Breath of the Wild



A little place of harmony

Autor: Luke


Prolog – Wenn 7 Jahre nichts sind als ein Wimpernschlag

Die Nächte auf der Lon-Lon-Farm waren mit einer durchdringenden Kälte verbunden, die Kleidung und Haut durchdrang und bis in die Knochen fuhr. Die ohnehin schon blasse Sonne, die selbst am Tage keine richtige Wärme spendete, hatte sich hinter dem Horizont versteckt, um den Himmel erdrückend schwarz zu hinterlassen. Kein Stern schien am Himmel, seit Ganondorf auf dem Thron saß, außer dem roten, dem blauen und dem grünen Stern. Es waren die Sterne der drei Göttinnen. Nicht einmal Ganondorf hatte es geschafft sie vom Firmament zu vertreiben.

Ich beobachtete sie nachts gerne, denn in der Dunkelheit der Nacht schienen die leuchtenden Punkte eine gewisse Hoffnung zu symbolisieren, die irgendwo da draußen sein musste. Auch wenn Ganondorf unbesiegbar schien, auch wenn er den früheren König und seine tapferen Soldaten vernichtend geschlagen und durch Zombies, Dämonen und andere namenlose Grauen ersetzt hatte, glaubte ich fest an die Führung der drei Göttinnen.

In unserer Zeit gab es nichts anderes, an das man sich klammern konnte.

Deswegen saß ich wie jede Nacht auf dem Zaun der Koppel, blickte nach oben zu den Sternen und sang leise „Eponas Lied“, das mir seit meiner Kindheit immer Trost gespendet hatte. Und Trost hatte ich wirklich nötig. Erst vor wenigen Tagen war mein Vater Talon von unserem Arbeiter Ingo heimtückisch um die Farm betrogen worden. Jetzt musste ich mich alleine um alles kümmern, die Gäste, die Tiere, das tägliche Füttern und Pflegen und und und…

Ingo selbst machte nichts, sondern heimste nur die Gewinne ein. Ich verstand nicht was mit ihm geschehen war. Natürlich hatte er schon immer darüber gemeckert nicht gut genug beachtet zu werden, doch eines Tages schien er sich völlig gewandelt zu haben. Er wurde ignorant und gemein und eiskalt. Er behandelte mich nicht schlecht, doch er schenkte mir auch keine Aufmerksamkeit, sondern trat mir mit einer eisigen, emotionslosen Gleichgültigkeit gegenüber, die fast schlimmer zu ertragen war als alles andere. Außerdem paktierte er mit Ganondorf und gab ihm unsere besten Pferde für seine zwielichtigen Söldnersoldaten.

Ich seufzte leise.

Selbst Epona sollte nun in die brutale Behandlung des dunklen Königs gestellt werden. Ich wusste nicht mehr was ich tun konnte und wandte meinen Blick deswegen noch hoffnungsvoller als sonst zu den drei Göttinnensternen. Sie antworteten, indem sie hell funkelten wie eh und je. Irgendwie verlieh mir das Zuversicht. Die Hoffnung war noch nicht gestorben…

Plötzlich hörte ich Schritte am Eingang der Farm. Das Gras, strapaziert von der Kälte der Nacht und der freudlosen Sonne des Tages, knirschte unter den Sohlen schwerer Stiefel wie sprödes Holz. Einen Augenblick lang glaubte ich Ingo würde nach mir suchen, doch stattdessen tauchte ein junger Krieger am Zugang zur Koppel auf. Neugierig beendete ich mein Lied, sprang vom Zaun und näherte mich dem Fremden. „Hallo. Kann ich etwas für dich tun?“

Er betrachtete mich sehr seltsam und wirkte auch sonst völlig fehl am Platz. Seine Kleidung war grün wie der Wald und weckte in mir eine unbegründete Sehnsucht danach einfach all die Arbeit und die Anstrengungen auf der Farm Stehen und Liegen zu lassen, um in die Natur zu fliehen. Seine Stiefel waren aus weichem Leder. Er hatte ein silbernes Schwert und einen Schild aus solidem Eisen auf dem Rücken. Sein Gesicht war unbestreitbar hübsch und hatte scharfe, männliche Züge, die zu einem Krieger passten. Blondes Haar fiel ihm über die Stirn und verdeckte leicht seine tiefblauen Augen, die in der Dunkelheit leuchteten.

„Ich…“

Er schien nach Worten zu suchen, runzelte verwirrt die Stirn und betrachtete mich noch einmal. Diesmal wanderte sein intensiver Blick von meinen langen roten Haaren zu der hellen Haut, den dunkelblauen Augen und dem Rest meines Körpers, den ich mir durch die viele Arbeit gesund, schlank und kräftig gehalten hatte. Ich muss zugeben, ich errötete ein wenig unter seinem Blick, auch wenn er mich nicht so abzuschätzen schien wie ein Mann das sonst bei einer Frau tat. Er schien viel mehr etwas in mir zu suchen. Glaubte er vielleicht mich zu kennen?

„Malon?“, fragte er schließlich leise.

Ich hielt den Atem an und nickte. Dann musterte ich ihn genauer. „Kenne ich dich?“

„Ja… Wir haben uns einmal gekannt, doch das war vor langer Zeit…“ Ein trauriges Lächeln huschte über seine Züge, doch es verschwand schnell wieder, während er in seinen Taschen nach etwas kramte. Seine Hand brachte eine reich verzierte Okarina zum Vorschein. Noch ehe der Fremde die ersten Töne des Liedes anspielte, das ich vor wenigen Momenten noch gesungen hatte, wusste ich plötzlich wen ich dort vor mir hatte.

„Link! Der Feenjunge aus dem Wald!“

Es verschlug mir glatt die Sprache. Längst vergessene Erinnerungen über einen kleinen Jungen mit grüner Kleidung und Fee brachen über mich herein und drohten mich unter ihnen zu begraben. Ich sah ihn plötzlich vor mir, wie ich ihn zum ersten Mal auf dem Marktplatz getroffen hatte, bewaffnet mit Fee, Holzschild und einem kleinen Schwert, das kaum als Küchenmesser geeignet gewesen wäre. Er hatte mir und meinem Vater geholfen und war danach oft bei uns auf der Farm gewesen. Ich hatte mit ihm gespielt und herumgealbert. Er war mein bester Kindheitsfreund und hatte mir an meinem Geburtstag sogar eine waschechte Fee, sowie er eine besaß, in einer Flasche geschenkt. Außerdem erzählte er mir die unglaublichsten Geschichten von phantastischen Völkern und von drei Steinen, die er für eine Mission der Prinzessin sammelte.

Damals hatte ich alles für reine Fantasie gehalten, doch etwas an der Art, wie er nun nach all der Zeit wieder vor mir stand, diesmal bewaffnet wie ein echter Krieger und im Besitz einer Okarina mit dem königlichen Emblem, ließ diesen Glauben ins Wanken geraten. Vielleicht hatte er tatsächlich diese Steine gesucht… Vielleicht hatte er tatsächlich unzählige Abenteuer bestritten… Vielleicht war er deswegen eines Tages nicht mehr zurückgekehrt, nachdem er Zoras Reich aufsuchen wollte…
„Es ist schrecklich lange her“, murmelte ich verwirrt.

Link schien zu überlegen, ehe er zustimmte. „Ja, das ist es wohl…“

„Was meinst du damit?“ Ich suchte in seinen Augen nach Antworten, doch das unergründliche Blau war verdeckt von einem Schleier aus Unverständnis und Verwirrung. „Alles ist anders als früher… Der Marktplatz zum Beispiel…“

„Du warst auf dem Marktplatz? Seit Jahren traut sich dort niemand mehr hin! Zombies haben ihn sich zum Zuhause gemacht… Sie sind Ganondorfs Schoßhündchen…“ Mein Blick verdunkelte sich und ich bis mir zornig auf die Unterlippe. Dieser schreckliche Mann aus der Wüste mit seiner Monsterarmee hatte alles zerstört, was an Hyrule einst schön und gut gewesen war…

„Ganondorf muss gewütet haben… Tut denn niemand etwas dagegen?“

„Wie denn?“, fauchte ich unwirsch zurück. „Ganondorf ist der König! Alle, die sich ihm widersetzt haben, sind tot. Und alle, die sich ihm heute widersetzen wollen, werden sofort hingerichtet!“ Ich deutete unwirsch auf den hohen, dunklen Turm, der sich in der Ferne schwach vom schwarzen Himmel abzeichnete. „Seine Burg ist uneinnehmbar, seine Schergen sind grausame Kreaturen. In ganz Hyrule gibt es nicht genug Krieger um seine Armee zu besiegen!“

„Ganondorf ist König?“, wiederholte Link fassungslos. Ich bemerkte verwundert wie sich seine Hände vor Hass zusammenballten und er mit den Zähnen knirschte. Die Muskeln seiner Wange zuckten. Hörte er das zum ersten Mal? Seine Überraschung schien echt. „Link, wo bist du denn all die Jahre gewesen? Ganondorf herrscht bereits seit sieben Jahren!“

„Ich habe geschlafen…“

„Geschlafen?“, brachte ich spöttisch lachend hervor, weil er eine so ernste Angelegenheit einfach ins Lächerliche zog. „Link, du glaubst doch nicht wirklich, du könntest mir weismachen, dass du sieben ganze Jahre lang-“

„Es ist wahr!“, unterbrach er mich ernst. „Ich habe die drei heiligen Steine gefunden und bin zur Zitadelle der Zeit gegangen. Mit dieser Okarina habe ich das Portal ins Heilige Reich geöffnet! Dort habe ich das Schwert aus dem Stein gezogen und dann…umfing mich Dunkelheit… Es kam mir vor wie ein kurzer Wimpernschlag, doch in Wirklichkeit vergingen sieben Jahren bis ich erwachte…“
Meine Kehle war trocken und ließ kein Wort zu. Ich wusste, was er erzählte konnte nicht wahr sein, doch Link log niemals. Welchen Grund sollte er haben? „Du meinst… all die Geschichten, die du mir damals erzählt hast, waren wahr? Die Kokiri, die Goronen, die Zora, die Steine?“

„Ja…“

„Aber warum hast du… geschlafen?“

„Rauru, der Weise des Lichts, hat mich in diesen Schlaf versetzt. Da ich das Schwert des Heiligen Landes, das Master-Schwert, aus dem Steinsockel ziehen konnte, sah er in mir den prophezeiten Helden der Zeit. Doch ich war noch zu jung, um mich Ganondorf zu stellen. Man hat meinen Körper heranwachsen lassen, bis ich bereit wäre ihm gegenüberzutreten…“ Er stutzte kurz und warf einen Blick zu dem unheimlichen Turm, den ich ihm gezeigt hatte. „Rauru hat mir gesagt, dass Ganondorf das Land erobert hat, doch ich wollte es nicht glauben, bis du es bestätigt hast… Das ist schlecht… Es wird schwer sein ihn in dieser Festung anzugreifen…“

„Moment mal!“, unterbrach ich ihn hastig. Ich musste mir an den Kopf fassen, weil ein plötzlicher Schwindel auf mich niederging. Das alles war zuviel. All die Legenden und Prophezeiungen, die so plötzlich Wirklichkeit geworden waren, schwirrten in meinem Hirn herum und ließ mich nicht mehr klar denken. „Du willst Ganondorf angreifen? Allein der Gedanke daran ist lächerlich!“

„Nicht wenn ich die Weisen erwecke…“

Link murmelte jetzt mehr vor sich hin, als dass er zu mir sprach, während sich in seinen Augen eine beunruhigende Entschlossenheit entzündete. Innerhalb von einer Sekunde sah ich nur noch seinen Rücken. Er machte tatsächlich Anstalten davonzurennen!

„Link! Wovon zum Teufel redest du bloß? Du bist doch gerade erst gekommen, bleib wenigstens über Nacht!“ Doch der Junge aus dem Wald verschwand bereits in der Finsternis, begleitet von dem schwach glühenden Lichtpunkt seiner treuen Fee…      

 

Kapitel I – Verbesserer der Welten

 

Nach meiner nächtlichen Begegnung mit dem erwachsen gewordenen Link schenkte ich den Gesprächen der Leute ungewollt mehr Aufmerksamkeit, wenn ich meine täglichen Milchlieferungen nach Kakariko oder zum seltsamen Professor am Hyliasee erledigte. Es hatte damit angefangen, dass ich durch Zufall mitbekam, wie eine junge Frau ihrem Mann von einem grün gekleideten Krieger erzählte, der in großer Eile zum Friedhof gegangen war. Da es sich dabei natürlich um niemand anderen als Link handeln konnte, hörte ich mir auch danach neugierig das ein oder andere Gerücht der Dorfbewohner an. Viele hatten den Krieger ebenfalls gesehen und fast alle von ihnen ließen mit ein paar Worten vernehmen, dass er sie an einen ungewöhnlichen Jungen erinnerte, dem sie vor langer Zeit begegnet waren.

Wenn ich diese Menschen daraufhin ansprach, erzählten sie mir glücklich, wie der Junge ihnen damals geholfen hatte. Für eine junge Frau hatte er entflohene Hühner eingefangen, einmal hatte er bei den Bauarbeiten eines Hauses geholfen, Monster vom Friedhof vertrieben oder eine ausgeraubte Dame mit eigenen Rubinen entschädigt.

Nach einer Woche hatte ich das Gefühl Link musste jedem in ganz Hyrule wenigstens einmal aus der Patsche geholfen haben. Der Kopf schwirrte mir von so vielen Erzählungen, dass ich gar nicht mehr vertragen konnte und nur noch nach Hause wollte. Immer wieder drangen Fragen auf mich ein. Wieso hatte ich nie bemerkt was Link alles getan hatte? Wieso hatte ich ihm nie geglaubt, dass er gegen Kreaturen gekämpft hatte, bei denen sich jeder andere Zehnjährige längst in die Hose gemacht hätte?

Doch was noch viel verwunderlicher war als all die Helfereien, die Link in der Vergangenheit vollbracht hatte, war der Anblick, der sich mir bot, als ich die Lon-Lon-Farm am späten Nachmittag erreichte: Link kam mir langsam auf Eponas Rücken entgegen, kaum dass ich das Einganstor erreichte. Er lächelte mir freundlich zu, hielt das Pferd vor mir an und sprang ohne Anstrengung aus dem Sattel. „Hallo Malon.“

Ich konnte nicht glauben, dass er mir mit einem einfachen ‚Hallo’ entgegentrat, obwohl er mir mit   meinem meist geliebten Pferd entgegenkam, das zu allem Übel auch noch seit heute früh unter Ganondorfs schrecklicher Zucht stehen sollte. „Hallo“, brachte ich nur fassungslos hervor. Er schien meine Verwirrung deutlich zu spüren, zeigte jedoch nur ein zufriedenes Grinsen und strich sanft über Eponas braunes, glänzendes Fell.

Die Stille zwischen uns zog sich immer weiter in die Länge. Link war nicht gewillt sie zu brechen, seine Finger noch immer auf Eponas Flanke, während ich nicht recht wusste was ich sagen sollte. „Was machst du mit ihr?“, platzte es schließlich aus mir heraus. Er neigte mir seinen Kopf zu, leicht schief, so dass ihm sein blondes Haar über die Stirn fiel und verwandelte sein gewaltiges Grinsen in ein kleines verständnisvolles Lächeln.

„Ich habe nur einiges bei euch richtig gestellt… Zu allererst wird Ingo dir keine Probleme mehr machen, das verspreche ich… Zweitens habe ich unsere alte Freundin hier befreit.“ Er gab Epona einen leichten Klaps. „Ich war mir sicher keiner von uns beiden würde sie gerne in Ganondorfs Händen sehen… Und drittens…“, fügte er völlig gelassen hinzu, obwohl ich jetzt schon Tränen der Freunde hinter meinen Augen prickeln fühlte. „…wartet dein Vater genau in diesem Moment auf deine Rückkehr. Ich habe ihn in Kakariko aufgegabelt…“

Das saß.

Ich konnte es mir zwar verkneifen vor Link zu weinen, doch das unglaubliche Glück dieser unglaublichen Neuigkeit durchströmte mich mit einer Intensität, die ich noch nie zuvor erlebt hatte. Sieben Jahre, sieben lange verdammte Jahre, lebte ich unter dem Terror, den der neue König aus der Wüste mitgebracht hatte. Link hatte dies innerhalb eines Tages einfach zerbrochen, als wäre die vergangene Zeit nicht mehr als ein Alptraum, eine Seifenblase, die er mit seinem silbernen Schwert zerstochen hatte.

„Ich…“

Ich wollte ihm danken, ihm um den Hals fallen vor Dankbarkeit, doch meine Freude lähmte mich vollkommen. Er lächelte mich weiterhin an, ohne den Blick auch nur einmal von mir zu nehmen. Seine Augen waren blau wie das Meer und von einer Ruhe erfüllt, die jeden Augenblick von wilder Leidenschaft aufgepeitscht werden konnte. Ja, er hatte sich zu einem Krieger entwickelt. Früher hatte er den kleinen Retter gespielt, heute verbesserte er Welten. Meine Welt zumindest.

„Nun, ich denke du solltest deinen Vater nicht zu lange warten lassen. Sonst schläft er noch ein…“, überlegte Link. Ich musste lachen über die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme. Als er sich wieder auf Eponas Rücken schwingen wollte, fiel endlich die Starre von meinem Körper und ich griff hastig nach seinem Arm.

„Geh nicht! Du kannst nicht schon wieder so kurz auftauchen und wieder verschwinden! Ich muss dir danken! Bitte bleib ein bisschen, wenigstens bis morgen früh. Es wird eh bald dunkel, du kannst die Nacht in einem Gästezimmer schlafen!“ Was konnte ich ihm anderes anbieten, wo er doch nie etwas für seine Hilfe verlangte? Link sah mich lange schweigend an, ehe er zögernd nickte und Epona an den Zügeln wendete, um zur Farm zurückzugehen.

„Wir bleiben doch noch ein bisschen, meine Liebe“, flüsterte er ihr zu. Das Pferd wieherte glücklich und als ich mich zu ihr gesellte, stieß sie mich zärtlich mit dem Kopf an. „Ich bin so froh… Ich dachte, ich hätte sie verloren. Ingo wollte sie Ganondorf als Kriegsross geben…“

„Ich weiß. Ich musste Ingo in einem Rennen schlagen. Den Göttinnen sei Dank für seine unstillbare Gier nach Rubinen, mit der ich ihn locken konnte… Natürlich kannst du sie jetzt wiederhaben…“
Seine Worte brachten mich zum Lachen.

„Was ist so lustig?“, fragte er verwirrt.

Ich lächelte über seinen Gesichtsausdruck mit den fragend zusammen geschobenen Augenbrauen. Er hatte schon immer diese Art gehabt alles schrecklich ernst zu nehmen, obwohl es ihm gut getan hätte einfach einmal befreit zu lachen. Doch scheinbar hatte er schon damals zuviel damit zu tun gehabt den Menschen zu helfen. „Du verlangst wohl nie eine Gegenleistung, oder?“

Link sah mich nur noch seltsamer an und schüttelte ein wenig zögerlich den Kopf, als befürchte er in eine Fangfrage geraten zu sein. „Wieso sollte ich?“

„Ich meine nur. Du nimmst alles Mögliche auf dich um das Elend der Leute zu beenden, ohne dann etwas dafür zu wollen. Ich habe es von vielen Hylianern gehört. Man sagt sogar, dass es einen Sohn des Goronenhäuptlings gibt, den man aufgrund deines Mutes nach dir benannt hat…“

„Tatsächlich?“, fragte Link ehrlich erstaunt. Er blickte kurz auf seine Hände in den dicken Lederhandschuhen, die schon viele Mal das Schwert geschwungen hatten. In seinem Kopf mussten sich Dinge abspielen, von denen er mir einst erzählt hatte, die aber nur noch bruchstückhaft in meinen Erinnerungen hängen geblieben waren.

Schweigend liefen wir den Pfad zur Koppel der Farm hoch, ließen dort Epona im grünen Gras zurück und machten uns auf den Weg zum Wohngebäude. Als wir schon an der Tür standen und Link sie öffnen wollte, meinte ich beiläufig: „Du kannst sie behalten. Epona mag dich, ich wusste es schon damals. Du kannst sie haben…“

Erstaunt schaute er mich an. Ich lächelte ihn an und wartete erst gar nicht darauf, dass er anfangen würde zu protestieren, sondern öffnete sofort die Tür und trat ein. Im Kamin prasselte ein warmes Feuer. Und daneben, zusammengerollt wie eine dicke Katze, lag tatsächlich mein Vater und schnarchte zufrieden vor sich hin…

Wir ließen meinen Vater schlafen. Link trug ihn in das obere Stockwerk und legte ihn in sein Bett, ehe er es sich selbst auf einem kleinen Schemel vor dem Feuer gemütlich machte. Inzwischen war es dunkel geworden. Nur das blasse Licht der schmalen Mondsichel und die bunten Strahlen der drei Göttinnensterne schienen durch das Fenster, der Rest des Himmels über Hyrule schwebte wie eine schwarze Decke.

Ich beobachtete Link die ganze Zeit, während ich in der Küche ein paar Eier unserer eigenen Zuchthühner briet. Er starrte lange ins Feuer, ohne sich auch nur im Geringsten zu rühren. Seine Fee schwebte um ihn herum und sie unterhielten sich sicherlich, doch er hatte mir schon vor langer Zeit erklärt, dass er mit ihr über Gedanken kommunizierte. Niemand anderes hörte sie beide. Irgendwann schienen sie sich genug unterhalten zu haben, die Fee verschwand in dem grünen Hut, den sich Link vom Kopf gezogen und auf den Boden gelegt hatte, so dass ich die Fülle seiner blonden Haare sehen konnte. Sie glitzerten im Schein des Feuers.

Nach dem Hut befreite sich Link nach und nach auch von seinen hohen Stiefeln und den kräftigen Lederhandschuhen. Das silberne Schwert und der schwere Schild lehnten bereits an seiner Seite, genau wie eine prall gefüllte Umhängetasche, ein Bogen und der dazugehörige Köcher mit Pfeilen. Doch Link hatte nur Augen für eine grüne Münze in der Größe eines Handtellers. Sie war mit kunstvoll verschnörkelten Runen überzogen.

„Ein schönes Stück“, meinte ich neugierig, als ich die Pfanne mit den fertigen Spiegeleiern zu ihm balancierte und auf einen niedrigen Tisch stellte. Er sah zu mir herüber, diesmal mit einem deutlich traurigen Lächeln auf den Lippen. „Das Amulett vom Weisen des Waldes…“

Link hatte mir zwar von dem Weisen des Lichts erzählt, der ihn, einen zehnjährigen Jungen, einfach so in der Zeit einfrieren konnte, doch dass es von ihnen noch mehr gab war mir neu. Eigentlich war das aber auch nicht verwunderlich, denn im Gegensatz zu den meisten Hylianern kannte ich mich nicht besonders gut mit der Geschichte, den Legenden und Sagen des Landes aus.

„Ja, es war Salia… Ich habe sie aus dem Waldtempel befreit, der durch Ganondorf mit Monstern verseucht wurde, und die verlorenen Wälder von seinen Schergen gesäubert…“
 
Ganondorf. Ich spürte bei der Erwähnung seines Namens den gleichen Hass in Link schwellen, der auch durch mein Innerstes tobte. Vielleicht war sie sogar stärker. Seine Augen brannten plötzlich für einen Moment, dann erlosch die Wildheit wieder.

„Wer ist Salia…?“

Es war mir peinlich diese Frage stellen zu müssen, doch ich konnte kaum noch einen von den vielen Namen, die er mir als Kind genannt hatte, zuordnen. Für mich waren immerhin sieben Jahren vergangen, nicht nur ein paar Tage.

„Sie gehört zu den Kokiri…“

„Ach ja“, erinnerte ich mich. Es machte klick. „Deine alte Freundin von deinem Volk…“

„Nicht mein Volk, nein“, murmelte Link nach einer kurzen Pause leise. „Ich bin kein Kokiri, wie ich immer dachte, sondern ein Hylianer. Wenn ich ein Kokiri wäre, würde ich nicht so aussehen wie jetzt. Sie altern nicht. Man hat mich nicht einmal erkannt, als ich mein altes Zuhause besuchte…“

„Wie schrecklich…“

„Nicht wirklich. Salia hat mich erkannt, das war mir genug. Und die anderen Kokiri werden von nun an immer einen Freund in mir sehen, der ihnen geholfen hat, und nicht den feenlosen Jungen von früher… Es war am besten so…“

Ich wusste wieder einmal nicht was ich sagen sollte, diesmal jedoch vor Mitleid und nicht aus Freude. Es musste grausam sein seine alte Heimat zu verlassen und nach ein paar ‚Tagen’ von ihr nicht mehr wieder erkannt zu werden. Ich konnte es deutlich in seinem sehnsüchtigen Blick lesen, den er dem Amulett in seinen Händen schenkte. „Noch vier…“, hörte ich ihn murmeln.

Danach redeten wir nicht mehr viel. Link steckte das grüne Amulett irgendwann in seine Tasche zurück und zog sich mit einem ehrlichen Dank für das Mahl und die Unterkunft in das vorbereitete Gästezimmer zurück.

Als ich ihn am nächsten Morgen wecken wollte, waren er und Epona bereits fort…

 

  Kapitel II – Bezwinger des Feuers

 

Es vergingen weitere vier Tage bis ich Link wieder sah.

In meinen Gedanken ging ich immer wieder das Treffen mit ihm durch, wie er mir auf Epona entgegenkam, wie er all diese Dinge für mich getan hatte und am Abend das Amulett des Waldes angestarrt hatte, ehe er ohne ein Wort des Abschieds verschwunden war. Vielleicht würde er nie mehr wiederkommen. Link hatte sich schon als Kind merkwürdig benommen und nun, da er erwachsen war, wirkte er verschlossener und mysteriöser denn je. Er schien einen Krieg auszufechten, sowohl in Hyrule gegen Ganondorf, als auch in seinem Inneren.

Jedenfalls füllte ich an diesem besagten Tag gerade den letzten Rest frische Milch in die dafür vorgesehenen Blechkannen, als ich die Hühner am Eingang aufgeregt gackern und auseinander stoben hörte. Verwirrt stellte ich die Milch hin, trat aus dem Stall und sah mich um. Die Sonne erschien gerade erst am Himmel. Der Hahnenschrei lag zwar schon eine Stunde zurück, doch es war ungewöhnlich, dass die Hühner bereits so früh aufgeregt durcheinander rannten.

Dann sah ich den Grund für ihr Verhalten.

Irgendjemand schleppte sich den Pfad vom Eingang der Farm entlang. Er trug dunkelrote Kleidung, war beladen mit schwerer Ausrüstung und lief gebeugt und schleppend, als wäre er verletzt. Es dauerte sehr lange bis ich die blonden Haare und das hübsche Gesicht von Link wieder erkannte. Augenblicklich rannte ich zu ihm. „Bei den Göttinnen!“

Der Anblick war grauenvoll. Die rote Kleidung, die Link so fremd erscheinen ließ, war an mehreren Stellen angesengt oder mit schwarzen Brandlöchern versehen. Am rechten Arm und der dazugehörigen Hälfte des Brustkorbes hing der Stoff in Fetzen herab, so dass mehr Haut zu sehen war als verborgen wurde. Doch auch die Haut war zerrissen, von schwarzrotem Blut verkrustet und darunter weitestgehend schwer verbrannt.

„Was hast du gemacht? Bist du bei lebendigem Leib in den Todesberg gesprungen?“ Link zwang sich einen weiteren Schritt weiter, während seine Augen trübe in mein Gesicht blickten. Er schien am Rande einer Ohnmacht zu schweben. Schließlich knickte er in seiner Bewegung ein, strauchelte und wäre sicherlich gestürzt, wenn ich ihn nicht geistesgegenwärtig aufgefangen hätte. Sein Fleisch fühlte sich so heiß an, dass es schon wehtat. Er begrub mich beinahe unter ihm, denn ich musste nicht nur sein Körpergewicht, sondern auch seine vielen Abenteurergegenstände halten.

„Verdammt, Link! Verfluchter Mist! Idiot!“

Ich wusste nicht, warum ich so unkontrolliert fluchte, doch in mir entflammte plötzlich eine Wut, die von ganz anderer Art war als die, die ich bei den Gedanken an Ganondorf fühlte. Diese Wut schien viel mehr nicht aus Hass, sondern aus meiner Angst um Links Gesundheit zu entstehen. Wie konnte er sich nur so in Gefahr bringen und nach einem Verschwinden ohne Abschied mit einem solch zugerichteten Körper zurückkommen? Ich fühlte mich überfordert.

„Papa! PAPA!“

Mein Vater hörte tatsächlich meine Rufe und steckte verwirrt den Kopf aus dem Fenster. Als er mich unter der Last von Links Körper wanken sah, stieß er einen überraschten, erschrockenen Laut aus. „Papa! Hol sofort einen Heiler aus Kakariko, Link ist schwer verletzt!“

„Link?“

„Keine Zeit für Fragen! Reite jetzt sofort nach Kakariko und hole mir sofort einen Heiler hierher!“ Ich war den Tränen nahe. Obwohl ich durch die viele Farmarbeit einen kräftigen Körper besaß, wog Link immer schwerer auf meiner schmalen Schulter und drohte mir das Schlüsselbein zu zerbrechen. Verzweifelt schleppte ich ihn mit aller Kraft zum Wohngebäude, während mein Vater flüchtig an mir vorbei rannte, sich ein Pferd schnappte und erstaunlich schnell unterwegs war. Inzwischen lief an einem meiner Arme heiße Flüssigkeit herab. Blut.

„Wehe du stirbst mir weg, Link! Dafür habe ich dir Epona nicht gegeben!“

Grimmig trat ich die Tür auf, die mein Vater vorausschauend nur angelehnt hatte und hievte Link keuchend ins Haus. Dort ließ ich ihn so behutsam wie möglich zu Boden gleiten. Ich riss einen Schrank auf, durchwühlte panisch die Schubladen und durchstöberte sie nach allem was man irgendwie für die Wunden gebrauchen konnte. Leider besaßen wir kaum etwas anderes als endlose Verbandsrollen. Mit einer unwirschen Bewegung zerriss ich Links ohnehin zerstörte und durch die Hitze poröse Kleidung um besser an die Wunden zu kommen, dann presste ich ihm die Verbände stark auf einen besonders schlimmen Schnitt nahe seiner Halsbeuge.

„Klauen…“, hauchte ich ängstlich.

Ein kalter Hauch erfasste mich und ließ meine Hände zittern. Ich wagte es nicht mich irgendwie zu bewegen, so dass die blutende Wunde vielleicht nicht mehr abgedeckt sein könnte. Außerdem wusste ich nicht mit solchen Wunden umzugehen, ich hatte noch nie einen so schwer verletzten Hylianer gesehen, nicht einmal damals beim Sturz des früheren Königs…

So kniete ich still neben ihm, meine Kleidung besudelt von seinem Blut. Ich fühlte mich entsetzlich schwach, unnütz und fürchterlich hilflos.

Als mein Vater mit dem Heiler zurückkehrte, war ich geistig so erschöpft, dass ich ohne Gegenwehr von Link weggezogen werden konnte, während der Arzt anfing die Wunden zu untersuchen. Er schüttelte fassungslos den Kopf, murmelte ein kurzes Gebet an die Göttinnen in sich hinein und fing damit an die Brandverletzungen zu kühlen, die Schnitte zu desinfizieren, einige tiefe Wunden zu nähen und alles anschließend in einen festen ordentlichen Verband zu wickeln. Am Ende glich Links Oberkörper dem einer Mumie.

„Ich habe keine Ahnung wie so etwas passieren kann“, gestand der Heiler ratlos. „Ich habe in meiner ganzen Zeit als Medikus noch nie ein Wesen erlebt, dass von solchen Wunden gezeichnet war…“ Als mein Vater und ich nur ängstlich zu ihm sahen, warf er uns ein schmales, einfühlsames Lächeln zu. „Doch keine Sorge, er wird darüber hinwegkommen. Die Verbrennungen sind zahlreich, doch nicht zu schlimm um nicht abzuheilen… Ich werde in den nächsten Tagen wieder vorbeischauen…“

Er verabschiedete sich und kehrte sichtlich erschöpft von der Behandlung nach Kakariko zurück. Mein Vater wollte bei mir bleiben, doch ich erinnerte ihn hartnäckig an die Lieferungen, die die Farm abzugeben hatte, bis er sich geschlagen gab und mit einem Pferdegespannwagen davonzog.
Ich blieb mit Link allein zurück.

Wir hatten ihn ins Gästezimmer getragen, wo er jetzt schlief. Er war notdürftig in einen Schlafanzug meines Vaters gekleidet, der an den Ärmeln viel zu kurz war und um den Bauch herum mehr als genug Platz frei ließ, doch er war immer noch besser als die verkohlten Überreste seiner roten Abenteurerkleidung. Diese hatte ich nämlich bereits in einem Anflug von Wut weggeschmissen, als wären sie Schuld an Links gesamten Elend.

Anschließend hatte mich das schlechte Gewissen geplagt, so dass ich anfing seine Ausrüstung aus dem Wohnzimmer ins Gästezimmer zu tragen. Neben dem Bett, in dem Link schlief, stand ein Stuhl, an den ich das silberne Schwert, den Eisenschild, den Bogen und den Pfeilköcher lehnte. Ich trug auch noch die gefüllte Ledertasche heran, doch als ich sie auspacken wollte, schoss daraus ein rosafarbener Lichtball hervor. Vor Schreck ließ ich die Tasche fallen.

„Was zum…?“

Ich befürchtete beinahe, dass Link eine Art Schutzzauber für seine Habseligkeiten besaß, doch der Lichtpunkt schwirrte jetzt mit einem sirrenden Geräusch um meinen Kopf herum und verteilte dabei feinen Glitzerstaub auf meinen Schultern. Links Fee. „Hallo… Navi“, begrüßte ich unsicher. Die Fee flog ungeduldig in der Luft auf und ab, zog wieder Kreise um meinen Kopf und stieß schließlich ziemlich hart gegen die Tasche auf dem Boden. Sie konnte nicht zu mir sprechen, doch ich verstand trotzdem, dass sie mir etwas mitteilen wollte.

„In der Tasche?“ Die Fee hüpfte wieder auf und ab, wahrscheinlich um ein Kopfnicken nachzuahmen. Nervös öffnete ich den Lederbeutel, spähte hinein und machte große Augen. Die Tasche war riesig! Obwohl sie in etwa so groß war wie eine der gewöhnlichen Satteltaschen, die auf der Farm verwendet wurden, war der Innenraum mindestens fünfmal so groß und beinhaltete unzählige Gegenstände. Sie musste magisch sein. Ich glaubte mich daran zu erinnern einmal einen Händler aus einem weit entfernten Land von ‚Nimmervollen Beuteln’ sprechen gehört zu haben.

Nach und nach brachte ich kleine Nüsse und Brennholz zum Vorschein, etwas Proviant, ein Notizbuch, ein Bündel grüne Kleidung, einen Bumerang, eine Schleuder, Bomben in einem weiteren kleineren Beutel, eine Art Fanghaken, ein kleines Schwert, das ich noch von früher erkannte, einen riesigen Hammer aus Stahl, eine Okarina aus Ton, eine zweite blaue Okarina und drei Flaschen. Zwei von ihnen waren gefüllt mit einer dicken, grünen Flüssigkeit, während in der dritten eine zweite Fee hauste.

Navi stupste gegen den Glasbehälter mit ihrer Artgenossin. Ohne irgendwelche Fragen zu stellen zog ich den Stöpsel von der Flasche und beobachtete gebannt wie der blaue Lichtball unsicher herausflog, dann auf Navi zusteuerte, mit ihr ein paar Figuren in der Luft vollführte und schließlich zu Link herüberschwebte. Über seiner Brust zog die blaue Fee einen langsamen Kreis, bei dem besonders fiel Glitzerstaub auf Link fiel.

Zu meiner Überraschung öffnete Link beinahe augenblicklich nach dieser seltsamen Geste die Augen und richtete sich auf. Die blaue Fee verschwand, während Navi glücklich auf ihren Partner zusteuerte. Ich konnte den ganzen Geschehnissen nur verwirrt und ungläubig zugucken. Vor vielleicht einer Stunde hatte der blonde Krieger noch am Abgrund des Todes gestanden, jetzt saß er plötzlich völlig ruhig in dem Gästebett und blinzelte verwirrt. Nur sein Gesicht war vielleicht noch ein bisschen blass.

„Link?“

Er wandte sich mir verdutzt zu und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. „Malon?“

„Wie ist das möglich? Gerade eben warst du doch noch…!“ Meine Hände fingen ungewollt an zu zittern. „Wie hat diese Fee? Halt!“, schrie ich aufgebracht, als Link aus dem Bett klettern wollte. „Große Göttinnen, du warst gerade eben noch so gut wie tot! Deine Wunden werden aufbrechen, wenn du dich so bewegst!“

Link schenkte mir nur ein verstehendes Lächeln und schüttelte den Kopf. Er blieb zwar wie befohlen im Bett sitzen, zog jedoch jetzt einen Ärmel seines Schlafanzuges hoch und wickelte den darunter befindlichen Verband in aller Seelenruhe von seinem Arm. Meine Hände bebten noch stärker, diesmal vor Wut darüber, dass er meine Sorge offensichtlich völlig ignorierte und seine eigene Gesundheit missachtete. „Bist du wahnsinnig?“

Link lächelte noch einmal und zeigte mir lediglich die Wunde unter der Bandage. Oder zumindest das was davon übrig geblieben war, denn obwohl auf der Binde noch deutlich der rote Streifen einer blutenden Wunde zu erkennen war, sah ich auf Links Haut nur noch eine dünne, gut verheilte Narbe. Es sah so als hätte er sich diese Verletzung bereits vor Jahren zugezogen.

„Wie ist das möglich?“, hauchte ich fassungslos.

„Es war die Fee“, antwortete Link leichthin. „Diese Wesen sind äußerst nützlich auf meiner Reise. Mit ihrer Magie können sie Verletzte in sekundenschnelle heilen…“

Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Meine Überraschung musste deutlich auf meinem Gesicht ablesbar gewesen sein, denn Link schmunzelte darüber und lachte sogar gutmütig über meinen Ausdruck. Mir jedoch war gar nicht nach Lachen zumute. Im Gegenteil, in mir brodelte die gleiche Wut hoch, die mich schon erfasst hatte als ich Links Körper ins Haus geschleppt hatte.

Ich musste sie rauslassen: „Warum lachst du darüber?“, schrie ich so heftig und laut, dass Link augenblicklich zusammenzuckte und die Hühner im Stall nebenan anfingen zu kreischen. „Was ist so witzig? Göttinnen, ich habe mir unglaubliche Sorgen gemacht! Gerade eben noch hat der Arzt um dein Leben gekämpft! Ich sehe noch dein verzerrtes Gesicht, deine zerfetzte Haut! Ich kann noch die Hitze deines Fleischs spüren und sogar dein Blut, dass mir über den Arm gelaufen ist! Wie kannst du über so etwas lachen?“

Ich biss mir auf die Lippe und spürte die Wut allmählich verrauchen, nur um zu bemerken wie Tränen stattdessen in meine Augen treten wollten. Meine Hände zitterten unkontrollierbar. Ich fluchte leise, über mich selbst, über Link, über einfach alles. Link starrte mich nur an, schockiert über meinen Ausbruch. „Es tut mir Leid“, murmelte er schließlich. „Ich selbst bin es gewöhnt von diesen Feen versorgt zu werden… Ich habe nicht daran gedacht, dass andere so etwas nicht kennen…“

Als ich trotz seiner Entschuldigung nur zitternd im Raum stehen blieb und versuchte das Weinen zu unterdrücken, stieg er vorsichtig aus dem Bett, trat vor mich und umarmte mich schließlich. „Es tut mir wirklich Leid, Malon“, versicherte er leise. „Es war eine dumme Idee in meinem Zustand zu dir zu kommen. Ich wollte dich nicht belasten…“

Belasten. Ich konnte nicht glauben, dass er das zu mir sagte, obwohl er es doch war der eben noch mit grauenvollen Wunden zu kämpfen gehabt hatte. Ich schnaubte trotzig und löste mich wieder von ihm, als ich es endlich geschafft hatte mich in seinen Armen wieder zu beruhigen. Ich wollte nicht, dass Link dachte ich wäre ein weinerliches kleines Mädchen.

„Es ist okay“, murmelte ich irgendwann in die eingetretene Stille. Aus irgendeinem Grund wurden meine Wangen warm. „Ich hätte dich nicht anschreien sollen… Ich… ich war nur so geschockt…“

„Kann ich verstehen“, stimmte Link mit einem aufmunternden Lächeln zu. Er sah mir noch einmal tief in die Augen um sich zu versichern, dass ich wirklich wieder in Ordnung war, ehe er seinen Blick offensichtlich zufrieden durch das Zimmer schweifen ließ. Als letztes sah er ein wenig verdutzt an sich herab. „Ich nehme an, dass diese Kleidung nicht dir gehört…“

Ich musste kurz lachen. „Nein, da hast du Recht. Du trägst die Sachen meines Vaters, aber wenn du willst lege ich dir deine Waldkleidung zurecht. Von diesem roten Anzug ist nicht mehr viel übrig geblieben. Wieso ziehst du überhaupt etwas Rotes an? Das passt nicht zu dir…“

„Die rote Kleidung sollte nicht schön aussehen, sondern praktisch sein“, erklärte Link.

„Praktisch?“

„Ich erkläre es dir gleich“, versicherte er. „Warte, das mache ich schon.“ Ich hatte mich zu der Tasche herabgebeugt, um Links Kleidung daraus hervorzuholen, doch er war schneller, hob sie auf und legte sie auf das Bett. Ein wenig ungeduldig wühlte er darin herum, bis er erleichtert ausatmete und etwas in seiner Hand betrachtete. Ich erhaschte nur einen kurzen Blick auf ein rotes Amulett, ähnlich dem grünen, das er damals vor dem Kamin angestarrt hatte. Als er meinen Blick in seinem Rücken spürte, ließ er es schnell wieder in der Tasche verschwinden und lächelte mich an. „Ich zieh mich jetzt um und löse die Verbände…“

Ich nickte verwirrt und verließ das Zimmer, um Link alleine zu lassen und - nach einiger Überlegung - etwas Essen vorzubereiten. Ich selbst hatte keinen Hunger, sondern dachte beim Weg zur Küche nur über das seltsame Amulett und Links Bemühung es vor mir zu verbergen nach. Es war genau so eins wie das grüne Schmuckstück, mit den gleichen Runen und in der gleichen Größe. Mir kamen seine Worte vom letzten Besuch in Erinnerung: ‚Noch vier…’. War vielleicht dieses schlichte kleine Amulett Grund für Links Verletzungen?

Auch beim Zubereiten des Lon-Lon-Farm-Kraftfrühstücks grübelte ich noch über Link nach. Vor meinem geistigen Auge sah ich ihn vom Eingang der Farm aus auf mich zutorkeln, ich spürte noch einmal das heiße Blut an meinem Arm, dann wieder seine kräftigen Arme, die mich festgehalten hatten. Ich war so nachdenklich, dass ich den Speck beinahe verbrennen ließ.

Schließlich hörte ich etwa eine Viertelstunde später den Grund für meine Zerstreutheit die Treppe zum Gästezimmer herunterkommen. Ein Stuhl kratzte über den Holzboden, als Link sich hinter mir an den Tisch setzte. Ich schaute ihn absichtlich nicht an, sondern schaufelte einen Teller stumm mit Bratkartoffeln, Ei und Speck voll. Brutzelndes Fett knisterte noch in der Pfanne als ich mich umdrehte und Link den Teller vor die Nase stellte. Er bedankte sich höflich und schenkte mir ein aufrichtiges Lächeln, dann fing er an zu essen.

Ich setzte mich ihm gegenüber und beobachtete ihn geradezu lauernd. In seiner grünen Kleidung sah er wieder so aus wie ich ihn kannte. Sein Schwert hatte er mitgebracht und neben sich an den Tisch gelehnt, als erwarte er selbst auf der Farm einen Angriff. Seine blonden Haare hingen ihm vor den blauen Augen, wenn er sich über sein Essen beugte. Ein paar Spitzen davon waren schwarz versengt oder mit kleinen Blutspritzern besprüht. Auch meine Kleidung war noch mit seinem Blut besudelt, doch das fiel mir erst viel später auf und Link störte es nicht.

Er reagierte nicht einmal auf meinen bohrenden Blick, sondern konzentrierte sich ganz auf die Bauernplatte, die ich ihm serviert hatte. Er aß sie ordentlich und gemächlich, obwohl ich ihm seinen gewaltigen Hunger ansehen konnte. Jeder Bissen brachte etwas mehr Farbe in sein Gesicht.
Als er schließlich fertig gegessen hatte, räumte ich den Tisch für ihn ab, setzte mich ihm dann wieder gegenüber und starrte ihn erneut an. Link erwiderte den Blick fragend.

„Nun?“, meinte ich betont ruhig mit einer hochgezogenen Augenbraue.

„Nun was?“, fragte Link verständnislos.

„Ich würde doch ganz gerne wissen, warum du zerfetzt und blutig zu mir auf die Farm kommst! Ich finde dafür, dass wir dir einen Arzt besorgt, dich gepflegt und beköstigt haben, darf ich wenigstens wissen warum das alles notwendig war!“, zischte ich hitzig.

„Ich war im Todesberg. Deswegen trug ich die rote Kleidung. Sie war magisch und hat mich vor Hitze und Feuer beschützt. Ich habe mit Volvagia gekämpft.“

„Wer ist Volvagia?“, fragte ich ungeduldig.

Link versteifte sich kurz, ehe er antwortete: „Ein Drache am Todesberg.“ Meine Kinnlade klappte hinunter. Diese Klauenspuren und die Verbrennungen ergaben dann zwar durchaus Sinn, aber Drachen gab es in Hyrule schon lange nicht mehr, das wusste ich selbst mit meinen schwachen Sagenkenntnissen. Und selbst wenn, wieso sollte Link mit einem kämpfen wollen?

„Ein Drache?“, fragte ich sicherheitshalber noch einmal nach.

Link nickte ernst. „Ja, ein Drache. Er stand unter Ganondorfs Befehl und hielt sich am Todesberg im Feuertempel auf.“ Gedanklich merkte ich mir: ‚Wieder ein Tempel’, doch ich unterbrach Link nicht. „Im Feuertempel hielt Ganondorf auch die Goronen gefangen, um sie später Volvagia zum Fraß vorzuwerfen. Es sollte den restlichen Völkern Hyrules eine Lehre sein, dass Rebellierende sofort hingerichtet werden. Ich habe die Goronen befreit und Volvagia…getötet… Von ihm habe ich die Wunden…“

Ich sah auf eine der Klauennarben, die an Links Hals ansetzte und irgendwo unter seinem Oberteil verschwand. „Was für eine grauenvolle Bestie. Es ist gut, dass du sie-“

„Nicht!“, zischte Link plötzlich. Seine Hand krallte sich an die Tischplatte, bis die Knöchel weiß hervortraten und seine Augen weiteten sich ein wenig. „Sag nicht, dass es gut war, dass ich ihn getötet habe! Sag nicht, dass er eine Bestie war!“

„Aber er hat dich-“

„Es war Ganondorf!“, beharrte Link eisern. „Volvagia konnte nichts dafür! Er stand unter der Kontrolle von Ganondorfs widerlicher Schwarzmagie… Ich… ich kannte Volvagia… Er war dort, vor sieben Jahren, kurz nachdem ich den Wald verlassen hatte…“

„Dort?“

„Auf dem Marktplatz von Schloss Hyrule… Er stand zum Verkauf. Er war damals noch so klein und sah so traurig aus, dass ich mein Erspartes aufbrachte um ihn freizukaufen. Eine Zeit lang zogen wir gemeinsam durch die Welt. Er war der einzige Freund, der mir in den Kämpfen als Kind beistand. Er war ein schlaues Tier, besorgte mir manchmal etwas zu Essen, wärmte mich in den Nächten auf der kalten Steppe, machte für mich Feuer. Ohne ihn wäre ich damals unter meiner Aufgabe, die drei heiligen Steine zu suchen, zusammengebrochen…“

Links Gesicht wurde gequält und seine Stimme schien zu brechen, als er weitererzählte:
 
„Ganondorf hat ihn gefunden… Er muss irgendwie mitgekriegt haben, dass ich mit diesem Drachen befreundet war, und hat das grausam ausgenutzt… Er hat Volvagia gequält und gefoltert, hat mit seiner Magie seinen Kopf verwüstet und ihn versklavt… Alles nur wegen mir. Und dann hat er uns gegeneinander aufgehetzt… Es muss ihn königlich amüsiert haben…“ Link knirschte so laut mit den Zähnen, dass ich es deutlich hören konnte. Seine Hand verkrampfte sich noch mehr, während er die andere hart gegen seine Stirn presste. „Link“, setzte ich an, ohne zu wissen wie ich ihn trösten konnte. Ich legte meine Hand vorsichtig über seine, um ihm zu zeigen, dass ich für ihn da war, doch ich wusste nicht ob er es überhaupt bemerkte.

„Ich habe ihn getötet… Ich habe versucht ihn zu beruhigen, habe versucht in ihm irgendwelche Erinnerungen zu wecken, doch er hat getobt und gewütet und hätte in seinem Zorn den Todesberg ausbrechen lassen, wenn ich ihn nicht aufgehalten hätte… Mit einem Pfeil habe ich sein Auge zerstört. Dann habe ich ihm den Schädel mit dem Goronenhammer zertrümmert… Dieses Knirschen… Er hat geschrieen und immer noch gekämpft, hat in seiner Todesqual nicht aufgegeben. Erst mein Schwert konnte ihn endgültig zur Ruhe bringen…“

Während Link redete, wurde seine Stimme immer leiser bis ich ihn kaum noch verstand. Seine Augen, die hinter der Hand kaum zu erkennen waren, blickten ins Nichts. Es schien als würde sich sein Geist in den Erinnerungen des Kampfes verlieren.

„Link!“, rief ich bestimmt, als müsste ich ihn tatsächlich von einem fremden Ort zurückholen. Er zuckte zusammen, entspannte seine verkrampften Muskeln wieder ein wenig und betrachtete mich plötzlich mit einem melancholischen Lächeln, das nur schwach auf seine empfundenen Qualen hinwies. Gerade eben hatte er die Maske aus Freundlichkeit und Optimismus, die er sonst immer trug, für einen Moment verloren, doch jetzt setzte er sie wieder auf.

Es verstörte mich zutiefst.

Auch als Kind musste er diese Maske schon besessen haben. Ich kannte ihn damals nur als freundlichen Jungen, der gern etwas Held spielte, doch seiner Erzählung nach musste er schon damals gelitten haben.

„Vielen Dank für deine Gastfreundschaft“, sagte Link plötzlich. Er erhob sich, griff nach seinem Schwert und ging ohne ein weiteres Wort hoch ins Gästezimmer. Ich sah ihm besorgt hinterher und fühlte mich schlecht dafür, dass ich ihn als Kind nie ernst genommen, dass ich sein Leiden nie bemerkt und dass ich ihn heute angeschrieen hatte.

Ich wollte ihm ein wenig Zeit für sich alleine geben, ehe ich zu ihm aufs Zimmer ging und noch einmal versuchen würde mit ihm zu reden, doch zu meiner Überraschung kam er kaum zwei Minuten später wieder. Er trug sein Schwert, den Schild, den Bogen mit Köcher und die Tasche. Navi schwirrt aufgeregt um seinen Kopf herum.

„Link, was soll das?“

„Ich gehe, Malon“, erklärte er ruhig. Er wirkte so wie immer, doch jetzt erkannte ich die tief in ihm verborgene Trauer, die Wut und die wilde Entschlossenheit unter seiner gelassenen Oberfläche. „Es gibt noch so viel zu tun. Ich darf keine Zeit verschwenden…“ Er lief mit sicheren Schritten zur Tür ohne mir in die Augen zu sehen. Als seine Hand die Klinke berührte, fragte ich ernst: „Wieso tust du das alles, Link?“

„Um Ganondorf aufzuhalten…“, erwiderte er tonlos.

„Aber du bist ganz alleine. Und du quälst dich. Du hilfst so vielen Menschen ohne selber etwas zu verlangen, während du leidest. Wieso lässt du nicht andere kämpfen?“

Es trat eine kurze Stille im Zimmer ein, in der sich keiner bewegte und nur das gleichmäßige Ticken der Wanduhr zu hören war. „Weil ich der Einzige bin, der es kann… Ich kann Ganondorf aufhalten und ich will Ganondorf aufhalten. Es ist meine Bestimmung… Es ist mein Schicksal…“, flüsterte er schließlich.

Dann ging er.

Und ich wartete auf unsere nächste Begegnung und fürchtete mich vor dem Zustand, in dem ich ihn dann antreffen würde…     
         
Kapitel III – Herr des Wassers

Diesmal vergingen zwei ganze Wochen, bis ich erneut auf Link traf…

Nachdem er mich gleich nach seiner Genesung wieder verlassen hatte, lauschte ich täglich dem städtischen Klatsch und Tratsch oder unterhielt mich mit Kunden und Händlern, um stets über Links Aufenthaltsort informiert zu sein. Tatsächlich zog er auf seinen Reisen abermals so viele gute Taten und Hilfeleistungen hinter sich her, dass es mir ein Leichtes war seinen Weg nachzuvollziehen.

Ich konnte niemals sagen wo genau er sich gerade befand, doch ich konnte zumindest sein ungefähres Ziel erahnen. Erst sah man ihn für kurze Zeit in Kakariko, vielleicht um Gerüchte aufzuschnappen oder Vorräte aufzustocken, ehe er sich bis zum Zora-Reich durchschlug. Die Welt der Fischmenschen lag aufgrund von Ganondorfs verdorbener Magie unter einer dicken Schicht aus unnatürlichem Eis.

Sicher wollte Link diesen Fluch brechen.

Doch bereits kurz nachdem er das Zora-Reich erreichte hatte, versicherte man mir, dass man ihn zum Hylia-See hatte reiten sehen. Auch der etwas verrückte Professor bestätigte mir diese Nachricht, als ich ihm an einem Morgen frische Milch lieferte. Er sagte, Link sei stundenlang um den See herumgelaufen, wäre in ihm geschwommen und sogar mehrmals überdurchschnittlich lange getaucht. Ich versuchte mir einen Reim daraus zu machen, verstand es jedoch nicht.
Und dann verschwand Link einfach.

Plötzlich konnte mir niemand mehr etwas über einen in Grün gekleideten Krieger mit Fee und Schwert erzählen. Man hörte nichts mehr von ihm, sah nichts mehr von ihm. Der Professor vom See war der letzte gewesen, der mir einen hilfreichen Tipp gegeben hatte. Das Unbehagen, das mich schnell erfasste, verwandelte sich jeden Tag mehr in Panik und schließlich sogar in nackte Angst. Was, wenn er wieder verwundet worden war, es diesmal jedoch nicht bis zur Farm geschafft hatte? Oder war er sogar schon tot?

Die Fragen um Links Verbleiben quälten mich so stark, dass ich selbst jeden Tag zum See ritt und dort Ausschau hielt. Auch den Arzt, der Link das letzte Mal geholfen hatte, hielt ich in Bereitschaft. Dieser wartete ebenso ungeduldig auf Links Rückkehr wie ich, denn er wollte mehr über die Fee erfahren, die für Links Wunderheilung gesorgt hatte, und erkundigte sich jeden Tag nach Neuigkeiten.

Doch Link blieb verschwunden, für mehr als eine Woche…

Jeden Tag sank meine Hoffnung ihn unbeschadet wieder zu sehen, ihn überhaupt wieder zu sehen. Es bereitete mir einen Stich im Herzen, wenn ich daran dachte wie wir uns verabschiedet hatten: ohne uns anzusehen, ohne freundliche Worte, die man sich sonst so schenkte. Natürlich kannten wir uns nicht mehr richtig nach all der Zeit, doch er hatte mein Leben wieder lebenswert gemacht und soviel für mich getan. Jedes Mal spürte ich einen Kloß im Hals, wenn ich daran dachte. Trotzdem setzte ich mich weiterhin an den See und wartete...

 

Der siebzehnte Tag seit unserer letzten Begegnung lag schließlich in den letzten Zügen. Die Sonne ging bereits hinter den westlichen Bergen als roter Feuerball unter und ließ den See mit ihren letzten Strahlen golden glitzern. Ich saß auf einer kleinen Anhöhe am Ufer. Das Gras, noch feucht vom gestrigen Regen, kitzelte an meinen Füßen, während ich aufs Wasser starrte, die Arme um die angezogenen Knie geschlungen. Irgendwo krähten ein paar Raben.

Ich blickte hoch in den schnell dunkler werdenden Himmel und sah drei der schwarzen Vögel, wie sie sich vom Dach des Hauses des Professors in die Lüfte erhoben und mit ausgebreiteten Schwingen über den See flogen. Einer von ihnen stieß runter bis knapp über die Wasseroberfläche, hackte mit seinem Schnabel nach etwas und stieg wieder höher. Wollte er Fisch fangen? Die beiden anderen Raben machten es ihm nach und auch er hackte noch mal an der gleichen Stelle nach etwas. Fraßen Raben überhaupt Fisch?

Ihr seltsames Verhalten weckte meine Neugier und ich schirmte mit meiner Hand meine Augen gegen die untergehende Sonne ab, um besser erkennen zu können was dort vor sich ging. Sie schienen auf irgendeinem Ding herumzuhacken. Ich stand auf, starrte angestrengt auf das Ding und erkannte irgendwann völlig schockiert, dass es ein Mensch war, der dort leblos im Wasser trieb. Mein Herz wollte aussetzen. Hektisch sah ich mich nach Hilfe um, doch zum Haus des Professors oder dem Fischerladen war es viel zu weit.

„Ich komme!“, schrie ich, obwohl ich mir sicher war, dass derjenige, der dort schwamm, mich nicht hören konnte. Unwirsch schleuderte ich die Schuhe von meinen Füßen, rannte die Anhöhe hinunter und warf mich in das eiskalte Wasser. Augenblicklich sog sich meine Kleidung mit Wasser voll und klebte an Armen und Beinen. Ich schwamm so schnell ich konnte, doch das eiskalte Wasser erschöpfte meinen Kreislauf schnell und das Gewicht der nassen Kleidung ließ meine Muskeln müde werden. Ich hatte das Gefühl ewig zu brauchen, bis ich den Mensch im Wasser erreichte. Ich war mir sicher er musste bereits zehnmal ertrunken sein, nicht zuletzt weil er mit dem Rücken oben schwamm und der Kopf unter Wasser verschwand.

Prustend riss ich ihn herum und glaubte, mein Herz müsse ein zweites Mal stocken. Es war Link. Diesmal trug er blaue Kleidung, die ihn noch befremdlicher erscheinen ließ und wegen der ich ihn im Wasser nicht so schnell erkannte hatte. Seine Lippen waren mindestens genauso blau und sein Gesicht weiß wie Kreide. „Link“, schrie ich ihn an. Er rührte sich nicht.

Ich versuchte ihn ans Ufer zu zerren, doch er war unheimlich schwer und bildete mit meiner Kleidung eine weitere Last. Mehrmals hatte ich nicht genug Kraft mich an der Oberfläche zu halten, so dass Wasser in meinen Mund kam und ich husten musste. Mein Körper erlahmte immer schneller. Wütend über diese Kraftlosigkeit spornte ich mich mit wilden Flüchen, bei denen meinem Vater die Ohren abgefallen wären, selbst an.

Und irgendwann, als ich kurz davor war aufzugeben, erreichte ich das rettende Ufer. Mit letzter Kraft zog ich Link aus dem See, schleifte ihn am Arm ein Stück den Hang hoch und brach schließlich zitternd und hustend neben ihm auf die Knie. „Erst der Todesberg, jetzt der See“, röchelte ich atemlos, „Bist du erst zufrieden, wenn du dich ins Grab gebracht hast?“

Rote Haarsträhnen klebten mir im Gesicht und ich wischte sie unsacht beiseite. Jetzt, wo die Sonne untergegangen war, wurde es schnell kühler. Ich fror in den nassen Sachen, hatte jedoch keine Zeit sie zu wechseln, denn meine Aufmerksamkeit galt Link. Auch seine Haare lagen in wirren Goldsträhnen über seinem blassen Gesicht.

Mich beunruhigte, dass er trotz der Kälte nicht zitterte. „Link?“ Keine Reaktion. Besorgt beugte ich mich über ihn, fühlte Puls und horchte nach seiner Atmung. Nichts. Rein gar nichts. Die Panik schlug heftiger über mir zusammen als der See zuvor. Ich spürte meine Beine weich werden. „Link!“, rief ich diesmal lauter, gefolgt von einer deftigen Backpfeife. „Link! LINK!“

Doch er rührte sich einfach nicht.

„Nein! Nein, das kann nicht sein!“ Ich legte schnell einen Finger auf den Punkt, an dem ich spürte, dass Links Brustkorb zusammenlief, zählte zwei Fingerbreiten darüber ab und legte schließlich meine Hände dort auf seine Brust, so wie es mir mein Vater beigebracht hatte.

Ich drückte kräftig zu, einmal, zweimal, viermal, fünfzehn Mal. Dann streckte ich seinen Kopf in den Nacken und blies Luft in seinen Mund. Selbst in diesem unvorstellbaren Horror spürte ich meine Wangen dabei noch warm werden, ehe ich ein weiteres Mal auf seine Brust drückte. „Link!“
Einmal, zweimal, dreimal, viermal…

„Link!“

Achtmal…

„Link!“

Zwölf Mal…

„LINK! BITTE!“ Plötzlich rollte Links Kopf zur Seite. Er hustete, spie Wasser aus und übergab sich. Doch ich fühlte Erleichterung in mir aufsteigen, unendliche Erleichterung und Dankbarkeit für die Göttinnen, dass sie ihn zurückgeholt hatten. Kurz darauf öffnete Link stöhnend seine Augen und wandte seinen Kopf zu meinem Gesicht, das über ihm schwebte. Er schien mich nur verschwommen zu erkennen. „Wer…? Mal…on?“ Unsicher streckte er einen Arm aus und ich griff mit beiden Händen nach seinen schlaffen Fingern, um sie zu drücken.

„Ja. Ja, ich bin’s“, flüsterte ich leise. Er schien nicht zu begreifen wo er sich befand oder warum ich hier war. Er murmelte kurz etwas Unverständliches, blieb dann sehr lange ruhig und fragte schließlich etwas gefasster: „Was ist passiert?“

„Das musst du mir erklären“, erwiderte ich lächelnd. Es tat so gut ihn sprechen zu hören. „Ich habe dich im See gefunden, so wie du jetzt bist. Ich glaube du hast kurz aufgehört zu atmen und du trägst blaue Sachen…“ Irgendwie hielt ich die blaue Kleidung für besonders wichtig und war überrascht ein schwaches Lächeln auf Links Gesicht zu sehen. Er hustete noch einmal, schien sich jedoch langsam zu erholen. „Die blaue Kleidung soll nicht schön aussehen, sondern-“

„Praktisch sein“, beendete ich für ihn. Er nickte kraftlos. „Sie lässt mich unter Wasser atmen…“

„Hat ja toll geklappt“, stellte ich schnippisch fest. Er murmelte wieder etwas, doch es war zu leise um es zu verstehen.

Ich fing an zu zittern, nicht nur wegen der Kälte, sondern auch wegen der Erkenntnis, dass Link ohne mich hier und jetzt gestorben wäre. Wenn ich mich nicht umgehört hätte, wenn ich nicht wegen der Aussage des Professors hoffend an diesem See Ausschau gehalten hätte, wäre Link in den Fluten ertrunken. Vielleicht hätten die verfluchten Raben ihn anschließend zerfressen, nachdem sie schon von seinem lebenden Fleisch gekostet hatten.

Ich suchte nach den drei schwarzen Vögeln und fand sie unschuldig auf der Hängebrücke hocken, die zu der Insel in der Mitte des Sees führte. Sie schienen mich und meine Schritte enttäuscht zu beobachten und ich wusste nicht ob ich sie verfluchen oder ihnen dafür, dass sie mich auf Link aufmerksam gemacht hatten, dankbar sein sollte. Ich entschied mich für nichts dergleichen und strafte sie stattdessen mit eisiger Gleichgültigkeit.

„Bist du in Ordnung, Malon? Du zitterst“, stellte Link mit schwacher Stimme fest.

Ich starrte auf ihn herab und wusste auch bei ihm nicht, ob ich ihn anschreien oder anlächeln sollte. Er sah aus wie eine Wasserleiche, schien sich aber trotzdem mehr um mich Sorgen zu machen als um sich selbst. Es verstörte mich zutiefst. Einen Augenblick dachte ich daran seine geschwächte Verfassung auszunutzen um Antworten aus ihm herauszuquetschen. Wieso das alles? Wieso der Todesberg, wieso der See? Wieso der Kampf gegen einen Drachen? Wieso bringst du dich ständig in Lebensgefahr? Was bedeuten die Amulette und die Tempel?

Doch als Link keuchend hustete und ich begriff, wie unmenschlich es sein würde ihn noch länger festzuhalten, versuchte ich stattdessen das Thema zu wechseln: „Wo ist Epona?“

„Sie konnte mir diesmal nicht helfen, also habe ich sie in der Steppe zurückgelassen. Wenn du willst, kann ich sie holen.“ Seine Hand tastete kraftlos nach der durchnässten Tasche an seiner Hüfte, um die Okarina herauszuholen, doch ich hielt ihn mit einem Kopfschütteln zurück. „Nicht nötig. Ich bin mit Butterblume hier, sie kann uns beide zur Farm tragen. Dort kannst du dich ausruhen und von der nassen Kleidung befreien.“

Ich schob Daumen und Zeigefinger zwischen meine Zähne und stieß einen durchdringenden Pfiff aus. Butterblume – eine schneeweiße Stute, die mit Epona zu meinen Lieblingen gehörte – kam augenblicklich herangetrabt. Sie blieb gehorsam vor mir stehen und blickte mich mit ihren großen Augen erwartend an. „Kannst du aufstehen?“, fragte ich Link langsam.

Dieser nickte und zwang sich ächzend und stöhnend auf die Beine. Ich griff ihm unter die Arme und führte ihn wie einen alten Mann zu Butterblume. Während ich als erstes aufstieg und die Zügel der Stute in die Hand nahm, hielt sich Link krampfhaft am Zaumzeug fest, ehe ich ihm dabei half hinter mir auf dem Pferd Platz zu nehmen.

„Los, Butterblume, schnell nach Hause!“ Ich gab ihr nur einen kleinen Klaps mit den Fersen in die Seite, doch dieser reichte, um sie lospreschen zu lassen. Link hielt sich an mir fest, indem er seine Arme um meine Taille legte und sich nah an mich presste. Durch unsere nasse Kleidung konnte ich die harten Muskeln seiner Brust an meinem Rücken spüren.

Auch sein Kopf ruhte nach kurzer Zeit zwischen meinen Schulterblättern. Er fror erbärmlich. Doch nachdem ich mir meine Angst ihn vor ein paar Minuten noch tot geglaubt zu haben vor Augen rief, erschien mir dieser Zustand akzeptabel. Auch ich zitterte, als uns eiskalter Wind entgegenschlug.

Trotzdem ließ ich Butterblume nur noch schneller rennen…

 

Nie hätte ich geglaubt das Kaminfeuer unserer Wohnstube einmal so herrlich zu finden. Doch nun saß ich in einem weichen Schemel davor, die nackten Füße so nahe wie möglich an die knisternden Flammen postiert, und genoss die unglaublich wohltuende Wärme, die durch meine Haut in jede Faser meines Körpers drang.

Ich hatte mich umgezogen, einen Becher heiße Trinkschokolade zu mir genommen und wollte mich eigentlich nur noch zufrieden zusammenrollen und schlafen.

Doch ich unterdrückte diesen Wunsch und beobachtete stattdessen Link, der sich direkt neben mir ebenfalls in einem Sessel zurücklehnte, ebenfalls einen Becher Kakao getrunken und ebenfalls seine nassen Sachen gegen neue, trockene getauscht hatte.

Allerdings hatte er bereits die Augen geschlossen und atmete gleichmäßig.

Seine Gesichtszüge wirkten entspannt. Er war noch etwas blass von der hartnäckigen Unterkühlung, doch zumindest seine Lippen hatten wieder eine gesunde Farbe angenommen. Blonde Haarsträhnen, auf denen der Schein des Feuers golden tanzte, fielen ihm über die Stirn.
 
Er war wirklich hübsch…

Es war mir schon aufgefallen, als er die Tore der Farm das erste Mal in seiner siebzehnjährigen Gestalt durchquert hatte. Sein ganzes Auftreten verkörperte Kraft, verlor dabei jedoch nicht diesen Funken friedlichen Charmes, der ihn so liebenswert machte. „Liebenswert?“ Ich probierte das Wort auf meiner Zunge, sprach es laut aus, um den Klang zu testen.

Ja, er war tatsächlich liebenswert.

Ich hatte ihn seit über sieben Jahren nicht gesehen. Eigentlich war er praktisch ein Fremder für mich geworden, doch unsere Freundschaft schien es geschafft zu haben diese endlose Zeitspanne zu überdauern und sich erneut nahtlos zusammenzufügen. Vermutlich konnte man gar nicht anders als ihn sofort ins Herz zu schließen, wenn man einmal mit ihm geredet hatte, einmal diese Mischung aus Zurückhaltung, Feinfühligkeit und Loyalität an ihm erlebt hatte.

Er war wirklich liebenswert…

Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass dieser junge Mann, der so friedlich vor meinem Kamin lümmelte, der gleiche war, der wild entschlossen und fanatisch gegen albtraumhafte Bestien kämpfte. Wenn ich nicht bereits die brennende Entschlossenheit, die manchmal in seine Augen trat, an ihm gesehen hätte, hätte ich nicht geglaubt, dass er in anderen Situationen auch ein großer Krieger und Drachentöter sein konnte.

Mein Blick glitt von Links Gesicht abwärts und erspähte den Ansatz der langen Narbe, die Volvagia ihm mit seiner Klaue quer über die Brust gerissen hatte. Auch an seinem Handgelenk entdeckte ich eine Verletzung, die noch neu sein musste. Sie sah aus als hätte man ihn mit einer brennenden Peitsche angegriffen, denn es war ein schwarzer, verbrannter Striemen, der sich mehrmals um seinen Arm wickelte. Farblose Flüssigkeit überzog das Mal mit einem dünnen Film.

Link hatte mir während des ganzen Ritts nicht erzählt was ihm zugestoßen war, doch die Wunde bewies deutlich, dass es sich nicht nur um einen Unfall beim Baden handeln konnte. Warum nur wollte er ganz alleine den Helden spielen und sich ständig die Last anderer auf die eigene Schulter laden? Ich wusste, sein ganzes Handeln war gegen Ganondorf gerichtet.

Doch wieso nur kämpfte er allein? Ganondorfs Name genügte, um in vielen Bewohner Hyrules glühenden Hass zu entfachen. Auch ich spürte jedes Mal Wut in mir auflodern, so dass ich am liebsten einfach eine Mistgabel, ein Schwert oder einen Speer greifen und kämpfen wollte…

Während ich grübelte, lief ich zu unserem Arzneischrank, der seit Links letztem Besuch deutlich besser ausgestattet war, und nahm einen Verband und eine schmerzlindernde Heilsalbe heraus. Ich ging damit zurück zu Link, spielte kurz mit dem Gedanken ihn zu wecken, verwarf diese Idee jedoch schnell wieder. Er schlief so friedlich… Und irgendwie bezweifelte ich, dass er häufig friedlich schlafen konnte. „Liebenswert“, wiederholte ich leise.

Das Wort brachte ein Lächeln auf mein Gesicht. Ich öffnete die Dose mit der Heilsalbe und strich das Heilmittel vorsichtig über den schwarzen Schnitt. Bei näherer Betrachtung sah die Haut verätzt aus, wie von Säure oder Gift…

„Was tust du da?“, hörte ich Links Stimme fragen. Ich hielt kurz erschrocken inne, war jedoch zu stolz um mir meine Unsicherheit anmerken zu lassen und werkelte weiter an der Wunde herum.
 
„Ich verarzte dich. Da du dir ja scheinbar egal bist, muss ich mich eben um dich kümmern…“
Seine freie linke Hand berührte flüchtig meinen Arm und ich blickte fragend nach oben in sein Gesicht. Er lächelte schüchtern. „Danke“, sagte er leise.

„Kein Problem“, versicherte ich. Ich wandte mich schnell wieder der Verletzung zu, um meine geröteten Wangen zu verbergen, und legte einen festen Verband an. Er war wirklich liebenswert.  Ein einzelnes Wort von ihm genügte, um mich verlegen zu machen.

Nachdem Links Wunde zu meiner Zufriedenheit versorgt war, legte ich die Salbe beiseite und zog mir einen Stuhl heran, so dass ich mich neben Link an den Kamin setzen konnte. Eine Zeit lang starrten wir beide stumm in das prasselnde Feuer, das den Raum mit Wärme erfüllte. Schließlich wagte ich mich die Stille zu brechen.

„Und?“, fragte ich nur.

Er blickte weiter geradeaus und erwiderte ausdruckslos: „Und was?“

„Nicht schon wieder Link. Bitte weiche nicht wieder aus und tue so als wüsstest du nicht wovon ich rede, wenn ich zum zweiten Mal mit ansehen musste wie du um dein Leben kämpfst. Du springst in den Feuerberg der Goronen und ertränkst dich beinahe im Hylia-See. Warum? Was willst du damit erreichen? Wieso tust du das alles?“

Link verzog noch immer keine Miene, doch ich bemerkte, wie sich sein Körper anspannte. Besonders seine Kiefermuskeln verhärteten sich und traten deutlich hervor. „Es ist alles... um Ganondorf in die Knie zu zwingen...“

„Wie willst du das tun?“, erwiderte ich frustriert. „Er führt Heerscharen von Dämonen, Untoten und wilden Bestien an und ist das Oberhaupt der westlichen Wüstenkriegerinnen. Außerdem ist er König! Egal wie grausam und bösartig er auch herrschen mag, er hat das Gesetz unter seiner Kontrolle.“

Link warf mir einen scharfen Blick zu. „Er ist ein Tyrann! Und er hat den Thron mit Gewalt an sich gerissen. Ein solcher Mann darf nicht als König bezeichnet werden!“

„Dann organisiere eine Rebellion! Es gibt viele, die bereit wären gegen Ganondorf zu kämpfen, sobald sich die Möglichkeit dazu bietet. Wenn du genug Leute zusammenbringen kannst, wenn du ihnen zeigen kannst, dass es Widerstand im Land gibt, könntest du einen nationalen Putsch auf die Beine stellen. Jeder würde dir beistehen. Selbst ich...“, setzte ich hinzu, plötzlich begeistert von meiner eigenen Idee und voller Tatendrang, „Selbst ich würde zu dir stehen. Ich würde dir folgen, bis in die Schlacht.“

„Und genau darin“, sagte Link, während er wieder in die Flammen sah und sich seine Augen mit Trauer füllten, „liegt das Problem. Menschen würden mir folgen und sie würden dabei sterben. Doch das ist nicht ihre Aufgabe, nicht ihr Kampf. Es ist meiner allein.“

„Das ist-“

„Ich bin der Held der Zeit“, unterbrach er mich mit Nachdruck. „Als ich das heilige Schwert im Heiligen Reich zog, wurde es zu meinem Schicksal das Böse aus Hyrule zu vertreiben. Ich lebe für diese Aufgabe. Daher werde ich niemanden mit in meine Angelegenheiten hineinziehen, sondern das Gewicht der mir auferlegten Verantwortung alleine tragen.“

Bei seinen Worten strich Link gedankenverloren über die Scheide seiner Waffe. Auf seiner Hand entdeckte ich mehrere Narben und einen weiteren schwarzen Striemen, den ich bisher nicht bemerkt hatte. Auch an vielen anderen Stellen zeigten sich Spuren seiner Kämpfe und alter Verletzungen. Soviel musste er schon durchlebt haben, doch er wich trotzdem nicht von seinem Ziel ab und gab nicht auf für den Frieden zu kämpfen.

„Du bist... wirklich unglaublich...“

Wie konnte er all das nur durchstehen? Es war mir unbegreiflich, wie er die Last seiner Aufgabe tragen konnte, wie er seine Hoffnung aufrecht erhielt, wie er für Fremde so weit gehen konnte.
„Doch egal wie tapfer du auch bist, niemand sollte so ein Schicksal erleiden müssen... Es ist grausam...“ Ich musste Tränen des Mitleids zurückhalten, als sich Link wieder in meine Richtung wandte und mir aufmunternd zulächelte.

„Keine Sorge. Ich schaffe das schon.“

„Zweimal bist du bereits fast gestorben“, flüsterte ich mit zugeschnürter Kehle. „Soll das etwa so weitergehen?“

„Ich habe keine andere Wahl. Ich darf nicht aufhören, ehe Ganondorf bezwungen ist, sonst wird jeder in diesem Land leiden und alles Gute verloren gehen. Dafür muss ich die sakralen Tempel, die Ganondorf mit seiner Magie geschändet hat, vom Bösen befreien. Nur so kann ich die Weisen erwecken und ihre Macht in Form von Amuletten nutzen um ihn zu besiegen. Vier Amulette habe ich bereits. Noch zwei muss ich finden, bevor ich mich diesem Tyrann entgegenstellen kann. Ich bin dem Ziel so nahe. Ich darf nicht aufhören.“

Ich wusste, dass er mir diese Dinge erzählte, weil er mein Unbehagen über meine eigene Unwissenheit spürte, und war ihm dankbar dafür. Wieder wollten Tränen in meine Augen treten, diesmal so heftig, dass ich sie kaum zu unterdrücken vermochte.

„Eigentlich wollte ich dich nicht in diese Dinge einweihen und dich mit in sie hineinziehen. Als du mich nach meinem Kampf mit Volvagia gesehen hast, nahm ich mir sogar vor nicht mehr hierher zurückzukehren. Es tut mir Leid dir soviel Kummer zu bereiten.“

„Idiot“, murrte ich. „Gerade wenn du nicht zurückkehrst, machst du mir Kummer, weil ich glauben muss, dass dir irgendetwas passiert ist.“ Einem Impuls folgend stand ich auf, trat langsam vor Link und griff nach seiner Hand mit der frischen Verletzung. Ich hielt sie ihm vor das Gesicht. „Und besonders wenn du auf alle acht gibst, außer auf dich selbst, machst du mir Kummer.“

Er blickte reuig zu mir auf, während ich seine Hand vorsichtig losließ. Das Gefühl seiner Haut auf meiner blieb noch lange zurück, nachdem die Berührung beendet war. „Es tut mir-“

„Sag nicht, dass es dir Leid tut. Bitte“, unterbrach ich ihn schnell. Ich wollte diese Worte nicht von ihm hören. „Mir tut es leid. Du hast schon so viel für mich getan. Ich wünschte, ich könnte auch etwas für dich tun, dir irgendwie helfen...“

„Das tust du doch bereits“, antwortete er, als wäre er überrascht von meiner Aussage. Mit einer plötzlichen Bewegung zog er mich zu sich herab in eine sanfte Umarmung. Ich spürte seinen Atem an meinem Ohr kitzeln. Mein Herz schlug so schnell, dass es fast wehtat. „Du hilfst mir, indem du einfach da bist. Indem ich immer an diesen Ort des Friedens zurückkehren und zumindest für kurze Zeit meine Mission vergessen kann. Du siehst das vielleicht nicht so, aber mir bedeutet es unheimlich viel.“

Seine Hände drückten mich noch enger an sich. Er seufzte hörbar und hielt mich einfach fest, während ich die andauernde Umarmung genoss. Und so verharrten wir für lange Zeit, während das Feuer im Kamin langsam herunter brannte. Wir sagten dabei nichts, das war auch nicht nötig.
Auch ohne Worte waren wir uns in diesem Moment näher als jemals zuvor.

Nachdem mich Link wieder aus der Umarmung entließ und ich etwas perplex und mit wackeligen Beinen im Zimmer stand, entschied ich mich dafür seine restlichen Wunden zu versorgen. Zunächst wehrte sich Link dagegen, doch nach einem wütenden Blick in sein Gesicht ließ er die Behandlung wortlos über sich ergehen. Die schwarzen Striemen befanden sich noch an mehreren Stellen seines Körpers, besonders an seiner Brust und den Fußgelenken. Wenn ich sie probeweise berührte, spürte ich, wie sich Link darum bemühte nicht zusammenzuzucken.

Offensichtlich schienen die Verletzungen ihm große Schmerzen zu bereiten, doch er war zu stolz es sich anmerken zu lassen und hätte sie wohl gar nicht von selbst erwähnt, wenn ich nicht darauf bestanden hätte mich darum zu kümmern.

„Wie kommst du zu solchen Wunden?“, fragte ich, während ich den letzten schwarzen Striemen unter einem mit Heilsalbe bestrichenen Verband verschwinden ließ. Link nahm seine grüne Kappe vom Kopf, so dass die ganze Fülle seiner blonden Haare zum Vorschein kam, und betrachtete einen der frischen Verbände. „Monster hatten sich den Wassertempel unter dem See zur Heimat gemacht. Riesige Quallen zum Beispiel. Und Morpha, ein gewaltiger Wasserdämon, der für Ganondorf über den Tempel wachte.“

„Wie Schrecklich.“

Link antwortete nicht. Seine Augen blickten plötzlich ins Leere, und wie bei seinem letzten Besuch nach dem Kampf mit Volvagia schien er sich in den Erinnerungen der Schlacht zu verlieren. „Das Ding hat mich gepackt und herum geschleudert, als wäre ich nicht mehr als eine Ratte in den Fängen eines Raubtiers. Es hat mich gegen die Wände geschleudert, dass ich meine Knochen knacken hören konnte, und unter Wasser gedrückt bis ich glaubte zu ersticken. Nach dem Kampf muss ich ohnmächtig und aus dem Tempel zurück in den See gespült worden sein.“

Betroffen hörte ich zu, obwohl ich es kaum ertrug von seinem Leiden zu erfahren. Schließlich jedoch schien er aus seinem tranceartigen Zustand zurückzufinden. Er warf mir einen Blick zu, offensichtlich beschämt darüber soviel erzählt zu haben. „Aber genug davon“, sagte er mit einem kleinen Lächeln. Er stand von seinem Sessel auf, ging zu seiner magischen Tasche und wühlte darin herum.

„Ich weiß, das klingt in Anbetracht der ganzen Situation etwas komisch, aber ich habe vor einiger Zeit in Kakariko ein interessantes Spiel gekauft und konnte es noch nie ausprobieren.“

„Ein Spiel?“, fragte ich, überrascht vom Umschwung seiner Stimmung.

„Ja. Probierst du es mit mir aus?“ Freudestrahlend zog Link ein aus Holz gefertigtes Brett mit schwarzen und weißen Karoflächen aus seiner Tasche, sowie ein rotes Säckchen, das er öffnete und über dem Tisch ausschüttete. Verschiedene mit Hand geschnitzte und liebevoll bearbeitete Figuren in Weiß und Schwarz purzelten auf die Tischplatte.

„Der Verkäufer nannte es Schach!“

Sprachlos starrte ich auf die Spielfläche, die Figuren und Links breites Lächeln, das ich nicht mehr bei ihm gesehen hatte seit er für sieben Jahre verschwunden war. Es schien mir unbegreiflich, dass er inmitten seiner schrecklichen Mission die Zeit gefunden hatte ein einfaches Spiel zu kaufen. Doch dann beobachtete ich, wie er begeistert die Figuren aufstellte und anfing die Regeln zu erklären, und ich verstand.

Trotz all der Schrecken, denen sich Link bereits stellen musste, trotz all der Kämpfe und lebensgefährlichen Situationen, trotz all des Horrors um ihn herum, hatte er es irgendwie geschafft sich ein Stück seiner Kindheit zu bewahren…

Der Gedanke ließ mich lächeln.

Als ich am nächsten Tag erwachte, wusste ich einen Augenblick lang nicht was passiert war. Ich lag zwar in meinem Bett, trug aber noch meine Sachen vom Abend. Verwirrt, weil ich mich nicht daran erinnern konnte ins Bett gegangen zu sein, verließ ich mein Schlafzimmer und ging hinunter in die Stube. Das Schachbrett lag noch auf dem Tisch. Ein paar schwarze Bauern und ein hylianischer Reiter standen noch auf ihren Positionen, die anderen Figuren lagen am Rande des Feldes wie gefallene Krieger. Von der Kerze, die wir gegen die nächtliche Dunkelheit aufgestellt hatten, war nur noch ein wächserner Stummel übrig.

„Oh Link… Bist du wieder einfach gegangen…?“, murmelte ich traurig. Ich trat an den Tisch, nahm einen weißen Krieger in die Hand und betrachtete sein kleines, entschlossenes Gesicht und das in die Höhe gerissene Holzschwert. „Link…“

„Ja?“, hörte ich es neben meinem Ohr. Vor Schreck ließ ich den Krieger klappernd auf den Boden fallen und sprang in die Höhe. Link stand neben mir! „Tut mir Leid, ich wollte dich nicht erschrecken“, sagte er mit einem gutmütigen Lächeln. „Du bist gestern Nacht am Tisch eingeschlafen. Wegen mir und diesem Spiel warst du die halbe Nacht wach, deswegen dachte ich, dass ich wenigstens schon mal Frühstück machen kann und dich schlafen lasse.“

Erst jetzt schien der Duft von gebratenen Eiern und frischem Brot zu mir herüberzuwehen. Mein Magen zog sich vor Appetit zusammen. „Riecht fantastisch!“

„Wird auch so schmecken.“ Link räumte schnell das Schachspiel beiseite, deckte den Tisch und stellte das Frühstück dazu. Ich nahm mir sofort ein Spiegelei mit Schinken, legte es auf eine Scheibe Weißbrot und aß in friedlichem Schweigen. Nachdem wir mit dem Frühstück fertig waren, räumte ich ab.

„Was wirst du nun tun?“, fragte ich anschließend.

„Damit weitermachen, womit ich aufgehört habe. Zwei Tempel sind noch in Ganondorfs Hand.“ Links Stimme wurde sofort härter und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Er war nicht mehr der Link, mit dem ich die halbe Nacht gespielt, geredet und gelacht hatte. Er war wieder Link der Krieger und Held der Zeit. Mit sicheren Griffen legte er Schwert und Schild und Bogen und Köcher und Tasche an. Dann erst sah er mich an, und es war sein schmales, trauriges Lächeln, das mir begegnete. „Ich komme zurück“, sagte er.

„Ich werde auf dich warten…“ Mein Herz wurde schwer, als mir klar wurde, dass er sich nun wieder in Gefahren und Kämpfe stürzen würde und dass ich nichts für ihn tun konnte. „Also solltest du dich lieber auch daran halten…“

Lange sah Link mich daraufhin mit seinen blauen Augen an, als suchte er etwas in meinem Gesicht. Ich weiß nicht ob er es fand oder nicht, aber seine Hand legte sich vorsichtig auf meine Wange und streichelte sie. Ich genoss das Gefühl, wünschte, dass es nicht aufhörte. Doch nach kurzer Zeit nahm Link sie zurück.

„Ich verspreche es“, flüsterte er nur, bevor er sich umdrehte und aus der Tür verschwand…   


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