ist tot!“
„Nein! Ich kann ihn retten!“, schrie sie. Tränen flossen über ihre heißen Wangen. „Ich muss da rein!“ Sie wehrte sich noch heftiger. Sie schlug und kratzte und zwickte. Aber Kim gab sie nicht frei.
Er riss sie zu Boden und drückte sie nieder.
„Lass mich los! BENNY, BENNY!“, schrie sie.
Er drückte auch ihre Arme zu Boden. Ganz ernst war er. „Lin!“, schrie er ihr ins Gesicht. Sie verstummte. „Er hat sich für dich geopfert! Willst du, dass sein Tod umsonst ist?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein…nein! Benny…“ Sie war so kraftlos vor Trauer. Tränen flossen aus ihren Augen. „Benny…nein…“
Kim nahm sie in seine Arme und sie vergrub ihr weinendes Gesicht in seine Brust.
Das Tor schloss sich nun rasend. Das Licht wurde schwächer –
Da riss sich ein zweites Licht frei!


Es schwebte über ihnen!
Beide sahen erschrocken auf!
Es war wie ein kleiner Engel…
Aus Rihas Rücken wuchsen diese silbernen Flügel…
Es war ein atemberaubender Anblick.
Der Engel tauchte in das leuchtende Tor ein…
Währendessen hatte sich Benny mit seinem Schicksal abgefunden, ja, er war sogar froh, dass er Lin retten konnte. Grinsend sagte er sich, dass sie nun quitt waren…
Während er fiel, in dem strahlenden Siegel, da übermannte ihn die Angst. Er wollte nicht sterben! Er wollte noch leben! Er hatte solche Angst!
„Mama!“, weinte er. „Mama! Ich hab Angst…“
Als hätte sie ihn erhört – war da dieses Licht.
Es war ein Engel!
Mit großen Augen konnte es Benny nicht glauben. Er sah den Engel, aber er glaubte nicht an das was er sah.
Ein Engel!
Mit ihrer wunderbar warmen Hand ergriff Riha seine Hand…


Sein Fall wurde langsamer und langsamer…
Bis er nicht mehr fiel, sondern flog…nach oben…zur Erde zurück…
Die silbernen Flügel trugen sie beide nach oben…durch das Licht…weit weg…
Ins unendliche Licht…
Riha war so rein und leuchtend. Die Flügel entfalteten sich wie die Schwingen des Himmels, sie bewegten sich so ruhig. Das Licht des Hades glitt an ihnen vorbei, wie ein flüchtiger Schleier…
Und bevor sich das Tor des Siegels für immer schloss –
Flogen sie heraus, auf die Erde und dem Himmel entgegen.
Das Licht verglomm.
Diese Wärme, die von Riha ausging, machte Benny so erleichtert, so entspannt. So schläfrig…
Die Flügel lösten sich auf. Augenblick für Augenblick lösten sich die Federn, bis die Luft erfüllt war von silbrigen Federn, die sachte zu Boden glitten.
Nicht allerdings – die beiden kleinen Kinder.
Die waren viel zu schwer!
Wie die Steine fielen sie.


„Kim!“, sagte Lin.
Kim nickte und erhob sich.
Mit Anlauf stieß er sich vom Boden ab und flog den beiden Fallenden entgegen.
Riha fiel ihm direkt auf die Schulter und klammerte sich an ihn. Benny bekam er am Kragen des Pullovers zu fassen. Dann stoppte er den Fall.
Ganz sachte schwebte er mit den beiden Kindern zu Boden und setzte sie ab.
Benny zitterten so stark die Knie, dass er auf den Boden sackte. Er musste ganz tief schlucken und klammerte sich an den Boden. So froh war er wieder Boden unter den Sohlen zu spüren!
Lin war so unglaublich erleichtert. Sie wischte sich die Tränen ab und lief ihnen entgegen um erst einmal Riha an sich zu drücken. Ganz ganz fest!
„Ich bin ja so stolz auf dich! Ich weiß absolut nicht wie du das gemacht hast, aber ich bin so stolz!“, redete sie auf ihre Tochter ein und drückte sie noch fester an sich. Dann wandte sie sich jemand anderem zu. „Benny! Wie geht es dir?“
Benny sprang ihr entgegen und fing an ihr das Kleid voll zu heulen. „Lin! Lin! Es ist doch endlich vorbei, oder?“
Lin nickte. „Ich glaube schon…“
„Du glaubst?“, stieß Benny verzweifelt hervor.
Lin kicherte. „Na gut – ich bin mir sicher!“


Dann umschlang Benny sie erleichtert und heulte nur noch lauter. Der Schock saß noch tief. Sie sahen alle ziemlich angeschlagen aus. Sie hatten unschöne Kratzer, Schrammen und Wunden abbekommen.
Aber nun hatte alles ein Ende gefunden.
Erschöpft ließ Kim sich auf den Boden nieder. Erst einmal musste er ordentlich Luft in seine Lungen bekommen.
„Ich kann es gar nicht glauben, dass alles vorbei ist!“, murmelte er.
Von seiner Stimme aufmerksam geworden funkelte Benny ihn an. Da war jetzt ganz sicher kein noch so kleines Fünkchen Sympathie mehr übrig. Gerade wollte er Lin vorschlagen das Tor noch einmal zu öffnen und Kim doch gleich mitzuverbannen, da – Benny konnte es nicht fassen! – ließ Lin sich neben Kim nieder.
Kim sah auf seine Hand, wo die Finger der Göttin seine Hand regelrecht zerschmettert hatte. Ausgerechnet die Linke!
„Wie hast du das nur gemacht, Lin?“
„Was?“
Er rieb über die schmerzende Stelle. „Mich besiegt! Wie…wie hast du mich nur durchschauen können?“
Mit einem Kichern hob sie die Hand und drehte sein Gesicht zu ihr herüber, sodass er ihr in die Augen sah. Dann sagte sie etwas, was er nie vergessen sollte.
„Ich will ehrlich zu dir sein. Es war genauso geplant. Du solltest dich von Anfang an in mich verlieben…“
Kims Augen wurden groß.
Ehe auf seinen Lippen ein Grinsen erschien. Und auch auf ihren.
„Dann hast du also von Anfang an gewusst was ich vorhatte?“
Lin lachte. „Ja.“


„Aber…aber…das hast du alles gewusst? Du…hast dir das alles ausgedacht?“
Nun musste Lin nur noch lauter lachen. „Natürlich nicht! Ich muss sogar gestehen, dass ich nur Komplizin war. Dieser Plan ist auf einem anderen Mist gewachsen.“ Dann beugte sie sich zu ihm herüber. „Es war – Link!“
***
„WAAAAAAAAS?“, riefen die Weisen wie im Chor.
Allesamt drehten sich zu ihm um.
Mit einem so frechen Grinsen wie noch nie erhob sich Link und klopfte sich theatralisch den Staub aus der Kleidung. „Ach schade, dass sie es verraten hat! Wäre doch ganz lustig gewesen.“
Zelda wurde fast wahnsinnig vor Hysterie. „Das…das war alles von dir geplant? ALLES?“
„Natürlich! Glaubst du ich überlasse so etwas dem Zufall?“, entgegnete Link mit einer schrecklichen Arroganz, die er sich angesichts seines Triumphes ausnahmsweise gönnte.


„Aber…warum hast du uns nichts gesagt?“, sagte Darunia mit schwerer Stimme, enttäuscht über das wenige Vertrauen Links.
Link verstand es sofort. „Versteht mich nicht falsch! Ich habe euch nichts gesagt, weil ich befürchten musste, dass, wenn zu viele von meinem Plan wüssten, irgendwie etwas durchsickern könnte und dann wären wir wirklich dran gewesen!“
„Ver…verstehe, dann hast du also von unserem Plan gewusst!“, schlussfolgerte da eine Stimme.
Nur mit Mühe stemmte Ganon sich auf die Beine. Und als er da aufsah, dann war da noch immer dieser höhnische Blick, aber dennoch. Es war nur noch Menschliches in seinen Augen. „Aber dann verstehe ich nicht warum du uns nicht aufgehalten hast? Zu jeder Zeit hat sich dir eine Gelegenheit geboten ihn zu töten – und trotzdem hast du uns machen lassen!“
Link wurde ernst. „Ja. Weil ich nicht hinter euch her war – sondern hinter Shjra!“, sagte er bestimmt und felsenfest.
„Shjra…“, murmelte Rauru. „Diese Göttin, wer hätte gedacht, dass…“ Er konnte ihren Satz nicht zu Ende führen.
„Ich habe gewusst, dass, wenn ich Kim töte, irgendwann ein anderer kommt und seinen Platz ersetzt und den Meinen auch. Es würde immer und immer so weitergehen, bis die Welt wirklich irgendwann einmal untergeht. Und das wollte ich nicht! Ich wollte dem ein für allemal ein Ende setzen! Ich wollte, dass die Generationen, die nach uns kommen, nicht das gleiche Schicksal erleiden müssen wie wir!“


Ganon gab einen Ton der Belustigung von sich. „Aber woher wusstest du das? Was wir sind und was wir vorhaben? Niemals kannst du von allein darauf gekommen sein!“
„Das stimmt.“, gab Link zurück. „Das bin ich erst, als Lin mir etwas sehr Merkwürdiges erzählt hat. Es war damals in der Wüste, nachdem sie Benny befreit hatten. Kim ist doch in dieses Fieber gefallen und Lin hat die erste Nachtwache übernommen. Erinnert ihr euch?“, wandte er sich auch an die Weisen.
„Ja, natürlich!“, knurrte Ruto ungeduldig. „Worauf willst du hinaus?“
„Fandet ihr es nicht höchstseltsam? Klar, es gibt nichts was man für den Liebsten nicht tut, aber sie hat ja schon sehr darauf beharrt jede Wache zu übernehmen, obwohl sie nicht besonders fit ausgesehen hat.“
„Ja, richtig.“, stimmte Zelda zu. „Es war, weil sie sich doch solche Vorwürfe gemacht hat, weil Kim so schlimm zugerichtet worden ist.“
Link grinste allwissend. „Nun, das ist was sie euch erzählt hat!“
Nun waren die Weisen vollkommen verwirrt.
Ganon nicht im Geringsten. Im Gegenteil, er bemühte sich um Beherrschung.
„Was? Was hat sie dir erzählt?“, drängte Salia.


„Naja, sie erzählte mir was sie in der ersten Nacht beobachtet hatte. Und zwar war sie gerade dabei einen verschwitzten Lappen auszuwaschen – als plötzlich…“ Link holte ganz viel Luft um eine kunstvolle Pause einzulegen.
Ruto verdrehte ungeduldig die Augen. „Wir sind doch keine kleinen Kinder, denen du Gutenachtgeschichten erzählst!“
„Jaja, Entschuldigung! Jedenfalls, aus der Bandage drang schwarzer Schleim, der die Wunde verschlossen hat und dann wieder verschwunden ist!“
„Schwarzer Schleim?“, wiederholte Rauru ungläubig.
„Warum hat sie das nicht erzählt?“, fragte Impa nach.
„Sie hatte Angst davor, dass wir auf den Gedanken kommen könnten Kim anzugreifen.“, erwiderte Link. „So bin ich darauf gekommen, dass da etwas nicht ganz stimmt. Hinzu kommt noch dieser offensichtliche Scheinzauber, der mich nicht täuschen konnte. Ich musste ja zwangsweise misstrauisch werden.“
Nun meldete sich Naboru, die bis jetzt geschwiegen hatte. „Aber das ist unmöglich! Es hat niemand von Ganons Plan gewusst! Nur ich! Und ich…ich habe nie etwas gesagt…“
„Das stimmt nicht ganz, Naboru. Noch jemand wusste von dem Plan und dieser jemand hat mir die nötigen Informationen geliefert.“
Die Weisen sahen einander an. Es war ein wirres Geflecht aus unglaublichen Intrigen. Auf beiden Seiten.
Doch Impa war ganz und gar nicht zufrieden. „Und wer ist dieser Informant?“
„Informantin.“, verbesserte Link. „Es ist eine Frau. Es ist…“


Ich bin die Informantin!“, unterbrach ihn eine Stimme. Eine völlig fremde Stimme.
Dann trat aus dem Schatten eine Gestalt.
Es war eine Gerudo. Eine junge und kräftige Frau.
Mit durchdringendem Blick musterte die Gerudo jeden einzelnen von ihnen.
Sie war ihnen fremd, doch in ihrem Blick war etwas Vertrautes.
Zelda war die Erste, die die Frau erkannte. „Maaku!“
Doch eine zweite Stimme sagte zeitgleich mit ihr einen anderen Namen.
Es war Ganon. Seinen Lippen entglitt der Name: „Farina!“
Das Verwirrspiel hatte seinen Höhepunkt erreicht.
Ruto, mit ihrer aufdringlichen Art, meldete sich sogleich zu Wort.
„Farina? Wie? Maaku, du kennst unseren Erzfeind?“


„Natürlich kennt sie mich!“, zischte Ganon ärgerlich. Er hasste die Weise des Wassers genauso sehr wie fast alle Weisen. „Sie ist meine Mutter!“
Alle Weisen hielten den Atem an. Es war abstrus!
„Was?“, stießen die Weisen wieder hervor.
Die Frau verschränkte die Arme vor der Brust. „So ist es!“
Link fuhr fort: „Als Lin mir nun das erzählt hat, da war ich mir sicher, dass Kim nicht der ist für den er sich gibt. Also bin ich zu Maaku gegangen und habe mit ihr darüber gesprochen. Ich wollte einen neutralen Rat haben, von jemandem, der mit dieser Sache nicht zu tun hat und doch klug und erfahren genug war, mich beraten zu können. Nun, damals erfuhr ich wer sie wirklich war. Ich gebe zu ich war nicht weniger überrascht als ihr, aber es war ein ungemeiner Vorteil. Wir verbündeten uns und sie erzählte mir von dem Komplott gegen uns. Dann arbeiteten wir uns unseren eigenen Plan aus – natürlich zusammen mit Lin!“
Naboru sah entsetzt auf. Sie war bitterböse auf Link. „Wie konntet ihr nur? Ihr habt Lin wissendlich in Gefahr gebracht! Ihr habt in Kauf genommen, dass sie so vieles durchmachen musste!“
Link wurde nachdenklich. Er verlagerte das Gewicht von einem Bein auf das andere. „Lin hat für sich selbst entschieden. Sie hat bewusst mitgespielt, weil sie Kim um jeden Preis retten wollte.“
Naboru legte sich die Hand auf den Mund. „Dann hat sie…das alles…“


„Aber…aber…aber…das ist unmöglich!“, stotterte Salia. Sie sah ununterbrochen und über alle Maße schockiert von Ganon zu Farina. „Das kann nicht sein!“
Link fing an zu lachen. Laut und herzhaft.
„Stimmt schon, Salia. Wenn man sich diesen Miesepeter so ansieht, kann man kaum glauben, dass er auf die gleiche Weise wie wir das Licht der Welt erblickt hat!“
Link fand seinen Scherz so unglaublich lustig, er merkte gar nicht, dass er der Einzige war. Die Weisen tauschten ratlose und irritierte Blicke. Sie waren schon längst mit ihrem Latein am Ende.
Ganon war es, der mit einem Schnaufen, Links Lachen durchbrach. Mit einem – keineswegs warmen – Lächeln fixierte er seinen Feind. „Zugegeben, ich habe dich unterschätzt. Ich war so siegessicher, dass ich unvorsichtig geworden bin.“
Großzügig winkte Link ab. „Bitte, bitte! Du brauchst dich bei mir nicht zu danken! Habe ich doch gern gemacht!“
Nun war es Ganon, der Link vor die Füße spuckte. „Wofür sollte ich dir danken? So tief herabgesunken bin ich noch nicht um mich mit Würmer einzulassen!“
Links Grinsen wurde noch breiter. „Besser ein lebender Wurm als ein toter Vogel!“
Ganon war rasend vor Wut. Unbändig war das Verlangen diesen Possenreißer eigenhändig umzubringen und er hätte es getan, wenn er nicht schon längst tot wäre.
Was Ganon allerdings nicht davon abhielt sich auf Link zu stürzen und ihn zu Boden zu reißen. Weil Link zu sehr im Rausch seines Sieges versunken gewesen war, hatte er Ganons Angriff zu spät kommen sehen.


Als er auf den Boden knallte. Und wäre er da nicht wach geworden, hätte er Ganons rauschende Faust nicht gesehen und hätte somit nicht ausweichen können.
Die Faust riss ein gutes Loch in den Boden.
„Aufhören!“, kreischte Zelda. „Hört auf!“
Link stieß Ganon wiederum seine Faust ins Gesicht.
„Hört sofort auf!“, kreischte Zelda weiter.
Woraufhin Ganon Link einen solchen Tritt in die Magengegend verpasste, dass Link richtig übel wurde.
Ja, sie fochten es aus wie Männer! Hahahahaha *gg*
Link packte Ganon an der Gurgel, doch Ganon hatte den gleichen Gedanken gehabt und packte ihn.
So standen sie nun voreinander, versuchten gegenseitig die Oberhand zu gewinnen, die Fäuste drohend erhoben.
„Hört auf!“, zischte nun Naboru. Ihre Stimme war nicht kreischend wie Zeldas, nein, sie zischte so durchdringend, dass es ins Ohr schnitt.
Das brachte die beiden auseinander.
Starr vor Erschrecken stoppten sie ihr Gerangel und sahen auf.
Mit unbändig wütendem Gesicht stierte sie Ganon an. Und kam auch noch auf ihn zu.
Es lag was in der Luft, das Link ganz sicher meiden wollte, also trat er rasch zurück.
Als Naboru ihn erreicht hatte – ohrfeigte sie Ganon.
„Das ist dafür, dass du mich belogen hast!“
Dann hob sie erneut die Hand und ohrfeigte ihn wieder.


„Das ist dafür, dass du so grausam bist!“
Ein drittes Mal hob sie die Hand um zuzuschlagen, doch Ganon packte die Hand. Verblüfft sah sie ihm in die Augen. „Es ist schon gut, Naboru. Ich habe es begriffen, du musst mich nicht mehr schlagen.“ Sie waren warm.
Nach endlichen Jahren fiel sie ihm um den Hals und es brach aus ihr heraus. Trauer, Wut und Erleichterung.
„Ist jetzt alles vorbei? Alles?“, fragte sie mit Tränen in den Augen.
Und als auch Ganon seine Arme um sie schlang, da war sie sich sicher.
Link war zufrieden mit sich. Er hatte es geschafft! Nun war er endgültig fertig! Mit allem und vor allem mit seinen Nerven!
Zelda lehnte sich an ihn. „Sag mal, wie hast du dir nur so etwas Durchtriebenes ausdenken können?“
Selbstgefällig grinste Link. „Um einen Schurken zu besiegen musst du wie ein Schurke denken.“
Zelda lachte herzhaft. „Link, du erstaunst mich immer wieder!“
***
„Also wurde ich von einem toten Helden und einer handvoll Minderjährigen besiegt!“, fasste Kim zusammen. „Welch eine Schande! Ich werde mich nie wieder auf die Straße wagen können!“, seufzte er.
„Ach naja“, lachte Lin. „du kannst ja sagen, dass du von mir besiegt worden bist, dann klingt das schon weniger demütigend.“
Kim grinste. „Du hast mich ja auch befreit, vielleicht sollte ich mich erst einmal bedanken?“ Er beugte sich leicht vor.
„Ja, das solltest du wohl.“, grinste auch Lin.


Ihre Gesichter kamen sich näher und näher und…
„STOPP!“, stieß Benny aus und wuchtete sie wieder voneinander weg. Er packte seine große Schwester am Ärmel und zerrte daran, von Kim weg. „Du kannst doch das nicht machen! Er ist unser Feind!“
Lin befreite sich. „Ist schon in Ordnung, Benny. Kim ist nicht mehr unser Feind. Er war es nie, er ist nur gezwungen worden!“
Benny trampelte mit dem Fuß auf den Boden. „Er ist böse! Schau was er alles gemacht hat! Bist du blind? Er ist böse und am besten verbannen wir ihn auch gleich noch! Zur Sicherheit!“ Kim runzelte die Stirn. „Du kannst mir dieses Mal glauben, wenn ich dir sage, dass von mir keine Gefahr mehr ausgeht. Es ist vorbei! Endgültig!“
Hasserfüllt funkelte Benny Kim an. Und zischte: „Halt die Klappe, du Schwuchtel!“
Für einen Moment hing das Wort in der Luft und alle waren erstarrt vor plötzlicher Erschütterung. Ein Moment, indem sich niemand rührte.
Nur Riha, sie setzte sich in Lins Schoß und schlang ihre Arme um sich.
Kim sprang auf die Beine. „Was hast du gesagt? Wie hast du mich gerade genannt? Ich glaube du bist nicht mehr ganz dicht da oben!“
„Bin ich schon!“, gab Benny patzig zurück.
„Ach ja? Dann scheint dein Gehirn von Natur aus nur ein geringes Ausmaß anzunehmen, wenn du Wörter in den Mund nimmst, von denen du nicht die geringste Ahnung hast was sie bedeuten!“, zischte Kim zurück.
„Doch!“, trotzte Benny. „Ich weiß genau was es heißt!“
„Wenn du das wüsstest, dann wüsstest du auch, dass ich garantiert keine bin!“


Weil Benny nicht wusste was er antworten sollte, schimpfte er nur weiter: „Du Blödmann! Wenn du nicht Lin gehalten hättest, dann hätte ich dich noch ins Loch getreten!“
„Sag mal, Benny, woher hast du dieses Wort?“, unterbrach Lin ihren Streit.
Nun lief Benny doch puderrot im Gesicht an. „Ich…äh, hab es von einer Freundin.“
Lin lachte. „Das ist ein ganz gemeines Schimpfwort und wenn Mama dich gehört hätte, hättest du eine Woche Stubenarrest bekommen.“
„Hätte ich nicht!“, entgegnete Benny und durchbohrte Kim mit einem tieffeindseeligen Blick. „Weil unser Haus bestimmt gar nicht mehr steht. Dank dem da!“ Er spuckte die Wörter abfällig heraus.
Kim erwiderte den Blick, mit Gleichem vergeltend. „Ich hätte dich lieber doch töten sollen, als ich noch die Möglichkeit dazu hatte! Aber wenn du willst, können wir das noch nachholen!“
„Ich habe keine Angst vor einem besiegten Blödmann!“
Beide waren rasend vor hochgeschaukelter Wut.
„Ich werde dir Angst machen! Dazu brauche ich nur meine Hände!“, giftete Kim zurück.
Benny hob drohend die Faust und sein Gesicht kam der Trotzmiene eines Kleinkindes gleich. „Lass deine Finger von Lin! Sie mag dich nicht mehr! Also wage es ja nie wieder sie…“


„Das werde ich nicht tun! Nie wieder! Verstehst du das, du Hosenscheißer? Du wirst sie wohl oder übel mit uns teilen müssen! Mit mir und Riha!“
„Riha meinetwegen!“, zischte Benny bitter. „Die ist in Ordnung. Aber du nicht! Wir hassen dich alle, also verschwinde!“
„Ich verschwinde – doch nicht ohne Lin und Riha!“
Benny öffnete empört den Mund – doch nun mischte sich Lin ein.
„Hört endlich auf!“, sprach sie und erhob sich. Riha an sich gedrückt. Es machte sie wütend, dass sich die beiden so quengelig benahmen. „Benny! Ich kann Kim nicht gehen lassen! Er bedeutet mir zu viel! Und du“, damit wandte sie sich an Kim. „solltest dich in deinem Alter nicht so provozieren lassen. Schließlich hat Benny auch einen guten Grund für sein Benehmen!“
Frisch getadelt und mit schlechtem Gewissen sahen beide beschämt zu Boden.
„Aber Lin! Was wird nun aus uns? Was wird aus der Welt? Sie ist schon zerstört. Vielleicht sind alle schon tot! Unsere Familie und unsere Freunde und alle!“
Mit einem Lächeln drückte Lin ihn an sich. „Mach dir keine Sorgen, Benny.“
„Wie soll ich mir keine Sorgen machen? Es ist alles kaputt!“ Mit dem ausgestreckten Finger und mit tränenden Augen zeigte er auf Kim. „Er hat alles kaputt gemacht!“
Bewegungslos blieb Kim stehen.
„Das macht nichts.“, unterbrach ihn Lin. „Denn ich weiß jetzt wie ich alles wieder gut machen kann!“
Erstaunt blickten die beiden zu ihr auf.


Rückwärts trat sie einige Schritte zurück. „Wisst ihr, damals habe ich meinen Wunsch falsch ausgedrückt. Ich habe mir gewünscht, dass die Magie verschwindet! Aber das ist natürlich nicht möglich, weil die Magie des Heiligen Reiches, also die Magie der Erde, von den Göttinnen eingehaucht, unsere Welt zusammenhält. Damals war ich dumm und habe das nicht verstanden, aber nun weiß ich es! Ich weiß wie ich das Triforce dazu benutzen kann alles ungeschehen zu machen!“
Damit hob sie ihre linke Hand.
Kim sprang auf. „Lin? Was…was machst du da?“ Weil er sie verstanden hatte.
„Bitte, mächtige Göttinnen, erhört meinen Wunsch! Ich wünsche mir, dass die Gier nach der göttlichen Macht in den Menschen niemals erwacht, sie sollen niemals auch nur die leiseste Ahnung von der Magie haben, die sie umgibt!“
Benny runzelte nur die Stirn. „Was meint sie damit? Verstehst du das, Riha?“ Er sah dem Mädchen ins Gesicht. Doch sie ahmte sein verdutztes Gesicht nach und starrte ihn aus kindlichen Augen an. Nicht ein Wort kam ihr über die Lippen. Niemals.
Aber Kim verstand was Lin im Begriff war sich zu wünschen. Darum setzte er sich in Bewegung. Mit entsetztem Gesicht.
„Bitte, Göttinnen erschafft die Welt neu! Lasst die Geschichte der Menschheit von neuem beginnen.“ Ein Wind kam auf. „Denn nun ist keine Göttin der Rache mehr da, die Schlechtes in sie pflanzen kann! Ich bitte Euch, erhört…“


Ein starker Arm packte ihre Hand.
„Nein Lin!“, sagte Kim entschlossen. „Das darfst du dir nicht wünschen.“
Lin lächelte. „Aber Kim! Ich muss es tun!“
Tränen stiegen Kim in die Augen. „Lin! Wenn die Welt neu erschaffen wird…dann…dann werden wir uns nie begegnen! Wir wurden in unterschiedlichen Zeiten geboren!“
Mit einem warmen Lächeln, so unendlich gütig wie das einer wahren Göttin, senkte sie die Arme. Ihre warmen Hände nahmen sein verzweifeltes Gesicht. Und mit ihren Fingern strich sie über seine Wangen.
„Kim“, flüsterte sie. „Sei nicht traurig.“
Er legte seine Hand auf ihre.
„Wie soll ich nicht traurig sein?“
„Du wirst sehen, das Schicksal wird ein Einsehen mit uns haben!“
Kaum waren die Worte verklungen…
Da lagen ihre Lippen auf seinen…
Und als wäre das das Amen eines Gebetes…


Da wurde ihr Wunsch erhört…
Ein Erstrahlen kam aus ihrem Körper. Ein gleißendes Gold, das Triforce, das den Begehr der Besitzerin erfüllte.
Das Licht strahlte heller und größer. Es war wie eine Sinnflut, die über die Welt schwappte und die Erde unter sich begrub.
Benny wurde geblendet und schrie auf. Riha jedoch blieb stehen und starrte dem Licht entgegen, ohne jedes Zucken.
Ehe das warme Licht sie alle einhüllte. Sie wurden wie in eine warme Decke eingehüllt und entglitten in sanften Schlaf der Wiedergeburt…
So wie alle Menschen und überhaupt alles Leben.
Die ganze Erde erstrahlte in Gold…
Und selbst bis in andere Welten reichte das Leuchten und Strahlen…
Ein letztes Mal saß Ganon alleine da und blicke auf das Leuchten der Welt, dass er von hier aus sehen konnte. Schon bald erreichte es auch sie und sie sollten sich ebenfalls auflösen um von neuem zu leben.
In einem neuen Leben, in einer neuen Welt. Ein neuer Anfang…
„Warum sitzt du hier allein? Still und leise?“, fragte eine Stimme in seinem Rücken.
Es war die junge Farina.
Er antwortete ihr nicht.
Darum deutete sie sein Schweigen falsch.
„Sicher ist es nicht leicht eine Niederlage hinzunehmen. Viel was uns das Schicksal bringt hätten wir so niemals erleben wollen. Aber wer kann das Schicksal schon in die Knie zwingen?“
Nun antwortete er.


Ohne sie anzusehen deutete er mit dem ausgestreckten Finger nach unten, auf die Welt. „Er!“
Farina war verwundert, verständnislos runzelte sie die Stirn.
„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir uns von Link haben täuschen lassen, oder? Du glaubst doch nicht, dass Link uns hätte besiegen können, wenn er es nicht so gewollt hätte, oder?“
Nun war Farina vollkommen verwirrt.
Ganon zog seine Beine zu sich heran. „Es ist alles so gekommen wie er es mir gesagt hat! Alles! Jede Einzelheit stimmt mit seiner Prophezeiung überein!“
„Wen meinst du?“
„Den, den ich gezeugt habe! Er hat schon von Anfang an die Fäden gezogen!“
„Dein Sohn?“, stieß Farina überrascht hervor. „Aber das ist doch unmöglich! Wir dachten es ist alles dein Plan gewesen…“
Nun fuhr ein eiskalter Schauder durch Ganon. Er schüttelte den Kopf.
„Er hat mir gedroht Naboru umzubringen, wenn ich nicht mitspiele! Und als sie schon tot war, da hat er mir gedroht ihre Seele auszulöschen.“
Farina konnte es nicht fassen, was sie da hörte.


„Ich hatte immer schon Angst vor ihm! Schon als ich ihn zum ersten Mal sah!“
„Aber…aber was bedeutet das? Ein einfacher Junge…“
„Einfacher Junge?“ Ganon lachte bitter. „Ich weiß nicht was er ist, aber ich weiß was er nicht ist! Ein Mensch!“
„Was…was hat er dann vor? Was hat er mit all dem bezweckt?“
„Ich weiß es nicht, habe es nie gewusst. Wir sind einfach nur Spielfiguren für ihn, in seinem großen Spiel der Zerstreuung…“
Das Licht, es erstrahlte und tauchte auch sie in seine Wärme…
Für die neue Schöpfung der Welt…

Ende



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